Militärische Traditionen

Symbole und Zeremonielle in deutschen Streitkräften

Oberst a. D. Hans-Wendel von Rabenau

Vollständige Entmilitarisierung, juristische Bestrafung von Offizieren, politische Verfemung ganzer Waffengattungen und Verdammung aller soldatischen Traditionen nach 1945 machten es der dann ein Jahrzehnt später aufgestellten und teilweise von der Umerziehung stark beeinflußten jungen Bundeswehr schwer, ihr Selbstverständnis zu entwickeln und die notwendigen Formen zu finden. Die wirklichkeitsfremde »innere Führung« versuchte zunächst krampfhaft, sich von den früheren Traditionen deutschen Militärwesens möglichst deutlich abzuheben. Wie wichtig jedoch soldatische Formen und Bräuche sind, geht aus dem Werk »Symbole und Zeremonielle in deutschen Streitkräften vom 18. bis zum 20. Jahrhundert« von Hans-Peter Stein und Hans-Martin Ottmer[1] hervor, das im folgenden von einem Fachmann kritisch gewürdigt wird.


Mit dem genannten Buch eröffnete das Militärgeschichtliche Forschungsamt eine neue Reihe, die dem Thema »Entwicklung deutscher militärischer Tradition« gewidmet ist. Der vorliegende dritte Band will vermutlich mit den formellen Sachfragen das Verständnis für die Traditionsthematik vorbereiten und der Truppe das längst fällige Informationsmittel über die Herkunft und Bedeutung ihrer Symbole und Zeremonielle an die Hand geben. Was früher aus ungebrochener Tradition ein selbstverständliches Armeebedürfnis gewesen ist, ist nach dem Zweiten Weltkrieg künstlich in Frage gestellt worden, weil man es zu gesellschaftsfremden Äußerungsformen militaristischer Haltung erklärte, wohingegen man die dem militärischen Leben entlehnten Formen im Volksbrauchtum, im Vereinsleben und zivilen Organisationsbetrieb selbstverständlich in Gebrauch behielt. So wurde die Traditionsfrage der Streitkräfte Jahrzehnte lang als ein Politikum diskutiert und nicht als ein berufsspezifisches Instrumentarium der Menschenführung zur geistig-seelischen Erziehung des Soldaten. Heute gilt es, Defizite in der geistigen Haltung der Soldaten abzubauen, denn Symbole und Zeremonielle sind Träger eines Kulturerbes eines Volkes, aus dem man das militärische Kulturerbe schon deshalb nicht ausklammern kann, weil es seine Wurzeln zum Teil in allgemeinen Volksbräuchen hat, zum Teil diese auch geschaffen hat.

Der einleitende Abschnitt des Buches[2] beginnt mit einer Begriffserklärung. Wir erfahren hier, daß »Symbol« aus dem Altgriechischen (symbolon, symbolein) kommt und »Sinnbild«, »Zeichen« bedeutet. Es wurde als eine Vielheit von Einzelheiten verstanden, die mit einer gemeinsamen Bedeutung verbunden wurde. Die Anwendung von Symbolen reicht von der Antike bis heute. Erkennungszeichen stehen für Sinninhalte auf allen Gebieten des Lebens: in der Geisteswelt (Religion, Mythologie, Wissenschaft, Technik, Literatur, Kunst, Musik), in der Politik (Herrschafts-, National-, Partei-, Gesinnungs- und Erkennungszeichen), in der Wirtschaft (Firmen-, Werbe- und Handelszeichen), im Verkehr, in der Sprache und so weiter. Aus Ursymbolen (Steinzeichen) wurden zusammengesetzte Zeichen schon in vorchristlicher Zeit (das Kreuz als Symbol gab es schon vor dem Christentum). Alle Kulturen haben ihre Sinnbilder entwickelt, oft ähnlich oder gleich. Der Symbolcharakter vermittelt ein bestimmtes Wertverständnis. Aus den Formen sozialen Handelns (Max Weber) sind für feierliche Anlässe ganze Zeremonien, Rituale und würdevolle Handlungen entwickelt worden. In den Religionsgemeinschaften, im Staatsleben, in allen politischen und sozialen Gemeinschaften haben sie einen festen Platz bis hin zu Volksbräuchen mit Symbolcharakter. Sie sind Traditionen, die den Kulturreichtum eines Volkes zeigen. Daß die Armee zu allen Zeiten einer der ausdruckskräftigsten Träger völkischer Kulturwerte gewesen ist, muß gerade in heutiger Zeit besonders betont werden, weil die erzieherischen Werte der Symbolik und zeremoniellen Formenstrenge gerade im truppenspezifischen Bereich bewußter dem allgemeinen Kulturabbau entgegenwirken können. Hier hätte die allgemeine Betrachtung als Einführung für den Soldaten mehr aussagen müssen, zumal eine Kürzung der weit ausholenden Gedankenführung durchaus nützlich gewesen wäre.

Militärische Symbole, Formen und Zeremonielle[3] sind Gebrauch und Anwendung von Fahnen, Feldzeichen, Hoheitszeichen, Orden, Hymnen und Gedenkstätten, von Fahneneid und Uniformen. In ihnen kommt die Bindung der Streitkräfte an das Staatsoberhaupt und die Verfassung zum Ausdruck, was nicht ohne Einfluß auf die Benennung der bewaffneten Macht im Staate bleibt.

Ehrenbezeigung und Uniform

Zu den Zeremoniellen gehören vor allem Ehrenbezeigung, Fahnenzeremoniell, Parade, Bord- und militärisches Staatszeremoniell, Militärmusik und Trauerzeremoniell. Sie gewinnen an Bedeutung zur Festigung des militärischen Gruppenbewußtseins, der militärischen Hierarchie, aber auch zur Darstellung der Selbstachtung eines Volkes. Der protokollarische Aufwand ist nur ein Teil hiervon. Ja es scheint so, »Uniform, Gleichschritt und Marschmusik machen Zusammengehörigkeit sichtbar, fühlbar und hörbar, fügen den Soldaten in eine hierarchisch gegliederte Gruppe ein und helfen, ihn bereitzumachen zum Einsatz für die Gemeinschaft«[4]. Man sollte aber doch wissen, daß die Uniformierung mit dem Entstehen »stehender Heere« ein taktisches Erfordernis der »Ordre de Bataille« gewesen ist und der Unterscheidung der Verbände und Waffengattungen auf dem Gefechtsfeld diente, Gleichschritt und Marschmusik bedingten sich gegenseitig und befähigten die Truppe zu größeren Marschleistungen in kürzerer Zeit unter geringerem Kräfteverschleiß.

Die enge Verzahnung ziviler und militärischer Formen läßt sich eindrucksvoll am Beispiel des Grußes, militärisch »Ehrenbezeigung«, nachvollziehen, weil die früheste Kopfbedeckung des Soldaten der Hut gewesen ist. Erst im 18. Jahrhundert kommen die »Mützen« auf. Der Verfasser verweist die Erklärung der Ehrenbezeigung des Soldaten (militärischer Gruß) aus dem Aufklappen des Visiers der Ritterrüstung zu Recht in das Reich der Legenden, gibt selbst aber keine eigene[5]. Vollzieht man die Entwicklung der militärischen Kopfbedeckung bis zum Helm nach, so wird deutlich, daß das »Hutziehen« unmöglich wurde, als die Mützen so groß und schwer wurden, daß sie nicht mehr ohne Kinnriemen getragen werden konnten. Das Heranführen der Hand an die Kopfbedeckung wurde zur nur noch andeutenden Ersatzhandlung. Die Frage, ob mit der linken oder rechten Hand gegrüßt wurde, hing dagegen allein von der Waffe des Soldaten ab (rechts oder links getragen) und davon, ob er beritten war.

Die Uniformierung zeigt eine deutliche Abhängigkeit vom zivilen Modeschnitt der Zeit. Hier zeigen sich interessante Einzelheiten vom Warns zum Uniformrock, von den Litzen zu Farbbesätzen und Kragenspiegeln, vom Schulterschutz der Rüstung zu den Epauletten, Schulterstücken und Schulterklappen. Uniformröcke und -hosen entsprachen der zivilen Kleidung. Eine besondere Spielart hierzu stellte die Uniformgleichheit des Königs mit seinen Soldaten im 18. Jahrhundert dar, die seine Eigenschaft als oberster Soldat unter seinen Soldaten signalisierte und erzieherische Gründe hatte. Allerdings wird diese ursprüngliche Bedeutung denn doch überbewertet, wenn nur noch die enge Personalbindung und Gehorsamsbeziehung des Soldaten darin gesehen wird, welche die bewaffnete Macht im Staate teil- und zeitweise außerhalb der Verfassung unter eine höhere Gesetzlichkeit gestellt habe[6]. Gerade dies ergab sich nicht aus dem Dienstverhältnis, des Königs Soldat zu sein, sondern aus dem Oberbefehl in der Person des Königs und der königlichen Verfassung selbst, die den Oberbefehl rechtlich weder definierte noch regelte. Aber es war auch eine psychologische Auswirkung davon, daß der Soldat der einzige Berufsstand war, der mit seinem Dienst die nationale Aufgabe der Sicherheit für alle erfüllte, die im Zeitalter des Imperialismus und Nationalismus den höchsten nationalen Wert darstellte.

Fahnen und Ehrenmale als nationale Traditionen

In der Darstellung unserer historischen Nationalsymbole verfolgen wir die Entstehung und Entwicklung der deutschen Landesfarben und der Truppenfahnen in den Territorien und im Reich. In Verbindung mit ihrer Verwendung in Kriegsflaggen, in Kommandoflaggen, Standern und Wimpeln entnehmen wir dem militärischen Fahnenwesen die hohe Bedeutung, die das Fahnensymbol für die Erziehung des Soldaten hatte, als Richtungs- und Verbandszeichen mit taktischer Funktion, als Herrschafts- und Machtsymbol, als Ruhmes- und Ehrenzeichen und verbindendes Element der Truppe. Vom Feldzeichen der Antike zum staatlichen Hoheitszeichen, vom schlichten Erkennungszeichen bis zum Ehrenzeichen und Ordenswesen, in der Form und Aussage der Nationalhymnen spiegelt sich Geschichte im weiten Bogen traditionsbezogener Symbole wieder.

Werden in diese Zusammenhänge die nationalen Ehrenmale des deutschen Volkes als »Militärische Gedenkstätten« gestellt[7], so sollte dadurch nicht der Eindruck vermittelt werden, als ginge die Pflege ihrer Traditionswerte nur den Soldaten etwas an. Aber wenn er sie in besonderem Maße als mahnende Verpflichtung versteht, so deshalb, weil sie Erinnerungsstätten sind, die für nationale Ereignisse und Leistungen stehen, die vom Soldaten für das Volk erfochten worden sind. Sie sind Mahnmale für Pflichterfüllung in schwerster Zeit, deren Traditionswert nicht vom historisch unwiederholbaren Geschehen, sondern von der ideellen Aussagekraft bestimmt ist. Die Reihenfolge stellt allerdings eine unchronologische Auswahl dar. Die Aufzählung beginnt mit dem Tannenberg-Denkmal, dem das Brandenburger Tor folgt, und führt mit der Neuen Wache unter den Linden, den Ehrenmalen in der Bendlerstraße, in Bonn, Laboe, Mürwik, Fürstenfeldbruck und Koblenz zum Völkerschlachtdenkmal und Kyffhäuser-Ehrenmal. Ihre Einbeziehung in den Rahmen militärischer Traditionen hilft, sie der Vergessenheit in einem dreigeteilten Deutschland zu entreißen. Ihre historische Kunde, aber auch ihre Mahnungen und Schicksale sind dem Soldaten von heute mehr denn je verpflichtendes Erbe.

Der Fahneneid

Bei dem hohen Informationswert des Buches muß es geradezu enttäuschen, daß das Kapitel über den Fahneneid in »Entwicklung der Eidesformeln«[8] in der Erläuterung der zitierten Eide eine Fehlinterpretation darstellt. Es ist nicht erkannt worden, daß es sich bei diesem Stoff um eidesrechtliche, mithin um rechtshistorische Zusammenhänge handelt, die nur in einer rechtlichen Würdigung zutreffend beurteilt werden können[9]. Die Kette der Fehlschlüsse, die sich zwangsläufig schon aus dem irreführenden Ansatz der Betrachtung ableiten, kann an dieser Stelle unmöglich berichtigt werden, weshalb es bei wenigen Beispielen bleiben muß.

Rechtsvorstellung entsprechende Schwur »mit Mund und Hand« ist die Erklärung für den Begriff »leiblicher Eid«, sondern der in eigener Person geleistete Eid (leiblich = persönlich, körperlich). Bei dem lehnsrechtlichen Waffeneid war nämlich die Eidesleistung in Stellvertretung zugelassen gewesen.

Die gesetzliche Untertanenpflicht ist die Rechtsgrundlage aller absolutistischen und späteren monarchischen Fahneneide gewesen, also ab 1713 schon. Nur ist sie ab 1794 im Preußischen Allgemeinen Landrecht verankert, so daß alle Rechtsfolgen dieses neuen Gesetzeswerkes schon 1797 zur grundsätzlichen Neufassung von Kriegsartikeln und Eid zwangen. In ihm wird der preußische König (Friedrich Wilhelm 11.) bereits namentlich benannt.

Das Preußische Allgemeine Landrecht hatte erhebliche Auswirkungen auf die Abfassung von Kriegsartikeln und Eid, weil es vom Rechtsstaatsgedanken beherrscht wird. Zudem konnten sich die Artikel mit Eid auf dieses Gesetz beziehen, so daß Treue, Gehorsam, Grenzen des Gehorsams nur noch verkürzt geregelt zu werden brauchten. Deshalb entfiel 1808 die Gehorsamsforderung im Eid ganz, weil begrifflich in der Treue enthalten und im Preußischen Allgemeinen Landrecht geregelt, wurde aber 1831 in Abgrenzung zu der in Aussicht gestellten Verfassung wieder eingefügt.

Das Problem der Einführung des Verfassungseides der Armee ist im 19. Jahrhundert weniger eine politische als vielmehr eine verfassungsrechtliche Frage. Eid auf den König und die Verfassung schloß sich gegenseitig aus, weil der König die selbstgesetzte Verfassung auch in der konstitutionellen Form verkörperte. Man kann nicht beide Institutionen, König und Verfassung, gegeneinander ausspielen.

Die Einfügung der Pflicht zu »unbedingtem Gehorsam« in die Reichsverfassung von 1871 hatte ausschließlich verfassungsrechtliche Gründe (Vorrang des Reiches vor den Ländern). Die Reichsverfassung von 1919 kannte dagegen kein Kontingentsheer, sondern den Grundsatz des Einheitsheeres (Art. 79).

Die Eidesformel von 1933 ist keine »Anpassung an die Ideologie«, sondern bewußt als »CJbergangseid« aus verfassungsrechtlichen Gründen formuliert. Ebenso ist der Begriff »unbedingter Gehorsam« 1934 in den Fahneneid eingefügt worden, weil verfassungsrechtliche Gründe dazu zwangen, die Gehorsamspflicht ähnlich wie 1871 von der Verfassungsrechtslage unabhängig zu machen. Aus gleichem Grunde wurde auf die Beeidung einer Treuepflicht des Soldaten mit weitestreichenden Konsequenzen verzichtet.

Disziplin und Parade

Im Abschnitt über das militärische Zeremoniell stellt der Verf.[10] die militärspezifischen Formen unter dem Gesichtspunkt des Mittels soldatischer Erziehung vor. Der zeremoniellen Einfügung des einzelnen in den Truppenrahmen gesteht er für das Ganze im Grundsatz die Rolle der »Demonstration von Schlagkraft nach außen und Stabilisierung nach innen« zu[11], obwohl auch diese Begriffe zu undeutlich sind. War im 18. Jahrhundert aus taktischen Gründen Friedensausbildung unmittelbar anwendbare Kriegsausbildung, dienten Subordination und Exerzierdrill der Gefechtsdisziplin durch Selbstbeherrschung, nämlich der Waffenfunktion in der Feuerlinie, war also die Disziplinierung hier nur Mittel zum Zweck, so verschoben die Veränderungen in Taktik und Technik im 19. Jahrhundert den Akzent des Erziehungszieles aber doch nur scheinbar von der Gefechtsdisziplin auf die Disziplinierung, um Subordination zu erreichen. Die absolut perfekte Wirkung der Feuerlinie war nicht mehr das Ziel, sondern die aufgelockerte Gefechtsform, die das Gelände ausnutzte. Die Nutzanwendung der Selbstdisziplin verlagerte sich damit auf den selbständig handelnden Soldaten im Gefecht der verbundenen Waffen, auf die Auftragserfüllung im Rahmen der Gefechtsaufgabe und damit auf das Zusammenwirken zur Gemeinschaftsleistung der Truppe. Selbstdisziplin und Subordination dienten nun der Einsatzfähigkeit des Soldaten im Rahmen des Ganzen, Gefechtserfolg verlangte die Gemeinschaftsleistung. Die Subordination gegenüber Staat und Herrscher war wieder nur die Nebenwirkung wie zuvor. So schon die Forderung Scharnhorsts und der preußisehen Reformer. Die Gemeinschaftsleistung ist nur durch absolute Selbstdisziplin und Unterordnung unter den Gemeinschaftswillen von Führung und Truppe zu erzielen. Beides kann nur durch Erziehung erworben werden. Die Form ist deshalb immer auch ein soldatisches Mittel der Erziehung zur Unterstützung der geistigen Erziehung. Als »Betriebsregel« ist sie unersetzbar, damit Heere einheitlich führbar werden. Formenstrenge ist die wichtigste Ersatzanforderung für den Einsatzfall, der Höchstmaße an physischen und psychischen Kräften abverlangt. Eine Polemik über »Drill« hilft hier nicht weiter, die Normen der Menschlichkeit verhindern »Wildwuchs« und Exzesse. Aber Höchstleistungen und Gemeinschaftsleistungen sind immer nur durch Verzicht an subjektivem Freiheitsempfinden zu erringen. Scharnhorsts »vernünftiger« Gehorsam macht in der Subordination innerlich frei.

Gebrochen ist unser heutiges Verhältnis zur militärischen Parade, von der die Bundeswehr nur noch die »Feldparade« anwendet[12]. Neben dem Thema des Formaldienstes ist es das am meisten polemisch behandelte Thema. Es ist erstaunlich, welche Argumente für den Verzicht auf das militärische Paradezeremoniell bemüht worden sind und denen sich das Buch weitgehend anschließt. Technische, organisatorische und Verkehrsprobleme werden ebenso wie Kostenfragen und Ausbildungsvorrangigkeiten angeführt, obwohl kein anderer Staat bekannt ist, der nicht an Staatsparaden festhält und ihre Probleme löst. So liegen die Gründe auch mehr im Mißverständnis, das die Parade zum veralteten Überbleibsel eines Personenkultes abstempelt. Man übersieht aber bewußt, daß eine stets besichtigungsfähige Materialpflege mit hohem Ausbildungsstand untrennbare Voraussetzungen der dauernden Einsatzbereitschaft ist. Wichtiger werden die politischen Gründe gewertet. Paraden seien politische Machtdemonstrationen und könnten als Herausforderung und Bedrohung mißverstanden werden. Eigenartig ist dann nur, daß alle besonders paradefreudigen Staaten stets das Gegenteil für sich in Anspruch nehmen. Paraden vermitteln das Bild der Geschlossenheit und Entschlossenheit, des Ausbildungsstandes und der Schlagkraft, der Einheit des Willens von Führung und Truppe und beweisen Selbstbeherrschung von Soldat und Truppe. Sie drücken symbolisch das Vertrauensband von Befehl und Gehorsam zu geballter Kraftentfaltung aus, die menschliche und materielle Leistung und Wirkung zur Einheit verschmelzen lassen. Diese Selbstdarstellung gilt der Sicherheit des Volkes, sie bezeugt Verbundenheit und Geborgenheit. Ihre vertrauensbildende Wirkung ist unersetzbar. Und wenn der Verfasser meint, der symbolische Wert von Ehrenposten, repräsentativen Wachen und militärischen Eskorten würden heute keine Zustimmung mehr finden[13], so hängt dies allein vom richtigen Maß der Anwendung ab, denn das Volk, das damit angesprochen wird, denkt heute nicht anders als früher und hier nicht anders als in der DDR oder in irgendeinem anderen Staat. Ein Vergleich mit dem ganzen Ausland zeigt, wie wenig man von einem zeitgemäßen Trend eines veränderten Verständnisses von Repräsentation des Staates in der Öffentlichkeit sprechen kann. Ein Volk darf sich einen Kulturabbau nicht bis zur Würdelosigkeit seiner staatlichen Existenz von politisierenden Minderheiten aufzwingen lassen.

Militärische Symbole und Demokratie

In einer Schlußbetrachtung zieht der Verfasser sein Resümee. Er versucht, eine Standortbestimmung der Demokratie gegenüber feierlichen Formen, Ritualen und Symbolen zu finden, und meint, sie würden als Mittel zur Massenbeeinflussung gefühlsmäßig abgelehnt, weil man ihnen suggestive Kraft zugestehen müsse. Die Gefahr der Manipulation werde höher eingeschätzt als ihre traditionellen Werte. Diese rein politische Sicht wirft denn auch die Frage auf, ob die Vernunft allein genüge, um den Soldaten im Einsatz auf Leben und Tod zum notwendigen Wagemut zu befähigen. Der Verfasser meldet hier Zweifel an, weil die Ratio zu viel unausgefüllte Gefühlsräume lasse, in denen sich die Gefahren für den Staat und die Gesellschaft ansiedeln, denn, »wer hier lediglich - sein eigenes Überleben im Blick - kalkuliert, kämpft nicht«[14]. Motivation zu Einsatz- und Kampfbereitschaft ist ja doch ohne die Wirkung auf Massen durch überzeugendes Ansprechen der Emotionen, für die die ideellen Inhalte der Symbole, Formen und Rituale die entscheidenden Faktoren sind, undenkbar. So bekennt sich der Verfasser doch zu den traditionalen Werten, die dem Soldaten das geistig-seelische Rüstzeug für seine sicherheitspolitische Aufgabe vermitteln. Aber vergessen wir darüber auch nicht: Jede Kultur ist nur das wert, was sie in Symbolen ausdrückt.

Man darf sagen, das Buch ist trotz der angedeuteten Schwächen über die rein fachliche Bedeutung hinaus ein gutes Informationsmittel für alle Fragen militärischer Formaltraditionen. Sein Wert wird durch eine ausgezeichnete Bildauswahl verdeutlicht. Es weist den Weg zu eigener Urteilsfähigkeit und zur Versachlichung der Traditionsdiskussion. Die militärische Symbolik wird in ihrem traditionalen Sinngehalt verständlich gemacht und in Theorie und Praxis aufgearbeitet. Der Nutzungswert dieser ersten umfassenden Veröffentlichung dieser Art kann nicht hoch genug veranschlagt werden.

Anmerkungen

  1. Stein, Hans-Peter und Ottmer, Hans-Martin: Symbole und Zeremonielle in deutschen Streitkräften vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Verlag ' E. S. Mittler u. Sohn, Herford/Bonn 1984; 320 Seiten, 95 Abbildungen u. 176 textbegleitende Illustrationen, DM 49,80.
  2. Näheres mit vielen wissenswerten Details, in einem militärischen Fachbuch aber zu ausführlich und ohne jeden militärischen Bezug von Hans-Martin Ottmer im ersten Abschnitt als »Allgemeine Cberlegungen über Symbole, Formen, feierliche Formen und Zeremonielle« behandelt, a.a.0. S. 9-26.
  3. Im zweiten und dritten Abschnitt von Hans-Peter Stein bearbeitet.
  4. Ebenda S. 28.
  5. Ebenda S. 193.
  6. Ebenda S. 123.
  7. Ebenda S. 69 ff.
  8. Ebenda S. 86ff.
  9. Vgl. hierzu meine demnächst erscheinende Arbeit »Eid und Gehorsam des Soldaten in sechs Jahrhunderten deutscher Militärgeschichte« mit vielen bisher unbekannten Details über die Eidverhältnisse des Soldaten und ihre Inhalte.
  10. Stein, Hans-Peter, a. a. O.
  11. Ebenda S. 129.
  12. Ebenda S. 220 f.
  13. Ebenda S. 254f.
  14. Ebenda S. 303.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 33(4) (1985), S. 27-31

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