Tabuisierte Fakten im tschechisch-deutschen Dialog

Prof. Dr. Gerard Radnitzky 


1. Wie kam das Territorium der CSR zustande

Am 2. 9. 1918 anerkannten die Siegermächte den selbsternannten tschechoslowakischen Nationalrat als De-facto-Regierung. Am 28. 10. 1918 verkündete der Nationalrat den Bruch mit Habsburg, und am 22. 11. 1918 erließ die Republik Deutsch-österreich ein Gesetz, das die geschlossenen Siedlungsgebiete der Deutschösterreicher (Deutschsüdmähren, Deutschsüdböhmen usf.) als zum Staatsgebiet gehörig erklärte. Aber am 3. 12. 1918 besetzten die Truppen des Nationalrats diese Gebiete. Der Nationalrat verfügte über die tschechischen ›Legionäre‹, desertierte Truppen der österreichischen Armee, die sich in Rußland 1917 selbständig gemacht hatten. Die österreichische Republik war militärisch machtlos. (Das Buch des bekannten Völkerrechtlers Felix Ermacora, Der unbewältigte Friede. St. Germain und die Folgen, Wien-München 1989, gibt eine präzise Darstellung.) Am 10.9.1919 wurde die gewaltsame Annexion der deutschsprachigen Gebiete durch die CSR im Friedensvertrag von St. Germain nachträglich legitimiert - die ›normative Kraft‹ des Faktischen. Auf französischen Druck kamen zwei Vielvölkerstaaten zustande: die CSR und Jugoslawien. Die amerikanischen Delegierten zur Friedenskonferenz wußten kaum, wo die CSR lag (wie mir der Sohn eines derselben erzählte). Die feierlichen Deklarationen zum Selbstbestimmungsrecht der Völker erwiesen sich als deklamatorisch. Die CSR war nun ein international anerkannter Nationalstaat. De facto war sie ein Nationalitätenstaat wie die Habsburger Monarchie, nur weniger groß und viel weniger tolerant. Sie bot zwar wesentlich mehr an wirtschaftlichen Freiheiten als z.B. die BRD heute, aber sie unterdrückte ihre Minderheiten: Deutsche, Ungarn, Slowaken usf.
Die zunehmende Unterdrückungs- und Slawisierungspolitik antagonisierte die deutschsprachige Bevölkerung. Diese hatte sich in vielen Generationen als Deutschösterreicher gefühlt. Die jüngere Generation vergaß aber zunehmend den österreichischen Hintergrund und begann, sich an Deutschland zu orientieren - an einem Deutschland, von dem man sehr wenig wußte und von dem man sich falsche Vorstellungen machte. So erstand die Sudetendeutsche Partei, die zuerst Minderheitenschutz und, als dies nichts fruchtete, eine Korrektur von St. Germain forderte.

2. Die CSR war am Münchener Abkommen beteiligt

Benesch wußte, das Chamberlain von seiner Forderung nach einer Volksabstimmung in den deutschsprachigen Randgebieten nicht abzubringen war. Er schickte seinen Minister Necas nach Paris mit dem Auftrag, um jeden Preis eine Volksabstimmung in den betroffenen Regionen zu vermeiden und ihre Abtretung ›Hitler sozusagen aufzuzwingen‹. Völkerrechtlich ist der Vorgang irrelevant, weil nicht Gegenstand der offiziellen Verträge, aber historisch ist er wichtig und wohldokumentiert (im Original bei den ›Papiers Daladier‹ in Paris) - und tabuisiert. Hitler tappte in die Falle. Hätte er das Angebot abgelehnt und auf Chamberlains Forderung bestanden, wäre ›München‹ in die Geschichte eingegangen als Korrektur von St. Germain. Erst 1939, durch den Überfall auf die zweite tschechoslowakische Republik, benahm sich Hitler verbrecherisch gegenüber der CSR.

3. Die Vertreibung der Sudetendeutschen war lange vor 1945 geplant

Für Benesch war eine Vertreibung der deutschsprechenden Minorität von Anfang an ein Desideratum. Aber sie war undurchführbar. Nach 1939 konnte Benesch für seinen Herzenswunsch Sympathisanten gewinnen. Sir Robert Vansittart plädierte bereits im Januar 1940 für die Umsiedlung der Sudetendeutschen ins ›Altreich‹. 1943 erlaubte es die historische Situation Benesch, die Realisierung seines Vorhabens einzuleiten (wobei nur Churchill zuerst Widerspruch einlegte). Im Sommer 1945 konnte er die Vertreibung rasch durchfuhren: Etwa 3,5 Millionen deutschsprechende ehemalige Bürger der Wenzelskrone wurden entrechtet, enteignet und ausgewiesen. Dabei wurden nach offizieller Statistik über 272 000 Personen ermordet. Juden, die 1938 ins Ausland geflüchtet waren, und überlebende aus deutschen KZs - wenn (arbiträr) als deutschsprechend eingestuft - wurden ebenso enteignet und ausgewiesen wie die anderen. Das beweist, daß es nicht um eine ›Aufrechnung‹ nationalsozialistischer Vergangenheit ging. Der ›Sudetendeutsche Holocaust‹ ging schnell über die Bühne der Geschichte, und auch dieser Vorgang wurde mit Tabu belegt.

4. Der Sudetendeutsche Holocaust wurde als Racheakt erklärt und entschuldigt

Dazu bemühte man den naiven und barbarischen Begriff der ›Kollektivschuld‹ (analog dem von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei während des Krieges eingefÜhrten Begriff ›Sippenhaft‹). De facto hatten die Sudetendeutschen während der sechs Jahre Protektorat Böhmen und Mähren praktisch nichts zu sagen; sie wurden von der NSDAP wie eine Art Kolonialvolk behandelt. Die wichtigsten Posten bekamen Leute aus dem ›Altreich‹. Die Bevölkerung konnte nur während eines Jahres die Früchte der ersten ›Befreiung‹ in Friedenszeiten erfahren. Durch Währungsumstellung wurden ihre Geldvermögen zum Großteil vernichtet. Sie erlebten die Umstellung von der liberalen CSR zum überregulierten paternalistischen System, dem Erbe des preußischen Sozialstaates, das die Nationalsozialisten zum totalitären Extrem führten. Die Bewohner der 1938 angeschlossenen Gebiete hatten das Glück, das sie tätliche Übergriffe auf ihre jüdischen Mitbürger zumindest nicht mitansehen mußten. Diese Mitbürger waren fast durchwegs vor dem Einmarsch der deutschen Truppen emigriert oder hatten vom Optionsrecht für die zweite Republik Gebrauch gemacht. Selbstverständlich gab es wie immer und überall Verbrecher und Retter (›Schindlers Liste‹!), Mitläufer, ›dissident assent‹ und Regimegegner. Die große Mehrheit der kleinen Leute hat sich nichts zuschulden kommen lassen außer, daß ihre Muttersprache deutsch war.

5. Offziöse Stellungnahmen durch ›Spitzenpolitiker‹

Ihr Gespür für ›political correctness‹ kann kaum überschätzt werden. Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt bezeichnete den Sudetendeutschen Holocaust als »Bevölkerungstransfer«. Den Nadir des Zynismus erreichte Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 mit der Charakterisierung »erzwungene Wanderschaft«. Präsident Havel hat für seine Bezeichnung »Unrecht« viel Kritik einstecken müssen. Unter dem Druck der Medien flüchtete er 1995 in den Hafen der ›Political Correctness‹. Auch in bezug auf Respekt für Eigentumsrechte können tschechische Politiker ihren deutschen Kollegen mit einem tu quoque begegnen - man denke an das amtliche Rechtsbewußtsein gegenüber Enteignungen in der SBZ/DDR und die Hetze der Medien gegen ›Alteigentümer‹. Das Bundesverfassungsgerichts-Urteil vom 23. 4. 1991, das die Nichtrückgabe des durch die Behörden der Ostzone 1945-1949 rechtsstaats- und völkerrechtswidrig konfiszierten Eigentums (von Immobilien bis zu persönlicher Habe) als nicht verfassungswidrig befunden hat, ist eine politische Entscheidung und damit eine Kompetenzüberschreitung des Gerichts. Auch hier können die Tschechen den deutschen Kritikern des Urteils des Verfassungsgerichts in Brünn von 1995 bezüglich des Benesch-Dekrets 108 mit einem tu quo-tue-Argument begegnen.

6. Fazit - realistische Situationsanalyse

Ein Rückkehrrecht für vertriebene Sudetendeutsche ist gewiß eine rechtmäßige Forderung, aber praktisch gegenstandlos. Wer wollte schon in die meist irreversibel zerstörten Dörfer (in denen es nicht einmal die alten Grenzsteine gibt), in die verwahrlosten Städte zurückkehren? Es hätte allenfalls Symbolcharakter. Eine individuelle Restitution oder Kompensation von illegal enteignetem sudetendeutschen Eigentum ist in der Praxis nur in seltenen Ausnahmefällen realisierbar. Die tschechische Bevölkerung ist 50 Jahre lang einer massiven Desinformations- und Haßkampagne gegen Deutsche durch ihre ›Medienschaffenden‹ ausgesetzt gewesen. Das hat ein geistiges Klima geschaffen, das nicht über Nacht saniert werden kann. Von einem tschechischen Politiker jetzt zu verlangen, sich für Wahrheit und Recht zu engagieren, kommt der Aufforderung gleich, seiner politischen Karriere schwersten Schaden zuzufügen. Denn er hat in einer von Medien dominierten Massendemokratie zu agieren.
Was für realistische, aber anständige deutsche Politiker und Journalisten zu tun übrig bleibt, ist, sich nur eine sachliche Behandlung der historischen Fakten und das heißt, für die Aufhebung der Tabus in den Medien einzusetzen. Das wäre auch im Dienst der historischen Wahrheit. Der erste Präsident der CSR Masaryk war, abgesehen von übertriebenem Nationalismus, ein Gentleman; Benesch war ein Großverbrecher. Masaryk erklärte, sein Wahlspruch sei: »Pravda vítezí« (›Die Wahrheit siegt‹). Man muß jedoch mit dem letzten diakritischen Zeichen vorsichtig umgehen. Wenn nämlich der accent aigu des letzten >í< durch einen Punkt ersetzt wird, dann verwandelt sich das Prädikat ›siegt‹ in den Dativ von ›Sieger‹, und der Spruch besagt dann: »Die Wahrheit dem Sieger« - oder frei übersetzt: »Was wahr ist, bestimmt der Sieger«, »Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Geschichte«. Man sollte sich daher lieber an den alten Römerspruch Senecas halten: »Veritatem dies aperit« (›Die Wahrheit kommt an den Tag.‹). Man darf es zumindest hoffen.
Die Pauschalbewertung des 8. Mai als ›Befreiung‹ kann nicht nur von den Betroffenen (einschließlich der Nachkommen, Verwandten und Freunde der 272 000 Ermordeten), sondern auch von Beobachtern nur als Verhöhnung aufgefaßt werden. Man denke nur an die Rolle der ›Partisanen‹, Verbrecherverbände mit sadistischen Zügen, die oft von den Russen zurückgehalten werden mußten. Besonders kraß ist auch die Verhöhnung derjenigen, die mehrere Jahre Sklavenarbeit machen mußten, wie etwa diejenigen Ärzte der Prager Universitätsklinik, die die ›Befreiung‹ überlebten (Herbert Lang [später Chefarzt des Roten Kreuz-Krankenhauses in München] beschreibt die ›Befreiung‹ in seinem Memoirenbuch Viel Glück auf dem Weg nach München, 1983). Die subjektive Bewertung eines historischen Ereignisses hängt allerdings auch vom Zeitpunkt ab, an dem sie vorgenommen wird. Einige Jahre nach 1945 sahen diejenigen Vertriebenen, die die ›Befreiung‹ überlebt hatten, daß ihr Los noch schlimmer gewesen wäre, wenn sie hätten bleiben dürfen. Sie hätten dann zwar einen winzigen Teil ihrer persönlichen Habe behalten dürfen, wären aber von einem totalitären Regime in ein womöglich noch schlimmeres totalitäres Regime geraten - sie hätten als Staatssklaven das Land nicht mehr verlassen können und wären im totalitären Gefängnis festgesessen.
Als Symboltag ist der 8. Mai nicht nur für etwa 20 Millionen Deutsche im Osten, sondern für sämtliche von den Sowjets ›befreiten‹ Völker höchst zweideutig. Einerseits wurden sie vom NS-Totalitarismus tatsächlich befreit, andererseits begann für sie alle eine neue Zeit der Versklavung. Man denke an das Beispiel der Polen. Optimisten hofften auf die Rückkehr des Londoner Exilkabinetts und der von London geleiteten und gut organisierten polnischen ›Armee im Lande‹ (AK). Sie mußten feststellen, daß sie von den Alliierten verraten worden waren. Die Führungsspitzen der AK (die auf britischer Seite gekämpft hatte) wurde unter einem Vorwand nach Moskau gelockt, verhaftet und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. 50 000 AK-Angehörige wurden in die Sowjetunion deportiert. Befreit? Werden unsere notorischen ›Aufrechner‹ auch hier eine Aufrechnung versuchen?


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 43(2) (1995), S. 24f.

Zurück zum DGG-Menü