Die Verschwörung gegen Ernst Röhm

Der 30. Juni 1934 oder das Ende einer Revolution

Dr. Hans-Dietrich Röhrs

Die beiden schockartigen Ereignisse der ersten siebzehn Monate des Dritten Reiches, der Reichstagsbrand und der sogenannte »Röhm-Putsch«, sind vom Kartell der »antifaschistischen« Propaganda stets und von vornherein in einen kausalen Zusammenhang gestellt worden. Nach landläufiger marxistischer Auffassung wurde die »Nacht der langen Messer« (30. Juni 1934) vor allem (wenn auch vielleicht nicht allein) deswegen veranstaltet, um sich der unbequemen Tatzeugen der angeblich von den Nationalsozialisten selbst inszenierten Brandstiftung zu entledigen. Wir haben einen der ganz wenigen heute noch lebenden ehemaligen hohen SA-Führer, Dr. med. Hans-Dietrich Röhrs, gebeten, die Vorgänge des 30. Juni 1934 und ihre Vorgeschichte aus seiner Sicht und aus seinen Erfahrungen und Erkenntnissen zu schildern. Röhrs gelangt zu der manchem vielleicht paradox erscheinenden Schlußfolgerung, daß es sich nicht um einen »Röhm-Putsch«, sondern um einen »Putsch gegen Ernst Röhm« gehandelt habe. Jedenfalls weicht seine Darstellung ganz erheblich von derjenigen ab, die an den Ereignissen unbeteiligte (ja, zum Teil damals noch gar nicht geborene) »Zeitgeschichtler« von den Ereignissen vor 45 Jahren zu geben pflegen. Röhrs erregte nach dem Krieg erstmalig Aufsehen, als er sein Buch »Hitlers Krankheit« (bei Vohwinckel) herausbrachte. Als praktischer Arzt im Hamburger Arbeiterviertel Hammerbrook war er durch seinen innigen Kontakt mit der werktätigen Bevölkerung schon früh zum Nationalsozialismus gestoßen und erlebte die Kampfzeit als Brigadearzt der damaligen Marine-SA-Brigade »Hansa«. Seine Erkenntnisse über Geschichte und Wesen der SA vertiefte er im Gedankenaustausch mit den anderen vier hohen SA-Führern, die gleich ihm im Zeugenflügel des Nürnberger Gerichtsgefängnisses inhaftiert waren, auf deren Aussagen vor allem es zurückzuführen ist, daß die SA in Nürnberg nicht zur »verbrecherischen Organisation« erklärt wurde.

Die Bedeutung der SA für die Machtübernahme der nationalsozialistischen Bewegung läßt sich an der bewußten Verzerrung der zeithistorischen Darstellung ihres Verhaltens in der sogenannten Kampfzeit ablesen. Wenn ihrer überhaupt in dieser Beziehung Erwähnung getan wird, dann als einer Art von Schlägertruppe, eines Haufens von Straßenbanditen oder bestenfalls von Desperados aus der Phantasie von Hollywood-Regisseuren. Während die Reichsbannerleute und die Rotfrontkämpfer als edle Vorkämpfer der demokratischen Freiheit gefeiert werden, indem sie durchaus zu Recht die Straßen der deutschen Großstädte als ihre alleinige Domäne betrachteten nach dem Motto: »Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein!«

Als ob die legale und parlamentarisch sanktionierte Machtübernahme durch Hitler angesichts ständiger Brutalitäten seiner uniformierten Anhänger vor den Augen der Öffentlichkeit überhaupt denkbar gewesen wäre!

Jeder, der damals in Deutschland lebte, weiß, daß die Wahlen, die zu jenem Ergebnis führten, genauso korrekt durchgeführt wurden, wie das heute der Fall ist. Manipulationen derselben konnten genauso viel und so wenig vorgenommen werden, wie das noch heute der Fall ist. Und es spricht nicht gerade für die Überzeugung von der Richtigkeit der Demokratie derjenigen, die es offenbar dem Wähler nicht zutrauen können, in Zeiten nationaler Not sich ihres sonstigen Egoismus zu entledigen und in überwältigender Mehrheit einer grundlegenden Neuordnung die Stimme zu geben. Wie wäre es wohl um die Freiheitlichkeit und Fortschrittlichkeit des parlamentarischen Systems bestellt, wenn es diese Möglichkeit nicht gäbe?

Schläger oder Soldaten?

So erweist sich auch die Mär von dem Rowdytum der SA als eine jener Halbwahrheiten, mit denen heute gar zu gern deutsche Geschichte geschrieben wird. Offenbar, weil man sich seiner selbst und der Leser zu wenig sicher ist, um es wagen zu können, zur historischen Wahrheit zurückzukehren. Man müßte ja befürchten, wichtige Bausteine aus der Grundlage jener geschichtlichen Vorstellungen herauszubrechen, zu denen man sich nach 1945 nicht ganz ohne eigenes Interesse bereit gefunden hatte. Man könnte dabei doch gar zu leicht auch das eigene Gesicht verlieren. Und so verschließt man dann gar zu gern die Augen vor der Tatsache, daß Halbwahrheiten sich stärker zu rächen pflegen als ganze Lügen. Allein die Tatsache, daß in jenen Jahren nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs die militanten Massenorganisationen der Linken die Straßen der deutschen Großstädte völlig beherrschten, sollte eigentlich dem Gedächtnis der Zeitgenossen noch nicht entschwunden sein. Das stellt allein schon die Unmöglichkeit unter Beweis, daß für die SA, die niemals vor dem 30. Januar 1933 zahlenmäßig auch nur im entferntesten an diese heranreichte, zu irgendeiner Zeit auch nur die Möglichkeit bestanden hätte, jene zu terrorisieren. Während umgekehrt die Angehörigen jener Organisationen ganz selbstverständlich gegen jeden, der es auch nur hätte wagen wollen, ihrer Meinungsdiktatur auf der Straße gegenüber seine eigene Meinung geltend zu machen, das Faustrecht in Anspruch nahmen. Wie der Verfasser selbst nicht nur unzählige Male zu beobachten, sondern auch am eigenen Leibe zu erleben Gelegenheit hatte. Die SA fühlte sich jedoch ihrer Entstehung aus dem Frontsoldatentum des Ersten Weltkrieges nach zu soldatischer Tradition verpflichtet. Diese hatte schon den Freikorpssoldaten der ersten Nachkriegszeit geformt. Er war es gewesen, der die neue Ordnung, der er innerlich höchst skeptisch gegenüberstand, durch seinen selbstlosen Einsatz überhaupt erst möglich gemacht hatte. Viele dieser Freiheitskämpfer hatten sich später in der SA wiedergefunden. In ihr entwickelten sie sich zum politischen Kämpfer einer neuen Prägung. Sie hätten sich aber selbst verraten, wenn sie sich dabei ihrer soldatischen Tugenden begeben hätten. So war es denn auch die zwar harte, aber immer in soldatischer Weise erfolgende Zurückweisung des linken Anspruchs auf die Beherrschung der Straße in unzähligen, nicht selten unter Einsatz des eigenen Lebens durchgesetzten »Propagandamärschen«, welche die deutsche Öffentlichkeit davon überzeugte, daß hier eine Bewegung auf dem Marsche sei, die die einstige Ordnung des Reiches wieder erneuern wollte. Und wenn es heute eine beliebte These offizieller Meinungsmacher ist, es sei die betörende Raffinesse des »Volksverführers« Adolf Hitler gewesen, auf welche das deutsche Volk hereingefallen sei, so muß demgegenüber mit aller Nüchternheit festgestellt werden, daß dann, wenn überhaupt von »Verführung« des doch so mündigen Bürgers die Rede sein kann, es weit mehr der unermüdliche Einsatz des kleinen SA-Mannes von nebenan war, von dem diese »Verführung« ausging. Nichts nämlich begeistert den Menschen von heute so sehr wie ein Opfer, das er selbst nicht zu bringen bereit ist.

Wie ließe es sich sonst erklären, daß gerade der nationalsozialistischen Bewegung jene Schichten des deutschen Volkes in erster Linie zuströmten, die sich höchstens am Stammtisch für Politik interessierten? Sie waren nur der direkten Beeinflussung zugänglich. Und die heißt eben Beispiel! Ein solches aber konnten die vorher üblichen Straßendemonstrationen mit Weib und Kind für das deutsche Gefühl gewiß nicht sein.

Der oft geradezu hoffnungslose, aber dennoch mit soldatischem Schneid durchgeführte Einsatz bei Propagandamärschen war es jedoch, der aufrüttelte. Märsche wie diejenigen über die berüchtigte Reeperbahn in Hamburg, durch den Wedding in Berlin oder durch Altona am sogenannten Blutsonntag, der Tote und Verwundete kostete, wirkten um so mehr, als sie die heute so selbstverständlich gerühmte »Menschlichkeit« der schieß- und schlagwütigen Gegner unter Beweis stellten.

Wie viel mehr als das Politische das Soldatische die SA bestimmte, beweist am besten die Tatsache, daß es noch zur Zeit der Machtübernahme keineswegs für jeden SA-Angehörigen selbstverständlich war, auch Mitglied der Partei zu sein. Nicht einmal bei allen Führern war das der Fall. Und als die Partei-Funktionäre sich nunmehr in größerer Zahl in der Öffentlichkeit zeigten und sich bald auch statt mit dem schlichten Braunhemd mit militärähnlichen Uniformen schmückten, gab es ständigen Ärger. Er fand erst ein Ende, als diese wenigstens auf den traditionellen Schulterriemen verzichteten.

Die SA-Männer betrachteten sich als Hitler's Soldaten und damit als die zukünftigen Waffenträger der neuen Ordnung. Hitler selbst hatte sie in dieser Annahme bestärkt, als er 1931 die SA-Führer vom Sturmführer aufwärts feierlich auf seine Person verpflichten ließ. Es darf auch nicht übersehen werden, daß nicht wenige Angehörige der SA aus grundsätzlicher Einstellung heraus nichts für Parteien übrig hatten. Sie hatten aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges die Verachtung für die parlamentarischen Schwätzer in der Heimat mitgebracht. Diese waren es gewesen, die ihrer Meinung nach nicht wenig zu dem unheilvollen Ende beigetragen hatten. Zudem hatte die Parteiführung einst selbst versichert, sie werde die Partei auflösen, sobald sie ihre politische Aufgabe gelöst haben würde. Es war auch immer die Rede davon gewesen, daß zu diesem Zeitpunkt keine weitere Aufnahme von Mitgliedern in die Partei erfolgen sollte. Grundsätze, gegen die nunmehr ganz offensichtlich verstoßen wurde. Man übersehe dabei nicht, daß sich die NSDAP durchaus nicht als eine Partei im ideologischen Sinne verstand, sondern vielmehr als eine Volksbewegung, als deren Ziel Schaffung einer Gemeinschaft des ganzen Volkes im Gegensatz zu der Zerrissenheit durch Klassenkampf gesehen wurde. Vor allem deswegen fühlten sich die SA-Männer als Vorkämpfer, weil sie am augenfälligsten diesen Gedanken, der in den Schützengräben geboren war, schon lange in die Tat umgesetzt hatten. So war es auch für sie selbstverständlich, daß die endgültige Ordnungsform des Reiches von eben jenem Gedanken geprägt sein müsse. Nicht die Raison des Staates, sondern das Wohl des ganzen Volkes sollte ihr Maßstab sein. Ein sich wechselseitig befruchtender Dualismus von Volk und Staat schien notwendig, um dem sich schon abzeichnenden »Aufstand der Massen«, wie Ortega y Gasset die Veränderung der menschlichen Einstellung durch die Vergroßstädterung und Industrialisierung bezeichnet hatte, entgegenzuwirken. In welcher Form das zu geschehen habe, davon hatte man nur eine recht vage Vorstellung. Aber man war sich um so bewußter der Tatsache, daß sich dieses Ziel ohne die soldatische Kameradschaft über alle ständischen und wirtschaftlichen Unterschiede hinweg niemals erreichen lassen würde. Jedenfalls nicht in jener eindringlichen Form, wie man sie selbst noch aus dem eigenen Erleben in der Erinnerung hatte.

Eine Wiederbelebung jener preußischen Tradition, an welche sich die Reichswehr noch immer hielt, konnte diese politische Zielsetzung niemals verwirklichen. So erklären sich auch die anfänglichen Reibereien mit dem »Stahlhelm«, dessen Tendenz zu sehr in jene Richtung ging. Während der letztere bald vom Geist der SA soweit vereinnahmt wurde, daß er in Obergruppenführer Jüttner den Stellvertreter des Stabschefs stellte, konnte sich eine reaktionäre Gruppe in der Reichswehrführung nicht damit abfinden, daß die Berufung des Stabschefs der SA, Ernst Röhm, zum Reichsminister auf eine kommende Reform im Sinne dieser Gedankengänge hindeutete.

Röhm und die Reichswehr

Man hatte ja den Hitler nicht an die Macht kommen lassen, ihn teilweise dabei sogar unterstützt, um jetzt in der Rolle des Bewahrers des nationalen Erbes, als der man sich während der Weimarer Republik gefühlt hatte, in die Ecke gestellt zu werden. Man war schon enttäuscht genug, daß der neue Reichskanzler keine Anstalten machte, die Monarchie wieder einzuführen, wie man es von ihm erwartet hatte, obwohl dies doch der Herzenswunsch des greisen Reichspräsidenten Hindenburg war. Andererseits mißtraute man Röhm als dem einstigen I a (Generalstabsoffizier) der bayrischen Reichswehrdivision, die sich früher schon recht eigenwillig gezeigt hatte.

Was würde aus der bisherigen einzigartigen Machtstellung der Reichswehr als Waffenträger der Nation werden, wenn sich aus Röhms Vorstellungen einer Umformung der SA zu einer Miliz eine militärische Organisation entwickeln sollte, in deren Größe man schließlich untergehen würde?

Schon waren in der Infanterieschule Dresden jene Gedanken einer Aufgliederung eines künftigen modernen Heeres in Elite und Masse aufgetaucht, um die Unbeweglichkeit der Massenheere des Weltkrieges zu überwinden. Eine Elite, die durch eine zahlenmäßig beschränkte, aber hochspezialisierte Angriffsarmee gebildet werden müsse, und die Masse, die durch die konventionellen Verbände mit einer ihrer hinhaltenden und heimatschützenden Aufgabe angepaßten Ausbildung und Ausrüstung weit rationeller gestellt werden könnte. Sie kamen den Ideen Röhms bedenklich entgegen. Und es mag wie ein Hohnlächeln der Geschichte anmuten, daß es ein General der Reichswehr war, der spätere Oberstgruppenführer der Waffen-SS Hauser, der während des Zweiten Weltkrieges viel zu spät und mit unzureichenden Mitteln diese Theorien in die Praxis umsetzte und trotz aller Einzelerfolge wie die ganze übrige Wehrmacht an der Tatsache eines fehlenden Unterbaues, scheitern mußte, aber nun der eifrigen Unterstützung eines Mannes, der sich einst von der Reichswehr als williges Werkzeug gegen Röhm hatte benutzen lassen, nämlich Heinrich Himmler.

Daß Röhm die nötigen organisatorischen Fähigkeiten mitbrachte, um eine durchgreifende militärische Reform bewerkstelligen zu können, hatte er als Reformator der bolivianischen Armee eindeutig unter Beweis gestellt. Er ist in Bolivien heute noch unvergessen. Diese Aufgabe aber, die er auf Hitlers Bitte aufgegeben hatte, um sich in der Heimat dem Neuaufbau der SA zu widmen, hatte ihn nicht nur mit militärischen Fragen in Berührung gebracht. Als Generalstabschef der bolivianischen Armee war er auch mit den Problemen der Weltpolitik in Berührung gekommen und hatte Einsichten gewonnen, die das damals im Reich allgemein herrschende Bild erheblich verändert hatten. Er hatte erkennen müssen, wie provinziell dieses auch innerhalb der nationalsozialistischen Führungsgruppe, Hitler eingeschlossen, war. Er war nicht der Mann, der von dieser Überlegenheit nicht den ihm erforderlich erscheinenden Gebrauch gemacht hätte, und zwar in Formen, die nicht immer die diplomatischsten waren. Daß er sich dabei der Freundestreue Adolf Hitlers, der ihn duzte, sicher zu sein glaubte, ist nicht weiter verwunderlich bei der oft unverständlichen Langmut, die Hitler gegenüber seinem alten Kameradenkreis und gegenüber Personen aufbrachte, denen er Dank schulden zu müssen glaubte.

Aus seiner Welterfahrenheit heraus kannte Röhm das tief verwurzelte Mißtrauen, das in der ganzen Welt gegenüber dem Wiedererstarken des Reichs ganz wie heute wieder gehegt wurde. Ein Mißtrauen, das in Rechnung zu stellen uns Deutschen so außerordentlich schwer wird, weil wir die Motive, die uns die allmächtigen Propagandamacher da draußen von jeher und für immer unterschieben, schon aus unserm Volkscharakter heraus gar nicht kennen. Daraus erklärt sich auch unsere Arglosigkeit, mit der wir unsere Beziehungen zu bestimmten anderen Völkern von jeher beurteilen. So wurde auch damals Englands emotionsfreie Politik gegenüber dem geschlagenen Gegner, die sich äußerlich so vorteilhaft vom Verhalten Frankreichs abhob - was im übrigen auch ihr Zweck war- als Freundschaft und Ansatz für künftige Möglichkeiten gedeutet. Daß auch Hitlers leicht erregbare Phantasie in dieser Hinsicht plante, mußte Röhm wie jeden international erfahrenen Mann mit Sorge erfüllen. Er wußte nur zu gut, daß England gar nicht daran dachte, die so lange mit Erfolg betriebene Politik der balance of power gegenüber Europa aufzugeben. Am wenigsten aber zugunsten eines militärisch übermächtigen Deutschlands.

Die französische Karte

Wie Röhm die vorsichtige Wiederaufrüstung, die durch die Weltlage dringend geboten war, über ein Milizsystem am wenigsten spektakulär und daher auch aus außenpolitischen Gründen vorteilhaft erschien, so hatte er den Ausgleich mit Frankreich weit mehr im Auge als ein vergebliches Bemühen um eine Art Juniorpartnerschaft mit England. Er dachte offenbar dabei an das militärische Testament des französischen Marschalls Foch, das dem französischen Offizierskorps anempfahl, sich niemals wieder von den Politikern zu einem Krieg gegen Deutschland mißbrauchen zu lassen. Wobei er schon damals präzisierte Vorschläge hinterließ, wie dies auf militärischem Gebiet am besten geschehen könne. Sie nahmen manches von dem vorweg, was jetzt erst innerhalb der NATO über die Volksgrenzen hinweg verwirklicht worden ist.

Als Bayer und ehemals königlich bayrischer Offizier lag Röhm eine solche Politik weit mehr im Blut als der immer noch vom wilhelminisch-weltpolitischen Denken bestimmten Reichswehrführung und der ähnlich eingestellten Ministerialbürokratie. Röhms Einstellung begann sich in zunehmendem Maße auch auf die nationalsozialistische Bewegung auszuwirken. Trotz Hitlers englischen Aspirationen muß es Röhm, vermutlich von Goebbels unterstützt, dennoch gelungen sein, Hitler von den Möglichkeiten einer Annäherung an Frankreich zu überzeugen und die Genehmigung zu bekommen, unter Einhaltung striktester Geheimhaltung in dieser Hinsicht zu sondieren. Im Verfolg dieser Bemühungen ergaben sich in München verschiedene geheime Zusammenkünfte zwischen Röhm und Goebbels (und zwar in Röhms Stammlokal »Bratwurstglöckle«, dessen Inhaber und Oberkellner deshalb später die völlig ahnungslosen Opfer der Verschwörung gegen ihren prominenten Stammgast wurden).

Es ist durchaus verständlich, daß Hermann Göring, obwohl er als preußischer Ministerpräsident eine ganz entscheidende politische Rolle spielte, sich auch als den berufenen Vertreter der militärischen Neuordnung ansah. Auch er war ja ehemaliger Berufsoffizier, ein hochdekorierter dazu, und die Notwendigkeit des Aufbaues einer Luftwaffe ließ ihn als Flieger wenigstens auf diesem Gebiet dazu berufen erscheinen. Das machte ihn zwangsläufig zum Gegenspieler Röhms, zumal die Behauptungen, dieser sei homosexuell, besonders in den reaktionär eingestellten Kreisen des Offizierskorps allzu gern geglaubt wurden. Was es damit wirklich auf sich hatte, wird sich heute kaum noch nachweisen lassen. Die Zuflucht, die Hitler in seiner Rechtfertigungsrede zu diesem Gerücht nahm, mußte bei seiner alten Freundschaft reichlich fadenscheinig, ja sogar recht verlegen wirken. Die Familie des so öffentlich Geächteten bestreitet noch heute energisch jede Behauptung in dieser Richtung. Auch ein alter Freund und Kamerad, der ihn genauestens kannte, hat mir noch vor einigen Jahrenaus voller Überzeugung versichert, daß es nicht an dem gewesen sei. Die Zuflucht zur Behauptung sexueller Abartigkeit beweist, wie fadenscheinig überhaupt die ganze Aktion begründet gewesen ist. Schließlich wäre es doch wohl die Pflicht des Parteiführers und später des Reichkanzlers gewesen, sich auch das Privatverhalten seiner engsten und mit besonderer Verantwortung betrauten Mitarbeiter etwas näher anzusehen und gegebenenfalls die Konsequenzen daraus zu ziehen. Sich selbst so zu belasten, muß Hitler schon recht triftige Gründe gehabt haben. Daß dabei das Interesse des deutschen Volkes nur vorgeschützt wurde, braucht nicht betont zu werden. Was hätte wohl der Österreicher Hitler dazu gesagt, wenn sich Kaiser Karl VI. seinerzeit seines Feldherrn Prinz Eugen, der doch der gleichen Abartigkeit bezichtigt wurde, deswegen entledigt hätte? Die Weltgeschichte würde zweifellos, jedenfalls für Österreich, ein anderes Gesicht bekommen haben.

Bei der heute gegenüber Homosexuellen geübten Toleranz ist es bemerkenswert, daß Hitlers Begründung vom Volk und gerade in den sonst skeptischen Kreisen trotz der blutigen Maßnahmen, die sie deckte, weitgehend anerkannt wurde. Zeigt sich doch hier wieder einmal, wie fragwürdig moralische Begriffe in ihrer Anwendung auf die Geschichte sind. Es mangelt ihnen doch offenbar die Beständigkeit, die ihnen von den Moralisten auf diesem Gebiet so lautstark zugesprochen wird.

Göring handelte auf eigene Faust

Görings Stellung, seine besondere Beliebtheit in der Öffentlichkeit, die er sich durch seinen publikumswirksamen Einsatz für die neue Ordnung erworben hatte, und auch seine persönlichen Beziehungen zum Kreis um den alten Hindenburg machten ihn zur Schlüsselfigur, bei der die Reichswehrfronde anzusetzen hatte, wollte sie sich nicht auf ein Abenteuer einlassen. Seine joviale Kameradschaftlichkeit, seine Eitelkeit und ein offensichtlicher Mangel an weltanschaulichem Interesse lieferten weitere Handhaben. Es hieße jedoch seiner mannhaften Persönlichkeit, als die er sich später in Nürnberg erwies, nicht gerecht werden, wenn man verschweigen wollte, daß ihm seiner Herkunft und Lebensart nach die revolutionäre Dynamik eines Röhm nicht lag und auch nicht liegen konnte. Er konnte es einfach nicht verstehen, weshalb eine Wehrmachtsform, in welcher er selbst sich wohlgefühlt hatte, deren Vertreter ihn noch immer als Kriegshelden würdigten und verehrten, nicht beibehalten werden sollte. Ihre Wiederherstellung vor allem hatte ihn ja doch in das Lager der Nationalsozialisten getrieben.

Da er genugsam Hitlers Neigung zu intuitiven Entscheidungen kannte, die ihn oft lange vor dringenden Entscheidungen zaudern ließ, und da er in der Reichswehr Gegenkräfte entstehen sah, die ihm vielleicht auch übertrieben dargestellt wurden, nahm er keinen Anstoß daran, auf eigene Faust zu handeln. Es war ja nicht das erste Mal, daß Hitler in kritischen Fragen den einander widerstrebenden Strömungen innerhalb der Bewegung freien Lauf ließ, um dann der bei den Auseinandersetzungen obsiegenden Seite sein Plazet zu geben.

Himmler und Heydrich

Um nun seine eigene Macht mit ausreichendem Erfolg einzusetzen, benötigte Göring nicht nur den Überraschungseffekt, sondern er brauchte außer der Reichswehr auch noch die gesamte Polizei. Schlüsselfigur war dabei Heinrich Himmler, der nicht nur Hitlers Sicherheitschef war, sondern damals noch Chef der bayrischen Polizei. Gleichzeitig hatte er über den Sicherheitsdienst der Partei die Grundlage für die Organisation geschaffen, die als Geheime Staatspolizei und weitgehend persönliches Machtinstrument des Reichsführers SS jenen politischen und ideologischen Fanatismus entwickelte, der heute noch immer dem Nationalsozialismus als Ganzem zur Last gelegt wird. Insofern mußte Göring über seinen Schatten springen, da er persönlich eigentlich immer als Vertreter einer gewissen großzügigen Toleranz bekannt war.

Was Göring an salopper Großzügigkeit zuviel besaß, hatte Himmler gewiß zuwenig. Er glich nicht nur in seinem Aussehen einem pedantischen Oberlehrer, sondern er war es auch. Auf welchem Wege gelangte er dann zu jener starrsinnigen Rechtsauslegung, die den Vergleich mit einem Robespierre geradezu herausforderte? Sein Glaube an die Richtigkeit des von ihm eingeschlagenen Weges entbehrte dabei nicht einer gewissen Suggestivität. Sie war mit einer Art von Naivität, ja Kritiklosigkeit gegenüber den wissenschaftlichen Erkenntnissen gepaart, welche ihn oftmals zu groteskesten Unternehmungen veranlaßte. Der Glanz, der ihm in viel zu jungen Jahren als einem der engsten Mitarbeiter Hitlers zugeflogen war, hatte ihn offenbar wie viele andere auch so betört, daß er die Fragwürdigkeit solchen Abglanzes nicht erkannte und für eigenes Verdienst nahm.

So hat er offenbar niemals erkannt, wie sehr sein Gedanke eines elitären und zu besonderem Fanatismus verpflichteten Ordens, bei dem das Prinzip des Jesuitenordens in vieler Hinsicht Pate gestanden hatte, der Grundidee, nach welcher der Nationalsozialismus angetreten war, diametral entgegenstand. Die Überspitzung der Rassenlehre, welche durchaus nicht im Sinne des rassenpolitischen Amtes der NSDAP war, die fragwürdige Vorstellung von einer nordischen Edelrasse, deren Blondhaare und Blauaugen keineswegs im gesamten deutschen Volk ausschlaggebend sind, war dazu angetan, erneut wieder künstlich Trennungslinien aufzuwerfen, die man in anderer Form gerade auszulöschen bemüht war.

Daß Himmler die Vielfalt seiner Ideen, so unausgegoren sie in mancher Hinsicht auch sein mochten, eine Sonderstellung unter den führenden Männern um Hitler gab, kann nicht bestritten werden. Sie wurde noch verstärkt durch die Tatsache, daß er auch ein Mann der ersten Stunde war und sich daher als eine der mitbestimmenden Kräfte der weiteren Entwicklung der nationalsozialistischen Bewegung dünken durfte, zumal es Hitlers Art war, sich jeweils auf die Lösung einer ganz bestimmten Aufgabe zu konzentrieren und auf den anderen Gebieten den Dingen ihren Lauf zu lassen, d. h. den Auseinandersetzungen divergierender Tendenzen schweigend zuzusehen.

Himmlers ehrgeizige Pläne, die gleichzeitig auch darauf ausgingen, ein einheitliches Polizeisystem zu schaffen, und zwar aus der SS heraus, nicht etwa als Fortentwicklung des schon bestehenden Systems, wobei ihm selbst die Führung zufallen mußte, sprengten auch organisatorisch den Rahmen der SA. Deren Unterstellung unter den Stabschef, die sich aus ihrer bisherigen Entwicklung ergeben hatte, mußte beseitigt werden. Das aber war unter den gegebenen Verhältnissen nur durch die Beseitigung des Stabschefs selbst möglich, durch eine möglichst gründliche Beseitigung. Angesichts der Zwiespältigkeit seines Charakters, die sich später vor dem Zusammenbruch in der hoffnungslosen Unentschlossenheit Himmlers entlarvte, muß bezweifelt werden, ob er sich so bedingungslos der Fronde angeschlossen hätte, wenn nicht inzwischen der frühere Marineoffizier Heydrich, der sich erst kurz vor der Machtübernahme der NSDAP angeschlossen hatte, nachdem er unter nicht gerade ehrenvollen Umständen entlassen worden war, in seinen Stab eingetreten wäre und rasch großen Einfluß gewonnen hätte. Ein Mann von dämonischer Begabung und zielstrebigem Willen, der alles besaß, was seinem Chef Himmler fehlte, nur nicht das, was man den Geist der Bewegung hätte nennen können. Wieso auch! Er hatte ja niemals die Gelegenheit gehabt, mitten im Volk auf der Straße jene unauslöschlichen Erfahrungen zu sammeln, die diesen Geist geformt hatten. Zudem war er begreiflicherweise ein persönlicher Gegner der SA, die seinerzeit in Hamburg seine Aufnahme abgelehnt hatte. Wie er später die kalte Technik eines unerbittlichen Apparates der Entwicklung der Polizei zugrunde legte, die dann in der Notlage des Krieges Staat und Partei mit dem tödlichen Keim der Erbarmungslosigkeit anstecken sollte, so dürfte er es gewesen sein, der maßgebend an jenen Entschlüssen mitgewirkt hat, die zu dem Blutbad unter Brüdern führte. Jedenfalls waren später alle, die von den Hintergründen wußten, von seiner Mitverantwortung überzeugt. In der SA wurde er später weit mehr gehaßt als sein Herr und Meister, dessen Labilität man ausreichend kannte.

Der Zeitpunkt der Abrechnung mit Röhm schien gekommen, als gemunkelt wurde, daß dieser bei einem Besuch auf der Adriainsel Brioni mit französischen Emissären verhandelt habe. Aktiv wurde er im Anschluß an seine Rückkehr auf einem Festessen der Ibero-Amerikanischen Gesellschaft in Hamburg zu seinen Ehren, bei dem auch Reichsaußenminister von Neurath zu den anwesenden Diplomaten und Presseleuten aus der ganzen Welt sprach. Röhm glänzte mit einer spanischen Ansprache und wurde von den Südamerikanern geradezu enthusiastisch gefeiert.

Sollte das bedeuten, daß es ihm nunmehr gelungen war, Hitlers Ohr hinsichtlich seiner außenpolitischen Auffassung zu gewinnen? Das hätte für die Reichswehr eine weitere Schwächung ihres Einflusses bedeutet. Sie setzte England, wie sie ja bald genug unter Beweis stellte. Zudem verschlechterte sich der Gesundheitszustand des greisen Reichspräsidenten zusehends. Solange er noch am Leben war, hatte man ja Hitler an der Kette. Doch was würde werden, wenn Hindenburg das Zeitliche segnete?

Daß Göring und Himmler sich zum Mitmachen bereit fanden, ist weit schwieriger zu erklären. Schließlich war die mit Vorbedacht geschürte Abneigung eines dem Tode nahen alten Mannes kein Grund, das Ansehen Hitlers aufs Spiel zu setzen. Er war es doch gewesen, der Röhm zum Führer der SA gemacht hatte. Er hatte ihn doch gegen eine wüste Hetzkampagne wegen angeblicher weit zurückliegender Vorkommnisse gehalten. Ja, er hatte ihn sogar zum Minister ohne Portefeuille gemacht. Es ist niemals etwas von neuen Verfehlungen bekannt geworden, bis auf die höchst dunklen Andeutungen, die Hitler später in seiner Verteidigungsrede vor dem Reichstag zur Überraschung der gesamten SA machte. Sie sind aus ihren Kreisen auch nie bestätigt worden. Gerade hier aber hätten sie doch bekannt sein müssen. Da man ihre Treue zu Hitler und seiner Bewegung wohl kaum in Zweifel ziehen kann, müssen sie die Schwäche seiner Stellung gegenüber der Wehrmacht für weit größer angesehen haben, als es in Wirklichkeit der Fall war.

Wir haben gerade in unseren Tagen im Iran ein Beispiel dafür, daß selbst eine anerkannte Elitearmee machtlos bleibt, wenn ein Volk aufsteht. Auch die deutsche Reichswehr hätte sich in ihrer Gesamtheit, das muß zu ihrer Ehre festgestellt werden, niemals gegen den Nationalsozialismus und seinen Führer mißbrauchen lassen. Sie hat auch in diesem Fall praktisch nur Gewehr bei Fuß gestanden.

Hand in Hand mit der Reaktion

Was Göring und Himmler offenbar nicht begriffen hatten, war, daß der überwältigende Erfolg der Bewegung, zu deren führenden Männern sie gehörten, auf einer historischen Notwendigkeit beruhte und daher auch nicht mit den Mitteln einer veralteten politischen Taktik, sondern nur in der Konzeption einer neuen Strategie weitergeführt werden konnte, sollte er nicht vergeblich bleiben. Das technische Zeitalter mit seiner Entmenschlichung der Welt erforderte andere Entschlüsse als diejenigen, mit denen damals unser Volk in Versailles versklavt wurde. Sie konnten nur durch den Geist, aber nicht aus längst obsolet gewordenen militärischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts gelöst werden. Die technische Umwälzung der Lebens- und Arbeitsbedingungen und die Naturnotwendigkeit der Anpassung des Menschen, wie sie in den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges dem europäischen Menschen zum ersten Male zum Alpdruck und zum Erwachen aus einer Welt der Illusionen wurde, konnte nicht mit Gewalt gelöst werden. Sie erforderten eine Geduld, welche Hitler selbst nicht ausreichend besaß. Wie hätten sie gerade diese seine aktivsten Paladine haben sollen? So wurden hier die ersten Zeichen einer tiefgreifenden Krise sichtbar, die jetzt rückschauend - denn damals erkannten (oder besser: erahnten) das nur wenige - sich als ein Urteilsspruch der Geschichte enthüllt über den gewaltigen Versuch eines ganzen Volkes, nicht nur seinem Schicksal, sondern dem Schicksal ganz Europas eine neue Wende zu geben. Ein Versuch, der von wenigen um einer materiellen Macht willen verspielt wurde aus einer Vorstellungswelt heraus, die zu überwinden man so erfolgreich angetreten war.

Das Unternehmen, das so widersinnigerweise die Reste der Reaktion mit zwei sonst so rücksichtslosen Revolutionären vereinigte, wobei die dazu treibenden Motive nicht weniger widersinnig waren, konnte nur dann einen Erfolg versprechen, wenn man eine Revolte gegen Hitler vortäuschte. Nur so konnte man den zu einer Entscheidung immer noch nicht entschlossenen Hitler und Röhm gleicherweise überraschen. Zwar hatte der letztere zweifellos Lunte gerochen. Warum hätte er sonst in so demonstrativer Weise für den 1. Juli einen SA-Urlaub von Monatsdauer angeordnet? Diese Geste des Friedens, mit der er gleichsam die einzige Waffe, die er besaß, von sich warf, hatte jedoch, so wirkungsvoll sie auch schien, nicht die geringste Wirkung auf die Verschwörer. Sie hielten an ihrem Plan, einen »Putsch« der SA vorzutäuschen, fest, so durchsichtig auch solche Täuschung bei der Millionenzahl von SA Angehörigen sein mußte, die niemals auch nur das geringste von irgendwelchen Putschvorbe- reitungen - und die hätten doch in diesem Fall äußerst sorgfältig sein müssen - gehört und gesehen hatten.

Wesentlich leichter war es, Hitler durch falsche Meldungen in einen Zustand höchster Erregung zu versetzen. Dieser hatte sich ja Himmler restlos in die Hand gegeben, als er die SS zu seiner Leibgarde machte. Sicherlich waren Führer und Männer ihrem Führer bis in den Tod ergeben und hätten sich für ihn in Stücke reißen lassen. Aber die Geschichte hat an einer Fülle von Beispielen gezeigt, daß gerade die besinnungslose Ergebenheit solcher Männer zum Unheil ausschlägt, wenn ihr Führer, in diesem Fall Himmler, dessen Orden sie angehörten, ein doppeltes Spiel spielt, selbst wenn dieser sich einbildet, es sei zum Wohle desjenigen, dem sich die Leibgarde verschworen hat. Man lese nur die römische Kaisergeschichte.

Wie sehr man Hitler getäuscht haben muß, läßt sich daran erkennen, daß er den von ihm als Röhms Nachfolger vorgesehenen Viktor Lutze mit seinem Vorschlag abwies, Röhm auf der für den 30. Juni geplanten und schon einberufenen Tagung der SA-Obergruppen- und Gruppenführer in Bad Wiessee zur Rede zu stellen. Obwohl ihm Lutze versicherte, daß es sich doch nur um eine kleine Clique um Röhm, wenn überhaupt um eine solche handeln könne, denn er selbst war ja von der ganzen Sache als Führer einer der zentralsten und daher wichtigsten Obergruppen völlig überrascht worden. Hitler habe also nicht das geringste für sich zu fürchten. Dieser lehnte brüsk ab mit dem Hinweis, er könne von einem der fanatischen Anhänger Röhms erschossen werden, und das könne er um der Sache des Nationalsozialismus willen nicht riskieren. Hitlers Haltung verriet, sieht man von ihrer menschlichen Seite ab, eine aus der damals gegebenen Situation geradezu unverständliche Unkenntnis der bedingungslosen Treue der SA. Sie hat diese sogar noch später trotz der furchtbaren Belastung, der sie Hitler selbst die ganzen folgenden Jahre bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aussetzte, unbeirrbar unter Beweis gestellt. Man braucht nur auf die große Zahl der Obergruppenführer und Gruppenführer der SA, die teilweise in unterwertigen Kommandostellen an der Front gefallen sind, hinzuweisen. Diese Unkenntnis läßt sich nur so erklären, daß Hitler schon längere Zeit systematisch auf diese gestellte Situation hin vorbereitet war, genau wie die andere Seite in der Reichswehr, da sie sich der Reaktion ihrer Verbände ebenfalls nicht sicher war, das gleiche zu tun sich bemüht hatte.

Die Nacht der langen Messer

Sehr eindrucksvoll ist der Bericht des damaligen Reichsarztes der SA, Dr. Ketterer, der die Vorgänge in Wiessee miterlebte. Er konnte es zu Lebzeiten nicht wagen, das anders als anvertraute Freunde und Kameraden weiterzugeben. Wie wenig dieser in seiner doch für ein aktives Unternehmen wie einen Putsch unentbehrlichen Stellung etwas von einem derartigen Plan wußte, beweist, daß er zu der in Wiessee angesetzten Tagung seine Frau mitbrachte. Er hatte geplant, im Anschluß daran noch ein paar Tage mit ihr gemeinsam die Berge zu genießen. Am Vorabend spielte Röhm, der ebenfalls schon im Hotel war, mit ihm Tarock. Er klagte aber über starke Ischias-Schmerzen und ging, nachdem ihm Ketterer eine schmerzlindernde Spritze gegeben hatte, um 22 Uhr ins Bett. Von irgendwelchen Anzeichen, daß er sich mit etwaigen Putschvorbereitungen beschäftigt hätte, war nichts zu bemerken. Der größte Teil der doch für einen Putsch unerläßlichen Obergruppen- und Gruppenführer befand sich überhaupt erst auf dem Wege nach Wiessee. Man kann sich seine Verblüffung vorstellen, als SS-Führer der Hitlerschen Begleitmannschaft ihn zusammen mit seiner Frau aus dem Bett holten und im Auftrage Adolf Hitlers für verhaftet erklärten. Gemeinsam mit den anderen in der Nacht angekommenen SA-Führern wurden sie in die Hotelhalle hinunter eskortiert, wo sich schon Röhm unter Bewachung befand, aber nichtsdestoweniger, die Ruhe selbst, nach seinem Frühstück verlangte. Er rief Ketterer im Vorbeigehen zu, es müsse sich alles um einen Irrtum handeln, der sich sofort klären würde, wenn er mit Hitler sprechen könne. Als dieser dann, seine aus der Kampfzeit bekannte Reitpeitsche in der Hand, in der Halle auftauchte und das Ehepaar Ketterer in dem Haufen der Verhafteten entdeckte, stutzte er und gab dann sofort die Anweisung, sie freizulassen. Röhms Wunsch, mit ihm sprechen zu können, ignorierte er. Wir wissen, daß es das letzte Mal gewesen ist, wo sich die beiden Freunde von Angesicht zu Angesicht sahen. Ist es nicht naheliegend anzunehmen, daß Hitler sich schämte, einem solchen Mann der Tat, wie Röhm es war, gestehen zu müssen, daß er selbst gar nicht die Macht besaß oder zum mindesten zu besitzen glaubte, die Reichswehr restlos in den nationalsozialistischen Staat einzugliedern, daß er also nur einen halben Sieg errungen hatte, wie er später in so bitterer Weise erfahren mußte? Daß er auf Intrigen seiner eigenen Leute hereingefallen war, die ihn wieder einmal in ihrer Engstirnigkeit auf einen Weg gezwungen hatten, der seine Handlungsfähigkeit in einer gefährlichen Weise einschränkte? Das konnte Hitler auch einem Freunde (Kubitschek in Wien) nicht eingestehen. Lieber verließ er ihn, wie er das schon einmal in jungen Jahren mit einem anderen Freunde getan hatte.

Was Hitler von den weiteren Entwicklungen erfahren hat, wird immer unbekannt bleiben. Jedoch ist kaum anzunehmen, daß er bereit gewesen wäre, über die »geringe Zahl der Opfer, die seine unbeirrbare Haltung dem deutschen Volk gekostet habe«, zu sprechen, wenn er gewußt hätte, daß diese in Wirklichkeit rund 1200 Menschenleben, und zwar lauter völlig Unschuldige gekostet hatte. Die Zahl hat Viktor Lutze gelegentlich seinem Stellvertreter Obergruppenführer Jüttner unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit mitgeteilt, um seine unüberwindliche Abneigung gegen eine Zusammenarbeit mit der SS zu begründen. Dieser glaubte sich nach dem Zusammenbruch jenen SA-Führern, die mit ihm gemeinsam die SA in Nürnberg vertraten, verpflichtet, das bisherige Schweigen zu brechen. Wie überhaupt in jenen Tagen, wo auch immer SA-Angehörige in den Lagern aufeinander trafen, die Erfahrungen und Kenntnisse von jenen unheilvollen Tagen sich zu einem Gesamtbild rundeten und sie veranlaßten, dem tieferen historischen Sinn nachzuspüren.

Wer sich die prekäre Situation vergegenwärtigt, in welche Hitler durch seine eigenen Mitarbeiter gebracht worden war, kann nicht die Zwangsläufigkeit seines Verhaltens übersehen. Es war der einzige Weg, der die geringsten Gefahren für seine eigene und die Autorität der nationalsozialistischen Bewegung barg. Sofern nämlich die SA sich in ihrer Treue zur Sache bewährte. Das aber tat sie dann auch ungeachtet des großen Opfers, das ihr damit abverlangt wurde. Daß Hitler den Befehl zur Erschießung Röhms gegeben haben könnte, ist eigentlich, obwohl er sich offiziell dazu bekannte, nie ernstlich geglaubt worden. Es ist damals schon mit seinem Namen jener Mißbrauch getrieben worden, der noch heute in vieler Hinsicht die Klärung der historischen Verantwortung so schwer macht.

Der Anfang vom Ende

Wie wenig Hitler selbst anfangs in diesem über ihn hereinbrechenden Geschehen handlungsfähig war, zeigt nicht nur der Bericht Dr. Ketterers. Auch die Mitteilung, daß sich Gregor Strasser unter den Opfern befand, hat ihn nach einer Schilderung aus seiner Umgebung sogar in Tränen ausbrechen lassen. Besonders bezeichnend ist in der Hinsicht der Fall des Leutnants Sch., der zu den engsten Mitarbeitern des letzteren gehörte und deshalb den Verschwörern ebenfalls im Wege war. Es gelang ihm, den Gestapomännern, die ihn in den Grunewald schleppen wollten, zu entkommen und sich bei einem Freund zu verbergen. Von dort nahm er mit Hitler selbst Verbindung auf. Worauf schon am Abend der Berliner Sender die Meldung ausstrahlte: Sch. stünde unter dem persönlichen Schutz des Führers und möge sich bei ihm melden. Als dies geschah, bat ihn Hitler, für eine Zeitlang ins Ausland zu gehen, da er zur Zeit für seine Sicherheit nicht bürgen könne. Sch. ist diesem Ratschlag dann gefolgt und bekam seinen Unterhalt aus Hitlers persönlicher Schatulle.

Der schon einen Monat später erfolgende Tod des Reichspräsidenten von Hindenburg brachte die völlig reibungslose Übernahme des Oberbefehles über die Reichswehr durch Hitler als den neuen »Führer und Reichskanzler«. Das ließ das ganze turbulente Geschehen, über das zudem fast nichts in die Öffentlichkeit drang, in Vergessenheit geraten.

Es ist damals kaum jemandem außerhalb der SA klargeworden, und in dieser mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstand, daß es sich um eine geschichtsträchtige Vorentscheidung gehandelt hat, eine Vorentscheidung gegen das Autoritätsprinzip zugunsten der staatlichen Allmacht.

Das war also ein Rückfall in das neunzehnte Jahrhundert, das man gerade hatte überwinden wollen.

Die historischen Folgen wurden uns allen erst 1945 sichtbar. So wirkt es beinahe wie die Demonstration einer späten, ja viel zu späten Erkenntnis, wenn eine der letzten Maßnahmen, die Hitler noch vor seinem Tode traf, der Ausschluß Hermann Görings und Heinrich Himmlers aus der nationalsozialistischen Bewegung war.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(4) (1980), S. 2-9

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