Die Komintern

Ziele und Geschichte der Kommunistischen Internationale mit besonderer Berücksichtigung der Rolle Deutschlands

Dr. Alfred Schickel

Die Zuspitzung der weltpolitischen Lage seit dem Überfall der Sowjetunion auf Afghanistan und die Furcht vor einem neuen Weltkrieg haben die von Moskau lange an straffem Zügel geführte Kommunistische Internationale (Komintern) als wirksames Instrument des Sowjetimperialismus in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Formell besteht sie gar nicht mehr. Sie wurde 1943 (zur Beruhigung und Täuschung der Westalliierten) aufgelöst wie auch (1956) ihre Nachfolgeorganisation, die Kominform. In seiner historischen Untersuchung der Ziele und der Entwicklung der Komintern warnt der junge Zeitgeschichtler Alfred Schickel, den wir unseren Lesern bereits in der vorhergehenden Ausgabe mit einem Beitrag vorstellten, vor einer Unterschätzung der unveränderten weltrevolutionären Ziele des Bolschewismus, so deutlich er auch die Schwächen, Mißerfolge und Niederlagen der Dritten Internationale macht.


In einer Zeit, da der kommunistische Ostblock Zeichen einer gewissen Auflockerung und Spaltung in zwei Lager erkennen läßt, wie am Verhältnis der Sowjetunion zu Rotchina sichtbar geworden ist, mag eine Untersuchung über die Kommunistische Internationale kaum mehr als ein geschichtliches Interesse gewinnen. Der kritische Geschichtsbetrachter wird dennoch einige höchst aktuelle Bezüge erkennen, wenn er die Haltung bestimmter kommunistischer Parteien der Gegenwart mit jener zur Zeit ihrer Gründung vergleicht. Unter ihnen nimmt die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) mit ihrem von Dr. Rosa Luxemburg geprägten Selbständigkeitsstreben einen ganz besonderen Platz ein. Scheint es so, als sei die gegenwärtige kommunistische Partei in Deutschland - sowohl die SED in der DDR als auch die DKP in der Bundesrepublik- die ergebenste politische Filiale Moskaus, so war die KPD Rosa Luxemburgs und Carl Liebknechts die am meisten auf Unabhängigkeit vom Kreml bedachte kommunistische Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg.

Das zeigte sich am augenfälligsten auf dem Gründungskongreß der Kommunistischen Internationale (= Komintern), der im Frühjahr 1919 in Moskau stattfand. An seiner Eröffnung am 2. März nahmen 51 kommunistische Vertreter aus 30 Ländern teil. Von den insgesamt 35 stimmberechtigten Sitzen entfielen je fünf Stimmen auf die KPD, die russische kommunistische Partei, die Amerikanische Sozialistische Arbeiter-Partei und die Zimmerwalder Linke Frankreichs. Die restlichen fünfzehn Stimmen verteilten sich auf die kleineren kommunistischen bzw. marxistisch-sozialistischen Parteien. Die meisten Delegierten waren Emigranten, die in Rußland lebten und wegen schwieriger Verkehrsverhältnisse kaum mehr Verbindung zu ihren nationalen Landesparteien hatten. Am Moskauer I. Weltkongreß nahmen aus dem Ausland lediglich fünf Vertreter teil, darunter für die Kommunistische Partei Deutschlands Hugo Eberlein (»Albert«). Dieser sprach sich im Sinne seiner deutschen Genossen Rosa Luxemburg und Leo Jogiches gegen die Gründung einer III. Internationale aus. (Die I. Internationale wurde als »Die Internationale Arbeiterassoziation« am 28. September 1864 in London gegründet. Karl Marx gehörte zu ihren Gründern. Die II. Internationale wurde anläßlich der Jahrhundertfeier der Großen Französischen Revolution 1889 in Paris unter Teilnahme August Bebels ins Leben gerufen.) In einer persönlichen Aussprache mit Lenin vor dem Beginn des Kongresses trat Eberlein dafür ein, der Konferenz lediglich die Aufgabe zu stellen, eine etwaige spätere Gründung vorzubereiten. Es spricht für das hohe Ansehen der KPD, daß Lenin nicht darauf bestand, die Internationale auf diesem Kongreß zu gründen, »wenn die deutschen Genossen auf ihrem Standpunkt beharrten«. Sinowjew, ein Mitarbeiter Lenins, faßte den hohen Respekt der Kommunistischen Partei Rußlands vor ihrer deutschen Schwesterpartei vor dem VIII. Parteitag der KPR in die Worte: »Das Zentralkomitee unserer Partei hielt es nach Prüfung der Lage für indiskutabel, daß wir sofort die III. Internationale gründen sollten. Wir waren gleichzeitig der Meinung, daß wir in einem Augenblick, wo die deutschen Kommunisten dagegen waren und die Frage in Form eines Ultimatums stellten, nicht die mindeste Spannung in unseren Beziehungen zu den deutschen Genossen eintreten lassen konnten.«

Los von Moskau

Dabei verfolgten die deutschen Kommunisten bei ihrem Widerstand gegen die Gründung einer Internationale die Absicht, den Einfluß der Russischen Kommunistischen Partei auf die kommunistischen Parteien der anderen Länder in Grenzen zu halten. Besonders befürchtete Rosa Luxemburg, daß eine vornehmlich auf die KPR sich stützende Internationale unwillkürlich unter die Vorherrschaft der russischen Bolschewiki geraten würde. In dieser realen Möglichkeit sah sie eine echte Gefahr für die Zukunft des Sozialismus. Sie lehnte auch die von Lenin vertretene Theorie von der »Eroberung der Macht« durch eine Elite von Berufsrevolutionären ab. Ebenso verwarf sie jede Diktatur, die nicht aus dem spontanen Willen der proletarischen Massen hervorgegangen ist. Sie schrieb im Spätjahr 1918:

»Die Diktatur muß das Werk der Klasse und nicht einer kleinen Minderheit im Namen der Klasse sein; sie muß auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen.«

Rosa Luxemburg sah im Gegensatz zu den russischen Bolschewiki, welche die Demokratie vernichtet hatten in dieser politischen Betätigungsform ein überaus wichtiges Mittel, dem Willen der Masse Geltung zu verschaffen. Sie vertrat die Auffassung, daß es die historische Aufgabe einer siegreichen proletarischen Revolution sei, die Demokratie nicht abzuschaffen, sondern mit sozialem Inhalt zu erfüllen. Sie stellte fest: »Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt.«

Diese Gegensätzlichkeit in der Auffassung zwischen Rosa Luxemburg und Lenin drohte einen Bruch zwischen der russischen und der deutschen kommunistischen Partei herbeizuführen. Rosa Luxemburg war entschlossen, es auf einen Bruch ankommen zu lassen wenn Lenin an seinem Plan festhalten sollte, eine III. Internationale zu gründen. Unterstützt wurde sie in dieser Auseinandersetzung von Carl Liebknecht, Clara Zetkin und Franz Mehring. Diese waren mit ihr in dem Bestreben einig, sich eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den russischen Genossen auf alle Fälle zu bewahren. Das kam am deutlichsten zum Ausdruck, als Rosa Luxemburg das Auftreten des Vertreters der Russischen Kommunistischen Partei, Karl Radek, in Deutschland mit den Worten kritisierte: »Wir brauchen keinen ›Kommissar für Bolschewismus‹, die Bolschewiken mögen mit ihrer Taktik zu Hause bleiben.«

Obwohl die streitbare Kommunistenführerin am Tage der Eröffnung der Moskauer Konferenz nicht mehr lebte (am 15. Januar 1919 zusammen mit Carl Liebknecht ermordet), blieb ihre politische Richtung innerhalb der KPD gültig. Der nunmehrige leitende Funktionär, den auch Lenin sehr hoch schätzte, war ebenfalls fest entschlossen, eine selbständige deutsche Politik in der KPD zu verfolgen. Er unterstützte den von Rosa Luxemburg dem deutschen Delegierten Hugo Eberlein erteilten Auftrag, die Gründung einer III. Internationale zu verhindern. Lenin war vom Widerstand der KPD so beeindruckt, daß er mit dem Gedanken spielte, die Gründung der III. Internationale zu verschieben, wenn die deutschen Kommunisten nicht zustimmten. Sein Nachgeben mag auch von dem Umstand bestimmt worden sein, daß Eberlein nicht nur eine verhältnismäßig ansehnliche kommunistische Partei vertrat, sondern auch als einer der wenigen Delegierten tatsächlich von der Heimatpartei bevollmächtigt war. Die anderen Konferenzteilnehmer aus dem Ausland - Sebald J. Rutgers aus Holland, Otto Grimlund aus Schweden und Stange aus Norwegen - repräsentierten nur linke sozialistische Splittergruppen. Die übrigen Delegierten wurden vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Rußlands unter Emigranten und sogar Kriegsgefangenen ausgewählt, die schon in Moskau waren. Der französische Vertreter Jacques Sadoul war als Mitglied der Militärmission seines Landes nach Rußland gekommen und hatte sich dort für den Kommunismus gewinnen lassen.

Lenin setzt sich durch

Angesichts einer solchen nur wenig legitimierten Versammlung mußte Lenin um so mehr Rücksicht auf die Haltung der deutschen Kommunisten nehmen. Die Lage änderte sich, als am 4. März 1919 der österreichische Vertreter Karl Steinhardt in Moskau ankam und auf der Konferenz mit Nachdruck die sofortige Gründung einer III. Internationale verlangte. Steinhardt berichtete der Versammlung von der rovolutionären Situation in Österreich, wo die Arbeiter angeblich überall bereit seien, dem großen russischen Vorbild zu folgen. Er zeichnete ein überaus hoffnungsvolles Bild von den Aussichten der Kommunisten in Europa. Die Kommunistin Angelica Balabanova, welche dem Kongreß als Sekretärin beiwohnte, äußerte später die Vermutung, daß Steinhardt auf Weisung des Intriganten Karl Radek so optimistisch gesprochen habe. Rosa Luxemburgs Angriff auf Radek anläßlich der Gründungsversammlung der KPD läßt eine solche Revanche des aus Polen stammenden Bolschewiken sehr wahrscheinlich erscheinen. Die Konferenzteilnehmer zeigten sich jedenfalls von den Ausführungen Steinhardts sehr beeindruckt; dies nutzten die russischen Delegierten aus und stellten den Antrag, erneut abzustimmen, ob die Internationale sofort zu gründen sei. Zuvor hatten sich noch die Vertreter der ungarischen Kommunisten, der schwedischen Linken Sozialdemokraten und Christian Rakowsky als Delegierter der rovolutionären Sozialdemokraten der baltischen Staaten für eine umgehende Gründung der Internationale ausgesprochen.

Eberleins Einwand, es sei verfrüht, eine neue Internationale zu gründen, trat man mit der Behauptung entgegen, daß er den mächtigsten Faktor in Europa, die Revolution, unterschätze. In der anschließenden Abstimmung spielte auch die Nachricht, daß in Ungarn von Bela Kun die Räterepublik ausgerufen worden sei, eine wichtige Rolle. Es sprachen sich nämlich alle Delegierten - außer Eberlein - für die sofortige Gründung der III. Internationale aus. Eberlein stimmte nicht ausdrücklich dagegen, sondern enthielt sich der Stimme. Nachdem er sich mit seiner Meinung nicht hatte durchsetzen können, stellte er in Aussicht, daß die Kommunistische Partei Deutschlands nach seiner Rückkehr ihren Beitritt zur neu gegründeten Internationale erklären würde. Tatsächlich faßte dann auch die Deutsche Kommunistische Partei als erste nichtrussische KP den Entschluß, der Komintern beizutreten.

Obwohl sich Eberlein durch seine Stimmenthaltung von der Gründung der Internationale distanziert hatte, beriet er trotzdem über die grundlegenden Resolutionen mit. Diese waren von den sowjetischen Führern Lenin, Bucharin, Trotzki und Tschitscherin entworfen worden. Nikolai Bucharin hatte die »Richtlinien des Internationalen Kommunistischen Kongresses« eingebracht. Lenin war der Autor der »Leitsätze über bürgerliche Demokratie und proletarische Diktatur«, und von Trotzki stammte das »Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt«. Gemeinsam war allen drei Dokumenten die Überzeugung, daß die bestehende Krise nur durch das Mittel der proletarischen Revolution, verbunden mit der Diktatur des Proletariats, gemeistert werden könne; dem Nationalstaat wurde die Fähigkeit abgesprochen, alle Produktivkräfte fortzuentwickeln. Aus diesem Grunde war es nach Meinung der Bolschewiken notwendig, daß sich das Proletariat zu einer kommunistischen Internationale zusammenschloß, welche die gegenseitige Hilfe der Arbeiter der verschiedenen Länder verwirklichen und die proletarischen Aktionen koordinieren könnte. Das Manifest schloß mit dem Aufruf: »Proletarier aller Länder! Im Kampf gegen die imperialistische Barbarei, gegen die Monarchie, gegen die privilegierten Stände, gegen den bürgerlichen Staat und das bürgerliche Eigentum, gegen alle Arten und Formen der sozialen und nationalen Bedrückung - vereinigt Euch! Unter dem Banner der Arbeiterräte, des revolutionären Kampfes für die Macht und die Diktatur des Proletariats, unter dem Banner der Dritten Internationale, Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!«

Mit der Annahme dieser Resolutionen durch den Kongreß erhielten die russischen Bolschewiki die Möglichkeit, ihre Auffassung über die Zielsetzung einer rovolutionären Internationale vor aller Öffentlichkeit zu proklamieren. Sie wurden damit die eigentlichen Gewinner der Versammlung. Das fand auch seinen Niederschlag in den Entscheidungen über die Organisationsform, über ihren Sitz und ihre Organe. Es wurde ein Exekutivkomitee ins Leben gerufen, in das die »kommunistischen Parteien der bedeutendsten Länder« je einen Vertreter entsenden sollten. Zu diesen Ländern zählten Rußland, Deutschland, Österreich, Ungarn und Skandinavien. Als Sitz für das Exekutivkomitee hatte man Berlin in Aussicht genommen. Vorläufig, das heißt bis zur Errichtung einer deutschen Räterepublik, sollte es in Moskau amtieren. Ebenfalls nur vorläufig - bis zum Eintreffen der Vertreter der nichtrussischen kommunistischen Parteien - übernahmen »die Genossen des Landes, in dem das Exekutivkomitee seinen Sitz hat, die Last der Arbeit«. Das bedeutete, daß der ganze Apparat der Internationale von Sowjetrussen besetzt wurde. Damit hatten die russischen Kommunisten aber auch die Macht in der Komintern übernommen, also genau das erreicht, was Rosa Luxemburg stets verhindern wollte.

»Erzhalunken« und »Gesindel«

Der Sieg Moskaus über die anderen Parteien und Richtungen war vollständig. Triumphierend konnte Lenin im August 1919 in der ersten Nummer der Zeitschrift »Die Kommunistische Internationale«, die in russischer, deutscher, französischer und englischer Sprache erschien, verkünden: »Die weltgeschichtliche Bedeutung der III. Internationale besteht darin, daß sie begann, die große Losung Marx' im Leben zu verwirklichen, die Losung, die der jahrhundertelangen Entwicklung des Sozialismus und der Arbeiterbewegung die Bilanz zieht, die Losung, die im Begriffe ›Diktatur des Proletariats‹ ihren Ausdruck findet. Dieser geniale Vorausblick, diese geniale Theorie wird Wirklichkeit. Eine neue Epoche der Weltgeschichte hat begonnen. Die Menschheit wirft die letzte Form der Sklaverei von sich, die kapitalistische oder die Lohnsklaverei. Indem sie sich von dieser Sklaverei befreit, geht die Menschheit zum ersten Mal zu wahrer Freiheit über . . .«

Im Gefühl, allein der gültige Interpret der Ideen von Karl Marx zu sein, griff Lenin die sozialdemokratischen Parteien scharf an. Über die Führer der SPD schrieb er im gleichen Aufsatz: »Gegen das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts steht an der Spitze der universell mustergültigen marxistischen Arbeiter-Partei Deutschlands ein Häuflein Erzhalunken, das denkbar schmutzigste Gesindel, das sich dem Kapitalismus verkauft hat, von Scheidemann und Noske bis David und Legien die widerlichsten Henker aus der Arbeiterklasse im Dienste der Monarchie und der gegenrevolutionären Bourgeoisie . . . «

Die Rettung des Deutschen Reiches vor der Anarchie und seine Bewahrung vor der Sowjetisierung durch so verantwortungsbewußte Männer wie Ebert und Noske konnte nicht in der Absicht Lenins liegen. In seinen Augen erschienen sie als Verräter der Arbeiterklasse und mußten sich fortan diese bösartige Tonart gefallen lassen, die bald bei anderen Parteien der Kommunistischen Internationale Schule machte. In der Diktion der kommunistischen SED setzt sich dieser Haß der marxistischen Sozialisten bis in unsere Tage fort.

Im Jahre allgemeiner revolutionärer Bewegungen in Europa erging im Frühjahr die Einladung zum II. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale (Komintern). Die 217 Delegierten kamen am 19. Juli 1920 in Moskau zusammen, um das kommunistische Proletariat und den »unmittelbaren Kampf um die Weltrevolution zu organisieren«. Sie formulierten dabei die grundsätzlichen Richtlinien und Zielsetzungen der Komintern. In ihnen hieß es: »Die Kommunistische Internationale stellt sich zum Ziel, mit allen Mitteln, auch mit den Waffen in der Hand, für den Sturz der internationalen Bourgeoisie und für die Schaffung einer internationalen Sowjetrepublik . . . zu kämpfen.«

Dem Exekutivkomitee wurde die Vollmacht eingeräumt, allen der Komintern angehörenden Organisationen und Parteien bindende Richtlinien zu geben. Außer den 44 der Kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien, Sektionen genannt, unterstanden dem Exekutivkomitee die Abteilung Organisation mit den Unterabteilungen für Statistik, Information, Agitation und Propaganda sowie eine Kader-Abteilung, welcher die Auswahl, Überwachung und der Einsatz der Funktionäre zufiel. Die Abteilung Schulung sorgte für die entsprechende Ausbildung der Kader; die Militärpolitik wurde von der Militär-Abteilung geleitet. Die besonderen und vielfältigen Aufgaben der Propaganda wurden von der AGIT-PROP-Abteilung (= Abteilung für Agitation und Propaganda) wahrgenommen. Die IKK = Internationale Kontroll-Kommission hatte die ideologische Disziplin der führenden Kommunisten zu überwachen, und das Pressebüro der Komintern versorgte die Funktionäre und Mitarbeiter mit den erforderlichen internationalen Presse-Informationen. Die Kommunistische Internationale verfügte außerdem über ein eigenes Frauensekretariat, ein Sekretariat für Jugendfragen und ein Orientbüro. Weitere kommunistische Massenorganisationen wie die Rote Gewerkschafts-Internationale oder die Internationale Rote Hilfe waren ihr assoziiert.

Stalin übernimmt das Ruder

Die illegale Tätigkeit der Komintern bedingte als Basis ihrer Operationen auch eine illegale Organisation. Diese war zwar dem Exekutivkomitee unterstellt, geriet jedoch von Jahr zu Jahr mehr unter den Einfluß der Roten Armee und des sowjetischen Geheimdienstes. Der sowjetische militärische Geheimdienst war es auch, der nach dem fehlgeschlagenen kommunistischen Aufstand im Herbst 1923 sich die besten Männer aus den deutschen kommunistischen Untergrundorganisationen holte und sie in den militärischen Nachrichtendienst der Sowjetunion einbaute. Leo Trotzki wollte zwar ein Zusammenspiel zwischen Komintern-Arbeit und nachrichtendienstlicher Tätigkeit für die Sowjetunion vermeiden, um die nationalen Sektionen der Kommunistischen Internationale nicht zu kompromittieren, doch setzte er sich mit dieser Absicht nicht durch. Seit Lenins Tod im Januar 1924 und der Machtübernahme Stalins in der KPdSU war sein Einfluß im Schwinden. Der V. Weltkongreß der Komintern vom 17. Februar bis 8. März 1924 stand ganz im Zeichen innerrussischer Rivalitäten. Die Kommunistische Partei Deutschlands versuchte in jenen Monaten, etwas Unabhängigkeit von der KPdSU zu erlangen, vor allem wollte man sich von finanziellen Zuschüssen der Komintern unabhängig machen. Auf dem 10. Parteitag der KPD im Juli 1925 wurden sogar Stimmen laut, welche die Entfernung russischer »Sachverständiger« aus der Gewerkschaftsabteilung des Zentralkomitees der KPD verlangten. Das sowjetrussische Politbüro mußte schon fürchten, daß sich die KPD ganz von der Komintern lösen werde. Um dies zu verhindern, leitete Stalin, inzwischen unbestrittener Führer der KPdSU, den Sturz der rebellischen Gruppe in der KPD-Führung ein. An die Stelle der Nonkonformisten traten ergebene Stalin-Anhänger wie Heinz Neumann, Walter Ulbricht und Franz Dahlem.

Nach einer Pause von vier Jahren trat am 17. Juli 1928 der VI. Weltkongreß zusammen. Gemäß den Statuten der Komintern hätte er jedoch als oberstes Organ der Internationale jährlich tagen müssen. Stalin hatte den Weltkongreß in den Jahren 1925, 1926 und 1927 nicht einberufen, um eine mögliche Opposition nicht zu Wort kommen zu lassen. Nach dem Wunsch des sowjetischen Diktators leitete der VI. Weltkongreß einen scharfen Linkskurs ein. Zum Hauptfeind erklärte man wieder - wie beim ersten und zweiten Weltkongreß - die Sozialdemokraten. Bucharin, noch vom letzten Weltkongreß her Exponent der »rechten Gruppe« in der Komintern und bisher Präsident des Exekutivkomitees, mußte auf Betreiben Stalins ausscheiden.

Die Niederlage von 1933

Die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 gab mit ihren Folgeerscheinungen der Linkswendung der Komintern-Politik großen Auftrieb. In den Industrieländern Europas gab es viele Millionen Arbeitslose; in Deutschland allein wurden 1930 rund 4,3 Mill. Erwerbslose gezählt. Der Boden für eine kommunistische Revolution schien bereitet. Um in Deutschland endlich an die Macht zu gelangen, scheute man sich in der Komintern auch nicht vor taktischen Kurswendungen. So verließ man die auf dem VI. Weltkongreß beschlossene Links-Politik, wenn man es für opportun hielt, und bot dem Hauptfeind von gestern, der deutschen Sozialdemokratie, die Bildung einer Einheitsfront an. Der Berliner Verkehrsarbeiterstreik vom November 1932 zeigte Ulbricht sogar im Zusammenspiel mit Goebbels. Unabhängig von diesen politischen Operationen bereiteten die deutschen Kommunisten unter Anleitung von Komintern-Emissären den bewaffneten Aufstand vor. Sie beschafften Waffen und Munition und gingen daran, Reichswehr und Polizei zu zersetzen, um auch für den Fall eines Verbotes der KPD vorzubeugen. Die Ausrüstung mit Waffen wurde häufig durch Diebstähle in Waffenfabriken, Waffenläden und bei der Reichswehr besorgt. Trotz dieser umfangreichen Vorbereitungen blieben die deutschen Kommunisten überraschend passiv, als Hitler am 30. Januar 1933 die Regierung übernahm. Es brach auch kein Aufstand aus, als am 27. Februar 1933 der Brand des Reichstagsgebäudes der amtierenden Regierung willkommenen Anlaß bot, Tausende von kommunistischen Funktionären zu verhaften. Wieder hatte die Komintern die Lage falsch eingeschätzt und mit ihrer Politik eine Niederlage erlitten.

Stalin hinderte der Mißerfolg der von ihm initiierten Komintern-Politik nicht daran, sich auf die neue Lage umzustellen und sich um eine Zusammenarbeit mit Hitler zu bemühen. Die Kommunistische Internationale hatte sich dieser erneuten Wendung anzupassen. Als sich der deutsche Diktator antibolschewistisch zeigte, gab sich Stalin und mit ihm die Komintern-Politik wieder antifaschistisch und näherte sich der französischen Bourgeoisie. In dieser meinte man in Moskau deutliche Zeichen des Zerfalls erkennen zu können, welche man auszunützen gedachte, um Frankreich für den Kommunismus zu gewinnen. Die Bildung einer Volksfront am 14. Juli 1935 schien diese Hoffnung zu bestätigen.

Elf Tage danach trat der VII. Weltkongreß der Komintern zusammen. Er übte auf die Politik der Internationale keinen Einfluß mehr aus, sondern mußte sich damit begnügen, die Weisungen des Exekutivkomitees nachträglich zu bestätigen. Auf Antrag des italienischen Delegierten Togliatti richtete die Versammlung eine Grußadresse an Stalin, in welcher dieser als »Führer, Lehrer und Freund des Proletariats und der Unterdrückten der ganzen Welt« gefeiert wurde. Damit begann auch in der Komintern der Stalinkult.

Als sich im Laufe der Jahre 1936 und 1937 in Frankreich immer mehr herausstellte, daß eine Zusammenarbeit der Kommunisten mit der Armee, der Bürokratie und dem Diplomatischen Korps, nach Stalins Meinung die herrschenden Kräfte im damaligen Frankreich, nicht durchführbar war, hielt sich der sowjetische Diktator wieder für ein Bündnis mit NS-Deutschland bereit.

Sein geduldiges Warten machte sich bezahlt, als Hitler einen Bundesgenossen suchte, der ihm die notwendige Rückendeckung gegen mögliche Folgen seines Angriffs auf Polen bieten konnte. So kam es zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939.

Die Komintern wurde nicht mehr nach ihrer Meinung gefragt, sie hatte sich anzupassen und ihren Sektionen den neuen Kurs plausibel zu machen. Walter Ulbricht tat dies, als er am 9. Februar 1940 schrieb, daß es nicht nur die Kommunisten, sondern auch die nationalsozialistischen Arbeiter als ihre Aufgabe zu betrachten hätten, unter keinen Umständen einen Bruch des (Hitler-Stalin-)Paktes zuzulassen.

Die Auflösung

Als es dann am 22. Juni 1941 mit dem Angriff der deutschen Armeen auf die Sowjetunion doch zum Bruch des von Ulbricht beschworenen Paktes kam, war das weitere Schicksal der Komintern besiegelt. Dem durch Hitlers Angriff erzwungenen Zusammengehen Stalins mit den westlichen Demokratien wurde die Kommunistische Internationale mit ihrer revolutionären Zielsetzung in zunehmendem Maße ein Hindernis für eine gute Zusammenarbeit mit den westlichen Verbündeten. Im Mai 1943 ließ der sowjetische Diktator schließlich die Auflösung der Komintern verfügen.

Am 22. Mai 1943 veröffentlichte daraufhin das sowjetische Parteiorgan »Prawda« die Meldung, daß die Kommunistische Internationale mit Wirkung vom 10. Juni 1943 aufgelöst sei. Die Nachricht bezog sich formell auf einen Beschluß, den das Exekutivkomitee der Komintern am 15. Mai 1943 gefaßt hatte. Zu den Unterzeichnern des Auflösungsbeschlusses gehörten auch die aus Deutschland emigrierten Kommunistenführer Wilhelm Pieck und Wilhelm Florin. In der Begründung für die »Selbstauflösung« hieß es wörtlich: »Der Lauf der Ereignisse im letzten Vierteljahrhundert und die Erfahrung, die von der Komintern gesammelt wurde, zeigten überzeugend, daß die organisatorische Form der Arbeitervereinigung, die der I. Kongreß der Komintern wählte, in steigendem Maße veraltete, obwohl sie den Notwendigkeiten der Anfangsperiode der Arbeiterbewegung entsprach . . .«

Mit diesem Auflösungsbeschluß ging ein bewegtes Kapitel des internationalen Kommunismus zu Ende.

Zieht man abschließend Bilanz, so stellt man fest, daß sich die Komintern zwar sehr viel vorgenommen und sich auch fast an allen politisch interessanten Orten eingemischt hat, aber an keiner Stelle der Erde die Weltrevolution einen entscheidenden Schritt nach vorn bringen konnte. Dreimal scheiterte ihr Versuch (1919, 1921 und 1923), Deutschland zu einem Sowjetstaat zu machen. Im Jahre 1927 verlor sie ihren Kampf um China, als Tschiang Kai-schek die kommunistischen Organisationen vollständig zerschlug. Vorher, im Jahre 1922, ging Italien an den Faschismus Mussolinis verloren.

In Frankreich mißlang die Absicht, über die Bildung einer Volksfront die Macht im Staate zu übernehmen.

Der spanische Bürgerkrieg endete mit einer Niederlage der Linken und dem Sieg der antikommunistischen Armeen General Francos. Der von der Komintern 1933 in Brasilien inszenierte Putsch wurde ebenfalls blutig niedergeschlagen.

Die viermal so starke Sozialistische Internationale mit rund 6,6 Millionen Mitgliedern nicht für sich gewonnen, sondern weiterhin als erbitterte Konkurrenz erhalten zu haben, gehört gleichermaßen zum Passiv-Saldo der Komintern.

Unter diesen Gesichtspunkten bedeutete die Auflösung der Kommunistischen Internationale im Sommer 1943 letztlich nur die Liquidation eines mit Verlust arbeitenden Unternehmens.

Darin auch die Aufgabe der weltrevolutionären Ziele des Kommunismus und des Bolschewismus zu sehen, hieße die Entwicklung der letzten fünfundzwanzig Jahre außer acht lassen.

Literatur

Theo Pirker, Komintern und Faschismus 1920-1940. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. 2. Auflage, Stuttgart 1966 Günther Nollau, Die Internationale, Köln 1959-B. Latzich, Lenine et la IIIe Internationale, Paris 1951 - Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, Paris, o. J. - Günther Nollau, Die Komintern. Vom Internationalismus zur Diktatur Stalins. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Heft 63, Bonn 1964-Theo Pirker, Utopie und Mythos der Weltrevolution, München 1964 - Julius Braunthal, Geschichte der Internationale, Hannover 1963 - W. G. Krivitzky, Ich war in Stalins Dienst, Amsterdam 1940 - A. Rosenberg, Geschichte des Bolschewismus von Marx bis zur Gegenwart, Berlin 1932 - Gerhart Binder, Epoche der Entscheidungen, Stuttgart 1970 - Victor Gollancz, The Betrayal of the Left, London 1941 - Castro Delgado, J'ai perdu la foi à Moscou, Paris 1950 - Lewis L. Lorwin, Labor and Internationalism, New York 1929 - Ruth Fischer,-Stalin und der deutsche Kommunismus, Frankfurt/Main 1948 - Margarete BuberNeumann, Schauplätze der Weltrevolution.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(4) (1980), S. 15-20

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