Zum Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen

Zeitgeschichte in leichtfertigen Händen

Dr. Alfred Schickel

Anläßlich des 40. Jahrestages des Kriegsendes wurden wieder viele unzutreffende Behauptungen über die deutsche Schuld aufgewärmt oder gar neu vertreten. Dazu gehört der selbst in Nürnberg und in den folgenden Prozessen gegen führende deutsche Militärs nicht erhobene Vorwurf, in deutscher Gefangenschaft seien über drei Millionen sowjetischer Kriegsgefangener umgekommen. Unser bereits durch eine Reihe zeitgeschichtlicher Aufdeckungen hervorgetretener Mitarbeiter geht dieser Behauptung nach und zeigt auf, wie leichtfertig junge deutsche Historiker Urteile zu Lasten Deutschlands fällen.


Vor einigen Jahren machte die Fernsehsendung »Report« aus Baden-Baden von sich reden. Wie Öfters in den Massenmedien hierzulande wagten sich wieder einmal bestimmte Journalisten an die Bewältigung deutscher Vergangenheit. Nachdem andere weidlich ausgeschlachtete Themen offenbar nichts mehr hergeben, setzten sie diesmal die Deutsche Wehrmacht auf die Anklagebank. Dabei störte die zwei SWF-Amateur-Historiker zunächst einmal der Umstand, daß man die deutsche Armeeführung nicht einmal im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozeß verurteilt hatte, sondern ihr im großen und ganzen ihren integren Namen beließ. Bekanntlich wurden lediglich einzelne Generäle und Feldmarschälle vor alliierte Gerichte gestellt und verurteilt, aber - von Jodl und Keitel abgesehen - kein einziges Strafmaß in ausgesprochener Höhe auch vollzogen. Der seine zehn Jahre voll abbüßende Großadmiral Dönitz wurde nicht allein als Flotten-Oberkommandierender bestraft, sondern auch in seiner Eigenschaft als Hitler-Nachfolger zur Rechenschaft gezogen und verurteilt.

Für wie problematisch selbst alliierte Staatsmänner die Richtersprüche der Siegertribunale hielten, bewies beispielsweise Winston Churchill, der zum Revisionsverfahren für den verurteilten Feldmarschall von Manstein eine persönliche Geldspende beisteuerte und sich später wenig überrascht zeigte, als die ursprüngliche Anklage zusammenbrach und eine Kassation des ersten Urteils erfolgte, von britischen Seeoffizieren ganz zu schweigen, die in ihrer Offiziersmesse unter den »Bildern bedeutender Admirale« auch ein Foto von Karl Dönitz aufgehängt hatten.

Nürnberg übertreffen

Über dreißig Jahre nach diesen Vorgängen soll nun offenbar eine »Nach-Korrektur« erfolgen und die seinerzeit von den Siegern ausgesparte Verurteilung der deutschen Wehrmacht als »verbrecherische Organisation« partiell nachgeholt werden. Dabei tut man so, als hätte man »neues Material entdeckt«, das 1945/46 nicht bekannt gewesen sei, um sich vor der Öffentlichkeit interessant zu machen. In Wahrheit tischten alliierte Ankläger in Nürnberg gelegentlich mehr Beweismaterial auf - besonders der sowjetische General Rudenko -, als hieb- und stichfeste Unterlagen wirklich zur Verfügung standen. Die vornehmlich von Moskau eingeführten »Indizien« und »Beweise« reichten vom entwendeten Kopf-Präparat aus dem Berliner Völkerkunde-Museum bis zu der wahrheitswidrigen Behauptung, die deutsche Wehrmacht hätte die polnischen Offiziere im Walde von Katyn ermordet, und wurden vor ihrer Öffentlichen Widerlegung und Entlarvung dann jeweils schnell fallengelassen.

Obwohl Ankläger und Richter von der gleichen Seite, nämlich der Siegerpartei, gestellt wurden, wollte man offenbar nicht so weit gehen und fingierte Beweisstücke als Belastungsmaterial würdigen, zumal anderweitige Zeugen in Fülle zur Verfügung standen und diese Phantom-Indizien überflüssig machten.

Bei allem Bemühen, insonderheit des sowjetrussisehen Anklagevertreters, die in Nürnberg vor Gericht stehenden Vertreter des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) todeswürdiger Verbrechen zu überführen, erwähnten sie zu keiner Zeit, daß rund 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene in deutschen Lagern umgekommen seien oder von der Wehrmacht umgebracht worden wären, wie dies die eingangs erwähnte »Report«Sendung aus Baden-Baden kolportierte.

Der mögliche Einwand, daß man damals eventuell die genaue Zahl - oder auch die ungefähre Höhe - noch nicht habe feststellen können, scheitert an dem Hinweis, daß man jedoch 1946 auch schon von sechs Millionen umgekommenen Juden sprach und bei der Angabe dieser Zahl offenbar auch keine unüberwindlichen Ermittlungsschwierigkeiten hatte, obgleich es nicht leichter gewesen sein dürfte, die jüdischen Opfer zu erfassen als die allesamt in einem Land, der Sowjetunion, registrierten Männer und Soldaten.

Statt von 3,3 Millionen umgekommenen sowjetrussisehen Kriegsgefangenen sprach man in Nürnberg von anderen Verbrechen der deutschen Invasoren, besonders auch vom sogenannten »Kommissarbefehl« des OKW. Er besagte, daß »politische Kommissare aller Art als die entscheidenden Träger des militärischen Widerstandes der Roten Armee grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen« wären, und wurde bereits am 6. Juni 1941, also noch vor dem deutschen Rußlandfeldzug, er lassen. Als Begründung wurde angegeben, daß »mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht zu rechnen« sei und daß »insbesondere von den politischen Kommissaren … eine haßerfüllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen zu erwarten« sei.

Das frühe Datum dieser verbrecherischen Anordnung verbietet jede mögliche Rechtfertigung mit Hinweis auf die dann tatsächlich begangenen Grausamkeiten der Roten Armee an deutschen Verwundeten und Gefangenen, wie sie gerade vor kurzem in der eindrücklichen Monographie des amerikanischen Neuhistorikers, Alfred M. de Zayas, über die Völkerrechtsverletzungen der Alliierten während des Zweiten Weltkriegs dokumentiert wurden. Die sowjetischen Kriegsverbrechen - seien es die Morde an 165 deutschen Kriegsgefangenen vom 1. und 2. Juli 1941 in Broniki oder die zum Teil bestialische Tötung von 160 deutschen Verwundeten im Januar 1942 in Feodosia auf der Krim durch die Rote Armee - haben allenfalls den Vollzug des »Kommissarbefehls« leichter durchsetzbar gemacht, zumal auch Stalin in einem einschlägigen Tagesbefehl eine inhumane Kriegführung ankündigte. Gleichwohl beachteten die deutschen Frontkommandeure den »Kommissarbefehl« nicht mit gleicher Konsequenz, übergingen ihn oder sprachen sich in Eingaben an das OKW offen gegen ihn aus. Er lief zudem auch den Bemühungen der deutschen Frontpropaganda zuwider, die sich um möglichst große Überläuferquoten zu kümmern hatte und in dieser OKW-Anordnung ein großes Erfolgshemmnis sehen mußte. So wurde der »Kommissarbefehl« schließlich am 6. Mai 1942 wieder aufgehoben.

Der Kölner Neuhistoriker Ortwin Buchbender weist auf die Zusammenhänge in seinem neuesten Buch über die »Deutsche Propaganda gegen die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg« hin und macht darin auch deutlich, wieviele Offiziere Stalin bei seinen verschiedenen »Säuberungen« von seiner Geheimpolizei NKWD kurzerhand liquidieren ließ (u. a. 3 Marschälle, 13 Armee-Oberbefehlshaber, 57 Korpskommandanten, 110 Divisions- und 220 Brigadekommandeure).

Einseitige Auswahl

Die fragwürdige einseitige Auswahl der SWF-Moderatoren in ihrer »Report«-Sendung zeigte sich übrigens auch darin, daß sie zwar Bilder aus Buchbenders Monographie vorführten, die Arbeit selber aber mit keinem Wort erwähnten. Offenbar paßte ihnen seine Darstellung nicht ins Konzept, erschien ihnen Buchbenders wissenschaftliche Untersuchung als zu »wehrmachtsfreundlich«.

Dafür stützten sie sich auf eine überaus fragwürdige Arbeit eines jungen Heidelberger Historikers, in welcher die Behauptung aufgestellt wird, daß von den rund 5,7 Millionen kriegsgefangenen Sowjetsoldaten »etwa 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft umgekommen« seien, was einem Prozentsatz von fast 58 vom Hundert ausmachen würde. Als Kronzeugen für diese Rechnung dient nicht etwa ein ausgewiesenes amtliches Dokument oder eine Erhebung des Internationalen Roten Kreuzes oder zumindest eine offizielle sowjetische Verlustangabe, sondern der Entwurf einer »Denkschrift« eines ehemaligen deutschen Beamten sowie die Gegenüberstellung von Zahlen eingebrachter Gefangener und späterer Personalbestände in den Kriegsgefangenen-Lagern -und das alles aus den Anklage-Akten des Nürnberger Militär-Tribunals genommen (vgl. IMG Band XXV, Seite 156-61, als »Dokument 081-PS« bekannt). In dieser »Anfang März 1942« dem Chef des OKW, Generalfeldmarschall Keitel, zugegangenen »Denkschrift zur Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen« heißt es: »Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland ist … eine Tragödie größten Ausmaßes. Von den 3,6 Millionen Kriegsgefangenen sind heute nur noch einige Hunderttausende voll arbeitsfähig … «

Ohne große Umschweife erklärt der Heidelberger Junghistoriker die fehlenden sowjetischen Kriegsgefangenen für tot, wenn er die »Denkschrift« zusammenfaßt: »Außer den zwei Millionen Kriegsgefangenen, die bereits tot waren, als die eben zitierte Denkschrift verfaßt wurde, starben bis Kriegsende weitere 1,3 Millionen -etwa 3,3 Millionen der insgesamt rund 5,7 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener (57,8 Prozent) kamen in deutscher Gefangenschaft um.« Die Baden-Badener »Report«-Moderatoren brachten dann diese Horrorzahl in ihrer ausgestrahlten Sendung unters Volk, ohne die Seriosität dieser verbreiteten Angaben zu überprüfen. Statt dessen bestellten sie sich einen Kölner Historiker ins Studio, der die in der Sendung zitierten Gefangenen-Erschießungen aus seinem Kenntnisstand heraus bestätigte und damit offensichtlich die Millionenzahl absegnete. Was dem Fernsehzuschauer freilich verborgen blieb, war eine ganze Reihe von merkwürdigen Umständen und Ungereimtheiten.

Zu ihnen gehört zunächst einmal das - von den »Report«-Moderatoren freilich verschwiegene - Eingeständnis des bemühten Heidelberger Nachwuchs-Historikers, nach welchem »einige Aspekte dieses komplexen Themas ausgespart bleiben« mußten. Damit waren beispielsweise jene sowjetischen Kriegsgefangenen gemeint, die sich in der Verfügungsgewalt der Marine und der Luftwaffe befanden oder die als »Hilfswillige« (»Hiwis«) in »Landeseigenen Verbänden« oder in SS-Einheiten Dienst taten und mithin in den Erhebungen nicht mehr als Gefangene geführt wurden, jedoch keineswegs als Tote gezählt werden dürfen.

Eine Million Hilfswillige

Der westdeutsche Neuhistoriker Dr. Horst Gerlach schätzt auf Grund sorgfältiger Nachforschungen die Zahl der sowjetrussischen »Hiwis« auf 750 000 bis eine Million in den Diensten der deutschen Armee und meint: »Dazu kommen Leute in deutschen Polizeieinheiten und so manchen anderen Diensten.« Diese dreiviertel bis eine ganze Million Menschen waren offenbar dem Heidelberger Junghistoriker und den SWF-Moderatoren samt dem Kölner Geschichtsprofessor kein sonderliches Nachdenken wert.

Völlig übergangen haben alle - Journalisten, Publizisten und Historiker - den Umstand, daß die deutsche Wehrmacht viele Hunderttausende sowjetrussischer Gefangener wenige Wochen nach ihrer Gefangennahme in ihre Heimatorte entlassen hat, soweit diese im deutschen Besatzungsbereich lagen. Dies geschah nicht so sehr aus humanitären Gründen oder mit der Absicht, sich durch die Entlassung die betroffenen Russen als Verbündete zu gewinnen, als vielmehr aus der Notwendigkeit heraus, die vorhandene Verpflegung für die eigene Armee zur Verfügung zu halten. Soweit es sich um Rotarmisten aus der Ukraine und aus den baltischen Ländern (Estland, Lettland und Litauen) handelte, war die verfügte Entlassung verschiedentlich auch politisch bestimmt und nicht nur von der Ernährungslage veranlaßt.

Wie ein Offizier aus dem Führungsstab des Oberkommandos der 17. deutschen Armee bekundet, wurden von seiner Einheit allein schon zu Beginn des Rußlandfeldzugs rund 90000 ukrainische Kriegsgefangene in die Heimat entlassen. Bekanntlich marschierten im Juni 1941 zehn deutsche und verbündete Armeen sowie vier Panzergruppen in Rußland ein; wenn jede dieser Armeen und Panzereinheiten nur 90 000 Gefangene vorzeitig entlassen hätte, dann verringerte sich die Zahl der registrierten kriegsgefangenen Rotarmisten um mindestens weitere 1,2 bis 1,4 Millionen Mann, eine Möglichkeit, die nicht auszuschließen ist, die aber von den Verlust-Statistikern überhaupt nicht in Betracht gezogen wurde. Daß diese Entlassungen jedenfalls nicht nur hypothetisch, sondern verschiedenenorts auch reale Tatsachen waren, geht auch aus der Darstellung von Hans Steets hervor, in welcher der Autor als Augenzeuge schon 1956 berichtete:

»Die ukrainische Bevölkerung um uns hatte weniger gelitten, zudem hatte sie bald in der Rückkehr ihrer Männer aus der deutschen Gefangenschaft die große Hilfe und Arbeitskräfte wieder. «

Von diesen Aussagen nahmen aber weder die SWF»Reporter« noch ihr heimlicher Gewährsmann aus Heidelberg noch der Kölner Professor Notiz. Ihnen genügte es offenbar, daß schon vor ihnen ein Bonner Politikwissenschaftler die Zahl von 3,3 Millionen toter russischer Kriegsgefangener genannt hatte, der sie seinerseits wiederum von einem anderen Gewährsmann übernommen hatte, ohne sie je nachzuprüfen. So schrieb im Grunde genommen fast jeder von einem anderen ab, beziehungsweise redete eine überkommene Zahl ohne feststellbare Nachkontrolle dem anderen nach. Bei dieser Übung gewinnt die Empfehlung eines britischen Historikers fast Aktualität, nach welcher die westdeutschen Zeithistoriker mehr forschen und weniger voneinander abschreiben sollten.

Widersprüche und Ungereimtheiten

Wenn man auch nie ohne jede Berufung auf einen anderen wird wissenschaftlich arbeiten und publizieren können, da die verstreute Aktenlage gerade in der Zeitgeschichte oft eine solche Kooperation notwendig macht, so ist man doch auch allein in der Lage, bestimmte Fragen und Gesichtspunkte zu einem geschichtswissenschaftlichen Komplex kritisch zu bedenken.

Zu ihnen gehören die nachfolgenden Ungereimtheiten:

Gewiß ist nirgends verbürgt, daß die sowjetischen Angaben auch stimmen, zumal sie immer wieder voneinander abweichen. So nannte Gregory Frumkin in seiner Monographie über Bevölkerungsveränderungen in Europa im Jahre 1951 die Zahl 2,6 Millionen »in Kriegsgefangenschaft verstorbener Sowjetsoldaten«. Er beruft sich dabei auf Unterlagen, die vom Sowjetobersten Kalinow stammen. Dieser gehörte bis zum Jahre 1949 zum Sowjetischen Hauptquartier in Berlin und soll angeblich Zugang zu bislang unveröffentlichten amtlichen Erhebungen gehabt haben. An Gefallenen und Vermißten gibt Kalinow übrigens 8,5 Millionen Sowjetbürger an, der größte Posten in seiner Verluste-Aufstellung. In ihm sind übrigens auch jene Russen enthalten, die es verstanden hatten, sofort nach 1945 von Deutschland ins westliche Ausland, vornehmlich nach Nordamerika, auszuwandern. Bekanntlich hatten viele Russen, die in Deutschland eine höhere Zivilisation kennenlernten, (als sie sie von zuhause her kannten) den Wunsch, nicht mehr in ihre alte Heimat zurückzukehren, wo sie überdies noch als »Westler« eine Deportation nach Sibirien befürchten mußten, sondern wollten sich in einem westlichen Land eine neue Existenz aufbauen.

So ist beispielsweise dem Verfasser in den Vereinigten Staaten ein Professor bekannt geworden, der 1941 als sowjetischer Offizier in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, von den deutschen Behörden die Erlaubnis erhielt, an der Berliner Universität zu promovieren, 1943 in ein großes Elektro-Unternehmen einzutreten und nach dem deutschen Zusammenbruch in die USA auszuwandern, wo er heute noch Elektrotechnik lehrt. Nach oberflächlicher Vergleichsstatistik zwischen der Gefangenenzahl 1941 und späteren Erhebungen wäre dieser russisch-stämmige US-Professor auch einer der »3,3 Millionen« umgekommenen Sowjetgefangenen.

Massengräber wurden nie gefunden

Eine weitere offene Frage, der sich die »Report«-Moderatoren samt ihren historischen Gewährsmännern hätten stellen müssen, ist jene nach den Massengräbern für die angeblich 3,3 Millionen toten Russen. Wenn es möglich war, das Massengrab von Katyn auszumachen, wo »nur« 4253 von den Sowjets ermordete polnische Offiziere beerdigt waren, dann müßte es doch bei einer fast tausendfach so hohen Zahl von Toten viele Massengräber nach dem Muster von Katyn geben, die zu finden sein müßten. Sowohl der Heidelberger Junghistoriker als auch der Kölner Ordinarius wußten auf diese Frage nichts zu antworten. Wenn man aber - nach gutem wissenschaftlichen Brauch - für jede Behauptung auch einen Beweis anführen soll, dann dürften die Kolporteure der 3,3 Millionen-Zahl diese Verpflichtung nicht umgehen - im anderen Falle riskieren sie, vom Publikum nicht mehr ganz ernst genommen zu werden.

Statt mit der vorgefaßten Meinung, daß es sich bei den deutschen Streitkräften während des Zweiten Weltkriegs um eine »nationalsozialistische Wehrmacht« gehandelt habe, an die Untersuchung der russischen Gefangenenverluste heranzugehen, wie dies der Heidelberger Nachwuchs-Historiker tut, hätte es sich empfohlen, vorliegende gesicherte Erkenntnisse zu berücksichtigen. Etwa daß in einzelnen Gefangenenlagern geflohene Russen als »tot« oder »Abgang« registriert und gemeldet wurden, um eine Bestrafung des Wachpersonals zu umgehen. So war nämlich bekannt geworden, daß nach der Flucht von sowjetischen Kriegsgefangenen aus der Benzindestillieranlage Pölitz bei Stettin ein SS-Wachmann drei Monate Bau »wegen Beihilfe zur Flucht« bekommen hatte, was dann nicht selten zu diesen statistischen »Umfrisierungen« führte.

Menschliche Behandlung der Kriegsgefangenen

Auch hätte es sich für die Verfechter der 3,3 Millionen-Zahl gelohnt, der Frage nachzugehen, wieviel sowjetrussische »Hiwis« bei der Flak Verwendung fanden. Die vom Heidelberger Junghistoriker gehegte Vermutung, daß sich im Bereich der Luftwaffe nur eine »vergleichsweise geringe Zahl« von russischen Gefangenen befunden habe, und seine Behauptung, daß dafür auch keine »ausreichenden Quellen zur Verfügung standen«, ist nicht nur unzutreffend, sie scheint auch von einem bedauerlichen Mangel an Nachforschungsfleiß zu zeugen. So hätte wiederum der bereits erwähnte westdeutsche Neuhistoriker Horst Gerlach eine Fülle von Belegen liefern können, wenn man an ihn herangetreten wäre. Aus diesen Unterlagen wäre dann ersichtlich geworden, daß nicht nur bei Schanzarbeiten in Rastenburg für Hitlers »Führerhauptquartier« russische Gefangene und deutsches Bodenpersonal Seite an Seite arbeiteten, sondern auch viele deutsche Flakbatterien rund zwanzig russische Hiwis als Bedienung hatten. Um das »Fraternisierungsverbot« zu umgehen, funktionierte der Verkehr zwischen Deutschen und kriegsgefangenen Russen oft auf die Weise, daß man wortlos an eine bestimmte Stelle Brot legte, um dann später von dort angefertigte Schnitzereien zu holen, ein Umgang, der sich auch vielerorts zwischen der deutschen Zivilbevölkerung und kriegsgefangenen Sowjetsoldaten beobachten ließ, wie der Verfasser aus eigener Erinnerung bestätigen kann. In seinem Heimatdorf in Nordböhmen waren gegen Kriegsende (im Frühjahr 1945) rund 600 russische Kriegsgefangene untergebracht, die von knapp 20 deutschen Soldaten bewacht wurden und einen schwunghaften Handel mit Schnitzereien und Flechtarbeiten mit den Dorfbewohnern trieben. Ähnliches ist aus anderen Orten bekannt, wie Augenzeugen berichten oder Dorfehroniken vermerken. Solchen Quellen scheinen jedoch die Kolporteure der 3,3 Millionen-Zahl nicht nachgegangen zu sein, ein Versäumnis, das ihre Erhebungen ebenso beeinträchtigt wie ihre leichtfertige Übernahme und Weitergabe ungeprüfter Horror-Statistiken infrage stellt.

Ähnlich wie widersprochen werden müßte, wenn man den Sowjets eine Todesrate von 90 Prozent der deutschen Kriegsgefangenen in den sibirischen Lagern nachsagen wollte, während sie in Wahrheit bei 70 Prozent lag, gebietet es die Pflicht zur historischen Wahrheit, die sowjetischen Verluste im Bereich der seriösen Erhebung zu halten und nicht bedenkenlos aufzubauschen.

Dabei bleibt unbestritten, daß jeder einzelne Todesfall bedauerlich ist, und steht ebenso außer jeglicher Diskussion, daß schon die Ermordung eines einzigen Sowjetgefangenen ein verabscheuungswürdiges Verbrechen ist - was freilich auch für die deutschen Opfer gelten muß, weil es gleichermaßen unmoralisch wäre, zwischen erinnerungswürdigen Toten der Sieger und zu übersehenden Opfern der Verlierer zu unterscheiden.

Desgleichen ist unbestritten, daß die sowjetischen Kriegsgefangenen in den deutschen Stammlagern (»Stalags«) oft sehr schlecht verpflegt waren, während es ihren Kameraden auf dem Dorf bei den Bauern nicht schlechter erging als der einheimischen deutschen Bevölkerung, welche mit den russischen Kriegsgefangenen an einem Tisch aß. Es ist jedoch zu bedenken, daß auch die deutschen Stadtbewohner und »Normalverbraucher« nicht selten Hunger litten, viele Versorgungsgüter durch die Bombenangriffe vernichtet wurden und die einströmenden Flüchtlinge die Not noch vergrößerten.

Hohe Krankheitsanfälligkeit

Dazu kam eine auffällige Anfälligkeit der Sowjetrussen für Typhus, und zwar nicht nur, wenn russische Gefangene in KZ-Lagern untergebracht wurden, sondern auch bei der Belegung von finnischen Lagern mit Sowjetgefangenen.

Wie der Schweizer Neuhistoriker Peter Gosztony in seiner Monographie »Hitlers Fremde Heere« (Düsseldorf 1976) darstellt, kletterte die Sterblichkeitsrate unter den sowjetischen Kriegsgefangenen in Finnland im Winter 1941/42 auf dreißig Prozent pro Woche. Es dürfte außer jedem Zweifel stehen, daß die Finnen keinerlei nationalsozialistischer Rassenideologie oder »Untermenschen«-Theorie anhingen, zumal auch der Schweizer Arzt Dr. Pindermann feststellte, daß es »falsch wäre, Finnland für die Katastrophe verantwortlich zu machen«. Die auch in bestimmten deutschen Lagern aufgetretene hohe Sterblichkeit der russischen Gefangenen wäre daher auch einmal vor dem Hintergrund der Mortalität in finnischen Camps zu untersuchen und zu fragen, welche Vorsorgemaßnahmen (Impfungen) in der Roten Armee üblich waren, wie es mit der ärztlichen Versorgung der Sowjetsoldaten überhaupt stand, welche hygienischen Verhältnisse herrschten und wie die Rotarmisten mit Bekleidung und geeigneter Verpflegung ausgestattet waren, Fragen, der sich eine wissenschaftliche Arbeit über die Verluste der sowjetrussischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam auch stellen muß.

Wenn diese Umstände hier angeführt werden, dann nicht, um nationalsozialistische Ausschreitungen und Völkerrechtsverletzungen zu verniedlichen oder herunterzuspielen, sondern um der unbefangenen Ermittlung und Erhellung der Vergangenheit zu dienen und ihren Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen.

Schließlich ist jeder Russe, der entgegen den zeithistorischen Verluste-Statistikern das Grauen des Krieges und die Not der Gefangenschaft überlebt hat, nicht so sehr nur ein lebendiger Beweis für die Fehlbarkeit westdeutscher Zeitgeschichtler und ihrer publizistischen Weggenossen oder gar ein Minderer nationalsozialistischer Gewaltverbrechen, sondern viel mehr auch ein möglicher Zeuge für tätige und praktizierte Menschlichkeit zwischen Deutschen und Russen. Ungleich mehr als die offizielle Zeithistorie oft zur Kenntnis nimmt und in den Annalen verzeichnet, haben die einfachen Menschen - Russen wie Deutsche - einander Edelmut und Selbstlosigkeit bewiesen; ob der russische Bursch den schwerverwundeten deutschen Offizier noch mit letzter Kraft zum Verbandsplatz schleppte oder die deutsche Bauersfrau einem hungernden Sowjetgefangenen Kartoffeln und Brot zusteckte, wie alles belegt und erwiesen ist. Letztendlich dürfte diese Mitmenschlichkeit mehr zur Versöhnung unter den Völkern beitragen, als das fast beflissene Bemühen, sich noch mehr Schuld aufzuladen, als in der historischen Wirklichkeit überhaupt zu finden ist. Denn man kann dadurch auch unglaubwürdig werden - besonders beim ehrenhaften Gegner von gestern.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 33(4) (1985), S. 16-20

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