Mutmaßungen über Deutschland und seine Geschichte

Anmerkungen zu fünf Beiträgen Andreas Hillgrubers über Deutschland und die Deutschen

Dr. Alfred Schickel

Seit mutige deutsche Historiker und Politologen wie Hellmut Diwald, Wolfgang Venohr und Bernard Willms die nationale deutsche Frage wieder ins Gespräch gebracht und mutige Positionen bezogen haben, wurde auch für andere Geschichtswissenschaftler Deutschland wieder ein abhandlungswertes Thema. So meldete sich in den letzten Jahren auch der Kölner Ordinarius Andreas Hillgruber wiederholt zum Deutschland-Problem zu Wort und faßte »fünf Beiträge über Deutschland und die Deutschen« unter dem Titel »Die Last der Nation« (Droste Verlag, Düsseldorf 1984, 119 Seiten Paperback, DM 24,-) zusammen.


Hillgruber geht in dem Buch der Frage nach, ob mit dem Scheitern der deutschen Großmachtbestrebungen im 20. Jahrhundert auch die deutsche Nation Schiffbruch erlitten habe und als politische Wirklichkeit verschwunden sei. Sein Befund, daß es »die eine deutsche Nation gibt, die noch nicht gescheitert ist«, stimmt zunächst zuversichtlich; auch Hillgrubers Empfehlung, »eine Reduktion des Nationalbewußtseins der Westdeutschen auf die Bundesrepublik zu verhindern«, kann vorbehaltlos übernommen werden, ebenso wie seine Warnung davor, die Lösung der »Deutschen Frage« den Machthabern in Ostberlin zu überlassen. Nur kann er sich nicht enthalten, seine Leser, die westdeutschen Zeitgenossen, zuvor mit der ganzen Verantwortungslast der jüngsten Geschichte zu beladen und zusätzlich noch zu größter Rücksicht auf die Ressentiments der Nachbarvölker zu ermahnen, als ob die Wiedervereinigung Deutschlands zuvörderst eine nationale Aufgabe Warschaus oder Den Haags wäre und nicht das selbstverständliche Ziel der bundesdeutschen Politik. Die einschlägige Verpflichtung unseres Grundgesetzes, nach welcher das ganze deutsche Volk aufgefordert bleibt, die Einheit und Freiheit Deutschlands in Frieden zu vollenden, scheint dem Kölner Ordinarius etwas aus dem Blickfeld geraten zu sein -wie er seinerseits auch die Wiedervereinigung auf ein Deutschland »zwischen Oder/Neiße und Aachen« begrenzt, also die Rechtspositionen des Deutschen Reiches gegen die Machtbehauptungen der Östlichen Siegermacht eintauscht, ohne sich offenbar über die volle Tragweite eines solchen politischen »Pragmatismus« klar zu sein. Das verwundert um so mehr, als er ansonsten gern und oft mit der moralischen Elle an geschichtlichen Vorgängen Maß nimmt und sich in der Historiographie bestimmten volkspädagogischen Anliegen verpflichtet weiß. Ein ähnliches Gemenge von vertretbaren und ergänzungsbedürftigen Aussagen findet sich auch in Hillgrubers zweitem Beitrag über »Die politischen Kräfte der Mitte und die Auflösung der Weimarer Republik«.

Da wird man zunächst seiner Feststellung zustimmen können, daß es sich bei der Weimarer Reichsverfassung von 1919 um die »liberalste und weitestgehend demokratischen Idealvorstellungen entsprechende Verfassung, die es je in Deutschland gab«, handelte, und auch seine Aussage unterstreichen dürfen, daß das Nein der SPD bei der Abstimmung über das sogenannte Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 nicht das letzte Wort der Sozialdemokraten in jenen Wochen gewesen ist, wie dies von bestimmten Kreisen gern verbreitet wird, sondern daß es am 17. Mai 1933 noch eine ausdrückliche Unterstützung der neuen Regierung durch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion gegeben hat. Und zwar nicht nur »unter Drohungen des Reichsinnenministers Frick«, wie Hillgruber meint, sondern auch mit spontanem Zuruf, wie das amtliche Protokoll dieser Reichstagssitzung ausweist. Das im Anschluß an die einstimmig erfolgte Verabschiedung der Resolution zur Unterstützung der Politik der Reichsregierung angestimmte Deutschlandlied wurde auch von den sozialdemokratischen Abgeordneten mitgesungen, selbstverständlich mit der Strophe »Deutschland, Deutschland über alles«.

Die Auflösung der Weimarer Republik

Doch erscheinen diese Auslassungen des Kölner Ordinarius noch verhältnismäßig zweitrangig gegenüber jenen, die man bei der Betrachtung der Jahre 1919 und 1932 feststellen muß. Da sucht man nämlich fast vergebens nach einer Bezugnahme auf die auswärtigen Einflüsse auf Entstehen und Untergehen der Weimarer Republik: nach einem Hinweis auf die Wechselbeziehung von verlorenem Krieg, Versailler Vertrag und Gründung der ersten deutschen Demokratie sowie nach einer angemessenen Würdigung der Massenarbeitslosigkeit in den frühen dreißiger Jahren. Von beiden Umständen sind Schicksal und Existenz der »politischen Kräfte der Mitte« und »Auflösung der Weimarer Republik« ganz wesentlich mitbestimmt worden.

Das zeigt zum einen der Vergleich zwischen den Wahlergebnissen vom 19. Januar 1919, als die Weimarer Nationalversammlung gewählt wurde, und dem 6. Juni 1920, als die erste Reichstagswahl stattfand. Gewannen die als »politische Kräfte der Mitte« anzusehenden Parteien SPD, Zentrum und Liberale am 19. 1. 1919, also noch vor dem Versailler Friedensdiktat der alliierten Siegermächte, über 75 Prozent aller abgegebenen Stimmen, so rutschten sie im Juni 1920, nach Auferlegung des Versailler Siegerspruchs, sogar unter die Regierungsmehrheit. Da Deutschland an der Ausarbeitung der Friedensbedingungen bekanntlich nicht beteiligt war, kann es für ihre Folgen auch nicht in Mithaftung genommen werden, ist mithin die Verantwortung für die eingetretene Entwicklung in der Hauptsache außerhalb Deutschlands zu suchen.

Die »Auflösung der Weimarer Republik« ist zum andern untrennbar mit der 1929/30 einsetzenden Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit im Reich verbunden, insonderheit mit Blick auf die Stimmenverluste der Sozialdemokraten, der Liberalen und der Zentrumspartei. Ihren Rückgang bei der Juliwahl von 1932 vermerkt zwar Hillgruber, indem er darauf hinweist, daß nunmehr Nationalsozialisten, Deutschnationale und Kommunisten im Reichstag die absolute Mehrheit hatten, schweigt sich aber über die Hintergründe, die zur wirtschaftlichen Rezession in Deutschland führten, weitgehend aus.

Dabei machte gerade die nachmalig erfolgreiche nationale Rechte die Politik der Sozial-, Liberal- und Zentrumsdemokraten für das Übergreifen der Wirtschaftskrise von den Vereinigten Staaten auf Deutschland verantwortlich, weil sie sich durch die Billigung des Dawes- und des Young-Plans in die Abhängigkeit von der amerikanischen Wirtschaftslage gebracht und damit die deutsche Volkswirtschaft mittelbar in die US-Wirtschaftskrise hineingeführt habe, eine Argumentationskette, der sich viele ehemalige SPD- und liberale Wähler anschlossen und die nicht wenig zur »Auflösung der Weimarer Republik« beitrug.

Es ist keine nationale Selbstentschuldigung für das Heraufziehen der NS-Herrschaft, wenn dieser Kausalzusammenhang herausgestellt wird. Schließlich meinte schon in den fünfziger Jahren der damalige Bundespräsident Heuss, daß die »Väter des Nationalsozialismus teilidentisch mit den Vätern von Versailles« seien: eine Erkenntnis, der sich bestimmte Historiker hierzulande zu entziehen suchen, ebenso wie sie die Außenpolitik der Weimarer Reichsregierungen oft recht bruchstückhaft abhandeln und sie mehr oder minder nur auf die Berliner Frankreich- und Westpolitik beschränken.

Revisionismus der Weimarer Zeit

Hillgruber folgt dieser einseitigen Verkürzung in seinem Beitrag über »Revisionismus - Kontinuität und Wandel in der Außenpolitik der Weimarer Republik« nicht, sondern behält auch die Ostpolitik des Reiches im Auge; ja er stellt auch seinerseits kritisch fest, daß sich nur wenige Historiker »um die Erforschung der Außenpolitik der Weimarer Republik als Ganzes, nicht nur um noch so bedeutende Teilkomplexe, bemüht haben«, und läßt mit dieser Einsicht auf eine umfassendere Schau der Berliner Außenpolitik hoffen.

In der Tat skizziert er auch die hauptsächlichsten

Grundlinien dieser Politik, wobei er sich naturgemäß mehr auf das außenpolitische Konzept Gustav Stresemanns konzentriert. In ihm macht er drei Hauptziele aus: die Lösung der Reparationsfrage, die politische Vertretung der Millionen Volksdeutschen außerhalb des Reiches und die Revision der Ostgrenzen: Anliegen, die dem langjährigen Außenminister in der Tat am Herzen lagen und die im übrigen von der großen Mehrheit der Deutschen seinerzeit mitgetragen wurden. In der volkspädagogischen Rückschau des Kölner Ordinarius erscheinen sie jedoch überzogen und verdienen Kritik. Das läßt er auch in der Wahl seiner Worte spüren, wenn er Stresemann ein »Revisionismus-Syndrom« nachsagt oder schreibt: »Stresemann verbiß sich in den Jahren nach 1926 immer mehr darauf, im Zuge der ›Verständigungspolitik‹ nach Westen … weithin sichtbare, möglichst territoriale Erfolge zu erzielen … «, als ob das Bemühen um die Änderung eines zugegebenermaßen ungerechten Vertrages etwas Tadelnswertes oder gar Verwerfliches wäre. Nicht von ungefähr ging man auch in London Mitte der zwanziger Jahre mit dem Gedanken um, die in Versailles diktierte deutsch-polnische Grenze erneut zur Disposition zu stellen und eine befriedigendere Lösung zu suchen, etwa den sogenannten »Polnischen Korridor« aus dem polnischen Staatsverband herauszulösen und ihm einen autonomen Status zu geben sowie die fast rein deutsche Stadt Danzig in irgendeiner Form wieder dem Deutschen Reich anzugliedern, Überlegungen, die eine angemessene Würdigung im Rahmen des gestellten Themas verdient hätten, auf alle Fälle nicht ganz außer acht gelassen werden dürfen, wobei natürlich unterstellt wird, daß sie Hillgruber bekannt sind, eine Voraussetzung, die beim Blick auf die angeführte Sekundärliteratur freilich nicht ganz selbstverständlich ist. Da bewegt sich der Autor doch recht begrenzt zwischen einigen geistesverwandten Kollegen und läßt nur selten eigene Forschungsarbeit erkennen.

Die Machtergreifung von 1933

Das wird auch im vierten Beitrag über die »Nationalsozialistische Machtergreifung« deutlich, in welchem Hillgruber wiederum auf Michael Salewskis »Revisionismussyndrom« zurückgreift und zusätzlich noch Karl Dietrich Bracher zitiert. Vielleicht wäre es hilfreicher gewesen, die Aufzeichnungen des früheren britischen Premierministers Lloyd George und seine Äußerungen vor der Versailler Friedenskonferenz zu studieren, um die Hintergründe der deutschen Entwicklung in den frühen dreißiger Jahren auszuleuchten, statt den forscherlichen Erkenntnisstand der sechziger Jahre zu bemühen. Auch hätte ein kritischer Blick in das eine oder andere Zeitungsarchiv der Vereinigten Staaten Erhellung in die Vorgeschichte mancher Aktionen während des Frühjahres 1933 bringen können, hilfsweise das Studium der Faulhaber-Akten so einiges an irrational erscheinenden Vorgängen zu klären vermocht.

Die aufgeworfene Frage, warum denn bei »den noch nicht total im Banne seines Führer-Charismas stehenden Deutschen« der Judenhaß Hitlers nicht schon aufgrund der Lektüre des bereits vor der »Machtergreifung« in über 300000 Exemplaren verbreiteten Buches »Mein Kampf« geläufig gewesen sei und entsprechend abstoßend gewirkt habe, erscheint doch recht akademisch angesichts der 1932/33 im ganzen Deutschen Reich herrschenden Not und Arbeitslosigkeit und der mit ihr verbundenen Sorge ums nackte Überleben. Der Beschäftigungslose von damals - für gewöhnlich der Ehemann und Familienvater - hatte weder Muße noch Neigung, sich statt der Versorgung seiner Kinder der Lektüre politischer Literatur zu widmen. Für ihn war die ausgegebene Parole, daß keiner hungern oder frieren werde, wenn das bisherige »System« überwunden sei, hautnaher und existentieller und bedurfte nicht der Erläuterung durch siebenhundert Seiten schwer lesbaren Textes. Und diejenigen, welche Zeit und Interesse aufbrachten, NS-Veröffentlichtungen zu studieren, griffen zunächst einmal nach Rosenbergs »Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts«, weil sie in diesem Buch die zentralen und verbindlichen Aussagen der Hitler-Bewegung wähnten. Die schier einzige Ausnahme bildete seinerzeit Theodor Heuß, der Hitlers Buch nicht nur gelesen, sondern über »Mein Kampf« auch seinerseits eine Abhandlung geschrieben hat, in welcher er sehr treffende Schlußfolgerungen aus den Ausführungen des braunen Führers gezogen hat. Aber auch Heußens scharfsichtige Analyse (»Hitlers Weg«, November 1932) fand bei seinen Zeitgenossen kaum Beachtung. Nicht einmal die Nationalsozialisten reagierten auf seine Prognose, daß es »in sechs bis acht Jahren wieder einen großen Krieg geben« würde, falls Hitler an die Macht kommen und dann auch sein Programm aus »Mein Kampf« in die Tat umsetzen würde, sondern ließen ihn während der NS-Herrschaft unbehelligt.

So fällt Hillgrubers Einlassung, es sei rückschauend »am schwersten historisch zu begreifen, daß der fanatische, universale, rassenideologische Radikalantisemitismus Hitlers in der Endphase der Republik nicht als Warnsignal bei den noch nicht total im Banne seines ›Führer‹-Charismas stehenden Deutschen gewirkt hat«, einigermaßen aus dem allgemeinen Verständnisrahmen, wie man eben auch darüber streiten kann, ob Hitlers Antisemitismus als »zentraler Kern seiner ›Weltanschauung‹ wirklich gar nicht zu übersehen« war.

Man wird den Eindruck nicht los, als solle mit diesen Unterstellungen ein weiteres Mal die damalige Generation der Deutschen in Kollektiv-Verantwortung für die nachmaligen Ereignisse genommen und die alleinige Selbstschuld herausgearbeitet werden.

Dieses »Kehren vor der eigenen Tür« ist zweifellos ein moralisch höchst schätzenswertes Tun - besonders im privat-persönlichen Umgang und mit der Bereitschaft zu individuell spürbaren Konsequenzen -, es droht aber dann problematisch zu werden und zu einem rituellen Aktionismus auszuarten, wenn es sich auf Dauer in einem immerwährenden Staub-Aufwirbeln erschöpft und dabei die deutsche Geschichte zu einem abstoßenden Kehrichthaufen entartet, den kein Nachgeborener gern anschauen, geschweige als seine nationale Vergangenheit annehmen mag. Da helfen dann auch volkspädagogisch verordnete Pflichtübungen in Sachen »Vergangenheitsbewältigung« kaum etwas, wie sie gerade im vergangenen Jahr laut- und medienstark gefordert wurden.

Heinemanns Opposition gegen Adenauer

Daß man kontroverse Themen der jüngsten deutschen Geschichte bei aller Leidenschaftlichkeit und möglicher Polemik auch wissenschaftlich ergiebig behandeln kann, beweist Hillgruber in seinem fünften und letzten Beitrag über »Heinemanns evangelisch-christlich begründete Opposition gegen Adenauers Politik 1950-1952«. Mag man darüber richten, ob der Kölner Ordinarius in seiner Darstellung nicht zu sehr der Linie Gustav Heinemanns gefolgt ist und Adenauers Politik parteiische Vorurteile entgegenbringt, läuft man dennoch nicht Gefahr, durch eine bezogene Position volkspädagogisch einschlägig eingeordnet, das heißt, in eine bestimmte politische Ecke abgedrängt zu werden, wie dies bei abweichenden Meinungen über geschichtliche Vorgänge der dreißiger Jahre betrüblich oft zu beobachten ist. Solange noch die Hintergründe mancher Ereignisse der Vergangenheit unter archivalischem Verschluß liegen, werden freilich noch einige Streitthemen unentschieden bleiben.

Die Frage nach Möglichkeiten einer deutschen Wiedervereinigung, um die es in der Auseinandersetzung zwischen Gustav Heinemann und Konrad Adenauer in jenen Jahren letztlich ging, erfuhr allerdings auch noch nach der bekannten Stalin-Note vom März 1952 eine gewisse »Zwischenantwort« in Gestalt eines amerikanischen Wiedervereinigungsplans vom Juli 1955, den aber offenbar die sowjetische Seite auf der Genfer Gipfelkonferenz als unannehmbar verwarf. Hillgruber scheint von ihm keine Kenntnis zu haben, da er an keiner Stelle auf ihn Bezug nimmt; vielmehr bleibt er zeithistorisch bei der Ablehnung des Moskauer Friedensvertragsentwurfs vom 10. März 1952 stehen. Ein Erkenntnismangel, der letztlich zu Lasten der Beurteilung Adenauers geht, der aber auch die Gültigkeit der gemachten Aussagen gehörig relativiert.

So gerieten die »Fünf Beiträge über Deutschland und die Deutschen« schlußendlich auch zu Zeugnissen über die Qualität westdeutscher Zeitgeschichte und offenbarte ihr Verfasser in ihnen zugleich auch die Mühsal, der deutschen Vergangenheit über vorherrschende Zeitströmungen hinaus gerecht zu werden - eine besondere »Last der deutschen Nation«.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(1) (1986), S. 7ff.

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