Der Leuchter-Report in der Auseinandersetzung

Kritik und Gegenkritik 

Das Gutachten des US-Gaskammer-Fachmannes Fred Leuchter mit dem Ergebnis seiner Untersuchungen in Auschwitz (der sogenannte Leuchter-Report, in deutsch herausgegeben von Udo Walendy in Historische Tatsachen, Nr. 36, Vlotho 1988, inzwischen indiziert) hat als unseres Wissens erste naturwissenschaftliche Analyse zum Problem der Massenvergasungen in deutschen KLs Aufsehen erregt. Nach einigen pauschalen Ablehnungen und nicht im einzelnen begründeten Abqualifizierungen dieser Arbeit als angeblich »unwissenschaftlich« veröffentlichte der Franzose Jean-Claude Pressac 1988/89 einen kritischen Artikel dazu in der französischen Zeitschrift Jour J (Es erschien vom selben Autor zu diesem Thema ein Buch in Französisch: Technique et Fonctionnement des chambres à gaz, Paris 1989, in einer kleinen, sehr teuren und nicht mehr erhältlichen Auflage auch in Englisch: Auschwitz: Technique and Operation of the Gaschambers, Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989, 564 Seiten). Ferner liegt seit Herbst 1990 in Uwe Backes Sammelband Die Schatten der Vergangenheit (s. DGG 90/4, S. 42) ein Artikel von Werner Wegner über eigene Untersuchungen in Auschwitz und den Versuch einer Widerlegung von einigen Aussagen Leuchters vor. Da diese beiden Studien auf Einzelfragen eingehen, ist eine sachliche Auseinandersetzung möglich und im Rahmen des hier nur geringen zur Verfügung stehenden Raumes für jede der beiden Arbeiten vorgenommen worden. Es sei dabei ausdrücklich betont, daß es bei dieser Diskussion nur um die einzelnen betrachteten und unterschiedlich beurteilten Umstände in und an den als Gaskammern bezeichneten Räumen in Auschwitz geht, nicht jedoch um die Frage der Massenvernichtung als solche.



Technische Unmöglichkeiten bei Pressac

Ein Ingenieur widerlegt eine Anti-Leuchter-Schrift 

Dipl. Ing. Wolfgang Schuster


Durch Zufall bekam der Verfasser die Übersetzung des Aufsatzes des Franzosen Jean-Claude Pressac, »Die Mängel und Widersprüche des ›Leuchter-Berichts‹«, erschienen vermutlich im Winter 1988/89 in der Zeitschrift Jour J, in die Hände. In ihm versucht der Autor, als »einer der seltenen Forschungsspezialisten der Welt auf dem Gebiet der Vernichtungstechnik durch Gaskammern« im Vorspann bezeichnet, die Ergebnisse des Untersuchungsberichts zu widerlegen, den der US-amerikanische Ingenieur Fred Leuchter im Frühjahr 1988 vorlegte, nachdem dieser in den ehemaligen KL Auschwitz und Maidanek die fraglichen Einrichtungen an Ort und Stelle untersucht hatte.
Leuchters wichtigste Ergebnisse waren der Nachweis einer sehr hohen Cyankonzentration in der Beschichtung einer der Entlausungskammern und das nahezu völlige Fehlen von Cyanverbindungen in den Wanden der als Tötungsgaskammern bezeichneten Leichenkeller. Weiterhin konnte er aus seiner praktischen beruflichen Erfahrung bei der Anwendung des angeblich zur Massentötung benutzten Cyanwasserstoff-Gases (HCN-Gas, Blausäuregas) zeigen, daß die in den unter suchten »Vernichtungslagern« vorhandenen Tötungseinrichtungen nicht so funktioniert haben können, wie behauptet wird.
Pressac ist hierüber empört. In seinem Artikel versucht er, wortreich und gehässig, Leuchter als technischen Dummkopf hinzustellen, was ihm nicht nur bei Laien gelungen sein dürfte, sondern auch bei manchem technisch und physikalisch gebildeten Leser, der mit dieser ungewöhnlichen Materie nicht vertraut ist und ein ausreichendes Maß an Gutgläubigkeit besitzt.
Der Verfasser spricht hier aus Erfahrung, war er doch, obwohl selbst Ingenieur, sogar nach mehrmaligem kritischen Lesen von Pressacs Artikel noch immer verunsichert durch manche von dessen »Fakten« und selbstsicher vorgebrachten Argumenten. Eine ausgiebige Beschäftigung mit diesem Thema und die zeitraubende Sammlung einschlägiger Daten technischer, physikalischer, chemischer und medizinischer Art führte aber zu der Überzeugung, daß die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung des erfahrenen Cyangas-Technikers Leuchter richtig und die Behauptungen Pressacs falsch sind.
Im folgenden sind einige technische Bedenken zu den wichtigsten Angaben und Argumenten von Pressac aufgeführt. Daten und Maße von Gebäuden und Räumen mußten zum Teil geschätzt werden, weil sie nur insoweit zur Verfügung standen, als sie bei Leuchter oder Pressac genannt werden. Das ist aber kaum von Bedeutung, da im wesentlichen nur grundlegende technisch-physikalische Probleme behandelt werden.
1. Die Entlausungseinrichtungen und diejenigen zur Menschentötung wären - so Pressac - »in ihrer Anlage einander vollkommen ähnlich« gewesen »mit einer oder zwei gasdichten oder provisorisch gasdicht gemachten Türen…« 
Das ist gerade nicht der Fall. Es waren weder Vorrichtungen zur sicheren Gaseinbringung vorhanden noch Entlüftungskamine, welche eine für die nähere Umgebung ungefährliche Ableitung der Hunderte von Kubikmetern mit dem Cyanwasserstoff-Gas angereicherten Luft gestattet hätten. Leuchter weist jedoch ausdrücklich darauf hin, daß in den KL bei den der Kleiderdesinfizierung dienenden Entlausungskammern alle diese für den Umgang mit dem hochgiftigen Cyanwasserstoff-Gas notwendigen Vorsorgemaßnahmen ergriffen worden waren, man sich also der Gefahren des Umganges mit diesem Gas bewußt war. Wenn die als Tötungsgaskammern bezeichneten Leichenkeller der Krematorien in Auschwitz derartige Einrichtungen nicht besaßen, dann ist das unverständlich, denn das wäre zumindest für die sich in den anderen Räumen desselben Gebäudes aufhaltenden Personen auch tödlich gewesen, vor allem für die jeweils nebenan an den Verbrennungsöfen Tätigen. Besonders erstaunlich ist, daß in mindestens einem Falle über das Kanalsystem Verbindung mit umliegenden Gebäuden bestand! Auch dies ignoriert jedoch Pressac.
Wie Leuchter weiter ausfuhrt, waren die Wände dieser Räume ohne gasdichte Beschichtung. Den verfügbaren Bildern von den Ruinen der Leichenkeller zufolge bestanden sie aus rohem oder verputztem Mauerwerk. Es hatten daher erhebliche Mengen von Cyangas durch Diffusion in die Mörtelporen eindringen können, wodurch diese Räume selbst unter günstigsten Umständen, das heißt bei relativ warmen und trockenen Wänden, noch für viele Stunden nach Beginn der Belüftung bzw. nach dem ersten Luftaustausch wegen der lang anhaltenden Gasabgabe der Wände unbegehbar gewesen wären. Aufgrund der unzureichenden Lüftungsmöglichkeiten hatte sich die Belüftung ohnehin weit langwieriger gestaltet, als sie gewöhnlich bei der inwendigen Begasung ganzer Häuser war. Bei diesen sogenannten Hausentwesungen, einem damals weltweit üblichen Verfahren zur Ungezieferbekämpfung mit Cyanwasserstoff aus Zyklon B und anderen Gasträgern, waren Lüftungszeiten von mindestens 20 Stunden gebräuchlich, und die gelüfteten Raume wurden danach mittels Indikatoren auf Restgasmengen überprüft.
Vertieft man sich in die Bilder und Pläne des Leuchter-Berichts und ist sich dabei des physikalischen Verhaltens des Cyangases bewußt, dann stößt man auf noch weitere, von Leuchter nur angedeutete Schwierigkeiten: Weil die fraglichen Räume nicht heizbar, zum Teil kellerartig angelegt waren, mußten sie zwangsläufig kühl und feucht sein - was Leuchter auch für den heutigen Zustand beschreibt. Feuchtigkeit bindet aber erhebliche Mengen Cyangas, da Cyanwasserstoff in Wasser außerordentlich gut löslich ist, rund 250mal besser als die bekannte prickelnde Kohlensäure des Mineralwassers. Dies hätte die Gasabgabe des Mauerwerks noch mehr verlängert. Unter anderem um diese die Lüftungszeit verlängernden Effekte zu vermeiden, waren die für die Entwesung von Kleidung konstruierten Entlausungskammern stets beheizbar!
2. Die geringen Cyangehalte der Mauerproben der angeblichen Tötungs-Gaskammern - vor allem derjenigen von Krematorium I - wären - so Pressac - geradezu ein Beweis für die Verwendung dieser Räume zur Menschenvergasung. Obwohl sie täglich viel kürzere Zeit (10 Minuten) begast worden wären, hätten sich dort kaum Cyanspuren ansammeln können, im Gegensatz zu der Entlausungskammer, die pro Tag 12 bis 18 Stunden unter Gas gestanden und wegen der Beheizung verstärkt mit Cyanwasserstoff »imprägniert« worden wäre.
Leuchter vermutet die Ursache des - sehr geringen! - Cyangehalts der Mauerproben in einer einmaligen oder mehrmaligen Entwesung der jeweils gesamten Krematoriengebäude und dürfte damit richtig liegen. Keinesfalls ist die hohe Betriebstemperatur der Entlausungskammer (30 °C) für die relativ hohe Cyaneinlagerung in ihr verantwortlich. Ganz im Gegenteil: die Beheizung der Kammer sorgte für die Trocknung ihrer Wandungen und der zu entwesenden Kleidung. Wie läßt sich nun die Entstehung des tatsächlich vorhandenen hohen Cyangehalts in der Beschichtung der Kammerwandung erklären?
Trotz Heizung müssen sich geringste Feuchtigkeitsmengen vor allem als Kondensat an der zu Beginn der täglichen Benutzung noch kalten Wandung des beschichteten Stahlbehälters gehalten haben. Denn die Anwesenheit von Wasser ist Voraussetzung für den Ablauf der in Frage kommenden chemischen Reaktionen und für die Bildung von Cyaniden (Salze der Cyanwasserstoffsäure), dem ersten Schritt zur dauerhaften Einlagerung von Cyan (CN-Radikal). Wegen der relativen Trockenheit konnte sich aber in der Beschichtung der Kammerwandung pro Betriebszyklus jeweils eine nur äußerst geringe Menge von Cyaniden bilden, deren Größe abhängig war von der Menge der zur Verfügung stehenden Feuchtigkeit. Erst im Laufe mehrjähriger Benutzung der Entlausungskammer konnte dann in einer großen Zahl von Anreicherungsschritten die gemessene hohe Cyankonzentration von 1050 mg/kg erreicht werden. Weil bei rund dreieinhalbjähriger Betriebszeit mit mehr als tausend Aufheizungen der Kammer zu rechnen ist, muß die Einlagerungsrate pro Schritt im Bereich von 1 mg/kg gelegen haben.
Im Gegensatz dazu waren die feuchten und porösen Wände der als Tötungskammern angesehenen Leichenkeller in der Lage, während jeder Begasung sehr viel mehr Cyan chemisch zu binden. Doch deren maximal gemessene Konzentration liegt mit 7,9 mg/kg rund um den Faktor 130 unter derjenigen der Entlausungskammer. Es leuchtet ein, daß dieser Wert schon bei ein- oder mehrmaliger eintägiger Entwesung dieser Räume mit der dabei üblichen Gaskonzentration von 10 g/m³ erreicht worden sein kann. Wären diese Räume Hunderte von Malen mit, Pressac zufolge, 12 g/m³ Gas beaufschlagt worden, dann mußten sie Cyanwerte aufweisen, die ähnlich hoch wie oder weit höher liegen als derjenige der Probe aus der Entlausungskammer!
Die von Pressac hervorgehobenen unterschiedlichen Begasungszeiten der Wände spielen bei genauer Überlegung ebenfalls eine völlig andere Rolle, als er meint. Man muß annehmen, daß bei den niederen Konzentrationen aller beteiligten Substanzen die primären chemischen Reaktionen spontan in den mikroskopisch dünnen Feuchtigkeitsschichten der Oberflächen abliefen, sobald zu den Reaktionspartnern Wasser und zu den darin gelösten Metallverbindungen aus dem Wandmaterial der Cyanwasserstoff hinzutrat. Der begrenzende Faktor im Falle der Entlausungskammer war aber das nur in geringen Spuren, vorwiegend als Kondensat und für die relativ kurze Aufheizungszeit, vorhandene Wasser. Lange Begasungszeiten konnten sich also hier nicht auswirken. Anders bei den feuchten Mauerwänden, die schon oberflächlich Cyangas reichlich lösen und chemisch binden konnten. Hier konnte sich der Zeitfaktor bei der Gasdiffusion in die poröse Tiefe der mörtelverputzten oder betonierten Wandflächen sehr wohl auswirken. Weil bei der Gebäudeentwesung gewöhnlich mit Begasungszeiten von einem vollen Tag und einer Gaskonzentration von 10 g/m³ und mehr gearbeitet wurde, hatten die Wände vermutlich bereits bei einer einzigen Begasung genügend Gelegenheit, den gemessenen Cyangehalt von mehreren Milligramm pro Kilogramm Wandmaterial zu binden. Bei vielhundertmaliger Begasung, wie von Pressac vorausgesetzt, mußten die Cyanwerte entsprechend hoher liegen.
3. Es wäre - so Pressac - in die »Menschen-Gaskammern« Zyklon B entsprechend einer Gaskonzentration von 12 g/m³ geschüttet worden, und die Kontaktzeit des Gases mit den Wänden hätte dabei nur 10 Minuten betragen.
Der gesamte Vergasungsvorgang - einschließlich Belüftung - sollte demzufolge nach nur 10 Minuten beendet gewesen sein! Doch wie würde das in Wirklichkeit ausgesehen haben? Die Schwierigkeiten bei der Entgasung durch Lüften wurden schon angedeutet. Nun zur Gaseinbringung.
Um zum Beispiel den Leichenkeller des Krematoriums II von rund 500 m³ Rauminhalt (des für Vergasungen angeblich am meisten benutzten Raumes) mit der von Pressac genannten Menge Gas (12 g/m³) zu füllen, wären 6 kg Cyanwasserstoff nötig gewesen. Cyanwasserstoff ist bei Temperaturen unter 25,7 °C (Siedepunkt) flüssig und benötigt zum Verdampfen beträchtliche Energiezufuhr: 25,2 kJ/mol entprechend 0,26 kWh/kg. Bei 6 kg sind das rund 1,5 Kilowattstunden, was der Wärmemenge entspricht, die nötig ist, um knapp 3 Liter Wasser zu verdampfen oder um fast 17 kg Eis zu schmelzen.
Bei dem Entwesungsmittel Zyklon B ist der flüssige Cyanwasserstoff an Kieselgur-Grieß oder ein saugfähiges Granulat gebunden. In einer der in Betracht kommenden Dosen mit je 3 bis 4 Liter Zyklon sind jedoch nur 1 kg Cyanwasserstoff enthalten. Es wären also 6 Dosen mit insgesamt 18 bis 24 Liter - entsprechend der Menge zweier voller Eimer! - Zyklon in die sogenannte Tötungskammer zu schütten gewesen, das dann an jeder Einschüttstelle zumeist auf dem auch im Sommer recht kühlen Kellerboden in einem mehr oder weniger engbegrenzten Bereich gelandet wäre.
Ein kleiner Teil des Cyanwasserstoffs wäre sofort verdampft, hätte dabei aber dem übrigen erhebliche Wärme entzogen, diesen Teil also stark abgekühlt und die Verdampfungsgeschwindigkeit beträchtlich vermindert. Die weitere Verdunstung hätte nur in dem Maße erfolgen können, wie die Umgebung in der Lage war, Wärme zuzuführen. Insgesamt wären die oben genannten 1,5 kWh zu liefern gewesen, und das hätte seine Zeit gedauert! Dabei wäre die umgebende Luft abgekühlt, und das sich bildende kalte Gasluftgemisch hätte sich, obwohl reines Cyanwasserstoff-Gas bei gleicher Temperatur etwa 5% leichter ist als Luft, nun ohne Auftrieb, erhebliche Zeit in Bodennähe aufgehalten und dort langsam verteilt. Erst nach allmählicher Erwärmung hätten aus Mangel an Konvektion in dem niederen, mit Menschen angeblich dichtgefüllten Raum mit Gas angereicherte Luftpartien langsam in Kopfhöhe der meisten anderen Anwesenden gelangen können. - Pressacs zehnminütiger Vergasungsvorgang ist demnach wohl so nicht möglich.
Um derartige die Gasausbreitung behindernde physikalische Effekte zu vermeiden und vernünftige Verdampfungszeiten zu erhalten, wurde in den Entlausungskammern das Zyklon in den sogenannten Kreislaufgeräten künstlich erwärmt und mit deren Gebläse in der Kammer umgewälzt. Bei der Hausentwesung hingegen wurde das Zyklon über die Raume verteilt ausgestreut, damit es schneller wirken konnte. Die langsame Gasausbreitung wurde dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern war sogar erwünscht. Die allmähliche Gasabgabe des Zyklons war nämlich die Voraussetzung für die sichere Handhabung dieses Mittels zur Ungezieferbekämpfung, da sie den Operateuren, die mit unzuverlässigen, weil in der Gasaufnahme bald erschöpften Gasmasken ausgerüstet waren, genügend Zeit für den sicheren Rückzug verschaffte.
4. Die geringen Cyangehalte der Ruinen der Krematorien II bis V wären - so Pressac - auf deren Löslichkeit zurückzuführen und darauf, daß die Mauerreste seit 1945 durch Regen- und Grundwasser ausgelaugt worden waren. Die Mauern wurden zum Teil jahreszeitlich bedingt tief im Wasser stehen.
Selbst wenn seit der Zerstörung der Bauwerke 1945 ein Großteil der Cyaneinlagerungen in Form leicht löslicher Verbindungen vorgelegen hätte, könnte der Cyanschwund nicht umfassend sein, denn Regen spült nur oberflächlich und anstehendes und wieder absinkendes Grundwasser gar nicht aus, es ändert nur äußerst langsam den Wassergehalt im Mauerwerk. Bedeutende Abwanderung von löslichen Cyanverbindungen durch langzeitliche Diffusion in wassergetränktem Mauerwerk könnte nur in oberflächennahen Bereichen nahezu vollständig sein. (Die Diffusionsgeschwindigkeit in Flüssigkeiten ist um Großenordnungen geringer als in gasförmigen Medien!)
Eine in das Labyrinth der mikrofeinen Poren von Mörtel, Tonziegeln oder Beton eingedrungene Substanz ist auch in langwierigen Auswaschversuchen höchstens teilweise zu entfernen, selbst wenn sie sehr gut löslich ist. Das zeigen viele bittere Erfahrungen im Bauwesen an mit saugfähigen färbenden Substanzen verschmutzten Wanden. Zudem liegen die Cyanide nicht in porenfüllender Menge vor, sondern in so geringen Konzentrationen und damit hauchdünnen Schichten, daß Oberflächen- und Adsorptionseffekte deren Beweglichkeit sehr stark vermindern.
Hinzu kommt ein weiteres: Die wahrscheinlich vorherrschende Cyanverbindung dürfte Berliner Blau (auch Preußisch Blau genannt) sein, das die auch von Pressac angeführte Blaufärbung cyangesättigter Wände von Entlausungskammern verursacht. Es gilt als unlöslich, denn seine Löslichkeit in Wasser ist extrem gering, zwanzigmal geringer noch als die von Kalziumkarbonat (Kalkstein), dem Bindemittel des Kalkmörtels. Auch ist es sehr gut lichtbeständig und wird daher, entgegen der Meinung von Pressac, kaum durch Sonnenbestrahlung, die sowieso nur oberflächlich wirken kann, zerstört.
Selbst wenn dies alles nicht zuträfe und doch ein erheblicher Teil der vor der Zerstörung der Gebäude eingelagerten Cyanverbindungen abgewandert wäre, dann müßten aufgrund der hohen Anfangswerte (siehe 2.) die heutigen Konzentrationen immer noch um ein Vielfaches höher liegen als die in Leuchters Proben gemessenen.
5. Im Leichenkeller des unzerstörten Krematoriums I, dessen Wände nie der Witterung ausgesetzt worden waren, hätte man die stärksten Cyanwerte gefunden. Das wäre - so Presssac - ein »materieller Beweis« dafür, daß auch dieser Raum Tötungszwecken gedient.
Der Mittelwert der 9 Meßwerte der Proben aus diesem Raum betragt 2,3 mg/kg. Dieser Wert wird von drei Proben aus den anderen sogenannten Tötungsgaskammern erreicht bzw. übertroffen. Der Mittelwert der 26 Meßwerte aller Proben aus diesen Räumen beträgt 1,5 mg/kg, liegt also nur um ein Drittel niedriger als der des Leichenkellers von Krematorium I. Man kann in Anbetracht der geringen Probenanzahl und der in der Nähe der Nachweisgrenze (1 mg/kg) zu erwartenden großen Streuung der Meßwerte vernünftigerweise nur feststellen, daß die Mauern des Krematoriums I nur mit genauso geringen Cyanidmengen belastet sind wie die aller übrigen Raume, und diese geringen Werte recht gut mit ein- oder mehrmaliger Raumentwesung erklären (siehe 2.).
Das Cyanid in den Wänden des Krematoriums I konnte, wie Pressac bestätigt, durch Witterungseinflüsse nie vermindert werden. Wenn diese Wände heute trotzdem Cyanverbindungen nur in derselben niederen Konzentration enthalten, wie die bewitterten Mauern der anderen Krematorien, dann bestätigt das nicht nur die vermutete geringe Auslaugbarkeit der eingelagerten Cyanide, sondern es muß zudem, um mit Herrn Pressac zu sprechen, als der »materielle Beweis« dafür angesehen werden, daß die Mauern keiner der sogenannten Tötungskammern der Krematorien von Auschwitz jemals in erheblichem Umfang mit Cyanwasserstoff-Gas beaufschlagt wurden.
6. Im KL Maidanek waren - so Pressac - Gaskammern mit Kohlenmonoxid (CO) beschickt worden. Beweis: angeblich vorgefundene Stahlflaschen für »füssiges CO« und eine Apparatur, die im wesentlichen aus einem in Bodennähe der sogenannten Gaskammern verlaufenden Stahlrohr mit zwei offenen Enden besteht.
»Flüssiges CO« ist bestimmt unsinnig, denn Kohlenmonoxid ist kein Propangas, das mit geringem Druck (9 bar bei 20°C) verflüssigt werden kann, sondern wird erst bei Abkühlung auf die sehr tiefe Temperatur von minus 191 °C flüssig und ist bei normalen Temperaturen auch bei beliebig hohem Druck immer gasförmig, kann also bei Zimmertemperatur nicht flüssig sein (kritischer Punkt: -140°C, 35 bar)! Sollte vielleicht CO in Hochdruckstahlflaschen gemeint sein? Auch das ist kaum möglich, denn Kohlenmonoxid, obwohl als Prozeßgas in geschlossenen chemischen Anlagen vielfach verwendet, ist selbst im heutigen hochtechnisierten Deutschland nur in kleinen Mengen als teures Sondergas für Laborzwecke zu beziehen. Es ist nicht anzunehmen, daß es in der damaligen angespannten deutschen Kriegswirtschaft speziell für Tötungszwecke produziert und in Stahlflaschen abgefüllt worden wäre. Das wäre auch völlig unsinnig gewesen, denn jeder Benzinmotor hätte das Kohlenmonoxid an Ort und Stelle in ausreichender Menge und billigst als Auspuffgas geliefert.
Wohlgemerkt, ein Benzinmotor hätte das getan. Dieselmotoren, welche die tödlichen Abgase für die Vergasungswagen der sog. Einsatzgruppen geliefert haben sollen, wären hierzu völlig ungeeignet gewesen.
Aus prinzipiellen Gründen (Kraftstoffverbrennung mit hohem Luftüberschuß) enthalten die Abgase von Dieselmotoren - auch die aller damals verwendeten Typen - noch 14% Sauerstoff und weniger als 0,1% Kohlenmonoxid, im ungünstigsten Falle (Motor im Leerlauf) nur 0,2%. Selbst in konzentrierter Form eingeatmet, würde dieses Abgas bei einem gesunden Menschen erst im Verlauf von Stunden zum Tode führen.
Anders beim Benzinmotor. Eine Überschlagsrechnung ergibt, daß bei entsprechender Vergasereinstellung der 2,5-Liter-Motor des Wehrmacht-Kleinlastwagen Opel Blitz bei Verbrauch von nur einigen Zehntel Liter Benzin binnen weniger Minuten mehrere Kubikmeter Abgas von 20% CO-Gehalt geliefert hätte. An mehreren in Kopfhöhe verteilten Stellen in eine der von Pressac angeführten Kammern von ungefähr 80 m³ Volumen eingeleitet (Auslaßöffnung in Fußhöhe), hätte dies den darin befindlichen Menschen binnen einer halben Stunde den Tod gebracht.
An zwei Raumenden in Fußhöhe eingeleitet - entsprechend der Pressacschen Deutung der Rohrinstallation, die Teil einer Heißdampf-Entwesungsanlage gewesen sein dürfte -, hätte dies selbst bei Verwendung von reinem Kohlenmonoxid aus Stahlflachen mangels ausreichender Konvektion so schnell nicht funktioniert.
Berücksichtigt man jedoch die geringe Restluftmenge von etwa 170 bis 260 Litern, welche jedem der 250 bis 350 Menschen zur Verfügung stand, die Pressac zufolge auf den 36 m² der sogenannten Vergasungskammer zusammengepreßt worden wären, erscheint es mehr als wahrscheinlich, daß die Anwesenden nicht an Gasvergiftung, sondern an Sauerstoffmangel gestorben wären, denn ihnen stand zum Atmen weniger Luft zur Verfügung als einem Lebenden, der irrtümlich eingesargt worden ist.
Schlußbemerkung: Es mangelt nicht an Kuriositäten in den gängigen Vergasungsvorstellungen. Es wird behauptet, dort, wo Motorabgase einfach einsetzbar gewesen wären, hätte man nicht verfügbares Flaschengas benutzt. Dafür hätte man dort, wo sie angeblich benutzt worden wären, untaugliche Dieselmotoren eingesetzt. Und der Einsatz von Cyanwasserstoff-Gas wird so beschrieben, daß er nicht nur undurchführbar im Sinne der unterstellten Massentötung gewesen wäre, sondern auch tödlich für die Anwender. Technischer Sachverstand war sicher nicht die bezeichnende Eigenschaft der Erfinder dieser Darstellungen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es soll hier nicht behauptet werden, es wäre unmöglich, mit Cyanwasserstoff oder Kohlenmonoxid Menschen zu töten; es soll lediglich im Einklang mit Leuchter gezeigt werden, daß die Verfahren zur Massentötung so, wie sie überliefert und von Pressac und anderen dargestellt werden, aus physikalischen Gründen nicht funktionieren konnten und eine umfangreiche Begasung der betreffenden Raume den chemisch-analytischen Befunden widerspricht. Daraus folgt, daß Massentötungen auf die beschriebene Art nicht stattgefunden haben können. Es soll auch nicht behauptet werden, Giftgase wären in KL zum Töten niemals eingesetzt worden. Das kann hier mangels sachlicher Beweise nicht ausgesagt werden. Der Verfasser ist der Meinung, es wäre eine verdienstvolle Aufgabe für Historiker, endlich herauszufinden, was tatsächlich geschehen ist. Am guten Willen bei naturwissenschaftlich gebildeten Technikern zur Mithilfe würde es hierbei nicht fehlen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 39(2) (1991), S. 9-13

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