Historikerstreit um »Ausrottung derJuden«

Anmerkungen zum Stuttgarter Historikerkongreß 1984

Dr. Wilhelm Stäglich

Internationale Historikertagungen über die Frage der »Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg« gehörten bislang zu den Seltenheiten. Sie wurden vermutlich als überflüssig angesehen. Die Historiker pflegten sich insoweit grundsätzlich an das zu halten, was in den von den Siegernationen bald nach Beendigung der Kampfhandlungen in Nürnberg und anderswo veranstalteten Schau-Tribunalen zur »historischen Tatsache« erklärt worden war. Im geteilten Deutschland ließ man zusätzlich die gleichen »Feststellungen« nochmals durch deutsche Richter treffen. Dieser für bestimmte Kreise gewiß paradiesische Zustand scheint indessen mit dem zunehmenden Erstarken des Geschichtsrevisionismus allmählich seinem verdienten Ende zuzugehen. Nachdem schon 1982 an der Pariser Sorbonne ein internationales Colloquium zum Thema »Nazi-Deutschland und die Vernichtung der Juden« stattgefunden hatte (siehe DGG 1/84, S. 18), fand nun auch in Stuttgart vom 3. bis 5. Mai 1984 über denselben Gegenstand ein weiterer Kongreß führender Historiker des In- und Auslandes statt, dessen Ergebnisse 1985 von den Professoren Jäckel und Rohwer in Form einer Broschüre der Öffentlichkeit vorgelegt wurden. (Jäckel/Rohwer: Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985, 252 Seiten, broschiert.) Das Buch enthält die auf der Tagung gehaltenen Referate - zum Teil ergänzt und mit Anmerkungen versehen - sowie die redaktionell überarbeiteten Diskussionsbeiträge, soweit diese angeblich neue Erkenntnisse enthielten.

Wer allerdings glaubt, daß damit endlich dieser Sachkomplex des Zweiten Weltkriegs einer grundlegenden wissenschaftlichen Kritik unterzogen und insbesondere die Bewältigung der technischen Voraussetzungen eines angeblich millionenfachen Judenmordes ohne jede Hinterlassung von Spuren auch nur annähernd aufgeklärt worden sei, muß sich von dem Ergebnis dieser aufwendigen Zusammenkunft von Historikern aus aller Welt enttäuscht fühlen. Denn im Vordergrund dieses Kongresses stand - wie Eberhard Jäckel (Stuttgart) einleitend ausführte - die »Entschlußbildung als historisches Problem«, mit anderen Worten also die Frage, wie wann wo gegebenenfalls von wem der Entschluß oder die Entschlüsse gebildet wurden, die europäischen Juden in welcher Reihenfolge und mit welchen Mitteln zu töten. Damit wurde aber sozusagen das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt. Immer noch fehlt eine gründliche und unvoreingenommene Untersuchung darüber, was mit den nach dem Osten deportierten Juden überhaupt geschehen ist. Insonderheit die behaupteten Gaskammermorde sind, wie zahlreiche revisionistische Arbeiten längst aufgedeckt haben, in mehr als einer Hinsicht fragwürdig. Deswegen waren auch beim Faurisson-Prozeß in Frankreich die klagenden jüdischen Organisationen nicht in der Lage, die Thesen Professor Faurissons überzeugend zuwiderlegen (vgl. DGG 1/1984,S. 15ff.). Ebenso mußte noch im Januar 1985 der amerikanische »Holocaust-Experte« Raul Hilberg vor einem kanadischen Gericht in Toronto einräumen, daß es bis jetzt »keine wissenschaftliche Untersuchung« gibt, mit der »die Existenz der Nazi-Gaskammern« bewiesen werde. Hierzulande wurde dieses sensationelle Eingeständnis natürlich weitgehend totgeschwiegen. Die kanadische Presse berichtete jedoch hierüber, so zum Beispiel »The Toronto Sun« vom 18. Januar 1985. Doch deutsche Historiker stellen sich insoweit immer noch taub. Auch die Teilnehmer des Stuttgarter Kongresses taten so, als ob das alles bereits geklärt sei - mit Ausnahme der »Entschlußbildung«. Sie waren im wesentlichen darüber einig, daß der »Mord an den Juden« so, wie es seit den Nürnberger Siegertribunalen Tag für Tag und Jahr um Jahr verbreitet wird, stattgefunden habe. Die einzelnen Referenten wiederholten, soweit sie überhaupt darauf zu sprechen kamen, das Dogma von den »Vergasungen« in sogenannten »Vernichtungslagern«, ohne dabei bezeichnenderweise auf wesentliche Einzelheiten näher einzugehen.

Dennoch bot der Kongreß eine Überraschung. Erstmals wurde nämlich der Öffentlichkeit hierzulande bewußt gemacht, daß die etablierten Historiker seit einiger Zeit zwei gegensätzliche Stellungen bezogen haben, die als »intentionalistische« bzw. »funktionalistische« Schule bezeichnet werden. Die bislang allein herrschende intentionalistische Schule - sie wurde auf dem Kongreß vor allem durch Raul Hilberg (Burlington/USA), Andreas Hillgruber (Köln), Yehuda Bauer (Jerusalem), Wolfgang Scheffler (Berlin) und Helmut Krausnick (Stuttgart) vertreten - hängt nach wie vor der durch die Nürnberger IMT-Prozesse begründeten »reinen Lehre« an. Diese besagt, daß der »Mord an den Juden« - vereinfacht ausgedrückt - ausschließlich auf die Initiative Hitlers zurückzuführen sei. Die Funktionalisten hingegen sind der Meinung, daß das behauptete Mordgeschehen sich in einer fortschreitenden »Akkumulation« (Jäckel) sozusagen von selbst ergeben habe. Der fanatische Antisemitismus Hitlers sei zwar die unentbehrliche Grundlage hierfür gewesen, einen ausdrücklichen Befehl zum Judenmord habe Hitler aber weder mündlich noch schriftlich erteilt. Die Funktionalisten bestreiten auch gegen die noch herrschende Meinung, daß auf der sogenannten Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 eine Art Generalplan für den Judenmord aufgestellt worden sei. Die behaupteten Tötungsaktionen sollen sich nach dieser Theorie vielmehr aus lokalen Notwendigkeiten heraus, so unter anderem der kritischen Ernährungslage in den polnischen Ghettos nach Beginn der Judendeportationen, von Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen ausgehend bis hin zu ihrem schrecklichen Höhepunkt, den »Vergasungen« in »Vernichtungslagern«, durch einen Prozeß der »kumulativen Radikalisierung« (Friedländer) fortschreitend entwickelt haben, mithin nicht im einzelnen geplant worden sein. Hiernach war die »Ausrottung der europäischen Juden« also nicht - wie bei den Intentionalisten - die zwangsläufige Folge aus einer langfristigen Zielsetzung Hitlers, sondern das Ergebnis eines sich allmählich radikalisierenden Eskalationsprozesses in einer ganz bestimmten Situation des Krieges.

Die »funktionalistische Schule« war auf dem Kongreß durch die Professoren Broszat (München) und Mommsen (Bochum) vertreten, denen freilich kein Hauptreferat übertragen worden war. Sie hatten nur in verschiedenen Diskussionsrunden Gelegenheit, ihre Ansichten deutlich zu machen. Allerdings ist anerkennend zu vermerken, daß Saul Friedländer (Tel Aviv) bereits in seinem am Anfang der Tagung stehenden grundlegenden Vortrag »Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung« objektiv bemüht war, die funktionalistische Lehre eingehend darzustellen, obwohl er sich selbst - wie auch alle anderen jüdischen Teilnehmer - erkennbar den Intentionalisten zurechnete. So zitierte er beispielsweise wörtlich Mommsens bezeichnende Feststellung aus dem Jahre 1983:

»Noch immer hält sich in der Forschung die Vorstellung, daß Hitler selbst die Ausrottung des Judentums von Anbeginn an in einem konkreten Sinn erwogen und als Fernziel aufgestellt hat. Die sorgfältig registrierten Äußerungen des späteren Diktators zu diesem Problem belegen dies gewiß nicht zwingend.« (»Geschichte und Gesellschaft« 9/1983, S. 386)

Desgleichen verwies er auf Broszats schon 1977 aufgestellte These, daß es »überhaupt keinen umfassenden allgemeinen Vernichtungsbefehl gegeben hat, das ›Programm‹ der Judenvernichtung sich vielmehr aus Einzelaktionen heraus bis zum Frühjahr 1942 allmählich institutionell und faktisch entwickelte und nach der Errichtung der Vernichtungslager in Polen … bestimmenden Charakter erhielt. « (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 25/1977, S. 752f.)

Solche Äußerungen kommen der in meinem Buch »Der Auschwitz-Mythos« vertretenen Auffassung schon sehr nahe, daß »etwaige Judenvernichtungen, auch solche durch Gas, … allenfalls auf eigenmächtigen Handlungen untergeordneter Organe beruhen« könnten und daß »von einer ›planmäßigen‹ Judenvernichtung in diesem Fall ebenfalls keine Rede sein« könne (vgl. S. 22 a. a. O.). Die Folgerung, daß dann aber auch die besondere Entwicklung und technische Handhabung der jeweiligen Vernichtungsaktionen wissenschaftlich einwandfrei geklärt werden müssen, bevor sie als »historische Tatsache« gelten können, ziehen die Funktionalisten noch nicht. Sie verlassen sich insoweit - wie die Intentionalisten - nach wie vor im wesentlichen auf »Erkenntnisse« einschlägiger Gerichtsverfahren, die ihrerseits keineswegs als wissenschaftlich einwandfreie und umfassende Klärung der betreffenden Vorgänge angesehen werden können, abgesehen von der Fragwürdigkeit ihrer Grundlagen. Die Quellenangaben zeitgeschichtlicher Werke belegen das zur Genüge, jedenfalls soweit die Gaskammerproblematik in Frage steht. Die »Gaskammern« aber waren nun einmal die eigentliche »Waffe des Völkermords« (Faurisson), wenn man den offiziellen Darstellungen hierüber glauben will.

Wenn also auch die Kontroverse über die »Entschlußbildung« an der allgemeinen Beurteilung des Gesamtgeschehens kaum etwas geändert hat, so offenbaren die Meinungsverschiedenheiten zwischen Intentionalisten und Funktionalisten, und zwar schon bei dem eingangs erwähnten Internationalen Colloquium an der Pariser Sorbonne, doch das Aufkommen einer gewissen Unsicherheit unter den Historikern. Diese Unsicherheit beruht zumindest teilweise darauf, daß zwischen den behaupteten Mordaktionen kein rechter Zusammenhang feststellbar ist und alle bisherigen Versuche, ihn herzustellen und auf eine zentrale Befehlsgebung zurückzuführen, mehr oder weniger konstruiert anmuten. Bezeichnend ist die Bemerkung Broszats in der Diskussion, er frage sich, »ob die doch bemerkenswerterweise auch unter Beteiligung israelischer beziehungsweise jüdischer Gelehrter ziemlich leidenschaftlich geführte Kontroverse nicht wesentliche außerwissenschaftliche Gründe« habe. Noch weiter ging Mommsen, der die Annahme, daß »im engeren Führungskreis die Endlösung der europäischen oder der Weltjudenfrage zu irgendeinem Zeitpunkt systematisch besprochen worden wäre«, glattweg als »Illusion« bezeichnete.

In der Tat fällt es schwer, dies zu glauben, wenn man sich vor Augen hält, daß die behaupteten, zum Teil nebeneinander herlaufenden Einzelaktionen in der Art ihrer Durchführung völlig unterschiedlich waren. Neben Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen sollen »Gaswagen«, »Gasduschen«, »Vergasungen« durch Abgase von Dieselmotoren und solche mittels des Entwesungsmittels Zyklon B in eigens dazu bestimmten »Gaskammern« sowie »Phenolspritzen« als Tötungsmittel zur Anwendung gekommen sein. Die Kriegspropaganda behauptete noch weitere, besonders phantasievolle Tötungsmethoden, von denen allerdings schon in den Nürnberger Prozessen nicht mehr die Rede war. Ein zielbewußt planender Hitler wäre zweifellos nicht so konfus und unzusammenhängend vorgegangen. Allein schon die Tatsache, daß unzählige Juden von dem angeblichen Rassenmord nicht erfaßt wurden, spricht gegen die Thesen der Intentionalisten.

Andererseits wollen oder können die Funktionalisten noch nicht sehen, daß zumindest einige der behaupteten Mordaktionen, wie etwa die Benutzung von Dieselmotoren zur »Vergasung« (Gerstein-Bericht) oder die Anwendungsweise von Zyklon B, wie sie in Berichten angeblicher Augenzeugen beschrieben wird, in ihrer technischen Durchführung zweifelhaft oder sogar unmöglich erscheinen. Andere Beweise als diese »Augenzeugenberichte« gibt es aber hierfür bis heute nicht. Man hat -wohl aus gutem Grund - nicht einmal den Versuch unternommen, durch mögliche analytische Verfahren in den Ruinen der angeblichen »Gaskammern« von Birkenau Spuren von Zyklon B nachzuweisen. Jedenfalls sind positive Ergebnisse etwaiger Versuche nicht bekannt geworden. Ausländische Revisionisten haben gerade in den letzten Jahren die Unmöglichkeit der in den Genozidbehauptungen eine maßgebliche Rolle spielenden »Vergasungen« ausführlich begründet. Die etablierten Historiker werden daher früher oder später gezwungen sein, sich mit den revisionistischen Argumenten auseinanderzusetzen.

Eines aber steht heute schon fest: Alle Gerichtsurteile, die - und das ist die Regel - davon ausgegangen sind, daß die angeblich von Hitler angeordnete »planmäßig organisierte physische Vernichtung der Juden im deutschen Machtbereich« eine »historische Tatsache«, eine »gesicherte historische Erkenntnis« oder gar eine »offenkundige Tatsache« sei, und mit dieser Begründung Beweiserhebungen hierüber als überflüssig abgelehnt haben, sind Fehlurteile, die auf eigener Kompetenzverkennung oder unzutreffenden Gutachten einseitig eingestellter Sachverständiger beruhen. Denn sie haben einen Sachverhalt zur Grundlage, der heute wissenschaftlich immer noch umstritten oder jedenfalls wieder strittig geworden ist. Damit erweist sich wieder einmal die Richtigkeit der schon sehr alten Warnung des in der Weimarer Republik hochangesehenen Strafrechtslehrers Prof. Ernst von Beling vor einer »allzu leichtfertigen Beurteilung zeitgenössischer Vorgänge« durch Richterspruch. Beling meinte, es sei »Vermessenheit«, wenn »der Richter die Rolle des Geschichtsschreibers spielte«. Er verwies hierzu unter anderem auf die Schwierigkeiten der historischen Forschung und die Unzuverlässigkeit des Quellenmaterials. Eine historische Tatsache - so führte er aus - könne nur dann von den Gerichten als offenkundig behandelt werden, wenn »die Geschichtsforschung einhellig alle Zweifel an der Wahrheit bannen würde« (Deutsche Strafrechtszeitung, 1918, Spalte 199ff.).

Es wird Zeit, daß deutsche Richter hierüber einmal nachdenken!

Die Historiker aber sollten endlich den Mut aufbringen, sich von bisherigen Denkschablonen zu lösen, und damit beginnen, die wirklichen Ursachen für den Tod der im Zweiten Weltkrieg umgekommenen Juden zu erforschen, soweit das überhaupt noch möglich ist. Hellmut Diwalds Festellung, daß das Schicksal der in den Osten evakuierten Juden »trotz aller Literatur in zentralen Fragen noch immer ungeklärt« sei (Geschichte der Deutschen, 1. Auflage S. 165), steht nach wie vor im Raum.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(1) (1986), S. 12ff.

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