Was war die ›Sonderbehandlung‹ in Auschwitz?

Dr. Wilhelm Stromberger


Die Exterminationisten meinen, daß in der NS-Tarnsprache das Wort ›Sonderbehandlung‹ der Deckname für Massentötungen insbesondere mittels Giftgases gewesen ist.
Der Verfasser konnte in Kopien von in einem Prager Archiv unter dem Aktenzeichen I B-401 g aufliegenden Unterlagen der Zentral-Bauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz OS einsehen.
Die Unterlagen tragen den Titel

Vorhaben: KriegsgefangenenlagerAuschwitz
(Durchführung der Sonderbehandlung)
Bauherr: Reichführer SS; SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt Amtgruppe C; Berlin, Lichterfelde-West


Es handelt sich um eine Zusammenstellung samt Baubeschreibungen und »Kostenüberschlagen« samt Lageplanen, die am 28. 10. 1942 vom Leiter der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz, SS-Hauptsturmführer Bischoff, in Auschwitz verfaßt und unterfertigt wurde.
Die Kopien sind dem äußeren Anschein nach echt und nach dem für technische Fachleute nachvollziehbaren technischen Inhalt auch richtig. Für Fälschungen gibt es keine Anhaltspunkte.
Auch die zugehörigen Plankopien erscheinen echt und richtig, dies konnte anhand der bekannten Luftbilder und des Ball-Reportes1 überprüft werden.
Es sind allerdings auch beträchtliche Abweichungen zwischen der ursprünglichen Planung und der tatsächlichen Ausführung feststellbar, ein Teil der Planung wurde offenbar nicht realisiert. Solche Umstände sind aber nicht überraschend und kommen bei vielen Grol3projekten vor.
Die Gesamtkosten dieser Maßnahme sind mit 13,76 Millionen Reichsmark (RM) angesetzt. Dies entspricht rund 192 Millionen DM, 122 Millionen $ oder 1,27 Milliarden (US: Billionen) (Ost) Schilling.
Davon sollten in der Zeit von 1. 4. 1942 bis 31. 12. 1942 6,0 Mill RM verbaut werden, der Rest von 7,76 Mill RM erst im Jahre 1943. Man bedenke: Die ›Wannseekonferenz‹ fand am 20. 1. 1942 statt, dort wurde nach gängiger Geschichtsauffassung die Vernichtung der Juden von den NS-Machthabern beschlossen!
Die veranschlagten Arbeiten umfassen die Gebäude inkl. Installationen, die Wasserversorgungsanlage, die Entwässerungsanlage (1 Mill. RM,110 000 m³ Erdaushub, 126 km Drainagerohre, 12 km Drainagegraben usw. Hierbei fehlen allerdings die Kosten der aufwendigen und hochmodernen 2 Klaranlagen, die mit Sicherheit weit über zwei Millionen RM ausgemacht haben müssen), den Gleisanschluß, die Elektroanlage, die Alarm- und Telefonanlage, die Notstromanlage, die Transformatorenstation, die Bäckerei (130 m lang!), Werkshallen, Entwesungsanlagen und die Zäune.
Die Kosten beziehen sich im wesentlichen auf den Bauabschnitt II und III, wenngleich die Kosten der besonderen Einrichtungsteile wie Krematorien sich eindeutig auf die beabsichtigte Gesamtbelegung mit 140 000 Kriegsgefangenen oder Häftlingen beziehen.
Die tatsächlichen Gesamtkosten unter Einbeziehung der Bauabschnitte und der 3 Klaranlagen müssen somit in Gro13enordnungen von ca.25 Mill. RM (= 325 Mill. DM) gelegen sein.
Fast jedes der sowie Melarionsarbeiten 142 Dokumente (von den 12 Kostenüberschlägen nur 7) tragt im Blattkopf den Vermerk: »Bauvorhaben Kriegsgefangenenlager Auschwitz (Durchführung der Sonderbehandlung)«.
Nirgends findet sich der Stempelabdruck »Geheim«.
Selbst wenn man unterstellt, daß »Sonderbehandlung« ein Ausdruck der ›Tarnsprache‹ für die Massenvergasung sein sollte, so regt es doch zum Nachdenken an. Wer wird diesen Ausdruck so auffällig oft verwenden, praktisch den Leser ›mit der Nase daraufstoßen‹? Da schlägt sich Geheimhaltung offensichtlich mit ›Tarnsprache‹.
Des Rätsels Lösung ist aber in den Unterlagen bei Bauteil 16a zu finden.
Dieser Bauteil ist ein 50 × 6 × 9,40m (= 8440 m³ umbauter Raum) großes unterkellertes Gebäude, das die Widmung tragt:

»Entwesungsanlage
1. für Sonderbehandlung«.

Daneben gibt es unter derselben Bezeichnung 16a ein Gebäude mit bloß 736 m³ umbauten Raumes, das die Widmung tragt:

»Entwesungsanlage
2. Für die Wachtruppe«.

Für 1942 war aber kein Geld veranschlagt, diese Objekte sollten erst 1943 errichtet werden.
Wenn also das große Gebäude für Sonderbehandlung in der Tat der Massentötung durch Giftgas dienen sollte, so ist bemerkenswert, daß es (nach der ›Wannseekonferenz‹ am 20. 1. 1942!) gegenüber den anderen Arbeiten (immerhin fast 44% in drei Quartalen 1942!) zurückgestellt worden ist. Wer, der Massentötungen im Januar 1942 beschließt, baut zuerst die Aufenthaltsbaracken und die Infrastruktur und dann erst die Tötungseinrichtungen und die Krematorien?
Das große Gebäude ist das einzige, das der Sonderbehandlung dienen sollte.
Nun mag man einwenden, daß man möglicherweise die Keller der Krematorien zur Sonderbehandlung (sprich Massenvergasung) interimistisch verwendet habe und daher das Objekt 16a (1) zurückgestellt habe. Dann bleibt aber die Frage, wo denn die Entwesung und Entlausung der Häftlinge hatte stattfinden sollen?
Das Gebäude 16 a (1) wurde in der Folge ja doch - siehe Luftbilder -, allerdings in anderer Gestalt, errichtet.
Überdies stimmt die tatsächliche Nutzung als Brausebad und Entwesungsanlage mit den Aussagen derjenigen Häftlinge überein, die nach der Selektion ins Lager eingewiesen worden sind. Die Sonderbehandlung ist also anscheinend aufgrund der ohne Zweifel echten und richtigen Dokumente ein Teil der Hygienemaßnahmen gewesen, die bloß in Objekt 16a (1) durchgeführt worden sind.
Bei den Entwesungsanlagen 16a (2) (für die Wachtruppe) und 16b (für die Zivilarbeiter, zwei Anlagen mit je 3016 m³ umbauten Raumes) fehlt der Hinweis Sonderbehandlung. Dieser wurden offensichtlich nur die Häftlinge unterzogen. Die Entwesungsanlage für das Zivilarbeiterlager I wurde 1942 errichtet, die für das Zivilarbeiterlager II sollte erst 1943 errichtet werden.
Für die Sonderbehandlung waren Bauarbeiten bis 28. 10. 1942 »noch nicht begonnen«, ebensowenig für die Entwesungsanlage für die Wachtruppe.
Es konnten somit Häftlinge erst nach Vollendung des Objektes 16a (1), dessen Errichtung erst nach dem 1. 1 . 1943 beginnen sollte, ›sonderbehandelt‹ werden. Da es die Massenvergasungen aber laut Zeugenaussagen schon ab September 1941 (nach Pressac erst ab Dezember 1941) gegeben haben soll, kann Sonderbehandlung anscheinend nicht Massenvergasungen gleichgesetzt werden.
Es mag sein, und dies wäre noch zu prüfen, daß die Sonderbehandlung in der Anwendung der Ultrakurzwellen-Entlausungstechnik (Anlagekosten RM 98 000, siehe Pressac,2 Seite 84) bestand.
Weitere Hinweise dafür findet man bei Pressac, S. 43, dies läßt sich auch aus der folgenden Passage herauslesen:
»Die vorbeugenden Maßnahmen im Lager seien ausreichend gewesen… doch das Übel kam durch jene, die nicht einer solchen Behandlung unterworfen waren, die Zivilarbeiter, die täglich mit den Häftlingen umgingen.«
Man lese oben nach: Die Zivilarbeiter und die Wachtruppe wurden nicht sonderbehandelt!
Das Wort Sonderbehandlung ist daher anscheinend kein ›Tarnwort‹ für Massentötungen, sonst mußte es eher bei den Kellern der Krematorien stehen.
Bemerkenswert ist ferner die den Unterlagen zu entnehmende Tatsache, daß unter der Bezeichnung 15b vier Leichenhallen im Ausmaß von je 28,80 × 13,60 × 3,15m (=1234 m³ umbauter Raum) errichtet werden sollten. Wie die Luftbilder aber eindeutig beweisen, ist keine dieser Hallen je gebaut worden. Dies läßt den Schluß zu, daß die Deutschen mit gewaltigen Epidemien gerechnet hatten und die Krematorien die Einäscherung nicht dem Anfall entsprechend auch unter Ausschöpfung der Pufferkapazität der grollen Leichenkeller bewältigen hätten können.
Die Praxis zeigte aber offenbar, daß der Bau der Hallen nicht erforderlich war, die schubweise Häufung der Todesfälle also anscheinend nicht im befürchteten Ausmaße eintrat. Zwei der Hallen sollten dort stehen, wo in direkter Sicht auf Krematorium III das Fußballfeld für die Häftlinge war.
Die Einsicht in die Pläne zeigt, daß die Standortwahl für die Leichenhallen falsch war. Jeder vernünftige Techniker hätte sie wohl auf den Arealen der Krematorien - dort gab es genügend Platz - schon wegen der sonst nötigen langen Transportwege angeordnet.
Es fragt sich daher der unbefangene Sachkundige, warum die Deutschen jedenfalls mehr als 25 Mill. RM (man bedenke nochmals: 325 Mill. DM auf heutiger Preisbasis!) dafür ausgegeben haben, um in Birkenau Massentötungen an Mißliebigen auszuführen, nachdem diese bei würgendem Mangel an rollendem Material3 aus ganz Europa herangeführt worden sein sollen. Man hatte die Häftlinge in Birkenau doch bloß sich selbst und den ohne die aufwendigen Drainage- und Abwasseranlagen bald ausbrechenden Seuchen in diesem Sumpfgebiet überlassen müssen.
Darüber hinaus war es doch unsinnig, Häftlinge zu töten, wenn man aus dem ganzen besetzten Europa Zwangsarbeiter nach Auschwitz bringen mußte, um die benachbarte Industrieanlage Monowitz zu betreiben.
Auch Pressac2 erkennt dies und erklärt: »Was die Fabriken in Oberschlesien betraf, so hieß es, sie sofort zu schließen, wenn die Arbeitskräfte aus den Konzentrationslagern ausfielen.« (S. 82)
Der SS-Gruppenführer Dr. Ing. Heinz Kammler berichtet zum Beispiel am 19. 4. 1944 an Himmler über die Einebnung des einstigen Ghettoterrains in Warschau unter anderem:
»Durch die noch bestehende Quarantäne im Lager können nicht genügend Häftlinge als Arbeitskräfte eingesetzt werden. Dieser Mangel wird z.Zt. durch erhöhten Einsatz von polnischen Arbeitskräften überbrückt.«4
Warum führte man nicht neue Häftlinge um die unter Quarantäne stehenden Lager herum, wenn man schon durch die Lagersperre keine etwa aus Auschwitz einsetzen konnte?

Zusammenfassung

Das Wort Sonderbehandlung, laut Holocaust-Literatur in der ›Tarnsprache‹ für Massentötung vorzüglich mittels Zyklon B stehend, bedeutet wohl bei logischer Auslegung zweifelsfrei echter Bauunterlagen lediglich ›besondere hygienische Behandlung von Häftlingen‹, da nur für Häftlinge eine Entwesungsanlage »für Sonderbehandlung« geplant war. Die Wachtruppe und die Zivilarbeiter wurden in gleichartig beschriebenen Anlagen offenbar bloß ›behandelt‹, also wie üblich entlaust.
Da die Anlage für die ›Sonderbehandlung‹ erst erbaut worden ist, nachdem schon jahrelang - folgt man den Angaben von ›Zeitzeugen‹ - Massentötungen erfolgt sein sollen, dürfte ›Sonderbehandlung‹ kein ›Tarnwort‹ für Massentötung mittels Giftgases im vorliegenden Fall sein.
Aufgrund der vorstehend aufgezeigten Fakten und vorliegenden Akten können Zweifel daran entstehen, daß unter ›Sonderbehandlung‹ in Auschwitz-Birkenau eine Massenvernichtung verstanden wurde.

Anmerkungen

1 John C. Ball, The Ball Report, Auschwitz air photo maps, Ball Resource 1993.
2 Jean-Claude Pressac, Les crématoires d'Auschwitz, CNRS-Éditions, Paris 1993 (dt.: Piper-Verlag, 1994).
3 Albert Speer, Erinnerungen, Propyläen, Frankfurt-Berlin 1993, 16. Kapitel: »Bankrotterklärung der Reichsbahn«.
4 Joseph Wulf, Das Dritte Reich und seine Vollstrecker, Fourier, Wiesbaden 1989, Seite 92.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 44(2) (1996), S. 24f.

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