Weiter Schweigen um Oradour?

Bundesregierung deckt Verzerrung zur Zeitgeschichte

Herbert Taege


Kürzlich zog sich Bundesminister Klein durch seine Bemerkung über die Waffen-SS den Zorn aller Umerzieher zu, und es kam zu einer Anfrage im Bundestag. Aus diesem Anlaß ist es angezeigt, einen Sachstandsbericht über den Komplex Oradour zu geben, der wahrheitswidrig in der Öffentlichkeit immer noch der Waffen-SS als Kriegsverbrechen vorgeworfen wird. Der Verfasser der beiden wichtigsten und gründlichsten Dokumentationen dazu (Wo ist Kain? und Wo ist Abel?, Enthüllungen und Dokumente zum Komplex Oradour, Askania Verlag, Lindhorst 1981 und 1985) stellt dazu fest:

Die Akten des Ständigen Höheren Militärgerichts in Bordeaux zum Oradour-Prozeß von 1953 sind durch Gesetz bis weit in das zweite Jahrtausend unter Geheimhaltung gestellt und bleiben unter Verschluß.
Die parallel dazu angelegten Akten der ehemaligen Rechtsschutzstelle des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik sollten nach Angabe des AA vom 26. Juli 1978 verschollen sein. Sie sind es nicht: Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Freiburg, Dr. Georg Meyer, hatte diese Akten vorher aus dienstlichem Anlaß eingesehen. Daß die Akten nicht verschwunden sind, ergibt sich aus der Mitteilung des Obersten i.G. Dr. Kehrig vom Militärarchiv/Bundesarchiv vom 19.7.1988 an den Verfasser: »… völlig überraschend wurden das Militärgeschichtliche Forschungsamt und das Militärarchiv vom Bundesarchiv jetzt davon unterrichtet, daß die Hauptdienststelle vom Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes nunmehr die Akten der Rechtsschutzstelle übernommen habe. Die Auswertung durch das Militärgeschichtliche Forschungsamt ist vorgesehen…«
Bis zur Stunde ist aber nichts darüber bekannt geworden, daß die vom Verfasser angebotene internationale Wissenschaftler-Kommission zur Überprüfung seiner Beweisführung konstituiert worden wäre. Der Grund ist indiziell nachweisbar: Zwischen der Bundesregierung und der Französischen Republik wurde 1953 zum Zwecke der Freilassung aller beschuldigten SS-Offiziere - meist Stabsoffiziere - und der Freilassung aller verurteilten Unteroffiziere und Mannschaften eine Übereinkunft getroffen, die Tatsachen-Feststellungen im Komplex Oradour geheimzuhalten.
Da die ehemaligen Partisanen jedoch redseliger sind als ehemalige deutsche SS-Männer, wissen wir ziemlich genau, was diese Akten enthalten: Die Todesart und die Grablage des in die Hände der Partisanen gefallenen Ritterkreuzträgers, SS-Sturmbannführer Kämpfe; die Umstände, unter denen am Ortseingang von Oradour ein niedergemachter Sanitätstransport aufgefunden wurde; und vor allem die Stapelung von Sprengstoff, Munition und Brandsätzen im Turm der Kirche von Oradour, wovon die deutsche Truppe nichts wußte und daher auch deren Explosion nicht verhindern konnte.
Es ist schon makaber, daß trotz der deutsch-französischen Aussöhnung und nunmehrigen Waffenbrüderschaft die französische Seite sich weigert, ihrer völkerrechtlichen Vertragspflicht nachzukommen, die Grablage des von den Partisanen ermordeten SS-Stabsoffiziers Kämpfe bekanntzugeben. Gänzlich unverständlich aber ist es, daß sich die Bundesregierung nicht verpflichtet fühlt, diese Auskunft von Frankreich zu fordern, denn eine Exhumierung der Leiche Kämpfes würde die Tatsachen im Fall Oradour durchaus anders erscheinen lassen, als sie im Schauprozeß 1983 vor dem Stadtgericht in Ostberlin gegen den ehemaligen Zugführer der in Oradour eingesetzt gewesenen Kompanie, Heinz Barth, »ermittelt« wurden. Denn dieser Schauprozeß war die Antwort auf meine erste Dokumentation Wo ist Kain? und hatte keine andere Aufgabe, als die ostzonal gewünschte Version des Tathergangs festzuschreiben, was nach bundesrepublikanischer Rechtsprechung möglich ist.
Das Bundesjustizministerium weigerte sich damals, die Dokumentationen - das Recherchematerial wurde inzwischen durch Vertrag dem Bundesarchiv übereignet - dem Ostberliner Gericht, der DDR-Staatsanwaltschaft und der Verteidigung zur Verfügung zu stellen, zögerte aber nicht, der Ostberliner Staatsanwaltschaft Amtshilfe durch Beistellung der Ermittlungsakten der bei der Sonderstaatsanwaltschaft Dortmund anhängigen Ermittlungsverfahren gegen Lammerding, Karweger und andere zu leisten.
Erwartungsgemäß verwendete die Staatsanwaltschaft in Ostberlin nur die in ihr Beweisvorhaben passenden Zeugnisse, insbesondere das des Chefs der in Oradour eingesetzten Kompanie, Hauptsturmführer Kahn. Kahn war 1939 als Gendarm zum Heer eingezogen worden und später als Stabsfeldwebel der Feldgendarmerie zur Waffen-SS kommandiert und schließlich versetzt worden.
Er war im Oradour-Prozeß 1953 in Abwesenheit wegen Befehlsgebung zum Mord überfuhrt und zum Tode verurteilt worden. Da sein Bataillonskommandeur, Sturmbannführer Dieckmann, bereits wenige Tage nach dem Brand von Oradour gefallen war, schob Kahn bereits damals gegenüber dem Divisionsgericht alle Schuld auf Dieckmann.
Unter dem Nachkriegsdruck, nach Frankreich ausgeliefert zu werden oder in der Bundesrepublik zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt zu werden und seine 131er Pension zu verlieren, log sich Kahn 1963 vor dem Oberstaatsanwalt S. der Dortmunder Staatsanwaltschaft zunächst heraus. Bereits der Nachfolger von S., ein Staatsanwalt Nitardy, bemerkte den Schwindel Kahns und eröffnete erneut das Verfahren gegen Kahn. Er stellte nach dem bald darauf erfolgten Ableben Kahns fest: »Wenn der noch leben würde, der wäre aber dran…«
Der jetzige Leitende Oberstaatsanwalt Schacht bemerkte gegenüber seinem Amtsvorgänger S., das von S. aufgenommene Vernehmungsprotokoll Kahns wäre ja in keinem Punkte haltbar.
Dem Sachkenner fiel auch auf, daß im Prozeß gegen Barth in Ostberlin der Angeklagte Barth zunächst Allerwelts-Aussagen zum Tathergang gemacht hatte, die jeder aufmerksame Zeitschriftenleser ebenso hätte machen können, und daß Barth nach Eingang der Akten der Staatsanwaltschaft Dortmund genau das aussagte, was Kahn lügend in Dortmund ausgesagt hatte und was niemand sonst wissen konnte, da Kahns Aussagen sämtlich durch andere Augenzeugen, zum großen Teil französischer Nationalität, in den Vorverfahren widerlegt worden waren. So wurde der Barth-Prozeß zu einem Schauprozeß Stalinscher Qualität umfunktioniert. Der mit der Teilnahme an Exekutionen im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren im Zusammenhang mit Lidice belastete Barth kam, wie auch sein Kompaniechef, von der Schutzpolizei und nicht von der Waffen-SS. Auch hatte Barth niemals eine Junkerschule der Waffen-SS absolviert, nicht anders als sein Kompaniechef.
Aber Kahn war tot, die französischen wie die deutschen Akten blieben gesperrt oder verheimlicht und wurden vor den deutschen Publizisten verborgen. Um herauszubekommen, was in den so sorgsam vor ihm geheimgehaltenen Akten steht, was die DDR-Behörden sehen dürfen, und in welcher Weise die DDR-Staatsanwaltschaft ihr unpassend erscheinende Dokumente unterdrückt hatte, blieb dem Verfasser der beiden Oradour-Dokumentationen nur übrig, sich einen mittelbaren Zugang zu den Akten des Militärgerichts Bordeaux zu verschaffen, und auf einem anderen Wege einen mittelbaren Einblick in die Akten der Staatsanwaltschaft Dortmund zu gewinnen (über eine Persona grata, der diese Einsicht im Gegensatz zum Verfasser gewährt worden war) und so die Aussagen Kahns mit denen anderer Zeugen, auch französischer Herkunft, zu vergleichen. Seine Feststellung: Kahns Aussagen sind lauter Lügen, die von einer Broschüre zweier Staatsanwälte im Auftrage des General-Staatsanwalts der DDR zementiert werden sollten.
Die Antwort darauf ist der zweite Band der Oradour-Dokumentation Wo ist Abel?. Dieses von den Medien totgeschwiegene, aber von der Wissenschaft bereits weitgehend anerkannte Buch bleibt keine Antwort schuldig. Es ist gewissenhaft recherchiert und weist im Detail nach, wie die DDR-Justiz hier mit rechtsstaatlich nicht zu tolerierenden Mitteln ein politisches Urteil erwirkt hat.
Als in der DDR bekannt wurde, daß die Staatsanwaltschaft Dortmund die Beweise meiner Dokumentationen sorgfältig prüfte, wurde als Antwort ein Interview mit dem in der DDR lebenslänglich einsitzenden Heinz Barth im westdeutschen Fernsehen gesendet. Dieses Fernsehinterview, von Lea Rosh und Günter Schwarberg moderiert, löste nicht nur beim Publikum weitreichende Empörung aus - unter anderem, weil die Dolmetscherin relevante Aussagen falsch übersetzte -, sondern rief auch den Oberstaatsanwalt Schacht von der Sonderstaatsanwaltschaft Dortmund auf den Plan: Schacht beantragte die Vernehmung des DDR-Häftlings Barth durch die Dortmunder Staatsanwaltschaft.
Man kann durchaus der Meinung sein, die Staatsanwaltschaft Dortmund sei von amtswegen verpflichtet gewesen, bei den geringsten Bedenken gegen die rechtsstaatliche Qualität des Ostberliner Urteils ein Ermittlungsverfahren einzuleiten: Wenn nämlich ein Oberlandesgericht der Bundesrepublik feststellte, daß das Ostberliner Urteil nicht mit rechtsstaatlichen Maßstäben zustandegekommen ist, würden auch die Tatsachen-Feststellungen des DDR-Urteils ihre Verbindlichkeit für die Bundesrepublik verlieren.
Das Vorhaben des Oberstaatsanwalts Schacht weckte Hoffnungen auf eine amtliche Wahrheitsfindung. Vorerst vergeblich: der Bundesjustizminister hat bisher seine Zustimmung nicht gegeben. Vermutlich konnte er sie nicht geben, weil das Auswärtige Amt die Bundesregierung auf eine Einhaltung des Schweigeversprechens von 1953 festgelegt hat. Alle diese Handlungen weisen darauf hin, daß der Fall Oradour anders liegt, als in den Medien bisher berichtet.
Solange die Hoffnung besteht, daß die Wahrheitsfindung von Amts wegen betrieben wird, solange werden die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS mit dem Odium von Oradour als SS-Kriegsverbrechen weiterleben. Ein Eingriff in ein schwebendes Verfahren wäre für eine Interessengemeinschaft verhängnisvoll. Nachdem die Exekutive in dieser Sache seit 35 Jahren versagt, ist wohl die Stunde des Parlaments da!

Herbert Taeges Bücher zu Oradour-Tulle:
Wo ist Kain? 392 Seiten, 60 Abbildungen, DM29.50 
Wo ist Abel? 288 Seiten, 45 Abbildungen, DM 36,-


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 37(3) (1989), S. 21f.

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