»Dies ist alles erwiesen dokumentiert«

Zur Bundestagsdebatte über die Waffen-SS - Der Fall Tulle in Dokumenten der Gegenseite

Herbert Taege


Das kühne Wort der Bundestagsabgeordneten der Grünen, Frau Oesterle-Schwerin, das wir als Überschrift gewahrt haben, ist zutreffend: freilich in einem anderen Sinne, als die Abgeordnete dies gemeint hat. Da die Prozeßakten des Falles Tulle genau wie die des Falles Oradour-sur-Glane bis weit in das nächste Jahrhundert gesperrt bleiben, kann Frau Oesterle-Schwerin nichts von den Dokumenten der Gegenseite des einseitig geführten Prozesses Tulle II gesehen haben, wie sie dem Hohen Haus weiszumachen versucht hat. - Kaum denkbar, daß sie Herbert Taeges Bücher Wo ist Kain? und Wo ist Abel? - Enthüllungen und Dokumente zum Komplex Tulle und Oradour (Askania, Lindhorst 1981 und 1985) gelesen haben könnte. Zwar stehen beide Werke in der Bundestagsbibliothek und in fast allen deutschsprachigen Universitätsbibliotheken, aber die Medien haben diese grundlegenden Dokumentationen totgeschwiegen, und Frau Oesterle-Schwerins Äußerungen deuten darauf hin, daß sie nichts davon kennt. Beide Werke stehen in voller Übereinstimmung mit den als Dissertation herausgegebenen Forschungsergebnissen des Dr. jur. Luther Der französische Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht und seine Bekämpfung, herausgegeben vom Institut für Besatzungsfragen, Tübingen 1957. Wir haben Herbert Taege gebeten, aus seinen Werken die dokumentierten Hintergrunde des Falles Tulle zusammenzustellen.

Der zugrunde liegende Sachverhalt ist schnell dargestellt: Die 2. SS.Panzerdivision »DAS REICH« befand sich im Frühjahr 1944 zur Neuaufstellung in Südfrankreich im Raum Montauban. Versuche des deutschen Oberkommandos, die Division gegen die sich ausbreitende Partisanenbewegung im Zentralmassiv einzusetzen, konnte die Division unter Hinweis auf die rund zwei Drittel der Divisions-Mannschaftsstärke ausmachenden Elsässer-Kontingente, die als noch französische Staatsbürger nicht gegen ihr Mutterland eingesetzt werden durften, sowie unter dem Vorwand, es handle sich bei diesen Einsätzen um rein polizeiliche Aufgaben, umgehen.
Anders nach Beginn der Invasion am 6. Juni 1944: Jetzt trat der Oberbefehlshaber West an die Stelle der Militärverwaltung. Ihm unterstanden alle Kampftruppen und Sicherungsverbände, sowie alle Polizeieinheiten und alle Militär- und Zivilverwaltungen in allen besetzten Gebieten der Westfront. Wie auf allen Kriegsschauplätzen und Kampfgebieten hatte die Truppenfuhrung das Kommando.
Der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall v. Rundstedt, verfügte sofort, daß die 2. SS-Panzerdivision »DAS REICH« statt auf dem vorgesehenen Schienenweg im Landmarsch über Limoges das Kampfgebiet erreichen sollte. Das war verhängnisvoll für die vielen Kettenfahrzeuge, die außerordentlich hohe Ausfallquoten hatten, andererseits aber bezeichnet dieses Risiko die hohe Bedeutung, die die deutsche Führung der Bekämpfung der Partisanenbewegung im Massif Central beimaß.
Als die Aufklärungsabteilung der Division am Abend des 8. Juni 1944 die Augenbezirke der Stadt Tulle erreichte, schlug ihr das Feuer der Partisanen entgegen. Insgesamt 10 Tote und mehr als 30 Verwundete zählte die Division im Laufe der Kampfhandlungen in und um Tulle.
Tulle, Hauptstadt des Departements Corrèze, Bischofssitz mit 21000 Einwohnern, war nicht im Nachtkampf zu nehmen. Das Gefecht wurde am folgenden Morgen, dem 9. Juni 1944, fortgesetzt. Den Männern der Aufklärungsabteilung sowie des Divisionsstabes bot sich ein Bild des Grauens, als diese vor einer Schule die verstümmelten und geschändeten Leichen von rund 40 Landesschützen des Sicherungsregiments 95 fanden. Weitere Tote und Verwundete (insgesamt 30 - die Zahl unterlag Veränderungen, da einige Verwundete starben) fand man im Krankenhaus der Stadt sowie eine Anzahl von 20 Erschossenen an der Friedhofsmauer, von denen zwölf die Absolution durch den Abbé Chateau begehrt hatten. Insgesamt meldete die Divisionsführung am Abend des 8.6.1944 die Auffindung von 64 Leichen des örtlichen Sicherungsregiments, von dem weitere 63 als vermißt gemeldet wurden, die aber laut Dissertation Dr. Luthers bereits erschossen worden waren (Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge konnte bis jetzt erst 11 Tote aus dem Wald bei Naves exhumieren und umbetten). Nicht in diesen Zahlen enthalten sind die 30 Gefallenen der Aufklärungsabteilung (zwei verstarben im Lazarett in Limoges), ihre 28 + 2 Verwundeten sowie die rund 30 Verwundeten des Sicherungsregiments 95 und die 16 Bahnbediensteten, die am Morgen des 7. Juni erstes Objekt des Angriffs der Partisanen gewesen waren.
Fast überflüssig zu sagen, daß alle Aktivitäten der Partisanen in Tulle völkerrechtswidrig gewesen waren und Repressalien der Truppenführung gerechtfertigt hätten, und zwar in dem Ausmaß des damals üblichen: bis zu zehn Franzosen für jeden getöteten deutschen Soldaten oder bis zu drei Franzosen für jeden verwundeten Deutschen. Das waren 740 + 160 (für Zivilisten) + 90 (für verwundete SS-Leute) + 90 (für 30 Verwundete des Sicherungsregiments) = 1120 zu erschießende Repressal-Opfer gewesen, sofern man auf die oberen, aber keineswegs obersten Grenzen des völkerrechtlichen Gewohnheitsrechtes abstellt.

Die deutschen Gegenmaßnahmen

Aus dieser Rechtssituation wird verständlich, weshalb das Divisionskommando, vertreten durch den Ersten Generalstabsoffizier (Ia), Major i. G. Stückler, und den Feindlageoffizier (Ic), den Hauptsturmführer Kowatsch, zunächst aufgebracht reagierte und die Niederbrennung der Stadt und die Erschießung aller Männer androhte.
Nachdem der Ic sich überzeugt hatte, daß die Bevölkerung selbst ein Opfer der Terroristen geworden war und sich in nicht unerheblicher Zahl, insbesondere seitens der Priester-Seminaristen, für die Rettung deutscher Verwundeter eingesetzt hatte, gab er dem Präfekten Trouillé die Zusicherung, daß die Division die Stadt verschonen werde.
Die Einhaltung dieser »Verschonung« ist nur mit einiger Rabulistik abzuleugnen:
1. Die Brandschatzung der Stadt fand nicht statt.
2. Die Erschießung von Tausenden von Männern fand nicht statt.
3. Die Exekution von 98 Männern betraf nicht die Stadt, sondern ausschließlich Ortsfremde, von denen mindestens 87 Partisanen ortsfremden Ursprungs waren, die ohnehin als Freischärler keinen Rechtsschutz beanspruchen konnten.
4. Ein Befehl des der Division vorgesetzten LXVI. Res. Korps unter General d. Art. Lucht schrieb bindend die Repressalie im Verhältnis 1:10 vor, woran sich die Divisionsführung nicht hielt, sondern versucht hat, ihr gegebenes Wort einzulösen.
Trotzdem bleibt die Frage, wie sich ein deutscher Offizier zum Wortbruch bereitgefunden haben könnte, wenn auch in sehr milder Form (statt 1120 nur 98 exekutiert, das ist weniger als 1:1 der ermordeten deutschen Soldaten). Diese Frage, die im Hauptwerk Wo ist Kain? nur erst indiziell beantwortet werden konnte, konnte dann im Band Wo ist Abel? schlüssig beantwortet werden. Nehmen wir die Antwort voraus, um das Leseinteresse zu erhöhen:
Der Wortbruch oder die Zurücknahme der Zusage des Ic, die Stadt zu verschonen, hat seine Ursache ausschließlich in dem Bestehen der Vichy-Regierung beim Oberbefehlshaber West in Paris und beim Wehrmachtführungsstab in Berlin auf abschreckende Bestrafung der am Tuller Massaker beteiligten Franzosen. Allen Nachkriegs-Veröffentlichungen zum Trotz vermögen wir an der These festzuhalten, daß in Tulle nicht die SS oder gar die Waffen-SS initiativ geworden ist - obgleich das Völkerrecht auf ihrer Seite gestanden hätte, sondern die international anerkannte Regierung des französischen Staatspräsidenten Petain unter dem Ministerpräsidenten Laval. Das leiten wir ab aus dem Tagebuch eines Präfekten während der Besatzungszeit, von Pierre Trouillé,1 unter Richtigstellung aus dem Tagebuch2 eines sehr hohen Vichy-Beamten, Pierre Nicolle, unter Verifikation durch das Buch des Geheimdienstchefs de Gaulles, Colonel Passy,3 sowie unter Berücksichtigung des hinterlassenen Werkes des in französischer Haft verstorbenen deutschen Botschafters Otto Abetz.4
Wir zitieren aus den genannten Werken, möchten aber vorher klarstellen, wie der Prozeß Tulle II ausgegangen ist.

Die französischen Urteile

In Anwesenheit wurden vom Militärgericht in Bordeaux verurteilt: der Kommandeur der Panzer-Aufklärungsabteilung 3, Sturmbannführer Heinrich Wulf, zu 5 Jahren Haft, verbüßt durch die Untersuchungshaft; der Führer des Pionierzuges in der SS-Pz. A.A. 3, als Befehlsausführender bei den Exekutionen, Hauptscharführer Hoff; er wurde in erster Instanz in Bordeaux zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er nahm das Rechtsmittel wahr und wurde in Marseille zu 5 Jahren Haft verurteilt und ebenfalls unter Anrechnung der Untersuchungshaft alsbald auf freien Fuß gesetzt.
Beide Urteile kamen in der damaligen Psychose Freisprüchen gleich: lediglich aus optischen Gründen wurden die Strafen ausgesprochen und durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erklärt. Nicht anders übrigens als im Oradour-Prozeß, der zeitlich folgte: auch in diesem Prozeß um das Massaker von Oradour wurden nur optische Strafen ausgesprochen, die Verurteilten aber umgehend auf freien Fuß gesetzt. Man darf annehmen, daß die französische Militärjustiz jener Jahre, welche sich vorrangig aus ehemaligen Partisanen rekrutierte, besser wußte, wen sie damals praktisch freisprach, als die Medien und die Bundestagsabgeordneten, die im Gegensatz dazu Schuld und Schande auf die Soldaten der ehemaligen Waffen-SS glauben häufen zu müssen.
Alle Indizien weisen darauf hin, daß die französische Militärjustiz nicht aus Milde praktisch Freisprüche nach zumeist sieben (!) Jahren Untersuchungshaft ausgesprochen hat, sondern daß diese Milde unumgänglich war, weil das Verschulden der französischen Seite so offen zu Tage lag, daß man Mühe hatte, die französische Schuld zu verschleiern. Das Mittel dazu: gesetzliche Geheimhaltung der Prozeßakten, Übereinkommen mit der Bundesregierung, nicht an der verheimlichten Wahrheit zu rühren, und eine Entlassung der Verurteilten gegen »Parole«, das heißt das Schweigeversprechen der Entlassenen.
Allein die Tatsache, daß die Akten der beiden bedeutendsten Kriegsverbrecherprozesse in Frankreich durch Gesetz für mehr als 60 Jahre im Geheimtresor gehalten werden, beweist doch, daß diese Akteninhalte mehr die deutsche Seite Entlastendes als Belastendes enthalten. Sonst ergäbe die Geheimhaltung einfach keinen Sinn. Spüren wir also nach, was außerhalb der Prozesse an nicht vom Gesetz erfaßten Berichten zugänglich ist.

Französische Quellen

Da ist der Bericht des ehemaligen Präfekten von Tulle, Pierre Trouillé,1 eines Vichy-Beamten, der auf zwei Schultern getragen hat, so daß seine Angaben durch die Tagebuchaufzeichnungen von Pierre Nicolle2 überprüft werden müssen; denn Trouillé ist derjenige Vichy-Beamte in Tulle gewesen, der zusammen mit dem Bürgermeister von Tulle, Colonel Bouty, die zur Exekution bestimmten ortsfremden Partisanen mit ausgesucht hat. Es erstaunt daran nicht nur, daß Trouillé sich der deutschen Besatzungsmacht zur Verfügung gestellt hatte, sondern auch, daß er die »Befreiung« mit ihren mehr als 100000 Opfern überlebt hat. Letztere Tatsache muß den Leser seiner Memoiren kritisch machen.
Pierre Nicolle berichtet unter Samstag, dem 3. Juni 1944, also drei Tage vor Invasionsbeginn unter anderem: »Im Zentralmassiv nimmt die Aktivität der Maquisards zu… Aber eine viel schwerer wiegende Sache erfüllt die Regierung mit Sorge: Tulle sei Objekt einer richtigen Einschließung durch die Maquisards; dem Präfekten ist es gelungen, mit Vichy zu telefonieren; er erhält Befehl am Platz zu bleiben… Der Regierungschef (hat) es für richtig gehalten, die Aufmerksamkeit des die deutschen Truppen befehligenden Generals auf die besondere Lage der Stadt Tulle zu lenken… Man erwartet ein Einschreiten der Deutschen mit dem Ziele, ihre Einheit zu befreien…« [Anm.d.Red.: der die deutschen Truppen befehligende General kann nur der Kommandierende General des LXVI. Res. Korps sein.]
Einen Tag später, am Sonntag, dem 4. Juni 1944, notierte Nicolle bezüglich Tulles und des Zentralmassivs: »Die Lage in Tulle ist unverändert… Der Regierungschef sorgt sich mit Recht über die Abfall-Bewegung im Centre Frankreichs…« 
Unter dem 5. 6. 44 hielt Nicolle fest: »Die Lage in Tulle ist unverändert, die Verstärkungen reichen noch nicht aus, um den Ring der Aufständischen zu sprengen… Der Präsident Laval [Ministerpräsident] begibt sich morgen nach Paris, wo er mit den Vertretern der Besatzungsmacht Besprechungen haben wird. Ph. Henriot [Informationsminister der Vichy-Regierung] ist in Berlin…« 
Am Tage des Invasionsbeginns, dem 6. Juni 1944 also, vermerkt Nicolle sodann, daß sich Laval wegen der Invasion nicht habe nach Paris begeben können. Den Tag des Invasionsbeginns kennzeichnen drei wichtige antikommunistische und betont antikapitalistische Aufrufe an das französische Volk seitens des Staatspräsidenten Petain, des Ministerpräsidenten Laval und des Arbeitsministers Déat.
Nach den veröffentlichten Aufzeichnungen Nicolles begab sich Laval am 7. 6. 44 nach Paris: Zu diesem Zeitpunkt standen sämtliche Telefonleitungen zwischen Paris und Vichy nur noch für amtliche Zwecke offen.
Der Präfekt Trouillé berichtet von seinem Telefongespräch mit Laval lediglich, daß ihm Laval freigestellt habe, wie er sich verhalten wolle, das heißt, ob er sich bis zur Befreiung durch die Deutschen verstecken wolle, oder ob er sich zum - neutralen - Nichtkombattanten erklären wolle. Hier liegt der Schlüssel zu des Präfekten Doppelspiel: er läßt den Abzug von 600 Mann französischer Miliz zu und öffnet damit den Partisanen die Tore von Tulle.
Für den 5. Juni 1944 notierte sich Trouillé: »Die Zusammenstöße häufen sich… Tulle ist eingeschlossen von den Truppen der Franc-Tireurs-Partisans [Die FTP waren der kommunistische Flügel der französischen Widerstandsbewegung].« Trouillé läßt Lebensmittel aus den Magazinen ausgeben, denn alle Straßen und ein Teil der Telefonverbindungen sind abgeschnitten. Der Präfekt vermeidet es, Kontakt mit den Deutschen, der Garnison und dem Sicherheitsdienst aufzunehmen.
Vom 6. Juni, dem Tag der Invasion, schreibt Trouille ausführlicher, aber auch irreführend: Im Morgengrauen die jubelauslösende Nachricht vom Invasionsbeginn; gegen 10 Uhr sind von 26 Fernleitungen 23 abgeschnitten. Trotzdem erreicht ihn der Anruf des Ministerpräsidenten Laval, der ihn zum Durchhalten motivieren will. Gegen 11 Uhr erscheinen zwei SS-Offiziere, der Präfekt zieht die Miliz-Führer bei. Trouillé findet den Vorwand der von der Regierung angeordneten Trennung von deutschen und französischen Streitkräften bei der Maquis-Bekämpfung.
Der 7. Juni 1944 bringt in den Morgenstunden den Angriff der Partisanen auf die Stadt Tulle. Auf der Grundlage des oben dargestellten Vorwandes kommt ein Waffenstillstand von einer Stunde zustande, in welcher die Miliz ihre sämtlichen Kräfte abzieht und nach Limoges verlegt, ohne Behelligung durch die kommunistischen Partisanen, was seinen Grund in der Tatsache haben dürfte, daß der Präfekt der Partisanenführung mitgeteilt hatte, daß die Deutschen in 48 Stunden die Stadt einnehmen würden.
Am 8. Juni, nach dem Abzug der Miliz und dem Übergang der meisten Gendarmeriekräfte zu den Aufständischen, eröffnen die Partisanen den Angriff auf die in einer Mädchenschule eingeschlossene Einheit des Sicherungsregiments 95.
Wir übergehen an dieser Stelle die Ausführungen Trouillés zu den Ereignissen in Tulle, wie er sie erlebt haben will. Sie sind nachlesbar in den beiden Dokumentationen Wo ist Kain? und Wo ist Abel?.5,6 Wir wenden uns denjenigen Ausführungen zu, die erkennen lassen, weshalb die Divisionsführung ihr Wort, die Stadt zu verschonen, teilweise widerrufen hat: weil ein höherer Befehl eingegangen war, der durch die Interventionen der Vichy-Regierung bei der deutsche Führung ausgelöst worden ist. Mit anderen Worten: nicht die deutsche Wehrmachtsführung entschied nach operativen Gesichtspunkten, sondern die französische Regierung forderte das abschreckende Exempel aus politischen Gründen.
Zwei höhere Beamte der französischen Provinzial-Hierarchie erschienen nach den Ereignissen in Tulle beim Höheren SS- und Polizeiführer, Gruppenführer Oberg, und legten ihm Fotos vor, die Oberg veranlaßten, den Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall v. Rundstedt, sowie den Militärbefehlshaber Frankreich, General v. Stülpnagel, zu informieren. Aus dem Kriegstagebuch des Oberbefehlshabers West mußte hervorgehen, ob es sich um Trouillé gehandelt hat. Das ist zu vermuten, da der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD im Bereich des Militärbefehlshabers Frankreich, BdS, Standartenführer Dr. Knochen, am 21. 7. 44 beim Militärbefehlshaber eine deutsche Auszeichnung für Trouillé beantragt hat, nachdem ihn die französische Regierung zum Ritter der Ehrenlegion ernannt hatte. Hier wird das Doppelspiel Trouilles deutlich sichtbar.
In Vichy notierte unterdes Nicolle weiter. Vom 7. Juni 1944 hatte Nicolle notiert, daß Ministerpräsident Laval Vichy in Richtung Paris verlassen habe. Erst am X. Juni kommt Nicolle wieder auf die Partisanenbewegung im Zentralmassiv zu sprechen. In den Departements Indre, Creuze und Corrèze seien die Städte eingeschlossen. Einige seien sogar vom Maquis besetzt.
Unter dem 9. Juni, an dessen Vormittag in Tulle das deutsche Divisionskommando die Verschonung der Stadt versprochen hatte, bevor die Exekutionen am selben Nachmittag begannen, notierte Nicolle lediglich, daß in Paris, wo Laval weile, der Ministerrat zusammengetreten sei. Die Aktivitäten der Vichy-Regierung spielten sich in diesen Tagen in Paris ab.
Erst unter dem 10. Juni finden sich bei Nicolle weitere Hinweise auf das Geschehen im Zentralmassiv. Auf Guéret im Departement Creuze sei eine Strafexpedition angesetzt worden [Bei der auf Guéret angesetzten Expedition wurde der Sturmbannführer Kämpfe entführt, was den Kausalzusammenhang, der nach Oradour führte, eröffnete]. Die Städte Chateauroux und Issoudun, beide Departement Indre, seien von deutschen Truppen befreit worden. Besorgniserregend sei die Lage in den 19 Departements des Zentralmassivs, unter anderen Haute-Vienne (mit Limoges, Oradour-sur-Glane und St. Leonard), Corrèze (mit Tulle und Brive), Indre (mit Chateauroux) und Creuze (mit Guéret).
Es sei nachträglich bemerkt, daß auf Guéret eine Strafexpedition angesetzt war, die nicht stattgefunden hat und für die auch kaum ein Anlaß bestanden hat. Ist in Paris vereinbart worden, daß sich die Strafexpedition gegen Tulle richten sollte? Auch die weiter unten genannte Zahl von 120 Delinquenten, die im Zentrum der Stadt hingerichtet worden sein sollen, legt diese Vermutung nahe.
Am 11. Juni trifft Laval wieder in Vichy ein und zeigt sich befriedigt über die Gespräche, die er in Paris mit der Besatzungsmacht geführt habe. Über den Inhalt dieser Verhandlungen kann Nicolle nichts berichten. Mit Sicherheit und nach allen Indizien liegt der Schlüssel für die Repressalie in Paris, wo Laval vom 7. bis zum 10. Juni in ihn befriedigender Weise verhandelt hat. Ungenau ist Nicolles Bericht über am 10. 6. 44 in Vichy Gehörtes: »Wir erfahren…, daß die Deutschen mit beträchtlicher Truppenstärke im Creuze operiert haben. Guéret wurde befreit, hundertzwanzig Maquisards, die mit Waffen… angetroffen wurden, wurden im Zentrum der Stadt aufgehängt.«
Hier muß nicht nur eine Verwechselung mit Tulle vorliegen, sondern es scheint auch durch, daß in Paris von 120 zu Exekutierenden gesprochen worden sein muß, denn daß durch die Initiative des jugendlichen SS-Mannes Sadi Schneid 21 Delinquenten freikamen, war am Abend des 10. Juni gewiß noch nicht nach Paris oder Vichy durchgedrungen. Um so bemerkenswerter die Tatsache, daß es sich um eine Strafmaßnahme gehandelt haben soll.
Vom 12. Juni 1944 meldet Nicolle unter anderem, daß die Regional-Präfekten fast übereinstimmend eine Beruhigung der inneren Lage meldeten - gänzlich abweichend von dem vom Eigenlob triefenden Bericht Trouillés, der Protestbewegungen ausgelöst haben will. Seien wir nicht kleinlich: diesen Falschdarstellungen verdankt der Präfekt Trouillé sein Leben über den Tag der Befreiung hinaus.
Ohne Überheblichkeit hat der Generalfeldmarschall Rundstedt als Oberbefehlshaber West auf die Proteste alliierter Stellen gegen die Behandlung der Freischärler festgestellt: »Wer im Rücken der Besatzungstruppen Aufstände organisiert oder an ihnen teilnimmt, ist und bleibt ein Franc-Tireur. Wenn das alliierte Oberkommando diese barbarische Kriegsform wünscht, kann es sie haben. Möge es sich aber Rechenschaft darüber ablegen, daß in diesem Fall der Kampf auf beiden Seiten mit denselben Mitteln geführt werden wird.«4
Und der in französischer Haft verstorbene Freund Frankreichs, der Botschafter Otto Abetz, hat in seinem hinterlassenen Werk4 darüber hinaus ausgeführt, was trotz seiner zeit- und haftbedingten Unkenntnis der Hintergründe des Falles Oradour Gültigkeit beanspruchen kann: »Tulle blieb nicht die schwerste Bluttat auf französischer Seite, Oradour nicht die einzige auf deutscher Seite.« Und: »In die französische Widerstandsbewegung hatte sich aber auch der Terrorismus des spanischen Bürgerkrieges eingeschlichen; er sollte schließlich die Oberhand gewinnen.«
Der Appell der Kriegsrechtskenner lautet daher: »Ächtet den Partisanen, ächtet den Terrorismus!«

Anmerkungen

1 Pierre Trouillé, Journal d'un Prefet Pendant l'occupation, Gallimard, Paris 1964.
2 Pierre Nicolle, Cinquante Mois d'Armistice - Vichy 2 Juillet 1940 - 26 Août 1944, Journal d'un Temoin, Band 2, Editions André Bonne, Paris 1947.
3 Colonel Passy, Missions secrètes en France - Souvenir de B.C.R.A., Plon, Paris 1951.
4 Otto Abetz, Das offene Problem. Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte deutscher Frankreich-Politik, Greven, Köln 1951.
5 Herbert Taege, Wo ist Main? Enthüllungen und Dokumente zum Komplex Tulle + Oradour, Askania, Lindhorst 1981.
6 Herbert Tage, Wo ist Aber? Weitere Enthüllungen und Dokumente zum Komplex Tulle + Oradour, Ebenda 1985.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 38(1) (1990), S. 16-20

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