Offener Brief an Frau Professor Rita Süßmuth 

Dr. Herbert Tiedemann


An die Präsidentin des
Deutschen Bundestags
Frau Professor
Dr. Rita Süßmuth
5300 BONN 1
Bundeshaus

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Süßmuth!
Da Sie als ranghöchste Persönlichkeit an der Eröffnung der Gedenkstätte »Haus der Wannsee-Konferenz« teilnahmen und zudem einer wissenschaftlichen Fakultät angehören, gestatte ich mir, an Sie eine Reihe von Fragen zu richten, deren Beantwortung meines Erachtens längst überfällig ist.
Vorausgeschickt sei, daß diese Gedenkstätte besonders dann von größtem Nutzen wäre, wenn sie eine kritische, ausgewogene und alle Details berücksichtigende Erforschung dieses Abschnittes der deutschen Vergangenheit rückhaltslos mit allen Dokumenten unterstützen würde, auch denjenigen, die bisher nicht zugänglich gemacht wurden. Ihnen als Wissenschaftlerin muß sicherlich nicht erklärt werden, daß man nichts bewältigen kann - also auch nicht die deutsche Geschichte -, was aus mehr Fragen als Antworten besteht. Der Wahrheit entsprechende Antworten auf brennende Fragen sind zudem das einzige verläßliche Fundament eines verständnisvollen und ersprießlichen Zusammenlebens der Völker.
Ich hoffe schließlich, auch deswegen von Ihnen aufschlußreiche Antworten zu erhalten, weil Sie nicht nur Ihrem Eid als Bundestagspräsidentin und Ihrem wissenschaftlichen Ruf verpflichtet sind, sondern weil ich wohl richtig annehme, daß Sie sich über ein Privatissimum bei Ihrem Herrn Gemahl in seiner Kapazität als Professor für Neuere Geschichte für diese denkwürdige Begebenheit entsprechend vorbereitet haben.
Nun zu den Fragen und Anmerkungen. 
1. Konnten Sie ausfindig machen, ob das Original des »Wannsee-Protokolls« inzwischen gefunden wurde?
2. Hat man Ihnen erklärt, wieso dieses Dokument die Bezeichnung Protokoll trägt, obwohl es weder vom Verfasser noch von irgendeinem der Teilnehmer unterschrieben wurde - unter denen sich überdies nicht gerade kleinkarätige Juristen befanden? Nach dem Volks-Brockhaus von 1943 ist ein Protokoll »die urkundliche Festlegung einer Verhandlung«, nach der Brockhaus Enzyklopädie von 1972 die »Niederschrift öffentl. oder privater Verhandlungen, die den Verlauf und Inhalt beurkundet und in beweismäßiger Form, oft mit Unterzeichnung durch die Beteiligten, festlegt.« Was sagen Juristen zu einem »Protokoll« ohne jegliche Unterschrift, ja sogar ohne irgendeine Paraphe?
3. Wieso trägt dieses »Protokoll« keinen Kopf, läßt den Empfänger also völlig im unklaren, von welcher Dienststelle es stammt?
4. Wieso trägt dieses »Protokoll« kein Ausstellungsdatum? 5. Wieso ist auf dem »Protokoll« kein Ausstellungsort angegeben?
6. Wieso trägt dieses »Protokoll« kein Aktenzeichen, gibt also auch in dieser Hinsicht keinerlei Anhalt, wo es hingehört, wo man es zu suchen hat? Und das bei einer Verschlußsache?
7. Wieso trägt dieses »Protokoll« keinen Verteiler, was allein für sich mehr als ungewöhnlich ist, bei einer »geheimen Reichssache« aber ausgesprochen verwundern muß? Verzichten Sie heute bei Regierungsschriftstücken etwa auch auf Verteiler?
8. Wieso trägt das »Protokoll« keinen Eingangsstempel?
9. Wieso gibt es von diesem »Wannseeprotokoll« drei (!) verschiedene Ausfertigungen, Kopien eines unauffindbaren Originals? Ich füge diesem Brief die Kopien einiger Seiten von zwei der enigmatischen »Urkopien (?)« bei (Anlagen 1 - 6) und stelle hierzu einige Detailfragen.
10. Wieso sind die Stempel »Geheime Reichssache« verschieden?
11. Wie erklärt man es sich, daß die Schreibmaschinentypen nicht identisch sind?
12. Wieso ist sogar der Schriftspiegel teilweise stark unterschiedlich? Ich empfehle z. B. die Seiten 6 der verschiedenen Protokolle übereinanderzulegen und zu vergleichen.
13. Warum findet man in einer Version Unterstreichungen und Kennzeichnungen von Hand, nicht jedoch in der zweiten?
14. Hat das »Protokoll« überhaupt DIN-Format, entspricht es der genormten Papiergröße?
15. Wieso wurden von diesem höchst kuriosen »Protokoll« angeblich 30 Ausfertigungen gemacht, obwohl nur 15 Personen anwesend waren, die - noch dazu - nur 12 Dienststellen vertraten? Und das bei einem Dokument, das den Stempel »Geheime Reichssache!« trägt und darüber hinaus eine mehr als brisanten »Reichssache« gewesen wäre, wenn das zuträfe, was Politiker und Medien allgemeinhin verbreiten.
16. Wieso fehlt ausgerechnet Reinhard Heydrich in der Teilnehmerliste?
17. Wieso fehlt jeglicher Hinweis auf die eingeladenen, aber nicht erschienenen Personen - und das bei einem Treffen, das den Völkermord planen sollte?
18. Wieso hat man den Namen von SS-Gruppenführer Hofmann anders als im »Einladungsschreiben« geschrieben? Kommt ein derartiger Lapsus auch in wichtigen Protokollen Bonns vor, wäre es z. B. vorstellbar, daß Herr Kohl als Herr Kohn in die Akten eingeht?
19. Wieso hat man die Dienstgrade nicht mit den üblichen Abkürzungen festgehalten?
20. Wieso findet man in diesem »Protokoll« sogar falsche Dienstgrade? SS-Gruf. Müller wurde schon am 9. 1. 41 zum Generalleutnant der Polizei befördert. Beim Staatssekretär Dr. Freister fehlt der SA-Brigf.
21. Wieso verwendete der Verfasser des »zweiten Protokolls« keine Schreibmaschine der SS - obwohl das »Protokoll« trotz allem Rätselhaften aus dieser Ecke hätte stammen müssen? Diese Maschinen hatten nämlich die berüchtigten SS-Runen (siehe die andere »AA-Kopie«)! 
22. Wieso hatte Heydrich zu dieser Besprechung mit seinem Brief vom 29. November 1941 - den ich später noch eingehender behandeln werde - die zweite Garnitur eingeladen? Am 20. 1. 42 kam dann zu allem Überfluß teilweise nicht einmal die zweite Garnitur, sondern deren Vertreter, also in jedem Fall berichtspflichtige Personen! Konnte z. B. Dr. Bühler seinen Chef, Dr. Frank, vor vollendete Tatsachen stellen?
Sind diese Fakten mit einem Treffen zu vereinbaren, bei dem, wie wir laufend gesagt bekommen, die weltbewegendste Abscheulichkeit der Menschheitsgeschichte beschlossen wurde? Entscheiden und entschieden in irgendeiner Bundesregierung auch Personen aus der zweiten und dritten, sogar der vierten Linie, wenn es um gravierendste Dinge ging oder geht?
Ist es denkbar, daß eine untergeordnete Garnitur den Völkermord einleitet?
23. Haben weder unsere Spitzenpolitiker noch die Historiker darüber nachgedacht, was man besprechen will, wenn man die zweite Garnitur einlädt? Nach den Usancen aller Kulturen und Tätigkeitsbereiche nämlich nur zweitrangige Dinge! Man klopft in einer ordentlich geleiteten Firma nicht einmal problematische Ideen mit Subalternen ab, ohne sich vorher mit den Chefs unterhalten zu haben! 
24. Wie paßt der Aufgabenkreis der Anwesenden zu einer (laut Kohl) »mit bürokratischer Perfektion eingeleiteten Ausrottung« von Millionen? Warum wurden nicht die Stellen eingeladen, deren Mitarbeit bei der Durchführung eines derartigen gigantischen »Mordprogrammes« unabdingbar gewesen wäre?
25. Hat sich bisher niemand die Mühe gemacht, dieses »Protokoll« mit Sachverstand zu studieren, um festzustellen, ob hier von irgendeiner Organisation, geschweige denn Perfektion gesprochen werden kann?
26. Haben Sie und Ihr Herr Gemahl sich dieses »Protokoll« gründlichst hinsichtlich der verwendeten Worte und des Satzbaues angesehen? Hier nur wenige Beispiele.
27. (S. 2): »im Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung« ist nicht nur höchst ungewöhnliches Deutsch - besonders bei höhergestellten Personen eines Systems, das Fremdworte zu eliminieren trachtete -, sondern zudem nichtssagendes Blabla, also nicht »bürokratische Perfektion«. An dieser Stelle sei festgehalten, daß diese Niederschrift, wie man statt Protokoll deutsch sagt, verdächtig mit Fremdwörtern gespickt ist.
28. (S. 4): »zur Auswanderung gebracht. Davon vom 30. 1. 1933 aus dem Altreich«. Erstens bringt man nicht zur Auswanderung und zweitens heißt es deutsch: »seit dem 30. 1.«.
29. (S. 5): »Um den deutschen Devisenschatz zu schonen, wurden die jüdischen Finanzinstitutionen des Auslandes durch die jüdischen Organisationen des Inlandes verhalten, für die Beitreibung entsprechender Devisenaufkommen Sorge zu tragen.« Das ist nicht nur schwülstiges Wortgeklingel, sondern »verhalten« ist undeutsche Amtssprache (bei der SS in Berlin!) und hier überdies fehl am Platz, ebenso wie »Beitreibung«.
30. (S. 5): »Diese Aktionen (wieso plötzlich Plural?) sind jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten (Plural falsch, zudem, wem soll da ausgewichen werden?) anzusprechen, doch …, die im Hinblick auf die kommende Endlösung … von wichtiger Bedeutung…« Undeutscher geht es fast nicht, es klingt aber englisch »sonderbarerweise« viel richtiger: »These actions are, however, … but … as regards the coming…« Zudem von »größter Bedeutung« aber nicht »wichtiger Bedeutung.«
31. (S. 7): »werden die … Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt«. Was ist denn das für ein Deutsch? Wie hat man sich das organisatorisch vorzustellen? Wurde eine einzige Straße so gebaut?
32. (S. 8): »Der allfällig endlich verbleibende Restbestand…« - was für ein undeutsches Kauderwelsch!
33. (S. 9): »Bezüglich der Behandlung der Endlösung…<< ist nicht Deutsch, aber Englisch: »With reference to the handling…«
34. (S. 9): »in Zeitkürze«. Da staunt wohl jeder Deutschlehrer.
35. Ist Ihnen, aber vor allem Ihrem Herrn Gemahl und anderen Historikern und Politikern nicht aufgefallen, daß der Text von Sachfehlern und Ungereimtheiten strotzt? Ist keinem der Historiker wenigstens aufgefallen, daß Heydrich die (teilweise) recht fachkundigen Anwesenden sogar dreist belogen hatte - und zwar, ohne daß der »Endlösungsauftrag« von Göring dies erfordert hätte?
36. Warum hat keiner (keine) von denen, die dem Wohle des Deutschen Volkes durch ihren Eid verpflichtet sind, die Stimme erhoben, um wenigstens zu verkünden, das in den fünfzehn Seiten mit keinem Wort von Tötung gesprochen wird?
37. Warum hat keine dieser Personen in deutlichen Worten darauf hingewiesen, daß die alliierten Tribunale niemandem wegen der Teilnahme an der Wannseekonferenz einen Vorwurf gemacht haben - und dies obwohl die Siegertribunale alles andere als zimperlich waren (fragen Sie Ihren Herrn Gemahl doch bitte nach dem »Simpson-Bericht«)?
Ich zitiere Dr. Curt Freiherr von Stackelberg, Verteidiger von Dr. W. Stuckart (Wilhelmstraße-Prozeß):
»Es muß in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, daß keiner der übrigen Teilnehmer an der sogenannten Wannsee-Sitzung wegen dieser Teilnahme verurteilt worden ist. Das Urteil des Militärgerichts I im Fall 8 erwähnt die Teilnahme des Angeklagten Otto Hofmann an der Wannsee-Sitzung nicht einmal, obwohl sie von dem Gericht geprüft worden ist. Ein weiterer Teilnehmer, der frühere Staatssekretär beim Vierjahresplan, Neumann, der sich lange Zeit in amerikanischer Haft befunden hat, ist inzwischen in die Freiheit entlassen und als Minderbelasteter von der deutschen Spruchkammer eingestuft worden.
Gegen den Beauftragten des früheren Reichsleiters und Leiters der Parteikanzlei Bormann, Staatssekretär Klopfer, ist ebenfalls aus der Teilnahme an der Wannsee-Sitzung kein Vorwurf erhoben worden.«
Wenn am 20. 1.42 am Wannsee der millionenfache Mord beschlossen wurde, hatten die Ankläger damals auf alle anderen Anklagepunkte verzichten und die Teilnehmer allein deswegen bangen können!
38. Warum hat die Anklage gegen Dr. Lammers das im »Protokoll« angeführte »Schreiben aus der Reichskanzlei« (S. 10) trotz seiner grundlegenden Wichtigkeit nicht erwähnt, geschweige denn gegen den Angeklagten verwendet?
39. Welche neuen Erkenntnisse lassen es zu, daß die Wannsee-Sitzung trotz dieser Sachlage zur Genozidkonferenz der Menschheitsgeschichte hochstilisiert wird und Sie durch Ihre Anwesenheit bei der Eröffnung der Gedenkstätte dieser den offiziellen Siegel der absoluten Wahrheit aufdrücken?
40. Und damit komme ich zu einigen, noch unangenehmeren Fragen, die geklärt werden müssen, denn sie betreffen alle Deutschen, damit auch Sie, Frau Prof. Süßmuth und Ihre Verwandten und ebenso mich.
Menachim Begin hat behauptet: »Es gibt keinen Deutschen, der nicht unsere Eltern umgebracht hat. Jeder Deutsche ist ein Nazi. Jeder Deutsche ist ein Mörder.« - Also auch meine Eltern und Verwandten, obwohl niemand der Partei angehörte, also auch ich, trotz meines damals noch recht jugendlichen Alters. Ich könnte mich zwar damit trösten, daß hier der steckbrieflich gesuchte Exterrorist spricht und nicht der Friedens-Nobelpreis-Träger, zu dem er sich mauserte. 1933 erklärte »Judäa« Deutschland den Krieg, also vor dem Boykott jüdischer Geschafte (1. 4. 1933), der »Reichskristallnacht« (9/10. 11. 1938) und der Wannsee-Sitzung (20. 1. 1942). Und auch diese Kriegserklärung richtete sich nicht gegen Hitler, sondern gegen die Deutschen. Da Sie möglicherweise dieses Dokument nicht kennen, sogar die Neuauflage der Brockhaus Enzyklopädie glänzt durch »Ahnungslosigkeit«, lege ich eine etwas verkleinerte Kopie bei (Anlage 7).
Eine Frage zu der Stelle in Anlage 7: »The whole of Israel throughout the world is uniting to declare economic and financial war on Germany.« Welche Nation steckt Kriegsgegner nicht in Lager, vor allem dann, wenn sie keinem Staat angehören? Haben das die Engländer, die Amerikaner, usw. anders gehalten. Muß ich Beispiele bringen? Auch meine Mutter verbrachte mit Schwester und Eltern den ersten Weltkrieg interniert in Sibirien.
41. Da vor allem die Medien in der Wannsee-Sitzung den Startschuß zum Völkermord sehen (vergl. Anlage 16), die Frage, wie die höchst konfusen Evakuierungspläne des »Protokolls« vor dem Hintergrund einiger Fakten interpretiert werden sollen?
42. Wie verträgt sich die angebliche Völkermord-Strategie der Nazis mit der Zusammenarbeit der Zionisten-Führer mit diesem Regime, und zwar schon bald nach der Machtübernahme? Wie paßt sie zu der Aussage des Rabbiners Baeck von 1933, daß die »Interessen des Judentums mit den Interessen des Nationalsozialismus identisch sind«?
43. Wieso leitete der aus Palästina kommende Dr. Ruppin die ersten Arbeitskontakte zu den Nazis ein?
44. Wieso folgte ihm Dr. Chaim Arlosorov, und wieso ging man mit dem Erzfeind das Haavara-Abkommen ein, das für die Zionisten recht einträglich war?
45. Wieso weilte anschließend Schkolnik (russisch: Schüler), der Abgesandte Ben Gurions, zwei Jahre in Berlin? (Später fungierte er als Ministerpräsident Israels, hieß dann allerdings Eschkol.)
46. Wieso löste 1935 Ben Gurion persönlieh Schkolnik in Berlin ab?
47. Wieso arbeitete Ben Gurions Freund Feivel Polkes (Chef der palästinensischen »Haganan«) in Berlin daraufhin mit den Nazis zusammen? Am 26. Februar 1937 empfing ihn Eichmann in Berlin. Wieso lud Polkes dabei Eichmann nach Palästina ein? Wieso gestattete Heydrich diese Reise, die dann wegen des von den Briten verhängten Belagerungszustandes zu einem Treffen in Kairo wurde?
48. Warum reiste Frau Golda Meyersohn nach der »Reichskristallnacht« zu Eichmann nach Wien? Diese Dame ist uns später als Golda Meir wieder begegnet.
49. Warum kamen zwei Mossad-Beauftragte, Pino Ginzburg und Moshe Auerbach, zu dieser Zeit nach Berlin, um dem SD ihre Hilfe anzubieten?
50. Warum verbat Ben Gurion dem Minister Schapiro, im Eichmann-Prozeß in den Zeugenstand zu treten? Was hatten Schapiro und Eichmann kurz vor Kriegsausbruch in Wien besprochen?
51. Was meinte Dr. Chaim Weizmann 1934 mit seiner Feststellung: »Eher will ich den Untergang der deutschen Juden sehen, als den Untergang des Landes Israel für die Juden!«? Opfert ein ethisch hochwertiger Mensch Hunderttausende für ein damals nichtexistentes Land?
Und 1937: »Sollte es zu einem Zusammenstoß zwischen den Interessen des jüdischen Staates und jenen der Juden im Galuth (der Verbannung) kommen, müssen die letzteren geopfert werden.«? Hätten also auch alle anderen Juden, demnach nicht nur die im Hitlerbereich, gegebenenfalls über die Klinge springen müssen, wenn anderenfalls Weizmanns Pläne in Gefahr geraten waren?
52. Wie vertragen sich die Zahlen auf Seite 6 des »Protokolls« mit folgenden Fakten?
53. Addiert man tel quel die Zahlen unter A. zu denen unter B. für Bulgarien, Italien, Kroatien, Rumänien, der Slowakei und Ungarn, so kommt man auf 4 055 500 Juden im Machtbereich Hitlers. Gibt nicht schon allein dies zu bohrenden Fragen Anlaß?
Es sei hier bemerkt: Gleichviel welche statistische Quelle man verwendet (Jewish Yearbook, American Jewish Yearbook, The World Almanach, Keesing's Contemporary Archives, usw.), die Ergebnisse fallen ähnlich aus. Derartige demographische Rechenübungen werden übrigens dann immens interessant, wenn man die Veränderungen der jüdischen Bevölkerungen für alle Länder, zum Beispiel während der vierzig Jahre seit 1928, untersucht. Auch hier eine Frage: Wieso fehlt in der neuesten - ansonsten umfangreicheren Brockhaus Enzyklopädie die »Statistik der Jüdischen Bevölkerung«? Will man allzuleichte Nachrechnungen erschweren? Zufall, ein recht sonderbarer allerdings, oder System?
Die oben genannte Zahl ist aber allein schon deswegen irreführend, weil viele Juden aus dem von Deutschland besetzten Polen nach Ostpolen geflohen waren. Von dort hatte Stalin bis zum Beginn des Rußlandfeldzuges etwa 1,3 bis 1,6 Millionen Juden deportieren lassen. Warum? Ebenso hatte sich die Zahl in der Region von Bialystok vermindert und schließlich ist die Angabe: »Ostgebiete 420.000« mehr als diffus. Grob geschätzt waren demnach etwa 2,5 Millionen Juden im Zugriffsbereich Hitlers. Dies entspricht etwa den »höchstens 3 Millionen«, die die Basler Nachrichten vom 13 Juni 1946 angeben (Anlage 8).
54. Es ist unbestritten, daß die Juden Dänemarks und Bulgariens völlig verschont blieben.
55. Es ist ebenso bekannt, daß die Regierung Rumäniens, obwohl die Antisemiten dieses Landes eher schlimmer waren als die deutschen, im Dezember 1942 die Auslieferung der Juden an die Deutschen stoppen ließ. Es müssen also auch diese 342 000 cum grano salis betrachtet werden.
56. Bei Belgien ist zu bedenken, daß dort 1942 etwa 43 000, 1949/50 immer noch 42 000 Juden lebten. Hilberg, einer der jüdischen Holocaust-Päpste, schreibt, daß fast kein Jude mit belgischer Staatsangehörigkeit in die östlichen KZs kam.
57. Die Ausführungen auf Seite 9 des »Protokolls« demonstrieren, daß der (die) Verfasser nicht gerade von Detailkenntnissen geplagt war (waren) - was für Heydrich (oder Eichmann) nicht anzunehmen ist. Die tatsächliche Einstellung Rumäniens, Ungarns und Frankreichs wird völlig falsch dargestellt.
58. Was schreiben der oder die obskuren Verfasser des weiteren auf Seite 9 des »Protokolls«? »In der Slowakei ist die Angelegenheit nicht mehr allzu schwer…« Abgesehen vom recht dubiosen Deutsch auch dieses Satzes: Im Herbst 1942 stellte die Regierung der Slowakei alle Judendeportationen nach dem Osten ein!
59. Eine nicht kleine Zahl polnischer Juden konnte schon während des Krieges fliehen. Ende 1944 beschäftigte das WVHA etwa 600 000 polnische Juden in Arbeitslagern. Nach Kriegsende wanderten unzählige Juden vor allem in zwei großen Wellen aus Polen aus, zum Teil bedingt durch den Antisemitismus zur Zeit Stalins (Antisemitismus gegen Ermordete?). Trotzdem leben auch heute noch viele Juden in Polen, von denen ich einige kenne. Warum werden hier keine Daten publiziert?
60. Auf dem Gebiet der BRD (alte Länder) befand sich bei Kriegsende eine sehr große Zahl von Juden. Hier in Moosburg machten polnische Juden etwa 2,6% der Bevölkerung aus, was umgelegt auf die Gesamtbevölkerung der BRD, annähernd 1,5 Millionen ergeben würde. Ich kenne Orte, die proportional weit mehr Juden beherbergten. Ein israelischer Wissenschaftler, ein Bekannter, kam bei Kriegsende in Bayern zur Welt, sein Vater schilderte ihm später den Ort in glühenden Farben. Wie paßt das? Warum hat die Forschung derartige Daten nicht systematisch erfaßt und veröffentlicht? Muß man gar eine Verschleierungstaktik befürchten?
61. Keiner der jüdischen Bekannten und eingeheirateten Verwandten (»privilegierte Juden« im Nazijargon) unserer Familie hatten in KZs oder ansonsten nennenswert zu leiden. Bei dem von mir hier untersuchten Beobachtungsgut von gut zwei Dutzend Fällen ist die Wahrscheinlichkeit bei einem Vertrauensintervall von 95% nur etwa 13%, daß meine Erfahrung nicht zutrifft. Haben Sie keine derartigen Überlegungen angestellt, die das Risiko unzuverlässiger »Zeugenaussagen« eliminieren? Was hat die deutsche Forschung hier geleistet?
62. Hat Ihnen Ihr Herr Gemahl nie etwas vom »Eichmann-Joel Brand-Plan« erzählt, der im April 1944 ein kontrollierten Ausreiseverfahren für 2 bis 2,5 Millionen Juden vorsah? Hat er Ihnen nicht verraten, daß Joel Brand, der Führer der Budapester Juden, mit einem reichsdeutschen Diplomatenpaß nach Istanbul reiste, um mit Vertretern der zionistischen Organisation über dieses Ausreisekontingent zu verhandeln? Bedeutet das nicht, daß damals, mehr als zwei Jahre nach der Wannsee-Sitzung, noch unglaublich viele Juden am Leben waren?
63. Wieso hat das US-Außenministerium auf eine von Hamilton Fish 1943 im Kongreß eingebrachte Resolution behauptet, von Grausamkeiten an den Juden nichts zu wissen?
64. Was veranlaßte Roosevelt, im Januar 1944 über den Sachreferenten für jüdische Fragen im Augenministerium, Mr. Reams, zu einem geheimen Memorandum dahingehend Stellung zu nehmen, »daß man… prüfe, daß aber bisher derartige Berichte nicht bestätigt werden konnten.«? Ist das nicht ausgesprochen sonderbar, um so mehr, als die New York Times schon 1942 die gruseligsten Geschichten publizierte? Diese sollten Sie sich besorgen und einem Ingenieur oder Physiker zu lesen geben!
65. Zu dem enigmatischen »Protokoll« noch dazu in dreifacher Bearbeitung - gibt es mindestens zwei Begleitbriefvarianten, die ich beifüge (Anlagen 9-11) - aber auch hier kein Original! Was sagen Sie zu den zahlreichen Divergenzen, von denen ich nur einige behandle? Um Ihnen die Sache zu erleichtern, kopierte ich eine Version auf Kongruenz der handschriftlichen Anmerkung, und zwar auch als Folienkopie. Wenn Sie diese Folie auf die AA-Version des Begleitbriefes auflegen, werden Ihnen die eklatanten Unterschiede sicher auffallen.
Wenn Sie aber trotzdem Schwierigkeiten haben sollten, so brauchen Sie sich nicht zu schämen. In einem Fall, der nur zwei Jahre zurückliegt - bei dem es ebenfalls um Massenmord geht!, - erkannte weder der »Spezialist« des BKA, noch der Präsident des BKA, noch der Generalstaatsanwalt, noch der Bundesminister des Inneren, Dr. Wolfgang Schäuble, die noch viel auffälligeren Unterschiede in den vorgelegten Dokumenten. Oder konnten es sich diese Stellen aus Gründen der »Staatsraison« nicht leisten, Augen und Gehirn richtig einzusetzen? (Nota bene: der EKHK-BKA-Mann hätte diesen mehr als anrüchigen Auftrag ablehnen kennen, so wie das FBI das tat!)
66. Wieso brauchten »Protokoll« und »Begleitbrief« von einer Straße in Berlin in eine andere vom 26. Januar bis zum 2. März - also vierunddreißig Tage? Und das, obwohl »laut Göring« die Sache eilig war! Streikte damals etwa gerade die Reichspost?
67. Warum sind die »Begleitbriefe« mit verschiedenen Schreibmaschinen geschrieben? Hatte Heydrich keinen anderen Zeitvertreib?
68. Schauen Sie sich bitte die Unterstreichungen an. Selbst ein nahezu Blinder dürfte sehen, daß sie verschieden lang und auch im Linienzug sehr unterschiedlich ausgefallen sind, zum Beispiel die unter 6. März…, Berlin, … und Eichmann.
69. Wieso decken sich zwar der Briefkopf, die handschriftliche Überschreibung, der Eingangsstempel und der Stempel »Geheime Reichsache« relativ gut, nicht aber der ganze Rest, einschließlich der Unterschrift Heydrichs. Kann hier jemand triftige Gründe dafür ersinnen, daß es sich hier nicht um eine Fälschung, noch dazu um eine urdumme, handelt?
70. Heydrich, der nach dieser Sachlage persönlich zwei verschiedene Briefe an denselben Empfänger am gleichen Tag unterschrieb (hat er dieses Spielchen etwa bei allen anderen Adressaten wiederholt?), hat die Anlage, das derart wichtige »Protokoll«, sicher sorgfältig gelesen, allein schon deswegen, weil der Auftrag von Göring kam, der, wenn auch nicht sein Vorgesetzter, also nicht unbedingt weisungsbefugt, so doch eine gewichtige Persönlichkeit war.
Ist ihm dabei nicht aufgefallen, daß das »Protokoll« in jeder Hinsicht eine Schlamperei war (vergl. meine früheren Punkte hierzu)? Wenn die Kohlsche »bürokratische Perfektion« zuträfe, dann hatte dem Herrn Heydrich zumindest auffallen müssen, daß das »Protokoll« den kurz zuvor erlassenen (5. 1. 42) Richtlinien über die Papierverwendung bei Behörden (Randbreite, Zeilenabstand, etc.) nicht entsprach.
71. Wieso bezeichnet er das »Resultat« des Treffens vom 20. 1. 42 als Absprache, obwohl zu einer Besprechung eingeladen worden war (siehe spätere Punkte) und obwohl bereits in der zweiten Zeile des »Protokolls« ebenfalls auf eine Besprechung Bezug genommen wird?
72. Wie kann »seitens der hieran beteiligten Stellen völlige Übereinstimmung« herrschen, wenn man das oben Gesagte berücksichtigt und wenn man bei einer kritisch wertenden Lektüre des »Protokolls« viel ungeordnetes Geschwafel, aber keinerlei »bürokratische Perfektion« findet, wie dies unser Bundeskanzler zu sehen beliebt, vor allem aber keine Übereinstimmung?
73. Sind Sie, Regierungspraktiken kennend, etwa gar der Ansicht, Heydrich hätte die ihm nicht unterstellten Chefs der verschiedenen Ämter, nach nichtauthorisierten Absprachen seitens der jeweiligen Untergeben, mit diesem Brieflein vor vollendete Tatsachen stellen können und zum Beispiel aufzufordern, Sachbearbeiter abzustellen? Warum übrigens Sachbearbeiter von Ministerien und Dienststellen antanzen lassen, die mit dem unterstellten Genozid nicht das mindeste zu tun haben? Ist Ihnen bewußt, daß ein derartiger Schritt gegen die banalsten Grundregeln der Geheimhaltung verstößt, daß nämlich jeder Betroffene gerade das erfährt, was er unbedingt zur Durchführung seiner Aufgabe wissen muß?
74. Sehen wir uns nun den »Einladungsbrief« zu diesem ominösen am Wannsee an, denn auch er gibt einige Fragen auf. Ich füge verschiedene Kopien bei (Anlagen 12-15). Anlage 12 ist nach Schriftschritten abgestimmt (ca. 10 Buchstaben pro Zoll = 2,54 mm Schriftschritte). Die weitere Kopie (Anlage 14) habe ich auf die Größe des Eingangsstempels des AA abgestimmt, denn auch hier kann man davon ausgehen, daß im Posteingang des AA nicht Stempel der verschiedensten Größe herumlagen.
Ist es belegt, daß Heydrich unterschiedliches Briefpapier verwendete? Einmal »Der Chef der Sicherheitspolizei« oben und »und des SD« darunter. Zwei Monate später nur noch »Der Chef« oben und der Rest in der folgenden Zeile.
74. Hatte der Unterstaatssekretär Luther die persistente Angewohnheit, Schriftstücke derart handschriftlich zu »verzieren«?
76. Pflegte Herr Luther Datumsangaben sehr unterschiedlich festzuhalten? Das 4/12, noch dazu mit der Eins ohne Aufstrich, ähnelt in verdächtiger Weise englisch-amerikanischen Schreibgewohnheiten. Und gerade bei Zahlen (und in der Mathematik) pflegt man sich fast religiös an das zu halten, was man einmal gelernt hat.
77. In diesem Brief kommt Heydrich ungeniert auf die »Gesamtlösung der Judenfrage« und sogar die »Endlösung« zu sprechen (Anlage 15). Trotzdem ist dieser Brief keine »Geheime Reichssache«. Ist das nicht höchst erstaunlich? Hatten da nicht alle »Zeugen« und »Spezialisten« faustdick gelogen, die uns jahrzehntelang vorbeteten, alles was mit der »Endlösung« zusammenhing, sei eines der größten und am besten gehüteten Geheimnisse gewesen? Wissen Sie, daß der CIA noch im Februar 1979 derartigen Unfug verbreitete und z. B. auch behauptete, daß in Birkenau (Auschwitz 11) das Fotografieren verboten war. Wollen Sie Bilder haben? Aberdutzende von Stellen können sie Ihnen liefern! Auch die Baupläne tragen keinen »Geheim«-Vermerk oder -Stempel.
78. Dieser nichtgeheimen »Endlösungseinladung« liegt zudem die Bestellung durch Göring, wie man heute hört, zur Organisation des Völkermords, bei. Nicht einmal dies ist ein Grund für Heydrich, zum Stempel »Geheime Reichsache« zu greifen, obwohl er dadurch zu allem Überfluß eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Reich kompromittierte?
79. Wußte Heydrich vielleicht zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was diese Begriffe bedeuteten? (Auch den Teilnehmer der Sitzung wurde keine Erklärung geliefert - siehe »Protokoll« Anlage 17.)
80. Waren diese Begriffe etwa nur mit einer Deportation und Zwangsansiedlung identisch? Dann wäre nämlich die Anwesenheit von SS-Gruf. Hofmann sinnvoll gewesen.
81. Hat Ihnen Ihr Herr Gemahl hierzu nie etwas von der »Stop-Entscheidung« Hitlers vom Mai 1942 - schon zwei Monate nach dem »Eingang« des »Protokolls« beim AA erzählt? Hat er Ihnen gar die Aussage Dr. Lammers vorenthalten, der bei seiner Vernehmung vor dem Militärgerichtshof im Zusammenhang mit einem weiteren Vortrag bei Hitler zu dieser Frage aussagte:
»Und dieser krasse Fall, in dem mir der Führer recht gab, der veranlaßte ihn nochmals dazu, mir zu sagen: 'Nun stoppen Sie mir also endlich mal diese verdammte Endlösung der Judenfrage.'«
82. Wie verträgt sich der Auftrag Görings: »in Bälde«, mit der dilatorischen Handhabung durch Heydrich? Auftrag im Juli, Einladung im November, Treffen im Januar! Das »Protokoll« trudelte dann schließlich im März ein!
83. Göring verlangt in Bälde sogar einen »Gesamtentwurf« ! Schaut das »Protokoll« etwa wie ein Gesamtentwurf aus, geschweige denn wie ein brauchbarer? Das können wohl nur Lichtlein annehmen, die noch nie in einer effizienten Firma oder Organisation gearbeitet haben.
84. Es wird zu einer Besprechung eingeladen - nicht zu einer Absprache. Widerspricht damit nicht auch dieses Schreiben - soweit es echt sein sollte - dem »Begleitbrief«?
85. Wenn Sie die Kopie der »Einladung«, die nach den Schriftschritten abgepaßt wurde (Anlage 12), auf die »Begleitbriefe« legen, dann ist die Größe des Eingangsstempels sehr unterschiedlich. Hatte das AA Eingangsstempel unterschiedlicher Größe?
86. Mutatis mutandis, vergleicht man die Kopie bei gleicher Stempelgröße, dann fällt die Schriftgröße und das Papierformat gewaltig aus dem Rahmen. Benutzte Heydrich gelegentlich eine speziell angefertigte Schreibmaschine und Papier in Sondergröße?
87. Dieses Dokument belegt zudem recht direkt, daß das »Protokoll« (und wahrscheinlich nicht nur dieses) eine Fälschung ist. Wir lesen in diesem Schreiben vom 29.11.41, daß die laufende Deportation der Juden seit dem 15. Oktober 1941 läuft.
Was sagt das »Protokoll«?
Auf Seite 5: »Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten.«
Abgesehen vom miserablen Deutsch und der falschen Verwendung von Worten, muß man schließen, daß diese »Lösungsmöglichkeit« nunmehr, also nicht schon seit »vorgestern« zum Zuge kommt.
Dieser Satz läßt auch offen, ob die Genehmigung schon erteilt wurde oder erst kommt - und keiner der promovierten Anwesenden stellte hierzu irgendeine Frage, obwohl es das Naheliegenste wäre, sich hierzu sofort Klarheit und damit Rückendeckung zu verschaffen.
Auf Seite 7: »Unter entsprechender Leitung sollen nun…«, also eindeutig nicht Vergangenheit, sondern Zukunftspläne.
88. Lord Richter Lawrence führte in Nurnberg aus, »daß ein Dokument, das nicht vorgelegt werden kann, ignoriert werden müsse.«
Im vorliegenden Fall haben wir nicht nur kein Dokument, sondern divergierende Kopien voll Widersprüchen und Sachfehlern und einer großen Reihe weiterer Fälschungsindizien. (Wohl bemerkt, meine Liste ist beileibe nicht vollständig!) Wieso ignoriert man nicht zumindest derartige »Dokumente«?
89. Warum hat keine der deutschen Regierungen in den 45 Jahren seit dem mysteriösen Auftauchen der »WannseeDokumente« etwas unternommen, um die von mir aufgeführten - und weitere! - Fragen zu klären? Schließlich waren und sind diese Personen dem Wohle des Volkes per Eid verpflichtet!
90. Wieso haben deutsche Historiker während dieser langen Jahre in der Regel einen großen Bogen um diesen heißen Brei gemacht?
91. Warum haben es unsere Medien unterlassen, hier wissenschaftlich recherchieren zu lassen und den sicher neugierigen Millionen das Resultat in einer objektiven Form zu präsentieren?
92. Warum haben deutsche Richter reihenweise Hinterfragungen und Anhörungen von Sachverständigen in diesem generellen Bereich mit der Ausflucht der »Offenkundigkeit« unterbunden, obwohl die behandelte Materie weit außerhalb ihrer fachlichen Kompetenz lag und sie mit ihrem Verhalten praktisch zu mittelalterlichen »Rechtsgepflogenheiten« zurückkehrten?
93. Eine derartige Unisono-Reaktion widerspricht nicht nur der generellen menschlichen Natur - soweit diese sich in einem demokratischen Milieu bewegen kann -, sondern vor allem wesentlichen naturwissenschaflichen Prinzipien. Sobald nämlich komplexere Zusammenhänge vorliegen und ganz besonders dann, wenn Widersprüche auftauchen, sinkt nämlich die Wahrscheinlichkeit gleichartigen Verhaltens auf Null - wenn nicht sehr starke Kräfte Zwang ausüben, also die freie Meinungbildung und -äußerung behindern, bedrohen oder sogar unterbinden. Diese freie Meinungsäußerung ist und war aber doch wohl durch unser Grundgesetz gesichert?
Wo kann man nun die Ursachen für dieses abnormale, gleichgeschaltete Verhalten suchen?
Zu diesem Zweck tun wir gut daran, uns darüber den Kopf zu zerbrechen, warum man bei dem genannten Personenkreis eine derart extreme Gleichschaltung antrifft, sie fast im Stasi-Gleichschritt marschieren, will es einem scheinen.
94. Sind diesen Personen, vor allem den Politikern, immer noch die Hände durch das Besatzungsstatut und den Überleitungsvertrag gemäß Bekanntmachung vom 30. März 1955 gebunden?
95. Verbietet unseren Politikern irgendeine (geheime?) Klausel, dem Volk - wie sich das gehört - reinen Wein einzuschenken und zuzugeben, daß wir eben nicht souverän sind? Oder fürchten diese Personen etwa nur um ihre Sessel, wenn wieder gewählt wird?
96. Haben die Regierungen seit Adenauer die Historiker und Richter direkt oder indirekt unter Druck gesetzt?
97. Hat man den Medien irgendwie einen Maulkorb verpaßt? Oder schreiben diese, ohne viel zu denken, nur nach Schulbubenmanier fleißig jeden Unfug ab oder plappern ihn nach?
98. Fürchtet man eine Medien-Maffia sui gerneris? Stecken den Verantwortlichen möglicherweise Fälle wie Stäglich, Oberländer oder Jenninger in den Knochen? Hat man weit mehr animalische Angst als Vaterlandsliebe?
99. Oder ist man nur unvorstellbar dickfellig, so dickfellig, daß sogar schwerwiegende Bedenken wie Pingpong-Bälle abprallen? Jeder Staat beherbergt Personen, die aus irgendwelchen Gründen fremden Mächten dienen oder zuarbeiten. Wir erleben zum Beispiel seit einiger Zeit einen nicht gerade kleinen »Auftrieb« von Fällen, die für den Stasi, also die DDR spionierten. Mir fehlen aber (rein aus wahrscheinlichkeitstheoretischen Überlegungen, möchte ich betonen) die Fälle, die für den KGB, CIA, Mossad und andere »menschenfreundliche« Organisationen arbeiteten und noch arbeiten.
Da sich die Natur der Menschen nicht plötzlich ändert, trotzdem aber keine Fälle von Personen bekannt wurden, die für andere fremde Dienste als die DDR arbeiteten und arbeiten - obwohl diese Zahl wohl kaum wesentlich kleiner sein dürfte als die der Ostspione und Kollaborateure -, ist möglicherweise von einem bisher unentdeckten, großen, konspirativen Personenkreis auszugehen, der auch in die hier geschilderten Probleme und Fragen steuernd eingreifen mag. Haben sie eine plausible Erklärung dafür, daß bisher nur Ostspione enttarnt wurden?
Lag hierin vielleicht auch ein Grund für das aufgeregte Gegacker, das laut wurde, als vor einiger Zeit die Idee aufkam, alle Politiker hinsichtlich einer eventuellen Stasi-Verstrickung zu durchleuchten? Hatte man gar Angst, daß dabei ganz andere blamable Dinge ans Tageslicht kamen? Denn jemand mit einer weißen Weste muß derartige Recherchen wohl nicht scheuen.
101. Warum also, Frau Professor Dr. Rita Süßmuth und alle anderen Stellen, die diesen offenen Brief erhalten, geht es mit der Wahrheitssuche so langsam voran? Will man es darauf ankommen lassen, daß die Stimmen immer lauter werden und die Frage gestellt wird, ob man das Volk - den Souverän! - anscheinend jahrzehntelang hinters Licht geführt hat? Wollen Sie riskieren, daß noch unangenehmere Fragen gestellt werden?
102. An Sie als Professorin für Erziehungswissenschaften richte ich die spezifische Frage, ob man es verantworten kann, Kindern, Heranwachsenden, aber auch Erwachsenen mit »Erkenntnissen« zu kommen, die sehr leicht zu demontieren oder nicht lupenrein belegt sind?
103. Ich frage des weiteren, was die Folgen sein können, wenn einmal Demagogen sich derartiger Dinge annehmen? Wer hätte dann die Verantwortung? Wer hat dann das Feld für derlei böse Geister bestellt?
104. Glauben Sie, daß es einen langlebigen Ersatz für die Wahrheitssuche und die daraus resultierende Wahrheit gibt?
105. Eine letzte Frage: Haben Sie vor ihrem Auftreten in der Wannsee-Villa überhaupt das »Wannseeprotokoll«, die »Wannseeprotokolle«, das »Begleitschreiben«, die »Begleitschreiben« und das »Einladungsschreiben« wenn nicht mit wissenschaftlicher Akribie analysiert, so doch genau gelesen?
In der Hoffnung, daß es Ihnen möglich sein wird, mir zu den vielen Fragen eine wissenschaftlich fundierte Antwort zukommen zu lassen, verbleibe ich
mit vorzüglicher Hochachtung

gez. Dr. Herbert Tiedemann, Moosburg, den. 1. 3. 1992

Nachtrag: Anmerkungen zum »Wahnseeprotokoll«

Zu dem Beitrag von Ingrid Weckert mit dem obigen Titel in der DGG 40(1) (1992), S. 32-34, gingen mehrere ergänzende Stellungnahmen ein. Insbesondere wurde darauf hingewiesen, daß
1. die handschriftliche Eintragung wohl heißt: »Pg. Rademacher bitte schriftlich mitteilen, daß Sie Sachbearbeiter sind und teilnehmen werden. Lu«;
2. in der Version des auf Seite 33 abgedruckten Briefes in der vorletzten Zeile das »SS« mit normaler, in Version b mit Runenschrift geschrieben wurde, ein weiterer Unterschied;
3. als Briefdatum auch 26. Februar 1942 gelesen werden könne.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 40(2) (1992), S. 11-18

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