Die erste Atombombe vor 40 Jahren, Teil 2

Eine historische Studie

Dr. Raimund Ulbrich

Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki kennzeichnet einen wesentlichen Einschnitt in der Geschichte des Krieges wie der Menschheit überhaupt: Die Bomben wurden gegen einen längst friedensbereiten Gegner, also militärisch völlig unnötig, und gegen dessen Frauen und Kinder eingesetzt, was zu hunderttausendfachem Tod und Siechtum führte. Die gewaltige Kraft aus dem Innern des Atoms wurde ausschließlich zur Vernichtung von Menschenleben eingesetzt. Nachdem im ersten Teil der Studie untersucht worden ist, wer auf die Entwicklung der Atombombe drang, werden nachfolgend im Anschluß an einen Überblick über wichtige Persönlichkeiten der Atomphysik Herstellung, Abwurf und Folgen der ersten Atombomben betrachtet.


Jedenfalls ist es in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Art von Symbiose zwischen Deutschen und Juden auf dem Gebiete der mathematischen Wissenschaften gekommen. Die Jahre dieser Symbiose fallen mit der stärksten Entwicklung der Atomphysik und der dazu gehörenden theoretischen Methoden der Quantenmechanik zusammen. Wir folgen hier wieder der Darstellung des jüdischen Autors D. Nachmansohn (bekannter Biochemiker), dessen Anliegen es ist, der Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Juden in der Wissenschaft ein Denkmal zu setzen:

»Die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts gelten allgemein als die Zeit der glänzendsten, revolutionärsten und aufregendsten Kapitel in der Geschichte der Physik und der Wissenschaft überhaupt. Die neue Ära begann mit der Konzeption von Plancks ›Wirkungsquantum‹, gefolgt von Einsteins Relativitätstheorie und gipfelnd in der Quantenmechanik, verbunden mit den Namen: de Broglie, Schrödinger, Heisenberg, Niels Bohr und Born… Was die größten Figuren betrifft, so findet man folgende ethnische Verteilung: Max Planck - Deutscher; Albert Einstein - Jude; Arnold Sommerfeld – Deutscher[19]; James Franck - Jude; Gustav Hertz - Halb-Jude; Max Born - Jude; Niels Bohr - Halbjude; Max von Laue - Deutscher; Otto Stern - Jude; Erwin Schrödinger -Deutscher; Wolfgang Pauli - Halb-Jude; Otto Hahn -Deutscher; Lise Meitner - Jüdin. Diese Liste ist … bei weitem nicht vollständig. Im besonderen enthält sie nicht zahlreiche berühmte Gelehrte, welche außerhalb Deutschlands entscheidende Beiträge zur Atomphysik geleistet haben, sowie Deutsche und in Deutschland ausgebildete, aus Ungarn stammende Juden, die ihre größten Leistungen erst nach der Emigration aus Deutschland vollbracht haben… Wohl die meisten Wissenschaftler werden die Beachtung der ethnischen Zugehörigkeit als etwas Lächerliches abtun. Wenn man es aber versucht, die Anteile an den Erfolgen für die Nachwelt festzuhalten, welche aus dem Pionierwerk von deutschen und jüdischen Wissenschaftlern sich ergeben haben, nämlich das Kapitel Atomphysik in Deutschland während der ersten drei Jahrzehnte dieses Jahrhunderts, so erhält man ein höchst eindrucksvolles und dramatisches Bild der engen Zusammenarbeit und gegenseitigen Anregung zweier ethnischer Gruppen. Das ist der Punkt, welcher die obenstehende Aufzählung so interessant macht. Auf keinem anderen Gebiete war die Zusammenarbeit zwischen den beiden ethnischen Gruppen eine so echte Realität wie in der Atomphysik… die bemerkenswerte Festigkeit von persönlichen Bindungen und von Freundschaften, die Leidenschaftlichkeit und die Intensität der Diskussion waren ebenfalls wesentliche Punkte dieses grandiosen Kapitels.«

In einem weiteren Teil (S. 340-341) des Buches weist Nachmansohn darauf hin, daß das Durchschlagen ethnischer Charakteristika in der Literatur und in den schönen Künsten niemals angezweifelt wird; in der Wissenschaft aber sei zumindest eine Verneinung solcher Einflüsse fraglich.

Es ist bemerkenswert, daß Nachmansohn bei der Betrachtung der Zusammenarbeit zwischen deutschen und jüdischen Wissenschaftlern korrekterweise auch die Problematik zweier verschiedener ethnischen Gruppen notiert: Abweichend von der Sprachregelung der liberalistisch-demokratistischen Orthodoxie werden Juden nicht als »Deutsche jüdischen Glaubens«, sondern als eine ethnische, das heißt völkische Gruppe definiert. Es zeugt auch von Nachmansohns Gespür für ethnische Besonderheiten, wenn er in seiner Aufzählung der größten Namen Erwin Schrödinger als einen Deutschen bezeichnet und nicht etwa von »österreichischer Nationalität« spricht.

Wie nicht anders zu erwarten, war die Haltung der einzelnen jüdischen Gelehrten in dem bipolaren kulturell-nationalen Kraftfeld Deutschtum-Judentum sehr verschieden. Als einander entgegengesetzte Grenzfälle seien Fritz Haber und Albert Einstein betrachtet. Die Haltung der meisten anderen jüdischen Wissenschaftler ist irgendwo zwischen diesen beiden Extrernfällen einzuordnen.

Fritz Haber (1868-1934), der große Physikochemiker (Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniak-Synthese) versuchte es, mit seiner Familie in das Deutschtum hineinzuwachsen; er ließ sich sogar protestantisch taufen. Man kann ihm ungezwungen einen starken deutschen Patriotismus zugestehen. Er hat sich vom Zionismus distanziert. Während des Ersten Weltkrieges setzte er alle seine Kräfte in den Dienst Deutschlands; er wünschte einen deutschen Sieg. Er fühlte sich Kaiser und Reich tief verbunden. Seine Arbeiten sicherten entscheidend der deutschen Kriegsführung eine unerschöpflichen Quelle von Explosivstoff auf der Grundlage von Luft-Stickstoff, nachdem Chile-Salpeter unzugänglich geworden war. Haber war außerdem der Organisator des von Deutschland begonnenen Gas-Krieges. Mit dieser Tatsache soll der Freitod seiner Frau zusammenhängen.

Anders Albert Einstein (1879-1955). Unter dem Einfluß von Chaim Weizmann hat er sich für einen jüdischen Nationalismus entschieden. Die Errichtung des Staates Israel war sein Herzenswunsch. In der geistigen Atmosphäre des europäischen Liberalismus und des philosophischen Kritizismus aufgewachsen, hat er sich allerdings von der mosaischen Religion, wie sie in den Propheten des Alten Testamentes und im Talmud verwurzelt ist und zu welcher die große Masse der Juden sich bekennt, abgewandt. Er war aber Gegner jeder Assimilation und stolz darauf, Jude zu sein. Er verachtete alle Juden, die ihre Nationalität verleugneten. - Wir folgen weiter einer Darstellung von Albrecht Unsöld[14a] (namhafter deutscher Astrophysiker):

»Einstein mochte seit jeher die Preußen - und im gewissen Umfange die Deutschen ›nicht leiden‹. Bei Einsteins Übersiedelung nach Berlin 1914 spielte - wie die Verhandlungen zeigen - wissenschaftliche Arbeit (worüber 1979 viel phantasiert worden ist) eine untergeordnete Rolle gegenüber enormen Gehaltsforderungen… Auch der Nobel-Preis interessierte Einstein in erster Linie von finanzieller Seite. Er war indigniert darüber, daß er ihn nicht früher erhalten hatte. Es ist verschiedentlich behauptet worden, das schlechte Verhältnis Einsteins zu Deutschland sei entstanden durch den seit 1920 angewachsenen Antisemitismus und Nationalismus vieler Deutschen. Das ist zum großen Teil nicht richtig. Vielmehr schrieb schon am 16. September 1915 (als Hitler noch einfacher Soldat war) Romain Rolland nach einem Zusammensein in Genf mit Einstein in sein Tagebuch: ›Einstein und Zangger (Heinrich Zangger, Professor für Strafrecht in Zürich, R. U.) träumen von einem gespaltenen Deutschland: auf der einen Seite Süd-Deutschland und Österreich, auf der anderen Preußen.‹ - Etwa ab 1920 unternahm Einstein zahlreiche Auslandsreisen… vor allem als Propaganda für die Relativitätstheorie - stets in Verbindung damit - für die Gründung und Finanzierung des Staates Israel und seiner Universität. Mit der Vertreibung Einsteins durch Hitler und seine Übersiedelung nach Princeton war - wie hätte es anders sein können! - die Trennung zwischen Einstein und Deutschland vollständig…

In dieser Stimmung ließ sich Einstein schon Anfang August 1939 von befreundeten Emigranten (insbesondere L. Szilard, R. U.) zu dem folgenschweren Entschluß überreden, mit dem bekannten Brief an Präsident Roosevelt die Konstruktion der Atombombe in die Wege zu leiten. - Es ist 1979 viel geredet worden von der ›Verantwortung der Wissenschaftler‹. Von Habers Giftgas und von Einsteins Atombombe wurde meist vornehm geschwiegen.« (1979 - Einsteins 100. Geburtstag)

Zu der Diskussion über die »Verantwortung« der Wissenschaft gibt Unsöld noch folgendes, sehr Grundlegendes zu bedenken. Im Bereich der Wissenschaft ist zu unterscheiden »Forschung, wo neue Erkenntnisse angestrebt werden ohne vorherige genaue Kenntnisse des Erreichbaren, von der Entwicklung einer neuen Anwendung für bestimmte praktische Zwecke… die Uran-Spaltung durch Hahn spielte sich also ab im Bereich der Forschung; die Herstellung eines Uran-Reaktors oder einer Atombombe war eine Frage der Entwicklung. Mit dieser Feststellung wird es klar, daß Forschung ethisch indifferent ist… Den Urheber eines Entwicklungsprojektes dagegen trifft von Anfang bis Ende die volle Verantwortung für sein Tun. In diesem Sinne möchte man sagen, daß Einstein die volle Mitverantwortung für die Atombombe trifft. Angesichte der 300000 Toten[20] eben ›oh, weh‹ zu sagen, dürften auch heute noch viele als eine etwas merkwürdige Reaktion empfinden.«

Selbstverständlich sollen diese von den Standpunkten der Ethik und der politischen Geschichte ausgehenden Urteile die hochkarätige Bedeutung Einsteins für die Wissenschaft nicht herabsetzen oder an seinen Leistungen auf den verschiedenen Gebieten der Physik rütteln. In die Reihe dieser Leistungen gehören auch die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie[21], aber nicht für diese Theorien hat er den Nobelpreis erhalten. Das alles muß der Objektivität wegen gesagt werden, wenn wir auch mit Unsöld weit davon entfernt sind, sich dem weitverbreiteten Kult um Einstein als dem »singulären Wundertier« anzuschließen[14a].

Anders als Fritz Haber, welcher sein Wissen und Können für einen Sieg Deutschlands im Ersten Weltkrieg eingesetzt hat, gab Einstein als Gegenpol des Erstgenannten die Initialzündung für die Entwicklung einer Waffe von alles überbietender Zerstörungskraft, die Deutschland zerschlagen sollte.

Begeisterung über die Atombombe

Wie wir wissen, lief die Arbeit von Physikern und Ingenieuren in den USA am Bau der Atombombe seit dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor - was gleichzeitig den offiziellen Eintritt der USA in den Krieg gegen Deutschland mit sich brachte - mit vielfacher Kraft weiter.

Schon im Dezember 1942 ist es einer Gruppe von Physikern unter der Leitung von Enrico Fermi gelungen, einen Reaktor in Gang zu bringen. Auf dem Universitätsgelände von Chicago gibt es auf einem heute verfallenden alten Bauwerk eine Tafel mit der Aufschrift (Übersetzung): »Am 2. Dezember 1942 bewirkte hier der Mensch die erste, sich selbst erhaltende Kettenreaktion und begann damit die kontrollierte Freimachung der Kernenergie.« In Deutschland ist man während des Krieges niemals so weit gekommen. Aber trotzdem: bis zur »brauchbaren« Atombombe war das nur ein erster Schritt.

Auch das ganze damals in den USA zusammengezogene intellektuelle und materielle Potential hat es nicht fertiggebracht, die Bombe noch vor der Kapitulation des Dritten Reiches im Mai 1945 einsatzbereit zu machen. Erst am 16. Juli 1945 um 5 Uhr 30 Minuten morgens fand die erste Explosion einer Versuchsbombe statt, und zwar in der Nähe des Luftwaffen-Stützpunktes Alamagordo, 120 Meilen südlich von Albuquerque (New Mexico). Die Bombe war an der Spitze eines hohen Stahlturmes festgemacht. Die Explosion wurde von Wissenschaftlern und einer Gruppe hochgestellter Personen von einem 10 km entfernten und gut abgesicherten Bunker aus beobachtet und rief Begeisterung hervor. Diese Gruppe der Beobachter war sehr gemischt. Eigentümlicherweise gehörten dazu die Vorsitzenden der »Heizer- und Öler-Gewerkschaft« sowie der »Elekriker-Gewerkschaft«, Joseph P. Clark und Al. Wegner. Die hohen Gewerkschaftsfunktionäre waren schon am 5. Dezember 1944 eingeweiht worden, um den drohenden Streik in Oak Ridge abzuwenden[22].

Der Bericht über die Probe-Explosion wurde von General Groves zu Kriegsminister Stimson nach Potsdam gebracht, wo Präsident Truman und Churchill mit Stalin über die weitere Behandlung Deutschlands verhandelten. Am Vormittag des 21. Juli hatte Stimson den Bericht in der Hand und konnte ihn am Nachmittag um drei Uhr Truman und Staatssekretär Byrnes vorlegen. - Wir wissen, daß die Augenzeugen der Explosion überwältigt waren. Der vor Truman damals berichtende Brigadegeneral Thomas F. Farell fand die Worte: »… ohne Beispiel großartig, schön, erstaunlich… Nichts Gleichartiges von solch gewaltiger Kraft ist je zuvor von Menschenhand ausgelöst worden. Es ist unmöglich, den Lichteffekt zu beschreiben… über das ganze Land versengendes Licht, dessen Intensität die Sonne um die Mittagszeit um das Mehrfache übertraf.«

Zeugen der ersten Explosion waren von ihr am stärksten beeindruckt, obwohl sie später noch viel gewaltigere Atomwaffenversuche miterlebt haben. - Truman soll jedenfalls durch den Bericht in eine sprühend gute Laune versetzt worden sein. Als Präsident, der Nachfolger Roosevelts, wurde Truman erst unmittelbar nach Ablegung des Amtseides am 12. April 1945 von der Entwicklung der Atombombe durch Kriegsminister Stimson unterrichtet. Solange er Vizepräsident war, wußte er vom Manhattan Project überhaupt nichts. Der Grundsatz wurde streng befolgt, daß nur derjenige informiert wird, der es unbedingt wissen muß. Der Vizepräsident gehörte eben nicht zum Kreise dieser Personen. Truman ist also als letzter in den großen Plan eingeweiht worden und war mit der technologisch und ethisch damit zusammenhängenden Problematik erst seit kurzer Zeit in Berührung. Und dennoch ist ihm schon nach wenigen Wochen die Entscheidung in letzter und höchster Instanz über den Abwurf der Bombe auf Japan zugefallen.

Die gute Laune Trumans in Potsdam bei Erhalt der Nachricht von der gelungenen Probe-Explosion hatte den Grund, daß er glaubte, nun eine Keule in der Hand zu haben, mit welcher er den weitgehenden Forderungen Stalins nach Gebieten und Einflußsphären in Europa entgegentreten konnte. Dagegen meinte der Kriegsminister Stimson, es wäre besser, die Russen über die Bombe überhaupt nicht zu informieren. Stimson verlor an Einfluß auf Truman, und so sollte Stalin mit der neuen Nachricht überrascht werden. Unerwarteterweise ist der Überraschungseffekt vollkommen ausgeblieben. Zwar pokerten die Russen so, als ob sie von der Bombe nichts wüßten,- aber dennoch läßt der Verlauf der Verhandlungen in Potsdam Zweifel[22] daran übrig, ob sie tatsächlich nichts gewußt haben. Diese Nuancen der Verhandlungen sind in einem Buche von Charles L. Mee jr. beschrieben[23].

Die Atombomben waren nicht für Japan gedacht

Im Sommer 1939 glaubte ein gewisser, in den USA sich aufhaltender Personenkreis, während des noch bestehenden Friedenszustandes einen Anstoß zur Entwicklung der Atombombe geben zu müssen. Wie man versicherte, wurde die Kreativität der in den USA tätigen Bombenbauer durch die Furcht vor einer deutschen Atombombe beflügelt, und dieser wollte man ja zuvorkommen. Aber als das Dritte Reich in dem inzwischen in Europa tatsächlich ausgebrochenen Kriege schon kapitulationsreif geschlagen war, hatte man immer noch keine einsatzfähige Bombe. Der Krieg mit Japan dauerte indessen noch an, und als am besagten 16. Juli 1945 die in den USA entwickelte Bombe ihre Einsatzfähigkeit endlich unter Beweis gestellt hatte, erhob sich im Kreise der Organisatoren des Manhattan Project die Frage, ob man Japan überhaupt als Bombenziel ins Auge fassen sollte.

Zunächst sei erwähnt, daß Einstein und Szilard in einem Briefe an den Präsidenten Roosevelt den Abwurf der Bombe über Japan aufzuhalten versuchten. Einstein soll sogar einen zweiten Brief an Roosevelt geschrieben haben, welcher - wie berichtet wurde - nach dem Tode des Präsidenten ungeöffnet gefunden worden ist.

Eine von Wissenschaftlern des im Programm des Manhattan Project arbeitenden Instituts für Metallurgie in Chicago unterzeichnete Petition stellte fest:[24] »Der Krieg muß schnell zu einem siegreichen Ende gebracht werden, und Angriffe mit Atombomben könnten sehr wohl ein wirksames Mittel hierfür sein. Wir sind jedoch der Auffassung, daß solche Angriffe auf Japan nicht zu rechtfertigen sind.« Andere schlugen vor, daß Japan durch einen Bombenwurf über unbewohntem Gebiet zunächst gewarnt werden sollte und daß man daraufhin Japan ehrenhafte Bedingungen (Erhaltung des Kaiserthrones) für die Kapitulation zu stellen hätte, denn Japan war am Ende seiner Kräfte. Mitglieder des Institutes von R. Oppenheimer bezweifelten allerdings die Zweckmäßigkeit eines Abwurfs über Wüstengegenden.

Sollte denn das Ergebnis jahrelanger angestrengter Arbeit von Hunderttausenden sich nun als überflüssig erwiesen haben? Das Argument setzte sich immer mehr durch, daß durch den Angriff auf japanische Städte sofort die Kapitulation Japans zu erwarten sei und daß somit bei Wegfall weiterer Kampfhandlungen das Leben Zehntausender von amerikanischen Soldaten geschont werden würde.

Atombomben auf Japan

Am 25. Juli 1945 hat Präsident Truman entschieden, daß zwei Bomben geworfen werden sollten. Auf der Insel Trinian im Stillen Ozean traf eine gründlich ausgebildete Sonderstaffel ihre letzten Vorbereitungen, nachdem eine Gruppe ausgesuchter Offiziere japanische Stadtpläne studiert und einige Städte als mögliche Ziele zur letzten Wahl ausgesucht hatte. Unter den ausgewählten Städten befand sich auf Wunsch von General Groves auch Kioto - beinahe das japanische Dresden - ein in der Kulturgeschichte Japans von besonderer Verehrung umgebenes Idol. Es hatte zahlreiche Tempel von besonderer Schönheit und wurde von jedem Japaner mit Verehrung bedacht. Lassen wir General Groves selbst zu Wort kommen: »Andererseits wollte besonders ich Kioto als Angriffsziel ausgewählt haben, weil es ausgedehnt genug war, um die Wirkung einer Atombombe vollständig erkennen zu lassen. In dieser Hinsicht war Hiroshima auch nicht annähernd so befriedigend.«

Welch ein grandioser Tierversuch wäre es geworden - nein, sogar ein Versuch mit Menschen! Man hätte doch die Flächenwirkung der Atombombe auf eine sehr befriedigende Weise studieren können.

Kioto entging jedoch, anders als Dresden, seinem Schicksal dank dem entschiedenen Widerstande Stimsons und Trumans. - Präsident Truman bestätigte schließlich am 25. Juli 1945 die getroffene Wahl: Hiroshima und Nagasaki. Er hat es niemals versucht, sich der Verantwortung für diese Entscheidung zu entziehen. Mit Churchill gab es über die Anwendung der Atombombe keine Debatten. Hier die Worte des Präsidenten[25]: »Die letzte Entscheidung, wann und wo die Atombombe eingesetzt werden sollte, hatte ich zu treffen. Hierüber darf es keine Mißverständnisse geben… Die Militärberater des Präsidenten waren für den Einsatz, und Churchill erklärte mir in einem Gespräch ohne Zögern, daß er für die Anwendung der Atombombe sei … «.

Die erste Bombe (Uran) wurde über Hiroshima am 16. Juli 1945 abgeworfen und die zweite (Plutonium) über Nagasaki - drei Tage später. Die Anzahl der auf der Stelle Getöteten betrug 152. 000, und ebenso viele trugen schwerste Verletzungen (Verbrennungen) davon. Darüber ist viel geschrieben worden.

600000 Amerikaner haben also einige Jahre dafür gearbeitet, um 152000 Japaner, Japanerinnen und japanische Kinder mit einem Schlage zu töten. Das war allerdings eine Tat aus schauriger Verlegenheit. Denn die geballte geistige und physische Kraft von Hunderttausenden sowie die materiellen Mittel eines Kontinents sind von Anfang an nicht dazu bestimmt gewesen, Japan zu vertilgen.

Der Senator Me Mahon soll, wie L. L. Strauss berichtet[26], den Präsidenten Truman später mit dem Hinweis darauf beschwichtigt haben, daß die mehrfachen Bombardierungen Hamburgs zusammen 100000 Menschen umgebracht haben und ebensoviel die Brandbomben auf Tokio. Es sei keineswegs weniger moralisch, 100000 Menschen mit nur einem einzigen Atomschlag umzubringen.

»Die Entscheidung, die Bombe einzusetzen gegen den Feind, der nicht in der Lage war, eine solche Waffe zu entwickeln und bereits um Frieden nachsuchte, ist jedoch gefallen, nachdem Deutschland besiegt war« (L. L. Strauss)[26].

Keine deutsche Atombombe

Auch Deutschland ist niemals in der Lage gewesen, eine Atombombe zu entwickeln. Das hat man - wie schon ausgeführt - in den USA von vornherein vermutet. Paul Harteck hat am 24. April 1939 an das Wehrministerium[27] geschrieben: »Wir nehmen uns die Freiheit, Sie auf die neueste Entwicklung der Kernphysik aufmerksam zu machen, die es unserer Ansicht nach vielleicht ermöglichen wird, einen Sprengstoff zu erzeugen, der um viele Größenordnungen wirksamer ist als der jetzige … « Harteck soll, wie die anderen deutschen Forscher, zu der Meinung gelangt sein, daß Hoffnung bestehe, aus einem Uran-Reaktor Energie zu gewinnen, daß es aber unwahrscheinlich sei, eine auf Basis der Atomenergie wirkende Bombe herzustellen.

Wie General Groves in seinem hier wiederholt zitierten Erinnerungsbuch beschreibt, haben die USA in Deutschland und in den von Deutschland besetzten Gebieten Spionageorganisationen eingesetzt, welche den Stand der deutschen Entwicklung ausspähen sollten. Aber am Ende hat man gefunden, »daß eine nukleare Überraschung aus Deutschland wenig wahrscheinlich war«, und zusammenfassend: »Jedenfalls kam die Entwicklung auf dem Gebiet der Atombombe zu keiner Zeit über das Laboratorium hinaus, und selbst dort dachte man viel mehr an ihre Nutzung zur Stromerzeugung als an die Verwendung als Sprengmittel.« - Über gewisse unglückliche Nebenumstände in der Experimentiertechnik bei der Entwicklung des deutschen Reaktors berichtet L. Koesterl[28].

Der deutsche Experimental-Reaktor ist im Februar 1945 nach Haigerloch bei Hechingen in einen Felsenkeller gebracht worden, ohne jemals in Gang gekommen zu sein. In Hechingen haben ihn die Amerikaner nach ihrem eigens zu diesem Zweck vorgenommenen militärischen Vorstoß sofort abgebaut, um zu verhindern, daß er etwa den Franzosen in die Hände fallen könnte.

Wir begnügen uns hier mit dieser kurzen Darstellung der erfolglosen und in ganz kleinem Maßstabe geführten Bemühungen Deutschlands zur kriegerischen Verwendung der Kernenergie. Es seien nur wahllos die Namen einiger führender deutscher Atomphysiker aus jener Zeit genannt: Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Paul Harteck, Walter Gerlach, Kurt Diebner, Karl Wirtz, Walter Bothe.

Fast alle deutschen Atomphysiker sind von den Amerikanern in den Tagen des Zusammenbruchs des Dritten Reiches gefangengenommen worden. Wie General Groves berichtet, ist Walter Gerlach der einzige unter ihnen gewesen, der es nicht verwinden konnte, daß es Deutschland nicht möglich gewesen ist, eine Atombombe zu entwickeln. Es war ein Hauptanliegen der Amerikaner in den letzten Kriegstagen, die Gefangennahme irgendeines der bedeutenderen deutschen Atomphysiker durch die Russen zu verhindern. Das ist ihnen im großen Ganzen auch gelungen. Nur Gustav Hertz wurde nach Moskau gebracht.

Die russische Atombombe

Bekanntlich hatten wenige Jahre nach Kriegsende auch die Russen ihre Atombombe. Aber auch in der UdSSR war die Entwicklung der Bombe unter Einsatz von Menschen und Material nur in Dimensionen möglich, wie sie der gigantischen eurasischen Macht - in Friedenszeiten - zur Verfügung standen. An den Anfängen der sowjetischen Bemühungen wirkte vermutlich auch Peter Kapitza[29] mit, ein Physiker, welcher im Osten wie im Westen zu Hause war. Der gegenwärtig oft genannte Andrej Sacharov, der in seinen jüngeren Jahren an den nukleartechnologischen Entwicklungen der UdSSR teilnahm, beschreibt seine Eindrücke aus jener Zeit[30]: »Im Jahre 1950 wurde unsere Forschungsgruppe Teil eines Spezialinstitutes. Im Laufe der folgenden 18 Jahre fand ich mich gefangen im Räderwerk einer speziellen Welt von militärischen Konstrukteuren und Erfindern, von Spezialinstituten, Komitees und gelehrten Räten, Versuchsstationen und Versuchsgebieten…

Täglich sah ich, wie das riesige physische, geistige und nervliche Kräftepotential Tausender von Menschen in die Erzeugung von Mitteln der totalen Zerstörung investiert wurde, die imstande sind, die ganze menschliche Kultur zu vernichten. Ich beobachtete, daß die Kontrollhebel in den Händen zynischer Menschen sind, wenngleich sie in ihrer Art auch Talent haben mögen…

Bis zum Sommer 1953 war Berija oberster Chef des Atomprojekts. Er herrschte über die Sklavenarbeit von Millionen von Strafgefangenen, mit deren Hände Arbeit die meisten Bauprojekte verwirklicht wurden.«

Zum Schluß erinnern wir uns noch einmal an Leo Szilard aus Ungarn, in dessen Brief vom 25. Januar 1939 an den amerikanischen Politiker L. L. Strauss zum erstenmal der Gedanke an eine Atombombe aufgeworfen wurde, der Einstein zu seinem Bomben-Brief an Roosevelt animiert hat, und der an der weiteren Entwicklung der Atombombe entscheidenden Anteil hatte. - Szilard wurde Inhaber des Preises für Entwicklungen zur friedlichen Anwendung der Kernenergie, nämlich des »Atom for Peace Award 1959«[31].


Anmerkungen

  1. Im Gegensatz dazu nennt das »Lexikon des Judentums« Anmerkung 1a Sommerfeld (1868-1951) einen Juden, welcher »aus dem Judentum ausgetreten ist«. Der Einfluß Sommerfelds auf die Theoretische Physik in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts war außerordentlich stark: Die weitaus meisten Lehrstühle der Theoretischen Physik in Deutschland waren mit ehemaligen Assistenten und Schülern Sommerfelds besetzt.
  2. Cries for Peace. Experiences of Japanese Victims of World War II. Compiled by the Youth Division of Soka Cakkai. The Japans Times Ltd. Tokyo (1978).
  3. Friedrich Hund: Wer hat die Relativitätstheorie geschaffen? Physikalische Blätter 36 (1980) 8, Seite 237. Vergleichender Überblick über die Leistungen Einsteins und anderer Gelehrten, insbesondere seiner Vorgänger, zur Problematik der Relativitätstheorie.
  4. J. F. Byrnes: »Speaking Frankly«. Harper a. Brothers. 1947, Seite 258.
  5. Charles L. Mee jun.: »Meeting at Potsdarn«. Deutsche Übersetzung: »Die Teilung der Beute. Die Potsdamer Konferenz«, Verlag Molden 1977.
  6. L. L. Strauss, Anmerkung 5, Seite 283.
  7. Henry S. Truman: »Year of decision«. Doubleday a. Co Inc. 1955.
  8. L. L. Stauss, Anmerkung 5, Seite 188.
  9. L. R. Groves, Anmerkung 12, Seite 246.
  10. L. Koester, Zum unvollendeten ersten deutschen Kernreaktor 1942/44. Naturwissenschaften 1980, 12. Seite 573.
  11. Peter Kapitza: in Lexikon des Judentums (Bertelsmann, Gütersloh 1967).
  12. Tageszeitung »Die Welt« 16. März 1977,
  13. Lexikon des Judentums (Bertelsmann Gütersloh 1967).

Auffolgende Veröffentlichungen sei noch hingewiesen:


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 33(2) (1985), S. 21-25

Zurück zum DGG-Menü