Das Versailler Diktat aus der Sicht des »Chatham House«

Englische Überlegungen der dreißiger Jahre

Dr. Raimund Ulbrich

Mußte England sich 1939 zum zweitenmal in diesem Jahrhundert gegen Deutschland wenden, obwohl es von Hitler sehr umworben wurde? Hat Chamberlain in München 1938 nur auf Zeit gespielt? Die Veröffentlichungen des »Royal Institute of International Affairs« in London aus den dreißiger Jahren geben interessanten Aufschluß über das außenpolitische Denken führender britischer Kreise in dem Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich liefern sie wertvolle Begründungen für eine deutsche Politik in Gegenwart und Zukunft.


Gemäß einer Meldung des Deutschland-Funks vom 17. November 1984 ist in Österreich eine »rechtsradikale Organisation« gerichtlich verurteilt worden, weil sie behauptet hat, der Einmarsch deutscher Truppen 1938 und der Anschluß dieses deutschen Landes an das Reich sei rechtens gewesen. - Der Minister Geißler (CDU) in der BRD warnte in einer Rede im Herbst 1984 vor Nachgiebigkeit gegenüber dem sich verstärkenden Links-Terror mit dem beschwörenden Hinweis auf das Fehlen eines Widerstandes der Westmächte gegen die Rückkehr deutscher Truppen in das Rheinland 1936 sowie gegen den Anschluß Österreichs an Deutschland und die Angliederung des Sudetenlandes 1938: Man sei dem nicht rechtzeitig entgegengetreten.

Daß Minister Geißler gerade diese an sich erfreulichen Vorgänge in der Geschichte Deutschlands als warnende Beispiele für rabiaten Terror in seiner an unsere Zeit gerichteten Mahnung gewählt hat und daß man in Österreich für die Behauptung der Rechtmäßigkeit eines dieser Vorgänge mit einem Gerichtsurteil zu rechnen hat, ist bemerkenswert und leider auch aufschlußreich. Trotzdem ist anzunehmen, daß dem Herrn Minister Geißler -er ist nämlich ein deutscher Minister - die historische Wahrheit um die genannten Ereignisse, denen seine Entrüstung gilt, bekannt ist. Denn sicherlich steht in seiner Handbibliothek zumindest die Volksausgabe des »Ploetz« (Daten aus der Weltgeschichte).

Der rigorose Antigermanismus, welchem gegenwärtig Personen auf der großen Bühne des Öffentlichen Lebens in Deutschland sich verpflichtet fühlen, macht ihnen jede Objektivität in der Betrachtung der Geschichte Mitteleuropas unmöglich. Diese Erstarrung des Denkens ist bestenfalls und nur zum Teil, das heißt nur bei den einfachen Seelen unter den großen und kleinen Figuren mit einer Geistesverfassung einigermaßen zu entschuldigen, wie sie von Arnold Gehlen[1] als »Moralhypertrophie« diagnostiziert wird. Die Pragmatiker dagegen der verschiedensten Richtungen glauben aus Gründen, die wohlwollenderweise hier nicht analysiert werden sollen, eine »Verständigung« mit anderen Völkern dadurch herbeiführen zu können, daß sie dem Deutschen Volke das Recht auf irgendeine Machtposition - und eine solche wäre schon die politische Einigung - schlicht und grundsätzlich absprechen. Deutschland darf höchstens ein Begriff der Kulturgeschichte sein; das wird dem Wähler oder dem Theaterbesucher explizite und implizite suggeriert. Es gibt kein Deutsches Volk; es gibt nur deutschsprechende Nationen.

Die zoologische Germanophobie von Rundfunk und Fernsehen macht es ganz simpel: Deutsches Volk und Deutsches Reich werden unbekümmert als im spezifischen Gedankengut des Nationalsozialismus verwurzelte Begriffe denunziert. Alle Beziehungen der Deutschen zu ihren Nachbarn seien als Überfälle und Vertragsbrüche zu beurteilen.

Aber war denn die politische Einheit nicht ein alter Traum des ganzen Deutschen Volkes schon mehr als hundert Jahre vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus? War das Deutsche Kaiserreich nicht eine alte Wirklichkeit in Europa? Waren es schließlich nicht demokratische Kräfte, welche für die durch den Partikularismus der Klein- und Großfürsten Jahrhunderte hindurch verhinderte Einheit des Deutschen Volkes kämpften? Das alles soll vergessen werden. Es soll auch vergessen werden, daß das von der Nationalversammlung Deutsch-Österreichs am 12. November 1918 einstimmig angenommene Gesetz über die Staatsform mit dem lapidaren Satz beginnt: »Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil des Deutschen Reiches!« Wer erinnert sich nicht an den Jubel der Massen in den Straßen Wiens im Jahre 1938 beim Einmarsch der deutschen Truppen! Wie jubelten doch die Sudeten!

Aber das Deutsche Volk hatte Unglück im Glück. Das Erreichte war nicht mehr als ein zynisches, kurzes Gaukelspiel des Schicksals.

Zum Ausgangspunkt der vorliegenden Betrachtung zurückkehrend, sei nun die Frage gestellt, ob das von Minister Geißler bedauerte Nachgeben der Westmächte angesichts des Pochens des Dritten Reiches auf die politische Einigung aller Deutschen im zusammenhängenden europäischen Siedlungsgebiet sich einfach mit Trägheit und Schwäche erklären läßt oder vielleicht auf eine komplexere Stimmungslage zurückzuführen ist.

Das » Chatham House«

Um sich darüber zu unterrichten, muß man nach Meinungen aus den dreißiger Jahren außerhalb Deutschlands Ausschau halten. Hierfür dürften Veröffentlichungen von besonderem Wert sein, welche das Urteil einer mit Kompetenz ausgestatteten Gruppe oder Organisation enthalten und das Ergebnis eines in einer bestimmten Weise systematisch ausgerichteten, wenn auch freien Denkens sind. Wenn man nach Informationsquellen solcher Art sucht, so wird man auf die Veröffentlichungen des »Royal Institute of International Affairs« in London den Blick richten. Die Gewichtigkeit der darin ausgesprochenen Meinungen läßt sich abschätzen, wenn man zunächst den personellen und den politischen Hintergrund des Instituts kurz anleuchtet.

Das »Royal Institute…« gehört mit seinen Wurzeln in eine Zeit, als es noch ein Britisches Weltreich gab, dessen leitendes politisches Konzept das »Commonwealth of Nations« war. - Gemäß einem Brauch an der Universität Oxford wurden ausgewählte junge Juristen, Staatswissenschaftler oder Historiker nach abgeschlossenem Studium zu dessen weiterer Vertiefung in dem sogenannten »All Souls College« belassen. Aus diesem College sind zahlreiche hohe Staatsbeamte Großbritanniens, Publizisten und Regierungsmitglieder hervorgegangen. Dem »All Souls College« entstammte auch ein Kreis junger Leute, welche um die Jahrhundertwende in Südafrika tätig waren und es sich zum Ziele gesetzt haben, eine Art von Verfassung für den Weltstaat zu entwerfen. Sie scharten sich um Lord Milner, den hohen Kommissar für Südafrika. Einige von »Milners jungen Leuten« übersiedelten 1910 nach London[2] und gründeten hier die Vierteljahresschrift »The Round Table«, deren Redaktion zunächst Philipp Kerr übertragen wurde.

Unter der Leitung von Lionel Curtis wurde 1920 in dem Stadthause von Lord Chatham (Pitt d. Ältere) in London »zur Ermutigung und zur Erleichterung des Studiums internationaler Fragen« das »Royal Institute of International Affairs« gegründet. Es wird oft als das »Chatham House« bezeichnet. Daraus ist eine Art Akademie für Weltpolitik des Empire geworden. Ursprünglich war das Institut laut Bericht des Gründungsmitgliedes Arnold Toynbee[3] als eine anglo-amerikanische Gesellschaft gedacht - und das ist bemerkenswert. Später ist jedoch eine Teilung vollzogen worden, nämlich in eine amerikanische Sektion »Council of Foreign Relations« mit dem Sitz in New York[4] und das »Royal Institute of International Affairs« in London. Der Grund für die Trennung waren - wie Toynbee betont - nicht irgendwelche Unterschiede in Überzeugungen, sondern reine Fragen der Organisation.

Die meisten der führenden Köpfe in der internationalen Politik des Empire und einige der USA sind durch diese Stätte der Meinungsbildung hindurchgegangen. Dem Kreise der »jungen Leute« um Milner haben angehbrt: Lionel Curtis, Chef der Stadtverwaltung von Johannesburg als geistiger Führer; Philipp Kerr (später als Lord Lothian Staatssekretär für Indien, Verfasser der Mantelnote zum Versailler Diktat); John Buchanan (als Lord Threedsmuir, Generalgouverneur für Kanada); Leopold Amery (später Marineminister).

Am Beispiel dieser Namen und aus den Stellungen, die ihre Träger im Staatsapparat Großbritanniens erreicht haben, erkennt man die Einflußmöglichkeiten des »Royal Institute … « auf die Gestaltung der politischen Ideen und auf die Führung des Weltreiches. Mitglieder des Kreises um Milner wurden hohe Beamte in allen Weltgegenden; andere Institutsmitglieder wuchsen zu Größen in Wirtschaft und Publizistik. Direktor des Instituts war in den Jahren 1925-56 der bekannte Historiker A. J. Toynbee. Wie man weiß, hatte seine Tätigkeit in Wissenschaft und Politik eine unglaubliche Spannweite[5]. Toynbee war wiederholt Mitglied der britischen Delegation in Friedensverhandlungen (Paris 1919 und 1946). Institutsleiter 1978-83 war David Watt, ein Teilnehmer am »All Souls College«, vielseitiger Schriftsteller und Publizist; sein Nachfolger ist Sir James Eberle (Admiral). - Parallel-Gründungen des Instituts gab es auch in den Dominions.

Das »Royal Institute« veranstaltet Vorträge und vertrauliche Diskussionen, zu welchen Ausländer als Zuhörer nicht zugelassen sind; in wenigen Fällen machte man Ausnahmen für Staatsbürger der USA. Als Vortragende dagegen werden auch namhafte Ausländer eingeladen, so auch der deutsche Politiker Johannes Rau Ende November 1985. Besonderen Studiengruppen werden Spezialprobleme zur Bearbeitung aufgetragen.

Unter der Schirmherrschaft des Instituts erscheinen Buchreihen und Zeitschriften. Die »International Affairs« berichten über Vorlesungen und Aussprachen, die man für unbedenklich hält. Aktualitäten brachte das 14tägig erscheinende »Bulletin of International Affairs«. Die wichtigste und repräsentativste unter den Veröffentlichungen des Instituts ist aber die bereits erwähnte Vierteljahresschrift »The Round Table« mit dem Untertitel »Quarterly Review of the Politics of the British Commonwealth«. Die Aufsätze darin wurden nicht von Autoren unterzeichnet. Sie stellten nämlich nicht die Urteile von Einzelpersonen dar, sondern die Meinung des »Royal Institute« zu den behandelten Themen; denn: »The Round Table is a cooperative enterprise conducted by people who dwell in the different parts of the British Commonwealth« - so stand es auf der Innenseite des Umschlags eines jeden Heftes in den dreißiger Jahren. Der Inhalt der Vierteljahressehrift repräsentiert also gewissermaßen die Staatsdoktrin des British Commonwealth. - Das amerikanische Analogon ist »Foreign Affairs«. Beide Zeitschriften haben einander oft zitiert.

Wir begnügen uns hier mit dieser kurzen Skizze der Bedeutung des »Royal Institute of International Affairs« (Chatham House) und seiner Zeitschrift »The Royal Table«, wiewohl eine Vertiefung der Betrachtung lohnend wäre[6]. Vor wenigen Jahren hat »The Round Table« nach einer kürzeren Unterbrechung des Erscheinens eine gewisse Umwandlung seines Grundkonzepts erfahren.

Das deutsche Problem

Wie sah nun das Chatham House auf das Drängen des Dritten Reiches, das ethnographische und das geographische Gesamt-Deutschland in einer Staatsorganisation zu vereinen?

Um einen Eindruck davon zu gewinnen, seien zwei Aufsätze aus dem Bande XXVII (Dezember 1936-September 1937) von »The Round Table« gewählt, also aus einer Zeit, als die Rückkehr des Deutschen Reiches in die Stellung einer europäischen Großmacht soeben begonnen hatte (7. März 1936: Einrücken der deutschen Truppen in das entmilitarisierte Rheinland).

Der erste der beiden Aufsätze (»Das deutsche Problem«) beginnt mit der Feststellung: »Wenn es nicht gelingen wird, das Problem zu lösen, so riskiert man nicht etwa einen lokalen Krieg, sondern einen neuen Weltkrieg.« Dann wird auseinandergesetzt, worin das Problem Deutschland eigentlich besteht.

Das geschieht in der Weise, daß zunächst als »Anklage« das Deutschland-Bild erscheint, wie es von den Gegnern Deutschlands und des Deutschtums seit Jahrzehnten beschworen wird: »Die Deutschen sind anders als die übrigen Europäer; sie sind grundsätzlich herrschsüchtig und angriffslustig.«

Insbesondere sind die Preußen die Inkarnation alles Bösen; der Nationalsozialismus ist das Reindestillat des Preußenturns. Für Nietzsches »Herrenmenschen« gibt es nur ein Evangelium der Gewalt und nicht der Ethik. - Man kann sich hier kurz fassen, denn dieses von der »Anklage« gemalte Bild gleicht ziemlich genau dem bekannten Bilde von Deutschland und seiner Geschichte, welches von den auf deutschem Boden operierenden Rundfunk- und Fernsehsendern seit 40 Jahren ausgestrahlt wird.

Der »Anklage« wird eine »Verteidigung« entgegengestellt. Wenn die Deutschen in der Vergangenheit eine kriegerische Nation gewesen sind, so liegt der Grund hierfür darin, daß Kampfbereitschaft überhaupt die Bedingung für die Existenz eines Deutschen Volkes war. »Als Bewohner der mitteleuropäischen Ebene ohne natürliche Grenzen waren sie immer dem Druck der Slawen aus dem Osten und der feindseligen Schwächungspolitik Frankreichs aus dem Westen ausgesetzt … Deutschland war das Schlachtfeld Europas … Nur wenn es unter einer starken Führung vereint war, kannte Deutschland Wohlstand und Frieden … Jahrhunderte hindurch ist die Einigung Deutschlands durch die Trümmer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und durch die auf Teilung ausgerichteten Bemühungen Richelieus gehemmt worden … Wegen seiner geographischen Lage ist Deutschland nur als Militärstaat existenzfähig … Die Armee und nicht die geographischen Bedingungen sind seine Grenzen in Ost und West.« -Was die Schuld am Ausbruch des (Ersten) Weltkrieges betrifft, »so ist es klar, daß nicht Deutschland allein die Schuld an dieser Katastrophe trägt … es war die Mobilisation der russischen Armee, die jede Hoffnung auf eine friedliche Regelung endgültig zerstört hat … die Verfasser des Friedensvertrages entschuldigten sich jedoch mit Deutschlands Alleinschuld. Eine unmögliche Last von Reparationen wurde Deutschland auferlegt.« Die praktisch vollständige Entwaffnung wurde bestimmt.

Die Niederlage hat den Übergang vom Kaiserreich zu dem, was man Demokratie nennt, möglich gemacht. Trotzdem aber wurde, abgesehen von kleineren Erleichterungen in den Reparationszahlungen, »kein Versuch gemacht, den Friedensvertrag zu revidieren. Die Locarno-Verträge konnten kein Ersatz für den fehlenden Friedensvertrag sein.« Es folgt die Feststellung, daß Hitler durch Gewaltakte den Versailler Vertrag zerschlagen hat, aber - wie es dann weiter im Text der Abhandlung in »The Round Table« (XXVII. S. 491) heißt - die Vertragsbrüche waren moralisch begründet (»were capable of moral justification«). Denn durch Wiederbewaffnung und »militärische Besetzung des Rheinlandes war die volle Gleichberechtigung Deutschlands unter anderen Nationen erreicht«. - Diese Ausdrucksweise in »The Round Table« ist bemerkenswert.

Wenn Deutschland sich zu einer kriegerischen Nation entwickelt hat - heißt es weiter -, so liegt das nicht an einer besonderen Kriegslüsternheit im Charakter der Deutschen, sondern an den Existenzbedingungen, welche den Deutschen durch Geographie und Geschichte aufgezwungen worden sind. »Nur durch den Wiederaufbau der militärischen Macht und Disziplin und dank einem autoritären Regime ist es Deutschland möglich geworden, sich der einseitigen Diskriminierung von Versailles zu entwinden.« So gesehen, ist der Nationalsozialismus eine vorübergehende Rekompensation gegen den Minderwertigkeitskomplex eines seit 1918 aus dem Kreise der Nationen ausgestoßenen Volkes. »Wenn diese Betrachtung richtig ist, so ergibt sich daraus notwendigerweise, daß Deutschland einen Status in der Welt haben muß, wie er der tatsächlichen Macht dieses Landes und seines kulturellen Niveaus würdig ist.«

Das Urteil des »Chatham House«

Die eindeutige Entscheidung zwischen Anklage und Verteidigung fällt dem »Chatham House« nicht ganz leicht, aber die Tatsache, daß die Argumente der Verteidigung weit zahlreicher sind und mit größerer Ausführlichkeit behandelt werden, berechtigt zu der Annahme, daß das »Chatham House« an der Seite der Verteidigung steht. Ja, sogar am Nationalsozialismus findet es einiges Gute: zunächst den Umstand, daß er eine Abkehr vom »Feudalismus und preußischen Despotismus« bedeutete, und vor allem, daß ein »Aspekt des Sozialismus darin eine Realität ist« (man schrieb das Jahr 1936!). Volles Verständnis wird dafür gezeigt, daß wegen der Erfahrungen der Deutschen nach 1918 die Demokratie bei ihnen nicht hoch im Kurs stand. Dieser Begriff ist nämlich aufgrund dieser Erfahrungen mit allgemeiner Disziplinlosigkeit verbunden, mit moralischer Entartung (»moral degeneracy«), Zerfall des politischen Lebens und »Ausbeutung der Bevölkerung durch Schieber, unter welchen sich zahlreiche Juden befanden«. - Die erste Phase des Kampfes der Deutschen um Gleichberechtigung war das Abschütteln der Fesseln von Versailles. »Die Sympathie Britanniens für Deutschlands Streben nach Gleichberechtigung verhinderte Maßnahmen, welche über diplomatische Schritte hinausgingen, als Reaktion auf Hitlers Wiederbesetzung des Rheinlandes und Einführung der allgemeinen Wehrpflicht.« Die Forderungen Deutschlands seien »weder sündhaft noch bösartig«. - Es wird noch darauf hingewiesen, daß das den Deutschen in Europa verbliebene Staatsgebiet verhältnismäßig klein ist und daß alle Kolonien verlorengegangen sind. In Europa selbst haben die Deutschen berechtigte Ansprüche: »Danzig und Memel sind deutsche Städte. Den Österreichern ist es verboten, ihr Verhältnis zu Deutschland nach ihrem eigenen Gutdünken zu regeln. Die Deutschen in der Tschechoslowakei und in Polen fühlen sich als verfolgte Minderheiten. « Als Haupthindernis zur Regelung all dieser Dinge (»solute of these questions«) sei Frankreich mit seinen Östlichen Verbündeten und Rußland zu betrachten. Es sei zu befürchten, daß auch Großbritannien in den Augen der Deutschen zu einem Hindernis gegen die Erfüllung ihrer gerechten Wünsche werden könnte. Das wäre offenbar unerwünscht. Denn das moderne (d. h. nationalsozialistische) Deutschland ist - anders als das Kaiserreich - Großbritannien wohlgesonnen. Freundschaft mit England ist ein politisches Dogma Hitlers, und das deutsche Volk sieht in den Engländern eine verwandte Rasse. Das britische Imperium sei nach Meinung der Deutschen ein Bollwerk der Zivilisation in der Welt. Die Schwierigkeiten und Konflikte der Gegenwart ergeben sich aus den Fehlern des Diktats von Versailles. Die Deutschen wünschten zwar keinen Krieg, aber Deutschland wird sich früher oder später holen, was es als sein angestammtes Recht ansieht. »Wenn Deutschland in Osteuropa die nationale Unabhängigkeit der echten Nationalitäten zugibt, ähnlich wie Großbritannien die Unabhängigkeit seiner Dominien anerkennt, so sollte es möglich sein, die Situation in Osteuropa so zu verändern, daß Deutschland berechtigte Wünsche (»Germany's legitimate desires«) erfüllt werden. «

Versailles Hauptursache der Krisen

In einem anderen Aufsatz, betitelt »Die neue Situation der Welt« (The Round Table XXVII. S. 710) werden die Spannungszentren aufgezählt und die Möglichkeiten von Konflikten analysiert. Es soll hier nicht alles erörtert werden. Soviel sei aber notiert: Als Hauptursache der Krisen in Europa wird das Festhalten am Diktat von Versailles aufgezeigt. »Eine Revision des Versailler Vertrages zugunsten des republikanischen Deutschlands statt eines Beharrens auf seiner unbegrenzten Geltung« würde die Stabilität in Europa erhöhen. - »Das System von Versailles hat Hitler-Deutschland hervorgebracht.«

Wie muß aber ein Deutscher den Stand der Dinge in Osteuropa sehen? »Gemäß dem Vertrag von Trianon darf Österreich gegen seinen Willen sich nicht mit Deutschland zusammenschließen. Drei Millionen Deutsche gibt es in der Tschechoslowakei, die seit langem an eine pro-französische, pro-russische und anti-deutsche Politik gebunden sind. Danzig und Memel, historisch deutsche Städte, dürfen sich nicht mit dem Reich vereinen … Der polnische Korridor und die Lage in Schlesien sind eine Ursache der Verärgerung … Deutschland verlangt für die Deutschen in Osteuropa das gleiche Selbstbestimmungsrecht, wie es anderen Völkern gewährt worden ist, denn dieses war ja das Prinzip, nach welchem in der Theorie der Friedensvertrag geschlossen worden ist« (S. 716).

Das Schicksal Südtirols beschäftigt den langjährigen Direktor des »Chatham House«, Arnold J. Toynbee, in seinem Erinnerungsbuch »Experiences«. Dieses deutsche Land sollte gemäß dem Geheimvertrag von 1915 zwischen Italien und den Entente-Mächten an Italien angegliedert werden, wenn dieses der Entente beitritt und der Krieg von den Westmächten gewonnen wird. Wie Toynbee ausführt, hat der amerikanische Präsident Wilson in den Friedensverhandlungen, deren Grundlage das Selbstbestimmungsrecht der Völker sein sollte, Südtirol seinem Schicksal überlassen. »Das war eine der unverzeihlichsten (most inexcusable) Verletzungen des Selbstbestimmungsrechts bei den Friedensverhandlungen 1919.« Toynbee war auch bei der Pariser Friedenskonferenz 1946 zugegen. - Weil wegen des inzwischen erfolgten Frontwechsels Italiens (Beitritt zur »Achse«) die Voraussetzungen des Vertrages von 1915 nicht mehr bestanden, andererseits aber der erneute Frontwechsel im Zweiten Weltkrieg zu einem Zeitpunkt, als der Sieg der Westmächte schon sicher war, keine Bedeutung hatte, wäre es gemäß Toynbee 1946 die Pflicht der Sieger gewesen, das Unrecht von 1919 wiedergutzumachen. (The Paris peace conference of 1946 had a free hand for rigthing the injustice that had been done at the Paris conference of 1919. Die Pariser Friedenskonferenz von 1946 hatte freie Hand, das Unrecht wiedergutzumachen, das auf der Pariser Konferenz von 1919 verübt war.)

»Aber nichts dergleichen wurde versucht.« Denn jede der beiden jetzt bestimmenden Weltmächte, USA und UdSSR, wollte bei der Wahl zwischen Italien und Österreich die Gunst des Stärkeren für sich gewinnen, und so wurde Südtirol bei Italien belassen - als Lohn für den Verrat von 1915. »Man verhandelte über Südtirol nicht nach Begriffen der Gerechtigkeit, sondern nach Kriterien der Machtpolitik.« - Schließlich sagt Toynbee resigniert: »Ich war entsetzt, aber da ich schon an einer anderen Friedenskonferenz in Paris teilgenommen hatte (1919), war ich nicht überrascht.« - Er äußert dann die Hoffnung, daß es ihm niemals mehr beschieden sein sollte, bei einer Friedenskonferenz in Paris zugegen zu sein.

Gegenüber solchen Meinungen aus dem Chatham-House kann man den Fragen nicht ausweichen: Haben nicht alle Deutschen ebenso wie jedes andere Volk Europas ein Anrecht auf Nationalbewußtsein und staatliche Einheit in ihrem geschlossenen Siedlungsgebiet? Sind die dem Dritten Reich bis 1938 gewährten Zugeständnisse, deren letztes die Angliederung aller deutschen Siedlungsgebiete der ehemaligen Habsburger-Monarchie war, nur ein Symptom für die psychische und materielle Schwäche der Westmächte und insbesondere Großbritanniens? War also der Einmarsch der Truppen des Reiches nach Österreich 1938 wirklich ein Überfall und die Angliederung der von einer deutschen Bevölkerung geschlossen besiedelten Gebiete, welche 1918 gegen ihren Willen durch illegale Waffengewalt unter die Herrschaft der Tschechen geraten waren, der Erfolg einer Erpressung?

Die bekannten Tendenzen bei der Darstellung und moralischen Bewertung der geschichtlichen Abläufe in den dreißiger Jahren, wie sie von den »Medien«, von Politikern und von einigen Historikern gegenwärtig in West-Deutschland propagiert werden, erweisen sich im besten Falle als Erzeugnisse einer Stimmung nach dem von Hitler begonnenen unglückseligen Polen-Feldzug 1939 und der Katastrophe 1945, einer Stimmung, welche auch noch 1985 mißbräuchlich gepflegt wird - zur Förderung frommer Denkungsart. Der kühlen Logik und dem Realismus dagegen der britischen Staatsräson aus dem Jahre 1936 entsprechen die Formulierungen in »The Round Table«. Allerdings ist neben dem Pragmatismus im Denken der britischen Politiker das nicht ganz unbestimmte Gefühl zu spüren, daß endlich der Gerechtigkeit Genüge getan werden müßte. - Die Überzeugung, daß nicht Deutschland allein am Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Schuld trug und daß im Versailler Diktat das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen getreten worden ist, wurde in weiten Teilen Europas geteilt (selbstverständlich nicht von den damaligen Satelliten Frankreichs und von Italien, denn diese hatten ja sich deutsche Gebiete angeeignet).

Man hat Hitler also auch deshalb nachgegeben, weil man das sehr bestimmte Gefühl hatte, daß er die gerechte Sache des Deutschen Volkes vertrat. - Es war noch nicht das Jahr 1939!

Für jede deutsche Politik in Gegenwart und Zukunft ergibt sich der Grundsatz: Alte historische Ansprüche des ganzen Deutschen Volkes auf seine politische Einheit und sein geographisch geschlossenes Siedlungsgebiet, welche noch im Jahre 1936 von einem großen Teil Europas als legitim anerkannt waren, können nicht 1985 nur aus dem Grunde als illegitim erklärt werden, weil sie auch von Hitler erhoben und zum Teil durchgesetzt worden sind. Alte historische Traditionen und Belange des Deutschen Volkes sind zu trennen von den verfehlten geopolitischen Vorstellungen des von übersteigertem Sendungsbewußtsein verführten Hitler mit seiner ganzen Vielschichtigkeit.

Die Grundeinstellung Großbritanniens in den frühen dreißiger Jahren läßt sich am besten kurz kennzeichnen durch die Worte von Andreas Hillgruber[7], der sich auf umfangreiche Literaturstudien von G. Niedhart[8] beruft: »Durch begrenzte Revision in Europa zugunsten Deutschlands, verbunden mit Abkommen mit Rüstungsbegrenzung und Liberalisierung des Welthandels sollte die angestrebte Friedensstabilisierung erreicht werden.« - In dem umfangreichen und widerspruchsvollen Schrifttum der Historiker über jene Zeit darf man nicht gerade dasjenige in seiner Bedeutung überschätzen, welches das damalige Streben Großbritanniens als »Appeasement« diffamiert[9].

Nicht einfach aus Schwäche hat Großbritannien das Vorgehen des Dritten Reiches zunächst geduldet. Als Hitler, die Grenzen Polens überschreitend, die Hand nach ethnographisch nicht-deutschem Gebiet ausstreckte, hat es sehr wohl die Kraft aufgebracht, sich dem entgegenzustellen, denn damals war es ja noch Weltreich. Außerdem war das Bewußtsein der Überlegenheit auf weitere Distanz durch die Überzeugung der politischen Führung gestärkt, daß die USA im Ernstfalle zu mehr als nur einer Rückendeckung bereit sein würden.

Schließlich enthält die voranstehend zitierte Abhandlung über die neue Weltlage (The Round Table XXVII. Seite 718) im Zusammenhang mit den Machtverhältnissen in Mittel- und Osteuropa den bedeutungsvollen Satz, der bisher wenig beachtet wurde: hier »hat Großbritannien die Möglichkeit, direkt Macht auszuüben, indem es irgendeinen lokalen Konflikt in einen Weltkrieg umwandelt«. Diese Möglichkeit hat Großbritannien 1939 auch tatsächlich ausgenutzt. Die Verantwortung hierfür hat es übernommen um den Preis der Auflösung seines Weltreichs und des politischen Unterganges Europas.


Anmerkungen

  1. Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Wiesbaden 1981.
  2. K. H. Abshagen: »Der Kindergarten des Empire.« Monatsschrift »Das XX. Jahrhundert«, August 1939 (S. 260 ff .).
  3. Arnold Toynbee: Experiences. London 1969. Seite 62.
  4. Gary Allen: None Dare Call it Conspiracy, 1971. Titel der Deutscheu Übersetzung: Die Insiders. Verlag für angewandte Philosophie. Wiesbaden.
  5. Roland N. Stromberg: Arnold L Toynbee (1972).
  6. A. Sanders: Um das Erbe Großbritanniens. München 1941.
  7. A. Hillgruber: »Zur Entstehung des Zweiten Weltkrieges.« Forschungsstand und Literatur. Düsseldorf 1980.
  8. G. Niedhart: »Appeasement«. Historische Zeitschrift 226 (1978) 67ff.
  9. L. Kettenbacher: »Die Diplomatie der Ohnmacht« in W. Benz und M. Grame (Herausgeber): Sommer 1939. Deutsche Verlagsanstalt, 1979.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 34(4) (1986), S. 4-8

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