Die Synagogen-Brandstifter

Eine kritische Untersuchung der »Reichskristallnacht«, Teil 1

Ingrid Weckert

Was geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wirklich, als in Deutschland die Synagogen brannten? Die Sieger haben die Frage nicht beantwortet, obwohl sie 35 Jahre Zeit und alle Möglichkeiten dazu hatten, die Ereignisse der sogenannten »Reichskristallnacht« restlos zu klären. Was auch immer sie daran gehindert haben mag, jetzt hat eine Frau ihre Aufgabe übernommen, die elf Jahre alt war, als das passierte, was in der landläufigen Zeitgeschichtsschreibung vielfach als »der Anfang der Endlösung« bezeichnet wird. Ingrid Weckert gelangt zu ganz anderen Ergebnissen. Von Beruf Bibliothekarin, hat sie sich seit einem Jahrzehnt intensiv dem Studium der Zeitgeschichte, insbesondere der Geschichte des Dritten Reiches, gewidmet. Ihr Wunsch, Philologin zu werden, ging nicht in Erfüllung. Sie wurde, als sie in ihrer Heimatstadt Berlin 1946 das Abitur bestanden hatte, nicht zum Studium zugelassen, weil ihre Kenntnisse in Marxismus

Leninismus angeblich unzureichend waren. Diese Ansicht vertrat jedenfalls ein Mitglied der Prüfungskommission, die »rote Hilde« (Benjamin), die berüchtigte Oberstaatsanwältin und spätere Justizministerin der kommunistischen Diktatur Mitteldeutschlands. Später studierte Frau Weckert trotzdem

in der Schweiz katholische Theologie. Sie machte ihr Judaicum und vervollständigte ihre Kenntnisse der hebräischen Sprache bei zahlreichen Aufenthalten in Israel. Ihr profundes Wissen um das Wesen der mosaischen Religion und des jüdischen Volkes trug zum Gelingen dieser glänzenden Darstellung eines bisher ungeklärten Kapitels der Zeitgeschichte wesentlich bei. Wir beginnen nachstehend mit der Veröffentlichung von Auszügen aus ihrer Arbeit, die noch in diesem Frühjahr als Buch erscheinen wird.


»Reichskristallnacht« - so heißt im Volksmund und in der öffentlichen Propaganda die Nacht vom 9. zum 10. November 1938, in der jüdische Menschen in ihren Wohnungen überfallen, die Scheiben jüdischer Geschäfte und Warenhäuser eingeschlagen und Synagogen in Brand gesetzt wurden. Horden von aufgestörtem Mob zogen durch die Straßen der Städte, drangen in jüdische Wohnungen und Häuser ein, zerstörten mutwillig das Eigentum der Bewohner, plünderten Geschäfte. Ja, einige Juden wurden zusammengeschlagen und sogar ermordet.

Die Jüngeren unter uns fragen vielleicht entsetzt: Ja, warum denn nur? Was war denn geschohen?

Und genau diese Fragen stellen wir uns auch: Warum? Und was?

Diese Nacht hat außer dem schandbaren und tragischen Aspekt noch einen anderen, äußerst merkwürdigen: Die Ereignisse sind bis heute nicht aufgeklärt! Vierzig Jahre nach den Überfällen und Mordtaten jener Nacht wissen wir so wenig über die eigentlichen Initiatoren und die Gründe, die sie bewegten, wie damals zu der Zeit, als es geschah. Obwohl in den Jahren nach der deutschen Niederlage eine wahre Hetzjagd einsetzte, um all der Deutschen habhaft zu werden, die im Verdacht standen, irgendwann einmal einem Juden auch nur ein Haar gekrümmt zu haben, hat es keinerlei ernsthafte Bemühungen gegeben, die Urheber der Kristallnacht aufzuspüren und zur Verantwortung zu ziehen.

Auch das ist ein »Warum?« wert!

Im deutschen Sprachraum gibt es nur eine ausführliche Studie zu diesem Thema:

Hermann Graml, Der 9. November 1938. »Reichskristallnacht«, herausgegeben im Jahr 1953 von der Bundeszentrale für Heimatdienst, Bonn.

Im übrigen ist die Kristallnacht in vielen Publikationen kurz oder auch ausführlicher erwähnt, allerdings in so unterschiedlicher und oft widersprüchlicher Art, daß daraus nur zu deutlich die Unsicherheit und Unklarheit zutage tritt, die diesen ganzen Themenkreis beherrscht.

Beginnen wir mit einer Zusammenstellung der Ereignisse, die jener Nacht vom 9. zum 10. November 1938 vorausgegangen sind. Es wird dabei interessant sein, die verschiedenen Darstellungen einander gegenüberzustellen und zu vergleichen.

Der Fall Grynspan

»Die polnische Regierung erließ am 6. 10.1938 und veröffentlichte am 15.10.38 eine Verordnung, wonach alle Auslandspässe zu ihrer Weitergeltung einen Kontrollvermerk besitzen müssen. Auslandspässe, die diesen Vermerk nicht aufweisen, berechtigen nicht mehr zum Übertritt in das polnische Staatsgebiet. Mit dieser Verordnung beabsichtigte die polnische Regierung offensichtlich, den zahlreichen im Ausland - insbesondere in Deutschland - lebenden polnischen Juden die Rückkehr nach Polen unmöglich zu machen. Praktisch würde das bedeuten, daß etwa 70.000 polnische Juden im Reichsgebiet dauernd im Inland geduldet werden müssen. « [1]

Mit diesen Worten informierte am 29. Oktober 1938 Ministerialdirigent Dr. Werner Best im Auftrag des Chefs der Deutschen Polizei, Reichsführer SS Heinrich Himmler, den Chef der Reichskanzlei, Reichsminister Dr. Lammers, über die plötzlich getroffenen Maßnahmen der polnischen Regierung. Dr. Best führte in seinem Schreiben weiter aus, daß das Auswärtige Amt die deutsche Botschaft in Warschau sofort angewiesen hätte, bei der polnischen Regierung vorstellig zu werden, um zu erwirken, daß die in Deutschland ansässigen polnischen Juden auch ohne diesen Sichtvermerk nach Polen einreisen können. Ferner wurde der polnischen Regierung mitgeteilt, daß sich die deutsche Regierung vorsorglich genötigt sehe, mit kürzester Frist alle polnischen Juden aus dem Reichsgebiet zu verweisen.

Die polnische Paßverordnung sollte mit Ablauf des 29.10.38 in Kraft treten. Dr. Best teilt in diesem Zusammenhang weiter mit:

»Im Laufe des 28./29.10.38 wurden daraufhin im ganzen Reich etwa 15.000 polnische Juden - namentlich männliche Erwachsene - in Abschiebungshaft genommen und in Sondertransporten an die polnische Grenze verbracht.«

Die Züge der Aussiedler wurden von Sanitätspersonal begleitet, die Juden selbst reichlich mit Essen versorgt. »Die korrekte Durchführung der Maßnahmen, soweit sie auf deutschem Boden durchgeführt wurden, konnte durch zahlreiche Aussagen, auch von Juden, Belege und Fotografien nachgewiesen werden.«[2]

Und wieder Dr. Best:

»Trotzdem diese polnischen Juden im Besitz gültiger polnischer Pässe waren und die polnische Paßverordnung erst mit dem 30.10.38 in Kraft tritt, wurde die Übernahme der polnischen Juden von den polnischen Grenzbehörden - offensichtlich auf Weisung von Warschau hin - beim Grenzübertritt nach Polen verweigert. Durch die Zusammenballung tausender polnischer Juden in wenigen Grenzorten an der deutsch-polnischen Grenze entstanden teilweise sehr unerfreuliche Zustände. In der Nacht vom 28. auf den 29.10.38 gelang es, etwa 12.000 polnische Juden teils über die Grenzübergangsstellen, teils über die grüne Grenze nach Polen abzuschieben.«

Es war nicht generell beabsichtigt, alle diese polnischen Juden aus Deutschland auszuweisen - das muß hier ausdrücklich betont werden. Sie sollten sich lediglich von den polnischen Heimatbehörden den erforderlichen Kontrollvermerk besorgen, damit ihre Pässe weitere Gültigkeit besäßen und sie nicht als Staatenlose den deutschen Behörden zur Last fallen würden.

Die polnische Regierung reagierte zunächst auf die unerwünschte Einwanderung so vieler polnischer Juden mit der Abschiebung deutscher Juden, die sich in ihrem Hoheitsgebiet befanden. Aber noch im Laufe des 29. Oktober 1938 führten diplomatische Verhandlungen zwischen Berlin und Warschau zu dem Erfolg, daß die Abschiebung der beiderseitigen Staatsangehörigen gestoppt wurde. Die noch in Abschiebungshaft befindlichen polnischen Juden in Deutschland wurden wieder nach Hause entlassen. Die meisten der nach Polen eingedrungenen Juden kamen nach einiger Zeit zurück, entweder, um ihre Familie und ihren Besitz nachzuholen, oder mit dem gewünschten Sichtvermerk, der ihre polnischen Pässe verlängert hatte.

Die überwiegende Mehrzahl der damals in Deutschland lebenden polnischen Juden war überdies von dieser ganzen Aktion nicht betroffen.

Diese - wie man sagen muß völlig überflüssigerweise heraufbeschworene - »polnische Paßkrise« war ein Ergebnis der absolut judenfeindlichen Politik der damaligen polnischen Regierung[3]. Leidtragende waren nicht nur in Deutschland lebende polnische Juden, sondern ebenfalls deutsche, in Polen lebende Juden.

Darauf nehmen nun die antideutschen Nachkriegsliteraten wenig Rücksicht. In ihren Augen handelt es sich um »Heydrichs« erste »Massendeportation«, die sich »wenig von den späteren Deportationen nach Auschwitz« unterschied[4]. Die Opfer wurden »über die Grenze getrieben - vor die MG's polnischer Grenztruppen.«[5] Das ist der Tenor der gesamten deutschen Nachkriegs-»Geschichts«schreibung.

Grynszpans Erzählungen

Unter den Personen, die an die deutsch-polnische Grenze gebracht wurden, befanden sich auch die Eltern und Geschwister des in Paris lebenden 17jährigen Herschel Feibel Grynszpan - jenes jungen Mannes, der durch seine unglückseligen Schüsse in den nächsten Tagen und Wochen von sich reden machte.

Hören wir uns zunächst an, was Vater Zindel Grynszpan uns zu sagen hat. Dreiundzwanzig Jahre später, während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, hat er seine Erinnerungen hervorgekramt und bringt eine dramatische Schilderung:

»Die SS-Leute trieben uns mit Peitschen an, und denen, die nicht mitkamen, versetzten sie Peitschenhiebe, und Blut floß auf die Straße. Sie rissen uns unsere Koffer weg, sie behandelten uns auf die brutalste Weise; damals sah ich zum erstenmal die wilde Brutalität der Deutschen... Ich wurde auch geschlagen und fiel in einen Graben.«[6]

Armer Vater Grynszpan - so schrecklich war es? Mit Peitschen geschlagen? Aber die deutschen Polizisten trugen doch keine Peitschen, sondern Revolver! Und das Blut floß auf die Straße? Ja, aber, wenn man auf einen bekleideten Menschen mit einer Peitsche einschlagen würde, bekäme er wahrscheinlich Striemen. Bei wiederholten Schlägen könnten diese aufplatzen und bluten. Aber das austretende Blut würde dann von der Kleidung aufgesogen werden, es »flösse« sicher nicht »auf die Straße«!

Man sollte endlich damit anfangen, sich die Dinge nüchtern vorzustellen, dann kommt man schnell dahinter, daß vieles in den Aussagen, die von angeblichen deutschen Bestialitäten berichten, praktisch gar nicht geschehen sein kann. - Sicher ist, daß die ausgewiesenen Juden nicht mit Peitschenschlägen über die polnische Grenze getrieben wurden.

Der international anerkannte Rechtswissenschaftler Professor Friedrich Grimm, der sich um die Erforschung der damaligen Ereignisse intensiv bemüht hat, betont ausdrücklich: »Die Ausweisung, so bitter sie auch für die Betroffenen war, ist damals in humaner Weise durchgeführt worden.«[7]

Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Herrn Zindel Grynszpans Aussagen sind schlicht und einfach Phantasie. U. a. berichtete er z. B., daß er mit seiner Familie in Hannover zum Polizeirevier 11 befohlen wurde. Dort waren »viele Leute«. Sie hätten »irgendetwas« unterschrieben müssen. »Alle haben unterschrieben. Nur einer hat nicht unterschrieben; ich glaube, er hieß Gerschon Silber, und er mußte 24 Stunden in einer Ecke stehen und durfte sich nicht rühren.«

Das hat Vater Grynszpan also gesehen, daß der Herr Silber da in der Ecke stand und sich 24 Stunden lang nicht rühren durfte? - Na ja, so genau natürlich nicht, 24 Stunden später war er ja bereits selbst an der polnischen Grenze. Und überhaupt, er, Zindel Grynszpan, wurde ja gleich nach der Unterschrift unter das ominöse Dokument - das er sich leider nicht so genau angesehen hat, so daß er nicht wüßte, was es gewesen ist - vom Polizeirevier fort zu einer Sammelstelle gebracht.

Aber während seines Aufenthaltes auf dem Polizeirevier, wo die »vielen Leute« waren - nach einer anderen Darstellung mehrere hundert! - da konnte er genau sehen, was jeder einzelne tat oder nicht tat? Und den Namen des ihm bis dahin unbekannten Juden (»ich glaube, er hieß Gerschon Silber«), den hat er sich auch 23 Jahre lang gemerkt?? - -

In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober kam sein Transport an die deutsch-polnische Grenze. »Da kamen Züge aus allen möglichen Orten, aus Leipzig, Köln, Düsseldorf, Essen, Bielefeld, Bremen. Zusammen waren wir ungefähr 12.000 Menschen.«

Ah ja, das ist klar: Herr Zyndel Grynszpan ließ alle Versammelten antreten und durchzählen - oder?

Von 12.000 spricht auch der Bericht Dr. Bests, aber diese 12.000 Juden sind in mehreren Schüben, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten über die polnische Grenze geschleust worden! - Irgendeiner hat Herrn Grynszpan etwas von 12.000 gesagt - oder hat er es gelesen? - und schon stehen sie vor seinem geistigen Auge aufmarschiert an der Grenze, und er, Zindel Grynszpan, mitten unter ihnen.

Armer, alter Mann! Da hat man ihn nach Jerusalem gebracht und ihn zu einer Aussage verführt, die er mit seinem Gewissen sicher nicht vereinbaren kann, denn auch der jüdische Gott verlangt, daß man die Wahrheit sagt, allgemein, im menschlichen Zusammenleben und erst recht vor Gericht.

Hannah Arendt, in Berlin geborene Jüdin, Professor der Philosophie und Soziologie, die für die amerikanische Wochenschrift »The New Yorker« den Eichmann-Prozeß in Jerusalem verfolgte und darüber berichtete, sieht das anders. Für sie konnte es nicht einer der übrigen Zeugen »weder vorher noch nachher... mit der unantastbaren schmucklosen Wahrhaftigkeit des alten Mannes aufnehmen.«[8]

Ja, das haben wir in den letzten Jahrzehnten mühsam lernen müssen, daß der Begriff ›Wahrhaftigkeit‹ nicht überall und immer etwas mit der Wahrheit zu tun hat! Welcher Art mögen dann wohl die Aussagen der anderen Zeugen im Eichmann-Prozeß gewesen sein?

Vater Grynszpan erzählt auch noch, wie es ihm beim Grenzübertritt erging: »Die Polen holten einen polnischen General (!) und einige Offiziere, und die untersuchten unsere Papiere und sahen, daß wir polnische Staatsbürger waren, daß wir Sonderausweise hatten. Sie beschlossen dann, uns hereinzulassen. Wir wurden in ein Dorf von 6.000 Einwohnern gebracht.« - Das »Dorf« hieß Bentschen. »Dann schrieb ich einen Brief nach Frankreich... an meinen Sohn«.

Ein 17jähriger Mörder

Damit wären wir also wieder beim Herschel Feibel Grynszpan, dem Sohn. - Hören wir uns an, was nun eigentlich geschah.

Zunächst die »offizielle« Version. (Wir beziehen uns nachstehend auf die Darstellung in folgenden Werken: Günther Deschner: Reinhard Heydrich; Friedrich Grimm: Politische Justiz; Joe Heydecker/Johannes Leeb: Bilanz der tausend Jahre; Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf; Erich Kern: Adolf Hitler und das Dritte Reich; Gerald Reitlinger: Die Endlösung; Curt Riess: Joseph Goebbels; Kurt Zentner: Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches. Genaue bibliographische Daten s. Anmerkungsteil.)

Aus »Empörung« über das Schicksal seiner Familie geht der 17jährige hin, kauft sich einen Revolver, erscheint damit am 7. November 1938 morgens in der Deutschen Botschaft in Paris und erschießt den dritten Botschaftssekretär Ernst vom Rath. Dieser wird zunächst schwer verwundet ins Krankenhaus gebracht, operiert, erliegt jedoch am Nachmittag des 9. November 1938 seinen Verletzungen.

Der Mörder Grünspan (wie er in der deutschen Presse geschrieben wird) wurde sofort, noch am Tatort, von der französischen Polizei festgenommen und in Paris verhört. Ein Gerichtsverfahren wurde vorbereitet. Die Ermittlungen wurden auf französischer Seite auf drei verschiedenen Ebenen geführt: von der Polizei, vom Untersuchungsrichter und schließlich von den Ärzten (wegen der Jugendlichkeit des Grünspan). Weitere Ermittlungen wurden von den deutschen Behörden angestellt. Der französische Untersuchungsrichter bat die Deutschen um Angaben über das Vorleben und die Familie des Grünspan, der aus Hannover stammte, sowie über die Vorgänge, die zur Ausweisung seiner Eltern geführt hatten. Es kam also eine vierte Untersuchungsreihe zu den drei vorangegangenen hinzu.

Alle diese Vorgänge sind schriftlich festgehalten worden - man sollte also meinen, daß es für Historiker eine Kleinigkeit wäre, die Persönlichkeit des Mörders und seine Tat genau darzustellen. Wie wenig unsere »Zeitgeschichtler« tatsächlich an der Wahrheit interessiert sind, ergibt sich schon in diesem Punkt: die Angaben über Grünspan, seine Familie, den Tathergang, seine Motive differieren und widersprechen sich in fast allen Darstellungen!

Zufall - oder Absicht?

Das sieht dann so aus: Name des Mörders: Herschel Feibel Grynszpan (wie bereits gesagt, in der deutschen Presse mit ›Grünspan‹ phonetisch wiedergegeben); Alter: 17 Jahre. - In diesen beiden Punkten sind sich alle Veröffentlichungen einig. Aber dann geht es los:

Sein Vater war ein Schneidermeister - weiß Höhne (und Deschner)[9]. Nein, nicht doch, ein Schuster berichtet Zentner[10]; ein Flickschuster, erläutert Heydecker/Leeb[11], der noch den Vornamen des Vaters, Sendel, beisteuert.

In den Gerichtsakten in Paris wird der Beruf des Vaters jedoch mit Flickschneider angegeben[12]. Er kam nach dem 1. Weltkrieg zusammen mit seinen drei Brüdern - ebenfalls Flickschneider - aus Polen nach Deutschland und ließ sich in Hannover nieder. - Hier protestiert Frau Arendt, der die Gerichtsakten offensichtlich unbekannt sind: er kam schon 1911 nach Deutschland, und Flickschneider war er auch nicht, ein Lebensmittelgeschäft hat er gehabt!

Seine Brüder gingen nach Essen, Brüssel und Paris. In Deutschland ging es der Familie leidlich. Der Vater war eine Zeitlang ohne Arbeit, erhielt aber - noch nach 1933 (!) - insgesamt mehrere tausend Reichsmark Unterstützung.

Herschel war kein guter Schüler. Frau Arendt sagt von ihm, er sei »ein Psychopath« gewesen, »unfähig, die Schule abzuschließen. «[13] Nicht nur seine Schulzeugnisse, die sämtlich in Paris vorlagen, waren schlecht, auch in der jüdischen Glaubensschule ließ er zu wünschen übrig. Nach Kern[14] hätte er die Rabbinerschule in Frankfurt/M. besucht, doch das ist mit schlechten Schulzeugnissen unwahrscheinlich.

Kern weiß auch zu berichten, daß Herschel Grynspan als fünfzehnjähriger Deutschland verließ. Er ging zunächst zu seinen verschiedenen Verwandten nach Essen, nach Brüssel und schließlich zu seinem Onkel nach Paris. Hier geriet er bald in schlechte Gesellschaft, wurde bei einer Polizeirazzia geschnappt und am 15. August 1938 aus Frankreich ausgewiesen. Jedoch er verließ Frankreich nicht - obwohl sein Onkel ihm sein Haus verbot - sondern tauchte unter, d. h. lebte illegal, ohne Aufenthaltserlaubnis. Er nahm ein Zimmer in einem kleinen Pariser Hotel auf dem »Boulovard de Strasbourg« - eine Querstraße vom Haus seines Onkels entfernt.

Wovon lebte er eigentlich, mittellos, wie er war? Wer bezahlte sein Zimmer, sein Essen? Was tat er den ganzen Tag?

Ungeklärte Tatumstände

Eines Tages erhielt er die Nachricht, daß seine Eltern aus Hannover ausgewiesen und nach Polen zurücküberführt worden waren. So - und wie erhielt er diese Nachricht? Per Postkarte aus Polen von seinem Vater (Heydecker/Leeb); nein, eine Karte von seiner Schwester, meint Grimm; wir erinnern uns, daß Vater Grynszpan selbst behauptete, einen Brief geschrieben zu haben, keine Karte - aber das war 23 Jahre später. Nun, was immer es war, ob Postkarte oder Brief - die Pariser Post scheint Hellseher zu beschäftigen, wo der Herschel doch gar nicht gemeldet war, sondern im Untergrund lebte! Aber die Postzustellung klappte trotzdem? Die Karte traf also am 3. November 1938 bei ihm ein (sagt Kern), und Heydecker/Leeb scheint sie sogar gelesen zu haben: »In bewegten Worten schildert er (der Vater), was sich ereignet hat.«[15]

Am 3. November sitzt Herschel Grynspan also in Paris, ohne Geld, ohne Papiere. Er liest die Postkarte mit den bewegten Worten und fängt an zu grübeln. Er grübelt vier Tage lang. Am Morgen des 5. Tages - es ist inzwischen der 7. November 1938 - weiß er, was er zu tun hat. Er steht früh auf, verläßt seinen Unterschlupf, geht eine Querstraße weiter in die Rue de Faubourg St. Martin in ein Waffengeschäft (so Heydecker/Leeb; Graml kann noch ergänzen, daß der Waffenhändler Carpe heißt)[16], und kauft sich einen Revolver für 250 Francs - eine Kleinigkeit für einen mittellosen jungen Mann, nicht wahr? Und wozu braucht er einen Revolver? Kann er denn schießen? Wo hat er das gelernt? So selbstverständlich waren 1938 solche Kenntnisse nicht für den psychopathischen Sohn eines Flickschneiders. Und das alles morgens um 7.30 Uhr.

Aber war es denn wirklich ein Revolver? Ja, sicher, ein Trommelrevolver, betonen Zentner und Heydecker/ Leeb. Höhne - und mit ihm Deschner - sind sich nicht so sicher, sie reden von ›Pistole‹. Und überhaupt: Waffenhändler? Bei einem Trödler hat er sie gekauft! (Kern).

Im Besitz dieser Waffe marschiert er also weiter, der Herschel Grünspan, zur Deutschen Botschaft in der Rue de Lille (ein Fußmarsch von einer knappen Stunde). Er trifft dort um 8.30 Uhr ein. (Kern findet das zu früh, er läßt Grünspan erst um 9.40 Uhr in der Deutschen Botschaft ankommen.) Es ist kurz vor Dienstbeginn. Der deutsche Botschafter, Graf Welczek, verließ gerade das Grundstück, um seinen Morgenspaziergang zu machen (so Grimm, dem Welczek es erzählt hat; aber Heydecker streitet: er kam zurück von seinem Spaziergang!). Wie auch immer - Graf Welczek befand sich im Hof des Anwesens, als Grünspan eintraf. Er war es, der von Grünspan nach dem deutschen Botschafter gefragt wurde und der den vermeintlichen Bittsteller an den Amtsdiener Nagorka verwies. Graml, von dem die einzige ausführliche Darstellung der »Reichskristallnacht« stammt, wie wir schon sagten, ist dieses kleine Intermezzo entgangen. Er ist der Meinung, Grünspan hätte beim Amtsdiener nach »einem der Legationssekretäre« verlangt[17]. Nagorka führt Grünspan zum Legationssekretär vom Rath. Er ist in dieser frühen Stunde als einziger anwesend und zudem für den Empfang von unangemeldeten Besuchern zuständig.

Und jetzt geschieht ein Mord! Jeder Kriminalschriftsteller weiß, wie er so etwas aufzubauen hat: Alles muß exakt und logisch sein, die Einzelheiten müssen zusammenpassen. Wer wird ermordet? Wo und wann? Wodurch und wie? Leider fühlen sich unsere »Zeitgeschichtsschreiber« solchen literarischen Gesetzen nicht verpflichtet - weder diesen noch der Wahrheit. Hat einer nachgeforscht, wie es wirklich gewesen ist? Jeder behauptet irgend etwas - ob es stimmt, ist zweitrangig.

Grünspan wird also zu vom Rath geführt, zieht seinen Revolver und schießt auf ihn.

(wird fortgesetzt) [Anm. VHO: die Fortsetzungsankündigung wurde im nächsten Heft zurückgenommen, da inzwischen das Buch Feuerzeichen erschienen war.]


Anmerkungen

  1. Der Originalbrief von Dr. Best, sowie der weitere Briefwechsel in dieser Angelegenheit ist vorhanden im Bundesarchiv Koblenz; Fotokopien bei der Verfasserin.
  2. Friedrich Grimm, Politische Justiz, Bonn 1953. Zum Fall Grünspan vgl. die Seiten 117-124. Professor Dr. Friedrich Grimm vertrat im Grünspan-Prozeß in Paris die Angehörigen vom Raths. Er ist daher mit allen Vorgängen aufs beste vertraut.
  3. Eine ausführliche Darstellung der »polnischen Paßkrise« findet sich bei: David L. Hoggan, Der erzwungene Krieg. Ursachen und Urheber des 2. Weltkrieges, 11. Aufl. Tübingen 1977, S. 206-213.
  4. Gerald Reitlinger, Die Endlösung, Berlin 1956, S. 11; zur Reichskristallnacht vgl. die Seiten 10-21.
  5. Heinz Höhne, Der Orden unter dem Totenkopf, München 1967, S. 312; zur Reichskristallnacht vgl. die Seiten 312-317.
  6. Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1965, S. 274.
  7. Grimm, Politische Justiz, S. 122.
  8. Arendt, Eichmann in Jerusalem, S. 275.
  9. Günther Deschner, Reinhard Heydrich. Statthalter der totalen Macht, Eßlingen 1974, S. 169; zur Reichskristallnacht vgl. die Seiten 167-173.
  10. Kurt Zentner, Illustrierte Geschichte des Dritten Reiches, München 1965, S. 514; zur Reichskristallnacht vgl. die Seiten 191, 513-516.
  11. Joe Heydecker/ Johannes Leeb, Bilanz der tausend Jahre. Die Geschichte des III. Reiches im Spiegel des Nürnberger Prozesses, München 1975, S. 210; zur Reichskristallnacht vgl. die Seiten 208-222.
  12. Zu dieser und den folgenden Informationen s. Grimm, Politische Justiz, S. 121.
  13. Arendt, Eichmann in Jerusalem, S. 272.
  14. Erich Kern, Adolf Hitler und das Dritte Reich. Der Staatsmann, Preuß. Oldendorf 1971, S. 322; zur Reichskristallnacht vgl. die Seiten 319-332.
  15. Heydekker/Leeb, Bilanz der tausend Jahre, S. 210.
  16. Hermann Graml, Der 9. November 1938. »Reichskristallnacht«, Bonn, 1958, S. 14.
  17. Graml, Der 9. November 1938, S. 13.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(1) (1981), S. 14-18

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