Anmerkungen zum »Wannseeprotokoll«

Aufdeckung einer Fälschung

Ingrid Weckert


Das sogenannte Wannseeprotokoll erregt noch immer manche Gemüter von Zeitgenossen, die durch den Geschichtsunterricht von Schulen und Universitäten, vor allem aber durch die Medien sich ein in allen Farben der Hölle schillerndes Bild von der deutschen Vergangenheit gemacht haben. Den Wenigsten ist es gegeben, auch dann sachlich zu urteilen, wenn der Anschein scheinbar eindeutig für Tatsachen spricht, die unserem gesunden Menschenverstand eigentlich unglaublich oder zumindest höchst fragwürdig erscheinen müßten.

Das Sitzungsprotokoll der Veranstaltung in Berlin-Wannsee vom 20. Januar 1942 ist für den Historiker vor allem deswegen interessant, weil er damit eines der wenigen Dokumente in der Hand zu haben glaubt, in denen man klare Hinweise für einen geplanten Massenmord an Juden entdecken kann - zumindest dann, wenn man sich zuvor über bestimmte Ausdrücke eine vorgefaßte Meinung gebildet hat und diese - ohne alle Grunde - zu vertreten entschlossen ist.
Auf Text und Inhalt des Wannseeprotokolls soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Ausführlich hat dazu bereits Dr. Wilhelm Stäglich Stellung genommen in seinem Standardwerk Der Auschwitz-Mythos (Tübingen 1979, S. 38-65) und ferner, ergänzend dazu, in Geschichtsbetrachtung als Wagnis (Tübingen 1984, S. 87-92). 
Hier soll den Lesern ein weiteres Dokument vorgestellt werden, das in engem Zusammenhang mit dem Wannseeprotokoll steht, das aber bisher dem öffentlichen Interesse entgangen ist. Es handelt sich um einen Brief von Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, an Staatssekretär Luther im Auswärtigen Amt vom 26. Januar 1942. Dieser Brief ist ein Begleitschreiben zu jenem Wannseeprotokoll, das heißt mit diesem Brief wurde das Protokoll anscheinend über die am 20. 1. 1942 stattgefundene Absprache an Luther gesandt.
Der Text des Schreibens lautet:

Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD 
IV B 4- 1456/41 gRs. (1344) 26. Januar 1942
An den Herrn Unterstaatssekretär Luther im Auswärtigen Amt
Berlin W 8
Wilhelmstr. 74/76

Lieber Parteigenosse Luther! 

Als Anlage übersende ich das Protokoll über die am 20.1. 1942 stattgefundene Absprache. Da nunmehr erfreulicherweise die Grundlinie hinsichtlich der praktischen Durchführung der Endlösung der Judenfrage festgelegt ist und seitens der hieran beteiligten Stellen völlig Übereinstimmung herrscht, darf ich Sie bitten, Ihren Sachbearbeiter zwecks Fertigstellung der vom Reichsmarschall gewünschten Vorlage, in der die organisatorischen, technischen und materiellen Voraussetzungen zur praktischen Inangriffnahme der Lösungsarbeiten aufgezeigt werden sollen, zu den hierfür notwendigen Detailbesprechungen abzustellen. 
Die erste Besprechung dieser Art beabsichtige ich am 6. März 1942, 10.30 Uhr, in Berlin, Kurfürstenstrasse 116, abhalten zu lassen. Ich darf Sie bitten, Ihren Sachbearbeiter zu veranlassen, sich dieserhalb mit meinem zuständigen Referenten, dem SS-Obersturmbannführer Eichmann, ins Benehmen zu setzen. 
Heil Hitler! 

Ihr
<Heydrich>

I Anlage


Über die obere Hälfte des Briefbogens ist handschriftlich ein querlaufender Vermerk eingetragen, der - mit einigen Unsicherheiten - wie folgt lautet: »Pg. Rademacher bitte schriftlich mitzuteilen, daß drei <?> Sachbearbeiter von <??> uns teilnehmen werden.« Signatur, Datum (beides nicht klar zu entziffern). Der Eintrag ist nicht klar zu lesen. Die von mir vorgeschlagene Lesart der beiden Worter »drei« und »von« ist sehr unsicher. Sicher ist jedoch die Pluralform »teilnehmen werden«. Das steht allerdings im Widerspruch zu der Aufforderung im Brief, einen Sachbearbeiter abzustellen.
Der Text des Wannseeprotokolls liegt - wie inzwischen wohl allgemein bekannt ist - in zwei verschiedenen schriftlichen Ausfertigungen vor. Die beiden Ausfertigungen unterscheiden sich zwar nicht inhaltlich, aber vom Schriftbild her. Sie sind eindeutig auf zwei verschiedenen Schreibmaschinen geschrieben worden. Gelegentlich wird diese Tatsache damit erklärt, daß die Vielzahl der notwendigen Exemplare - die erste Seite des Protokolls tragt den Hinweis »30 Ausfertigungen« - den Einsatz einer zweiten Sekretärin notwendig gemacht habe. Das wäre zwar denkbar, dem wird aber durch die Tatsache widersprochen, daß beide Schriftstücke den Vermerk »16. Ausfertigung« tragen. 
Der Begleitbrief an Staatssekretär Luther liegt ebenfalls in zwei verschiedenen Ausfertigungen vor - und dafür gibt es nun wirklich keine vernünftige Erklärung. Warum sollte ein und derselbe Brief an einen Empfänger von zwei verschiedenen Sekretärinnen geschrieben worden sein? Aber damit sind der Seltsamkeiten noch nicht genug. Eine Untersuchung der beiden Exemplare - sie werden hier Version a und Version b genannt - fördert eine Reihe von Dingen zu Tage, die eindeutig beweisen, daß es sich bei beiden Versionen um Fotomontagen und damit um Fälschungen handelt. 
Ebenso wie die beiden Ausfertigungen des Wannseeprotokolls unterscheiden sich die beiden Exemplare des Begleitschreibens vor allem durch die Schrifttypen der benutzten Schreibmaschinen. Version b ist fast eine genaue Kopie von Version a mit nur einem Unterschied: Im zweiten Absatz, zweite Zeile, ist nach der Uhrzeit »10.30« in Version a fälschlicherweise ein Punkt angefügt, obwohl der Satz weitergeht. Bei Version b wurde dieser Punkt durch ein Komma ersetzt, das aber von dem Wort »Uhr« durch einen Zwischenraum getrennt wurde. Dafür wurde dann der Zwischenraum zwischen dem Komma hinter »Berlin« und »Kurfurstenstrasse« ausgelassen. Im übrigen wurde die Zeileneinteilung von a in Version b exakt kopiert. Lediglich der Beginn der ersten Textzeile unter der Anrede wurde bei b im Vergleich zu a einen Anschlag weiter nach rechts angesetzt.
Bei Version a wurden einige Zeilen beziehungsweise Worte im Text handschriftlich unterstrichen. Diese Unterstreichungen tauchen auch bei b auf. Ein Vergleich zeigt jedoch, daß die Unterstreichungen bei b offensichtlich denen von a nachgebildet, aber nicht immer mit dem gleichen Schwung ausgeführt wurden. So ist zum Beispiel im zweiten Absatz das Wort »Besprechung« in a vällig unterstrichen, in b reicht der Strich nur bis unter das »u«. Ähnlich bei der Uhrzeit (eine Zeile darunter) und dem Wort »Eichmann« in der letzten Zeile.
Außerdem wurde in Version a im letzten Abschnitt beim Datum (6. März) die Zahl 6 handschriftlich über eine maschinenschriftliche 5 verbessert. Eine handschriftliche 6 ist auch in Version b zu sehen, allerdings ist darunter keine maschinenschriftliche 5 auszumachen.
Version b erweckt den Eindruck, eine Abschrift von Version a zu sein, wobei man Zeileneinteilung, Unterstreichungen und sogar den Tippfehler (5. März) genauestens kopieren wollte.
Zu welchem Zweck benötigte man eine derartige Kopie? Eine denkbare Antwort wäre: um sie in möglichst viele »Dokumentenbestände« einzufügen und damit ihre Echtheit zu beweisen. Für einen interessierten Zeitgenossen besteht der Zugang zu historischen Texten in der Regel nur über gedruckte Vorlagen und Faksimiledrucke, die Originale vortäuschen sollen. Letztere sind den Büchern jedoch nur in Ausnahmefallen beigegeben. Wenn im Quellennachweis aber ein Dokumentenband genannt werden kann, ist der Leser in der Regel überzeugt, es mit einem echten Dokument zu tun zu haben. Das Vorhandensein eines bestimmten Schreibens in mehreren Dokumentenbanden garantiert erst recht dessen Glaubwürdigkeit. Jeder rechtlich denkende Mensch wird in einem solchen Fall nicht den geringsten Zweifel an der Echtheit dieses Dokumentes haben.
Inhaltlich soll auf den Brief hier nicht weiter eingegangen werden, mit einer Ausnahme: dem Datum.
Das Aktenzeichen tragt die Briefnummer 1456/41, das heißt Brief Nummer 1456 aus dem Jahr 1941. Das stimmt aber nicht mit dem Briefdatum überein, denn das ist der 26. Januar 1942. Jedenfalls wird das Schreiben allgemein so in der Literatur zitiert. Und das wurde auch zum Datum der Wannseekonferenz (20. Januar 1942) passen. 
Erstaunlicherweise ist in dem Eingangsstempel aber deutlich der 2. März 1942 als Eingangsdatum zu lesen, das wurde bedeuten, die Laufzeit des Briefes von der Berliner Dienststelle Heydrichs zum Berliner Auswärtigen Amt hatte über einen Monat betragen. Das ist ja wohl ausgeschlossen.
Es ist müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, welcher Panne diese Diskrepanz der drei Daten (1941, 26. Januar 1942, 2. März 1942) zu verdanken ist. Sicher ist nur: weder die (maschinenschriftliche) Briefnummer, noch das (gestempelte) Eingangsdatum, noch das (handschriftlich eingetragene) Datum des Briefes passen zueinander.
Abgesehen von diesen Ungereimtheiten bieten die beiden Versionen a und b aber noch eine außerordentliche Überraschung: Außer dem eigentlichen Brieftext in Maschinenschrift befinden sich auf dem Briefbogen folgende Eintragungen, die einerseits vom Absender, andererseits vom Empfänger stammen:

Eintragung durch Absender:
1. Gedruckter Kopf des Briefbogens: Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD
2. Stempel: Geheime Reichssache!
3. Handschriftliches Datum des Briefes: 26. Januar 1942
4. Unterschrift: Heydrich (wahrscheinlich Faksimilestempel)

Eintragung durch Empfänger:
5. Eingangsstempel des Auswärtigen Amtes
6. Handschriftlicher Vermerk (III 29.) in diesem Eingangsstempel
7. Datumsstempel (2. Mrz 1942) im Eingangsstempel
8. Handschriftlicher Vermerk, quer über obere Hälfte des Briefes.
Von diesen acht Eintragungen ist lediglich die erste, der gedruckte Briefkopf, ein fixer Punkt, das heißt, dieser Eintrag befindet sich auf allen Briefbogen dieser Dienststelle an genau dem gleichen Platz. Er ist aufgedruckt, und sein Standort auf dem Papier ist daher unveränderlich.
Die übrigen sieben Eintragungen müßten jedoch individuell auf die Briefbogen plaziert worden sein, denn Stempel und handschriftliche Vermerke, besonders auch der Quervermerk, sind einzeln aufgetragen worden. Das heißt: Ihre Anordnung und Lage auf dem Papier können unmöglich millimetergenau mit den gleichen Eintragungen auf einem zweiten Briefbogen übereinstimmen.
Und doch ist genau das der Fall! Der Fixpunkt, von dem man auszugehen hat, ist der gedruckte Briefkopf. Im Verhältnis zu diesem befinden sich die Eintragungen 2-8 auf beiden Briefen an genau den gleichen Stellen. Das ist sehr einfach festzustellen, indem man die beiden Bogen so übereinanderlegt, daß sich der Briefkopf deckt. Dann decken sich auch, millimetergenau, die übrigen genannten Eintragungen.
Nicht deckungsgleich sind dagegen die beiden Brieftexte und das Aktenzeichen. Das Aktenzeichen von Version b ist gegenüber dem von Version a nach links versetzt, der Textblock dagegen nach rechts.
Es ist praktisch völlig unmöglich, daß sich sieben verschiedene, mit der Hand einzeln aufzutragende Vermerke auf zwei Blättern Papier an genau der gleichen Stelle befinden. Die einzige Erklärung für ein solches Phänomen ist, daß es sich um zwei Kopien derselben Vorlage handelt beziehungsweise um die Vorlage und eine Fotokopie.
Da jedoch die Brieftexte im Schriftbild nicht identisch sind, müssen die Briefbogen präpariert worden sein, bevor die Texte geschrieben wurden. Das bedeutet: Auf einem Briefbogen wurden zuerst die oben genannten sieben Eintragungen vorgenommen. Dann wurden von diesem Briefbogen eine oder mehrere Kopien angefertigt. Und auf diese Kopien, auf denen sich also bereits Eingangsstempel, Quervermerk und so weiter befanden, wurde nachträglich der Brieftext geschrieben.
Mit anderen Worten: Das Begleitschreiben zu dem sogenannten Wannseeprotokoll ist eine Fotomontage, und das heißt: eine Fälschung. 
Der Begleitbrief hatte offensichtlich den Zweck, den Text des Wannseeprotokolls zu legitimieren. Alle Vermutungen in bezug auf das sogenannte Protokoll, es könnte sich um eine nachträgliche Dokumentenfälschung handeln, verlieren an Gewicht, wenn ein Brief vom 26. Januar 1942 die Tatsache dieser Sitzung ebenso wie das Vorhandensein eines Besprechungsprotokolls bezeugt. Wenn aber dieser Brief selbst eine Fälschung ist - was kann er dann noch bezeugen? Beweist er damit nicht ganz klar das Gegenteil? Setzt er nicht ein dickeres Fragezeichen hinter das Wannseeprotokoll als alles, was sonst schon dazu gesagt und geschrieben wurde?


Zwei gefälschte Begleitschreiben zum gefälschten »Wannsee-Protokoll«: links aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, Akten Inland II g, Band 177, Blatt 165; rechts: publizierte vom Robert W.M. Kemper, Ankläger im IMT-Prozeß, in: Eichmann und Komplizen, Europa-Verlag, Zürich 1961, S. 150.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 40(1) (1992), S. 32-34

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