Der Blitz

Ein USA-Historiker über den Luftkrieg 1939-1945

Dr. A. R. Wesserle (Milwaukee)

»Als Überlebender eines Massen-Luftangriffs auf meine Heimatstadt Prag« richtete der nordamerikamsche Hochschullehrer Dr. Andreas Roland Wesserle einen offenen Brief an die USA-Fernsehgesellschaft PBS als Erwiderung auf den von dieser ausgestrahlten deutschfeindlichen Hetzfilm »British Blitz«. Der gebürtige Sudetendeutsche, der nach dem Krieg an verschiedenen Universitäten der USA akademische Grade in Soziologie, Politwissenschaft und Stadtplanung erwarb, 1965 Mitglied des Instituts für deutsche Angelegenheiten an der Marquette-Universität wurde und dem Beratungsstab des »Journal for Historical Review« angehört, erinnert einleitend an den von ihm als Jugendlichem miterlebten grauenhaften Luftangriff auf Prag am Palmsonntag 1945, bei dem - unmittelbar vor Kriegsende - noch Tausende unschuldiger Zivilisten von den Alliierten ermordert wurden, und stellt sodann fest:


1. Man kann die Brutalität der angloamerikanischen Bomberoffensive auf der einen Seite nicht mit den minimalen deutsch-italienischen Bemühungen auf der anderen vergleichen. Wie der Befehlshaber der britischen strategischen Luftoffensive, Luftmarschall Sir Arthur Harris, in seinem Buch »Bomber Offensive« (Macmillian, New York) erklärt, wurden 23 deutsche Städte mit mehr als 60% ihrer bebauten Fläche zerstört; 46 weitere wurden zur Hälfte vernichtet. In 31 Gemeinden betrug die dem Erdboden gleich gemachte Bebauungsfläche mehr als 200 Hektar (500 acres): Berlin 2600 ha, Hamburg 2500 ha, Düsseldorf 810 und Köln 807 ha. Zwischen 400 und 800 Hektar (1000-2000 acres) Bebauungsfläche wurden in einem Dutzend weiterer Stadtgebiete vernichtet. Dagegen wiesen die bevorzugten Ziele der Luftwaffe, London, Plymouth und Coventry, Schadensflächen von nur 243, 162 und gerade eben 40 Hektar auf.

2. Angloamerikanische strategische Bomber warfen 1.996.036 Tonnen Bomben auf Westeuropa ab; Deutschland (in seinen Grenzen von 1937) wurde mit 1.350.000 Tonnen bedacht, Österreich und der Balkan mit 180.000, Frankreich mit 590.000, Italien mit 370.000 und verschiedene andere Ziele wie Böhmen, Slowakei und Polen mit 200000 Tonnen. Deutschland dagegen warf nur eine Gesamtmenge von 74.172 Tonnen Bomben auf England ab (einschließlich der V-1- und V-2Raketen sowie unbemannter Flugkörper), also gerade 5 Prozent der Menge, die die Angelsachsen auf Deutschland niedergehen ließen.

Die deutsche Bundesregierung hat eine Mindestzahl von 635.000 bei Luftangriffen getöteten Zivilisten, Luftschutz- und Polizeikräften errechnet (nicht geschätzt). Mehrere zusätzliche tausend Zivilisten wurden in Frankreich, Italien, Rumänien, Ungarn und der CSR getötet.

3. Sowohl Deutschland als auch England begannen seit dem 3. September 1939 mit ihren Luftangriffen auf militärische Ziele zu Lande und zu Wasser. Als jedoch die britischen Angriffe auf Hafenanlagen in Norddeutschland mit einer Katastrophe endeten, als in der Luftschlacht über der Deutschen Bucht die große Mehrzahl der angreifenden Bomber abgeschossen wurde, gingen die Briten zu weniger kostspieligen Nachtangriffen auf zivile Ziele wie Berlin und das Industriegebiet der Ruhr über. Deutschland dagegen erwiderte auf diese Weise erst ein Jahr später in den Winternächten von 1940/41.

Unzweifelhaft britische Beobachter wie der verstorbene Arbeitsminister Crossman, der Wissenschaftler und Schriftsteller C. P. Snow und der Earl of Birkenhead, haben nachgewiesen, daß es England - nicht Deutschland - war, das nach dem Mai 1940 unter seinem neuen Ministerpräsidenten Winston Churchill und dessen wissenschaftlichem Berater Dr. Lindemann die offizielle Politik der unbegrenzten Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung einleitete. Professor Lindemann, der spätere Lord Cherwell, berechnete nüchtern, daß unter dem Einsatz von 10000 schweren Bombern zur Zerstörung der 58 größten Städte ein Drittel der deutschen Bevölkerung ihrer Behausung beraubt würde (»de-housed«). Dabei wurde natürlich vorausgesetzt, daß von diesen 25-27 Millionen obdachlosen Menschen wenigstens zehn Prozent (zwei bis drei Millionen) getötet würden. Allein in dieser Beziehung verdienen Winston Churchill und seine Berater zu den wüstesten Massenmördern der Geschichte gezählt zu werden.

Tatsächlich wurden, wie westdeutsche Aufstellungen zeigen, 131 deutsche Städte von schweren strategischen Luftangriffen betroffen. Nur der Mut der Luftwaffenpiloten, die Wirksamkeit des Luftverteidigungsnetzes und die Stärke der Luftschutz-Organisation bewirken, daß ein Blutbad in dem vom britischen Premierminister vorgesehenen Umfang vermieden wurde.

4. Blutbäder fanden statt, wenn sich die richtigen Umstände dafür ergaben. Als die angloamerikanische Bomberpolitik im Juli 1943 mit einem Luftangriff auf Hamburg, der sich über mehrere Tage und Nächte hinzog, ihren ersten Höhepunkt erreichte, wurden mindestens 40-50000 Zivilisten bei lebendigem Leibe verbrannt. Als die Verteidigungskraft des Reiches in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 und 1945 verbraucht war, schwelgten die Angelsachsen in sogar noch größeren Vernichtungsangriffen gegen Europa. Gemeinden von geringer oder gar keiner militärischen Bedeutung wurden, auch wenn sie schon vorher angegriffen worden waren, jetzt - meist in schrecklichster Weise - pulverisiert. Bevorzugter Anlaß solcher Angriffe waren christliche Feiertage oder besonders wichtige künstlerische Veranstaltungen. Viele der schönsten Städte Europas, ja der Welt wurden systematisch in Trümmer gelegt, oft noch während der letzten Wochen des Krieges, unter ihnen Würzburg, Hildesheim, Darmstadt, Kassel und Nürnberg. Das kleine Pforzheim im Südwesten Deutschlands hatte 19.000 Tote. Dresden, eines der großen Kulturzentren und 1945 Zuflucht für vielleicht eine Million Zivilisten, wurde unter dem Verlust von mindestens 100.000 Menschenleben dezimiert. Europa zitterte von Monte Cassino bis Lübeck und Rostock an der Ostsee, von Caen und Lisieux in Frankreich bis Pilsen, Prag, Brünn, Budapest und Bukarest unter den barbarischen Schlägen der Bomber-Offensive.

Die Vernichtungsangriffe beschränkten sich nicht nur auf Europa. Der Zigarren lutschende General Curtis LeMay bewies, daß Rekordzahlen an Toten auch ohne das Hilfsmittel der Atomwaffen erzielt werden konnten. Unter Anwendung des in Europa Gelernten auf die Holzbauweise der Städte auf dem asiatischen Festland und in Japan entfachte er Feuerstürme, die diejenigen von Hamburg, Pforzheim und Dresden noch übertrafen. Massenangriffe der überschweren B-29-Bomber auf Osaka, Kobe und besonders Tokio erbrachten ein Minimum von jeweils 125 bis 150.000 Toten je Angriff.

Es versteht sich von selbst, daß LeMay und Konsorten ihre Massenvernichtungskampagnen nicht ohne Rückhalt an den obersten politischen Führern des Landes durchführen konnten. Tatsächlich hatte die USA-Regierung bereits seit 1934 die sofortige Entwicklung von viermotorigen überschweren Langstreckenbombern (XB 15, B-17, XB 19, B-24 und B-29) in Auftrag gegeben. So hatte die Regierung Roosevelt schon 1933, dem Jahr ihres Amtsantritts, mit der Ausarbeitung von Plänen für einen offensiven, strategischen Weltkrieg begonnen. Mit Ausnahme nur Englands folgte keine der großen Mächte diesem Beispiel, weder Frankreich, Deutschland und Italien noch die Sowjetunion und Japan mit seinen ausgedehnten Besitzungen im Pazifik.

Dies sind die nüchternen Tatsachen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 30(1) (1982), S. 18f.

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