Gedanken zur Zeitgeschichte

Erfahrungen eines Deutschamerikaners

Professor Dr. Andreas R. Wesserle

Während in Deutschland noch viele Zeitgenossen aus eigener Anschauung die Lügen der Umerziehungspropaganda durchschauen können, sind die Menschen im Ausland oft hoffnungslos den immer wieder anrollenden Wellen des Deutschenhasses aus den Massenmedien ausgeliefert. Besonders in den USA wird von bestimmten Kreisen über das wirkungsvolle Fernsehen den Zuschauern ein völlig verzerrtes Bild von Deutschland und seiner Vergangenheit übermittelt. Ein deutschamerikanischer Politologe nimmt dazu Stellung.


»Quousque tandem Domine?« Herr, wie lange noch schaust du zu, wie die brennendsten Fragen der Deutschlandpolitik verspielt werden: das leibliche und geistige Überleben des deutschen Volkes, seine seelische Größe - zeitlos große ethische Werte - seine weltpolitisch und wirtschaftlich gesicherte Zukunft?

In einer Welt, die im Osten, Westen und Süden vom fanatischen Nationalismus und expansionslüsternen Chauvinismus bis zum Bersten erfüllt ist - und es dergestalt seit 1789 geworden ist -, sollen die Deutschen das einzig schutzlose Volk sein, dem aufgestachelten Haß und Neid seiner Nachbarn und »Bundesgenossen« offen ausgeliefert. 1977 traf der Bonner Korrespondent einer Tiroler Zeitung den Nagel auf den Kopf, als er schrieb, in bezug auf das Feindbild Deutschland seien sich die Ost- und Westmächte einig. Hier gilt der Satz des anglo-irischen Politikers und Philosophen Edmund Burke, aller Langmut hätte einmal sein Ende. Nur eine Politik der nationalen Stärke - und dies bedeutet weit mehr als wirtschaftliche Potenz - wird innen- wie außenpolitisch anerkannt und geachtet. Das ist keine Frage der Pseudomoral, kein Pseudoproblem der »Vergangenheitsbewältigung«, sondern einzig und allein die Forderung der Welt, wie sie ist.

Wer sich einbildet, Deutschland hätte Fehlentscheidungen des Nationalsozialismus abzubüßen, irrt sich völlig. Im Gegenteil ist es unentrinnbar innen- wie auch außenpolitisch in die ost-westliche Doppelrevolution eingeklemmt.

Innenpolitisch erhellt sich die Lage, wenn die Parolen des heutigen deutschen Antinationalismus auf ihre -jahrhundertealten - Wurzeln zurückverfolgt werden. Aus Raumnot zitiere ich kurz die Worte Bruno Tauts, des bekannten links-sozialistischen Städteplaners, aus dem Revolutionsjahr 1918: »Die Begriffe ›Raum‹, ›Heimat‹, ›Stil‹ - hol' sie der Teufel! Zerstört, zerbrecht sie! Nichts darf übrig bleiben! Zerstört eure Hochschulen, speit die alten Pauker aus! … Daß doch unser Nordwind die muffige, abgeschabte, zerfetzte Welt umblase! … « (Aus dem Englischen rückübersetzt.) Ein Gefasel, das stark an die anarcho-sozialistischen Schlagworte der sechziger und siebziger Jahre erinnert und die Tragik von 1918 und von 1969 schlagartig erhellt. Leider stimmt es, daß im Zuge der »Umerziehung« die politische, wirtschaftliche und soziale Lage Deutschlands schon lange vor der Machtergreifung Heinemanns und Brandts total untergraben wurde.

Daß die einstige Heimat der linken Weltrevolution, die Sowjetunion, schon längst wieder zu den Ideen »Raum«, »Heimat« und »slawische Volksseele« zurückgefunden hat, ist schon seit den Tagen der von Stalin inszenierten Schauprozesse offenkundig. Molotow äußerte sich 1945, am Ende des »Vaterländischen Krieges«, jetzt endlich, nach tausendjähriger Abwesenheit (!), liege die Karpathenukraine wieder am Busen Rußlands -dasselbe Gebiet, das wohlgemerkt der Habsburger Monarchie auf lange Zeit die stets kaisertreuen »Tiroler des Ostens« geliefert hat. - Vor wenigen Jahren legte die sowjetische Kriegsmarine im Hafen von Penang, Malaya, einen Kranz nieder, um so den »Jemtschug«, einen Kreuzer des Zaren Nikolaus, zu ehren, der am 28. Oktober 1914 vom berühmten deutschen Kleinen Kreuzer ›Emden‹ dort versenkt wurde.

Das gesunde und ehrbare Gegenstück dieses großrussischen Globalchauvinismus fand 1979 im Weißen Haus statt. Damals gab der bekannte exilrussische Cellist Rostropowitsch dem amerikanischen Präsidenten Carter ein bemerkenswertes Konzert. Zu Ehren des Künstlers und seiner Nation hatten sich auch - man höre und staune - hohe Würdenträger der russisch-orthodoxen Kirche eingefunden. Mir ist nicht bekannt, ob Dietrich FischerDieskau, Hermann Prey oder Brigitte Fassbaender jemals im Weißen Haus gastierten. Sollten sie es getan haben - oder sollte die verpaßte Gelegenheit hoffentlich bald nachgeholt werden -, so können wir sicher sein, daß sich ihrem erlauchten Rund kein geistlicher und kaum ein weltlicher deutscher Repräsentant zugesellt …

Außenpolitisch gesehen, läßt sich die Abneigung der Angelsachsen und besonders ihrer puritano-kalvinistischen Abart gegen Deutschland auf ihren weltpolitischen Ehrgeiz, ihren Erwählungskomplex, zurückleiten. Nicht irgendwelche Maßnahmen Hitlers, sondern das erste und das zweite deutsche Kaiserreich tragen die Schuld. Man sehe nur die Ergüsse der maßlosen und grundlosen Deutschenhetze in den USA vor und nach 1917 durch, um von der Tiefe des Hasses überrascht zu werden - eines Hasses, welcher weder damals noch seither von deutscher Seite erwidert wurde. Im Gegenteil! Doch in den USA ist man allezeit bereit, den Deutschenhaß »inoffiziell« und halboffiziell zu schüren und zu steuern.

Wir dürfen uns fragen: Was hat Deutschland Amerika eigentlich angetan? Betonte doch Fürst Bismarck zum Beispiel wiederholt, so 1874 dem amerikanischen Botschafter Baneroft gegenüber, seine Bereitschaft, »… die besonders freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten zu erhalten« und diese stärker zu kultivieren »… als solche mit irgendeiner Macht auf Erden«. Bismarcks Nachfolger bemühten sich, seinem Beispiel zu folgen. Jedoch ist die Frage falsch gestellt: Nicht, was Deutschland getan, sondern was es unterlassen hat, ist wichtig. Es hat unterlassen, sich dem Wahlspruch »right or wrong my country« mit derselben Konsequenz und Brisanz unterzuordnen, wie die Vereinigten Staaten und die große Mehrheit aller Staaten der Welt es getan haben und es immer noch tun. Friedensouvertüren und Friedensresolutionen zu Kriegszeiten - und die Welt befindet sich seit 1914 ununterbrochen im Krieg - stimmen den Gegner nicht weicher, sondern erbarmungsloser. Offiziell übernahmen die USA die Brandfakel der liberalen Weltrevolution von Frankreich, wie sehr auch abzusehen ist, wie die einmal entfesselte Energie dieser Bewegung sich bald gegen die USA kehren wird oder sich schon gekehrt hat. Vom Standpunkt der amerikanischen Führungsschicht als auch der Massen stellt sich der liberale Weltumbruch als das einzig Wahre und das rein Gute dar. Ein jeder, der sich seiner stark anarchischen Strömung entgegenzustemmen scheint - und sei es der Erzengel Michael -, befeindet das Gute und ist deswegen von Grund auf böse und unrettbar verloren. Das ist der Weltpuritanismus, und das heißt »right or wrong my country«.

Selbstverständlich verbergen die hochtrabenden Sprüche oft wirtschaftliche Hegemonialinteressen und angestauten Konkurrenzhaß. Etwa 1977 rückte in Chikago ein Sprecher der amerikanischen Industrie mit der Wahrheit heraus, als er Öffentlich erklärte, es sei an der Zeit, endlich wieder einmal einen Krieg gegen Deutschland zu entfesseln, da die wirtschaftliche Macht der Bundesrepublik besorgniserregend zugenommen habe. Ein extremer Satz vielleicht - doch einer, dem amerikanische Spitzenpolitiker halboffiziell und »off the record« gerne zustimmen. Wer Ohren hat, der höre!

Ich kann mich aus den fünfziger und sechziger Jahren noch sehr gut erinnern, daß so manches U.S.-Journal und manches Flugblatt die Bundeskanzler Adenauer und Erhard - von Kiesinger ganz zu schweigen - als neonazistische oder erzreaktionäre Kriegsverbrecher abstempelten, die (so in: »The Causes of World War 111«) zusammen mit dem ägyptischen Staatspräsidenten Gamel Abdel Nasser am Ausbruch des bevorstehenden dritten Weltkrieges schuld seien. Chruschtschow und der Kreml wurden von den monopolistischen Steuerleuten der »öffentlichen« Meinung bezeichnenderweise nur selten und am Rande erwähnt. Daß führende Köpfe des New Yorker »Kultur«- und Wirtschaftslebens sich für solchen Wust jahrzehntelang hergaben, spricht Bände.

Man möchte meinen, daß nach der bedingungslosen Kapitulation der Bundesrepublik in den Jahren nach 1969 die Haßkampagne endlich abgeflaut sei. Doch weit gefehlt! Politisch-militärisch-moralische Schwäche lädt nur zur Ausbeutung ein. Allerdings gilt auch hier der englische Satz: »Damned if you do, damned if you don't«; welche Maßnahmen Deutschland auch ergreifen mag, sie sind von vornherein falsch. Als 1977/78 zum Beispiel Bundeskanzler Schmidt sich in Assuan aufhielt, anscheinend zur Unterstützung des Präsidenten Anwar al-Sadat und - wie es sich herausstellte - auch Jimmy Carters, reagierten die drei amerikanischen Fernsehsysteme sofort mit einer bestens abgestimmten Haßkampagne gegen Deutschland. Wie bekannt, lief später eine weitere, weltweit orchestrierte und mit allen Mitteln aufgebauschte Hetzserie über die Bretter, mit dem Erfolg, daß unter amerikanischer Verantwortlichkeit die abhängige Masse der Bevölkerung zu erneuten Haßausbrüchen gegen Deutschland aufgestachelt wurde.

Was vom Wahrheitsgehalt dieser Sendungen zu halten ist, zeigen zwei Beispiele. Das erste lieferte die sogenannte Quiz Show »Family Feud«, wöchentlich fünf- oder sechsmal ausgestrahlt, von einem aus England gebürtigen »Quiz Meister« gestaltet. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als dieser Herr des zutiefst banalen, aber beliebten Quasselprogramms eines Sommerabends 1980 es dem »amerikanischen Volk« dankte, sein Ursprungsland von den Deutschen errettet zu haben. Schließlich, so fuhr er fort, hätte »die Luftwaffe« siebzig britische Städte total eingeäschert - eine Anklage, die er mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger der Klarheit wegen noch einmal wiederholte. Doch die Ungeheuerlichkeit dieser Behauptung wurde bereits von seinem Landsmann, dem Luftmarschall Sir Arthur (»Bomber«) Harris, vollkommen widerlegt. In dessen 1947 erschienenen Buch »Bomber offensive« dokumentiert der frühere britische Bomberoberkommandierende klipp und klar, was die überlebenden Opfer der alliierten Terroroffensive ohnehin wußten: nicht die Deutschen brannten ganze Städte nieder, sondern die Briten griffen siebzig deutsche Städte an (die blutigen Angriffe auf Frankreich, Italien, Rumänien, Böhmen und Mähren, die Slowakei, Ungarn, usw. werden gar nicht erwähnt). Davon wurden 23 Städte zu mehr als 60 Prozent zerstört; 46 Städte wurden mindestens zur Hälfte eingeäschert. Hamburg verlor 6200 Acres (etwa 3000 Hektar); Berlin 6427; Düsseldorf 2003 Acres und Köln - durch Bombenabwurf - 1994. In München, Dresden, Bremen, Duisburg, Essen, Frankfurt am Main, Hannover, Nürnberg, Mannheim-Ludwigshafen und Stuttgart fielen zwischen tausend und zweitausend Acres - und mehrere hunderttausend Menschenleben - der Bombenoffensive zum Opfer. Im Gegensatz dazu hatten die drei Hauptziele der deutschen Luftwaffe: London, Plymouth und Coventry den Verlust von etwa 600, 400 und 100 Acres bebauter Fläche zu beklagen.

Es versteht sich, daß die Wahl eines Polen auf den Stuhl Petri auch Öffentlich mißbraucht wurde. Die umlaufenden und abgedruckten wüsten Geschichten verlauteten unter anderem, Papst Johannes Paul II. hätte sich zur Priesterlaufbahn erst nach dem von den Deutschen verübten Mord an seiner Geliebten entschlossen. Ihn selbst und seine Eltern hätte man in deutschen Konzentrationslagern inhaftiert. Auch wurde behauptet, der Vater des Gewerkschaftsführers Leszek Walesa wäre in einem deutschen KZ gestorben - bis er während des Reagan-Carter-Wahlkampfes 1980 in New York und New Jersey wohlerhalten auftauchte. Alles war reine Erfindung gewesen. Ja, im Gegenteil, diente der Vater des Papstes als Gefreiter in der k.u.k. Österreichischen Armee.

Solche wohlinszenierten Gruselgeschichten häufen sich zu Hunderten, ja Tausenden, und - im Kontrast zu ihren Gegenbeispielen während des Ersten Weltkrieges

- mehren sie sich im Verhältnis zum Ablauf der Jahre geometrisch. Kein Wunder, daß Deutsche verzweifeln.

Einst sagte mir der Direktor eines deutsch-amerikanischen Instituts: »Wir stehen auf verlorenem Posten. « Ein allzu pessimistisches Wort vielleicht: denn auch in den Vereinigten Staaten gibt es eine selbständig denkende Minderheit, welche die offiziellen und halboffiziellen Trugkampagnen durchschaut. Selbstverständlich denkt auch diese ausschließlich in den Kategorien des Nationalismus und kann sich nicht vorstellen, daß ein großes Volk wie das deutsche anderen Interessen als denen der Nation dient.

Kurz gefaßt, gibt es keine Alternative als die der nationalen und geistigen Wiedergeburt Deutschlands, einer starken und maßvollen Renaissance im Bunde gleichgesinnter und gleichrangiger Völker, ein Erstarken, das auch heute noch vom gesundgebliebenen Teil der Nation begrüßt würde. Unsere große Vergangenheit und ihre Mahnmale gebe uns das der Zukunft entsprechende Verantwortungsbewußtsein.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(1) (1987), S. 10ff.

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