Der verschwiegene Völkermord an den Ukrainern

Ein amerikanischer Historiker deckt auf

Helmut Wild

Im vergangenen Jahr - wir wiesen in der »Umschau« in DGG 2/1987, Seite 44, bereits darauf hin - hat der Stanforder Historiker Prof. Dr. Robert Conquest in einem aufsehenerregenden Buch »The Harvest of Sorrow« Stalins Völkermord an den Ukrainern 1932/33 beschrieben. Ein früheres Buch von ihm, das 1970 erschien, war weitgehend unbeachtet geblieben. Nun wurde das Thema auch im westdeutschen Historikerstreit angesprochen und bekommt damit auch für diese Auseinandersetzung besondere Bedeutung.


Das Buch »The Harvest of Sorrow« (1986) hat der kalifornische Historiker, Prof. Robert Conquest, nicht geschrieben, um in den deutschen Historikerstreit einzugreifen. Er wollte nicht relativieren. Er wollte ein lange verdrängtes und fast vergessenes Kapitel aus Stalins Schreckensherrschaft beschreiben.

Im Mittelpunkt des Werkes steht der größte Völkermord unseres Jahrhunderts: der Hungerwinter 1932/33, von Stalin mit der vollen Absicht des Völkermords über die ganze Ukraine verhängt und von seinen bewaffneten bolschewistischen Politkadern vollstreckt. In diesem Hungerwinter sind sieben Millionen Ukrainer unter grausamsten Bedingungen zu Tode gekommen. Über den Höhepunkt dieses Völkermordes sagt Robert Conquest: »Ein Viertel der Landbevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, lag tot oder sterbend umher, der Rest, in unterschiedlichen Phasen der Schwächung, ohne Kraft, ihre Familien oder Nachbarn zu begraben. Gleichzeitig, wie in Belsen, überwachten wohlgenährte Polizeieinheiten und Parteifunktionäre die Opfer. Das war der Höhepunkt der ›Revolution von oben‹, wie Stalin das nannte, mit welcher er und seine Gefolgsleute zwei Elemente vernichteten, die er als unüberzeugbar feindselig gegenüber dem Regime ansah: die Bauernschaft der UdSSR als Ganzes und die Ukrainische Nation.«

Conquest entwickelt die ganze Geschichte und Vorgeschichte dieses Völkermordes, von der Machtergreifung der Bolschewisten bis zur brutalen Exekution. Er zeigt das Wechselbeispiel von Ideologie, ihrer Anpassung an die Gegebenheiten der Machtentfaltung und dieTaten, die daraus resultieren.

Anhaltende Aufstände

Der Widerstand des gesamten ukrainischen Volkes gegen das bolschewistische Moskau führte von Anfang an zu Aufständen und versuchten Befreiungskriegen. Die erste sowjetische Regierung des Jahres 1918 konnte sich nur einige Wochen halten. Von Anbeginn an zeigte die bolschewistische Unterdrückung der Ukraine einen anti-ukrainischen Charakter, den man eigentlich nur mit einer Art »antiukrainischen Rassismus« richtig beschreiben kann. So ließ der erste Tscheka-Chef in Kiew, der Nichtukrainer Latzis, jeden auf offener Straße standrechtlich erschießen, der es wagte, Ukrainisch in der Öffentlichkeit zu sprechen. Dieses mit brutalsten Mitteln durchgesetzte Verbot der ukrainischen Sprache zeichnet die Lage in der Ukraine während der ganzen Folgezeit - bis heute. Perioden extremer Unterdrückung wurden jeweils abgelöst von Zeiten, in denen Zugeständnisse gemacht wurden, um eine gewisse Befriedung zu erreichen. Selbst die Gründung einer eigenständigen ukrainischen kommunistischen Partei wurde nicht gestattet. Jakob Swerdlow (Yakov Sverdlov), Präsident des ersten zentralen Exekutivkomitees in der Sowjetunion, ein getreuer Gefolgsmann Lenins, sagte: »Die Gründung einer eigenständigen, ukrainischen Partei, wie auch immer sie sich nennen würde und welches Programm sie auch übernehmen würde, betrachten wir nicht als wünschenswert.« (S. 45 ff). Der bolschewistischen Führung ging es von Anfang an um die Auslöschung der ukrainischen Nation.

Entsprechend erbittert wurden die Kämpfe gegen dieses Regime geführt. Allein in der kurzen Zeit von April bis Juli 1919 gab es etwa 300 Revolten und bewaffnete Aufstände gegen das verhaßte Regime. (S. 38 ff).

Die dritte und endgültige sowjetische Besetzung der Ukraine wurde im März 1920 vollzogen. Der letzte Widerstand regulärer ukrainischer Einheiten wurde im November 1920 gebrochen.

Im Kampf um die Sprache vertrat einer von Lenins führenden Leuten, Zinoviev (richtiger Name: Apfelbaum), die Auffassung, die ukrainische Sprache müsse auf einige ländliche Gebiete beschränkt bleiben. Aber diese Auffassung wurde schließlich auf dem fünften Parteikongreß vom 17.-20. November 1920 verworfen. Unter anderem setzte sich Skrypnyk (Mitglied des zentralen Exekutivkomitees) für gewisse Zugeständnisse in der Frage der Sprache ein, um eine Befriedung des Landes zu erreichen.

Solche Zugeständnisse waren meist rein taktischer Art. So konnte durch Zugeständnisse im Bereich Sprache und Kultur eine Beruhigung der städtischen Bevölkerung und Intelligenzschichten erreicht werden, um gleichzeitig die Unterdrückung der Bauern zu verstärken. In den Dörfern war es zunächst Ziel der bolschewistischen Politik, die verschiedenen Schichten gegeneinander aufzuhetzen und gegeneinander auszuspielen. So schrieb Sverdlov im Mai 1918 in einer Denkschrift an das Zentrale Exekutivkomitee:

»Wir müssen uns des Problems der Klassenaufspaltung der Dörfer mit allem Ernst annehmen, der Schaffung zweier gegensätzlicher feindlicher Lager, indem wir die ärmsten Schichten der Bevölkerung gegen die Kulaken aufbringen. Nur wenn es uns gelingt, die Dörfer in zwei Lager zu spalten, den gleichen Klassenkrieg in den Dörfern wie in den Städten zu entfachen, nur dann werden wir in den Dörfern das erreichen, was wir in den Städten bereits erreicht haben.« (Sverdlov, Znamyatruda, 16. Mai 1918).

Lenin brachte Taktik und Ziel auf den Kern: »Kleinbürgerliche Eigentümer sind willens, uns, das Proletariat, zu unterstützen, um die Landeigentümer und Kapitalisten zu vertreiben.« Und er fuhr fort: »Danach müssen wir in den entschiedensten, gnadenlosesten Kampf (auch) gegen sie eintreten.« (Lenin 1918, Zitat aus V 1. Lenin, Polnoe sobranie sochineniy, 5. Ausgabe, Moskau 1958-1965; Bd. 36, S. 255, 265). Soweit das Programm der Bolschewisten in ihrem Vorgehen gegen die Landbevölkerung. Jedoch konnte die Solidarität in den Dörfern durch diese Vorgehensweise nicht gebrochen werden. Aber gemäß dieser Theorie wurde der »Kulak« als eine mehr oder weniger mystische Figur geboren: der Kulak als Ausbeuter, gegen den alle anderen Schichten Krieg machen. Die Wirklichkeit ging einen anderen Weg. Die Antikulakenkampagnen waren begleitet von Getreiderequirierungen, und dieser Raub des Getreides führte zu einem unbeugsamen Krieg der Bauern - aller Bauern, ob klein, ob groß - gegen das bolschewistische Terrorregime. Der Bauernkrieg weitete sich aus. In Kronstadt eroberten die Bauernarmeen die Kanonen der Seestreitkräfte. Es waren schließlich diese Kanonen und die Maschinengewehre von Makhno und Antonov, die Lenin zu Zugeständnissen zwangen. Am 15. März 1921 sagte er: »Wir können uns kaum noch behaupten.«

Es folgte die sogenannte NEP-Periode von 19211927. Diese »New Economic Policy« war von Lenin als rein taktische Maßnahme gedacht, um sein Regime zu retten. Während dieser Zeit war den Bauern und den Kleingewerbetreibenden eine kurze Erholungspause gegönnt, die danach durch noch größeren Terror des gefestigten Bolschewistenregimes abgelöst werden sollte.

1927 wurde die NEP-Periode schlagartig beendet. Die bolschewistischen Führer fühlten sich stark genug, gegenüber dem Kleingewerbe und den Bauern

zum Angriff überzugehen. Im Winter 1927/28 eröffnete Stalin den Angriff gegenüber den Bauern mit, der Beschlagnahme von Getreide. Gleichzeitig wurde eine Hetzkampagne gegen die »Kulaken« eingeleitet. Der Begriff »Kulak« ist eine Erfindung des bolschewistischen Regimes.

In Hetzfilmen, unter anderem auch von dem im Westen so hoch gepriesenen Sergej Eisenstein (»Panzerkreuzer Potemkin«), wurde der »Kulak« als Monster dargestellt…. »fett, faul, gefrässig, brutal, eine Kreatur, so gemein, wie sie niemals sonst auf der Erde herumgetrampelt ist.« (Maurice Hindus, ein Freund des Sowjetregimes, über einen Hetzfilm von Sergej Eisenstein, zitiert aus »The Harvest of Sorrow« von R. Conquest, S. 134).

Ein unvorstellbarer, unbeschreiblicher, unmenschlicher Terror gegen die Bauern in der gesamten Sowjetunion setzte ein. Mit besonderer Härte traf dieser Terror die Bauern der Ukraine, denn dort sollten die »fortschrittlichsten Beispiele für sozialistisches Bauerntum« verwirklicht werden.

Je offensichtlicher die Theorie von der Klassenspaltung des Dorfes scheiterte und das Gegenteil geschah: arme und wohlhabende Bauern hielten immer enger zusammen im gemeinsamen Widerstand gegen das verhaßte Regime, desto schärfere Maßnahmen ergriffen die bewaffneten Bolschewisten gegen die unbewaffneten Bauern. Der schwammige Hetzbegriff »Kulak« wurde letztlich so definiert, daß er auf alle Bauern, ob groß, ob klein, anwendbar war. Propagandistisch wurde von jeder Plattform aus, vor allem über die Presse, eine Art Lynchmentalität gegenüber dem »Klassenfeind« in Gang gesetzt. Diese Öffentlich propagierte Lynchmentalität, eine zur Lynchstimmung angeheizte Hetze gegen alles was »rechts« oder mit dem Klassenfeind verbündet war, führte bei den Parteifunktionären zu einem Abbau der Tötungshemmung. Das war die Voraussetzung für die immer massenhafter durchgesetzten »Säuberungen«, die schließlich bis zum Völkermord systematisch ausgedehnt wurden, wobei das Bolschewistenregime die Kontrolle über das Geschehen behielt. Terror des Regimes, Widerstand der Bevölkerung und vermehrter Regimeterror, das war die Spirale der Eskalation. Bauern mit 5 Hektar Land, einer Kuh, einem Pferd, ein paar Hühnern und ein paar Schafen, wurden zu »Kulaken« erklärt und mitsamt ihrer ganzen Familie auf brutalste Weise ausgerottet. Dieser Terror des Regimes wurde von Jahr zu Jahr verschärft, bis schließlich im Hungerwinter 1932/33 die ganze Ukraine von der Außenwelt abgeschottet, in ein riesiges Konzentrationslager verwandelt wurde. Bewaffnete bolschewistische Mörderbanden, selbst wohlgenährt, vernichteten alles, was sie in den Bauernhäusern an irgendwie Eßbarem finden konnten. Ein ganzes Volk wurde dem Hungertod preisgegeben. Diese Hungerhölle wurde mit den grausamsten Mitteln des Terrors gegen wehrlose, einfache Menschen, gegen Männer, Frauen und Kinder vollstreckt. Dieses wahrscheinlich größte Völkermordverbrechen der Weltgeschichte wird bis heute von der Weltöffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen.

Mindestens 7 Millionen Menschen fielen diesem vom Regime an einem Volk vollstreckten Hungertod zum Opfer. Weitere zwei Millionen Ukrainer wurden in der Zeit von 1929 bis 1933 durch Massenerschießungen und Massendeportationen ermordet.

Ich gehöre nicht zu denen, die Habermas um Erlaubnis fragen, bevor ich ein Buch lese. Aber dieses Buch hat auch bei mir den Nachkriegshorizont erschüttert. In vieler Hinsicht. Fragen über Fragen haben sich seither aufgetan. Warum ist dieser Völkermord überhaupt nicht im Öffentlichen Bewußtsein? Wie kann ein solches Ereignis so lange und so gründlich verschwiegen werden? Wer hat ein Interesse an diesem Verschweigen?

Sind denen, die die Auswahl von geschichtlichen Ereignissen treffen und »irgendwie« bestimmen, worüber wir etwas erfahren dürfen und worüber nicht, sieben Millionen ukrainische Bauern nicht des Gedenkens wert?

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der heute in Westdeutschland lebende und im April zum 75. Geburtstag hochgeehrte Lew Kopelew in seinem Buch »Und schuf mir einen Götzen - Lehrjahre eines Kommunisten« (dtv. München 6 1986) beschreibt, wie er persönlich als Kommunist an diesem Morden in der Ukraine teilgenommen hat, wie er Bauern die letzten Nahrungsmittel wegnahm, um, selbst gutgenährt, sie dem Hungertod zu überlassen, wie er so zu einem vielfachen Mörder wurde. Der Verlag schreibt dazu über Kopelew: »Gläubig folgt er der kommunistischen Partei in den brutalen Kampf um die Kollektivierung, in die Hungersnöte und Säuberungen der dreißiger Jahre.«

Kommunistische Massenmörder werden natürlich nicht verfolgt, wenn sie sich »nur« an Ukrainern vergangen haben. Obwohl der jüdische Kopelew, wie der Verlag über ihn schreibt, weiß, »daß die Sowjetunion die finsteren Jahre des Stalinismus bewältigen muß, um die Ideale des Kommunismus in die Tat umzusetzen«, und das auch Öffentlich schreibt, wurde er 1980 mit dem Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, ausgezeichnet, erhielt 1981 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und wurde 1983 mit dem Kulturpreis der deutschen Freimaurer geehrt. In den vielen Presse-, Funk- und Fernsehkommentaren wurde er auch gepriesen als jemand, »der sich seinen Jugendglauben an eine bessere Welt bewahrt hat.« Seine Teilnahme am Völkermord an den Ukrainern wurde höflich verschwiegen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 35(3) (1987), S. 26ff.

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