Stalins Völkermord in der Ukraine

Eine Dokumentation aus Akten des deutschen Auswärtigen Amtes

Helmut Wild

Jahrzehntelang war der sowjetische Völkermord 1932/33 an mehr als sieben Millionen Ukrainern vergessen und verschwiegen. 1986 erreichte der Stanforder Historiker Prof. Robert Conquest mit seinem Buch »The Harvest of Sorrow« erstmalig eine breitere Öffentlichkeit für diese Vorgänge. Nun liegt die erste Auswertung der lange geheim gehaltenen zeitgenössischen Berichte aus den Akten des deutschen Auswärtigen Amtes zu diesen furchtbaren Begebenheiten in der Ukraine vor: ein wichtiger Beitrag zur umfassenden Beurteilung der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts.


Die 285 Dokumentseiten, die von dem in Deutschland lebenden Historiker ukrainischer Abstammung, Dr. Dmytri Zlepko, mit dem Buch »Der ukrainische Hunger-Holocaust«[1] vorgelegt werden, geben dem Leser die Möglichkeit, sich über einen wesentlichen Teil der Geschichte unseres Jahrhunderts unmittelbar aus Quellen zu unterrichten.

Die Quellen sind die mit großer Sorgfalt erarbeiteten Jahresberichte, Halbjahresberichte und Zwischenberichte, die vom deutschen Generalkonsulat in der Ukraine in Charkow und vom deutschen Konsulat in Kiew in den Jahren von 1931 bis 1934 erstellt wurden. Diese Berichte belegen eindrucksvoll die Vorgeschichte, das Geschehen und die Auswirkung des größten Völkermordverbrechens unseres Jahrhunderts: Stalins verschwiegenen Völkermord an 7 bis 10 Millionen ukrainischen Bauern. Ergänzt werden diese Konsulatsberichte noch durch zusätzliche Berichte, die von der deutschen Botschaft in Moskau zum Thema »Hungersterben in der Ukraine« an das Auswärtige Amt in Berlin weitergeleitet wurden.

All diese Berichte wurden unter der Kategorie »Streng geheim« im Archiv des Auswärtigen Amtes fünf Jahrzehnte lang gelagert. Erst seit Anfang der achtziger Jahre, also nach Ablauf der 50jährigen Sperrfrist für Dokumente dieser Geheimhaltungskategorie, sind diese der Forschung zugänglich und können mit Genehmigung des Auswärtigen Amtes in Bonn der Öffentlichkeit vorgelegt werden.

Die Veröffentlichung dieser Dokumente könnte gleich für zwei Historikerstreit-Schauplätze Bedeutung gewinnen. Unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit ist auch in den USA und Kanada ein Historikerstreit ganz besonderer Art entbrannt. Es geht dabei um das im Jahre 1986 im Verlag Oxford University Press erschienene Buch des kalifornischen Historikers Prof. Robert Conquest »The Harvest of Sorrow«.[2]

Dieses Buch erfreut sich inzwischen intensivster Diskriminierung durch jüdische Autoren. Gemeinsam ist diesen gegen Robert Conquest gerichteten Schmähartikeln der Tenor, der Historiker wäre den Phantasien der ukrainischen Einwanderer in den

USA und Kanada aufgesessen. In Wirklichkeit hätte es dieses Ereignis nie gegeben. Es wäre eine reine Erfindung der Exilukrainer in den USA und Kanada. Und außerdem wäre Robert Conquests Buch von der Reagan-Administration gefördert worden, um die Sowjetunion zu diskriminieren. (Das Buch von Robert Conquest scheint übrigens vom amerikanischen Buchhandel boykottiert zu werden. Es gibt bereits Amerikaner, die nach Deutschland Briefe schreiben, um sich Rat zu holen, wie sie an dieses Buch herankommen können.) In dieser Lage kann es für Robert Conquest zu einer bedeutenden Unterstützuung werden, wenn die Europäer sich allmählich daran machen, mit ihren Konsulatsberichten zum Thema »Ukrainischer Hunger-Holocaust« an die Öffentlichkeit zu gehen. Kenner der Materie wissen, daß zu diesem Thema u. a. auch die Italiener brisantes Dokumentmaterial unter Verschluß halten.

Es würde den Völkern Europas auch keineswegs zur Ehre gereichen, wenn eines der ihren, das uralte Gotenvolk der Ukrainer, klaglos im Orkus der Geschichte verschwände. Warum aber in Amerika und Kanada ausgerechnet von jüdischer Seite gegen die Veröffentlichungen über Stalins Völkermord an den Ukrainern Sturm gelaufen wird, bleibt jedem unverständlich, der sich nicht ausführlich mit den historisch belasteten Beziehungen zwischen Juden und Ukrainern befaßt hat.

Aufschluß hierüber mag ein Zitat von Avraham Shifrin geben, der sich als Israeli offen gegen die antiukrainische Hetze stellt, die von einflußreichen jüdischen Kreisen systematsisch betrieben wird. Als Häftling in sowjetischen Konzentrationslagern hatte Avraham Shifrin die Hilfsbereitschaft seiner ukrainischen Mithäftlinge erfahren und aus Dankbarkeit für diese solidarische Hilfe verteidigt er heute Öffentlich die Ukrainer gegen Angriffe. Er hat sich u.a. auch als Zeuge der Verteidigung im Schauprozeß gegen Demjanjuk zur Verfügung gestellt. In einem offenen Brief an Dov Ben-Meir, den Sprecher der Knesset, sagt Avraham Shifrin eine schockierende Wahrheit:

»Wenn Ihre Kenntnisse der Geschichte nicht durch die Zeit von Chelmenitzky blockiert wären, könnten Sie sich daran erinnern, daß unmittelbar vor dem zweiten Weltkrieg 9 Millionen Ukrainer durch die künstlich erzeugte Hungersnot vernichtet wurden, die von dem kommunistischen Regime der UdSSR organisiert wurde. Es ist bekannt, daß der Prozentsatz von Juden unter denen, die diese Politik verwirklicht haben, ungeheuer hoch ist. Wenn man bereit wäre, Ihrer Logik zu folgen, dann müßten wir heutigen Juden insgesamt die Verantwortung für die Verbrechen gegen das ukrainische Volk tragen, die von diesen jüdischen Kommunisten ausgeführt wurden. Aber das verleugnen Sie ganz einfach - jene 9 Millionen kümmern Sie nicht, und Sie fühlen nicht das geringste Bedürfnis, ›um Vergebung wegen ihres Todes zu beten, bis die Knie bluten‹, wie Sie das von den Ukrainern verlangen, ja, Sie verdammen nicht einmal mit einem Wort diese Verbrechen ... «[3]

Von seinem Wissen über den erschreckend hohen Prozentsatz von Juden bei der Durchführung dieses Völkermordes an den Ukrainern nimmt Avraham Shifrin an, es wäre eine allgemein bekannte Tatsache. Hierin jedenfalls täuscht er sich - leider. Der Öffentlichkeit des Nachkriegsdeutschlands sind diese Tatsachen und Zusammenhänge bis heute vollkommen verborgen geblieben. Um so nachhaltiger dürfte das Bekanntwerden dieses Völkermordes den deutschen Historikerstreit beeinflussen. Im Gespräch sagte mir Dr. Zlepko kürzlich, er hätte den Eindruck gewonnen, daß im deutschen Historikerstreit die Ermordung von 15 Millionen Kulaken begrifflich zur »Kulakenverschickung« degeneriert wäre.

Um eines vorweg zu nehmen: die von Dr. Zlepko vorgelegten Konsulatsberichte sind von größter Zurückhaltung in der Frage der jüdischen Beteiligung an diesem Völkermord geprägt. Deutlich ausgesprochen wird aber der Umstand, daß die jüdische Minorität in der Ukraine - um etwa 5% der damaligen Bevölkerung - völlig unbeschadet und ohne jede Verluste über diese Hungerperiode hinwegkam. Erwähnt wird ferner, daß in dieser ausgesprochenen Privilegierung der Juden während der Hungerperiode der Grund für das außerordentliche Anwachsen des Antisemitismus in der Bevölkerung gesehen wird. Auf den beträchtlichen Einfluß der Juden innerhalb der bolschewistischen Parteiführung und in Positionen der Administration finden sich Hinweise lediglich in Form von Andeutungen.

Zu den diplomatischen Umschreibungen, die zweifellos kennzeichnend sind für fast alle diese Berichte, sagt Dr. Zlepko in seiner Einführung, daß »bei näherem Hinsehen wenig von den erschütternden Vorgängen der damaligen Zeit« verborgen bleibt.

In der Tat wird an manchen Stellen auf jede diplomatische Zurückhaltung verzichtet. Etwa, wenn es um die Schilderungen von Kannibalismus geht, als Menschen im Irrsinn des Hungers, den sicheren Tod vor Augen, das Fleisch der bereits Verhungerten verzehrten.

In vieler Hinsicht am meisten erschüttert haben mich die ausführlichen Berichte über den Besuch des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Herriot im August 1933 in der Ukraine. Hier werden schon die Vorbereitungen beschrieben, die von der G.P.U. im Vorfeld dieses Besuches getroffen werden. Perfekte Potemkinsche Dorf-Szenen, bis zum Brottragen durch die Straßen, werden geprobt und vorgeführt. Herriot gewinnt den Eindruck eines prosperierenden Landes, in dem alles im Überfluß verfügbar ist. Gewissermaßen auf dem Gipfel der höchsten Leichenberge, die in unserem Jahrhundert errichtet wurden, rühmt Herriot die außergewöhnlichen Delikatessen, die von der sozialistisch-ukrainischen Küche geboten werden, vergleicht diese mit den delikatesten Hervorbringungen der südfranzösischen Küche und erklärt die Ukraine rundherum zu einem blühenden sozialistischen Paradies.

Mit dieser Veröffentlichung der bisher geheim gehaltenen Berichte der deutschen Konsulate in Charkow und Kiew und der deutschen Botschaft in Moskau über den Völkermord Stalins an mehr als 7 Millionen ukrainischen Bauern in den Jahren 1932/33, macht der Historiker Dr. Zlepko der Öffentlichkeit Materialien zugänglich über Geschehnisse, die unbedingt gesehen werden müssen, wenn wir der Beantwortung der Frage näherkommen wollen, warum das 20. Jahrhundert die Ideologien - und nicht etwa die Waffensysterne - als die wirkungsvollsten Völkermordinstrumente erwiesen hat. Orientieren wir uns an den Fakten. Wenn Ideologien die effektivsten Instrumente sind, um die Tötungshemmung gezielt abzubauen und auszurichten, wenn also ein zielgruppenorientiertes Massenmorden mittels Ideologien beliebig entfesselt werden kann, wenn dem so ist, dann haben wir aus der Geschichte unseres Jahrhunderts nichts, aber auch gar nichts gelernt, solange wir den Völkermord an einem der größten Völker Europas ignorieren.


Anmerkungen

  1. Neuerscheinung: Der ukrainische Hunger-Holocaust. Stalins verschwiegener Völkermord 1932/33 an 7 Millionen ukrainischen Bauern im Spiegel festgehaltener Akten des deutschen Auswärtigen Amtes. Eine Dokumentation, herausgegeben und eingeleitet von Dr. D. Zlepko, Verlag Helmut Wild, Sonnenbühl 1988, 310 S., kat., DM 40.00.
  2. Das Buch von Prof. Robert Conquest »The Harvest of Sorrow« erscheint in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Ernte des Todes« bei Langen Müller, München 1988, DM48,00.
  3. Der ganze Brief, dem dieses Zitat entnommen ist, findet sich ungekürzt in »Der Fall Demjanjuk« von H.P. Rullmann, Verlag HelmutWild, Sonnenbühl 1987, DM 32,00.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(2) (1988), S. 11f.

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