Zur Debatte um Tulle und Oradour

Eine der bestgetarnten Geschichtsfälschungen

Carl-Georg Witte

In den alliierten Vorwürfen gegen die Waffen-SS standen die angeblichen Kriegsverbrechen von Tulle und Oradour an erster Stelle. Durch seine Bücher »Wo ist Kain?« und »Wo ist Abel« hat Herbert Taege die Unhaltbarkeit dieser Vorwürfe nachgewiesen und eine sehr gut getarnte Geschichtsfälschung, die die deutschen Soldaten sehr belastete, aufgedeckt. Um diese Geschichtsfälschung weiterhin zu halten, wurde bei Oradour im Sommer 1986 ein 60 Tonnen schwerer, 6 Meter hoher Stein als Denkmal für die Mörder des SS-Sturmbannführers Kämpfe aufgerichtet. Der Rezensent beleuchtet die Hintergründe der sich bis heute auswirkenden Vorgänge aus dem Sommer 1944.


Die Sieger des Zweiten Weltkrieges wußten, was die des Ersten versäumt hatten: Ein Krieg ist erst gewonnen, wenn die Jugend der Besiegten die Geschichte mit den Augen der Sieger sieht. Deshalb wurden nicht nur die materiellen Ergebnisse der deutschen Niederlage festgeschrieben, sondern es wurde auch die Widerlegung von Vorwürfen gegen die deutsche Kriegführung erschwert. Diese Vorwürfe betrafen die deutsche Vergeltung von alliierten Taten, die - ebenso wie die Partisanenkriegführung - nach damals geltendem Völkerrecht eindeutige Kriegsverbrechen darstellten. Was im Völkerrecht in Jahrhunderten zur abendländischen Ordnung des Krieges gewachsen war, entartete unter dem Einfluß Östlicher Ideologien in wenigen Jahren zur völligen Desorganisation des Krieges.

Die Einheit der Sieger zerbrach nicht erst bei Kriegsende oder durch den kalten Krieg; sie war zu keiner Zeit vorhanden gewesen. Das zeigte sich deutlich an den Widerstandsbewegungen im besetzten Europa. Einig waren sie sich ausschließlich in der Feindschaft gegen das Deutsche Reich. Was nach der deutschen Niederlage kommen sollte, trennte sie zutiefst.

Anders in Frankreich: Auch hier gab es mehrere Partisanenarmeen: die »westlich« ausgerichtete AS (Armée secrète = Geheime Armee) und die für den Kommunismus kämpfenden FTP (Franctireurs et Partisans), diese wieder unterteilt in einheimische und ausländische Kampfgruppen; letztere vor allem rekrutiert aus den Resten der geschlagenen spanischen Republik. Während sich die AS vor allem auf den Tag X, die Landung der Alliierten, ausrichtete, erstrebte der Terror der FTP vorrevolutionäre Zustände, die Lenins Lehre von der Umwandlung der Kriege in Bürgerkriege zu verwirklichen suchten. Verwischt wurden diese Gegensätze durch die Zweigleisigkeit des kommunistischen Kampfes, der nach dem Schieß-Krieg nahtlos in den politisch-parlamentarischen Kampf übergehen sollte. Metzeleien wie bei Tito wurden unter anderen Vorzeichen verübt.

Dokumentarisch bestätigt werden diese Thesen durch Herbert Taeges jahrzehntelange Untersuchungen über Tulle und Oradour in den Büchern »Wo ist Kain? Enthüllungen und Dokumente zum Komplex Tulle und Oradour«, (2. Aufl., Lindhorst, Askania Verlag, 1985) und »Wo ist Abel? Weitere Enthüllungen und Dokumente zum Komplex Tulle und Oradour« (ebendort, 1985).

Taege zeigt die Kontinuität der Klassenkämpfe im Limousin der dreißiger Jahre und des Partisanenkrieges der frühen vierziger. Der erste Band erweckte Zweifel an der gerichtlich festgeschriebenen Wahrheit des in Bordeaux geführten Prozesses und ermutigte Wissensträger, aus dem Dunkel herauszutreten. Ihm begegneten die Interessenten der Desinformacija mit dem Barth-Prozeß in Berlin (Ost) unter Ausnutzung der BRD-Rechtslage, welche Tatbestandsfeststellungen von DDR-Strafurteilen als für die BRD verbindlich erklärt: der zweite Band »Wo ist Abel?« ist die Antwort auf die Ungereimtheiten des DDR-Prozesses.

Weithin verdrängt wird heute die Friedenssehnsucht der Franzosen, die der Kollaboration bis zur Invasion die breite Basis gab. Wer weiß heute noch, daß die Summe der aktiven Kollaborateure, die für ein neues Europa deutsch-französischer Verständigung unter ebenso antikapitalistischen wie antikommunistischen Vorzeichen kämpften, zahlenmäßig die Reichswehr der Weimarer Republik übertraf? Dabei setzten die Kommunisten in ihrem Selbstverständnis die sozialen Auseinandersetzungen der Vorkriegszeit fort, während Antikommunisten wie Marcel Deat nach neuen Formen strebten. Beide Bewegungen versuchten, sich der Besatzung zu bedienen - die Kommunisten, um unter deren Schild ihre Vorstellungen revolutionärer sozialer Ordnungen zu verwirklichen, die Konservativen, indem sie an den überlieferten Nationalismus anknüpften und die Kommunisten durch dessen Aktivierung bekämpften. Der PCE, die kommunistische Partei Frankreichs, spielte und spielt deshalb ebenfalls die »nationale Karte« und verstand es glänzend, ihren eigenen Pazifismus und ihre eigene anfängliche Kollaboration in Vergessenheit geraten zu lassen.

Daraus resultierte die Taktik der südfranzösischen Partisanenkämpfe mit dem Ziel, sowohl die abwartenden als auch die auf deutscher Seite stehenden französischen Massen zum Aufstand gegen die deutsche Besatzung zu bringen. Repressalien der Besatzungsmacht wurden als Mittel zu solchem Zweck geradezu begrüßt, die Anweisungen der Exilregierung zum Abwarten nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern es wurde ihnen regelrecht entgegengehandelt. In allen Fällen aber waren die deutschen Repressalien vom Völkerrecht gedeckt.

In die Vergangenheit verlängert deckt Taege diese Zusammenhänge auf und verdeutlicht sie; es wird erkennbar, daß der Oradour-Mythos von 1944 in den bewaffneten Terrorismus der Gegenwart mündet und dessen Legitimität beweisen soll.

Der Arm der an solchem Ziel interessierten Kräfte reicht dabei weit nach Westen: geographisch gesehen volksfrontartig über den engeren Bereich der »kommunistischen und Arbeiterparteien« hinaus bis in die katholische Publizistik, wie Taeges Auseinandersetzungen mit der Illustrierten »Weltbild« beweisen. Das formale Rechtsverständnis westdeutscher Justiz widerspiegelt ihre Unfähigkeit zur Auseinandersetzung mit dem Östlichen Verständnis von »Recht«, das auf den Nutzen des Rechts für die Durchsetzung konkreter politischer, nämlich kommunistischer Zielsetzungen abstellt. Dabei half die BRD-Justiz mit!

Am Beispiel des mittlerweile verstorbenen, aus der Reichswehr über die Wehrmacht zur Waffen-SS geratenen Kompaniechefs Kahn werden Nutzen und Nachteil der selektiven 131er Versorgung für die Vergangenheitsbewältigung im Westen bewiesen, während das Beispiel des nach dem Krieg zum Kommunismus konvertierten, ehemals aus der Ordnungspolizei zur Waffen-SS gekommenen DDR-Angeklagten Barth angibt, wie die Vergangenheitsbewältigung für die revolutionäre Gestaltung der Zukunft instrumentalisiert werden kann.

Hatte der erste Band »Wo ist Kain?« den Hergang des Geschehens in Tulle und Oradour im Sommer 1944 nachgezeichnet mit Ausblicken auf die Hintergründe, so zeigt der zweite, »Wo ist Abel?«, wie die DDR-forensische Erledigung unter Beteiligung unwissender wie übelwollender Publizisten noch nach 40 Jahren zementiert werden konnte.

Sind die ersten Kapitel des ergänzenden zweiten Bandes der Erhellung der politischen Situation des französischen Widerstandes - hauptsächlich aus amtlichen französischen Quellen geschöpft - gewidmet, so beweisen die folgenden, dem Komplex Tulle gewidmeten Kapitel nicht nur, daß in Tulle nichts ohne Befehl der Wehrmachtsführung geschehen ist, sondern auch, daß die französische Regierung und ihre Organe auf dieser als Abschreckung gedachten Repressalie bestanden haben.

In den Kapiteln, die sich mit dem Komplex Oradour befassen, beweist Taege, wie stets hauptsächlich anhand von französischen Quellen, daß zwar die männlichen Einwohner von Oradour aufgrund nachgewiesener Partisanentätigkeit erschossen worden sind, daß aber weder die Explosion der Kirche noch der Tod der Frauen und Kinder in der Kirche von deutscher Seite veranlaßt wurde, sondern daß dafür Partisanen der FTP verantwortlich waren und sich dazu auch zunehmend bekennen. Hinfort wird niemand mehr die Division »Reich« der Waffen-SS für den grauenvollen Tod von Hunderten von Frauen und Kindern in der Kirche verantwortlich machen können und - geht es gerecht zu - auch nicht dürfen.

Taege geht es nicht um Ehrenrettung zur Abwehr infamer DDR-Angriffe, eher um die Ehre der Sieger; er setzt auf abendländische Traditionen, die für einen Zweck niemals die Mittel heiligen lassen; auf die Unantastbarkeit der Person, die nicht im Kollektiv durch Schuldzuweisungen oder Unschuldsbehauptungen zerstört werden darf. Nicht »die« SS noch »die« Banden, wie ihre Gegner die Partisanen geheißen haben, sind schuldig schlechthin. Es gilt zu verstehen, zu welchen Formen der Gewalt die Kriminalisierung des Krieges und ein totaler Feindbegriff im 20. Jahrhundert geführt haben.

Nur die Wahrheit kann frei machen. Deshalb Taeges Verlangen nach Öffnung aller Archive und damit die Achtung der Opfer auf allen Seiten als Grundlage einer Gerechtigkeit, die noch immer das Fundament menschlichen Zusammenlebens ist. Soll das Recht nicht auf der Strecke bleiben, ist Eile vonnöten.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(1) (1988), S. 5f.

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