Wie echt sind die Protokolle der Weisen von Zion?

Hans Werner Woltersdorf 


Zur Erinnerung: Im Jahre 1897 fand in Basel der erste zionistische Weltkongreß statt. Einziger Punkt der offiziellen Tagesordnung war die Wiedererrichtung des Staates Israel. Allein dieser Punkt lockte Journalisten und Geheimdienste aus aller Welt an. Nach den Tagebuchaufzeichnungen von Theodor Herzl, einem der Organisatoren des Kongresses, sollte es einen offiziellen und inoffiziellen Teil geben. Man vermutet, daß bei diesem inoffiziellen Teil der Text eines zionistischen Manifestes verlesen wurde, der später als die Protokolle der Weisen von Zion bekannt wurde, deswegen so brisant, weil er die geistige und moralische Zerstörung der nichtjüdischen Welt als Vorbedingung zur Erringung der zionistischen Weltherrschalt zum Inhalt hatte.
Angeblich soll der russische Geheimdienst, die Ochrana, in den Besitz einer Abschrift dieses Vortrages gekommen sein und sie nach Rußland gebracht haben. Dort hat sie der russische Geistliche Nilus übersetzt und zunächst in einer Zeitschrift, dann in Buchform veröffentlicht. Erst aber, als der Deutsche Gottfried zur Beek den russischen Text übersetzt hatte und 1919 eine deutsche Ausgabe dieser Geheimnisse der Weisen von Zion veröffendichte, schlug dieses weltweit wie ein Blitz ein. In England zog man gar die Ausweisung aller Juden in Erwägung.
Da gingen die Zionisten zum Gegenangriff über und erklärten die Protokolle als Fälschung zum Zweck der antisemitischen Hetze. In der Londoner Times erläuterte man den Beweis für diese Fälschung: Ein Franzose namens Maurice Joly hat 1865 eine Streitschrift gegen Napoleon III. unter dem Titel Dialogue aux enfers entre Montesquieu et Machiaveli, also einem in der Hölle geführten Dialog zwischen den beiden Philosophen, veröffentlicht. In der Tat sind ganze Passagen der Protokolle in Jolys Buch enthalten. Somit schien bewiesen, daß es sich bei den Protokollen um eine Fälschung, eine antisemitische Hetzschrift gehandelt habe.
Wer war dieser Maurice Joly, der ein so aufregendes Buch schreiben konnte? Er war Jurist, Journalist und Katholik, aber jüdischer Abstammung. Bereits Fleischhauer hat in seinem Gutachten zum »Berner Prozeß« von 1936, bei dem es indirekt um die Echtheit der Protokolle ging, bezweifelt, daß Jolys Schrift tatsächlich nur eine Streitschrift gegen Napoleon III. gewesen sei. Erst nach Fertigstellung seines Gutachtens erhielt er die Abschrift eines Briefes vom 29. Oktober 1921, dessen Absender aber darum bat, seinen Namen nicht zu nennen, da er die Rache der jüdischen Freimaurerei fürchtete. Dieser Brief beinhaltete, daß der längst verstorbene Victor de Ternant während zweier Jahre Sekretär des Jules Janin gewesen sei. Dieser Janin wiederum hat stets behauptet, daß Jolys Dialoge eine Auftragsarbeit gewesen sei, für die Geheimdokumente aus früherer Zeit zugrunde lagen. Janin besorgte die Revision (das Lektorat) des Buches. Auch er war katholisch, aber seine Großeltern waren noch ungetaufte Juden. Auch Jolys Großeltern, so der Brief, lebten noch als Juden in Venedig. Joly habe das Buch im Auftrag einer Schweizer Bank geschrieben, die ihrerseits mit der Frankfurter Rothschildbank liiert war. Diese Bank zahlte an Joly 300 Pfund, wovon der Lektor Janin 100 Pfund erhielt.
Nun muß man einem solchen Brief wegen der Anonymität des Absenders nicht unbedingt eine wesentliche Bedeutung zumessen, wenn da nicht noch ein anderes Dokument existieren wurde. Die englische Zeitung The Spectator veröffentlichte am 10. September 1921, also noch vor dem Datum des ominösen Briefes, einen Leserbrief unter dem Titel »Maurice Joly and the Jews«. Er widersprach darin der Behauptung, daß Joly ein Antisemit gewesen sei, und erläuterte inhaltlich dasselbe, wie in jenem Brief stand, der 15 Jahre später Fleischhauer zugespielt wurde. Unterzeichnet war der Leserbrief mit Andrew de Ternant, dem Sohn jenes Victor de Ternant, der in jenen zwei Jahren Sekretär bei Janin gewesen ist, als dieser das Buch von Joly redigierte. Damit dürfte das ursprüngliche Objekt, welches den Tatbestand der Fälschung beweisen sollte, sich nunmehr umkehren in ein Objekt, welches die Echtheit der umstrittenen Protokolle bestätigt.
Wenn man fragt, was die Familie Rothschild direkt oder indirekt mit diesen Protokollen zu tun habe, sollte man das »Rakowski-Protokoll« lesen. Jener Rakowski war Sowjetfunktionär, Hochgradfreimaurer, Botschafter in London und Paris und ein Freund Trotzkis. Dieser war der von der Wallstreet beauftragte Geldüberbringer und Führer der russischen Revolution von 1917. Seine Frau, die Sedowa, stammte aus der Wallstreetfamilie der Warburgs. Über die Trotzkis war Rakowski eingeweiht in viele Details jener Verschwörer, welche das zionistische Manifest in praktische Politik umsetzten. Bei seiner Vernehmung am 26. Januar 1938 durch den Stalinintimus Kuzmin packte Rakowski einiges aus. Die Rothschilds haben bereits im 18. Jahrhundert jenen Adam Weishaupt finanziert, der die ersten kommunistisch-anarchistischen Thesen entwickelt und den besonders strengen Freimaurerorden der Illuminaten gegründet hat. Dieser wiederum hat mit der französischen Loge »Grand Orient« die Französische Revolution von 1789 inszeniert, die mit ihren Parolen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit markante Züge einer ersten kommunistischen Revolution trug. Rothschild war nach Rakowski der geheime Chef sowohl der kommunistischen wie der kapitalistischen Internationale, zwei Systeme, die auf getrennten, gar einander feindlichen Wegen das gemeinsame Ziel einer (jüdischen) Weltherrschaft anstrebten.
Offensichtlich war Jolys Streitschrift gegen Napoleon III. nur ein Versuchsballon, um die Wirkung des zionistischen Gedankengutes auf die Öffentlichkeit zu testen. Allein die Tatsache, daß sich dieses Programm - heute deutlicher denn je - geradezu fahrplanmäßig erfüllt hat, verhält sich wie ein Architektenplan zum fertiggestellten Bau. Niemand würde angesichts einer solchen Tatsache den Architektenplan als Fälschung behaupten. Ungeklärt bleibt nur, ob und wie die Ochrana an den Text gekommen ist.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 42(3) (1994), S. 24

Zurück zum DGG-Menü