Brunnegger - Fortsetzung und Schluß

Die Schlacht von Luschno - 24. bis 29. September 1941

Die folgenden Tage zeichnen sich dadurch aus, daß der Druck des Feindes unvermindert bleibt und auch bei Nacht anhält. Von der ersten Stunde seiner Offensive sind seine 7 Infanterie-Divisionen massiv von einer Panzer-Division und Kavallerie-Einheiten unterstützt worden. Die unangenehmste Überraschung für uns: seine neuen Massen-Panzer vom Typ T 34. Auch im schwierigen Gelände schnell, stark gepanzert und mit einer hervorragenden Panzerkanone ausgestattet, wird er zu einer enormen Gefahr für unsere eingegrabenen Schützen- und MG-Nester. Was der Sprenggranate und dem hochliegenden MG nicht zum Opfer fällt, wird unter den Panzerketten in Drehbewegungen zermalmt. Unsere 3,7-Winzig-Pak ist machtlos gegen die starke Panzerung, kann mit viel Glück noch gegen die amerikanischen Panzer "General Lee", die drei Stock hoch sind und weniger geländegängig ein gutes Ziel abgeben, erfolgreich sein, wenn sie nicht den beiden Kanonen und dem 12 mm-MG vorher zum Opfer fällt.

Angriffe mit unheimlicher Wucht!

Unsere Linien werden immer dünner, die Abstände der eingegrabenen Schützen- und MG-Nester dadurch immer größer. War es am Vormittag des 25. Septembers noch gelungen, Luschno wieder zu nehmen, so trommelt der Russe schon wenig später erneut mit unheimlicher Wucht auf unsere Stellungen und greift mit Panzer-Unterstützung in Massen an. Wieder das gleiche bittere Spiel wie am Tag zuvor: Sie brechen in hintereinander folgenden Wellen, dicht an dicht, angetrieben von ihren Pistolen-feuernden Kommissaren aus den Wäldern um Lushno hervor. Wieder das gleiche Schlachten wie am Vortag. Unsere schweren Maschinengewehre erfassen die Reihen schon auf große Entfernung und "Mähen" im wahrsten Sinne des Wortes, und die Verteidiger erfahren was es heißt: unsere Feinde "branden" Welle auf Welle an. Die gefallenen Russen werden von den Stürmenden als Deckung und Gewehrauflage benutzt, jene stürmen weiter bis sie ihrerseits als Deckung dienen. Unvorstellbar, dieser Einsatz an Menschen!

Schon wird bei uns der Ruf nach "Sanitäter!" und "Munition" immer häufiger. Die T 34 feuern auf Einzelne im Gelände mit Kanonen, den Muni-Nachschub abschnürend und die Verwundeten-Versorgung behindernd. Unser neuer Bataillonsarzt, Dr. Butzal, versorgt weit vorne die Schwerverwundeten, bis sie bei günstiger Gelegenheit - einem den Feind niederhaltenden Feuerschlag unserer Artillerie oder Erschöpfungspause des Feindes - zurückgebracht werden können. Nervend das, was theoretisch mit "Gefechtslärm" umschrieben wird: Die Donnerschläge der Abschüsse aus schweren Waffen und ihre Einschläge bei uns wie beim Feind, das Heranheulen der Granaten, die unvermittelten Einschläge aus Kanonenrohren - ohne den vorausgehenden warnenden Knall des Abschusses, das aufreibend helle Geknatter aus feindlichen Infanterie-Waffen, das Aufstäuben der zerfetzten Grasnarbe rundum und das wütende "Urrääh" der Angreifenden. Und immer das Beobachten des Horizontes, um nicht von den "Schlachtern" mit Bomben und Raketen überrascht zu werden.

Der große Kampf des Sturmmann Christen!

Fritz Christen

Fritz Christen, als SS-Sturmmann der erste Ritterkrenzträger der Waffen-SS im Mannschaftsdienstgrad.

Vergeblich versucht unsere 3,7 cm-Pak, sich der neuen T 34 zu erwehren. Treffer um Treffer jagt in unsere verzweifelt kämpfenden Geschützbedienungen. Was übrig bleibt, wird zermalmt. Nur die neue 5 cm-Pak, die noch zu gering an Zahl zur Divisionsausrüstung gehört, kann den schweren Sowjet-Panzern noch Widerpart bieten.

Schon gestern, am Tag der Offensiv-Eröffnung hat der Richtschütze, Sturmmann Christen, aus einem Pulk von 15 Panzern, im Nahkampf 6 vernichtet und ein Durchbrechen verhindert. Heute morgen versuchen neuerlich 10 T 34, die begleitenden Infanterie nach vorne zu reißen und die deutsche Abwehrfront aufzuspalten. Im Eisenhagel der feindlichen Infanteriewaffen fällt die ganze Geschützbedienung aus, Sturmmann Christen wird schwer verwundet. Das optische Richtgerät zerstört. Christen öffnet den Verschluß und visiert die Feindpanzer durch das Rohr an und schießt wiederum 7 der Kolosse, zum Teil aus nächster Nähe, ab und zwingt den Rest der Panzer abzudrehen, worauf der Feindangriff zusammenbricht.

Fritz Christen, der einfache Soldat mit Gefreitem-Winkel auf dem Arm, hat mit seiner Bedienung, allein auf sich gestellt, vorne ausgehalten, nachdem die benachbarten MG-Stellungen sich verschossen hatten und zurückgenommen werden mußten. "Die Pak von Dubrowka" geht in die Kriegsgeschichte ein. Christen wird der erste Ritterkreuzträger der Waffen-SS im Manschaftsdienstgrad.

Bis zum 29. September wiederholen sich die Kämpfe!

Verteidigung und Gegenstöße lösen einander ab. Als sechs Tage nach Beginn der Abwehrschlacht die Feindangriffe aus Erschöpfung endgültig zusammenbrechen, liegen tausende Tote auf dem Feld dieses Schlachtens.

In der Dunkelheit bergen wir noch Verwundete, die sich bemerkbar machen können. Unendlich viele sind hilflos verblutet, verdurstet und verschüttet worden. Keiner achtete ihres Schreiens und Stöhnens im Bersten der Granaten und in den Tagen blanker Notwehr gegen einen übermächtigen und gnadenlosen Feind.

In den darauf folgenden Tagen beunruhigten wir den stark geschwächten Feind ständig durch Späh- und Stoßtrupps, versuchen seine Verteidigungsanlagen festzustellen und bergen unsere Toten aus dem Bereich feindlicher Waffenwirkung. In Gorschkowici, Kraseja und anderen Orten liegen die Toten in Massen unbestattet. Immer wieder kommen nach Beendigung der Schlacht neue Gefallene dazu. Der Regen hat sie von bedeckender Erde freigewaschen. Allenthalben kommen Stiefel, Köpfe oder Arme zum Vorschein und zeigen erneut die Lage eines Verschütteten.

Traurige Arbeit!

Heute hab ich meinen Botanik-Professor nach Gorschkowici zu fahren, zum alten Bataillions-Gefechtsstand. Vor der benachbarten Hütte legen Pioniere eine der vielen behelfsmäßigen Grabstätten an, weil dort die Erde sehr locker ist. Schon stehen unsere Grabzeichen aus den weißen Birkenstämmchen in Reih und Glied nebeneinander. Ich habe auf Ustuf. Grütte zu warten und helfe in dieser Zeit den Pionieren bei ihrer traurigen Arbeit. Manche meiner jungen Kameraden sind fürchterlich von der Gewalt der Granaten verstümmelt, bei anderen wiederum ist die Todeswunde barmherzig unter der braungefleckten Tarnjacke verborgen. Grau sind alle ihre Gesichter und die freiliegenden Teile ihrer geschundenen Körper, grau die Uniformen, grau die verdreckten Stiefel, soweit sie ihnen nicht von den Füßen gerissen worden waren.

Der letzte Tote ist völlig unkenntlich. Sein blondes Haar ist schwarz von Blut verkrustet. Das halbe Gesicht, eine Schulter und ein Arm fehlen. Wir wälzen den Toten sorgsam, als wäre er noch am Leben, in eine zerschlissene Zeltbahn, ehe wir ihn in das feuchte Grab hinunter lassen. Rasch schaufeln wir es zu, um diese niederdrückende Arbeit beenden zu können. Ein Pionier reicht mir das vorbereitete Grabzeichen. Es wäre für einen von der 12. Kompanie. Mit der Breitseite der Kreuzhacke treibe ich es in die lockere Erde. Erst vor dem fertigen Grab stehend, lese ich die Inschrift auf der Tafel: Siegfried Papenfuß, 12. SS-T. I. R. 3, gefallen 25. 9. 1941. Ich habe soeben unseren Freund und Kameraden unter die Erde gebracht. Am 1. August Bfiff, jetzt Buwi. Unser Frankreich-Kleeblatt zerfällt. Wer wird als nächstes dran sein? Mick? Ich? Drei Monate sind wir im Rußland-Einsatz. Die Division ist bis auf die Hälfte der ursprünglichen Kampfkraft zusammengeschmolzen. Jeder tote Kamerad hinterläßt für die Überlebenden eine nicht mehr zu schließende Lücke. Wohl werden die Kompanien "nach Liste" bei dem nächsten aus der Heimat kommenden Nachersatz wieder aufgefüllt oder wird aus zwei Einheiten eine gemacht, doch der Verlust bleibt für die, die überleben, bestehen. Zurück bleibt das Erinnern an Kameraden, nicht anders als wäre ein Familienmitglied aus der Gemeinschaft gerissen worden. Die eigene Angst vor einem ungewissen Sterben schwingt zwar ungesprochen und nur am Rande, aber dennoch deutlich mit.

Schon bald oder später werden auch wir den gleichen Weg gehen. Wann? Wann?

Noch im Rauschen des Regens im Morast des Sumpfwaldes oder im klirrenden Frost des nahenden Winters oder später unter glühender Steppensonne?

Werden wir verlöschen in einem einzigen Hauch unter dem Willen eines Mächtigen oder werden wir verrecken, langsam und hilflos im Auftrag desselben?

Wo ist Gott?

Was ist Gott?

Was ist der Mensch im Schicksal einer solchen Welt?


Quelle: Der Freiwillige 43(11) (1997), S. 10f.

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