"Auschwitz und die Alliierten"

Von Dr. Alfred Schickel

Unter dieser Überschrift erhoben vor Jahren westliche Publizisten und Historiker schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der Roosevelt-Regierung, 1944 nicht die Zugangswege zu den berüchtigten Lagern von Auschwitz und Birkenau bombardiert und damit weitere Deportationen unmöglich gemacht zu haben. Anlaß der Kritik war die Freigabe von Luftaufnahmen, welche amerikanische Aufklärer im Jahr 1944 von den Lagern und ihrer Umgebung gemacht und damit genaue Kenntnis von ihrer Existenz gewonnen hatten. Vorher war bereits durch zwei geflohene Auschwitz-Häftlinge ein umfangreicher Bericht (Major Report) über die schrecklichen Zustände in diesen Lagern nach Washington gelangt und hatte den "Regierungsbeauftragten für Kriegsflüchtlinge, John W. Pehle, veranlaßt, das amerikanische Kriegsministerium um Bombardierung der Verkehrsverbindungen zu den "extermination camps of Auschwitz and Birkenau" zu ersuchen, damit nicht weiterhin Menschen dorthin verbracht und ermordet werden könnten.

Die amerikanische Militärführung lehnte jedoch den geforderten Luftangriff ab. In einem Schreiben des zuständigen "Assistant Secretary', John McCloy, des späteren amerikanischen "Hochkommissars für Deutschland", vom 18. November 1944 begründete das Kriegsmisterium seine Weigerung, die Lager Auschwitz und Birkenau zu bombardieren. Als ausschlaggebend für die Ablehnung gab McCloy an, daß "das Ziel außerhalb der größten Reichweite für Sturzkampfflieger und Schlach~flugzeuge" liege, "die Verwendung von schweren Bombern einen risikoreichen Rundflug ohne Jagdschutz von annähernd 2000 Meilen über feindliches Gebiet erforderte" und die erforderlichen Maschinen gegen andere Ziele benötigt würden. Die beste und schnellste Hilfe für die Häftlinge sei aber der baldige Sieg über Deutschland, "worauf die gesamten Kräfte gerichtet werden sollten"

Diese Weigerung des Kriegsministeriums führte dann zusammen mit der Veröffentlichung der Luftaufnahmen von Auschwitz zu den eingangs erwähnten Vorwürfen gegen die damalige amerikanischen Militärführung.
Mitarbeiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) stießen nunmehr bei ihren jüngsten Archivarbeiten in den USA auf Dokumente, welche die erhobenen Vorwürfe als voreilig und nicht ganz gerechtfertigt erscheinen lassen; vielmehr bezeugen sie weitgehend ungewürdigte Aktivitäten der amerikanischen Regierung zugunsten der Konzentrationslagerhäftlinge. So fanden sie in der "Franklin D. Roosevelt-Library" in Hyde Park/Staat New York vertrauliche Berichte der amerikanischen Gesandtschaften in Dublin und Bern, welche von mittelbaren Kontakten mit der deutschen Reichsregierung melden. Über diese wurden die Berliner Verantwortlichen für die Konzentrationslager zu der Versicherung veranlaßt, die Häftlinge vor der Befreiung ihrer Lager durch die alliierten Truppen nicht zu töten, sondern in das Innere des Reiches zu verlegen. Das betätigt beispielsweise ein am 20. Januar 1945 im US-Außenministerium eingegangenes Telegramm aus Bern. In ihm informierte der amerikanische Geschäftsträger in der Schweiz, Huddle, seinen Außenminister über das Ergebnis der laufenden Bemühungen um die Rettung der Häftlinge in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Birkenau. Eine von polnischen Exil-Kreisen in London Anfang Oktober 1944 verbreitete Vermutung, die Deutschen würden vor ihrem Rückzug aus Polen "die lnsassen von Auschwitz und Birkenau vernichten", hatte die US-Regierung beunruhigt und zu entsprechenden Aktivitäten bewogen.
Hintergrund für die polnischen Besorgnisse schien die gemeldete Deportation von Überlebenden des nationalpolnischen Warschauer Aufstandes in Konzentrationslager gewesen zu sein, traute doch beispielsweise der damals amtierende polnische Ministerpräsident S. Mikolajczyk dem deutschen Feind jedes Verbrechen zu und nannte ihn in einer Ansprache an die Polen in der Heimat am 1. September 1944 nur das "Untier" In dieser Einschätzung schenkte man leichter Berichten Glauben, die davon wissen wollten, "daß allgemeine Befehle an die SS, welche die jüdischen Lager kontrolliert, hinausgegangen" seien, "alle Internierten zu töten, die angesichts des alliierten Vormarsches nicht evakuiert werden" könnten.
Auf der Suche nach dem Wahrheitsgehalt dieser umlaufenden Nachrichten stießen die amerikanischen Rechercheure Ende Dezember 1944 auf "zwei intelligente jüdische Frauen « (»two intelligent Jewish women"), die damals in die Schweiz gelangt waren, "nachdem sie drei Monate von August bis Oktober 1944 in Auschwitz zugebracht hatten, wohin sie im Juli von Drancy deportiert worden waren " Ihren Berichten entnahmen sie, »daß die Nazis die Vernichtung von Juden als allgemeine Politik aufgegeben haben", zumindest die Ausrottung "von solchen, die arbeitsfähig sind" Alte Menschen und Kinder erschienen ihnen jedoch immer noch in Lebensgefahr, da sie als Arbeitskräfte kaum in Frage kamen und von den Nazis als "nutzlose Esser" angesehen werden konnten. Um ihr Leben mußte man sich in Washington weiterhin Sorge machen. Erst die Mitteilung der erwähnten "Frauen aus Auschwitz, daß umfangreiche Transporte von je drei bis sechstausend Seelen mit jüdischen Frauen von Auschwitz nach Deutschland zur Arbeit« durchgeführt worden seien, befreite das amerikanische Kriegsministerium von der Last einer erneuten Entscheidung über mögliche Bombereinsätze gegen Auschwitz und Birkenau.

Von denselben jüdischen Frauen erfuhr Huddle zusätzlich noch, daß diese »zusammen mit rund 200 ungarischen und 300 französischen und holländischen jüdischen Frauen am 31. Oktober in ein Arbeitslager bei Kratzau im Sudetenand« verlegt und damit dem "KZ-Stammlager" Groß-Rosen zugewiesen worden seien. Nach denselben Gewährsleuten war Ende September 1944 bereits "eine Gruppe von 3.500 ungarischen und slowakischen jüdischen Frauen von Auschwitz nach Bergen Belsen" verbracht worden, was Huddle in seinem Gesandtschaftstelegramm als einen "weiteren bruchstückhaften Nachweis für die Bewegung von jüdischen Deportierten zur Arbeit hinein nach Deutschland " wertete.

John McCloy und die Militärs im amerikanischen Kriegsministerium dürften auch mit einer gewissen Erleichterung die Meldung Huddles aufgenommen haben, nach welcher die beiden jüdischen Frauen aus dem Lager Auschwitz nichts von "wahllosen Erschießungen von Internierten" berichteten, sondern sogar von einer Besserung der allgemeinen Lagerbedingungen erzählten.

Die gleichbleibend hohe Todesrate in den Arbeitslagern erklärten die jüdischen Frauen mit "Unterernährung, unhygienische Verhältnissen und insbesondere mit dem Mangel an ausreichender Kleidung"

Wie die von Mitarbeitern der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt in den Washingtoner "National Archives" aufgefundenen "Zugangsbücher" der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau dokumentieren und von überlebenden Auschwitz-Häftlingen bestätigt wird,: wurden tatsächlich ab Sommer 1944 Tausende von KZ-Gefangenen aus Auschwitz und Ungarn (Budapest) in Lager innerhalb des Reiches und des "Protektorates Böhmen und Mähren" verlegt und konnten dort großenteils im Frühjahr 1945 von den alliierten Truppen befreit werden Freilich sind nach Ausweis dieser "Zugangsbücher" auch viele Häftlinge infolge der unmenschlichen Transportbedingungen unterwegs gestorben und wurden bei ihrer Ankunft im Bestimmungslager nur noch als "Unbekannte Tote" registriert.

Noch schlimmer erging es jenen Häftlingen, die zu Fuß aus den frontnahen Lagern nach Westen in Marsch gesetzt wurden und aus Entkräftung die Strapazen nicht überstanden. Sie brachen am Wegesrand tot zusammen oder endeten nach einem Schwächeanfall vor den Gewehrläufen der Bewacher, Todesmärsche, von denen man in Washington erst nach Kriegsende erfuhr und die man den Deutschen nicht zugetraut hatte; vielmehr ging man im amerikanischen Kriegsministerium davon aus, daß die übermittelten Berichte der jüdischen Frauen aus Auschwitz auch für die Häftlingstransporte zuträfen und sich damit Luftangriffe auf die Lager erübrigten. Dies um so mehr, als man im "War Department" den Abtransport der Häftlinge nicht durch Bombardierungen gefährden und eine schlußendliche Liquidierung der Lager-Insassen, wie sie die polnische Exil-Regierung befürchtete, nicht riskieren wollte. Nicht ausgeschlossen, daß bei erfolgten Luftangriffen der Alliierten auch Oskar Schindler "seine Juden" nicht hätte nach Mähren in Sicherheit bringen können.


Quelle: Mensch und Maß, 35. Jahr, Folge 17, 9.9.1995, S. 769-784


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