Hans Casanova


Das Inferno und das Infernalische

"Lübeck - Das Inferno" knallte am Freitag, dem 19 Januar 1996, die Kölner Boulevardzeitung Express auf das Titelblatt. Dem dazugehörigen Foto hatte man soviel Platz eingeräumt, daß man auf halbnackte Blickfange verzichtete. Dafür wurde gefragt: "War es wieder ein feiger Mordanschlag von Rechtsradikalen?" und gleich verkündet, daß drei jugendliche (17/22/26jahre) festgenommen worden seien. Einer ein Shinhead, trompetete "ein Polizeisprecher" so (Express) los.

Eine Pilgerfahrt aller möglichen und unmöglichen Personen und Gruppen zu diesem höllischen Ort setzte ein. Die Wogen der Empörung schlugen hoch, der Abscheu spritzte noch höher.

Bundespräsident Roman Herzog drohte, die Geduld zu verlieren. Um Hausdurchsuchungen vorzubeugen, soll hier gleich hinzugefügt werden, daß es ihm nicht an Beherrschung fehlte. So hat er sie z.B. auch bei der organisierten Kriminalität noch nie verloren, auch nicht bei Obdachlosigkeit und Wohnungsnot. Und bei dem Soldaten-Mörder-Urteil ist er erst aus der Deckung gekommen, als andere Politiker ihren Kommentar schon abgegeben hatten - geschweige daß ihm der Kragen geplatzt wäre bei Überfällen von nicht-deutschen auf deutsche Mitbürger. Er hat also das Zeug zum Staatsmann.

Die Medien stürzten sich wie wollüstig auf die Toten und versuchten, ihr Publikum - Leser, Hörer, Zuschauer - zu trimmen, gegen "Ausländerhaß und Fremdenfeindlichkeit" zu maschieren. Denn wer könnte es anders gewesen sein als Hitlers Enkel. Das wußte man, Beweise dafür würde man schon noch finden. Auch die ausländischen Medien fielen überwiegend in dieses Geheul ein. Nur wenige, wie die dänische Fernsehreporterin vor Ort, gaben zu, daß sie sich eines unguten Gefiihls nicht erwehren konnten: "Das interessanteste war die spontane Selbstbeschuldigung der Deutschen, noch bevor die Brandursache geklärt war. Das wäre in keinem anderen Staat möglich." (Die Welt, 26.1.1996/Leserbriefe).

Die Flammen des Selbsthasses waren erneut entfacht worden und drohten zu einer Feuersbrunst zu werden, in der hoffentlich die Rechtsradikalen verbrennen würden. Dann würde man selber hineinspringen. Entweder würde man durch die Flammen gereinigt werden oder selber zu Asche werden, was für die Angehörigen eines solchen Verbrechervolkes nur gerecht wäre. Hochschulhiwis des deutschen Selbsthasses beschimpften sogar den Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, als "Anwalt der Mörder", weil er davor warnte, vorschnell vermeintliche Täter zu verurteilen, und zeigten ihm damit seine Grenzen (Junge Freiheit, 26.1.1996).

Dann wurden die drei Festgenommenen wieder freigelas- sen. Sie hatten ein Alibi.

Am Samstag, den 20.Januar 1996, war bei Express die Berichterstattung auf Seite 2 und 3 zurückgefallen. Sicherheitshalber hielt man die Suppe mit entsprechenden Schmierereien und einer rechten Szene im Heimatort der Freigelassenen am Köcheln. Auch wurden vergangene Brände aufgelistet, um die Gefährlichkeit der Rechten hervorzuheben, auch wenn sie es diesmal nicht gewesen seien. Die neue Losung ließ sich schon ahnen.

Jochen Kummer, ein einsamer Rufer in der Welt am Sonntag, hatte am 21.1.1996 gewarnt: "Dem demokratischen Rechtsstaat muß die Kraft zugetraut werden, ohne Druck von oben und von der Straße den Fall aufzuklären. Sonst verdient er seinen Namen nicht"

Die neue Medienmarschrichtung gab in der Bild am Sonntag vom selben Tag aber Hermann Lutz, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei bekannt: "Wichtiger jedoch ist die gemeinsame kollektive Ächtung jeder Art von Rechtsextremismus in Deutschland". Und "Der Rechtsextremismus ist immer noch eine große Gefahr - unabhängig vom Ergebnis der Untersuchung in Lübeck". Dieser Praktiker schlug vor, Notrufknöpfe anzubringen. Es war sein Ernst, trotz der angehenden Karnevalzeit über Fehlalarme scheint er sich keine Gedanken gemacht zu haben. Er muß ja dann auch nicht bei Wind und Wetter raus, nur der kleine Feuerwehrmann und Polizeibeamte ist dazu verpflichtet. Grüne fordern Asylheime aufzulösen und die Betreffenden in normalen Wohnungen unterzubringen. Sind denn auf einmal welche da? Auf alle Fälle würde das noch weniger Wohnungen für deutsche Wohnungssuchende bedeuten. Bestimmt eine Möglichkeit, Fremdenfreundlichkeit zu fördern.

Sänger Peter Maffay meinte, daß viele "nicht die Flexibilität, Nachbarschaft und Lebensgewohnheiten der Asylbewerber zu tolerieren" besäßen. Uns fehle "die Tradition eines Vielvölkerstaates". (Die Woche, 26.1.1996). Nur der Lübecker Bürgermeister übertrieb, indem er bei Nichtbewegung des Gesetzgebers zivilen Ungehorsam in Betracht zog, um Asylbewerbern zu helfen. jetzt wird geprüft, ob disziplinarrechtliche Schritte eingeleitet werden (Die Welt, am 26.1.1996).

Wichtiger als diese Narreteien sind die mehr oder minder versteckten Hinweise, daß von dem Grundsatz, der Kläger müsse Nachweise für seine Beschuldigungen bringen, mehr und mehr abgegangen werden kann. In der "Jungen Freiheit" wurde es in der Kolumne "Pankraz, die deutschen Proletenjungen und der Tag vom Lübeck" hervorragend auf den Punkt gebracht. (26.1.1996).

Der alte Bundespräsident versuchte den neuen noch zu übertrumpfen. "Die Deutschen dürfen sich nicht entlastet fühlen, nur weil möglicherweise der Angehörige eines anderen Volkes der Brandstifter war", sagte Richard von Weizsäcker im ZDF. "Daß es diesmal vielleicht anders kam, ist kein Grund zum Abwiegeln; denn gemessen an seit Jahren gewachsenen Fremdenfeindlichkeiten war die Tat durchaus Rassisten im eigenen Land zuzutrauen." (Express, 20.1. 1996).

Skin Heads, Brand in der Nacht zum Reichsgründungstag, zehn tote Asylbewerber - das wären die Zutaten zu dem journalistischen Jahreshit geworden, der bis zu den Wahlen hätte ausgewalzt und breitgetreten werden können; auch Angriffe der Medien - und sonstige Maßnahmen - des Staates - gegen andere Gruppen, Organisationen, Zeitungen und Personen ("geistige Brandstifter") wären damit wunderbar zu rechtfertigen gewesen.

War es nun ein Regiefehler, daß die Alibis der Jungs ausgerechnet von Polizisten gestützt werden, und waren die Schuldvermutungen gegen den nachfolgenden libanesischen Tatverdächtigen eine, mit der heißen Nadel genähte, nicht ganz passende Flickschusterei? Bei dem Sippenzusammenhalt der Levantevölker ist es sehr schwer vorstellbar, daß ein Angehöriger seine Familie auf diese Weise in Gefahr bringt. Und neue Tatverdächtige tauchen nicht auf. Die Süddeutsche hatte am 15. September 1995 den Hamburger VS-Chef Ernst Uhrlau zitiert, der in Hamburg sagte, "das konsequente Vorgehen der staatlichen Behörden gegen die Rechtsextremisten habe deren legale Aktionsmöglichkeiten zwar weitgehend lahmgelegt und damit das gesamte rechtsextremistische Lager in seine schwierigste Situation seit Jahren gebracht, die Verbotsmaßnahmen seien aber auch Anstoß für den Übergang zu konspirativen und illegalen Handlungsformen und für eine zunehmend aggressive Stimmung, die sich gewaltsam entladen könne".

War das Lübecker Infemo die Panne einer Provokation zur Beeinträchtigung der legalen politischen Arbeit bei Rechten, bis ein Teil mit der Meinung "hat doch sowieso keinen Zweck" resigniert und in die politische Untätigkeit abtaucht, und der andere Teil, der meint den Druck nicht mehr aushalten zu können, explodiert und sich in gewaltsamen Aktionen Luft schafft? Dann wäre er kriminalisiert und könnte von der politischen Bühne abserviert werden.

"Ihr habt gewollt, daß ich als Pistolen-Paule durch die Gegend laufe", sagte vor einiger Zeit ein Aktivist des flämischen Volkstumskampfes, den man in der Vergangenheit schwer gebeutelt hatte, zu einem Angehörigen der politischen Polizei (PoPo), "dann hättet ihr es einfach gehabt. Ich wäre als Krimineller in den Knast gewandert. Ich habe euch diesen Gefallen nicht getan, war stark genug, diesen Druck auszuhalten und gut genug, mich nach oben zu arbeiten. Jetzt ist die Ausgangssituation da, die ich immer erhofft habe".

Es muß versucht werden, eine solche Ausgangssituation auch in Deutschland zu schaffen. Jeder muß auf seinem Platz nach seinen Möglichkeiten das tun, was er kann, d.h. Voraussetzungen schaffen, um die nationalen Ideen ins Volk zu tragen. Ob und welche Möglichkeiten in dieser Hinsicht bestehen, muß der Betreffende vor Ort entscheiden. Damit sind nicht in erster Linie Parteien oder Parteigruppierungen gemeint. Sie haben es in den letzten Jahren und Jahrzehnten sträflich vernachlässigt, sich sozial zu verankern. Das erklärt auch den jähen Absturz nach einer Scheinblüte. Das Wählerpotential war ja da und ist immer noch da.

Vieles deutet darauf hin, daß gravierende Veränderungen bevorstehen. Es ist darauf hinzuarbeiten, daß dann auch die Möglichkeit der politischen Einflußnahme da ist. Die politische Arbeit muß getragen werden von der Liebe zum Volk. Oft wird nicht richtig ernst genommen, wer z. B. einige Sachen nicht gelesen hat, weil die Zeit oder auch der Verstand dazu fehlte. Dieses Herabsehen wird instinktiv gefühlt und dann darauf mit einem seelischen Abblocken reagiert. Man muß halt die Leute nehmen, wie sie sind, und an Wille und Tat messen. Dabei wird man feststellen, daß die meisten Deutschen von den eigenen Vorstellungen gar nicht so weit weg sind. Dann kann man sich fast so bewegen wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser.

Manche meinen, die Möglichkeit nicht mehr zu bekommen, eine nationale Revolution erleben zu können. Solchen Leuten kann man nur sagen, daß es noch nicht einmal sicher ist, ob sie den nächsten Tag erleben. Außerdem soll er nicht in erster Linie danach trachten, Selbstverwirklichung zu betreiben, sondern dem Volk dienen. Der nationale Umschwung kann schneller kommen, als man denkt. Es knackt an allen Ecken und Kanten, man braucht nur die Nachrichten zu sehen und zu hören. Das sind die Sachen, die wir mitbekommen. Manche Sachen werden nur selten über den regionalen Rahmen hinaus bekannt und dazu noch falsch gewichtet Nachstehend einige Beispiele.

In Nürnberg fiel bei der Volksabstimmung das neue Wohn- und Geschäftshausprojekt in der Altstadt mit Pauken und Trompeten durch. 68 % der abgegebenen Stimmen sprachen sich dagegen aus und schlugen damit sämtlichen Parteien der Stadt, allen Zeitungen und gesellschaftlich relevanten Gruppen ins Gesicht.

In Hamburg kamen mit der EU die ausländischen Anbieter mit ihren Dumpingpreisen. Aber die EU-Fetischisten hatten nicht mit dem Kampfeswillen der Nachfahren Störtebekers gerechnet. Laut Welt vom 20./21. Januar 1996 kam es bereits zur Blockaden und Verfolgungen zwischen deutschen Schleppern und ausländischen Konkurrenten. Zwar wurde dieses Ereignis durch Welt und Spiegel überregional einem größeren Publikum bekannt, aber der Kampf um die reine Existenz einer Berufsgruppe rangierte bei den übrigen Medien unter ferner liefen.

Auch die Bild am Sonntag vom 21.1.1996 machte deutlich, nach welchem Maß gemessen wird: Während die Demonstration aus Anlaß des Brandes in Lübeck - lt. Medien 2 500 bis 3 000 Personen - gebührend gewürdigt wurde, speiste man eine Demo in Berlin gegen die Telekom mit 10 000 Demonstranten mit ein paar Zeilen ab.

Auch gegen den Aufuf des Lübecker Bürgermeisters, notfalls zivilen Ungehorsam gegen die Ausländergesetze zugunsten der Asylbewerber wird gebockt: Bouteiller greint, daß er dreißig Prozent zustimmende Post bekäme, vierzig Prozent ablehnende und dreißig Prozent anonyme Beschimpfungen wie: "Netzbeschmutzer, Ausländerspeichellecker und Deutschenhasser". ("Welt", 29.1.1996).

Was läuft in diesem Land sonst noch ab, das aus "volkspädagogischen Gründen", "political correctness" oder anderen Motiven durch "die Schere im Kopf" möglichst aus dem Nachrichtenfluß herausgeschnitten oder so zusammengeschnippelt wird, daß man es gar nicht mehr erkennt oder wiederfindet? Ist das ein Grund, weshalb man auf Mailboxen und Vernetzungen so hektisch reagiert? Fürchtet man sich vor einer Vernetzung, weil die Möglichkeit einer Nachrichtenübermittlung besteht, die es unmöglich macht, Nachrichten herausfallen zu lassen ? Würde dann dem Volk klar werden, daß die Lage noch prekärer ist als angenommen und bruchstückweise zugegeben wird? Dann stehen uns Umwälzungen ins Haus, für deren Abschätzung die Phantasie nicht ausreicht.


Quelle: Staatsbriefe 7(2-3) (1996), S. 20ff.

(Fassung Thule : http://www.thulenet.com/texte/pubstbr/text0004.htm)

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