GOTTFRIED DIETZE / BEFREIUNG IM LUTHERJAHR, ANNO DOMINI 1996?

Das gerade Gegenteil konnte man hier behaupten, von Amerika ausgehend und von deutschen Medien übereifrig sekundiert. Im Land der Freien, der Heimat der Braven, wie es in der amerikanischen Nationalhymne heißt, hat man, wie schon so oft, eine klare Linie der Entwicklung von Luther zu Hitler gesehen. Obgleich eine solche häufig als unhaltbar bewiesen worden ist, tauchte sie in deutschfeindlicher Weise erneut auf

Unter einer geringen Beachtung der Tatsache, daß die Reformation eine vorwiegend freiheitliche Bewegung war, liberalen Revolutionen in England, Amerika und Frankreich den Weg ebnend und bahnbrechend für die als Liberalismus bekannten Strömungen, wurde Luthers Unterstützung autoritärer Fürsten zur Förderung der Reformation als Beginn deutschen autoritären Denkens hingestellt, das dann in Hitlers Totalitarismus seinen konsequenten Höhepunkt erreichte, wo doch gerade von einem, der in Worms Kaiser und Papst mutig trotzte, nicht angenommen werden sollte, daß er sich zum "Fürstenknecht" kleiner deutscher Herrscher erniedrigte!

Diese Ansicht, u. a. von Präsident Franklin Roosevelt geteilt, grassierte auch 1996. Vorwürfe gegen das Verhalten Deutscher unter Hitler haben sich in wachsenden Proportionen gehäuft. Was da unter ihm Furchtbares geschah, wurde nicht mehr einer kleinen Anzahl seiner Anhänger angelastet. Auch der regulären Wehrmacht wurde so manches angekreidet und endlich dem ganzen deutschen Volk. Das wird offenbar als Endlösung von Schuldzuschiebungen wegen Hitlers Endlösung angesehen. Man hat sich sogar zu der Behauptung verstiegen, die Lust zu Morden läge den Deutschen im Blut, um sie auf diese Weise langsam auszubluten, weil man sich mit fortlaufenden Erpressungen nicht mehr zufrieden gibt.

Es scheint kaum zu bekümmern, daß es sich bei solchen Zuschiebungen um gemeine Schiebungen handelt. Die Rachelüsternheit nach der These "Von Luther zu Hitler" scheint keine Grenzen zu kennen. Man kann ihr die auf christlicher Nächstenliebe beruhende Vergebungsthese "Von Luther über Schiller zu Nietzsche" entgegensetzen.

Der Reformator, von Thomas Carlyle im liberalen Jahrhundert im liberalen England unter den hoch verehrenden Helden der Geschichte genannt und von Thomas Mann im Jahre der Gründung der Bundesrepublik Deutschland anläßlich des 200. Geburtstags von Goethe neben diesem und Bismarck unter die "drei Gewaltigen" Deutschlands gezählt, wurde zu seinem 450. Todestag auf einer deutschen Briefmarke als Augustinermönch gezeigt. Das war eine gute Wahl, die Wichtiges bezeugte.

Es war der Augustinermönch Luther, der sich aus Schuldgefühlen heraus kasteite, geißelte und blutig schlug und all dies Schmerzliche auf sich nahm, um nur seine seelische Ausblutung zu verhindern. Und es war der Augustinermönch, der nach dunklen, leidvollen, quälenden Zweifeln über die göttliche Gnade mit seinem Turmerlebnis in die Welt hinaustürmte und als Wittenbergische Nachtigall die augustinische Lehre, die durch christlichen Glauben eine allmähliche, stückweise Vergebung der Sünden vorsah, in großartig freiheitlicher Weise dahin erweiterte, daß er eine einmalige, pauschale Vergebung all der Sünden durch den Glauben an Jesus Christus annahm, auf daß es für die Menschheit Tag werde.

Luthers erlösende Tat gefiel offenbar Schiller, der nach Hayeks Verfassung der Freiheit "wahrscheinlich soviel wie kaum ein anderer dazu beigetragen hat, liberale Ideen in Deutschland zu verbreiten". Er lobte in seiner Jenaer akademischen Antrittsrede den "unerschrockenen Augustinermönch" und kam Anfang des 19. Jahrhunderts in der seinem großen schweizerischen Freiheitsstück unmittelbar vorangehenden "Braut von Messina" mit Zeilen heraus, die dazu ermutigen, von Schuldgefühlen wegen des Hitlerregimes zu sagen: "Laßt fahren dahin, sie habens kein' Gewinn!" Da heißt es gleich am Anfang: "Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb." Das ist oft wiederholt worden. Wie so manches von Schiller, ist es ein geflügeltes Wort mit einem Wert für sich selbst, so daß es auch außerhalb seines Zusammenhangs gewertet und verwertet werden kann.

Die meisten der Deutschen, die Schuldgefühle wegen des Dritten Reichs zeigen, tun dies, so glaube ich, der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb. Denn ich kann mir nicht denken, daß viele sich von solchen Gefühlen gefangen nehmen lassen in einem Volk, in dem der Gedanke der Libertät Jahrhunderte eine bedeutende Rolle spielte und auch im heutigen Föderalismus noch nicht ausgestorben ist, und von dem Hegel sagte, seine Freiheitsliebe habe lange seine Einigkeit verhindert.

Das deutsche Volk hat sich in seiner Not nach dem verlorenen Krieg genötigt gefühlt, solchen Gefühlen zu frönen, ob nun auf ehrliche oder hypokritische Art, ob es sich in seiner Not nun selbst nötigte oder von anderen genötigt wurde. So ist zu hoffen, daß die von Hegel vorausgesagten wachsenden Freiheitsbegehren sowie das tatsächliche Wachsen menschlicher Freiheiten in aller Welt zu einer Zeit führen werden, in der man, eingedenk christlicher Gnade, eher eigenen freiheitlichen Trieben gehorchen wird als aufgedrängter, aufdringlicher Not.

Die letzten Zeilen der "Braut von Messina" dürften das erleichtern: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht./Der Übel größtes aber ist die Schuld." Da das Stück wenig nur auf Theaterwirkung gezielt zu sein scheint, waren es wohl diese Worte, die junge Leute bei der Weimarer Erstaufführung auf den Dichter ein Hoch ausrufen ließen, etwas damals ganz Ungehöriges im Hause des Herzogs, was Schiller zu bremsen suchte und wofür ihr Anführer einen polizeilichen Verweis erhielt.

Auf die bösen Taten im Dritten Reich bezogen, sagen diese Worte, daß mit den Leben vieler Opfer nicht der Güter höchstes genommen wurde, daß aber (und dieses Wort ist zu beachten!) die auf den Morden beruhende Schuld der Übel größtes ist. Die Schuld an einer bösen Tat ist schlimmer als die Tat selbst:

So jedenfalls Schiller, der schon in der "Jungfrau von Orleans" geschrieben hatte: "Das Leben ist das einzige Gut der Schlechten." Liest man obendrein nur die letzten, deutlich betonten Worte beider Zeilen, kommt man zu der klaren Aussage "nicht Schuld". Angesichts Schillers Verurteilung aller Übel heißt das, es solle wegen ihnen keine Schuld geben und niemand für schuldig befunden werden.

Das deckt sich, jedenfalls rechtlich, mit der Verjährung der unter Hitler begangenen Verbrechen nach dem im 19. Jahrhundert angenommenen deutschen Strafgesetzbuch, das auch im Dritten Reich seine Gültigkeit behielt. Selbst dann aber, wenn man im Recht lediglich ein ethisches Minimum sieht, und eine Schuld für Missetaten im Dritten Reich aus ethischen, moralischen oder sittlichen Gründen bejaht, kann in den abschließenden Zeilen eine Ermutigung gesehen werden, sich auch dieser Schuld zu entledigen und einen Abschluß der Diskussionen dessen, was unter Hitler geschah, herbeizuführen. Auch in Frankreich sind ja, wie François Mitterand betonte, nach zwanzig Jahren unerfreuliche Ereignisse der französischen Geschichte nicht mehr diskutiert worden.

Das trifft sich mit Nietzsche, der, am fin de siècle schreibend, mit Schiller das liberale Jahrhundert umrahmte. In seiner Schrift "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" heißt es da gleich am Anfang: "Es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder, um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären: es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur."

Diese Worte könnten nun Deutsche endlich beherzigen, damit sie als einzelne, ihr Volk und ihre Kultur nicht endlich zugrunde gehen.

Die These "Von Luther über Schiller zu Nitzsche" fordert sie auf, in Forderungen des Tages, also tagtäglich, die zur Verlängerung deutscher Schuldgefühle in Mode gebrachte Ansicht, Erlösung liege in Erinnerung, zu verwerfen. Denn diese Ansicht ist nicht nur nicht christlich, und christliches Denken sollte in einem vorwiegend christlichen Volke wieder mehr bedacht werden. Sie ist auch logisch nicht haltbar, weil ja die Erinnerung an Böses eher Schuldgefühle erzeugen dürfte als Erlösung.

Bei den hier kommentierten Bemerkungen Luthers, Schillers und Nietzsches muß man sich wirklich fragen, was diesen großen Deutschen denn schlimmer erschienen wäre: die bösen Taten unter der Hitler-Diktatur, bei denen man sich scheut, das Prinzip inter arma silent leges anzuwenden; oder aber dauernde Schuldzuweisungen an Deutsche, die sich seit schon fünfzig Jahren qualitativ und quantitativ für viele Beobachter ad nauseam vergrößert haben, und die, wenn sie andauern, über die kommenden Jahrzehnte zum Ausbluten des deutschen Volkes und seiner Kultur führen dürften, - eines Volkes von 80 Millionen!

Luthers Übersetzung in Jeremia 22.10 lautet: "Weinet nicht über die Toten und grämet euch nicht darum; weinet aber über den, der dahinzieht; denn er wird nimmer wiederkommen, daß er sein Vaterland sehen möchte." Das Klagen über die Toten wäre Luther, Schiller und Nietzsche wohl besonders verwerflich erschienen, wenn es auf irgendwelche Vorteile, auf irgendwelchen erhofften und kalkulierten Gewinn abzielt. Und sie hätten wohl die Deutschen beweint, die beschuldigt dahinziehen mußten, um Gefangene der Schuld zu bleiben und nicht in ihr freies Vaterland zurückzukehren. Aber trotzig hätten alle drei guten Gewissens sicher Schuldbeladungen ihrer Landsleute verhindern wollen mit den Worten:

"Und wenn die Welt voll Teufel wär',
und wollt' uns gar verschlingen:
So fürchten wir uns nicht so sehr
Es soll ihr nicht gelingen!"


Quelle: Staatsbriefe 7(9-10) (1996), S. 34f.


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