Als im ersten Drittel des Jahrhunderts der Zustrom von Ostjuden ins Deutsche Reich sprunghaft anstieg, entsetzten sich eingesessene Judengeschlechter. Sie fürchteten, er werde Antisemitismus schüren. Sie fürchteten das nicht allein von dem fremdartigen Gehabe der Zuwanderer; mehr noch von verbrecherischen Neigungen, denen erkleckliche von ihnen frönten (wie das in der schöngeistigen Literatur von Schalom Asch bis Isaak Babel handfest beschrieben ist). Damals war das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden ungetrübt. Das kann man heute nicht sagen. Damals knebelte die strenge Selbstkontrolle des Rabbinats die Kehrseite der Zuwanderung ab. Auch das läßt sich heute nicht sagen. Trotzdem wird ein vergleichbarer Zustrom heute von beiden Seiten begrüßt und gefördert, der, wie der folgende Beitrag aus dem Osten Berlins hervorhebt, ähnlich durchsetzt ist. Es erscheint deshalb vielleicht als fragwürdig, ob der Zentralrat der Juden in Deutschland gut beraten war, einen Mann zu seinem Vorsitzenden wiederzuwählen, den der Volksmund den Kaffeeschmuggler nennt. Es erscheint aber sicher nicht als unbillig, von den Jüdischen Gemeinden zu verlangen, gegen die jüdische Komponente der Russenmafia vorzugehen, wie die israelischen Behörden sie zur Zeit in ihrem Lande bekämpfen (vgl. hierzu Die Welt, vom 13. 12. 94).

KARL S. HORST / DIE RUSSENMAFIA UND DIE JUDEN

Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks geistern angstmachende Erscheinungen stärker als vorher im Bewußtsein der Menschen: Sorgen in allen Ländern Europas, aber auch in Ländern außerhalb des europäischen Kontinents. Zwar gab es die Auseinandersetzung mit den Erscheinungsforrnen des International Organisierten Verbrechens (IOV) schon vorher, aber keineswegs unter einem erkennbar außergewöhnlichen Druck.

Die Ansätze zu einer Generalrevision der Vorgehensweise der Polizei, der Ermittler und Richter sind auch in Deutschland auf die lange Bank geschoben worden. Die Innenminister der Bundesländer können hierüber ein Lied singen und die Polizei weiß, daß der Schuh nicht nur bei der personellen Ausstattung und beim Personal zur Bekämpfung des IOV drückte und zunehmend mehr drückt. Die Diskussion um den unzweckmäßigerweise so benannten "Lauschangriff" läßt im übrigen Absichten erkennen, die eher in die Richtung anderer politischer Ziele laufen. Von der Europäischen Union hier demnächst etwas anderes zu erwarten, ist aus unterschiedlichen Gründen Illusion.

Das IOV umklammert Polen, die Tschechei, besonders Rußland und Deutschland, und hier in zunehmendem Maße Mitteldeutschland. In Rumänien ufert das IOV aus und für Ungarn rechnet man mit mindestens 2 000 russisch sprechenden Mafiosi, die dort in legal errichteten Geschäftsbetrieben Rauschgiftdelikte begehen, ihre Hände an der Prostitution wärmen, Geldwäsche betreiben, Schutzgelderpressung organisieren, schmuggeln und Diebstahl aller Arten, von Eierdiebereien bis zum Raub, alles im Griff haben, nicht zu vergessen den Menschenhandel im Hinblick auf Prostitutionsnachschub, Mord und Totschlag.

Wo liegen die Wurzeln für die zügellose Ausuferung des IOV? Was verbirgt sich hinter den Begriffen "Mafia" und "Russenmafia" in Deutschland, besonders in Mitteldeutschland? Wer sich gründlich mit den Erscheinungsformen des IOV bei uns beschäftigt, stellt merkwürdige Hintergründe fest, über die hier berichtet werden soll, ohne auch nur andeutungsweise Vollständigkeit erreichen zu können.

Die besonders in Deutschland bei der Betrachtung des IOV anzutreffende Eingrenzung auf die Russenmafia greift nicht; ist zu eng. Die Russenmafia ist unmittelbarer Bestandteil eines weiterzufassenden, heterogen organisierten Clubs von Gruppen, die das tatsächliche IOV ausmachen und ziemlich straff geführt werden, wobei es sehr unterschiedliche Gruppeninteressen bis hinauf zu den Köpfen des IOV gibt. Im Zusammenhang mit der Russenmafia kann man nur von einer Organisation sprechen, in der sich russisch-jüdische, ukrainisch-jüdische Mafiosi zusammengeschlossen haben, deren Wurzeln mit der Zunahme der Einwanderung jüdisch-stämmiger und ukrainisch-stämmiger Personen vor etwa 15 Jahren nach Deutschland über Berlin(West) und Österreich zusammenhängen.

In die alten Kreise dieser Zirkel kommt keiner. Sie rekrutieren sich aus Russen und Ukrainern, die den Absprung nach Deutschland unter Hinterlassung von verdeckten Vermögenswerten machten; z. B. Wohnungen, die damals und heute von Gästen aus anderen Ländern als unkontrollierbare Durchgangsquartiere benutzt werden, als Zentren legaler und illegaler Spielhöllen und Prostitutionslokalitäten.

Bei dem aus diesen Orten nach Deutschland gekommenen Personen spielt es auch eine Rolle, daß sie sich vielfach auftragsgemäß als Scheinjuden in die Gemeinden einquartierten, um die Juden gewährten finanziellen Leistungen über die Gemeinden in Anspruch zu nehmen. Sozusagen aus der in Deutschland zu erlangenden finanziellen Grundausstattung durch die Behörden für Gemeinden und Einzelpersonen. Für die gesamte Gruppe von in Deutschland und anderen westlichen Ländern lebenden übergesiedelten Personen hat ja die Bundesregierung kürzlich erst weitere Gelder in Höhe von insgesamt 1 Milliarde DM etatmäßig bereitgestellt.

Ähnliches, nur nicht staatlich so gefördert, vollzieht sich jetzt in Polen, der Tschechei und in Ungarn. Aber auch in Österreich. In Polen wurde gerade ein Sumpf der zweckfremden Verwendung von Geldern aus Deutschland ausgehoben.

Die Entwicklung in Deutschland führte dazu, daß sich in Westberlin zur Zeit des Vorsitzenden Heinz Galinski in der jüdischen Gemeinde immer wieder Versuche ereigneten, die Gemeinde, ohne daß es nach außen auffallen sollte, in den Dienst der organisierten Kriminalität, zum Beispiel der Geldwäsche, einzubeziehen.

In Mitteldeutschland kontrolliert der Seitenarm des IOV die Spielcasinos und die Prostitution. Von hier aus laufen die unterschiedlichen Linien zu den Schnittstellen des IOV in andere Länder des früheren Ostblocks und hin zum übrigen Westeuropa, aber auch nach Kanada und in die USA.

Durch diese weitverzweigte Organisation des IOV erfolgt die legale und illegale Ausstattung mit gewaschenem Geld, zumeist über unverdächtige Personen und Geschäftsbetriebe wie zum Beispiel in Ungarn nachgewiesen.

Die Rekrutierung von Personal unterschiedlichster Mißbrauchsfähigkeit erfolgte in Mitteldeutschland bis vor kurzem aus dem Bereich demobilisierter Offiziere der russischen Armee, der GUS. Schließlich aus dem Reservoire der Zivilangestellten, wie zum Beispiel Heizer, Kraftfahrer, Hilfskräfte, Sekretärinnen bis hin zu den in Mitteldeutschland lebenden Ehefrauen. Soweit diese inzwischen Deutschland verlassen haben, bilden sie zu Hause den Kein eines neuen "rückwärtigen Dienstes" des IOV Das alles vollzog sich unter Beobachtung und Duldung der deutschen Behörden. In besonderem Maße fand hier auch ein Kampf zwischen arm und reich, vor allem aber ein Kampf zwischen Habenichtsen und Neureichen, statt. Wer das Maul nicht hielt, wurde erschossen.

Einige Bereiche des IOV erscheinen in Deutschland wie die Spitze von Eisbergen aus dem Meer von Tränen. Hier fühlen sich die russischsprechenden jüdischen Kreise, die Schaltglieder der verzweigten Organisation sind, fast vor jeder polizeilichen oder anderen Nachstellung sicher; besonders sicher jedoch vor den Schnüfflern ohne Nase.

Man operiert, als stände man unter Staatsschutz. Übrigens werden auch die weitverstreuten Geschäftsbetriebe, Wohnungen usw. deutschlandweit im Netzwerk des IOV genutzt. Wenn schließlich doch einmal eingegriffen werden muß, werden aus schweren Delikten Bagatellsachen.

Ein Schlaglicht mit besonderem Charakter wirft ein Vorfall, bei dem es durch die juristische Aufarbeitung offensichtlich mehr darum gegangen ist, Tatumstände zuzudecken. Der Fall der Kaufleute Aaron und Alexander Sch., der sich in diesem Milieu in Berlin-Charlottenburg abspielte.

Die beiden betrieben ihre Geschäfte sozusagen unter dem Dach der jüdischen Gemeinde in Berlin, Passauer Straße. Von der Mafia in Kiew war Aaron Sch. im Herbst 1993 gekidnappt worden und befand sich 70 Tage in deren Gewalt. Ausgelöst wurde er durch seinen Bruder Alexander, der dafür 1,5 Millionen Deutsche Mark hingeblättert hat.

Veranlaßt dadurch legte sich Alexander Sch. in Berlin eine Bodygard-Truppe zu. Der Trupp stammte aus dem Nahen Osten und war schwerbewaffnet, wobei man dabei auch nicht zimperlich war. Die Berliner Polizei hatte Aaron Sch. sogar Personenschutz angeboten, was der aber aus wohl verständlichen Gründen ablehnte, denn wer läßt sich schon gern durch die Polizei in die Karten sehen?

Wegen krimineller Vorwürfe im Zusammenhang mit einem Mordkomplott wurden Alexander und Aaron Sch. von einem ehemaligen Geschäftspartner angezeigt. Bei Ermittlungen stießen die Kriminalisten auf Unterlagen in engem Bezug zur kriminellen Geldwäsche. Man fand auch einen Scheck über 86 Millionen US-Dollar, der von einer Bank in Nigeria ausgestellt war. Schließlich fand man Hinweise auf Geschäftsvorgänge dubiosen Charakters mit Partnern in der GUS.

Wegen des Besitzes einer Maschinenpistole, die unüblicherweise mit Schalldämpfer ausgerüstet war, und dreier Revolver wurde Alexander Sch. zu einem Jahr und 8 Monaten Haft verurteilt, die aber zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die beiden Leibwächter aus dem Nahen Osten wurden wegen des unerlaubten Besitzes und Führens von Waffen zu einem Jahr und zwei Monaten bzw. 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Auch diese Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Soweit zum Umgang mit Straftätern aus dem beschriebenen Milieu.

Das Tun oder Unterlassen der deutschen Behörden wird vielfach als merkwürdig empfunden, um nicht zu sagen als offene Förderung der Erscheinungen dieses Seitenarmes des IOV. Es soll vorgekommen sein, daß man in Anwerbungsgesprächen weibliche Personen, die in der Schmuggelszene operieren sollten, gesagt hat: "Schade, daß Sie keine Jüdin sind. Das würde vieles leichter machen!"

Schließlich sei auf die Umgangsformen verwiesen, die innerhalb des IOV nach Insider-Aussagen üblich sind. Kaltblütig, brutal, erpresserisch. Ein System, daß sich an den Üblichkeiten in den USA orientiert… Nur daß auch hier die Insider davon sprechen, Al Capone sei gegen alles, was heute ist, geradezu ein Muster- und Waisenknabe gewesen.

Die deutschen Behörden sind diesbezüglich im Grunde hilf- und machtlos.

Kürzlich nun besuchte der FBI-Chef aus Moskau (!) kommend Deutschland und bot hier Hilfe, Unterstützung und Erfahrung der USA bei der Bekämpfung des IOV an!

Wer kann ein solches Angebot angesichts der Wurzeln des IOV in den USA und Kanada eigentlich ernst nehmen und davon ausgehen, daß dadurch die Organisation des IOV tatsächlich ernsthaft bekämpft werden kann? Wissen doch die Männer im FBI, aber auch in anderen Diensten in den USA genau, wie der Geldstrom läuft, der die täglich zu waschende Geldmenge allein in Europa mit 50 Milliarden US-Dollar schwemmt. Oder nicht?

Wenn sich die betroffenen Länder selbst nicht helfen, kann keine Europol, keine Weltpolizei darauf rechnen, wirkliche Erfolge im Kampf mit dem IOV zu erreichen. Weswegen aber gerade Deutschland und neuerdings in ihm Mitteldeutschland als Schnittstelle wichtig ist, darüber sollten die nachdenken, die mit ihren politischen Entscheidungen dazu beitragen könnten, einen Sumpf trockenzulegen, der inzwischen unübersehbar geworden ist.

Die gründlich recherchierten Sachverhalte und Aussagen lassen den Schluß zu, daß es sich beim IOV inzwischen um ein sich selbst organisierendes und kontrollierendes System handelt, dessen Gefechtsfeld in dem Maße wächst, wie das Unvermögen, es zu begrenzen oder auszuschalten. Einigendes Band der operationellen Basis ist das Geld und sind die Geldströme; ein Organismus, der wie ein lebendiger Körper an unterschiedlichen, aber wichtigen Stellen Lymphknoten bildet. Von dieses Lymphknoten ausgehend werden immer neue Metastasen gebildet. Besonders da, wo aus unterschiedlichen Gründen die Abwehrkräfte organisiert unorganisiert wirken. Im Falle, des IOV in Europa ist Deutschland besonders gefährdet, weil da, wo Ursachen, aus welchen Gründen auch immer, nicht genannt und eingegrenzt werden, immer neue, ideale Streufelder entstehen.


Quelle: Staatsbriefe 6(2) (1995), S. 3f.


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