TEIL II

DER DRANG NACH WESTEN

SECHSTES KAPITEL

Das jüdische Schicksal im deutsch besetzten Europa

Frankreich, Beneluxländer, Dänemark, Norwegen und Italien

Vom Sieg der deutschen Waffen im Westen und in Skandinavien waren beinahe eine halbe Million Juden in Dänemark, Norwegen, Luxemburg, den Niederlanden, Belgien und Frankreich, einschließlich mehr als 90.000 Flüchtlinge, betroffen, schreibt das American Jewish Committee[1]. Reitlinger kommt auf eine ähnliche Zahl: »In den sechs Wochen zwischen dem 10. Mai 1940 und dem 25. Juni 1940 kamen nicht weniger als 350.000 Juden Westeuropas unter deutsche Herrschaft ... ... weitere 130.000 Juden kamen indirekt unter deutschen Befehl im Vichy-Territorium«[2]. Zählt man zu diesen 480.000 (Beneluxländer und Frankreich) noch die 8.000 in Dänemark und Norwegen, dann kommt man auch bei ihm auf die »beinahe eine halbe Million« des American Jewish Committee.

Was die tatsächliche jüdische Bevölkerung in den einzelnen Ländern betrifft, sind jedoch einige Vorbehalte angebracht. Vor Ausbruch der Kriegshandlungen befanden sich in allen westeuropäischen Ländern jüdische Flüchtlinge aus Großdeutschland und Osteuropa. Im Laufe der Kämpfe flohen viele Juden aus Holland - meistens ausländische -nach Belgien; in Belgien beheimatete oder dort sich aufhaltende Juden flüchteten zusammen mit den Juden aus Holland nach Frankreich oder wurden, wie das American Jewish Committee berichtet, von den Belgiern zwangsinterniert - betroffen waren vor allem die männlichen Flüchtlinge deutscher Staatsangehörigkeit - und per Eisenbahn nach Frankreich verfrachtet, wo sie von den Franzosen in Konzentrationslager gesteckt wurden und Schlimmes zu erdulden hatten[3]. Das Committee meint, kurz vor der »Invasion« hätten sich in Belgien und Holland 25.000 bzw. 23.000 jüdische Flüchtlinge aufgehalten. Insgesamt flohen aus den Beneluxländern - die Berichte weisen leider große Abweichungen voneinander auf - vielleicht 30.000 bis 40.000 Juden nach Frankreich.

Zu den in Frankreich lebenden jüdischen Flüchtlingen kamen im November 1940 noch 10.000 aus der Pfalz und Baden deportierte Juden, so daß also insgesamt 100.000 deutsche, tschechische und polnische Juden in Frankreich ein Flüchtlingsdasein fristeten[4]. Aus Frankreich wiederum sind im Laufe der Zeit viele Juden in neutrale Länder geflohen: Schweiz, Portugal, Spanien; bis August 1943 sollen es nach Mitteilung des Institute of Jewish Affairs 30.000 gewesen sein[5].

Genaue Angaben über die einheimischen Juden der Beneluxländer und Frankreichs gibt es nicht; lediglich Holland führte 1935 eine Volkszählung durch und ermittelte dabei 111.917 Juden[6]. Schätzungen über Belgiens, Frankreichs und Luxemburgs jüdische Bevölkerung der Vorkriegszeit, Flüchtlinge ausgenommen, weichen stark voneinander ab. Zusammenfassend ergeben sich auf der Basis der oben angegebenen zionistischen Quellen also 460.000 Juden (d.h. 350.000 plus 130.000 minus 30.000 plus 10.000).

Dänemark und Norwegen zusammen hatten 8.000 Juden; davon sind 1943 ca. 7.000 nach Schweden entkommen[7]. Italien soll in der Volkszählung im Jahre 1931 47.825 Juden ermittelt haben[8]; die des Jahres 1938 ergab aber eine deutlich höhere Ziffer, nämlich 57.425[9]. Das heißt, auch Italien war bis Anfang des Krieges Aufnahmeland mitteleuropäischer Juden. Bis September 1943, als Deutschland nach Italiens Abfall die Halbinsel besetzte, hatte sich diese Zahl durch Auswanderung oder Flucht wieder um 9.000 auf 48.000 verringert[10]. Die Zahl der Juden, die in diesen sieben Ländern in die deutsche Einflußsphäre kamen, belief sich also im Jahre 1941 auf ca. 525.000.

Wenn man Reitlinger glauben darf, führten deutsche Behörden folgende Deportationen aus diesen Ländern durch:

Niederlande

110.000[11]

Belgien

25.437[12]

Luxemburg

512[13]

Frankreich

65.000[14]

Dänemark und Norwegen

893[15]

Italien

10.271[16]


 

212.113

Davon sind wieder zurückgekehrt:

Niederlande

6.000[17]

Belgien

1.276[18]

Frankreich

2.800[19]

Italien

605[20]


 

10.681


Deportierte (netto)

201.432


Die in diesen Ländern überlebenden Juden zählten nach Reitlinger:

Niederlande

36.500[21]

Belgien

61.000[22]

Luxemburg

500[23]

Dänemark und Norwegen

?

Frankreich

238.000[24]

Italien

39.000[25]


Summe der Überlebenden

375.000


Reduziert man nun die Zahl von 525.000 Juden (1941) um die 7.000 aus Dänemark und Norwegen und um die 9.000 bis September 1943 aus Italien entkommenen Juden, verbleiben noch 509.000; zieht man ferner die 375.000 Überlebenden ab, dann kommt man auf »nur« 134.000 »verschollene« Juden:

Frankreich und Beneluxländer

 

460.000 Juden

Dänemark und Norwegen

 

8.000 Juden

Italien

 

57.000 Juden


Im Jahre 1941

 

525.000 Juden

abzüglich:

 

 

Nach Schweden geflohene dänische und norwegische Juden

7.000

 

Aus Italien entkommene Juden

9.000

16.000 Juden

 

 

 

509.000 Juden

1945 angeblich wiedergefunden

 

375.000 Juden


»Verschollen«

 

134.000 Juden


Im Gegensatz dazu will Reitlinger nach dem Krieg mindestens 201.200 und höchstens 210.200, und das Anglo-American Committee gar 341.000 Vernichtete entdeckt haben[26]! Die großstädtische jüdische Bevölkerung dieser westeuropäischen Länder besaß alle Merkmale einer für Großstädte typischen Bevölkerungsstruktur und -entwicklung: Steigende Sterblichkeitsraten und fallende Geburtenzahlen. Diese vier Länder - Frankreich, Holland, Belgien und Italien - sollen Anfang der 30er Jahre eine jüdische Bevölkerung von zusammen 400.000 gehabt haben. Schaut man sich diese Länder aber etwas genauer an, beginnt diese Zahl unwirklich zu werden. Die Universal gab folgende - Sterbeziffern bekannt (Norwegen, Dänemark und Luxemburg wurden anscheinend wegen ihrer zahlenmäßig kleinen jüdischen Bevölkerung nicht genannt)[27]:

Frankreich

1.500

Niederlande

1.000

Belgien

500

Italien

500

Legt man nun eine Sterblichkeitsrate von 1,1 % per annum zugrunde, dann ergeben sich folgende Bevölkerungsgrößen:

Frankreich

137.000

Niederlande

91.000

Belgien

45.000

Italien

45.000


 

318.000

Leider hat die Universal die Zahlen auf volle 500 auf- bzw. abgerundet. Die für Belgien und Italien genannten Ziffern scheinen zwar etwas niedriger zu liegen, als üblicherweise von Zionisten angegeben, sind aber immer noch einigermaßen realistisch. Für die Niederlande sind die errechneten 91.000 Juden, gemessen an der Volkszählungsziffer von 112.000, entschieden zu niedrig; dies ist aber wohl dadurch zu erklären, daß die Ziffer für die Todesfälle auf 1.000 abgerundet wurde.

Im Falle Frankreichs hat man es jedoch ganz klar mit einer vollkommen anderen Aussage zu tun. Hier hilft kein Auf- und Abrunden: Auch wenn man die Sterblichkeitsrate auf 0,9 % drückt und die Zahl der Todesfälle auf 1.700 erhöht, würde die sich daraus ergebende Bevölkerungszahl immer noch auf weit unter 200.000 zu liegen kommen. Da die von der Universal auch für andere Länder angegebenen Sterblichkeitsziffern im allgemeinen durchaus im Rahmen des Akzeptablen liegen, gibt es eigentlich keinen Grund, diesen Angaben für Frankreich als unrealistisch zu betrachten. Ja, man kommt zu dem Ergebnis, daß die für die Zahl der Juden im Vorkriegsfrankreich veröffentlichten Schätzungen, die sich gewöhnlich um 240.000 bis 260.000 (ohne Flüchtlinge) bewegen, total falsch sind, und daß Frankreich 50-100.000 weniger Juden zu Kriegsanfang hatte, als von bestimmten Kreisen behauptet wird. Die einzige andere Erklärung für diese Diskrepanz wäre, daß schon zu Anfang der 30er Jahre, als noch relativ wenige Juden Deutschland verlassen hatten, Zehntausende osteuropäischer Juden aus Polen, Rumänien, dem Baltikum usw. in Frankreich eingewandert waren. Insofern wäre dies eine Bestätigung der vom Institut für Zeitgeschichte schon erwähnten großen Auswanderungsströme aus Osteuropa.

Griechenland und Jugoslawien

Die jüdische Bevölkerung Griechenlands verlor seit der Jahrhundertwende durch Auswanderung mehr Menschen als sie durch Geburtenüberschüsse dazugewann. Die Folge war eine stetige Verringerung der Zahl griechischer Juden. Die durch die Volkszählung vom Jahr 1931 ermittelten 67.200 Juden müßten auf Grund anhaltender Auswanderung, bedingt durch wirtschaftliches Elend, weiter zurückgegangen sein[28]. Da genauere Angaben für 1940 nicht vorliegen, gingen wir nur von einer sehr geringen Abnahme der jüdischen Bevölkerung in den 30er Jahren auf 65.000 aus.

Wieviele Juden wurden davon deportiert? Der Bericht des Internationalen Roten Kreuzes meldet lediglich, daß im Juli 1942 alle männlichen Juden zwischen 18 und 45 Jahren registriert wurden und - nachdem die meisten vorübergehend in Arbeitsbataillonen eingegliedert worden waren - im Mai 1943 nach Deutschland verschickt wurden[29]; er enthält bemerkenswerter Weise keinerlei Andeutungen darüber, ob auch Jüdinnen davon betroffen waren. Ende des Krieges will der zionistische Gelehrte Hilberg nur noch 12.000 gefunden haben[30]; die übrigen 53.000 sollen deportiert worden sein. Wahrscheinlich ist diese Zahl im Hinblick auf den IRK-Bericht unhaltbar; trotzdem haben wir sie übernommen, da wir uns in dieser Analyse möglichst auf zionistische Quellen stützen möchten.

Hilberg schreibt ausdrücklich, daß eine Massenauswanderung aus Osteuropa nach dem Krieg am leichtesten in Griechenland, Jugoslawien und Bulgarien gewesen sei[31]. Seinen eigenen Worten ungeachtet fährt dieser famose Gelehrte fort, Statistiken aufzuführen, die auf keinerlei Auswanderung zwischen 1945 und 1948 aus diesen Ländern schließen lassen. Man dürfte, wohl mit der Annahme, daß Zehntausende zwischen 1945 und 1948 - teilweise auch schon während des Krieges - ausgewandert sind und schließlich nur noch 12.000 im Jahre 1948 in Griechenland übrig blieben, nicht sehr fehl gehen; und trotzdem werden diese 12.000 des Jahres 1948 als die einzigen Überlebenden genannt.

In bezug auf Jugoslawien liegen die Dinge nicht viel anders. Auch hier Übertreibungen des jüdischen Bevölkerungsbestandes zu Anfang des Krieges, Untertreibungen der Zahl der Überlebenden, dadurch Aufblähung der Zahl der Deportierten und schließlich keine Angaben - auch keine Schätzungen - über die Zahl derer, die gleich nach Abschluß der Feindseligkeiten über Italien oder Österreich nach Palästina, Übersee oder in ein anderes europäisches Land gelangten.

Die Volkszählung von 1931 ergab 68.405 Juden in Jugoslawien. Bis Kriegsanfang, meint Reitlinger, könnte die Bevölkerung durch Auswanderung sich vermindert oder zumindest keinen Zuwachs gehabt haben[32]. Die Volkszählung des kommunistischen Nachkriegsjugoslawien im Jahre 1946 zeigte nur noch 10.446 Juden auf. Hilberg jedoch, der seine Zählung anscheinend schon vor dieser »Volkszählung« erledigt hatte, fand nach Kriegsende immerhin noch 12.000 überlebende Juden[33].

Man kann also getrost davon ausgehen, daß vielen Tausenden die Flucht nach Italien und von dort weiter ins Gelobte Land oder nach Übersee gelungen ist, denn auch Jugoslawien soll doch Herrn Hilberg zufolge zu den Ländern gehört haben, wo eine Massenauswanderung nach dem Krieg am leichtesten war. Reitlinger gibt dies ebenfalls zu und erwähnt, daß die Volkszählung der kommunistischen Regierung Jugoslawiens kaum als seriös angesehen werden kann, da viele Juden während des Krieges »untergetaucht« waren und, nachdem sie sich während des Krieges als »Nicht-Juden« durchgeschlagen hatten, nach dem Krieg keine Veranlassung hatten, sich wieder als Juden zu bekennen[34].

Wieviele Zehntausende haben aus den genannten Gründen überlebt und werden heute in den Statistiken als »vermißt« geführt? Und wieviele wanderten gleich nach Kriegsende aus? Wir wissen es nicht. Für die beiden Länder kommt man daher unter Zugrundelegung der zionistischen Zahlen auf 109.000 »verschollene« Juden:

Griechenland (1939)

 

65.000 Juden

Jugoslawien (1939)

 

68.000 Juden


 

 

133.000 Juden

1945 angeblich wiedergefunden:

 

 

Griechenland

12.000

 

Jugoslawien

12.000

24.000 Juden


»Verschollen«

 

109.000 Juden


Deutschland und Österreich

in Deutschland sollen im Januar 1933 522.700 Juden gelebt haben[35]; diese zusammen mit den 16.600 Juden der Saar, des Memelgebietes und Danzigs ergeben eine Gesamtzahl von 539.300[36]. Bis zum Dezember 1939 emigrierten 281.900 Juden aus dem Altreich, 13.000 aus den Gebieten Saar, Memel und Danzig, während eine weitere Verminderung von 38.400 durch Geburtendefizite eintrat. Demnach verblieben Ende 1939 noch 206.000 in Deutschland (Altreich). Die Emigranten setzten sich hauptsächlich aus den jüngeren Jahrgängen zusammen, die Älteren blieben meistens zurück.

Der jüdische Statistiker Dr. Bruno Blau schrieb im Wiener Library Bulletin, daß die Reichsvereinigung Deutscher Juden im Oktober 1941 bekanntgab, in Deutschland lebten damals noch 164.000 Juden[37]. Dies war noch vor den großen Deportationen deutscher Juden nach Rußland. Dr. Blau meint, daß von den verbliebenen 164.000 13.800 eines natürlichen Todes gestorben sind. Diese Zahl ist wahrscheinlich etwas zu niedrig, denn dies würde einer Sterberate von nur 2,4 % p.a. in den 31/2 Jahren bis Kriegsende entsprechen. Eine Bevölkerung, die hauptsächlich aus älteren Menschen bestand, und bei der Geburten dementsprechend die Ausnahme bildeten, muß ganz einfach einen stärkeren natürlichen Rückgang aufgewiesen haben[38].

Wie dem auch sei, die gleiche Sterbeziffer von 2,4 % p.a. auf die Zeit von 1939 bis Mitte 1941 angewandt, ergibt einen natürlichen Sterbeüberschuß von ca. 7.000. Wenn 1939 noch 206.000 Juden in Deutschland (Altreich) lebten, der natürliche Sterbeüberschuß einen Verlust von 7.000 verursachte und 10.000 im November 1940 nach Frankreich deportiert worden waren, dann müssen also bis 1941 weitere 25.000 ausgewandert sein.

19.000 Juden blieben während des ganzen Krieges in Deutschland auf freiem Fuß, und weitere 8.000 sollen aus verschiedenen Konzentrationslagern nach dem Zusammenbruch zurückgewandert sein[39]. Das heißt, daß nach dem Krieg angeblich 123.000 vermißt wurden.

Was Österreich betrifft, so hatte sich die jüdische Bevölkerung seit 1934 infolge eines Geburtendefizits um ca. 10.000 auf 181.778 zum Zeitpunkt des von allen Deutschen ersehnten Anschlusses im März 1938 vermindert[40]. Die darauf einsetzende massenweise Auswanderung (117.000) und weitere Geburtendefizite (8.000) ließen die jüdische Bevölkerung bis Ende 1939 auf ca. 57.000 sinken[35].

Nach Meldungen der zionistischen Presse bezifferten am 5.2.1941 veröffentlichte deutsche Statistiken die Österreichischen Juden auf 50.000[41] . Die Differenz von 7.000 dürfte sich - legt man Dr. Blaus Angaben für das Altreich auch für Österreich zugrunde - aus einem natürlichen Bevölkerungsrückgang von 2.000 und einer Auswanderung von weiteren 5.000 zusammensetzen. Reitlinger allerdings kommt auf nur 4.000 Auswanderer nach 1939; hätte er recht, wäre die natürliche Sterblichkeit um 1.000 größer gewesen. Für die restlichen vier Kriegsjahre hätte demnach der natürliche Sterbeüberschuß weitere 5.000 betragen können (2,4 % p.a. von 50.000 in vier Jahren).

In bezug auf die Überlebenden schreibt Reitlinger: »Am 24.10.1947 (!) lebten in Wien noch 8.552 Österreichische Juden und einige Hundert in Linz und in anderen Städten«[42]. Aber wieviele Österreichische, aus den Lagern entlassene Juden sofort nach Kriegsende nach Palästina und Übersee auswanderten, darüber schweigt auch er.

Tabellarisch zusammengefaßt kommt man auf folgende Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in diesen beiden deutschen Staaten:

Deutschland (1933)

 

 

539.000

Österreich (1934)

 

 

192.000


Zusammen

 

 

731.000

abzüglich:

 

 

 

a) Entwicklung bis 1939

 

 

 

  - Auswanderung:

 

 

 

    Deutschland (Altreich)

295.000

 

 

    Österreich

117.000


412.000

 

  - Sterbeüberschuß:

 

 

 

    Deutschland (Altreich)

38.000

 

 

    Österreich

18.000

56.000

468.000

 

  - Stand 1939

 

 

263.000

b) Entwicklung 1939-1941

 

 

 

  - Auswanderung:

 

 

 

    Deutschland (Altreich)

25.000

 

 

    Österreich

5.000


30.000

 

  - Sterbeüberschuß:

 

 

 

    Deutschland (Altreich)

7.000

 

 

    Österreich

2.000


9.000

 

  - Deportation nach Frankreich (1940)

 

10.000

49.000

 

  - Stand 1941

 

 

214.000

c) Entwicklung 1941-1945

 

 

 

  - Auswanderung/Flucht

 

unbekannt

 

  - Sterbeüberschuß:

 

 

 

    Deutschland (Altreich)

 

14.000

 

    Österreich

 

5.000

19.000

 

Rechnerisch verbleiben 1945

 

 

195.000

1945 angeblich überlebende Juden:

 

 

 

    Deutschland

 

27.000

 

    Österreich

 

9.000

36.000

 

»Verschollene« Juden

 

 

159.000


Ungarn

Die Volkszählung von 1930 ermittelte eine jüdische Bevölkerung von 444.567[43]. In dem kurz vor dem Krieg um große benachbarte Gebiete vergrößerten ungarischen Territorium (Großungarn) fand die 1941 durchgeführte Volkszählung 725.007 Juden[44]. Leider ist ein direkter Vergleich der beiden Volkszählungen unmöglich, da viele Bezirke, die aufgrund der Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg geteilt worden waren, bis 1941 wieder in ihren früheren administrativen Grenzen hergestellt wurden. Nur die Bezirke im Innern des Landes sind von diesen Grenzänderungen unberührt geblieben; sie wurden 1930 von 147.177 Juden bewohnt[45] (ausschl. Budapest), 1941 aber nur von 132.495[46] - ein Rückgang um 10 %. In derselben Zeit ging Budapests jüdische Bevölkerung von 204.371 auf 184.453 zurück - ebenfalls ein Minus von 10 %. Legt man diese negative Veränderungsrate für das ganze Trianon-Ungarn von 1930 zugrunde, dann betrug der Rückgang bis 1941 44.500, so daß in jenem Jahr nur noch 400.000 Juden im »alten« Ungarn lebten[47].

Von 1930 bis 1939 registrierten Ungarns Juden ein Geburtendefizit von 14.436 und weitere 1.600 sollte man für das Jahr 1940 anrechnen; zwischen 1930 und 1941 ergab sich also ein natürlicher Rückgang von 16.000 (0,3 % p.a.). Übertritte zu christlichen Glaubenbekenntnissen führten zu einem Verlust von 21.125 von 1930 bis 1939 und wahrscheinlich weiteren 2.000 im Jahre 1940. Diese beiden Faktoren, Konfessionsänderungen und Geburtendefizite, reduzierten Ungarns Judentum bis 1941 um ungefähr 39.000. Damit verbleibt noch eine durch Auswanderung hervorgerufene Verminderung von 5.500[48].

Unter Berücksichtigung dieser Entwicklungen verteilen sich Großungarns Juden 1941 wie folgt:

Volkszählung von 1941 (Großungarn)

 

725.007

Trianon-Ungarn

 

400.000


Neu erworbene Gebiete

 

325.007

Früher slowakisches Gebiet

42.000[49]

 

-Banat (von Jugoslawien)

25.000[49]

 

Nord-Siebenbürgen (von Rumänien)

148.621[50]

215.621

 

Karpatho-Ukraine (von der Tschechoslowakei)

 

109.386


In der üblichen Nachkriegsversion über die Vorgänge in Ungarn heißt es, daß zwischen Mitte Mai 1944 und Anfang Juli 1944 ca. 400.000 großungarische Juden aus den Gebieten außerhalb der Hauptstadt Budapest per Eisenbahn von den Deutschen deportiert und nahezu alle in Birkenau getötet worden seien. Die Tötung sei der Hauptzweck der Deportationen gewesen. Die Operation habe Ungarn im wesentlichen von den Juden geleert mit der Ausnahme von Budapest, wo die Juden allgemein in Ruhe gelassen wurden. Am 31.1.1941 lebten 184.453 jüdische Bürger in Budapest[47], 15.000 weniger als die von dem jüdischen Statistiker Arthur Ruppin für das Jahr 1930 geschätzte Zahl von ca. 200.000[51].

Nun trifft es sich, daß das Internationale Rote Kreuz (IRK) während des Krieges in Budapest vertreten war, und der Jüdische Senat seinen Sitz in den Gebäuden des IRK hatte. Ober das Geschehen in Ungarn, insbesondere soweit es die Juden betraf, hat das IRK 1948 einen Bericht veröffentlicht[52]. Es ist sicher, daß das IRK durch eigene Quellen und über den bei ihm einquartierten Jüdischen Senat von allen antijüdischen Maßnahmen erfahren konnte und erfahren hat. In dem Bericht steht, daß zwischen März und Oktober 1944 gewisse Deportationen - Zahlenangaben wurden nicht gemacht - stattgefunden haben. Wörtlich heißt es: »... vom März 1944 an wurde die Lage der [ungarischen] Juden kritisch... Am 8. Oktober [1944] gaben die ungarischen Behörden gemäß den Vereinbarungen mit dem [IRK] Komitee bekannt, daß die Deportationen nun endgültig suspendiert würden und daß das Kistarcea-Lager für jüdische Intellektuelle, Doktoren und Ingenieure abgebrochen und die Internierten freigelassen worden waren«[53].

Erst nach der Gefangenahme der kriegsmüden Horthy-Regierung durch die deutsche Wehrmacht begann die Not der ungarischen Juden. Wörtlich schreibt der IRK-Bericht auch dazu: »Ein paar Tage später [nach dem 8. Oktober 1944] setzte die volle Welle der großen Leiden der ungarischen Juden ein. ... Die Beseitigung der Horthy-Regierung im Oktober 1944 zugunsten einer an Deutschland gebundenen Regierung provozierte eine gefährliche Krise: Exekutionen, Plünderungen, Deportationen, Zwangsarbeit, Verhaftungen - dies war das Los der jüdischen Bevölkerung, die grausam litt und viele Tote verlor, vor allem in den Provinzen. ... Unverzüglich wurde entschieden, sie aus Budapest herauszubringen und ihr Eigentum zu konfiszieren. 60.000 Juden, die zur Arbeit fähig waren, sollten nach Deutschland verschickt werden - zu Fuß, in Gruppen zu je Tausend, via Wien. Darüberhinaus wurden arbeitsfähige Männer zwischen 16 und 60 und Frauen zwischen 14 und 40 zur Zwangsarbeit bei ungarischen Befestigungsanlagen kommandiert. Der Rest der jüdischen Bevölkerung, einschließlich Arbeitsfähiger und Kranker, wurde in vier oder fünf Ghettos in der Nähe von Budapest zusammengefaßt. Die einzigen Juden, die sich der Evakuierung entziehen konnten, waren jene, die im Besitz von Ausweisen mit Visa für Palästina, Schweden, Schweiz, Portugal oder Spanien waren. ... Im November [1944] strömten hunderttausend Juden aus den Provinzen nach Budapest hinein...«[54].

Um es zu wiederholen: Es gab gewisse Ereignisse vor dem Oktober 1944, einschließlich Verschickungen, die aber zu unbedeutend waren, als daß der IRK-Bericht auch nur Andeutungen über deren Ausmaß machte; aber der IRK-Bericht betont, daß die wirklich gefährlichen Ereignisse für die Mehrzahl der Juden erst im Oktober 1944 begannen. Die Höchstzahl der Juden, die nach Deutschland verschickt werden sollten, wurde mit 60.000 angegeben, und nirgends findet man auch nur die Spur einer Andeutung, daß die Ziffer überschritten oder überhaupt erreicht wurde. Im Gegenteil, es gibt Anzeichen, wonach die Zahl der in dieser Aktion wirklich verschickten Juden obige Maximalzahl nicht erreichte[55]. Trotzdem geht diese Analyse davon aus, daß einschließlich der zwischen März und Oktober 1944 Deportierten bis zu 100.000 Juden aus Großungarn verschickt wurden, eine Zahl, die viel zu hoch ist.

Juden durften in Ungarn keinen Militärdienst mit der Waffe leisten; das Mobilisierungsgesetz verbot dies. Dagegen konnten Juden zu einem Ersatzdienst eingezogen werden, dem ungarischen militärischen Arbeitsdienst. Dr. Rudolf Kastner, dem früheren stellv. Präsident der Zionistisehen Organisation in Ungarn, zufolge soll dieser Arbeitsdienst zeitweise 80.000 Juden umfaßt und insgesamt ca. 130.000 Juden eingezogen haben. Ferner schätzt Dr. Kastner die Zahl der Juden, die als Angehörige dieses Arbeitsdienstes gefallen sind, auf 30-40.000[56]. Die Judaica jedoch meint, daß allein im Januar 1943, nach dem großen Durchbruch der Roten Armee am Don, als sich die 2. Ungarische Armee praktisch auflöste, 40-43.000 der 50.000 in ungarischen Arbeitsbataillonen dienenden Juden auf der panikartigen Flucht den Tod gefunden hätten[57]. Wenn in dieser einen militärischen Katastrophe also schon so viele umgekommen sind, muß man noch weitere Gefallene für die Rückzugskämpfe bis Budapest einkalkulieren. Jüdische Gefallene im ungarischen Arbeitsdienst können daher mit weit mehr als 50.000 zu veranschlagen sein - falls die zionistischen Angaben stimmen.

In den schon weiter oben erwähnten Hearings vor dem Untersuchungsausschuß des US-Repräsentantenhauses am 22. und 23. September 1954 über die Behandlung der Juden durch die Sowjets sagte Dr. Zoltan Klar, ehemaliges gewähltes Mitglied des Rates der Budapester Jüdischen Gemeinde, unter Eid aus, daß der ungarische Minister in Moskau, Professor Szekfu, den Jüdischen Rat im Jahre 1946 besucht habe und dabei erklärte, daß sich nach seinen Beobachtungen noch 30.000 ungarische Staatsangehörige, frühere Angehörige des ungarischen militärischen Arbeitsdienstes, in sowjetischer Gefangenschaft befänden; davon wären 90 % Juden. Professor Szekfu meinte, daß sie bald heimkehren würden. Tatsächlich sind aber nur 1.500 zurückgekehrt, wie Dr. Klar berichtete; demnach sind 25.500 ungarische Juden spurlos in sowjetischer Gefangenschaft verschwunden[58].

Diese Zahlen und Entwicklungen sind in der nachstehenden Aufstellung zusammengefaßt (in 1.000):

 

Groß-
Ungarn

Kern-
Ungarn

Karp.-
Ukraine

Nord-
Sieben-
bürgen

Slowak.
Gebiete

Banat


Juden in Ungarn 1941

-725

400

109

149

42

25

abzüglich:

 

 

 

 

 

 

- Nach Deutschland deportierte Juden

-100

-55

-15

-21

-6

-3

- Verluste im ungarischen milit. Arbeitsdienst

- 50

-27,5

- 8

-10,5

-3

-1

- In der UdSSR verschwundene jüdische Angehörige des ungarischen militärischen Arbeitsdienstes

-25,5

-25,5

?

?

?

?


Verbleiben

549,5

292

86

117,5

33

21


Die jüdischen Verluste im ungarischen militärischen Arbeitsdienst wurden mangels näherer Informationen proportional auf alle fünf Regionen aufgeteilt; desgleichen die 1944 nach Deutschland deportierten Juden von maximal 100.000. Da aus Dr. Klars Zeugenaussage hervorging, daß unter den in sowjetischer Gefangenschaft befindlichen und später verschwundenen Juden nur die früheren Einwohner des Ungarns in den Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg (Kern-Ungarn) zu verstehen waren, wurden die vermißten 25.500 Juden nur dem Ungarn der Nachkriegszeit zugeordnet. Der Aufstellung nach hätte man nach dem Kriege noch ca. 292.000 Juden in Ungarn antreffen sollen.

Was die natürliche Bevölkerungsentwicklung während des Krieges betrifft, so muß der allgemeinen unsicheren und wirtschaftlich prekären Lage der ungarischen Juden während des Krieges sowie der Tatsache, daß zeitweise bis zu 22 % der gesamten männlichen Bevölkerung (d.h. 80.000 : 725.000 : 2) im militärischen Arbeitsdienst waren, die notwendige Beachtung geschenkt werden; diese Umstände müssen eine erhebliche negative Wirkung auf die Geburtenrate, die sogar schon in den 30er Jahren negativ war, gehabt haben.

Wie schon im ersten Kapitel erläutert, erreichte das Geburtendefizit der großungarischen Juden 1942 0,3 %; trotz der relativ hohen natürlichen Zuwachsrate der karpatho-ukrainischen Juden verursachten die negativen Entwicklungen unter den anderen ungarischen Juden per Saldo ein großes Defizit. Besonders die Juden in Trianon-Ungarn hatten schon 1938 ein Minus von 0,5 % erreicht. Es liegt durchaus im Bereich der Wahrscheinlichkeit, daß sich die Geburtenrate angesichts der fatalen Umstände während des Krieges weiter verringerte. In Deutschland und Osterreich war das Geburtendefizit vor dem Krieg bedeutend höher, und die Situation der Juden in Ungarn während des Krieges gestaltete sich bestimmt schwieriger als die der deutschen und Österreichischen Juden vor 1938. Zwischen 1930 und 1935 betrug das Geburtendefizit in Deutschland und Österreich bei den Juden jährlich jeweils ca. 5.500 und 2.500[59]; dies entspricht einem jährlichen natürlichen Bevölkerungsrückgang von ungefähr 1,0 % bzw. 1,3 M Von dieser Überlegung ausgehend kann das Geburtendefizit der ungarischen Juden in den fünf Kriegsjahren bei 1 % pro Jahr gelegen und somit einen Bevölkerungsschwund von insgesamt 20.000 zur Folge gehabt haben.

Wie außerdem schon oben festgestellt, berichten jüdische Kreise, daß zwischen 1930 und 1939 ca. 2.113 Juden jährlich aus der jüdischen Konfession ausgetreten sind und sich einem christlichen Glaubensbekenntnis anschlossen. Unter den Umständen des Zweiten Weltkrieges, so darf man wohl voraussetzen, müssen bedeutend mehr Juden diese Gelegenheit wahrgenommen haben, um sich und ihre Familien in größere persönliche und wirtschaftliche Sicherheit zu bringen; wenn man hier auch nur von der gleichen Anzahl von Konfessionsänderungen ausgeht, bedeutet dies in den fünf Kriegsjahren 10.000 Übertritte und damit eine dementsprechende Verringerung der Zahl der Glaubensjuden. Weitere 6.000 sind im Laufe des Krieges nach Rumänien verschlagen und dort nach dem Krieg gefunden worden[60]. Es ist möglich, daß es sich bei diesen 6.000 ungarischen Juden um Auswanderer bzw. Flüchtlinge handelt, die versuchten, über Bulgarien oder den Hafen Konstanza die Türkei zu erreichen. Im Laufe dieser Studie werden verschiedene Indizien angeführt, die auf eine massenweise Auswanderung durch diese beiden Kanäle hinweisen.

Die aus Großungarn nach Deutschland deportierten Juden haben, wie erwähnt, kaum die Zahl von 100.000 erreicht. Davon entfielen ungefähr 55.000 auf Kern-Ungarn. Sicher ist, daß Tausende nach dem Krieg nach Ungarn aus den deutschen Lagern zurückkehrten. Ihre genaue Zahl jedoch ist unbekannt. Außerdem sagte der schon oben zitierte ungarische Jude Dr. Klar vor dem Untersuchungsausschuß des US-Repräsentantenhauses aus, daß die Sowjets nach Kriegsende viele der aus Deutschland heimkehrenden Juden gar nicht erst nach Ungarn hineinließen, sondern an der Grenze verhafteten und ungeachtet des Geschlechts nach Osten transportierten. Betroffen waren davon 40.000 ungarische Juden[61]!

Die heutige »offizielle« Version des jüdischen Schicksals in Großungarn läuft darauf hinaus, daß mit Ausnahme der Budapester Juden fast alle anderen deportiert wurden und zwar noch vor Juli 1944. Zum Stichtag 31.1.1941 gab es 184.453 jüdische Einwohner in Budapest. Auch wenn man einige wenige Deportationen, Geburtendefizite, Auswanderer, die anteilsmäßigen Verluste im ungarischen militärischen Arbeitsdienst usw. berücksichtigt, ist es dennoch unmöglich, daß nach Beendigung der Deportationen (Juli 1944 nach zionistischer Darstellung) weniger als 150.000 in Budapest lebten. Addiert man dazu die angeblich wenigen auf dem Lande verbliebenen Juden, dann wäre Ungarns jüdische Bevölkerung bei Kriegsende in der Tat auf die vom zionistischen Anglo-American Committee veröffentlichte Zahl der Überlebenden von nur 200.000 geschrumpft.

Diese Ziffer muß jedoch in Zweifel gezogen werden. Erstens berichtete das Internationale Rote Kreuz ganz klar: »Im November [1944] strömten hunderttausend Juden aus den Provinzen nach Budapest hinein«[62], also aus Gegenden, wo nach zionistischer Nachkriegsversion nur noch wenige Juden hätten sein dürfen! Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als selbst nach zionistischen Berichten die Deportationen nach Deutschland bzw. »Auschwitz« längst eingestellt waren.

Das U.S. War Refugee Board (US Kriegsflüchtlingsamt), unter Leitung des Zionisten Morgenthau, schreibt ausdrücklich, daß als Ergebnis der Verhandlungen zwischen Saly Mayer vom Joint Distribution Committee und Standartenführer Kurt Becher die Deportation der mehr als 200.000 im August 1944 in Budapest lebenden Juden nicht stattfand[63]. Das bedeutet nichts weiter, als daß bei Kriegsende weit mehr als 300. 000 Juden in Kern- Ungarn überlebten; wahrscheinlich waren es aber beträchtlich mehr, denn es ist nicht anzunehmen - und der IRK-Bericht sagt dies auch nicht -, daß alle Juden aus den Provinzen im November nach Budapest hineinströmten.

Zweitens steht außer Frage, daß sofort nach Kriegsende Tausende ungarischer Juden nach Westen flüchteten. Dies wird uns von Hilberg bestätigt[64]. Drittens betraf die vom Anglo-American Committee genannte Überlebendenzahl den Stichmonat April 1946[65]also müssen - falls die Zahl von 200. 000 für das Jahr 1946 stimmt - über 100. 000 der bei Kriegsende in Ungarn lebenden Juden in den dazwischen liegenden zwölf Monaten nach Westen (Österreich und Italien) geflüchtet sein!

Unter Berücksichtigung der Gefallenen, Verschleppten und Geflohenen hätten bei Kriegsende eigentlich nur noch eine viertel Million Juden in Ungarn gefunden werden können (siehe nachstehende Aufstellung) - das sind etwa 50.000 weniger als die mehr als 300.000, die es tatsächlich gab. Die einzig mögliche Erklärung für diese Diskrepanz ist, daß es sich hierbei um zugezogene Juden aus benachbarten Ländern - Tschechei, Slowakei oder Polen - handeln muß, die in Ungarn Unterschlupf und relative Sicherheit suchten. Bis April 1946 aber hatten über 100.000 Juden Ungarn verlassen, wenn die vom Anglo-American Committee veröffentlichte Zahl von 200.000 (April 1946) der Wahrheit entspricht.

Zusammengefaßt sieht das jüdische Schicksal in Ungarn in Zahlen ausgedrückt wie folgt aus:

Jüdische Bevölkerung Ende 1939

 

400.000

abzüglich:

 

 

- Gefallene im ungarischen militärischen Arbeitsdienst

27.500

 

- Vermißt in sowjetischer Gefangenschaft

25.500

 

- 1945 in die UdSSR verschleppt

40.000

 

- Geburtendefizit im Krieg

20.000

 

- Nach Rumänien geflohen

6.000

 

- Glaubensübertritte

10.000

129.000

 

Rechnerisch verbleiben

 

271.000

Angeblich Überlebende April 1946

 

200.000


»Vermißte« ungarische Juden

 

71.000


Tschechoslowakei

Dieser vom Versailler Diktat gewaltsam geschaffene Staat erlebte eine wechselreiche Geschichte in seiner kurzen Existenz. Seine mehrmalige Zersplitterung macht es erforderlich, die einzelnen Regionen separat zu behandeln.

Nach der Volkszählung von 1930 lebten dort 356.830 Juden (ermittelt auf der Basis der Religionszugehörigkeit), die auf folgende Gebiete verteilt waren[66]:

Tschechei (Böhmen und Mähren)

117.551

Slowakei

136.737

Karpatho-Ukraine

102.542


Zusammen

356.830


Aufgrund zu geringer Geburtenzahlen wiesen die ersten beiden Regionen eine Bevölkerungsabnahme auf, während die Juden der Karpatho-Ukraine große Geburtenüberschüsse verzeichneten. Nach dem Münchner Abkommen setzte sich eine riesige Auswanderung in Bewegung, insbesondere aus der Tschechei. Reitlinger, der sich wiederum auf das Anglo-American Committee beruft, meldet, daß Ende 1939 noch 315.000 innerhalb der Grenzen der früheren Tschechoslowakei lebten[67].

Wie im ersten Kapitel aufgezeigt, waren die karpatho-ukrainischen Juden sehr kinderreich, doch litt ihr Wachstum unter einer beträchtlichen Wanderung junger lediger Männer in tschechisches Gebiet. Jedenfalls fanden die Ungarn nur ungefähr 109.000 Juden in der Karpatho-Ukraine nach dem Zerfall der Tschechoslowakei. Anders ausgedrückt befanden sich 1939 in den ersten beiden Regionen noch 206.000 (315.000 minus 109.000) Juden; demnach hatte sich die jüdische Bevölkerung Böhmens, Mährens und der Slowakei um 48.288 verringert (117.551 plus 136.737 minus 206.000).

Noch vor Kriegsausbruch verleibte sich Ungarn einen Teil der Slowakei mit einer jüdischen Bevölkerung von 42.000 ein[68]; in der selbständigen Rumpf-Slowakei sollen Ende 1939 dem Year Book zufolge, das sich wiederum auf einen Bericht im Der Grenzbote, Preßburg, vom 18.1.1940 stützt, noch 85.045 Juden gelebt haben[69]. Das heißt, die Gesamt-Slowakei hatte Ende 1939 noch ca. 127.000 jüdische Einwohner. Dies läßt auf eine Auswanderung von 9.700 schließen (ein geringes Geburtendefizit dürfte darin ebenfalls enthalten sein). Mithin können in der Tschechei Ende 1939 nur noch 79.000 Juden verblieben sein (206.000 minus 127.000); Auswanderung und Flucht verbunden mit einem Geburtendefizit hatten also in der Zeit von 1930 bis Ende 1939 eine Reduzierung von insgesamt 38.600 (117.551 minus 79.000) bewirkt.

Meldungen der zionistischen Presse, wonach am 5.2.1941 veröffentlichte deutsche Statistiken die Zahl der Juden im Protektorat mit 70.000 angegeben hätten, bestätigen diesen Sachverhalt[70]. Reitlinger berichtet ferner, daß bis Ende 1942 weitere 7.000 dem böhmisch-mährischen Judentum durch Auswanderung und Geburtendefizite verloren gingen. Während der Kriegszeit soll im ganzen 4.000 Juden die Auswanderung gelungen sein[71]. Da man davon ausgehen muß, daß das Geburtendefizit insbesondere auch in den Jahren 1942 bis 1945 anhielt, müssen für diese Jahre wohl weitere Abstriche in Höhe von mindestens 2.000 gemacht werden. Die jüdische Bevölkerung des Protektorats ist also während des Krieges um 4.000 durch Auswanderung und um weitere 5.000 durch Geburtendefizite gesunken.

Im Jahre 1946 (!), also ein volles Jahr nach dem Zusammenbruch des Großdeutschen Reiches, nachdem die Juden in riesigen Scharen aus Böhmen und Mähren in die amerikanische Besatzungszone Deutschlands geströmt waren - darauf wird noch später eingegangen -, fand Reitlinger immer noch 32.000 Juden in dem früheren Protektorat[72].

Im Falle der Slowakei ist die Sache auf Grund der Abtretung großer Gebiete an Ungarn vor Kriegsanfang etwas schwieriger. Wie schon erwähnt, wohnten bei Kriegsbeginn oder Ende 1939 85.000 Juden in der selbständigen Slowakei. Von den 52.000 Deportierten abgesehen, ging es den verbliebenen Juden bis Ende 1944 relativ gut[73]. Das IRK schreibt, »manchmal wurde die Slowakei sogar als ein verhältnismäßig sicherer Hafen für Juden, besonders für polnische, betrachtet. Die Juden, die in der Slowakei blieben, schienen sich in einer relativen Sicherheit bis Ende August 1944 zu sehen, als ein Aufstand gegen die deutsche Wehrmacht angezettelt wurde«[74].

Die Folge dieses Aufstandes war, daß viele Juden deportiert wurden. In der Slowakei der Nachkriegszeit - jetzt wieder einschließlich der von Ungarn vormals annektierten Gebiete - will Reitlinger nach dem Krieg ca. 45.000 und der Zionist Gregory Frumkin sogar noch 60.000 Juden gefunden haben[75]; einigen wir uns also auf 50.000.

Was das Schicksal der Juden in dem von Ungarn während des Krieges besetzten slowakischen Gebiet betrifft, so wurde dies näher im Abschnitt »Ungarn« behandelt. Hier sei nochmals festgehalten, daß vermutlich 6.000 Juden nach Deutschland deportiert wurden und weitere 3.000 den Kriegstod als Angehörige des ungarischen militärischen Arbeitsdienstes fanden. Wieviele in diesem Zusammenhang in sowjetische Gefangenschaft gerieten und von dort nicht wieder zurückkehrten, ist unbekannt.

Die Karpatho-Ukraine, bis zur Zerschlagung des tschechoslowakischen Staatsgebildes Teil davon, wurde erst von Ungarn und, nach dem Kriege, von der Sowjetunion annektiert. Die dortige jüdische Bevölkerung teilte deshalb auch das Schicksal der ungarischen Juden, genau wie ein Teil der slowakischen. Die menschlichen Verluste der unter ungarischer Oberhoheit lebenden rumänischen, slowakischen und serbischen Juden, die als Angehörige des ungarischen militärischen Arbeitsdienstes in sowjetische Gefangenschaft gerieten und seither verschollen sind, sind nirgends in der »Literatur« angedeutet; man weiß nur, daß 27.000 ungarische Juden als Angehörige dieses Arbeitsdienstes in sowjetischer Gefangenschaft waren und nur 1.500 zurückkehrten. Im Falle der karpatho-ukrainischen Juden wäre die Zahl der Überlebenden um die in der Sowjetunion Verschollenen zu mindern. Die für die Karpatho-Ukraine verbliebene restliche jüdische Bevölkerung ist im dritten Kapitel der Sowjetunion hinzugerechnet worden. Jedenfalls sollte die jüdische Bevölkerung der Tschechoslowakei auf Grund der sowjetischen Nachkriegsannektion der Karpatho-Ukraine um die dortige jüdische Bevölkerung reduziert werden.

Tabellarisch zusammengefaßt stellt sich das jüdische Schicksal in der Tschechoslowakei wie folgt dar:

Tschechei (Böhmen und Mähren - 1930)

 

117.551

Slowakei (1930)

 

136.737

Karpatho-Ukraine (1930)

 

102.542


Tschechoslowakei (1930)

 

356.830

Von der UdSSR 1945 annektierte Karpatho-Ukraine

 

102.542


Tschechoslowakei ohne Karpatho-Ukraine (1930)

 

254.288

abzüglich:

 

 

Auswanderung (einschl. Geburtendefizit vor dem Krieg):

 

 

- Tschechei

38.600

 

- Slowakei

9.700

48.300

 

Juden in Böhmen, Mähren und Slowakei Ende (1939)

 

206.000

abzüglich:

 

 

Veränderungen während des Krieges:

 

 

- Auswanderung aus der Tschechei

4.000

 

- Geburtendefizit in der Tschechei

5.000

 

- Gefallene slowakische Juden im ungarischen milit. Arbeitsdienst

3.000

12.000

 

Rechnerischer Restbestand

 

194.000

Angeblich Überlebende

 

82.000


»Vermißte« tschechoslowakische Juden

 

112.000


Rumänien

Die rumänische Volkszählung vom 29.12.1930 erfaßte die Bevölkerung nach Muttersprache, Volks- und Religionszugehörigkeit. Dementsprechend gab es drei »jüdische« Bevölkerungszahlen: 518.754, 728.115 und 756.930. Da viele Juden die jiddische Sprache bereits aufgegeben hatten und, trotz ihres mosaischen Glaubens, sich einer anderen als der jüdischen Nationalität zugehörig betrachteten, stellt die Zahl 756.930 die beste Indikation für die zahlenmäßige Größe der rumänischen Juden dar[76].

1940 eigneten sich drei Nachbarländer Teile des rumänischen Territoriums an: Die Sowjetunion am 28. Juni (Bessarabien und die nördliche Bukowina), Ungarn am 30. August (Nord-Siebenbürgen) und Bulgarien am 6. September (südliche Dobrudscha). Im verbliebenen rumänischen Gebiet - Rumpf-Rumänien - wurden in der Volkszählung von 1930 328.930 Personen mosaischen Glaubens gezählt[77], in Nord-Siebenbürgen 148.660, in der südlichen Dobrudscha 846[78] und in Bessarabien 206.958[79]; für die nördliche Bukowina verbleiben noch 71.536 Juden. Das gesamte Gebiet, das 1940 von der UdSSR annektiert wurde, hatte 1930 also eine jüdische Bevölkerung von 278.494. Bis Mitte 1940 änderten sich diese Zahlen auf Grund natürlicher Wachstumsentwicklungen, Auswanderung und einer großen Binnenwanderung vom Land in die Städte, besonders nach Bukarest, noch sehr.

In dem siebenjährigen Zeitraum vom Dezember 1930 bis Anfang 1938 befanden sich im Schnitt 724.600 Juden in Rumänien[80]; eine durchschnittliche Zuwachsrate von 0,2 % - wie im ersten Kapitel dargelegt - hätte insgesamt einen Geburtenüberschuß von 10.200 zur Folge gehabt. Somit müssen in diesem Zeitraum ca. 74.900 Juden ausgewandert sein:

Volkszählung von 1930

756.930

Geburtenüberschuß vom Dezember 1930 bis Anfang 1938

10.200


Jüdische Bevölkerung Anfang 1938[81]

767.130

Auswanderung 1930-Anfang 1938

692.244


 

74.900


In diesen sieben Jahren wanderten also durchschnittlich 10.700 Juden jährlich aus Rumänien aus. Die wirtschaftliche Not zwang sie auch in den folgenden Jahren zur Auswanderung, wie das Münchner Institut für Zeitgeschichte bestätigt. Es liegt auf der Hand, daß die für die Juden sich verschärfende Situation in Rumänien Ende der 30er Jahre eher noch mehr Juden veranlaßt haben muß, ihr Heil im Ausland zu suchen. Dazu zählten besonders die Juden Bessarabiens, wo nach dem Ersten Weltkrieg jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen worden waren. Viele Juden begegneten den wachsenden antisemitischen Entwicklungen, indem sie Zuflucht in der Anonymität der größeren Judengemeinden der Großstädte suchten.

Wie groß die Auswanderung in den Jahren 1938, 1939 und 1940 war, ist unbekannt. Jedoch ist es wahrscheinlich, daß die für Juden politisch und wirtschaftlich sich verschlechternde Lage eher zu einer noch größeren Auswanderung beitrug. Legt man trotzdem die durchschnittliche Auswanderung der Jahre 1931-1937 auch für die Jahre 1938-1940 zugrunde und konzediert man ferner, daß das erwähnte leichte Geburtendefizit 1939 und 1940 sich nicht weiter verschlechterte, dann können Mitte 1940 höchstens 665.500 Juden in Rumänien gelebt haben:

Stand Anfang 1938

692.244

Auswanderung 1938 bis Mitte 1940

26.750


Stand Mitte 1940

665.500


Damit hätte Rumänien 1940 91.400 oder 12,1 % weniger Juden gehabt als 1930. Die am 6. April 1941 in Rumpf-Rumänien durchgeführte Volkszählung ermittelte 315.509 Juden, von denen 291.674 in den Städten lebten[82]. Leider sind diese Zahlen mit den Volkszählungsangaben von 1930 nicht völlig vergleichbar, da 1941 die Bezeichnung »Jude« ausgeweitet wurde und alle Personen miteinschloß, die mindestens einen Elternteil mosaischen Glaubens hatten. Es ist aber unwahrscheinlich, daß dieser Umstand mehr als einige tausend Personen betraf. Subtrahiert man diesen »externen« Faktor von der offiziell ermittelten Gesamtzahl von 315.509 Juden, bleiben für den Stichtag 6.4.1941 nur noch etwa 300.000 rumänische Juden, die mit der Zählung von 1930 vergleichbar sind.

Obwohl also Rumpf-Rumänien seit 1930 28.930 Juden (9 %) verloren hatte, büßte Großrumänien zwischen Dezember 1930 und Mitte 1940 91.430 Juden (12 %) ein. Die an Ungarn, Bulgarien und die Sowjetunion im Sommer 1940 abgetretenen Gebiete hatten 1930 428.000 Juden (148.660 in Nord-Siebenbürgen, 846 in der südlichen Dobrudscha und 278.494 in Bessarabien und der Nord-Bukowina), aber in den 30er Jahren wurde ein Rückgang von 62.500 (15 %) verzeichnet.

Jüdische Bevölkerung in Rumänien

 

Dezember 1930

Vor Kriegsausbruch

Veränderungen

Zahl

%


Großrumänien

756.930

665.500 (Mitte 1940)

-91.430 -12

 

Rumpf-Rumänien

328.930

300.000 (April 1941)

- 28.930

- 9


Abgetretene Geb.

428.000

365.500

- 62.500

- 15


Dieser erheblich geringere Verlust Rumpf-Rumäniens verglichen mit den im Jahre 1940 abgetretenen Regionen hatte wohl zweierlei Gründe: Erstens befanden sich gerade im Östlichen Rumänien, also in Bessarabien, viele Juden, die während der Russischen Revolution aus der Ukraine geflohen waren; Bessarabien aber war wirtschaftlich nicht stark entwickelt. Eine Eingliederung dieser Flüchtlinge war naturgemäß nicht leicht und eine Auswanderung daher oft die einzige Möglichkeit, der wirtschaftlichen Not zu entrinnen. Aber auch die in den 30er Jahren einsetzende Industrialisierung und die damit verbundene Verstädterung verlockte viele arme Juden auf dem Lande, in die Großstadt zu übersiedeln - und in Rumänien gab es praktisch nur eine mit wesentlich über 100.000 Einwohnern, nämlich die Hauptstadt Bukarest. Die Gesamtbevölkerung dieser Stadt wuchs von 639.040 (Dezember 1930) auf 999.658 (April 1941), also um 56,4 %. Auch die jüdische Einwohnerschaft Bukarests erhöhte sich im Zuge der allgemeinen Landflucht, wenn auch nicht so schnell wie die rumänische, da die Juden im Vergleich zu den Rumänen einer Auswanderung viel mehr zugeneigt waren als einer Übersiedlung in die Großstadt. Trotzdem stieg Bukarests jüdische Bevölkerung um 14.788 von 76.480 (Dezember 1930) auf 91.268 (April 1941), also um 19,3 %[83]. Damit ist offensichtlich, daß die jüdische Bevölkerung des Gebietes, wo am 6. April 1941 die Volkszählung stattfand, in den vorhergegangenen zehn Jahren ohne Zuwanderung aus anderen Regionen beträchtlich mehr als 9 % verloren hätte.

Die Aufnahme von vielen Zehntausenden von polnisch-jüdischen Flüchtlingen im September 1939 macht eine genaue Feststellung der jüdischen Bevölkerungszahl in den abgetretenen Gebieten äußerst schwierig. Für den abgetretenen Teil Siebenbürgens gibt es zwar eine offizielle rumänische Schätzung von 148.621 Juden für den 1.1.1940[84] (Vergleich: Volkszählung vom Dezember 1930 ergab 148.660), doch wieviele jüdische Flüchtlinge aus dem polnischen Galizien darin enthalten waren, ist völlig unbekannt. Es scheint allerdings, daß die jüdische Bevölkerung Siebenbürgens schon seit der Jahrhundertwende stagnierte. So schreibt zum Beispiel das Jüdische Lexikon, daß die Volkszählungen von 1910 und 1920 für Siebenbürgen, das siebenbürgische Vorland und das Banat zusammen 172.294 bzw. 181.340 Juden ermittelt hätten[85], also eine Zunahme von lediglich 9.000 in diesem 10-Jahreszeitraum. Aber, so berichtet das Jüdische Lexikon weiter, dieses Gebiet habe in der gleichen Zeit eine große Einwanderung aus Galizien zu verzeichnen gehabt. Wie groß, weiß man nicht, doch dürfte feststehen, daß ohne diese Einwanderung kaum eine Zunahme stattgefunden haben dürfte. Es ist daher wahrscheinlich, daß Nord-Siebenbürgen - ähnlich den anderen Regionen Rumäniens - bis 1940 einen Rückgang seiner jüdischen einheimischen Bevölkerung aufwies.

Legt man auch nur einen im Vergleich zu ganz Rumänien halb so großen Rückgang zugrunde - d.h. 6 % -, dann wären zum Zeitpunkt der Abtretung an Ungarn im Sommer 1940 lediglich 140.000 Juden in Nord-Siebenbürgen beheimatet gewesen. Die Rumänen aber behaupten, daß die Ungarn in dem an sie abgetretenen Gebiet 148.621 Juden übernommen hätten - eine Zahl, die sich ziemlich genau mit einer von den Ungarn durchgeführten Volkszählung deckt[86]. Bei der Differenz von 8.621 (148.621 minus 140.000) kann es sich somit nur um Flüchtlinge aus dem polnischen Galizien vom September 1939 handeln.

Mit diesen Angaben ist es uns nun möglich, die Zahl der in den an die Sowjetunion abgetretenen Gebieten beheimateten rumänischen Juden zu ermitteln:

 

 

 

Veränderungen

 

1930

1940

Zahl

%


Alle abgetretenen Gebiete

428.000

365.500

-62.500

- 15

Nord-Siebenbürgen (ohne poln.-jüd. Flüchtlinge)

148.660

140.000

- 8.660

- 6

Südliche Dobrudscha

846

412(86)

- 434

- 51


An die Sowjetunion abgetretene Gebiete

278.494

225.088

-53.406

- 19


Eine Abnahme um 53.406, oder 19 % bei den an die Sowjetunion abgetretenen Gebieten ist in Anbetracht der Tatsache, daß die Mehrzahl der 289.083 Juden von 1930 in Bessarabien, einer wirtschaftlich schwach entwickelten Region, lebte, nicht sonderlich groß.

Allem Anschein nach fielen den Sowjets 1940 aber bedeutend mehr Juden in die Hände als die oben erwähnten 225.088 einheimischen rumänischen Juden. Als Folge des deutsch-polnischen Krieges flohen polnische Juden nicht nur in die Sowjetunion, sondern auch en masse nach Rumänien. Über die Zahl der polnisch-jüdischen Flüchtlinge in Rumänien liegen aber nur sehr vage Nachrichten vor. Eine sehr plastische, aber leider an Zahlen arme Schilderung der Flucht galizischer Juden nach Rumänien ist in J.G. Burgs Schuld und Schicksal nachzulesen.

Wir gehen davon aus, daß bis zu 100.000 Juden den Weg nach Rumänien fanden, da Meldungen in der zionistischen Presse - falls wahr - obige Zahl als durchaus realistisch erscheinen lassen. 9.000 polnisch-jüdische Flüchtlinge wurden in Nord-Siebenbürgen gefunden. Außerdem sollen 65.000 Juden, wohl zum größten Teil polnisch-jüdische Flüchtlinge, auf sowjetisches Gebiet übergewechselt sein, als die Sowjetunion die Nord-Bukowina und Bessarabien im Jahr 1940 besetzte[87]. Diese 65.000 Juden müssen also seit ihrer Ankunft aus Polen in der Süd-Bukowina oder in der Moldau gelebt haben, was im Hinblick auf die geographische Nähe Galiziens auch verständlich ist. Viele polnische Juden haben sich aber auch in der Nord-Bukowina und im nördlichen Bessarabien als Flüchtlinge aufgehalten, als die Sowjets diese Gebiete annektierten. Es ist daher wahrscheinlich, daß insgesamt mehr als 90.000 jüdische Flüchtlinge aus Polen im Zuge der sowjetischen Besetzung des rumänischen Gebietes in das Sowjetimperium aufgenommen wurden. Mit der Übernahme Bessarabiens und der Nord-Bukowina haben sich die Sowjets gleichzeitig eine jüdische Bevölkerung von 316.000 einverleibt, d.h. 225.000 plus 91.000 polnisch-jüdische Flüchtlinge.

Aber auch nach Ausbruch der Feindseligkeiten mit der Sowjetunion (22.6.1941) war es den Juden möglich, Rumänien in großer Zahl, wenn auch oftmals unter abenteuerlichen Umständen, zu verlassen. Ein Fluchtweg lief von dem rumänischen Hafen Konstanza in die neutrale Türkei: Viele Schiffe verließen diesen Hafen, teilweise sogar unter deutschem Geleitschutz, und versuchten außereuropäische Ziele zu erreichen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an das unglückliche Schicksal der jüdischen Auswanderer und Flüchtlinge auf dem Dampfer Struma, der Konstanza in Richtung Istanbul am 16.12.1941 verlassen hatte und unweit der türkischen Küste von englischen Minen versenkt wurde; von den 769 jüdischen Flüchtlingen konnten nur 2 gerettet werden[88]; ein ähnliches Schicksal wurde auch anderen Schiffen zuteil.

Reitlinger schreibt über diesen Fluchtweg: »Es war möglich, täglich einen kleinen Dampfer zwischen Konstanza und Istanbul verkehren zu lassen«[89]. Auch wenn man nur 100 Personen pro Fahrt zugrunde legt, konnten in den Kriegsjahren also ein Minimum von 100.000 Juden Europa in Richtung Naher Osten über diese Route verlassen. Über die Zusammensetzung der jüdischen Passagiere gibt es keine Informationen. Da die jüdische Bevölkerung Rumäniens nach der »Befreiung« durch die Rote Armee immer noch weit über 400.000 zählte, muß die Mehrzahl der jüdischen Flüchtlinge, die Konstanza in den Kriegsjahren per Schiff verließen, polnischer, ungarischer, tschechischer oder slowakischer Nationalität gewesen sein.

Ein zweiter Fluchtweg lief zu Land von Rumänien über Bulgarien in die Türkei und von dort weiter nach Palästina, Persien oder Übersee. Zuverlässige Zahlen über die ganze Fluchtbewegung über rumänische Häfen und durch Bulgarien liegen leider nicht vor; sicher ist nur - davon mehr im nächsten Kapitel -, daß auf diese Weise ungezählte Zehntausende europäischer Juden aus allen Ländern des deutschen Einflußbereichs entkamen. So schreibt zum Beispiel die Universal: » ... während des Zweiten Weltkriegs [half] das amerikanische Außenministerium vielen Juden, aus Rumänien zu fliehen und eine Zuflucht in der Türkei und in Palästina zu finden«[90]. Wenn man also die Fluchtbewegung einheimischer rumänischer Juden zwischen Mitte 1940 und Kriegsende auf lediglich 20.000 festlegt, dann nur, um diesen großen Flüchtlingsstrom zahlenmäßig überhaupt festzuhalten, denn tatsächlich dürfte er bedeutend, ja um ein Vielfaches größer gewesen sein.

Auch ein Vergleich der jüdischen Bevölkerungszahl vom April 1941 mit der angeblichen jüdischen Überlebendenzahl bei Kriegsende gibt keinerlei Aufschluß über das ungefähre Ausmaß der Flucht rumänischer Juden im Laufe des Krieges. Ende des Krieges erlangte Rumänien Nord-Siebenbürgen zurück, mußte aber wieder auf die schon 1940 an die UdSSR abgetretenen, doch 1941 wieder zurückeroberten Gebiete verzichten. Die Nachkriegs-»Schätzungen« beziehen sich daher auf das Rumänien in seinen heutigen Grenzen, das im August 1939 vielleicht ca. 451.000 Juden umfaßte:

Stand Anfang 1938

692.244

Auswanderung 1938 - Mitte 1939

ca. 16.000


Stand Mitte 1939 (Grenzen von 1939)

676.244

Rumänische Juden in den an die Sowjetunion abgetretenen Gebieten

225.088


Stand Mitte 1939 (Grenzen von 1945)

451.000[91]


Die Zahl der in Nord-Siebenbürgen nach Kriegsende anwesenden Juden ist ungewiß. Nach unseren Berechnungen sind im Laufe des Krieges 21.000 nach Deutschland deportiert worden, doch sollen 20.000 nach Kriegsende wieder aus den deutschen Lagern zurückgekehrt sein[92]. Andererseits sind wahrscheinlich mindestens 10.000 im ungarischen militärischen Arbeitsdienst gefallen, und wieviele in sowjetische Gefangenschaft gerieten und - ähnlich den ungarisch-jüdischen Gefangenen - nicht mehr aus der UdSSR zurückkehrten, ist gänzlich unbekannt. Wenn man die bei Kriegsanfang in Nord-Siebenbürgen lebenden 148.621 Juden um die 1.000 aus der deutschen Deportation nicht Zurückgekehrten sowie um die mindestens 10.500 Gefallenen reduziert, ist die verbleibende Differenz von 137.000 sicher immer noch zu hoch; bessere Angaben aber gibt es nicht.

In bezug auf die Zahl der »Überlebenden« sagte Dr. Isaac Glickman, ehemaliges Mitglied des Exekutivkomitees des Bundes der Jüdischen Gemeinden in Rumänien vor dem schon mehrmals erwähnten Untersuchungsausschuß des US-Repräsentantenhauses im Jahre 1954 aus - Dr. Glickman will Rumänien Ende 1947 verlassen haben -, daß Rumänien zur Zeit der »Befreiung« durch die Rote Armee 425.000 Juden beherbergte[93]. Und Herr Hilberg fand sogar 430.000 Juden im Nachkriegsrumänien[94].

Diese Zahl von 430.000 überlebenden Juden in Rumänien ist mit einiger Sicherheit etliche Zehntausend zu niedrig. Zionistische Angaben haben ganz allgemein eine Tendenz, die Überlebendenzahlen in den europäischen Ländern eher zu niedrig anzusetzen.

Wenn daher Dr. Glickman die Zahl der Juden in Rumänien zur Zeit der »Befreiung« mit 425.000 angibt, darf man sicher sein, daß diese Zahl eine Mindestzahl darstellt. Außerdem erwähnt Reitlinger ja noch 20.000 nach dem Krieg, also nach der Befreiung, aus Deutschland nach Siebenbürgen zurückgekehrte Juden, und weitere Tausende sollen nach dem Krieg aus der Sowjetunion heimgekommen sein; damit müßte die Zahl der überlebenden Juden Rumäniens eigentlich weit über 450.000 betragen haben -immerhin mindestens 20.000 mehr als Herr Hilberg gefunden haben will.

Nach unseren sehr vorsichtigen Kalkulationen hätte man nur 433.000 Juden vorfinden sollen - oder sogar noch weniger, denn die unbekannte Zahl der aus russischer Gefangenschaft nicht zurückgekehrten ehemaligen Angehörigen des ungarischen militärischen Arbeitsdienstes aus Nord-Siebenbürgen konnte auf Grund fehlender Informationen zwangsläufig nicht berücksichtigt werden, und die von uns mit 20.000 angesetzte Auswanderung zwischen 1941 und Kriegsende stellt mit ziemlicher Sicherheit nur einen kleinen Bruchteil der tatsächlichen Zahl dar.

Mit anderen Worten, bei Kriegsende befanden sich viele Zehntausende von Juden in Rumänien, die während des Krieges aus anderen Teilen des deutschen Einflußbereichs zugewandert sein müssen. Und in der Tat geht aus einem vom Internationalen Roten Kreuz im Jahre 1948 veröffentlichten Bericht über dessen Aktivitäten während des Krieges hervor, daß sich im Dezember 1944 (nach dem Rückzug der Deutschen) 6.000 ungarische Juden in Nord-Siebenbürgen aufhielten. Diese Zuwanderung nicht-rumänischer Juden während des Krieges ist aber ein weiteres Indiz dafür, daß Rumänien ungezählten europäischen Juden die Möglichkeit bot, das deutsch besetzte Europa während des Krieges über den Wasser- und Landweg zu verlassen.

Statistisch sieht die jüdische bevölkerungspolitische Entwicklung in Rumänien zwischen 1938 und Kriegsende wie folgt aus:

Bevölkerungsstand Anfang 1938

 

692.244

Auswanderung 1938-Mitte 1939

 

16.000


Bevölkerungsstand Mitte 1939

 

676.244

Aufnahme polnisch-jüdischer Flüchtlinge (1939)

 

100.000


Bevölkerungsstand September 1939

 

776.244

Von der UdSSR übernommen:

 

 

- Polnisch-jüdische Flüchtlinge

91.000

 

- Rumänische Juden

225.088


 

 

316.088

 

Von Ungarn übernommen

148.621

 

Von Bulgarien übernommen

412

 

Auswanderung 1940

10.700

475.821

 

 

 

300.423

Personen, die nach den geänderten Bestimmungen in der Volkszählung von 1941 als Juden erfaßt wurden (gesch.)

 

15.086


Bevölkerungsstand 6. April 1941

 

315.509

Auswanderung: April 1941 bis Kriegsende

 

20.000


Juden in Rumpf-Rumänien bei Kriegsende (maximal)

 

295.509

Rückgewirmung Nord-Siebenbürgens

148.621

 

Rückgewinnung der Süd-Dobrudscha

412


 

Gefallene im ungar. milit. Arbeitsdienst

149.033

 

Aus deutschen Lagern nicht zurückgekehrt

10.500

 

Rechnerische Höchstzahl der Juden in

1.000

137.533

 

Rumänien (heutige Grenzen) bei Kriegsende

 

433.000

Angeblich Überlebende lt. Hilberg

 

430.000


»Verschollen«

 

3.000


Bulgarien

Die Volkszählung von 1934 soll für Bulgarien 48.398 Juden ermittelt haben[95]. Im Jahre 1947 (!) lebten dort aber dem Year Book zufolge nur 46.500[96]; die Differenz von 1.898 dürfte entweder einem Geburtendefizit oder der Auswanderung zuzuschreiben sein, denn aus Bulgarien wurde während des Krieges kein einziger Jude deportiert[97].

Wie im nächsten Kapitel zu sehen ist, wurden in Israel zwischen dem 15. Mai 1948 und dem 31.12.1970 48.642 jüdische Einwanderer aus Bulgarien registriert. Wieviele Juden aus Bulgarien während des Krieges und gleich nach Kriegsende auswanderten, liegt ganz im Dunkel. Aber da Bulgarien, wie der Zionist Hilberg versichert, zu den Ländern gehörte, wo gleich nach dem Krieg eine Massenauswanderung am leichtesten war, kann man doch davon ausgehen, daß viele Tausende (oder Zehntausende ?) von dieser Gelegenheit vor 1947 Gebrauch gemacht hatten, um in Richtung Palästina oder Übersee auszuwandern. Weiterhin besteht kein Grund zur Annahme, daß nach dem 15.5.1948 alle bulgarischen Juden nach Israel ausgewandert sind.

1970 aber gab es immer noch 7.000 Juden in Bulgarien[98]. Da die bulgarischen Juden nicht gerade wegen großer Geburtenfreudigkeit bekannt waren, ist aus diesen Zahlen ersichtlich, daß Bulgariens jüdische Bevölkerung bei Kriegsende nicht 46.500 zählte, sondern viele Tausende, ja Zehntausende größer gewesen sein muß; auf jeden Fall aber war 56.000 (48.642 plus 7.000) eine Mindestzahl. Das aber ist nichts weiter als eine Bestätigung dafür, daß Bulgarien - genau wie Rumänien - während des Krieges ein Durchgangsland für jüdische Flüchtlinge aus Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, der Slowakei oder Polen war! Darüberhinaus liefern diese Zahlen einen weiteren Beweis dafür, wie unrealistisch niedrig die von den Zionisten veröffentlichten »Überlebenden«-Ziffern sind.

Bulgarien (1934)

48.400 Juden

»Überlebende« (1947)

56.000 Juden


»Zuwanderer«

7.600 Juden

Zusammenfassung

Anfang der 30er Jahre lebten in den später im Zweiten Weltkrieg im deutschen Einflußbereich gelegenen europäischen Ländern (ohne Sowjetunion und Baltikum) etwa 6 Millionen Juden (Tabelle 11). Bis Ende 1939 aber hatte in allein fünf Ländern - Polen, Großdeutschland, Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien - eine gewaltige Auswanderung von über 1,1 Millionen eingesetzt, hervorgerufen durch antisemitische Maßnahmen und wirtschaftliche Verelendung (siehe dazu auch das erste Kapitel). Der größte Teil dieser Auswanderung ging nach Palästina und Übersee (davon mehr im folgenden Kapitel) und in geringerem Maße nach Westeuropa. Außerdem überkompensierten andere negative Entwicklungen (Geburtendefizite in Großdeutschland und Ungarn, Glaubensübertritte in Ungarn) den relativ mäßigen Geburtenüberschuß in anderen Teilen Europas - sofern es überhaupt einen gab. Bei Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges Ende 1939 lebten also in diesen europäischen Ländern nur ungefähr fünf Millionen Juden.

Tabelle 11: Jüdische Bevölkerung im ehemals deutschen Einflußbereich in Europa (ohne UdSSR und Baltikum) von Anfang der 30er Jahre bis Kriegsende (in 1.000)


Land

Anfang der 30er Jahre

1939(b)

1941(b)

1946/48(b) »Überlebende«

in Europa(b) »verschollen«

von UdSSR(b) »vereinnahmt«


Italien, Benelux, Frankreich, Dänemark, Norwegen

470

545

525

375

134

 

Griechenland

73

65

65

12

53

 

Deutschland und Österreich

731

263

214

36

159

 


 

Ehem. besetztes Westeuropa

1.274

873

804

423

346

 


 

Jugoslawien

68

68

43

12

56

 

Ungarn, davon

 

(551)

(725)

 

 

 

   Ungarn (Trianon-Grenzen)

445

400

400

200

71

66

   Slowak. Gebiete

 

42

42

 

 

 

   Karpatho-Ukraine

 

109

109

 

 

86

   Nord-Siebenbürgen

 

 

149

 

 

 

   Serb. Banat

 

 

25

 

 

 

Tschechoslowakei, davon:

(357)

 

 

 

 

 

   Böhmen-Mähren (Prolektorat)

118

79

70

32

38

 

   Slowakei

137

85

85

50

74

 

   Karpatho-Ukraine

102

 

 

 

15

 

Rumänien

757

676

315

430

3

225

Bulgarien

48

48

48

56

- 8

 

Polen/General-Gouvernement(c)

3.114

2.664

757

83

674

1.867


Ehem. deutsch besetztes Osteuropa

4.789

4.171

2.043

863

923

2.244


 
 

Aus der UdSSR nach Polen zurückgekehrte Juden

+157


 

- 157


 

2.087


Ehemals deutsch besetztes Europa:

 

 

 

 

 

 

- Nach unseren Ermittlungen

6.063

5.044

2.847

1.443

1.269

 

- Nach AJYB-Ziffern(d)

 

6.000

 

1.410

4.590

 

 
 
 

Differenz

 

-956

 

+ 33

-3.321

 

 
 
 

Quelle:

  1. Mit Ausnahme von Deutschland und Österreich sind diese hier aufgeführten Zahlen der Tabelle 16 (8. Kapitel) entnommen. Deutschland (inkl. Danzig, Memelgebiet und Saar) hatte 1933 539.265 Juden und Österreichs Volkszählung fand lt. AJYB, 1940, Vol. 42, S. 600, 191.781 Juden.
  2. Die in dieser Spalte aufgeführten Zahlen sind mit Ausnahme der sogekennzeichneten Ziffern (Reihen »Polen« und »AJYB-Ziffern«) den landesspezifischen Angaben im 6. Kapitel entnommen.
  3. s. 1. und 2. Kapitel.
  4. AJYB, 1947, Vol. 49, S. 740.

Das Year Book irrt, wenn es die jüdische Bevölkerung dieser europäischen Länder für das Jahr 1939 mit sechs Millionen beziffert[99]. Ein Vergleich zeigt alsbald, daß das Year Book zwar die Auswanderung aus Deutschland und Ungarn (teilweise), nicht aber die aus Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei berücksichtigte. Im Gegenteil, die jüdischen Bevölkerungszahlen der letztgenannten drei Länder wurden unter Zugrundelegung unwirklich hoher natürlicher Zuwachsraten kräftig nach oben geschraubt. Der Effekt ist gravierend. Während Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei Ende 1939 tatsächlich nur noch 3,6 Millionen jüdische Einwohner hatten, besteht das Year Book immerhin auf knapp 4,5 Millionen! Wenn also, wie aus der nachstehenden Tabelle 11 ersichtlich, Ende 1939 956.000 weniger Juden in den im Kriege im deutschen Machtbereich liegenden europäischen Ländern lebten, dann stellen diese drei Länder ungefähr 90 % der Gesamtdifferenz dar. Kurz, hier sind schon beinahe eine Million Juden, die bei Beginn des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht in Europa waren, die aber nach zionistischer Statistik zwangsläufig in die »Endlösung« miteingerechnet werden. Im Jahre 1941 - vor Beginn des Rußlandfeldzuges - lebten aber in der deutschen Einflußsphäre in Europa nur noch etwa 2,8 Millionen Juden. Diese Reduzierung um 2,2 Millionen wurde hauptsächlich durch die Annektion von Teilen Rumäniens und Polens durch die Sowjetunion in den Jahren 1939 und 1940 herbeigeführt, als die dort lebende jüdische Bevölkerung und viele hunderttausend vor den deutschen Truppen nach Osten fliehende polnische Juden im Sowjetimperium verschwanden. Wir wissen heute, daß die Sowjetunion im eigenen Interesse die große Mehrheit ihrer Juden vor dem Zugriff der Deutschen in »Sicherheit« brachte. Es ist deswegen einfach nicht zulässig, die Zahl der Vermißten dadurch ermitteln zu wollen, indem die nach dem Zweiten Weltkrieg - in vielen Fällen werden die Zahlen erst für 1946 und 1947 (!) genannt - angeblich Überlebenden mit dem sogar noch um eine Million übertriebenen Bevölkerungsstand von 1939 (!) verglichen werden. Erstens gab es zwischen 1939 und 1945 noch beträchtliche Veränderungen durch Auswanderung, Geburtendefizite, Glaubensübertritte, Kriegsgefallene usw. Zweitens hatten Polen und Rumänien große Gebiets- und Bevölkerungsverluste an die Sowjetunion zu beklagen.

In der Untersuchung im zweiten und sechsten Kapitel kamen wir auf 1.443.000 jüdische Überlebende im Vergleich zu 1.410.000 des Year Book (Tabelle 11). Richtig wäre nun, die Zahl der Überlebenden mit dem Bevölkerungsstand in den europäischen Ländern im Jahre 1941 zu vergleichen und den in den Kriegsjahren eingetretenen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Auf diese Weise wurde eine Vermißten-Zahl von 1.269.000 ermittelt. Diese Ziffer liegt ca. 3,3 Millionen (!) unter der des Year Book. Der Grund ist klar: Das Year Book hatte die Vorkriegszahl um fast eine Million zu hoch eingeschätzt und die sowjetische Vereinnahmung von netto 2,1 Millionen polnischen, rumänischen, ungarischen und karpatho-ukrainischen Juden nicht berücksichtigt; zusammen also laufen allein diese beiden Unterlassungen auf eine Übertreibung der Vermißten um ca. 3,0 Millionen hinaus!

Halten wir also fest: 1941 lebten 2.847.000 Juden in den europäischen Ländern im deutschen Machtbereich (ohne die UdSSR und das Baltikum). Nach Berücksichtigung von Kriegsverlusten, Vermißten in sowjetischer Gefangenschaft, Auswanderung und Geburtendefiziten während des Krieges, der Annektion der Karpatho-Ukraine durch die Sowjetunion im Jahre 1945 und der polnisch-jüdischen Rückkehrer aus der UdSSR nach dem Krieg hätten Ende des Zweiten Weltkriegs noch 2.712.000 Juden in diesen Ländern leben müssen (1.443.000 plus 1.269.000). Auf der Basis der uns zur Verfügung stehenden zionistischen Statistiken, die sich zum großen Teil nicht einmal auf das Jahr 1945, sondern auf 1946 oder 1947 beziehen, kamen wir jedoch nur auf 1.443.000 Überlebende. Eine ähnliche Zahl, nämlich 1.269.000, scheint verschollen zu sein.


Anmerkungen

  1. AJYB, 1940, Vol. 42, S. 595.
  2. Reitlinger, Final Solution, S. 71.
  3. AJYB, 1941, Vol. 43, S. 324.
  4. ebd., S. 325.
  5. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 265.
  6. AJYB, 1939, Vol. 41, S. 585.
  7. Reitlinger, Final Solution, S. 349 und 351.
  8. AJYB, 1940, Vol. 42, S. 602.
  9. -, 1939, Vol. 41, S. 585.
  10. Reitlinger, Final Solution, S. 352.
  11. ebd., S. 329.
  12. ebd., S. 494.
  13. ebd., S. 87 und 494.
  14. ebd., S. 328.
  15. ebd., S. 349 und 351.
  16. ebd., S. 495.
  17. ebd., S. 329.
  18. ebd., S. 494.
  19. ebd., S. 328.
  20. ebd., S. 495.
  21. ebd., S. 329.
  22. ebd., S. 342 und 344.
  23. ebd., S. 494.
  24. ebd., S. 328.
  25. ebd., S. 352 und 495.
  26. ebd., S. 501.
  27. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 10, S. 36.
  28. Reitlinger, Final Solution, S. 496.
  29. Butz, Hoax of the Twentieth Century, 1977, S. 137.
  30. Hilberg, Destruction of European Jews, S. 737.
  31. ebd., S. 737,
  32. Reitlinger, Final Solution, S. 495-496.
  33. Hilberg, Destruction of European Jews, S. 670.
  34. Reitlinger, Final Solution, S. 496.
  35. AJYB, 1940, Vol. 42, S. 595-596.
  36. ebd., S. 600.
  37. Reitlinger, Final Solution, S. 492.
  38. Nach dem Statistischen Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, zum Beispiel, betrug die Sterbeziffer im Jahre 1977 für die über-46 Jährigen 3 % p.a.
  39. Reitlinger, Final Solution, S. 492.
  40. AJYB, 1940, Vol. 42, S. 595.
  41. -, 1941, Vol. 43, S. 663.
  42. Reitlinger, Final Solution, S. 492.
  43. Annuaire Statistique Hongrois 1931, Nouveau Cours XXXIX, l'Office Central Royal Hongrois de Statistique, Budapest, 1933, Tab. 10, S. 11.
  44. Magyar Statisztikai Évkönyv 1942, Új Folyam L, A Magyar Kir Központi Statisztikai Hivatal, Budapest, 1944, Tab. 11, S. 17.
  45. Annuaire Statistique Hongrois 1931, Tab. 10, S. 11.
  46. Magyar Statisztikai Évkönyv 1942, Tab. 11, S. 14-17.
  47. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 10, S. 24, schätzte Ungarns jüdische Bevölkerung zum Jahresende 1939 auf 403.000.
  48. ebd. S. 25; die Universal erwâhnte 5.250 jüdische Auswanderer bis 1939
  49. Reitlinger, Final Solution, S. 415.
  50. Publikationsstelle Wien. Die Bevölkerungszählung in Rumänien 1941 (Geheim), Wien, 1943, S. 20.
  51. Butz, Hoax of the Twentieth Century, S. 149.
  52. ebd., S. 133.
  53. ebd., S. 138.
  54. ebd., S. 138-139.
  55. ebd., S. 144.
  56. Hilberg, Destruction of the European Jews, S. 517.
  57. Encyclopaedia Judaica, Vol. 8, S. 1098.
  58. Treatment of Jews by the Soviet, 1954, S. 85-86.
  59. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 10, S. 36.
  60. Butz, Hoax of the Twentieth Century, S. 141.
  61. Treatment of Jews by the Soviet, 1954, S. 72.
  62. Butz, Hoax of the Twentieth Century, S. 139.
  63. U.S. War Refugee Board. Final Summary Report of the Executive Director, War Refugee Board, Washington, D.C., 15.9.1945, S. 42.
  64. Hilberg, Destruction of European Jews, S. 729.
  65. Reitlinger, Final Solution, S. 497.
  66. Sčítání Lidu V Republice Československe Ze Dne 1. Prosince 1930 (Díl 1.: Rust, Koncentrace A Hustota Obyvatelstva, Pohlaví, Vĕkove Rozvrstvení, Rodinný Stav, Státní Příslušnost, Národnost, Náboženske Vyznání), Vydal Státní Úřad Statistický, Československá Statistika - Svazek 98, Řada VI., Sešit 7, Prag, 1934, S. 156-190.
  67. Reitlinger, Final Solution S. 492.
  68. Institute of Jewish Affairs, Hitler's Ten-Year War, S. 304.
  69. AJYB, 1940, Vol. 42, S. 597.
  70. -, 1941, Vol. 43, S. 663.
  71. Reitlinger, Final Solution, S. 492-493.
  72. ebd., S. 492.
  73. Butz, Hoax of the Twentieth Century, S. 208.
  74. ebd., S. 137.
  75. Reitlinger, Final Solution, S. 493.
  76. Recens Recensământul General Al Populaţiei României Din 29 Decemvrie 1930, Volumul II: Neam, Limbă, Maternă, Religie; Institutul Central de Statistică, Bukarest, 1938, S. XXIV.
  77. Wirtschaft und Statistik, 2. Oktober 1941, Nr. 20, S. 392.
  78. Publikationsstelle Wien. Die Bevölkerungszählung in Rumänien 1941 (Geheim), S. 20.
  79. Recensământul General Al Populaţiei României Din 29 Decemvrie 1930, Volumul II: Neam, Limbă, Maternă, Religie; Institutul Central de Statistică, Bukarest, 1938, S. LXXXV.
  80. Anfang 1938 lebten 692.244 Juden in Rumänien (s. Fußnote Nr. 81) und Ende 1930 waren es 756.930; daraus ergibt sich ein Schnitt von 724.600 für die Jahre 1931 bis 1937.
  81. Das Institute of Jewish Affairs (Hitler's Ten-Year War, S. 83) schreibt, daß Anfang 1938 alle Juden in Rumänien aufgrund eines Gesetzes vom 21.1.1938 ihre rumänische Staatsbürgerschaft nachweisen mußten, sofern sie diese weiterhin beibehalten wollten. 617.396 ließen sich registrieren, 44.848 blieben der Registrierung fern, da sie anscheinend über keinerlei Nachweis verfügten und einer weiteren Zahl - zionistische Kreise schätzen sie auf 30.000 - wurde die Registrierung verweigert. Zusammen ergibt dies eine jüdische Bevölkerung von 692.244.
  82. Publikationsstelle Wien. Die Bevölkerungszählung in Rumänien 1941 (Geheim), S. 23.
  83. Wirtschaft und Statistik, 2.10.1941, S. 392.
  84. Publikationsstelle Wien. Die Bevölkerungszählung in Rumänien 1941 (Geheim), S. 20.
  85. Jüdisches Lexikon, Berlin (Jüdischer Verlag), 1930, Band IV/2, S-Z, S. 650-651.
  86. Reitlinger, Final Solution, S. 497.
  87. AJYB, 1941, Vol. 43, S. 330.
  88. Reitlinger, Final Solution, S. 405.
  89. ebd., S. 409.
  90. Universal Jewish Encyclopedia, Vol. 9, S. 265.
  91. Millman, Ivor. »Romanian Jewry: a Note on the 1966 Census«, Soviet Jewish Affairs, Nr. 3, Mai 1972, S. 105; dieser jüdische Autor behauptet, daß das kommunistische Volkszählungsamt Nachkriegsrumäniens die zum Zeitpunkt der Zählung von 1930 innerhalb der Grenzen des heutigen Rumäniens lebende jüdische Bevölkerung mit 452.000 angegeben habe. Wenn dies richtig ist, wäre unsere Zahl von 451.000 rumänischen Juden für das Jahr 1939 (heutige Grenzen) um mindestens 20.000 zu hoch.
  92. Reitlinger, Final Solution, S. 497.
  93. Treatment of Jews by the Soviet, S. 53.
  94. Hilberg, Destruction of European Jews, S. 737.
  95. AJYB, 1941, Vol. 43, S. 668.
  96. -, 1947, Vol. 49, S. 740.
  97. Reitlinger, Final Solution, S. 379.
  98. AJYB, 1971, Vol. 72, S. 476.
  99. -, 1947, Vol. 49, S. 740.

Zum nächsten Kapitel
Zum vorhergehenden Kapitel
Zum Inhaltsverzeichnis