Vorwort

Der in der Nähe von Düsseldorf lebende Schriftsteller Lew Kopelew feierte im April 1987 seinen 75. Geburtstag. Das blieb in Presse und Medien nicht unbeachtet. Im Gegenteil : Wie auf ein geheimes Kommando hin überboten sich die Pressekommentatoren in Lobpreisungen des Jubilars.

Er wurde gepriesen als einer, "der sich seinen idealistischen Jugendglauben an eine bessere Welt bewahrt hat". Er wurde im ARD-Fernsehen in einem langen Interview vorgestellt, in dem sich reichlich Gelegenheit bot, für die neue "Glasnost"-Strategie unterschwellig Propaganda zu machen, und in dem jede peinliche Fragestellung nach der bolschewistischen Vergangenheit Kopelews vermieden wurde.

Doch angesichts der Mittel, mit denen Lew Kopelew seinen "Jugendglauben an eine bessere Welt" als zwanzigjähriger Jungbolschewik in die politische Praxis umzusetzen versuchte, werfen diese Lobpreisungen ein mehr als merkwürdiges Licht auf die Selektions- und Propagandaprinzipien unserer Medien. Der Eindruck drängt sich auf, diese Prinzipien wären rassistisch — denn es geht in diesem Zusammenhang um nichts weniger als um den größten Völkermord unseres Jahrhunderts, um Stalins Völkermord an über sieben Millionen Ukrainern im Winter 1932/33 und um Kopelews Beteiligung an diesem Völkermord.

Die Tatsache dieses Völkermordes dringt nur sehr langsam ins öffentliche Bewußtsein. An ideologischem Sperrfeuer fehlt es nicht, zumal in unserer Republik. Bei uns wird es vielfach als unziemlich oder gar verwerflich angesehen, wenn die Aufmerksamkeit auf die Verbrechen der Bolschewisten gelenkt wird. Angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen fehle uns das Recht dazu. Erst recht sei ein Vergleich von bolschewistischen und nationalsozialistischen Verbrechen verwerflich. Das bedeute "Relativierung". Dadurch würde die "Einmaligkeit" und "Unvergleichbarkeit" der Nazi-Verbrechen in Frage gestellt. In Wahrheit aber haben die Nachkriegsideologen den Vergleich zu fürchten. Denn tatsächlich stellen die Verbrechen der Bolschewisten selbst das in den Schatten, was die schlimm-

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sten Holocaustschilderungen an Bildern und Zahlen des Schreckens hervorgebracht haben.

Die Verbrechen der Bolschewisten sind im übrigen an Ausmaß und Zahl von Fachhistorikern nachprüfbar, d.h. ihre fachhistorische Überprüfung wird nicht mittels Strafgesetz eingeschränkt. Sie können ungehindert in Zweifel gezogen werden, teilweise oder ganz abgestritten werden, ihre "moralische Höherwertigkeit" kann behauptet werden, während dies hinsichtlich des nationalsozialistischen Holocaust strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht.

In diesem Zusammenhang sei angemerkt : Natürlich können Verbrechen der einen Seite nicht gegen Verbrechen der anderen Seite "aufgerechnet" werden. Verbrechen bleiben Verbrechen. Und Schuld bleibt Schuld, unabhängig vom Ausmaß der Schuld anderer. Doch im politischen Geschehen können Verbrechen der einen Seite Verbrechen der anderen Seite fördern oder dazu aufstacheln. Auch können die Verbrechen der Bolschewisten und die Verbrechen der Nationalsozialisten gleiche oder ähnliche Voraussetzungen haben, z.B. solche ideologischer Natur. Hier ist der Historiker zum Vergleich geradezu verpflichtet. Wenn aber, so wie das heute geschieht, die Verbrechen der einen Seite ständig herausgestellt werden und zur Grundlage rechtlicher, politischer und sonstiger Konsequenzen gemacht werden, während die Verbrechen der anderen Seite überwiegend verdeckt werden und völlig folgenlos bleiben, dann führt das zu unhaltbaren Verzerrungen. Das ist neues Unrecht. Dieses politische Verhalten dient weder der Beseitigung von Ursachen vergangenen Unrechts, noch der Wiederherstellung rechtlicher Verhältnisse, noch dem Frieden und der Verständigung unter den Völkern.

Im folgenden soll ein Vergleich gezogen werden zwischen den Aussagen des amerikanischen Historikers Prof. Robert Conquest über den Völkermord Stalins an den Ukrainern und den Aussagen, die Lew Kopelew selbst in seinem Buch Und schuf mir einen Götzen (Untertitel : Lehrjahre eines Kommunisten) über seine Beteiligung und aktive Mitwirkung an diesem Völkermord auf der Seite der Täter macht. (003)

In seinem Buch The Harvest of Sorrow beschreibt Robert Conquest den Höhepunkt dieses Völkermordes so : "Ein Viertel der Landbevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, lagen tot

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oder sterbend umher, der Rest, in unterschiedlichen Phasen der Schwächung, ohne Kraft, ihre Familien oder Nachbarn zu begraben. Gleichzeitig, (wie in Belsen) überwachten wohlgenährte Polizeieinheiten und Parteifunktionäre die Opfer. Das war der Höhepunkt der "Revolution von oben", wie Stalin das nannte, mit welcher er und seine Gefolgsleute zwei Elemente vernichteten, die er als unüberzeugbar feindselig gegenüber dem Regime ansah : die Bauernschaft der UdSSR als Ganzes und die Ukrainische Nation". (012)

Robert Conquest beschreibt, wie die wohlgenährten bolschewistischen Mörder in die Bauernhäuser eindrangen und den weinenden Frauen und schreienden Kindern ihre letzten Nahrungsmittel wegnahmen, um sie dem sicheren Hungertod preiszugeben. Sie mußten dabei über die bereits Verhungerten steigen. Das in großen Mengen konfiszierte Getreide wurde entweder in den Export gebracht, oder man ließ es in den Sammelstellen verrotten. Am geplanten und absichtsvoll durchgeführten Völkermord läßt Robert Conquest keinen Zweifel aufkommen. Er vergleicht die ganze Ukraine des Winters 1932/33 mit einem riesigen Konzentrationslager.

In seinem erwähnten Buch bestätigt Kopelew grundsätzlich diese Ereignisse und seine Mittäterschaft. In den beiden Kapiteln, in denen er seine aktive Beteiligung an diesem Völkermord zugibt (— das eine trägt den Titel "Die letzte Getreidebeschaffung", das andere "Der Weg in die Hungerkatastrophe" —) kommt aber das Wort "Völkermord" nicht vor. Er bezeichnet auch sich selbst und seine bolschewistischen Mordkumpane keineswegs als Mörder. Das Ereignis selbst, die künstlich erzeugte Hungerhölle, der 7 Millionen Ukrainer zum Opfer fielen, nennt er eine "Getreideablieferungskampagne". Er schreibt wörtlich : "Meine Beteiligung an jener verhängnisvollen Getreideablieferungskampagne ist unentschuldbar und unverzeihlich. Von einer solchen Sünde betet man sich durch nichts frei. Nie kann man sie abbüßen. Man kann nur versuchen, ehrlich mit ihr zu leben". (013)

Lew Kopelew tat diese Aussage ohne Zwang. Das sei nicht verkleinert. Erst recht sollte diese Aussage nicht zum Anlaß für Häme genommen werden. Andererseits können wir nicht umhin, das Ergebnis von Kopelews "Versuch zur Ehrlichkeit" kritisch zu betrachten. Dabei geht es nicht primär um die Per-

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son Lew Kopelew, sondern um die Art des Umgangs mit diesem Komplex durch unsere Massenmedien. Kopelews Buch liest sich stellenweise wie ein weinerlicher Traktat des Selbstmitleids. Nicht den Ermordeten gehört das Mitleid dieses Autors, vielmehr bemitleidet er sich selbst, weil er zu solchen ideologischen Verirrungen fähig war. Was er anführt, klingt wie eine Litanei von Selbstrechtfertigungen. Seine ideologische Verblendung führt er auf seinen Glauben an eine bessere Welt zurück. Dieser Glaube hätte ihm und seinen bolschewistischen Mordkumpanen die Kraft gegeben, sich "jedes Mitleid mit den Opfern zu verbieten". Ja, er schreibt, er habe sich dieses Mitleid mit den weinenden Frauen und den schreienden Kindern verboten, wenn er mit seinen Mordgesellen in die Bauernhäuser eindrang und wenn sie dort die letzten Habseligkeiten konfiszierten und die letzten Nahrungsmittel zerstörten — und die Menschen dem sicheren Hungertod preisgaben. Er bringt es fertig, nicht von Mord zu reden, wenn er diese Ereignisse beschreibt. Ist das Ehrlichkeit ?

"Wir glaubten, wir mußten, wir wollten glauben, daß die schädliche Lüge des Stalin'schen Trostes notwendige Taktik eines weisen Propagandisten sei." (014)

"Ich gehörte zu denen, die diesen "Beweisen" glaubten, trotz allem, was ich schon selbst gesehen, erkannt und erfahren hatte."

"Und wir glaubten unseren Führern und unseren Zeitungen weiterhin . . . 'Getreide ist vorhanden, man muß nur den Widerstand der Kulaken brechen' . . . schrieb im Januar (1933) die Zeitschrift 'Der Dorf-Agitator'."

"Wir glaubten auch deswegen, weil die durch den chaotischen Kampf um Brot hervorgerufenen Mißstände sich ebenso chaotisch ausbreiteten und auswuchsen" (015).

So rechtfertigt sich Kopelew.

Kopelews Schwierigkeit, in dieser Angelegenheit ausreichend wahrheitsgemäß darzustellen, wird vor allem dann deutlich, wenn man seine eigenen biographischen Berichte anderen historischen Beschreibungen gegenüberstellt.

Aus der Beschreibung von Robert Conquest wird deutlich, daß die Beweggründe für diesen Völkermord u.a. ein zutiefst rassistisch motivierter Völkerhaß war, der sich sowohl an dem Bauernvolk der Ukrainer als auch an den Bauern der Sowjetunion insgesamt austobte.

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Die Bauern waren ein Teil des Volkes, der sich, wenn es darauf ankam, selbst ernähren konnte, d.h., der Bauernstand war nicht darauf angewiesen, den Priestern der neuen Erlösungsreligion aus der Hand zu fressen. Solange die Bauern sich selbst ernähren konnten, hatten sie die Möglichkeit, der Partei ein gewisses Maß an Unabhängigkeit entgegenzusetzen. Das war wohl der eine Grund für ihre Liquidierung. Dazu kommen rassistische Gründe, wie wir anschließend sehen werden.

Die Liquidierung wurde von entsprechender hetzerischer Haßpropaganda begleitet, die uns Kopelew verschweigt. Hierüber berichtet Robert Conquest, indem er den jüdischen Schriftsteller Vasily Grossmann zitiert : ". . . die Aktivisten, die der GPU bei den Verhaftungen und Deportationen halfen, waren alles Leute, die einander gut kannten, und sie kannten auch ihre Opfer, aber bei der Ausführung dieser Aufgaben wurden sie abgestumpft, verblödet . . . Sie haben die Leute mit Gewehren bedroht, so als wären sie verhext, sie haben kleine Kinder "Kulakenbastarde" genannt, schrieen sie als "Blutsauger" an . . . Sie hatten sich der Idee verkauft, die Kulaken wären Ausgestoßene, Unberührbare, Ungeziefer. Sie setzten sich nicht an den Tisch von Parasiten; das Kulakenkind war ekelerregend, das junge Kulakenmädchen war weniger als eine Laus. Sie betrachteten die sogenannten Kulaken wie Rindvieh, wie Schweine, ekelerregende Kreaturen : Die Kulaken hatten keine Seele; sie stanken; sie hatten alle Geschlechtskrankheiten; sie waren Feinde des Volkes und beuteten die Arbeit anderer aus . . . Und es durfte kein Mitleid für sie geben. Sie waren keine Menschen; es war schwer zu sagen, was sie wirklich waren — Ungeziefer natürlich !" Nach diesem Zitat schreibt Conquest weiter : "Dieser letzte Abschnitt ist von Vasily Grossmann; selbst Jude und der führende sowjetische Schriftsteller über Hitlers Holocaust, stellt er eine Analogie her zu den Nazis und Juden. Eine Aktivistin erläutert : ›Was ich mir zu jener Zeit selbst sagte, war dies : sie sind keine Menschen, sie sind Kulaken. . . . Um sie zu ermorden, war es notwendig zu verkünden, daß Kulaken keine menschlichen Wesen sind.‹" (011).

Auch bei Kopelew kommt einmal der Ausdruck "Kulakenhure" vor, als er sich erinnert, selbst mit Hand angelegt zu haben, als eine Bäuerin den in das Haus eindringenden Aktivisten ein Stück Papier verbergen wollte, indem sie versuchte, es zu verschlucken. Aber die rassistische Hetze gegen die Bauern,

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die diese millionenfachen Massenmorde begleiteten, verschweigt er uns.

Er stellt sich selbst als das Opfer einer Ideologie dar, die für ihn seinen legitimen Glauben an eine bessere Welt verkörperte.

Die Möglichkeit bleibt offen, Kopelew so zu verstehen : Um die Menschheit auf dem Weg zur Erlösung hin zum kommunistischen Paradies weiterzubringen, ist es irgendwo auch nötig, Schuld auf sich zu laden, selbst grausame Handlungen auszuführen, durch schreckliche Perioden zu gehen. Bedauernswert sind dabei vor allem die, die an die Erlösung glauben und dafür so viel Unbill verbreiten müssen, weniger die Opfer.

Diese Haltung scheint mir der seelische Grund für Kopelews Selbstmitleid zu sein.

Kehren wir bei unserer Betrachtung zurück zu den Auswahlprinzipien unserer Medien; diese Prinzipien habe ich eingangs rassistisch genannt.

Wenn unsere Medien einen Mann wie Kopelew auswählen, um ihn zu propagieren und seinen "Glauben an eine bessere Welt" zu rühmen, dann, so meine ich, müßten sie eigentlich wissen, was sie tun. Wissen sie es wirklich ? Wollen sie tatsächlich das Volk dazu erziehen, einen Menschen zu verehren, der eine Erlösungsreligion wie den Kommunismus in die politische Praxis umzusetzen versuchte ? Auf jeden Fall verschweigen sie, wie diese politische Praxis aussah. Warum ? Ist es so, daß sieben Millionen ermordeter ukrainischer Bauern nichts sind, gemessen an den "hohen Idealen" dieses "Glaubens an eine bessere Welt" ? Lautet so die Rechtfertigung der Verantwortlichen für diese Propaganda in unseren Medien ?

Wer die Berechtigung meines Vorwurfs bezweifelt, die Medien träfen ihre Auswahl nach rassistischen Prinzipien, der stelle sich vor, mit welcher Intensität die gesamte Medienlandschaft des Westens die Öffentlichkeit bombardieren würde, wäre Kopelew anderer Herkunft — also z.B. ein Österreicher oder ein Ukrainer — und wären seine Opfer Juden gewesen. Kopelews Opfer aber waren "nur" ukrainische Bauern . . .

Auch wenn man also dem heutigen Kopelew ein hohes Maß an Ehrlichkeit und ein Ringen um Wahrhaftigkeit zugestehen will, so bleibt doch die Frage an die öffentliche Moral in unserer Republik, warum man einen Mann, der sich in seiner Ju-

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gend aktiv und, wie er selbst schreibt, jedes Mitleid mit den Opfern verbietend, an der Ermordung von sieben Millionen ukrainischer Bauern beteiligt hat, zu einem Medienstar hochstilisiert.

Was ist, aus moralischer Sicht, der Unterschied zwischen einem bolschewistischen Mörder und einem Nazimörder ? Diese Frage richte ich an Presse, Medien und jene Journalisten unserer Republik, die sich in ihren Lobeshymnen auf Kopelew gegenseitig zu übertreffen suchen. (020 u. 021)

Als Kopelew mit seinen wohlgenährten bolschewistischen Kadern in jenem Hungerwinter 1932/1933 in die Bauernhäuser der ukrainischen Dörfer eindrang und den weinenden Frauen und den schreienden Kindern ihre letzten Nahrungsmittel und ihre letzte Habe konfiszierte, um sie dann dem sicheren Hungertod preiszugeben, damals war Iwan Demjanjuk ein zwölfjähriger Bauernjunge. Damals standen sich Täter und Opfer zum erstenmal auf zwei verfeindeten Seiten gegenüber. Demjanjuk hat die von Stalins Bolschewisten mit der vollen Absicht des Völkermordes geschaffene Hölle des Hungers überlebt.

1981, also fast zur gleichen Zeit, als für Demjanjuk die Verfolgung als "Naziverbrecher" begann, wurde Lew Kopelew mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

Heute werden beide im Schaufenster unserer Medien wieder einander gegenübergestellt : der eine als gefeierter Schriftsteller, der andere als Opfer eines Schauprozesses, dessen Funktion es ist, die Ukrainer als Handlanger der Nazis zu diffamieren und hinter diesem Schaufensterimage, das den Ukrainern aufgedrückt werden soll, die Opfer dieses leidgeprüften Volkes zu verbergen.

Bei aller Großzügigkeit im Verstehen, die wir im Rückblick auf die erste Hälfte unseres Jahrhunderts für notwendig erachten, um uns nicht in ewiger Rachsucht, in ewigem Nicht-Vergessen und Nicht-Verzeihen jeden lichtvollen Ausblick auf eine Welt zu verbauen, in der alle Völker gleich geachtet werden und das gleiche Recht auf Selbstbestimmung genießen, so scheint es uns doch wie Hohn auf die sieben Millionen ermordeten ukrainischen Bauern, wenn heute einer ihrer bolschewistischen Mörder von damals mit öffentlichen Ehrungen überhäuft wird und ein anderer, dessen Familienangehörige Opfer

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der bolschewistischen Hölle wurden, der selbst zu den Davongekommenen gehört, der offensichtlich — wie noch dargelegt wird — unschuldig ist und daher einen Lebensabend in Frieden verdient hätte, als Angeklagter schon vor seiner Verurteilung öffentlich verfemt und verteufelt wird.

Der Journalist Hans Peter Rullmann ist bei seinen Recherchen über den Fall Demjanjuk zu Ergebnissen gekommen, die der Presse und den Medien unseres Landes nicht opportun erschienen. Alle Presse- und Medienorgane dieses Landes hätten Gelegenheit gehabt, die Ergebnisse seiner Arbeit zu veröffentlichen. Wie auf ein geheimes Kommando hin haben sie alle abgelehnt. Ich meine, das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Selektionsprinzipien unserer Medienmacher.

Wenn Hans Peter Rullmann mit seiner Darstellung des Falles Demjanjuk nur dies erreichen sollte, daß einige Menschen in ihrem Vertrauen in die Schaufensterwelt unserer Medien- und Presselandschaft verunsichert werden, so wäre das schon viel. Insgesamt aber steht bei dem Fall Demjanjuk noch weit mehr auf dem Spiel. Der Rechtsgrundsatz "In dubio pro reo" — "Im Zweifel zugunsten des Angeklagten" — wurde und wird von der amerikanischen und von der israelischen Justiz eklatant verletzt — und die Presse schweigt zu dieser Verletzung. Das geht uns alle an. Vor allem aber stehen Leben und Existenz eines seiner elementarsten Rechte beraubten Menschen auf dem Spiel.

Ausgehend von einem Briefwechsel zwischen der Präsidentin von Americans for Human Rights in Ukraine, Bozhena Olshaniwsky, und dem Sprecher der Knesset, Dov Ben-Meir, habe ich es übernommen, nach den Ausführungen von Hans Peter Rullmann einen Überblick zu geben über die geschichtlichen Belastungen, die im Verhältnis zwischen Ukrainern und Juden eine Rolle spielen. Dadurch wird auch der geschichtliche Hintergrund deutlich, in den der Jerusalemer Schauprozeß gegen John Demjanjuk gestellt ist.

Sonnenbühl, im April 1987 Helmut Wild

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Satan vor Gericht

Ursprünglich sollte in einem weiten Sportstadion in Jerusalem über ihn gerichtet werden : in dessen Mitte der Panzerglaskäfig, in dem schon Adolf Eichmann zum Tode durch Erhängen verurteilt worden war. Doch dann entschied man sich für einen kleinen Kinosaal, nicht einmal im Zentrum der heiligen Stadt. Zwanzig Stuhlreihen, Klappstühle mit Polstern in Orangefarbe, ein Balkon mit sechs Reihen für die Presse, links das einen Meter hohe Podium für den Angeklagten sollten dem Strafprozeß gegen Iwan Demjanjuk den letzten Anschein nehmen, es könne sich um einen politischen Schauprozeß handeln, wie es die Verteidigung unterstellte.

Doch dann übertrug man den Verlauf des Prozesses in alle israelischen Schulen, denn das Strafverfahren gegen Iwan Demjanjuk erwies sich als "unschätzbare Lektion für eine neue Generation junger Israelis" (032). Die Jüdischen Nachrichten in Cleveland in Ohio, wo der als Massenmörder Angeklagte jahrzehntelang unbehelligt als braver und frommer Familienvater gelebt hatte, bis er endlich entdeckt und an Israel ausgeliefert wurde, bezeichneten den Prozeß als "Schule für das jüdische Volk" (032), aber wohl nicht nur für das jüdische. Denn die Höhepunkte des Verfahrens wurden mit Satelliten weltweit vom Fernsehen übertragen, so daß kein Zweifel an Demjanjuks Schuld aufkommen konnte : Erschüttert wurden deutsche Zuschauer Zeugen der Zeugenauftritte in Jerusalem.

Die auflagenstärkste deutsche Boulevardzeitung faßte das Grauen in einer Bildmontage zusammen : Im Hintergrund ein lachender Iwan Demjanjuk, zwei Finger zum Siegeszeichen gespreizt, davor, weinend und zusammengebrochen, eines seiner Opfer, ein Zeuge, fassungslos über die Arroganz des größten Massenmörders der Weltgeschichte. Und eine bunte deutsche Illustrierte schilderte, was inzwischen ohnehin jeder Zeitgenosse wußte : Einen Angeklagten, der "keine Miene verzieht, welche Scheußlichkeiten auch immer durch seinen Kopfhörer an sein Ohr dringen, als wolle er mit seiner Haltung dokumentieren, daß ihn der ganze Prozeß nichts angeht", eine "Bestie", so ein Zeuge, der auch heute noch, über vierzig Jahre später, jede Gefühlsre-

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gung fremd ist. Selbstverständlich glaubt die deutsche Journalistin angesichts dieses "Monsters, das auf Erden nicht seinesgleichen hat" — so ein anderer Zeuge —, "daß er schuldig ist". Es bleibt nur eine Sorge : Ob man ihm die Schuld auch beweisen kann.

Eine Nichtbeweisbarkeit der Schuld wäre fatal, denn schon in einem Befund des amerikanischen Justizministeriums, das Demjanjuks Auslieferung an die Justiz Israels veranlaßte, ist von seiner "Mitverantwortung für den Tod von 500 000 Männern, Frauen und Kindern" die Rede (056), gemäß anderer Quellen eine Untertreibung. Denn während deutsche Gerichte, die die Verbrechen im Konzentrationslager Treblinka schon in zwei langen Prozessen durchleuchtet haben, von sogar 820 000 Opfern allein in diesem KZ ausgehen, versichert Franszek Zabecki, Bahnhofsvorsteher von Treblinka, der alle ankommenden Transporte von Juden auf einer Tafel ankreidete : "Ich war dort, ich habe es jeden Tag niedergeschrieben. 1 200 000 haben sie ermordet, nicht mehr und nicht weniger." (033)

An Zahlen gemessen wird Iwan Demjanjuk nur noch von Adolf Eichmann übertroffen, dem 6 Millionen getötete Juden zur Last gelegt wurden. Doch Eichmann war, so die Anklage, nur ein Schreibtischtäter, ein "Bürokrat des Todes", dem persönlich kein einziger Mord nachgewiesen werden konnte, während Demjanjuk der "Maschinist des Todes" war : Denn er trieb, wie der Prozeß ergab, die Juden selbst in die Gaskammer und betätigte dann den Motor, der sie tötete, und noch schlimmer : Demjanjuk ging durch völlig unnötige Grausamkeiten weit über das hinaus, was ihm aufgetragen war. Er soll, "während er an der Gaskammer arbeitete, Juden sogar die Ohren abgeschnitten" und ihnen dann, vor dem Tod durch Vergasen, als Erinnerung in die Hände gedrückt haben. Er "erschoß, erschlug, erstach, erwürgte" seine Opfer, "peitschte sie zu Tode oder ließ sie verhungern", wie man schon in den Vereinigten Staaten festgestellt hatte.

"Hier muß" so eine überregionale deutsche Tageszeitung aus Bonn in einem Bericht direkt aus Jerusalem, "die Anklage nicht die Verbrechen beweisen, die durch eine Fülle von Dokumenten wie auch durch noch lebende Zeugen überwältigend belegt sind", wodurch sich der Demjanjuk-Prozeß von "allen

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bisherigen Kriegsverbrecherprozessen" unterscheide. Und allein die Zeugen, die der Reihe nach auftraten, bewiesen der ganzen Welt, was sich hinter dem "ungeschlachten, breitflächigen Gesicht mit schmalem Mund und fleischiger Nase" und der "fliehenden Stirn" des Angeklagten, einem Gesicht, das "auf Anhieb kein Vertrauen erweckt", verbirgt : der Teufel in Person.

Pinhas Epstein, der mit 17 Jahren nach Treblinka kam, erinnert sich im Zeugenstand : "Iwan hat den Kopf eines Mannes zwischen die Stacheldrähte gedrückt und ihn langsam zu Tode stranguliert", obgleich sich das Opfer bereits auf der "Himmelstraße" befand, die direkt in der Gaskammer endete, also ohnehin schon zum Tode verurteilt war. Epstein rang jetzt, als er dem Massenmörder gegenüberstand, vergeblich nach Worten über den Mann, der "lachte, wenn er die Toten sah" : "Ich finde keine Worte, keine Bezeichnung für ihn. Es gibt nichts auf der Welt, womit man ihn vergleichen könnte." Iwan Demjanjuk, das ist der Satan, der einem Mädchen, das nach seiner ermordeten Mutter schrie, befahl, sich auf den Rücken zu legen : "Dann hat er einen jungen Gefangenen gezwungen, das Kind zu mißbrauchen. Der Gefangene hat sich auf das Mädchen gelegt, aber er konnte es nicht tun. Da hat Iwan das Mädchen erschossen." Demjanjuk hört sich diese Anklagen mit "der Starrheit einer Statue" an, als sei er insgeheim mit jenen, die ihn jetzt verfolgen, einig. Denn natürlich, so sagt der aus Deutschland stammende Jude Bron, "geht es hier gar nicht um Demjanjuk. Es geht nur darum, diese Geschichten zu hören. Dies ist der einzige Grund für diesen Prozeß."

Nicht alle sehen dies so. Moishe Locker, ein Makler aus Tel Aviv, mußte vom Gerichtsvorsitzenden, Dov Levin, des Saals verwiesen werden, denn er störte sich an der Gleichgültigkeit, mit der der Angeklagte das Verfahren über sich ergehen ließ, und brach deshalb in Schreie aus. Zwar war Locker niemals selbst in Treblinka gewesen, aber er kann "instinktiv sagen, wer ein Mörder ist oder nicht." Locker empört : "Wie bequem er da sitzt." Der Richter untersagte es dem empörten Mann, in den Gerichtssaal zurückzukehren, aber als der Zeuge Epstein aus dem Publikum mit lautem Beifall Dank für seine Aussage erhält, duldet das Gericht diese Manifestation. Der Staatsanwalt erhält richterliche Anweisung, mit den Zeugen schonend umzugehen. So kann der Zeuge Gustav Borax, heute 87 Jahre alt, un-

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ter Weinkrämpfen beschreiben, wie Iwan gefangenen Frauen mit seinem Bajonett "ganze Stücke Fleisch aus dem Körper schnitt".

Die Anklage gegen Iwan Demjanjuk lautet, er sei während des Krieges auf der Krim in deutsche Hände gefallen, habe sich aus einem Kriegsgefangenenlager heraus den Deutschen als Hilfswilliger angeboten, sei daraufhin in einem SS-Lager bei Trawniki für den Dienst in einem Massenvernichtungslager ausgebildet und anschließend nach Treblinka versetzt worden, wo er bis zur Auflösung des Lagers in der beschriebenen Weise tätig war. Nach 1945 habe er sich versteckt gehalten, um 1952 in die Vereinigten Staaten auszuwandern, wobei er den amerikanischen Einwanderungsbehörden natürlich seine Rolle als "Schlächter" des jüdischen Volkes verschwieg.

"Iwan der Schreckliche" verteidigt sich mit der Behauptung, er sei niemals in Trawniki oder Treblinka oder in einem anderen deutschen Vernichtungslager gewesen, und die Anklage beruhe auf einer Personenverwechselung. Die Verteidigung, ein amerikanischer und ein israelischer Anwalt, bestreiten nicht die Vorgänge in Treblinka; einziges Ziel der Verteidigung ist es, die Unschuld Iwan Demjanjuks zu beweisen. Dagegen sprechen die Zeugen und als einziges materielles Beweismittel ein Dokument, aus dem entnommen werden kann, daß Demjanjuk tatsächlich in Trawniki gewesen sei : Es trägt die Unterschrift des ehemaligen Kommandanten von Trawniki, Streibel, der noch kurz vor seinem Tode in einem Altersheim bei Hamburg die Echtheit seiner Unterschrift bestätigte. Diese Unterschrift wurde auch von der Hamburger Staatsanwältin Graben eindeutig identifiziert. Denn sie hatte in einem Strafprozeß, der gegen Streibel in der Hansestadt geführt worden war, solche Unterschriften sehr oft gesehen : Streibel war damals freigesprochen worden, denn das deutsche Gericht war nicht zur Überzeugung gekommen, daß Streibel vom späteren Einsatz der von ihm ausgebildeten "Trawniki-Männer" in deutschen Konzentrationslagern auf polnischem Gebiet etwas wußte.

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Freispruch wäre Schande

Angefangen von den Zeugen bis hin zum "Dienstausweis", ausgestellt von der Lagerverwaltung in Trawniki, stand Demjanjuk einer lückenlosen Beweiskette gegenüber. An seiner Verurteilung bestand von Anfang an kein Zweifel, nur diskutierte man noch die Frage, ob er, wie Eichmann, aufgehängt oder zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden sollte. Denn schon während der Vorbereitung des Strafprozesses gegen Iwan Demjanjuk erklärte Israels Justizminister Mosche Nissim, der das Auslieferungsbegehren an die USA selbst unterzeichnet hatte, es wäre "eine Schande für den Staat, wenn ein solcher Angeklagter freigesprochen würde und wir ihn dann zurückschicken müßten." (034)

Auch in einem demokratischen Staat mit fairer Justiz sind solche Regierungserklärungen nicht dazu angetan, unabhängige Richter zu einem Freispruch zu ermutigen. Auch die demonstrative Teilnahme des israelischen Regierungschefs während der Hauptverhandlung und vor allem die Einführung des Strafverfahrens in das Unterrichtsprogramm der israelischen Schulen sind sicher keine Beiträge zur Wahrheitsfindung, (035) denn sollte man etwa der israelischen Jugend und, schlimmer noch, der ganzen Welt erklären, man habe sich einfach in der Person des Angeklagten geirrt ? Mark O' Connor, der amerikanische Anwalt aus Buffalo, der die Verteidigung Demjanjuks übernommen hatte, gab sich zwar von Anfang an Mühe, dem Gericht auch für den Fall, daß Demjanjuk freigesprochen werden müßte, goldene Brücken zu bauen : der Amerikaner redete das Gericht sogar in Hebräisch an und ließ nie einen Zweifel daran aufkommen, daß es ihm allein um Iwan Demjanjuk ging. Der am jüdischen Volk begangene Holocaust stand für ihn nie zur Diskussion.

Aber noch bevor das Gericht die Identität des Angeklagten überprüft hatte, waren die vielen Zeugen aufgerufen worden, die ein breites Panorama des Holocaust entwarfen, und deren erschütternde Aussagen in Wiedererkennungsszenen gipfelten : Ja, dies ist Iwan der Schreckliche ! Wieviel Glauben würde man den Zeugen noch schenken, wenn sie sich in der Person geirrt haben sollten ? Würde man dann noch an den Rest ihrer Aussa-

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gen, an ihre Darstellungen über den stattgefundenen Holocaust glauben ?

Iwan Demjanjuk mußte nicht nur für schuldig befunden werden. Mehr noch. An seiner Schuld durfte kein einziger Zweifel aufkommen. Aber war die Beweiskette gegen Demjanjuk wirklich so lückenlos ? Selbst Justizminister Mosche Nissim äußerte Bedenken : Plötzlich erklärte er, er sei gegen die Auslieferung von Kriegsverbrechern an Israel, es sei denn, daß die Beweise völlig unwiderlegbar seien. Nur : Iwan Demjanjuk "leugnet konsequent." (036)

Nissim deutete plötzlich an, er habe gar nicht aus eigenem Willen, sondern unter Druck den Auslieferungsantrag gestellt, denn auch Richter Jaakov Maltz vom obersten Gerichtshof war vom Beweismaterial, das die Anklage vorlegte, kaum beeindruckt (037). Während er zum Entlastungsmaterial der Verteidigung meinte, es habe "noch nicht solche Beweiskraft, daß es zu einer Einstellung des Verfahrens ausreicht", erklärte er zum Belastungsmaterial der Anklage, es sei so wenig konkret, daß es kaum geeignet sei, das Gericht von der Notwendigkeit einer Verlängerung der Untersuchungshaft zu überzeugen, und das nach neun Jahren Ermittlungstätigkeit (038). Der für April 1986 geplante Prozeßbeginn mußte immer wieder verschoben werden, denn die Staatsanwaltschaft brachte zunächst nicht einmal eine Anklageschrift zustande. (039)

Generalstaatsanwalt Yosef Harish begründete dies mit "geheimem Material", das ihm vorliege und das erst noch studiert werden müsse. Außerdem seien im Ausland noch immer "intensive Nachforschungen" der israelischen Polizei im Gange, so daß es unmöglich sei, gesetzte Termine einzuhalten (040). Wie sich erweisen wird, lohnt es sich, zur Bewertung des Demjanjuk-Prozesses den Spuren dieser israelischen Polizeifahnder zu folgen. Denn die Methoden, mit denen sie, auch in der Bundesrepublik Deutschland, in Torschlußpanik Beweise gegen Demjanjuk suchten, verdienen eine eigene Untersuchung.

Plötzlich registrierte Ephraim Lahav, der Israel-Korrespondent der Bonner Tageszeitung "Die Welt", daß "Demjanjuk kein Gesprächsstoff mehr ist"; an seinem Fall herrsche überraschenderweise in Israel "viel weniger Interesse", als man angenommen habe (041). Und nach Feststellungen der israelischen Zeitung Haaretz "braucht man kein hochentwickeltes Gehör, um

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das vorläufig noch unterschwellige Geflüster zu vernehmen, das den Prozeß gegen Demjanjuk als überflüssig erachtet." (042) Haim Cohn, ehemaliger Generalstaatsanwalt und oberster Richter in Israel, äußerte, er würde mit dem vorliegenden Beweismaterial keine Anklage gegen Demjanjuk erhoben haben (043). Auch Israels Erziehungsminister, Yitzhak Navon, gab bei einem Besuch bei Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel zu bedenken, daß es "in Bezug auf Demjanjuk Zweifel daran gibt, ob er es wirklich ist". Er hoffe auf einen Schuldspruch, denn "es wäre eine Tragödie, wenn er es gar nicht ist." (044) Am besten wäre es, wenn der Prozeß recht bald zu Ende gehe.

Tuviah Friedman, Direktor des israelischen Dokumentationszentrums für die Untersuchung von Nazi-Kriegsverbrechen mit Sitz in Haifa, glaubte von vornherein nicht, daß ein Prozeß möglich wäre. Er war sogar gegen die Auslieferung Demjanjuks an seinen Staat : "Erstens wird es zwei Jahre dauern, bevor man überhaupt mit dem Prozeß beginnen kann. Und während dieser ganzen Zeit werden wir in den Zeitungen, im Rundfunk und Fernsehen über die Endlösung hören. Nach vierzig Jahren werden alle Wunden wieder aufgerissen. Aber wer hat dies nötig ? Israel muß ganz andere Probleme lösen." (045) Was Friedman am meisten fürchtete : Selbst dann, wenn Demjanjuk verurteilt wird, "würde er für den Rest seines Lebens in den Schlagzeilen bleiben."

Denn selbst dann, wenn Demjanjuk letztlich doch seine Schuld zugeben würde, blieben Zweifel übrig, nicht nur am Verfahren gegen Iwan Demjanjuk. Solche Zweifel wurden schon während des Prozesses in Jerusalem öffentlich geäußert, selbst im Plain Dealer, der ältesten Zeitung des US-Staates Ohio, die zunächst alle Zeugen, die Demjanjuk entlasten wollten, als "Nazis" bezeichnet hatte. Im März 1987 hieß es in dieser in Demjanjuks amerikanischer Heimat am weitesten verbreiteten Zeitung plötzlich :

"Israel hatte im Fall 'Demjanjuk' eine Gelegenheit, der ganzen Welt zu zeigen, daß man sich den Prinzipien eines fairen Gerichtsverfahrens verpflichtet fühlt, selbst dann, wenn sich erweisen sollte, daß er nicht der Mann ist, der für Torturen und den Tod die Verantwortung trägt. Leider hat Israel diese Gelegenheit an sich vorübergehen lassen." (046)

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Ein neuer "Fall Dreyfus"

Im Strafverfahren gegen Eichmann hatte man es noch hingenommen, daß der Staatsanwalt, damals Gideon Hausner, an die Richter appellierte, ihren subjektiven Gefühlen zu folgen : "Niemand kann von ihnen, den Richtern, angesichts des Völkermordes Objektivität verlangen, und wenn es in der Welt jemanden gibt, der sich zu einem solchen Verbrechen neutral einstellt, hat er sich als Richter selbst disqualifiziert." (046)

Demgegenüber wurden im "Fall Demjanjuk" erhebliche Zweifel laut : An der Objektivität jener US-Behörden, die an der Auslieferung Demjanjuks aktiv mitwirkten, an der Voruntersuchung israelischer Behörden und den dabei angewendeten Methoden, an sämtlichen Beweismitteln, vor allem aber an den Zeugen. Doch wenn aus dem Holocaust nur sehr Wenige lebend hervorgegangen sind und von diesen ohnehin wenigen Augenzeugen heute nur noch sehr wenige leben, genügt schon falsche Erinnerung, alles in Zweifel zu ziehen, worauf die Erinnerung an den Holocaust beruht. Mit anderen Worten :

Bliebe an der Schuld Iwan Demjanjuks und an den Aussagen der Zeugen nur der geringste Zweifel haften, könnte der Prozeß gegen "Iwan den Schrecklichen" genau das Gegenteil von dem bewirken, was man mit ihm beabsichtigte : Jede falsche, jede irrtümliche oder sogar bewußt erlogene Aussage würde jenen, die bereits von dem "Mythos Holocaust" als der "größten Geschichtslüge des XX. Jahrhunderts" reden, Wasser auf die Mühlräder schütten, ganz nach der einfachen Regel : "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht." Dies war der Grund, weshalb angesehene Vertreter des Judentums plötzlich den Sinn und die Nützlichkeit des Strafverfahrens gegen Iwan Demjanjuk bezweifelten : "Nur kein Schauprozeß", warnte Haaretz, denn Israels Öffentlichkeit "verfolgt den Fall Demjanjuk mit gemischten Gefühlen." (048)

Natürlich gab es unter den Zweiflern auch solche, die an unmittelbarere Folgen eines Scheiterns des Strafverfahrens gegen Iwan Demjanjuk dachten : Mit der Auslieferung Demjanjuks aus den Vereinigten Staaten an Israel war ein Präzedenzfall geschaffen worden. Die amerikanische Regierung hatte den

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Staat Israel als legitimen Vertreter aller Juden in der Welt anerkannt, indem man Demjanjuk gerade an diesen Staat auslieferte, dessen Bürger Demjanjuk nie gewesen war, auf dessen Gebiet er nie ein Verbrechen begangen hatte. Die USA hatten sich mit der Auslieferung über bisher geltendes internationales Recht hinweggesetzt, demzufolge Demjanjuk allenfalls an Polen als Tatort der ihm zur Last gelegten Verbrechen oder an die Sowjetunion als dem Staat, dessen Staatsangehörigkeit er damals besaß, ausgeliefert werden konnte : nur hatten weder die Sowjets noch die Polen seine Auslieferung gefordert.

Die Auslieferung an den Staat Israel und seine Verurteilung sollte nicht etwa der juristische Schlußpunkt, sondern erst der Startschuß für immer neue Auslieferungen und Kriegsverbrecherprozesse sein. Allein die in einem alten Frauengefängnis in Ludwigsburg beheimatete deutsche Zentralstelle zur Verfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen erhielt noch während des Demjanjuk-Prozesses neue Listen mit rund 30 000 Namen, denen sie nur nachgehen kann, wenn sie ihren Personalstand über vierzig Jahre nach Kriegsende weiter aufstockt : wobei diese fast endlosen Namenslisten unmittelbar nach Kriegsende angelegt wurden, in aller Hast und schon damals auf Grund so unsicherer Zeugenangaben, daß sich daraus heute kaum noch ein Strafverfahren konstruieren läßt. Die meisten sind längst verstorben. Ob so die Erinnerung an den Holocaust bis ins nächste Jahrtausend wachgehalten werden kann ist fraglich. Denn greisen NS-Tätern, die — wie kürzlich in Westberlin — auf Krankenbahren in die Gerichtssäle getragen werden müssen, schlägt eher Mitgefühl als Haß entgegen. Als z.B. 1986 der ehemalige kroatische Innen- und Justizminister Dr. Andrija Artukovic auf einer solchen Bahre an die kommunistischen Behörden Jugoslawiens ausgeliefert wurde, erhielt er von der Bevölkerung flugs den Kosenamen "Archy"; vor allem Jugendliche, die keine Erinnerung mehr an den unabhängigen Staat Kroatien haben, lassen den zum Tode verurteilten Greis heute in selbstgedichteten Liedern als Helden hochleben; und so erscheint selbst dann, wenn Artukovic und sein unabhängiger Staat so verbrecherisch waren, wie man es im Strafverfahren gegen ihn darstellte, am Ende er als das Opfer zumal die Belgrader Presse in diesem Fall gezwungen war, den

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Kronzeugen gegen den Angeklagten als "Lügner" zu bezeichnen.

Demjanjuk aber war schon für viele zum Heiligen geworden, ehe das Gericht über seine Schuld oder Unschuld befunden hatte : Freunde, die er in den USA zurückgelassen hatte, verglichen ihn mit sogar Jesus Christus. Wie eine Bombe schlug aber ein, was in den USA Pat Buchanan erklärte : Iwan Demjanjuk sei nur mit Dreyfus zu vergleichen. Denn Patrick Buchanan, der das Verfahren gegen Demjanjuk als "Hexenjagd" bezeichnete, war, als er dies schrieb, Assistent des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan.

Buchanan in der "Washington Post" : "Demjanjuks Leben ist in den letzten neun Jahren völlig zerstört worden. Man hat ihn erniedrigt, von aller Gnade ausgeschlossen, ihn wie keinen anderen Amerikaner dieser Zeit gebrandmarkt. In den finanziellen Untergang getrieben und ausgeliefert, um sich am selben Ort vor Gericht wieder zu finden, wo schon Adolf Eichmann stand. Für immer ist sein Name und der seiner ganzen Familie stigmatisiert worden. Er wird als größtes sadistisches Monstrum in einem der größten Massenmassaker der Geschichte eingehen. Wenn Iwan Demjanjuk "Iwan der Schreckliche" ist, hat er das alles verdient. Aber wenn er es nicht ist, ist Demjanjuk nach meiner Ansicht das Opfer einer Dreyfus-Affäre in Amerika." (049)

Erinnern wir uns : Alfred Dreyfus, französischer Hauptmann jüdischer Herkunft, wurde 1894 wegen Landesverrats verurteilt und deportiert, 1899 begnadigt und 1906 freigesprochen und rehabilitiert, nachdem die ihn belastenden Dokumente als Fälschungen erkannt worden waren.

Doch abgesehen von der ständigen Weigerung Demjanjuks, seine Identität mit jenem "Iwan dem Schrecklichen" von Treblinka zuzugeben, was ihm eher als Zeichen seiner Verstocktheit und mangelnder Reue angerechnet wurde, ist von den Argumenten seiner Verteidigung, die für seine Unschuld sprechen, fast nichts bis in die Öffentlichkeit vorgedrungen, vor allem nicht in die deutschen Medien, an der Spitze das deutsche Fernsehen, das nur äußerst suggestive Prozeßhöhepunkte zeigte : Erregte jüdische Zeugen, die Demjanjuk nach einem Blick in die Augen an diesen wieder erkannten. Für einige Zeitungen ist Demjanjuk schon nicht mehr Iwan Demjanjuk, sondern einfach Iwan der Schreckliche — ohne Anführungszeichen.

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Doch in diesem Buch soll von den "vielen eigenartigen Dingen" die Rede sein, die Buchanan in dem Verfahren gegen Demjanjuk entdeckt hat.

Wer ist Iwan Demjanjuk ?

Aber zunächst sollte ein Blick auf jenen Teil der Vergangenheit Iwan Demjanjuks geworfen werden, der unumstritten ist, an dem weder die Anklage noch die Verteidigung zweifeln.

Iwan Demjanjuk wurde 1920 in einem ukrainischen Dorf geboren, am 3. April. Seine Geburt stand unter einem ungünstigen Stern, denn unmittelbar nach der bolschewistischen Revolution war dort eine unvorstellbare Hungersnot ausgebrochen, die damals die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich lenkte.

Die Hungersnot von 1921

Ein großer Unterschied zu dem gewollt herbeigeführten Terrorhunger im Jahre 1932/33, der vor der Weltöffentlichkeit geheim gehalten wurde, liegt in der Tatsache, daß diese erste Hungerperiode offiziell zugegeben wurde und sogar Hilfe aus dem Ausland angefordert wurde. Ursache für die Hungersnot der Jahre 1921/22 waren die stufenweise verschärften Anordnungen Lenins zur Getreideablieferung, die schließlich darin gipfelten, daß der Eigenbedarf der Bauern bei der Festlegung der Ablieferungsquoten nicht mehr berücksichtigt werden sollte. Eingehend berichtet hierüber Prof. Robert Conquest in seinem Buch The Harvest of Sorrow, S. 53ff.

Diese Hungersnot von 1921/22 traf alle Regionen der Sowjetunion, die Ukraine aber besonders hart. Das lag daran, daß die Moskauer Regierung die westlichen Hilfsorganisationen mit voller Absicht lange Zeit von der Ukraine fernhielt. Als die amerikanische Hilfsorganisation American Relief Administration (ARA) und die ihr angeschlossenen Hilfsorganisationen ins Land gerufen wurden, hielt man diese noch fast ein Jahr lang von der Ukraine fern. Die amerikanische Hilfe setzte im August 1921 ein. Aus dieser Zeit gibt es Berichte, daß sowohl

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im August 1921 als auch im August 1922 jeweils 10,6 Millionen Zentner ("hundredweights") Getreide aus der Ukraine heraustransportiert wurden, um damit andere Gebiete, vorzugsweise russische Regionen, zu versorgen. Dies, obwohl die Hungersnot in der Ukraine am stärksten tobte. Erst vom April bis Juni 1922, als die Hungersnot ihren Höhepunkt erreichte, durfte die ARA auch in der Ukraine mit Hilfeleistungen beginnen. (001)

Insgesamt fielen dieser Hungersnot in dem neugeschaffenen Arbeiter- und Bauernparadies rund fünf Millionen Menschen zum Opfer. Davon waren, nach vorsichtigen Schätzungen, fast drei Millionen Ukrainer. Näheres darüber enthält die Veröffentlichung Ukraine and Ukrainians, Ukapress 1985, S. 73. In diesen Ereignissen und Zahlen kommt der besondere Haß der bolschewistischen Führung in Moskau gegenüber den Ukrainern bereits in den ersten Jahren des Sowjetreiches zum Ausdruck.

Das Ausmaß dieser Hungerkatastrophe war so gewaltig, daß amerikanische Hilfsorganisationen ein Jahr nach der Geburt Iwan Demjanjuks einen Plan zur Versorgung der verhungernden Ukrainer ausarbeiteten und dabei erste Erfahrungen mit dem Kommunismus an der Macht machten. Denn die Mitarbeiter der American Relief Administration (ARA), die zur Bekämpfung der Hungersnot in der Sowjet-Ukraine zunächst einreisen durften, wurden von den bolschewistischen Machthabern nicht etwa als Freunde und Retter, sondern als verdächtige Feinde, wie Agenten, behandelt. Die "Tscheka", damals noch keine Geheimpolizei, sondern eine völlig offen auftretende Vorläuferin der GPU, des NKWD und heutigen KGB, bezichtigte die amerikanischen Helfer, Spione zu sein, was dazu führte, daß diese Hilfe, ohne Rücksicht auf das Schicksal der notleidenden Ukrainer, wieder eingestellt werden mußte. Ukrainer, die zeitweise zusammen mit der ARA Lebensmittel verteilt hatten, wurden verhaftet und erschossen. Die ukrainische Bevölkerung reagierte auf diesen Terror und den Zynismus der sowjetischen Behörden mit Bauernaufständen.

Anhaltende Aufstände

Der Widerstand des gesamten ukrainischen Volkes gegen das bolschewistische Moskau führte von Anfang an zu Aufstän-

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den und Befreiungskriegen. Die erste sowjetische Regierung zu Beginn des Jahres 1918 konnte sich in der Ukraine nur einige Wochen halten. Von Anbeginn an zeigte die bolschewistische Unterdrückung der Ukraine einen anti-ukrainischen Charakter, den man eigentlich nur mit einer Art "anti-ukrainischem Rassismus" richtig beschreiben kann. So ließ der erste Tscheka-Chef in Kiew, der Nichtukrainer Latzis, jeden auf offener Straße standrechtlich erschießen, der es wagte, in der Öffentlichkeit Ukrainisch zu sprechen. Dieses mit brutalsten Mitteln durchgesetzte Verbot der ukrainischen Sprache kennzeichnet die Situation in der Ukraine während der ganzen Folgezeit — bis heute. Perioden extremer Unterdrückung wurden jeweils abgelöst von Zeiten, in denen Zugeständnisse gemacht wurden, um eine gewisse Befriedung zu erreichen. Selbst die Gründung einer eigenständigen ukrainischen kommunistischen Partei wurde nicht gestattet. Der Nichtukrainer Jakob Swerdlow (Yakov Sverdlov), Präsident des ersten zentralen Exekutivkomitees in der Sowjetunion, ein getreuer Gefolgsmann Lenins, sagte : "Die Gründung einer eigenständigen, ukrainischen Partei, wie auch immer sie sich nennen würde und welches Programm sie auch übernehmen würde, betrachten wir nicht als wünschenswert". (Siehe R. Conquest, The Harvest of Sorrow; S. 45 ff.). Der bolschewistischen Führung ging es von Anfang an um die Auslöschung der ukrainischen Nation.

Entsprechend erbittert wurden die Kämpfe gegen dieses Regime geführt. Allein in der kurzen Zeit von April bis Juli 1919 gab es laut Conquest (S. 38 ff.) etwa 300 Revolten und bewaffnete Aufstände gegen das verhaßte Regime.

Die dritte und endgültige sowjetische Besetzung der Ukraine wurde im März 1920 vollzogen. Der letzte Widerstand regulärer ukrainischer Einheiten wurde im November 1920 gebrochen.

Im Kampf um die Sprache vertrat einer von Lenins führenden Leuten, der Nichtukrainer Zinoviev (— richtiger Name : Apfelbaum —) die Auffassung, die ukrainische Sprache müsse auf einige ländliche Gebiete beschränkt bleiben.

Aber diese Auffassung wurde schließlich auf dem fünften Parteikongreß vom 17.-20. November 1920 verworfen. Unter anderem setzte sich der Ukrainer Skrypnyk (Mitglied des zentralen Exekutivkomitees) für gewisse Zugeständnisse in der

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Frage der Sprache ein, um eine Befriedung des Landes zu erreichen.

Solche Zugeständnisse waren meist rein taktischer Art. So konnte durch Zugeständnisse im Bereich Sprache und Kultur eine Beruhigung der städtischen Bevölkerung und Intelligenzschichten erreicht werden, um gleichzeitig die Unterdrückung der Bauern zu verstärken. In den Dörfern war es zunächst Ziel der bolschewistischen Politik, die verschiedenen Schichten gegeneinander aufzuhetzen und auszuspielen. So äußerte Sverdlov im Mai 1918 in einer Denkschrift an das Zentrale Exekutivkomitee :

"Wir müssen uns des Problems der Klassenaufspaltung der Dörfer mit allem Ernst annehmen, der Schaffung zweier gegensätzlicher, feindlicher Lager, indem wir die ärmsten Schichten der Bevölkerung gegen die Kulaken aufbringen. Nur wenn es uns gelingt, die Dörfer in zwei Lager zu spalten, den gleichen Klassenkrieg in den Dörfern wie in den Städten zu entfachen, nur dann werden wir in den Dörfern das erreichen, was wir in den Städten bereits erreicht haben." (001).

Lenin bekannte 1918 ganz offen : "Kleinbürgerliche Eigentümer sind willens, uns, das Proletariat, zu unterstützen, um die Landeigentümer und Kapitalisten zu vertreiben" : Und er fuhr fort : "Danach müssen wir in den entschiedensten, gnadenlosesten Kampf (auch) gegen sie eintreten." (109). So sah also das Programm der Bolschewisten in ihrem Vorgehen gegen die Landbevölkerung aus. Jedoch konnte die Solidarität in den Dörfern durch diese Vorgehensweise nicht gebrochen werden. Aber gemäß dieser Theorie wurde der "Kulak" als eine mehr oder weniger mythische Figur geboren : der Kulak als Ausbeuter, gegen den alle anderen Schichten Krieg machen. Die Realität ging allerdings einen anderen Weg. Die Antikulaken-Kampagnen waren begleitet von Getreide-Requirierungen und dieser Raub des Getreides führte zu einem unbeugsamen Krieg der Bauern — aller Bauern, ob klein, ob groß — gegen das bolschewistische Terrorregime. Der Bauernkrieg weitete sich immer mehr aus. In Kronstadt eroberten die Bauernarmeen die Kanonen der Seestreitkräfte. Es waren schließlich diese Kanonen und die Maschinengewehre von Makhno und Antonov, die Lenin zu Zugeständnissen zwangen. Am 15. März 1921 sagte er : "Wir können uns kaum noch behaupten."

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Es folgte die sogenannte NEP-Periode von 1921-1927. Diese "New Economic Policy" war von Lenin als rein taktische Maßnahme gedacht, um sein Regime zu retten. Während dieser Zeit war den Bauern und den Kleingewerbetreibenden eine kurze Erholungspause gegönnt, die danach durch noch größeren Terror des gefestigten Bolschewistenregimes abgelöst werden sollte.

Paradoxerweise war es Lenin, der Führer der bolschewistischen Partei, der Demjanjuk das Leben rettete. Denn unter dem Eindruck der verheerenden Hungersnot und der Bauernaufstände war Lenin gezwungen, seine Taktik zu ändern. Ein Jahr nach der Geburt Iwan Demjanjuks verzichteten die Sowjetbehörden plötzlich darauf, den Bauern Lebensmittel, die sie selbst benötigten, zwangsweise abzunehmen. Die Bauern durften jetzt einen Teil ihrer Produkte, die man zuvor rücksichtslos zwangsrequiriert hatte, für sich und ihre Familien behalten und etwaige Überschüsse zu eigenem Gewinn auf freien Bauernmärkten verkaufen.

Lenin war unter dem Druck der Verhältnisse zu den Marktgesetzen des Kapitalismus zurückgekehrt, und tatsächlich veränderte sich die Situation in den ukrainischen Dörfern schlagartig. Es gab wieder Lebensmittel, und so wuchs der kleine Iwan Demjanjuk doch noch zu einem kräftigen Landjungen heran.

Doch als Lenin starb und Stalin die Macht übernahm, wurde diese "Neue ökonomische Politik", an die heute Gorbatschow anzuknüpfen versucht, wieder rückgängig gemacht. Die Partei beschloß, den Privatbesitz der Bauern für immer in "Gemeinbesitz" umzuwandeln. So nahm die Partei den Bauern wieder ab, was man ihnen als "Errungenschaft der großen Oktoberrevolution" zunächst gegeben hatte : das Land. Man begann mit der Gründung der sogenannten Genossenschaften, der Kolchosen; und wer nicht bereit war, sich in dieser Form wieder enteignen zu lassen, wurde unter massiven Druck gesetzt. Meist reichte es völlig, den Privatbauern das Getreide wieder zwangsweise abzunehmen und sie dadurch dem Hunger preiszugeben, um sie unter den Willen der Partei zu zwingen.

In den Dörfern übte jetzt die Geheimpolizei die Herrschaft aus. Sie hieß nun nicht mehr Tscheka, sondern OGPU — die Vorgängerin der berüchtigten GPU. Damals wurden in der

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Sowjetunion die ersten Konzentrationslager auf dem europäischen Kontinent gegründet, ein Lagersystem, das sich immer weiter verzweigte und in dem schließlich Millionen Sklaven unbezahlte Zwangsarbeit leisten mußten : Stalins GULAG.

Stalins Völkermord an den Ukrainern 1932/33

1927 wurde die NEP-Periode schlagartig beendet. Die bolschewistischen Führer fühlten sich stark genug, gegenüber dem Kleingewerbe und den Bauern zum Angriff überzugehen. Im Winter 1927/28 eröffnete Stalin den Angriff gegen die Bauern mit der Beschlagnahme von Getreide. Gleichzeitig wurde eine Hetzkampagne gegen die "Kulaken" eingeleitet. Der Begriff "Kulak" ist eine Erfindung des bolschewistischen Regimes.

In Hetzfilmen, unter anderem auch von dem im Westen so hochgepriesenen Sergej Eisenstein ("Panzerkreuzer Potemkin"), wurde der "Kulak" als Monster dargestellt, ". . . fett, faul gefräßig, brutal, eine Kreatur, so gemein, wie sie niemals sonst auf der Erde herumgetrampelt ist." (Maurice Hindus, ein Freund des Sowjetregimes, über einen Hetzfilm von Sergej Eisenstein, zitiert nach The Harvest of Sorrow von R. Conquest, S. 134).

Ein unvorstellbarer, unbeschreiblicher, unmenschlicher Terror gegen die Bauern in der gesamten Sowjetunion setzte ein. Mit besonderer Härte traf dieser Terror die Bauern der Ukraine, denn dort sollten die "fortschrittlichsten Beispiele für sozialisiertes Bauerntum" verwirklicht werden. Je offensichtlicher die Theorie von der Klassenspaltung des Dorfes scheiterte und das Gegenteil geschah : arme und wohlhabende Bauern hielten immer enger zusammen im gemeinsamen Widerstand gegen das verhaßte Regime, desto schärfere Maßnahmen ergriffen die bewaffneten Bolschewisten gegen die unbewaffneten Bauern. Der schwammige Hetzbegriff "Kulak" wurde letztlich so definiert, daß er auf alle Bauern, ob groß, ob klein, anwendbar war. Propagandistisch wurde von jeder Plattform aus, vor allem über die Presse, eine Art Lynchmentalität gegenüber dem

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"Klassenfeind" in Gang gesetzt. Diese öffentlich propagierte Lynchmentalität, eine zügellose und brutale Hetze gegen alles, was "rechts" oder mit dem Klassenfeind verbündet war, führte bei den Parteifunktionären zu einem Abbau der Tötungshemmung. Das war die Voraussetzung für die immer massenhafter durchgesetzten "Säuberungen", die schließlich bis zum Völkermord systematisch ausgedehnt wurden, wobei das Bolschewistenregime die Kontrolle über das Geschehen behielt. Terror des Regimes, Widerstand der Bevölkerung und daraufhin vermehrter Regimeterror, das war die Spirale der Eskalation. Bauern mit fünf Hektar Land, einer Kuh, einem Pferd, ein paar Hühnern und ein paar Schafen, wurden zu "Kulaken" erklärt und mitsamt ihrer ganzen Familie auf brutalste Weise ausgerottet. Dieser Terror des Regimes wurde von Jahr zu Jahr verschärft, bis schließlich im Hungerwinter 1932/33 die ganze Ukraine, von der Außenwelt abgeschottet, in ein riesiges Konzentrationslager verwandelt wurde. Bewaffnete bolschewistische Mörderbanden, selbst wohlgenährt, vernichteten alles, was sie in den Bauernhäusern an irgendwie Eßbarem finden konnten. Ein ganzes Volk wurde dem Hungertod preisgegeben. Diese Hungerhölle wurde mit den grausamsten Mitteln des Terrors gegen wehrlose, einfache Menschen, gegen Männer, Frauen und Kinder vollstreckt. Dieses wahrscheinlich größte Völkermordverbrechen der Weltgeschichte wird bis heute von der Weltöffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen. (001)

Mindestens sieben Millionen Menschen fielen diesem vom Regime an einem Volk vollstreckten Hungertod zum Opfer. Weitere zwei Millionen Ukrainer wurden in der Zeit von 1929 bis 1933 durch Massenerschießungen und Massendeportationen ermordet.

Ein Augenzeuge aus dem Westen, Malcolm Muggeridge, schreibt am 1. Mai 1933 in The Fortnightly Review in London :

"Während meines kürzlichen Besuches im nördlichen Kaukasus und in der Ukraine sah ich etwas von den Folgen der Schlacht, die zwischen der Regierung und den Bauern tobt . . . Auf der einen Seite Millionen von hungernden Bauern, deren Körper aus Nahrungsmangel oft geschwollen sind, auf der anderen Seite die bewaffneten Mitglieder der GPU, die die Anordnung der Diktatur des Proletariats ausführen. Sie sind wie ein

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Stalins Völkermord an den Ukrainern 1932/33 *

oben:
gefrorene Leichenberge
(a)

links:
ein Kind, das am Ende
der Hungersnot noch
gerettet werden konnte
(b)


oben:
Kinder, deren Eltern
nicht überlebt haben,
mit durch Hungerödem
aufgequollenen Bäuchen
(c)

rechts:
hungernde Kinder füttern
sich gegenseitig
(d)

* Bemerkung von VHO : Mindestens 2 dieser Fotos wurden bereits 1921 oder 1922 von Fridtjof Nansen veröffentlicht.
Bei den Bildern a) und d) handelt es sich um Opfer der Hungersnot von 1921-23. Vgl. http://www.artukraine.com/famineart/famine10.htm.

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Schwarm Heuschrecken über das Land hergefallen und haben alles was eßbar war weggenommen; sie haben Tausende von Bauern erschossen oder verschleppt, manchmal ganze Dörfer; sie haben eines der fruchtbarsten Länder der Welt in eine melancholische Wüste verwandelt."

Robert Conquest, der Historiker, schreibt in der Einleitung seines Buches, daß er bei der Durcharbeitung der Materialien und Dokumente, die die Grundlage seines Werkes The Harvest of Sorrow bildeten, seine Arbeit immer wieder für lange Zeit unterbrechen mußte, um das Grauenhafte des Geschehenen innerlich zu bewältigen. So geht es jedem, der sich ein Bild zu verschaffen versucht über die Ungeheuerlichkeit dieses Völkermordes.

Suzanne Bertillin schreibt am 31. Dezember 1933 in Le Matin, Paris : "Der Hunger in der Ukraine wurde von Moskau aus politischen Überlegungen künstlich erzeugt. Um alle auf Unabhängigkeit gerichteten Bestrebungen vollständig zu vernichten, organisierte die sowjetische Regierung eine von Menschen herbeigeführte Hungersnot, die den Zweck hatte, ein ganzes Volk zu vernichten, dessen einzige Sünde seine Sehnsucht nach Freiheit war."

Demjanjuks Jugend

Die durch Stalins Zwangsmaßnahmen hervorgerufene neue Hungersnot prägte den halbwüchsigen Iwan Demjanjuk tief. Er war acht Jahre alt, als die neue Katastrophe des ukrainischen Volkes begann, und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, als er 21 Jahre alt war, änderte sich an dieser Situation nichts Wesentliches : Der Widerstand der Bauern, die ihren kleinen Land- und Viehbesitz zu verteidigen suchten, wurde mit brutaler Gewalt gebrochen. Die Sowjetarmee setzte sogar Panzer und ihre Luftwaffe gegen besonders hartnäckige Widerstandsnester ein. Wenn heute behauptet wird, der Luftkrieg gegen die zivile Bevölkerung habe in Europa mit Hermann Görings Bombardierungen spanischer Städte begonnen, entspricht dies ebensowenig den Tatsachen wie die allgemein geglaubte Behauptung, die Konzentrationslager seien erst von Hitler und Himmler erfunden worden. Denn während Görings Luftwaffe in Spanien Bomben auf Siedlungen warf, in denen

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man feindliche Truppeneinheiten vermutete, bombardierten sowjetische Flugzeuge schon damals rein zivile Dörfer, in denen nur hilflose Menschen wie Iwan Demjanjuk und seine Eltern lebten.

Die schreckliche Bezeichnung "Liquidierung" wurde gleichfalls nicht von den Nazis erfunden — und übrigens von ihnen auch niemals verwendet. Dieser Begriff entstammt der Börsensprache, wo es für die Umwandlung von Sachwerten in Geld, die Abwicklung von Börsengeschäften oder die Auflösung eines Betriebes verwendet wird. In der Sowjet-Terminologie bedeutet er jedoch Vernichtung. Es war die Sowjetunion, die auf Grund ihrer Staatsideologie beschloß, ganze Klassen zu "liquidieren", völlig unabhängig davon, ob sich das einzelne Mitglied dieser Klasse in irgendeinem Sinne schuldig gemacht hatte oder nicht. Damals sollen nach einigen Schätzungen sechs Millionen Mitglieder "feindlicher Klassen", nach anderen Schätzungen weitaus mehr, "liquidiert" worden sein, ganz einfach, weil sie beispielsweise "Kulaken" waren, ein Begriff, der, zunächst nur auf Großbauern angewandt, schnell auf alle Land- und Viehbesitzer erweitert wurde.

Ökonomische und moralische Folgen

Es gilt heute als unzeitgemäß und unschicklich, über den Holocaust am ukrainischen Volk — und an anderen Nationen in der Sowjetunion — zu sprechen. Vor allem seit Beginn des Zweiten Weltkrieges, als sich die Sowjets mit den westlichen Demokratien zur Anti-Hitler-Koalition verbündeten, wurde die Erinnerung an den ukrainischen Holocaust systematisch verdrängt, so daß er heute praktisch völlig vergessen ist, mit Ausnahme der Erinnerungen natürlich, die das ukrainische Volk daran hat.

Für die gesamte Bevölkerung der Sowjet-Ukraine waren die Ereignisse unter Stalin eine schwere ökonomische Krise. Die ökonomischen Folgen der "Liquidierung" der sogenannten Kulaken, worunter man zunächst einmal die völlige Enteignung

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der Landbevölkerung zu verstehen hat, waren furchtbar und dauern bis heute an : anders wären jüngste Vorschläge der Gorbatschow-Administration, den Agrarkurs der Partei wieder zu verändern, kaum zu verstehen.

Zwischen 1929 und 1934 fiel die Zahl der Rinder in der ganzen Sowjetunion von 30 auf weniger als 20 Millionen. Die Zahl der Pferde ging von etwa 45 auf nicht einmal mehr 16 Millionen zurück. An ihre Stelle trat in den neuen Kolchosen zwar der Traktor, aber trotz dieser Modernisierung ging der Ernteertrag allein im Hungerjahr 1931 um 17 % zurück, denn wie sich bald herausstellte, gab es zur Bearbeitung der jetzt weitaus größeren Äcker weder genug Traktoren noch Arbeiter. Die männliche Bevölkerung der Ukraine war entweder nach Sibirien verschleppt oder halb verhungert oder zeigte kein Interesse an dem neuen "Gemeineigentum". Die Hauptlast dieser ökonomischen Krise in der Sowjetunion trug natürlich die Ukraine, die immer als Kornkammer gegolten hatte.

So lernte Iwan Demjanjuk schon als Kind, dann als Jüngling und junger Mann alle Schrecken dieser Erde kennen — und er hat später oft davon erzählt : vom Holocaust am ukrainischen Volk, dem kombinierten Terror von Geheimpolizei und bewaffneten Streitkräften, dem Hunger — und dem völligen moralischen Verfall.

Konzentrationslager, Exekutionen an der Sandgrube, brennende Scheunen und Bombardements der Bevölkerung waren den Ukrainern längst bekannt, ehe der zweite Weltkrieg auch für die Ukraine begann. Und lange bevor Hitler seine Nürnberger Rassegesetze erließ, die sich auch gegen Juden richteten, die sich als Deutsche fühlten, hatte Stalin in der Sowjetukraine eine ganze, sieben Millionen Menschen umfassende Gruppe "liquidiert", ganz einfach, weil sie "anders" war : weil man eine Kuh zuviel im Stall hatte. Hier handelte es sich nicht mehr um individuellen Mord, sondern um organisierten Massenmord an ganzen Bevölkerungsgruppen. Nur wurde dieses Verbrechen nicht als solches bezeichnet, sondern als "normales" und "gerechtes" Geschehen, das auch noch zur fortschrittlichen Tat erklärt wurde.

Demjanjuk, der dem Holocaust entging, wurde Mitglied der untersten Schicht einer "neuen Klasse". Sie bestand aus einem riesigen Bürokratenapparat, der die Dörfer zu kontrollieren

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hatte. Stützpunkte dieser Herrenschicht waren auf dem Dorf die Maschinen- und Traktoren-Stationen, die das Monopol auf Maschinen hatten. Wichtigste Aufgabe dieser Einrichtungen war es, die Bauern daran zu hindern, weiter private Landwirtschaft zu treiben; sie sollten möglichst wenig Zeit auf den höchstens 0,5 ha großen Flächen verschwenden, die man ihnen gelassen hatte. Noch zwei Jahre vor Kriegsende ging von der Geheimpolizei und diesen MTS neuer Terror aus, als sich herausstellte, daß in diesen Gärten mehr produziert wurde als in den Kolchosen.

Demjanjuk war in dieser neuen Gesellschaft Traktorist. Doch als sich die erste Gelegenheit bot, diese neue Ordnung wieder abzuschütteln, stellte sich heraus, daß sie von der ukrainischen Gesellschaft nie akzeptiert worden war. Als 1941 deutsche Truppen die Ukraine besetzten, brach vor allem die Landbevölkerung in Jubel aus, denn sie sah in der Besetzung ihres Landes zunächst die Befreiung.

Iwan Demjanjuk gehörte nicht dazu. Er war schon vor dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges zur Roten Armee eingezogen worden. Während der ersten Kampfhandlungen wurde er verwundet und in mehreren sowjetischen Militärhospitälern so weit wiederhergestellt, daß er erneut an die Front geschickt werden konnte. 1942 geriet er bei den Kämpfen auf der Krim in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er wurde unweit von Rowno bei Reparaturarbeiten an einer zerstörten Eisenbahnlinie eingesetzt und dann ins Kriegsgefangenenlager von Cholm (Chelm) eingewiesen.

Da die Deutschen auf so hohe Zahlen sowjetischer Kriegsgefangener nicht vorbereitet waren, drohte sich die Kindheitskatastrophe Demjanjuks fortzusetzen. Das Lager von Cholm war für höchstens 30 000 Kriegsgefangene eingerichtet. Doch diese Maximalkapazität konnte nur eingehalten werden, wenn die Zahl der Neuzugänge die der "Abgänge" nicht überschritt. Häufig erfolgte dieser Abgang durch Hungertod oder auf Grund von Lager-Epidemien. Eine polnische Dokumentation über dieses Lager spricht von 90 000 Kriegsgefangenen, die hier angeblich erschossen worden sein sollen. Meist habe es sich um gefangene Angehörige der Roten Armee gehandelt.

Unter den vielen Lagern, die es in Chelm und Umgebung gab, war das Kriegsgefangenenlager das größte, bis 1944, als

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man hier nur noch 20 000 Gefangene zählte, unter ihnen auch Franzosen, Briten, Italiener und Belgier; aber meist waren es Russen, Ukrainer und Angehörige anderer Völker aus der Sowjetunion. Sie hatten nur einen Gedanken : Wie man dem Lager entkommen konnte. Ein Weg war, sich den Deutschen zur Verfügung zu stellen, ein "Hilfswilliger" zu werden. In manchen Lagern, so erinnern sich deutsche Offiziere, meldete sich die ganze Belegschaft (050). Niemand von ihnen wußte jedoch, welche Aufgaben, welches Schicksal ihn erwartete. Das weitere Schicksal Iwan Demjanjuks, bei der Gefangennahme zwanzig Jahre alt, wurde jetzt, da Iwan Demjanjuk 67 Jahre alt ist, zum Gegenstand des Verfahrens in Jerusalem.

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