3. Der „erzwungene" Weg zum Krieg

„Es kann doch nicht sein, daß derjenige, der den Krieg nicht wollte, gegenüber denjenigen, die ihn unter allen Umständen wollten, zum Alleinschuldigen am Kriegsausbruch verdammt wird!" Trotz der polnischen Teilmobilmachung und der so schicksalsschweren britischen „Garantieerklärung" war der einzige Hoffnungsschimmer die geduldige Haltung Hitlers gegenüber Polen. Allein diese Bemühungen Berlins in den ersten acht Monaten des Jahres 1939 könnten ein Buch füllen. Man war bemüht, keinen Druck auf Polen auszuüben, und die späteren Vorgänge beweisen, daß Hitler bis ins Unendliche auf die Antwort Polens gewartet hätte, wäre Beck nicht ungeduldig geworden und hätte Hitler zum Handeln gezwungen, genau wie Benesch und Schuschnigg es getan hatten. Es ist die reinste Ironie, Hitler im Zusammenhang mit seiner Politik der Gebietsrevisionen Ungeduld nachzusagen, während es nachweislich jedesmal die Ungeduld seiner Gegner war, die die Entscheidung erzwang. Dazu der berühmte amerikanische Geschichtsprofessor David L. Hoggan in seinem aufsehenerregenden Werk, 14. Auflage: „Ein Einvernehmen mit Deutschland hätte Polen eine starke Stellung gegeben, von der aus es gelassen in die Zukunft hätte blicken können. Die von Ribbentrop angebotenen Bedingungen bildeten eine ideale Grundlage für eine dauerhafte Verständigung. Die für Danzig vorgesehene Lösung hätte die immer wieder auftauchenden Probleme unter Voraussetzungen geklärt, die eminent befriedigend für beide Länder gewesen wären. Die deutsche Bereitschaft, zwanzig Jahre nach dem Versailler Vertrag die polnischen Grenzen von 1919 anzuerkennen, ist ein einmaliges Phänomen in den Annalen der Diplomatie. Die Lösung der polnischen Frage im Jahre 1919 war für Deutschland weitaus ungerechter als die deutsche Lösung im Jahre 1871 für Frankreich. Nichtsdestoweniger wäre die freiwillige Anerkennung der

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deutsch-französischen Grenze von seilen der französischen Regierung im Jahre 1890 einfach undenkbar gewesen. Die Vorspiegelung wirksamer britischer Unterstützung für die Verwirklichung ihrer Großmachtträume blendete die polnische Führung und hinderte sie, diese schlichte Tatsache zu erkennen.

Das Großpolen von 1750 war ein gefährliches Erbe, das ihr Urteil trübte. Der britische Plan, Deutschland zu vernichten, aber war das Verhängnis, das ihre Urteilskraft untergrub." (Hoggan, Der erzwungene Krieg, Seite 201 f.)

Am 7. Juni 1939 unterzeichneten Estland und Lettland einen Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich. Ähnliche Verträge hatte auch die UdSSR mit den baltischen Staaten. Im August 1939 wurde in Moskau der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt mit dem dazugehörigen „Geheimen Zusatzprotokoll" unterzeichnet. Über dieses „Geheime Zusatzprotokoll" wird viel Unsinn geschrieben und hineingedichtet, so daß man annehmen muß, daß niemand das Protokoll gelesen hat.

Darin steht nur, daß das Deutsche Reich kein Interesse an den baltischen Staaten nördlich von Litauen hat. Das bedeutet doch nicht, daß Hitler die Russen aufgefordert hatte, die baltischen Staaten zu überfallen und ihre Führungsschicht grausam zu ermorden. Dagegen schreibt Churchill in „Der zweite Weltkrieg" (Seite 471): „Für russische Hilfe bei der Vernichtung Deutschlands hatte England den Russen die baltischen Staaten versprochen." - Mit wilder Gier stürzten die sich auf die baltischen Staaten und liquidierten erbarmungslos alle politischen Gegner.

Die englische Polen-Garantie bewirkte auch eine Zunahme der Ausschreitungen gegen die Deutschen in den ehemals deutschen Gebieten. Aus Ost-Oberschlesien und Posen wurden brutale Übergriffe von polnischen Banden auf Volksdeutsche gemeldet. Die deutsche Bevölkerung ist teilweise derart verängstigt, daß sie sich tagsüber nicht mehr auf Straßen und Felder wagt und die Nächte aus Angst vor Überfällen in irgendwelchen Verstecken verbringt. Tausende von ihnen haben die Krise schließlich mit ihrem Leben bezahlt. Sie waren die ersten Opfer der Kriegspolitik von Beck, Halifax und Roosevelt, die später Millionen Menschen in verschiedenen Teilen der Welt den Tod brachte.

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Der Historiker Hellmuth G. Dahms veröffentlicht in seinem Buch 1960, „Der Zweite Weltkrieg", Zahlen, die beweisen, daß über 3000 Angehörige der deutschen Minderheit in Polen vor Ausbruch der Feindseligkeiten am 1. September 1939 von den Polen barbarisch getötet wurden. Es erhebt sich die Frage, ob irgend eine andere Großmacht auf der Welt ein solches Abschlachten geduldet hätte. Das Auswärtige Amt in Berlin konnte eine riesige Sammlung von eingehenden Berichten über die Ausschreitungen gegen Deutsche in Polen vorlegen. Seit März 1939 waren über 1500 Dokumentarberichte eingegangen, die ein erschütterndes Bild der Grausamkeit und des menschlichen Elends boten.

Vom März 1939 bis 31. August 1939 berichteten polnische Zeitungen und besonders der „Krakauer Ilustrany Kurier" von militärischen Grenzverletzungen und Überfällen auf deutsches Gebiet, ohne daß Hitler es wagen würde, etwas dagegen zu unternehmen! - Hier zwei Zeitzeugen unter vielen:

- Aus einem Bericht von Heinrich-Julius Rotzoll, Goch (früher Königsberg) vom 25. Juni 1990:

„Das Heeres-Artillerie-Regiment 57 aus Königsberg/Preußen kam Mitte August 1939 an die von Polen gefährdete Grenze. Wir bezogen die Bereitstellung bei Garnsee, Kreis Neidenburg/Ostpreußen. Die Stellung meiner Batterie lag in einem Maisfeld. In diesem Raum war bereits seit Wochen die Arbeit auf den Feldern zum Lebensrisiko geworden. Bis in sieben Kilometer Tiefe in ostpreußisches Reichsgebiet fielen aus Polen sengende und mordende Kavallerietrupps ein. Dieses begann bereits seit Juli 1939. Soweit das Auge reichte, konnte man in den Abendstunden Rauch und Feuer sehen. Die brennenden Häuser und Dörfer wurden von polnischen Kavallerietrupps provokatorisch angesteckt. Wer sich von der deutschen Bevölkerung aus den brennenden Häusern ins Freie rettete oder das Feuer löschen wollte, wurde niedergemacht.

Um diesen Umtrieben Einhalt zu gebieten, erhielt meine Batterie am 23. August 1939 den Befehl, ein Jagdkommando aufzustellen. Als Wachtmeister bekam ich das Kommando unterstellt und auch den Einsatzbefehl. Am ersten Tag des Einsatzes war unser motorisierter Stoßtrupp eine halbe Stunde zu spät in den Einsatz gekommen - eine

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mordende polnische Schwadron raste bereits in Richtung der schützenden Grenze. Die Spuren waren grausam; in den Feldwegen und auf den Feldern fanden wir Leichen von deutschen Bauern. Diese waren mit Säbeln zerfetzt oder erschossen worden . . . Doch bereits am 26. August 1939 stellte unser Kommando einen polnischen Reitertrupp in einem Zuckerrübenfeld unweit von Garnsee. In unseren MG-Garben wurde die polnische Kavallerie aufgerieben. Siebenundvierzig polnische Reiter waren auf reichsdeutschem Boden gefallen . . . Als unsere Einheit am 1. September 1939 um fünf Uhr zum Sturmangriff überging, fanden wir jenseits der polnischen Grenze frische Gräber von deutschen Zivilisten. Auch blutige und zerfetzte Kleidungsstücke von Zivilisten lagen auf Wegen und Straßenrändern herum. Auch von polnischen Kriegsgefangenen bekamen wir die Bestätigung, daß provokatorische Angriffe auf die Zivilbevölkerung auf deutschem Reichsgebiet vor dem 1. September 1939 befohlen worden sind . . ."

- Aus einem Bericht von Frau L. S., 32312 Lübbecke (früher Bomst) vom 23. Juli 1990:

„Im Sommer 1939 kamen von April bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Hunderte, nein, Tausende von deutschen Familien an seichten Stellen durch die Sümpfe gewatet, beziehungsweise durch die Obraseen geschwommen, hindurch zu uns vor die Türen, abends spät, daß keiner sie sah, und bettelten um Brot oder Milch für die Babys und um trockenes Zeug. Wir waren zunächst sprachlos und wußten nicht, was los war. Sie berichteten immer wieder folgendes: ,Wir sind schon seit vielen Wochen auf der Flucht vor den Polen, wir werden einfach auf den Straßen und Feldern erschossen, wir sind unseres Lebens nicht mehr sicher, die Polen verfolgen alle Deutschen.' Und warum, fragten wir? ,Die polnischen Pfarrer reden und hetzen von den Kanzeln: Schlagt die Deutschen tot, wo immer ihr sie trefft. Schießt sie über den Haufen, vernichtet die ganze deutsche Brut. . .' Diese Völkerwanderung dauerte während des ganzen Sommers an, zuletzt kamen nur noch ganz wenige, weil die Grenze stark bewacht wurde." („Die deutschen Ostgebiete", Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur.) Außer diesen verabscheuungswürdigen Greueltaten an den Volksdeutschen in Polen und den Grenzverletzungen und Überfällen durch

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reguläres polnisches Militär auf deutsches Reichsgebiet machte sich Polen eines weiteren schweren Vergehens gegen das Völkerrecht schuldig. Am 23. August und am darauffolgenden Tag sind insgesamt drei fahrplanmäßige Verkehrsflugzeuge der Lufthansa über der Ostsee von der Halbinsel Heia durch polnische Flak und auch von einem in der Ostsee, vierzig Kilometer vor der Küste liegenden polnischen Kreuzer beschossen worden. Nur durch Zufall wurde von diesen drei Maschinen keine getroffen.

Diese geschilderten drei Arten völkerrechtsverletzender Ereignisse und Zwischenfälle wären jeder für sich allein Grund genug gewesen, militärische Maßnahmen gegen Polen zu ergreifen. Hier zeigte sich deutlich die bewundernswerte deutsche Geduld.

Um den Frieden zu retten und die Welt vor einer neuen Katastrophe zu bewahren, versuchte Papst Pius XII. die fünf europäischen Mächte, die sich selbst nicht einigen konnten, an den Verhandlungstisch zu bringen. Nach zehntägigen intensiven Bemühungen im Mai 1939 mußte auch der Papst resignieren. Die Führer der Achsenmächte gaben ihre Zustimmung zum Vorschlag des Papstes „einer Konferenz auf höchster Ebene", England, Frankreich und Polen aber lehnten ab. Wenn es damals leider nicht gelungen ist, die fünf Mächte an den Verhandlungstisch zu bringen, so hatte Papst Pius XII., ohne es beabsichtigt zu haben, den Beweis erbracht, welche Mächte unbedingt einen Krieg erzwingen wollten.

Mit diesem Erweis setzte die Feindschaft ein, die die leidenschaftlichen Kriegstreiber, man kann sie verstehen, diesem Papst ständig entgegenbrachten. Sie wollten den Glauben pflegen, daß Hitler selbst jede Wiederaufnahme der internationalen Gespräche verhinderte. Nach der Intervention Papst Pius XII. konnten sie es allerdings nicht mehr.

In Berlin war man in den letzten Friedenswochen des August 1939 fieberhaft bemüht, auf diplomatischem Weg bei Tag und Nacht alles zu tun, um einen Kriegsausbruch zu verhindern. Im Nachhinein betrachtet war der Ablauf der damaligen Geschehnisse vergleichbar mit dem Märchen vom „Hasen und dem Igel". Immer wenn der Hase (die Deutschen) nach größter Anstrengung sich im Ziel wähnte, war bereits der Igel (England und Polen) da und erwartete ihn.

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Da England und Polen unter dem Protektorat des US-Präsidenten Roosevelt von Anfang an den Krieg erzwingen wollten, fruchteten die größten Anstrengungen der Deutschen nicht, die alles daransetzten, um einen Krieg zu verhindern.

Hitler war notgedrungen sogar gezwungen, ein Bündnis mit der Sowjetunion einzugehen, um erstens sich den Rücken freizuhalten und zweitens Polen vielleicht doch dadurch abschrecken zu können. An diesem 23. August 1939 tagte auch der unermüdlich für den Frieden tätige Birger Dahlerus zum wiederholten Mal mit Göring. Dieser bewundernswerte Mann, ein schwedischer Geschäftsmann, reiste anschließend nach London, um, wie schon so oft, neue deutsche Vorschläge zu überbringen.

Aber an diesem 25. August hatten Großbritannien und Polen ihren uneingeschränkten gegenseitigen Beistandspakt mit einem geheimen Zusatzprotokoll unterzeichnet. Dieser sah vor, daß nur das Deutsche Reich als Gegner gemeint war. Die Bahn für Polens Krieg war also frei. Außenminister Halifax schrieb dennoch einen Brief an Göring mit dem Hinweis, daß auch die britische Regierung den Wunsch habe, eine friedliche Lösung herbeizuführen.

Dahlerus nahm den Brief zurück mit nach Berlin. Nach Übersetzung des Schreibens legte Göring am Morgen des 27. August den Brief Hitler vor. Aber in London und Warschau war alles entschieden. Dahlerus wartete trotzdem in seinem Hotel auf Hitlers Reaktion. Kurz nach Mitternacht des 28. August wünschte Hitler ihn zu sprechen. Er wurde gebeten, sofort wieder nach London zu fliegen, um dort seinen - Hitlers - Standpunkt vorzutragen. Die drei Hauptpunkte des Hitlerschen Vorschlages waren: „1. Deutschland wünscht ein Abkommen oder Bündnis mit England.

2. England sollte Deutschland bei der Inbesitznahme von Danzig und des Korridors behilflich sein.

3. Deutschland gibt die Versicherung ab, daß es Polens Grenze nach der Rückgabe der deutschen Gebiete garantieren werde; Polen solle, damit es einen Zugang zur Ostsee habe, in Danzig einen Freihafen erhalten. Daß es auch einen Korridor nach Gdingen erhalten würde, war bereits zugestanden." (Saunders, Hrowe H.: „Forum der Rache".) In den folgenden Tagen kam es noch zu hektischen wechselseitigen Konsultationen. England machte den Vorschlag, sofort mit Polen in

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Verhandlungen zu treten. Hitler nahm den Vorschlag an. Der Krieg schien verhindert, alles konnte anscheinend auf diplomatischem Weg gelöst werden. Auch Oberst Beck versprach, mit Berlin in direkte Verhandlungen zu treten.

Aber am nächsten Tag, dem 29. August, sah alles wieder viel schlimmer aus: Polen verfügte am frühen Nachmittag eine Generalmobilmachung seiner Streitkräfte. Hitler hatte den vorgesehenen Einmarsch nach Polen vom 26. August auf den 1. September 1939 verschoben. Diese Maßnahme wurde dem britischen Botschafter in Berlin, Hen-derson, mitgeteilt.

Die entrüsteten Botschafter Englands und Frankreichs sind entsetzt über die polnische Generalmobilmachung, die einer Kriegserklärung an Deutschland gleichkommt, und protestieren bei Beck. Vergebens.

Am 30. August sind nochmals neue deutsche Vorschläge ausgearbeitet worden, und Hitler verlängert die Frist für die Annahme durch die polnische Regierung auf den 31. August, vierundzwanzig Uhr. Die Vorschläge sind überaus maßvoll. Chefdolmetscher Paul Schmidt hierzu: „Ich glaubte, wieder nach Genf zurückversetzt zu sein - es war ein richtiggehender Völkerbundsvorschlag." Hitler hat auf die Provinz Posen verzichtet, eine von Göring empfohlene Volksabstimmung im Korridor akzeptiert und an der Rückgabe Danzigs festgehalten. Heute weiß man: Hätten das britische und das französische Volk am 30. August von diesen Vorschlägen Kenntnis gehabt, so hätten Paris und London kaum Deutschland den Krieg erklären können. Auf Wunsch Lord Halifax1, der eine offizielle Bestätigung von Dahlerus Ausführungen will und weitere Angaben braucht, führt der Schwede ab 12.30 Uhr mehrere Telefonate mit Hermann Göring in Berlin. Und jedesmal ist Lord Halifax mit den deutschen Rückäußerungen zufrieden.

Seit Mittag liegen die deutschen Vorschläge bereit. Hitler wird den ganzen Tag vergeblich warten, daß ein polnischer Unterhändler sie zur Kenntnis nimmt. In Warschau ist Oberst Beck überzeugt, daß Hitler bluffte, als er den Einmarsch in Polen für den 1. September ankündigte, genauso wie er es auch für den 26. August tat. Beck ist der Ansicht, daß man sich dem Ziel nähere und nur noch vierundzwanzig

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Stunden durchzuhalten habe: Er wird nicht nach Berlin gehen und auch niemanden dorthin schicken.

Um dreiundzwanzig Uhr rechnet Ribbentrop nicht mehr mit dem Eintreffen eines polnischen Bevollmächtigten. Er bittet Sir Neville Henderson ihn aufzusuchen. Da von polnischer Seite niemand eingetroffen ist, verliest er Henderson die 16-Punkte-Bedingungen, die Deutschland Polen zur Beilegung ihres Streits unterbreitet hatte. Sir Neville Henderson sucht den polnischen Botschafter auf und sagt ihm, daß die deutschen Vorschläge nicht allzu unvernünftig seien, und angesichts der kritischen Lage solle Lipski seiner Regierung eine Zusammenkunft zwischen Göring und Rydz-Smigly anempfehlen. Lipski verspricht, diese nach Warschau weiterzuleiten. Am 31. August um neun Uhr wird Dahlerus, der erst Mitternacht aus London zurückgekehrt ist, vom britischen Botschafter gebeten, die so maßvolle deutsche Note mit dem 16-Punkte-Programm persönlich in die polnische Botschaft zu bringen. „Ich habe kein Interesse", antwortet ihnen Lipski (Dahlerus war in Begleitung von Sir Ogilvie Forbes), „wenn es zu einem Krieg kommt, wird eine Revolution in Deutschland ausbrechen und die polnischen Truppen werden dann auf Berlin marschieren . . ."

In Warschau suchen um elf Uhr der französische Botschafter Leon Noel und der englische Botschafter Howard Kennard Oberst Beck auf. Nach einer lebhaften Unterredung willigt dieser ein, daß Lipski sich in die Wilhelmstraße begebe. Diese Nachricht wird sofort allen Hauptstädten überbracht. Dazu, daß bis zu der von deutscher Seite gesetzten Frist kein polnischer Unterhändler erschien, mag allerdings maßgeblich die an Außenminister Beck gerichtete Empfehlung des britischen Botschafters in Warschau, Kennard, beigetragen haben, auf das deutsche Verhandlungsangebot nicht einzugehen.

Um vierzehn Uhr sind die Instruktionen von Oberst Beck in den Händen des polnischen Botschafters in Berlin. Um 18.30 Uhr wird er im Auswärtigen Amt von Ribbentrop empfangen. Als dieser Lipski fragte, ob er bevollmächtigt sei, über die deutschen Vorschläge zu verhandeln und Lipski verneinte, brach der deutsche Außenminister die Unterhaltung ab.

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Dazu schreibt der Militärhistoriker Ferdinand O. Miksche: „Der letzte Beweis dafür, daß Polen mit Deutschland nicht verhandeln wollte, war ein geheimes Telegramm des polnischen Außenministers an seinen Botschafter in Berlin, das von der deutschen Abwehr entschlüsselt wurde. Es enthielt die Weisung, der Botschafter möge sich unter keinen Umständen in sachliche Diskussionen einlassen'. Wörtlich heißt es darin: ,Wenn die Reichsregierung mündliche oder schriftliche Vorschläge macht, müssen Sie erklären, daß Sie keinerlei Vollmacht haben, solche Vorschläge entgegenzunehmen oder zu diskutieren.'" Als die Nachricht um 13.30 Uhr bei Hitler eintraf, daß Lipski sich auf die Weisung von Beck in die Wilhelmstraße begeben sollte, schickte sich Hitler gerade an, die Weisung Nr. l für die Kriegführung zu unterzeichnen. Er legte die Feder wieder zurück und beschloß, noch bis zum Tagesende zu warten.

Im Zusammenhang mit Hitlers Angebot an Polen vom 29. August 1939 („16-Punkte") schrieb der schwedische Forscher Sven Hedin über die beschlagnahmte Abendausgabe des „Daily Telegraph" vom 31. August 1939:

„Die diplomatischen Akten der neueren Geschichte werden ein Schriftstück aufweisen, das diesem Vorschlag an Mäßigung, an Entgegenkommen und Verständnis für die Bedürfnisse eines anderen Landes gleichkommt. Daß Polen ihn trotzdem nicht einmal einer Empfangsbestätigung für wert hielt, kann nur durch die inzwischen bekanntgewordene Tatsache erklärt werden, daß es sich nicht nur auf seine europäischen Freunde Großbritannien und Frankreich verließ, sondern vor allem auch auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Roosevelt hatte sie ihm durch seine Botschafter in Warschau und Prag zusagen lassen." In London ist behauptet worden, daß der deutsche Vorschlag so spät abgesandt wurde, daß die Warschauer Regierung gar nicht darauf antworten konnte. Der deutsche Einmarsch in Polen sei so schnell erfolgt, daß der ganze Vorschlag wahrscheinlich nicht ernst gemeint war. Diese Behauptung ist unwahr. Der Londoner „Daily Telegraph", eine dem Foreign Office nahestehende Zeitung, hat in der Abendausgabe vom 31. August einen Bericht über Beratungen im englischen Kabinett veröffentlicht. In diesen sei zur Sprache gekommen, daß dem britischen Botschafter in Berlin, Sir Neville Henderson, vom deutschen Außen-

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minister die deutschen Vorschläge über eine friedliche Beilegung des deutsch-polnischen Konflikts übermittelt worden seien. Er habe sie sofort nach London weitergemeldet, da sich die britische Regierung in einer Note vom 28. August gegenüber der deutschen Regierung bereit erklärt hatte, die Vermittlung zu übernehmen. Das Londoner Kabinett habe das deutsche Memorandum nach Warschau weitergeleitet, und die polnische Regierung habe nach seinem Empfang die Generalmobilmachung angeordnet.

In London hat der Bericht des „Daily Telegraph" große Bestürzung hervorgerufen, denn man war dort - mit Roosevelts Zustimmung -entschlossen, die Schuld am Ausbruch des Krieges, nach dem Vorbild von 1914, Deutschland zuzuschieben. Im britischen Blaubuch über den Kriegsausbruch und in den Erinnerungen von Sir Neville Hendersons „The Failure of a Mission" ist dieser Entschluß aufgeführt und damit bestätigt worden.

Die unbeabsichtigte Wahrheitsliebe des „Daily Telegraph" wurde dadurch zu vertuschen versucht, daß die gesamte Abendausgabe beschlagnahmt und die Redaktion veranlaßt wurde, eine zweite Spätausgabe herauszubringen, in deren Bericht über die Kabinettsberatung der für die britische Regierung so peinliche Satz über die polnische Generalmobilmachung nach Erhalt des deutschen Vorschlags entfernt worden war. Das Foreign Office hat aber nicht verhindern können, daß die erste Ausgabe des „Daily Telegraph" mit der Mitteilung bereits in die Hände einiger Menschen gekommen war, die sich für die wahren Umstände interessierten.

Der beispiellos schnelle Ablauf des deutschen Feldzuges gegen Polen ist in aller Erinnerung. Die versprochene Truppen- und Waffenhilfe der Mächte, die Polen durch ihre Garantie zum Widerstand gegen Deutschland ermutigt hatten, ist nie erfolgt. Polen ist von England, Frankreich und dem Amerika Roosevelts verraten worden. Um 21.15 Uhr des 31. August 1939 gibt der Reichsrundfunk den Wortlaut des deutschen Angebots an Polen bekannt und versieht ihn mit folgendem Kommentar:

„Somit haben der Führer und die deutsche Reichsregierung nun zwei Tage vergeblich auf das Eintreffen eines bevollmächtigten polnischen Unterhändlers gewartet. Unter diesen Umständen sieht die deutsche

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Regierung auch diesmal ihre Vorschläge praktisch als abgelehnt an, obwohl sie der Meinung ist, daß diese in der Form, in der sie auch der englischen Regierung bekanntgegeben worden sind, mehr als loyal, fair und erfüllbar gewesen wären."

Um 21.30 Uhr unterzeichnete Hitler die Weisung Nummer eins für die Kriegführung: Die deutschen Truppen werden Polen am nächsten Morgen, um 4.45 Uhr angreifen.

In seiner „Deutschen Geschichte" schreibt M. Freund: „Frankreich und England glaubten nicht daran, Polen wahrhaft helfen zu können. Den Polen wurde es verschwiegen, weil England 1939 entschlossen war, unter allen Umständen den Krieg gegen Hitler zu führen . . . Polen war die Rolle zugedacht, im Untergang die Kräfte des Feindes abzunutzen. Es war ein Zündholz, das sich verbraucht, indem es die Flamme entfacht."


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