IV. Umerziehung und Kollektivschuld

Das geistige und politische Leben in Westdeutschland und Österreich ist nach 1945 entscheidend von der Umerziehung geprägt worden. Bezeichnend ist, daß diese Tatsache weitgehend verschwiegen und verdrängt wird. Aus der Feder von Politologen wird über diese Politik so gut wie gar nichts berichtet. Zum Erfolg der Umerziehung erklärte Caspar von Schrenck-Notzing, als einer ihrer gründlichsten Kenner, in einem Vortrag zum 8. Mai 1985, er sehe „dieses Pferd im Rennen um den großen Preis von Bonn ganz vorne einlaufen" (Schrenck-Notzing, „Charakterwäsche", 1987, S. 282).

Die Umerziehung schloß sich nahtlos an die im Zweiten Weltkrieg, insbesondere vom britischen Geheimdienst betriebene „schwarze Propaganda" (Howe 1983), an und arbeitete insbesondere mit Verfälschung und Verzerrung geschichtlicher Ereignisse. Zu den Kernpunkten dieser in den USA und England schon während des Krieges geplanten und wissenschaftlich wie organisatorisch vorbereiteten Umerziehung gehört die über Schule, Hochschule, Massenmedien und Politiker vorgenommene Vermittlung einer den Siegern genehmen Sicht der Geschichte. Unter der besonderen Berücksichtigung der „Kriegsschuldfrage" sollte es in Westdeutschland zu einer „Änderung des Geschichtsbildes" kommen.

Angebliche „deutsche Mißverständnisse der europäischen Geschichte der letzen fünfzig Jahre aufzuklären", lautete eines der bekanntgewordenen Ziele der Umerziehung vom britischen Foreign Office (Schrenck-Notzing, a. a. O).

Mit den umfassenden Machtmitteln der Besatzungsmächte wurde so unter dem Mantel der „Aufklärung" eine einseitige Verbiegung unserer deutschen Geschichte weitgehend durchgeführt. Nach dem

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Zweiten Weltkrieg fanden sich im Gegensatz zu der Zeit nach dem ' Ersten Weltkrieg genügend Deutsche, die sich den Besatzern als „Umerziehungshelfer" zur Verfügung stellten. Diese Hilfskräfte waren nach strengen Methoden ausgesucht und geschult worden und erhielten anschließend einflußreiche Posten in der Politik und Medienlandschaft. Das Berufsverbot für Belastete und der Lizenzzwang für die zugelassenen Parteien und alle Medien schufen eine scharfe | Auslese.

Die deutschen Hochschul-Professoren, vor allem im Fach Geschichte, hatten 1945 weitgehend ihre Lehrstühle im Zuge der „Entnazifizierung" verloren. An ihre Stelle traten zurückkehrende Emigranten und politisch „Unbelastete". Sie mußten sich hüten „Verbrechen der Nazis" zu verharmlosen und durften nichts Nachteiliges über die neuen Herren im Lande sagen. Ebenso durften Schriften jeglicher Art nicht in Umlauf gebracht werden, die abfällige Bemerkungen gegen die Besatzungsmächte enthielten.

Als erste Prozesse unter „deutscher Regie" rollten die „Entnazifizierungsverfahren" ab. Der Haß- und Lügenpropagandist Sefton Delmer, äußerte sich darüber in seinem Buch „Die Deutschen und ich" S. 682-683 wie folgt:

„Fast noch erschreckender aber fand ich das, was ich von der Arbeit der sogenannten Entnazifizierungsgerichte zu sehen bekam . . . Jedesmal wenn ich nach Deutschland kam, ging ich zu diesen Gerichtssitzungen, und jedesmal war ich von neuem entsetzt. Denn ich hatte den Eindruck, daß hier die gleiche Rachsucht und der gleiche Mangel an Achtung vor den Regeln der Prozeßordnung herrschten, wie ich sie bei den kommunistischen ,Volksgerichtshöfen' in Belgrad und Warschau erlebt hatte . . ."

Frei nach Goethe kann man hierzu nur sagen: „Die Geister, die ich rief, die werd ich nimmer los!"

Neben dieser Entnazifizierung, auf Grund besonderer „Spruchkammergesetze" durch die Militärregierungen, lief die „Strafverfolgung" der Siegermächte in Deutschland sowie in den Ländern der Sieger und Mitsieger. Dies geschah teils unter Begleitung eines großen Propagandaaufwandes, teils in aller Stille, teils mit Schauprozessen und öffentlichen Hinrichtungen.

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Nach einem offiziellen Bericht des Bundesjustizministeriums von Juli 1964 sind in der Zeit vom 8. Mai 1945 bis 1. Januar 1964 allein vor deutschen Gerichten 12882 Personen in rechtskräftig abgeschlossenen Verfahren angeklagt worden. Hiervon wurden 5445 verurteilt, und zwar zwölf zum Tode (die Todesurteile wurden nicht vollstreckt), 76 zu lebenslangen und 5 243 zu zeitlich begrenzten Freiheitsstrafen. Doch man begnügte sich damit nicht. Im November 1964 richtete die Bundesregierung einen Appell an die Weltöffentlichkeit, man möge ihr doch ja alles Belastungsmaterial gegen „deutsche Kriegsverbrecher" vorlegen, damit man noch eifriger dem „Recht" nachhelfen könne.

Am 25. Januar 1965 teilte der kommunistische Generalstaatsanwalt Streit der Öffentlichkeit mit (Neues Deutschland vom 26. Januar 1965), daß im Gebiet der „DDR" seit Mai 1945 bis Dezember 1964 16572 Personen wegen NS-Verbrechen angeklagt und davon 12807 verurteilt worden seien, und zwar 118 zum Tode, 231 zu lebenslanger und 5 088 zu mehr als dreijähriger Freiheitsstrafe. Sehr aufschlußreich im Zusammenhang mit der in Westdeutschland betriebenen „Umerziehung der Deutschen" seit 1945 ist das US-amerikanische Reeducation-program: „What to do with Germany, Army Service Forces, U. S. Army. Not for Säle." „Die Umerziehung wird für alt und jung gleichermaßen erzwungen, und sie darf sich nicht auf das Klassenzimmer beschränken. Die gewaltige überzeugende Kraft dramatischer Darstellung muß voll in ihren Dienst gestellt werden. Filme können hier ihre vollste Reife erreichen. Die größten Schriftsteller, Produzenten und Stars werden unter Anleitung der »Internationalen Universität' die bodenlose Bosheit des Nazismus dramatisieren und dem gegenüber die Schönheit und Einfalt eines Deutschland loben, daß sich nicht länger mit Schießen und Marschieren befaßt. Sie werden damit beauftragt, ein anziehendes Bild der Demokratie darzustellen, und der Rundfunk wird sowohl durch Unterhaltung wie auch durch ungetarnte Vorträge in die Häuser selbst eindringen. Die Autoren, Dramatiker, Herausgeber und Verleger müssen sich der anlaufenden Prüfung durch die internationale Universität' unterwerfen; denn sie sind alle Erzieher.

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Von Beginn an sollen alle nichtdemokratischen Veröffentlichungen unterbunden werden. Erst nachdem das deutsche Denken Gelegenheit hatte, in den neuen Idealen gestärkt zu werden, können auch gegenteilige Meinungen zugelassen werden, im Vertrauen darauf, daß der Virus keinen Boden mehr findet; dadurch wird größere Immunität für die Zukunft erreicht.

Der Umerziehungsprozeß muß ganz Deutschland durchdringen und bedecken. Auch die Arbeiter sollen im Verlauf von Freizeiten vereinfachte Lehrstunden in Demokratie erhalten. Sommeraufenthalte und Volksbildungsmöglichkeiten müssen dabei Hilfestellung leisten. Viele deutsche Gefangene werden nach Kriegsende in Rußland bleiben, nicht freiwillig, sondern weil die Russen sie als Arbeiter brauchen. Das ist nicht nur vollkommen legal, sondern beugt auch der Gefahr vor, daß die zurückkehrenden Kriegsgefangenen zum Kern einer nationalen Bewegung werden. Wenn wir selbst die deutschen Gefangenen nach dem Krieg nicht behalten wollen, sollten wir sie nichtsdestoweniger nach Rußland senden .. . Jedes nur denkbare Mittel geistiger Beeinflussung im Sinn demokratischer Kultur muß in den Dienst der Umerziehung gestellt werden. Die Aufgaben der Kirchen, der Kinos, der Theater, des Rundfunks, der Presse und der Gewerkschaften sind dabei vorgezeichnet. Die Umerziehung tritt an Stelle des Wehrdienstes, und jeder Deutsche wird ihr zwangsweise unterworfen, so wie früher der gesetzlichen Wehrpflicht.

Uns ist die Aufgabe zugefallen, Frieden und Freiheit zu retten; jene Freiheit, die am Berg Sinai geboren, in Bethlehem in die Wiege gelegt, deren kränkliche Kindheit in Rom, deren frühe Jugend in England verbracht wurde, deren eiserner Schulmeister Frankreich war, die ihr junges Mannesalter in den Vereinigten Staaten erlebte und die, wenn wir unser Teil dazu tun, bestimmt ist zu leben - überall in der Welt." (Nation Europa, August 1958)

Man muß heute zugeben, daß das Umerziehungsprogramm der Amerikaner, dank vieler deutscher Helfer und raffinierter Durchführung, ein voller Erfolg geworden ist. Es waren nur wenige, die sich nicht überrumpeln ließen und standhaft blieben. In letzter Zeit gewinnt man jedoch den Eindruck, daß es aus der jungen Generation stetig mehr werden, die nach der Wahrheit suchen.

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Auch nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 und dem Fortfall des Lizenzzwanges für Zeitungen und Zeitschriften änderten sich die Verhältnisse kaum, da einmal der wirtschaftliche Vorsprung der eingeführten Blätter zu groß war, andererseits die weitere Förderung durch Zuschüsse und Kredite nur den der Umerziehung verpflichteten Medien zugute kam. Die Personalpolitik bei Funk und später auch beim Fernsehen sorgte weiterhin dafür, daß nur umerziehungstreue Personen die leitenden und meinungsprägenden Stellen besetzten und diese bis heute behaupten. Dadurch erweist sich besonders das Fernsehen als großer Manipulator im Auftrag der Umerzieher, als Zensor selbst für ausländische Wissenschaftler und als bewußter Fälscher der deutschen Geschichte. Das wäre wohl in keinem anderen Lande denkbar.

Durch die jahrelangen massiven Beschuldigungen des deutschen Volkes gab und gibt es auch heute noch viele Opfer, die eine schwere seelische Gemütsbeschädigung davontrugen. Bedenkt man, daß die Umerziehung eine Fortsetzung der psychologischen Kriegführung darstellt, liegt es nahe, die Geschädigten als Kriegsopfer zu betrachten, denn die Umerziehung ist ein planvoller Einsatz der Publizistik mit dem Ziel, Meinung und Verhaltensweisen des Volkes im Sinne der Sieger zu beeinflussen, genau so, wie man das von der Kriegspropaganda her kennt.

Die ganze deutsche Geschichte wurde kriminalisiert. Die Schreckenstaten der Sieger in ferner und naher Vergangenheit wurden verschwiegen oder verharmlost. Die Folge war, daß viele Deutsche, die die Geschichte nicht kannten, tatsächlich glaubten, das deutsche Volk zeichne sich von allen anderen Nationen durch schlechte Eigenschaften und Kriegslüsternheit aus. Die Umerziehungsopfer brachen mit der nationalen Vergangenheit, verdammten ihre Väter und wollten keine Deutschen mehr sein. Als „Europäer" wollten sie wieder in den Kreis der „zivilisierten, anständigen Völker" aufgenommen werden. Ihre seelische Krankheit verwehrt ihnen, die Wirklichkeit zu sehen, Gegenargumente werden ärgerlich abgewiesen. Viele Menschen konnten den seelischen Schock, der ihnen durch die einseitige Greuelpropaganda zugefügt worden war, nicht verkraften. Sie erkrankten an einem seelischen Leiden, das man als „Politneu-

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rose" bezeichnen kann. Denn, wie bekannt, geht auch die normale Neurose auf Situationen zurück, in denen dem Betroffenen die gesunde Verarbeitung der aufgetretenen Affekte mißlang . . . Diese Umpolung des politischen Fühlens hat zur Folge, daß die Betroffenen ganz normalen Patriotismus, wie er überall auf dem Erdball anzutreffen ist, für die Deutschen ableugnen, jedoch ausländischen Extremnationalismus gutheißen (Beispiel Polen).

Auf Kosten des deutschen Volkes wollen sie aller Welt beweisen, daß sie selbst das „böse Deutschland" abgestreift haben. Bei den betroffenen Menschen kommt es, zumindest teilweise, zu einem Verlust des normalen politischen Beurteilungsvermögens in der realen Umwelt. Hitler versperrt ihnen den gesunden Blick in die Wirklichkeit. Sie benutzen jede Gelegenheit, dem deutschen Volk die Schuld an den in der Vergangenheit verübten Gewalttaten aufzubürden, und hören nicht auf, dem deutschen Volk die Pflicht zur „Wiedergutmachung" aufzuerlegen. Nationale Minderwertigkeitskomplexe, Haß und Verachtung gegen das eigene Volk waren unmittelbare Folgen der Umerziehung . . . „Deutschland in Geschichte und Gegenwart" (Dr. Wilhelm Volkmann, 1/91, S. 21).

Bereits 1950 erschien unter dem Titel „Kostspielige Rache" die deutsche Übersetzung des Buches The high Cost of Vengeance, von Freda Utley im H. H. Noelke-Verlag in Hamburg. Freda Utley schreibt darin folgende Erkenntnisse:

„Verglichen mit den Vergewaltigungen, Mordtaten und Plünderungen der russischen Armee bei Kriegsende, verglichen mit dem Terror und der Versklavung, dem Hunger und der Ausraubung der Ostzone, verglichen mit dem von Polen und Tschechen vollführten Völkermord erscheinen die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von den in Deutschland zum Tode oder zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilten Deutschen begangen wurden, im Ausmaß, wenn nicht gar in der Art noch geringer . . . Man konnte nicht durch die zerstörten Städte der Westzonen reisen, ohne ein Gefühl des Befremdens und des Entsetzens, daß wir über die Deutschen zu Gericht sitzen sollten, die nicht so viele Zivilisten umgebracht haben wie wir und die keine größeren Grausamkeiten verübten als wir mit der Ausradierung ganzer Städte durch Bomben."

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Nach Angaben von Freda Utley gab ein nachdenklicher amerikanischer Professor der Meinung Ausdruck, die amerikanische Militärregierung hätte beim Einzug in Deutschland angesichts der durch die Vernichtungsangriffe der Alliierten herbeigeführten grausamen Zerstörung befürchtet, die Kenntnis davon würde einen Stimmungsumschwung in Amerika herbeiführen und die Durchführung der US-Politik für Deutschland könnte verhindert werden, wenn Mitleid mit den Besiegten geweckt und die Kriegsverbrechen der Alliierten bekannt

würden.

Aus diesem Grunde habe General Eisenhower eine ganze Luftflotte eingesetzt, um Journalisten, Kongreßmitglieder und Geistliche zur Besichtigung der Konzentrationslager heranzubringen - mit dem Gedanken, durch den Anblick von Hitlers halbverhungerten Opfern das Bewußtsein der eigenen Schuld zu löschen. Dies wäre dann auch erreicht worden. Keine große amerikanische Zeitung habe jemals etwas über die Schrecken der alliierten Bombenangriffe berichtet und die schauerlichen Verhältnisse der Überlebenden in den Ruinen voller Leichen beschrieben. Die amerikanischen Leser wären nur mit deutschen Greueln sattgefüttert worden.

Damit begann auch die „Umerziehung" der Deutschen, die wir bis heute tagtäglich in den Medien erleben.

Nicht zufällig war der 40. Jahrestag des Kriegsendes so ausgiebig zur Vergangenheitsbewältigung benutzt worden: Die persönlich als mögliche Schuldigen waren nun ziemlich abgetreten, und die nächste Generation war an ihre Stelle gerückt. Auf sie, die die „Gnade der späten Geburt" in Anspruch nehmen konnten, sollte nun die Erpreßbar-keit in Form einer „Kollektivschuld" übertragen werden, damit diese politisch wirksam bleiben könnte.

Das war natürlich nur möglich, wenn die bisherige Schuldzuweisung aufrechterhalten oder gar verstärkt und auf neue Schuldner übertragen werden könnte. Gerade dies schien nun durch die Entwicklung der „immer mehr Fragenden" gefährdet, wenn an der „Einmaligkeit" der NS-Verbrechen gezweifelt und das damalige Geschehen „relativiert", „verharmlost" oder auch nur „historisiert" würde. Der bekannte Historiker Nolte unterstellte damals gewisse „Interessen" und hatte vor „Erwägungen" auch der „Nützlichkeit" in der Ge-

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schichte gewarnt (Nolte 1986a). „Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, ist leider oft nur eine Vergangenheit, die nicht vergehen darf, um der Macht der Groß-Richter und der Groß-Propheten willen" (Stürmer 1986b, S. 690), und damit auf die Scheinheiligkeit und Scheinmoral der Vertreter der einseitigen Vergangenheitsbewältigung angespielt. (Nolte und Stürmer in: Rolf Kosiek, „Historikerstreit und Geschichtsrevision", Tübingen 1987, S. 49, 57-59) Das Bestreben, auch die kommenden Generationen der Deutschen mit dem „Stigma Auschwitz" zu belasten und für sie eine normale Politik unmöglich zu machen, wurde bei den Auseinandersetzungen ausdrücklich angesprochen. Habermas trat dafür ein, daß etwas „von der kollektiven Mithaftung" aller Deutschen „auch noch auf die nächste und übernächste Generation" übertragen werde („Die Zeit", 7. November 1986). Kinder und Kindesländer sollen also in Mithaftung für etwas genommen werden, wofür wohl immer noch Hellmut Diwalds Feststellung von 1978 gilt, daß dieses „trotz aller Literatur in zentralen Fragen noch immer ungeklärt" ist (Diwald, „Geschichte der Deutschen", 1978, S. 165). Das Motiv der Schuldübertragung auf die unmittelbar gar nicht an den damaligen Vorgängen Beteiligten nach Art der alttestamentarischen Überlieferung war auch für Günther Zehm (Pankraz, „Die Welt", 24. November 1986) das Entscheidende für „Habermas und die Marxisten". Denn diese „verteidigen nicht nur das Nachkriegsdogma der sogenannten Kollektivschuld, sie möchten auch, daß diese Kollektivschuld auf die kommenden Generationen übertragen wird. Im Grunde geht es in der ganzen ,Diskussion' gerade um diesen Punkt. Da die bisherige ,Schuldgeneration' politisch abtritt und allmählich wegstirbt, versucht man nun, den Enkeln und Urenkeln den Schuldbazillus einzuimpfen." Und Zehm legt auch die unausgesprochenen, aber wohl nicht zu Unrecht unterstellten Gründe von „Habermas und Co" dar: „Erstens will man die Deutschen durch das Dogma der ewigwährenden Kollektivschuld klein und häßlich halten, damit sie weiterhin physisch und psychisch erpreßbar bleiben. Zweitens setzt man auf den Neurotisierungs-Effekt. Ewiges Schuldbewußtsein macht neurotisch, und Neurosen münden oft in Selbstzerstörungswut. So hofft man über den Umweg deutschen Selbsthasses doch noch endlich zum großen Kladderadatsch zu kommen, in dem

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die traditionellen Lebensverhältnisse verbrennen und endlich der ,wahre Sozialismus' entstehen kann." Dem ist wahrlich kaum noch etwas hinzuzufügen.

Die wichtigste Maßnahme heute und in der Zukunft ist die geistige und seelische Gesundung des deutschen Volkes und seine Heilung von der Neurose, in die es nach 1945 durch „Umerziehung" und „Schuldauferlegung" gezwungen wurde.

Pius XII. warnte die siegreichen Alliierten, sich zu erheben über „die Frage der Verantwortlichkeit für den gegenwärtigen Krieg und die Forderung von Reparationen". Beide Seiten, so der Papst, sollten sich als gleich schuldig bekennen. Denn das Wort der Weisheit habe sich erfüllt: „Sie waren alle gefesselt mit derselben Kette der Finsternis." (App, Austin S., „Der erschreckende Friede . . .", Salzburg 1950, S. 123) In einer Ansprache an das Heilige Kollegium vom 20. Februar 1946 erteilte Papst Pius XII. der Vorstellung von der Kollektivschuld eine klare Absage: „Es gehen verhängnisvolle Irrtümer um, die einen Menschen für schuldig und verantwortlich erklären nur deshalb, weil er Glied oder Teil irgendeiner Gemeinschaft ist." An Kardinal Frings schrieb der Papst: „Es ist unrecht, jemanden als schuldig zu behandeln, dem nicht eine persönliche Schuld nachgewiesen ist, nur deshalb, weil er einer bestimmten Gemeinschaft angehört hat. Es heißt in die Vorrechte Gottes eingreifen, wenn man einem ganzen Volk eine Kollektivschuld zuschreibt und es demgemäß behandeln will." (Kern, „Verheimlichte Dokumente", S. 404, München 1988) Der US-amerikanische Geschichtswissenschaftler Professor Stefan T. Possony, 1938 vor dem antisemitischen Nationalsozialismus aus Österreich emigriert, beschäftigte sich eingehend mit der Frage der Kriegs- und Kollektivschuld. Seine Erkenntnisse: „Am wichtigsten ist es einzusehen, daß Kriegsschuld keinen Urteilsspruch über die Kollektivverantwortung eines ganzen Volkes bedeutet. Wenn man nicht ewige Revolution predigen will, womit man natürlich auch dem ewigen Krieg das Wort redet, dann muß man das Vertrauen eines jeden Volkes in seine Regierung voraussetzen. Wenn einer Nation von ihrer Regierung mitgeteilt wird, man sei nunmehr gezwungen, zum Verteidigungskrieg anzutreten, so muß und wird das betreffende Volk der Regierung glauben und sich hinter sie stellen."

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Die Regierung möge lügen oder die Wahrheit sprechen, das Volk habe keine Möglichkeit, den wahren Tatbestand zu ermitteln . . . Und der „kleine Mann"? Possony: „Herr Müller senior war 1914 genausowenig an der Kriegsentscheidung beteiligt wie Herr Müller junior 1939. Aber in beiden Fällen stellte er sich dem Kriegsdienst, weil man ihn überzeugt hatte, daß die Lebensinteressen der Nation auf dem Spiel standen. Genauso ging es M. Dupont in Frankreich, Mr. Brown in England und Mr. Smith in den Vereinigten Staaten - von Iwan Iwa-nowitsch Iwanoff ganz zu schweigen. Alle Völker sind dem Ruf ihrer Regierungen gefolgt."

„Man tut also wohl daran, das Problem der Kollektivschuld der Vergessenheit anheim zu stellen", mahnt Possony. „Wenn es überhaupt echte Kriegsschuld gibt, so fällt diese Schuld auf kleine Gruppen und Einzelpersonen . . . Die unwiderruflichen Entscheidungen werden oft von Akteuren veranlaßt, die im geheimen wirken und von denen die meisten nie entdeckt werden." Wenn man also über die Ursprünge der beiden Weltkriege ehrlich und endgültig Klarheit schaffen wollte, so müßte man eine internationale Historikerkommission und in allen beteiligten Ländern die Dokumente, welcher Art sie auch immer sein mögen, freigeben. „Sobald diese historische Aufarbeitung des Materials gelungen ist, könnte man dazu schreiten, das Problem in seiner internationalen Verflechtung gesamt zu beurteilen." (Possony, Stefan, „Zur Bewältigung der Kriegsschuldfrage", S. 335-337) US-Professor Alfred M. de Zayas (Anmerkungen S. 14) weist auf das Unrecht hin, das den Deutschen ab 1919 im polnischen Machtbereich widerfuhr, wobei viele ins Reichsgebiet fliehen mußten oder auch ihr Leben verloren hätten:

„Kollektivschuld ist ein unhistorischer, unmenschlicher und unvernünftiger Gedanke."

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