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Politik und Rechtsprechung - Ein Fallbeispiel

CLAUS JORDAN


0. Zum Inhalt

Unser Rechtswesen beruht auf dem Prinzip der Gewaltenteilung. Die Rechtsprechung soll unabhängig von der Politik sein. Allerdings hat sie den Gesetzen zu folgen, die von politischen Gremien erlassen werden. So weit so gut - zumindest solange die Gesetzgebung sich ihrerseits den gewachsenen und in der Praxis erprobten Rechtstraditionen verpflichtet fühlt.

Läßt sich die Gesetzgebung aber von tagespolitischer Opportunität leiten, werden Sondergesetze erlassen, denen die Rechtssprechung folgen muß, dann wird diese zum Werkzeug der Politik. Die im Grunde so segensreiche Gewaltenteilung kann dann von den Gesetzgebern als Alibi mißbraucht werden, um die Verantwortung für die Folgen schlechter Gesetze von sich abzuschieben.

Eine folgenschwere Sondergesetzgebung war die Verjährungsaufhebung von 1979. Sie erfolgte auf politischen Druck. Bedenken, daß Justizirrtümer zu befürchten seien, wurden hinweggeredet. Der in diesem Beitrag dargestellte Fall Weise läßt erkennen, wie berechtigt die Warnungen waren und wie leichtfertig man seinerzeit die Warnung vor Justizirrtümern hinweggewischt hat. Jetzt aber fühlen sich die Gesetzgeber nicht mehr verantwortlich: Es gäbe doch die Gewaltenteilung.

Kann es angehen, daß die Gesetzesmacher jetzt, wo es sich als mißraten erweist - sich des Kindes nicht erinnern wollen, das sie mit so viel frommen Sprüchen in die Welt gesetzt haben?

Ich erhoffe von der Erörterung dieses Falles, daß der Fehler des Gesetzgebers von 1979 korrigiert wird und daß unser Rechtswesen wieder zu gewachsener Rechtstradition zurückkehrt, wie es seinerzeit prophezeit wurde:

»... Vielleicht gibt es wirklich, zur gern aufgenommenen Rechtfertigung der Verjährungsaufhebung, noch den einen oder anderen neu zur Strafverfolgung kommenden Fall. Wahrscheinlich ist es nach den Bekundungen der Sachverständigen nicht. Ob noch Urteile herauskommen können nach den strengen Beweisregeln, an denen nicht manipuliert werden darf, ist äußerst fraglich. Eines Tages, so um das Jahr 2000 herum, wird dann die Unverjährbarkeit des Mordes in unserem Recht entdeckt werden, und man wird sich fragen, wie es dazu kam. In einem soundsovielten Strafrechtsänderungsgesetz wird das beiläufig in Ordnung gebracht werden. Es sei denn, wir hätten dann einen Staat, der für sich die Allgewalt in Anspruch nimmt, was wir jetzt die Freiheit haben "Hybris" zu nennen.«[1]

1. Die Verjährungsaufhebung: Bruch der Rechtstradition

Am 20. März 1979 und am 3. Juli 1979 debattierten die Bundestagsabgeordneten über die Aufhebung der Verjährung für Mord. Das entsprechende Gesetz wurde am 3. Juli 1979 mit 255 gegen 222 Stimmen angenommen.[2]

1.1. Ausländische Einflußnahme

Natürlich gab es ein ausländisches Interesse an dieser Frage, das aber auch von deutschen Stellen gestützt wurde. Unter dem Untertitel »Amerikanische Delegation zur Verjährungsfrage / Heute bei Schmidt« berichtet die FAZ z.B. über eine Reise des »Simon Wiesenthal Center for Holocaust Studies« aus Los Angeles, die vom Bonner Auswärtigen Amt unterstützt wurde.[3] Auch Abgeordnete des israelischen Parlaments suchten die Entscheidungsvorgänge auf Aufforderung deutscher Stellen zu beeinflussen. So berichtete z.B. Gideon Hausner, Knesseth-Abgeordneter und Mitglied des israelischen Holocaust-Zentrums Yad Vashem, daß er von Bundeskanzler Schmidt aufgefordert worden sei, den deutschen Gesetzgebern die Unverjährbarkeit der NS-Verbrechen nahezulegen, was er auch eindringlich tat.[4]

1.2. Die juristischen Bedenken

Hinweise auf das Rückwirkungsverbot des Artikels 103 GG wurden beiseite geschoben, und zwar mit Hinweis auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 1969. Die Gegner der Verjährungsaufhebung machten weitere juristische Bedenken geltend. Dr. A. Mertes (CDU/CSU) wies auf den Konflikt zwischen Gerechtigkeit und Rechtsfrieden hin. In der europäischen Rechtskultur bedeute Verjährung ausschließlich die

»Sicherung des Staates vor dem Justizirrtum«.

Und:

»In den Ländern des angloamerikanischen Rechtskreises sichert sich der Staat gegen das Risiko eines Unrechts auf andere Weise, nämlich durch das Opportunitätsprinzip und durch besonders strenge Beweisregeln. Die Verjährung ist im deutschen und europäischen Recht das notwendige Korrektiv zum Legalitätsprinzip.« ... »Im übrigen gehört es zu den großen Unaufrichtigkeiten unserer Zeit, den Strafzweck der sühnenden Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen zugunsten der Resozialisierung zurückzudrängen, im Falle der NS-Verbrechen aber sogar nach 35- bis 47jähriger Resozialisierung die Sühne zum obersten und ausschließlichen Strafzweck zu machen.«[5]

Der damalige Bundesjustizminister H.-J. Vogel drückte in seinen Stellungnahmen nicht die Sorge vor Justizirrtümern aus, sondern entgegnet nur der Befürchtung, mangels Beweisen könne man ohnehin keinen angeblichen NS-Täter mehr verurteilen. Dazu meinte er, die moderne Kriminalistik sei in der Lage,

»Tat und Täterspuren in einer Weise zu sichern, die die Überführung des Täters auch noch nach Jahrzehnten gewährleistet.«[6]

Von einer Anwendung moderner Kriminalistik auch zur Vermeidung von Justizirrtümern hat er nicht gesprochen.

Die Warnung vor einseitiger Ermittlung kam von Gegnern der Verjährungsaufhebung, die eine Verurteilung trotz mangelnder Beweise befürchteten.[7] Die Befürworter der Verjährungsaufhebung verwiesen auf den Grundsatz »in dubio pro reo«, dessen Einhaltung sie offenbar als selbstverständlich ansahen.[8] Noch deutlicher hatte es Fromme in dem bereits zitierten Zeitungsbeitrag ausgedrückt, als er von »den strengen Beweisregeln, an denen nicht manipuliert werden darf«, wie von einer Selbstverständlichkeit schrieb.

Im Fall Weise wurde keine dieser Selbstverständlichkeiten gewahrt: Gottfried Weise wurde unter völliger Außerachtlassung des Grundsatzes »im Zweifel für den Angeklagten« verurteilt. An den strengen Beweisregeln wurde zu seinen Lasten auf das schlimmste manipuliert. Und von der Anwendung moderner Kriminalistik war im Prozeß nichts zu finden, schon gar nicht dort, wo sie zu einer Entlastung des Angeschuldigten hätte führen müssen. - Allerdings: Herr H.-J. Vogel hatte sie, die moderne Kriminalistik, ja auch nur einseitig zur Bereitstellung von Belastungsbeweisen verwenden wollen.

1.3. Das Feigenblatt: Ein Gutachten

Man wollte die Verjährungsaufhebung eigentlich nur für sogenannte NS-Morde.[9] Dafür traten die Abgeordneten Maihofer und Helmrich offen ein. Gegen eine solche gar zu offenkundige Sondergesetzgebung ergaben sich dann doch verfassungsrechtliche Bedenken, so daß schließlich die Verjährung generell für Mord aufgehoben wurde.

Die Frage der Verfassungsgemäßheit der generellen Verjährungsaufhebung für Mord blieb offen. Professor Böckenförde hatte als Gutachter ausgeführt, daß die Aufhebung der Verjährung dann zur Verfassungswidrigkeit umschlägt, wenn normative Regelungen der Verfahrensführung nicht mehr gleichmäßig angewendet werden können. Er schrieb:

»... Ein solcher Umschlag könnte sich etwa dann ergeben, wenn ... bestenfalls Zufallsergebnisse erzielt werden könnten, etwa wegen unaufhaltbaren Beweisverfalls, unüberwindlicher Ermittlungsschwierigkeiten, fehlender Möglichkeit effektiver Beweissicherung, grundsätzlicher Unbestimmtheit oder fehlender Objektivierbarkeit des Tatbestandes.
Ob ein solcher Umschlag in die Unausführbarkeit bei einer Verjährungsaufhebung für NS-Mordtaten oder Mordtaten generell eintreten würde, kann hier nicht beurteilt werden. Dazu ist eine eingehende Kenntnis und Würdigung der tatsächlichen Gegebenheit, insbesondere der Ermittlungs- und Beweisprobleme notwendig,...«[10]

Das Gutachten hat also nicht besagt: Die Aufhebung ist verfassungsgemäß. Es kommt vielmehr lediglich zu der Aussage: Man kann zur Zeit (1979) noch keine Verfassungswidrigkeit erkennen. Dazu muß man erst »die tatsächliche Gegebenheit« aus mehreren Fällen würdigen können.

1.4. Die uneingelösten Wechsel

Ein uneingelöster Wechsel ist das mit Einholung eines Gutachtens gegebene Versprechen, ob das alles verfassungsgemäß sei, lasse man prüfen. Tatsächlich will es offenbar niemand in Politik, Wissenschaft oder bei den Wächtern der Demokratie, den Medien, wissen, sonst hätte man schon lange bei Herrn Professor Böckenförde - oder anderswo - den nunmehr möglichen Abschluß des Gutachtens angefordert.

Vor die Blößen der Kernfragen "Verfassungsgemäßheit" und "Justizirrtum" hat man 1979 das noch nicht abgeschlossenen Gutachten Böckenfördes wie ein Feigenblatt gehalten, garniert mit einer Sammlung frommer Sprüche.

Jetzt zeigt der Fall Weise, daß das hohle Sprüche und faule Wechsel waren.

2. Der Fall Weise als Beispiel für Umschlagen der Praktikabilität

1988 ist in Wuppertal der Rentner Gottfried Weise wegen fünffachen Mordes verurteilt worden. Eine Prüfung des Wuppertaler Verfahrens ergibt, daß hier alle Merkmale vorliegen, die Prof. Dr. Böckenförde 1979 als Kennzeichen eines Umschlagens aus der Praktikabilität aufgezählt hatte:

    1. Unaufhaltbarer Beweisverfall: Zum Beispiel ist der Versetzungsbefehl nicht mehr aufzutreiben, der zusätzlich zu zwei vorhandenen Dokumenten beweisen würde, daß Weise bis September 1944 nicht am angeblichen Tatort im Lager Auschwitz eingesetzt sein konnte (angebliche Tatzeit »Juni/Juli 1944«).
    2. Unüberwindliche Ermittlungsschwierigkeiten: Zum Beispiel gelang es dem Gericht nicht einmal, ein wirklichkeitsgerechtes Bild vom angeblichen Tatort der Freimark-Fälle zu gewinnen. (Vgl. Abschnitt 2.2.2.)
    3. Fehlende Möglichkeit effektiver Beweissicherung: Zum Beispiel hatten Staatsanwaltschaft und Gericht vermieden, rechtzeitig eine Aussage des früheren Häftlings Dr. Eisenschimmel zu sichern. Sie hätte wesentlich zur Entlastung des Angeklagten beigetragen. Als die Verteidigung sich darum bemühte, war Herr Dr. Eisenschimmel bereits so schwer erkrankt, daß er nicht mehr aussagen konnte.
    4. Fehlende Objektivierbarkeit des Tatbestandes: Das Gericht blieb in seinen "Feststellungen" überall sehr ungenau, wo es um konkrete Feststellungen ging. Zum Beipiel wurde in den Freimark-Fällen die angebliche Tatzeit auf "Juni/Juli 1944" festgestellt, von den angeblichen Opfern sind nicht die Namen, zum Teil nicht einmal das Geschlecht angegeben. Das erschwert es ungemein, konkrete Gegenbeweise zu sichern, wie es etwa durch Gegenprobe an Hand der nun vorliegenden Sterbelisten möglich geworden wäre. Das Wuppertaler Gericht hat die Beweisschwierigkeiten nur durch Abgehen von den strengen Beweisregeln »überwunden«. Es muß aber noch ein anderer Gesichtspunkt genannt werden, an den Böckenförde gar nicht denken konnte, weil er fest in der gewachsenen Rechtstradition verhaftet ist: Im Wuppertaler Prozeß kam es praktisch zu
    5. einer Umkehrung der Beweislast. Der Angeklagte stand plötzlich verzweifelt vor der Unmöglichkeit, seine Unschuld zu beweisen, z.B. nachzuweisen, daß er zur angegebenen Tatzeit nicht am angegebenen Tatort hatte sein können. Dem Gericht genügten widersprüchliche und unbestimmte Zeugenaussagen, deren Dubiosität es mit dem Hinweis überspielte, gerade die Widersprüche zeigten, daß es sich nicht um abgesprochene Aussagen handelte. Diese Aussagen waren dem Gericht Beweis genug. Der Angeklagte mußte nun seine Unschuld beweisen.

Erst lange nach dem Prozeß gelang es, Entlastungsbeweise beizubringen, deren rechtzeitige Beschaffung die Strafverfolger rechtswidrig vermieden und verhindert hatten.

2.1. Überblick zu Zustandekommen, Ablauf und Folgen des Wuppertaler Prozesses gegen Gottfried Weise

2.1.1. Vorgeschichte des Falles Weise

Gottfried Weise hatte als Soldat nach schwerer Verwundung ein Auge verloren, wurde front- und wachdienstuntauglich geschrieben und - nach einer Ausbildung als Buchhalter - in das Konzentrationslager Auschwitz kommandiert. Hier war er zunächst in der Häftlingsgeldverwaltung außerhalb des Lagers eingesetzt und dann im Effektenlager II in Birkenau. Dort hatte er eine Gruppe jüdischer Frauen zu beaufsichtigen. Diese Gruppe geleitete er nach Auflösung von Auschwitz über Ravensbrück wohlbehalten zu den Amerikanern. Alle »seine« Häftlinge sagten für ihn aus: daß er sich in Auschwitz bemüht hatte, ihr Los zu erleichtern, daß sie froh gewesen waren, auf dem Transport wieder seinem Kommando zugeteilt zu werden, daß er einmal sogar ein gehbehindertes Mädchen aus russischem Artilleriefeuer getragen hatte. Nach sorgfältigster Überprüfung in dreijähriger Gefangenschaft wurde Gottfried Weise entlassen. Er hatte ein gutes Gewissen, und so tat er dann etwas recht Außergewöhnliches: Über das Rote Kreuz und den Jüdischen Weltkongreß suchte er nach seinen früheren Schützlingen. - Im Urteil des Landgerichtes Wuppertal[11] werden diese Bemühungen des Angeklagten allerdings nur abwertend als Zeichen seiner Abgefeimtheit erwähnt.

2.1.2. Wie kam es zu der Anklage?

In Wien hatte 1962 in der Strafsache gegen Richard Baer ein Zeuge, Herbert Tischler, u.a. von einem SS-Unterscharführer oder Rottenführer »Weiser« berichtet. Dieser habe einen Häftling getötet, als er ihm eine Blechbüchse vom Kopf schießen wollte. Damit war der »Tell von Auschwitz« erfunden.

Zwar wurde Tischler in einem amtlichen Schreiben als unglaubhaft bezeichnet. Zwar war bekannt, daß er wegen allerlei Rechtsübertretungen von Interpol gesucht wurde. Aber als Belastungszeuge in einem NS-Prozeß galt Tischler als glaubhaft. Sein Hinweis auf den angeblichen »Tell von Auschwitz« ging in die Mühlen der Strafverfolgung. Man schrieb das angebliche »Tellschießen« dem ehemaligen Unterscharführer Gottfried Weise zu. 1980 begann man mit Nachfragen: Fragelisten mit Hinweisen auf die Tatvorwürfe, mit Bildern von Gottfried Weise gingen nach Polen, Israel, Ungarn, in die USA.

Man suchte also Zeugen, und man fand sie. Wie die Zeugensuche, das »Auffrischen« der Erinnerungen dieser Zeugen vor sich ging, werde ich am Beispiel des Zeugen Freimark näher beschreiben.

2.1.3. Was waren die Anklagepunkte?

Am 7. Juni 1985 erhob die Staatsanwaltschaft Köln gegen den Rentner Gottfried Weise aus Solingen, geboren am 11. März 1921 in Waldenburg, Anklage wegen des Verdachtes des Mordes im KZ Auschwitz.

Am 28. Januar 1988 verurteilte unter dem Vorsitz des jetzigen Vize-Landgerichtspräsidenten Wilfried Klein ein Wuppertaler Schwurgericht Gottfried Weise wegen fünf angeblicher Morde zu lebenslanger Freiheitsstrafe:

Zwei Morde (die "Lazar-Fälle") soll der Angeklagte nach Aussagen der Zeugin Lazar im Effektenlager II durch das sogenannte "Büchsenschießen" begangen haben, indem er seinen Opfern Blechbüchsen auf Kopf und Schultern stellte, erst auf die Büchsen und dann auf die Opfer schoß. Drei Morde (die "Freimark-Fälle") soll er nach Aussagen des Zeugen Freimark im »Juni/Juli 1944« im »Effektenlager I« begangen haben, und zwar:

  1. einen Mord in einer Baracke ("Baracken-Mord"),
  2. etwa vier Wochen später zwei Morde auf einem Platz zwischen dem Lagerzaun und einer etwa 10 Meter entfernten Rampe ("Rampenmord").

2.1.4. Wie verlief der Prozeß?

Der gesamte Prozeßverlauf stand unter dem Zeichen der Vorverurteilung des Angeklagten in einem Haß-Szenario. Presse und Gericht ergänzten sich. So fand zum Beispiel der nachfolgend wiedergegebene Pressebericht über eine (nachweisbar falsche[12]) Zeugenaussage gläubige Aufnahme nicht nur durch eine unbedarfte Öffentlichkeit, sondern auch durch das Gericht, das tatsächlich selbst dieses so leicht widerlegbare Greuelmärchen in die schriftliche Urteilsbegründung aufnahm.[13]

»"Lebende Kinder wurden in die Feuergrube geworfen"
...Als ein neuer Häftlingstransport ins Lager gekommen sei, seien die Kinder gleich aussortiert und lebend in eine brennende Feuergrube geworfen worden,...
Da kam plötzlich der angetrunkene "Blinde" (so nannten die Häftlinge den Angeklagten Weise...) machte Licht und forderte Olga... auf, zu tanzen... Es war entsetzlich! Draußen die Schreie der Kinder...
Der Blinde forderte das Mädchen, das schwanger war, auf, sich hinzustellen und trat ihm mit seinem Stiefel in den Bauch. Die junge Frau schrie und brach zusammen." ...«[14]

Durch derartige Greuelmärchen wurde der Angeklagte zur »Bestie von Auschwitz« abgestempelt - nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für das Gericht. Der Angeklagte ist zwar nicht wegen der behaupteten Lebendverbrennungen verurteilt worden. Die Annahme, sie hätten stattgefunden und der Angeklagte habe dabei große Gefühlsroheit gezeigt, hatte aber zweifellos Einfluß auf die Urteilsfindung. Das wird schon durch die Ausführlichkeit bewiesen, mit der das Gericht dieses Greuelmärchen in der Urteilsbegründung weitererzählt, um dann den Angeklagten »völliger Gefühlsroheit« zu bezichtigen.

Eindeutig kam die parteiische Einstellung der Richter auch im Gerichtssaal zum Ausdruck. So wurden zum Beispiel von der damals bekanntlich DDR-finanzierten und Stasi-gelenkten VVN im Gerichtssaal und davor Flugblätter verteilt. Die Flugblattverteilung im Gerichtssaal wurde vom Vorsitzenden Richter zwar milde gerügt, so etwas dürfe man über den Angeklagten erst verbreiten, nachdem er verurteilt sei. Das Verteilen der VVN-Flugblätter wurde aber nicht unterbunden.

Auch das ständige Mitstenographieren seitens der VVN-Vertreter und »Betreuer« der Belastungszeugen wurde vom Gericht nicht unterbunden, sondern freundlichst übersehen. (Frau Ruth Kulling von der VVN saß übrigens immer auf einem Presseplatz.) Dagegen hatte der Verteidiger dem Sohn des Angeklagten dringend empfohlen, von Notizen Abstand zu nehmen, weil das in der Verhandlung nicht zulässig sei. Mehrfach war dann zu beobachten, daß die ungerügt Mitstenographierenden das Notierte den Belastungszeugen vor deren Vernehmung mitteilten.

In jedem normalen Prozeß hätte hier die Verteidigung eingreifen können und müssen. Angesichts des vom Gericht geduldeten und teilweise miterzeugten Haß-Szenarios hielt das die Verteidigung in Wuppertal für nicht sinnvoll. Um der allen Prozeßregeln widersprechenden ständigen Vorinformation und Einstimmung der Belastungszeugen nicht noch Vorschub zu leisten, hatte der Verteidiger dem Angeklagten geraten, keine Aussagen zu machen. Nach der Urteilverkündigung hieß es dann in der Presse:

»Das Schweigen des Angeklagten, so Klein, zeige, daß Weise den Vorwürfen keine Tatsachen entgegenzusetzen habe - "nun ist er von der Vergangenheit eingeholt, die nicht totzuschweigen ist."«[15]

Niemandem scheint aufgefallen zu sein, welche Ungeheuerlichkeit hier formuliert wurde: Der Angeklagte habe den Vorwürfen keine Tatsachen entgegensetzen können. Es wird suggeriert, daß die Vorwürfe der Anklage und der Zeugen selber bereits Tatsachen seien, die der Angeklagte zu entkräften nicht in der Lage gewesen sei. Vorwürfe aber sind noch keine Tatsachen.

Die von der Presse wie selbstverständlich vorausgesetzte Umkehrung der Beweislast ist kein einfacher Lapsus Linguae. Je genauer man die Prozeßunterlagen prüft, um so sicherer wird erkennbar, wie stark das Gericht sich von seiner eigenen Voreingenommenheit leiten ließ. In jedem »normalen« Prozeß gilt der Angeklagte als unschuldig, solange seine Schuld nicht erwiesen ist, und bei unsicherer Beweislage gilt "im Zweifel für den Angeklagten". Das war in Wuppertal nicht so.

In dieser Situation der umgekehrten Beweislast ließen sich natürlich alle bei einem solchen Spätestprozeß erwarteten Ermittlungsschwierigkeiten leicht gegen den Angeklagten instrumentalisieren, insbesondere die oben unter a) bis c) aufgeführten.

Trotzdem hätte der Angeklagte noch eine Chance gehabt, seine Unschuld - wenn es denn nun einmal so verlangt wurde - zu beweisen, hätte ihm das Gericht nicht rigoros jede Möglichkeit dazu beschnitten und verweigert. Eine der gegen den Angeklagten instrumentalisierten Behinderungen seiner Verteidigung war, daß das Gericht die schon von der Anklage praktizierte einseitige Zeugenauswahl konsequent fortsetzte:

Der Anklage stand umfangreiches Material über mögliche Zeugen zur Verfügung. Die Staatsanwaltschaft hätte darin sowohl nach Be- als auch nach Entlastungszeugen suchen müssen. Das war aber nicht der Fall. Schon in den Voruntersuchungen wurden die ehemaligen Häftlinge nur dann dringlich um Aussage gebeten, wenn sie Belastendes zu wissen behaupteten, wie z.B. die Zeugin Lazar bei ihren Aussagen in Budapest am 2.6.1987 und 16.6.1987. Die Protokolle[16] zeigen u.a., wie einfühlsam und dringlich der aus Wuppertal angereiste Vorsitzende Klein die Zeugin dazu bewegte, sich doch zur Aussage in Wuppertal bereitzufinden. Ganz anders wurde bei möglichen Entlastungszeugen verfahren. So wurde zum Beispiel die von der Verteidigung beantragte Vernehmung der erkrankten Zeugin Korn in Israel abgelehnt: »Es sind aus dem Beweisantrag keine Gründe ersichtlich, daß die Zeugin in absehbarer Zeit wird vernommen werden können.«[17]

Dieser einseitigen Zeugenauswahl versuchte im Prozeß die Verteidigung durch zahlreiche Anträge auf Ladung ehemaliger Häftlinge (mehr als 20) und weitere Beweisanträge entgegenzuwirken, die aber vom Gericht grundsätzlich abgelehnt wurden. Die Ablehnungen stützten sich immer wieder darauf, daß diese Zeugen ja bestenfalls aussagen könnten, sie wüßten nichts von den angeblichen Taten des Angeklagten. Das sei unerheblich, denn erstens hätten die Häftlinge nicht alles wissen können und zweitens könnten sie sich nach 43 Jahren ohnehin nicht mehr genau erinnern.

Das Wuppertaler Gericht stufte die Beweisanträge der Verteidigung grundsätzlich zu Beweisermittlungsanträgen ab und lehnte sie ab.[18] Im Gegensatz dazu hatte schon das OLG Düsseldorf im ersten Haftverschonungsbeschluß ausgeführt, daß seiner Auffassung nach alle in Betracht kommenden Zeugen zu hören seien, da es die schwierige Wahrheitserforschung nach so langer Zeit geboten lasse, alle in Betracht kommenden Zeugen zu hören.[19] Dies ist sehr bemerkenswert, da es nicht üblich ist, daß sich ein anderes Gericht mit Fragen der Tatsachenermittlung befaßt, die grundsätzlich alleinige Aufgabe des für den Prozeß zuständigen Gerichtes sind. Das OLG Düsseldorf bekräftigte seine Auffassung, indem es Weise nach dem Wuppertaler Urteilsspruch erneut Haftverschonung gewährte.

Ein weiteres Beispiel für Beweismittelunterdrückung ist die Aussage des Isaac Liver, die er am 18.10.1985 bei der Direktion der Nationalen Polizei in Villejuif (Frankreich) machte. Die Nummern im folgenden auszugsweisen Zitat weisen auf schriftlich vorliegende Fragen an den Zeugen hin:

»Nr. 2: Ich arbeitete im "Lager Kanada" zuerst in Auschwitz im Lager Kanada Nr. 1, dann im Lager Kanada Nr. 2, das sich etwa 7 km von Auschwitz in Birkenau befand. 1944 war ich in Birkenau...
Nr. 4: Der Name Gottfried Weise und die Spitznamen "der Blinde" oder "Sleepy" erinnern mich an absolut nichts.
Nr. 5: Ich war keineswegs Zeuge der in dieser Akte erwähnten Taten und habe nicht davon sprechen gehört. Ich glaube, daß diese Geschichte nicht stimmt, denn ohne jeden Zweifel hätten sie alle Gefangenen des Lagers und wahrscheinlich die aus den anderen Lagern gekannt.«
»Ich persönlich habe den Eindruck, daß die Sache sich nicht halten läßt; alles was in dieser Akte [!] angeführt ist, ist mir völlig fremd und wenn sich die Dinge im Lager so abgespielt hätten, wie sie beschrieben sind, wüßte ich zwangsläufig davon.«[20]

Ein unvoreingenommenes Gericht hätte selbstverständlich gerade diesen Zeugen ausführlich gehört, um kein einseitiges Bild zu erhalten, um der Öffentlichkeit kein einseitiges Bild zu vermitteln, und um durch Vergleich der Zeugenaussagen das Erinnerungsvermögen und die Glaubwürdigkeit der einzelnen Zeugen besser erkennbar zu machen. Das Wuppertaler Gericht "wußte" aber von vornherein, welche Zeugen glaubwürdig sind, und welche nicht: So blieb der Zeuge Isaac Liver ungehört. Seine dem Gericht vorliegende frühere Vernehmung wurde nicht verlesen und blieb somit sowohl der Öffentlichkeit als auch den Schöffen unbekannt. In gleicher Weise wurde mit anderen Aussagen verfahren, die zur Entlastung des Angeklagten, zur Korrektur seines in der Öffentlichkeit ausschließlich negativ gezeichneten Bildes hätten führen können.

Das Gericht lehnte nicht nur die Ladung von Entlastungszeugen ab, es verhinderte auch die rechtzeitige Vorlage von Sachbeweisen, wozu weiter unten (2.1.6.2) näheres ausgeführt wird.

2.1.5. Die Urteilsbegründung

Am 28. Januar 1988 hat die 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wuppertal für Recht erkannt, daß der Angeklagte unter Freisprechung im übrigen wegen Mordes in fünf Fällen zu einer Gesamtstrafe von lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wird.

In den ersten achtzehn Seiten der Urteilsbegründung wird zunächst der »zeitgeschichtliche Hintergrund« dargestellt, und zwar aufgrund von »allgemeinkundigen, geschichtlich gesicherten Tatsachen«, zu denen

»beispielhaft verwiesen wird auf: Buchheim/Broszat/Jacobsen/Krausnick, Anatomie des SS-Staates, Walter-Verlag, Bd. I und II; Hofer, Der Nationalsozialismus - Dokumente 1933 - 1945, Fischer-Verlag; Kogon, Der SS-Staat, Wilhelm Heyne-Verlag«.

Auschwitz-Literatur mit stichhaltigen, nachprüfbaren und auswertbaren Sachangaben fehlt in dieser Literaturangabe.

So enthalten denn auch die in der Urteilsbegründung auf weiteren vierzig Seiten folgenden Schilderungen des Lagers, seiner Organisation und der Lebensumstände viele nachweisbare Unrichtigkeiten und offenkundige Unglaublichkeiten. (So steht zum Beispiel tatsächlich und wörtlich auf Seiten 57/58 der Urteilsbegründung: »Viele der Häftlinge trugen als wertvollsten Besitz eine Schüssel bei sich, die der Verrichtung ihrer Notdurft ebenso diente wie als Eßnapf.«)

Dann heißt es:

»Auf die Funktion des KL Auschwitz als Massenvernichtungslager soll nicht näher eingegangen werden, weil die Taten, die der Angeklagte begangen hat bzw. haben soll, nicht im Zusammenhang mit den im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage" erteilten Befehlen stehen.«[21]

Aber in Einzelheiten der Urteilsbegründung wird später immer wieder auf das bekannte Szenario zurückgegriffen. Ein Beispiel hierfür bietet das Wuppertaler Gericht im Hinwegerklären von Unglaublichkeiten in besonders phantasievollen Aussagen der Zeugin Lazar:

Die Zeugin Lazar hatte in Budapest beeidet, sie habe zahlreiche Morde selbst gesehen, so z.B.:

»3. Ich hatte im "Canada" Lager freien Ausgang und so konnte ich sehen wie SS-Leute Gefangene erschossen haben.
4. Beinahe jeden Tag, beinahe jede Stunde sind Erschießungen vorgekommen. Dies habe ich mit eigenen Augen gesehen.«[22]

Das stand nun im Gegensatz zu den Aussagen der meisten als Zeugen vernommenen früheren Häftlinge. Das Gericht fand aber eine Erklärung dieser »Unstimmigkeit«. Es erklärte diese Übertreibungstendenzen damit, daß die Erlebnisse des in der Nähe stattfindenden Massensterbens bei den Krematorien in das Erinnerungsbild der Zeugin mit eingegangen sei.[23]

Auch an vielen weiteren Stellen der Urteilsbegründung greifen die Richter auf die »allgemeinkundigen, geschichtlich gesicherten Tatsachen« zurück, an die sie so fest glauben. So wird zum Beispiel die ganz unglaubhafte Behauptung, der Angeklagte habe ungestraft im Lager herumschießen können, damit begründet, es sei ja »allgemeinkundig«, daß das Leben eines Häftlings nichts gegolten habe.

Selbst wenn man von der »Allgemeinkundigkeit« dieser Vorstellung ausging, hätte man sich zumindest fragen müssen, wie ein solches Herumballern möglich gewesen sein sollte, ohne auch andere Wächter zu gefährden. Bei etwas genauerer Prüfung hätte man alte Wachbücher einsehen und daraus erkennen können, daß über jede Waffe, jeden Schuß Munition Buch geführt wurde. Ich habe zum Beispiel ohne größere Schwierigkeiten aus einem Prager Archiv eine Reihe Musterblätter aus KZ-Wachbüchern beziehen können, die genau belegen, daß das jedem Soldaten bekannte Verfahren der Waffen- und Munitionsausgabe auch bei den Wachen der Konzentrationslager genau eingehalten wurde. Bei etwas weniger »Allgemeinkunde« und etwas mehr Sachprüfung hätte das Gericht den Unfug von der straffrei und ungerügt herumballernden Bestie nicht geglaubt.

Für die Nachprüfung der so »allgemeinkundig« vom Gericht getroffenen »Feststellungen« gibt es nach deutschem Recht keine zweite Tatsacheninstanz. Bei Mordprozessen ist keine Berufung möglich, sondern nur die Revision, die auf Formalfehler prüft, aber keine Überprüfung der als festgestellt geltenden Tatsachen vornimmt.

2.1.6. Die Revision

Schon die Verteidigung hatte sich auf die »Lazar«-Fälle und die damit verbundene Abstempelung des Angeklagten zur »Bestie von Auschwitz« konzentriert. Den erst spät ins Spiel gekommenen Zeugen Freimark hielt die Verteidigung für so unglaubwürdig, daß sie eine Verurteilung wegen der von ihm vorgebrachten Beschuldigungen für ausgeschlossen hielt. Das war ein Irrtum der in Sonderprozessen nicht erfahrenen Verteidiger. In Wuppertal war nichts ausgeschlossen.

Auf die »Lazar«-Fälle konzentrierte sich auch der Revisionsanwalt. Er glaubte, schon ein Nachweis teilweiser Unrichtigkeit müsse zwingend das gesamte Urteil zur Neuverhandlung stellen. Das war ein weiterer für den Beschuldigten tragischer Irrtum: Am 31. März 1989 hob der Bundesgerichtshof das Urteil nur bezüglich dieser zwei angeblichen Morde auf, ließ es aber überraschenderweise im übrigen, also bezüglich drei behaupteter Morde (»Freimark«-Fälle) bestehen.

2.1.7. Der rechtskräftig gewordene Teil des Urteils: Die Freimark-Fälle

Wie hat nun die - wie es der Revisionsanwalt formuliert hatte - »sehr "personalisierte" Beweissituation« in den von der Revision nicht erfaßten Freimark-Fällen ausgesehen?

Das Wuppertaler Gericht hatte auf Grund von Freimarks Aussagen drei Morde im »Effektenlager I«, »dem sogenannten alten Lager Kanada«, für erwiesen gehalten:

  1. Erschießen eines unbekannt gebliebenen männlichen Häftlings an einem nicht näher bestimmten Tag im Juni/Juli 1944. Diese Tat soll in einer Baracke stattgefunden haben, die vom Gericht als »Bettzeug-Baracke« bezeichnet wurde.
  2. Etwa vier Wochen später (aber noch im »Juni/Juli 1944«): Erschießen von zwei aus Grodno stammenden Häftlingen (ohne Angabe des Geschlechts). Ein weiterer Häftling soll bei dieser Gelegenheit von dem SS-Angehörigen Graf ermordet worden sein. (Damit wurde Graf zum Mörder gestempelt und als Entlastungszeuge diskreditiert. Er war von einem Wiener Gericht freigesprochen worden. Gegen die Herbeiziehung der Wiener Akten hat sich das Wuppertaler Gericht mit Händen und Füßen gewehrt.) Diese Taten sollen auf dem Platz zwischen einem Zaun und einer Rampe stattgefunden haben, die sich an einem etwa 10 Meter vom Zaun entfernten Gleis befunden haben soll. An dieser Rampe hätten zur Tatzeit Hunderte von Häftlingen »dreißig bis vierzig« Waggons beladen, nachts bei tagheller Scheinwerferbeleuchtung.

2.1.7.1. Der unbedingte Glaube an Freimarks Aussagen

Für die Verurteilung genügte dem Wuppertaler Gericht die Aussage des einzigen angeblichen Augenzeugen Freimark, von dem es schreibt:

»Die Glaubwürdigkeit des Zeugen ist über jeden Zweifel erhaben.«[24] »Schon aufgrund seiner glaubhaften Aussage ist die Kammer daher von den unter Ziffer 1. a) und b) dargestellten Taten des Angeklagten überzeugt.«[25]

Es war sehr leichtfertig, allein im Vertrauen auf Wahrheitsliebe und Wahrheitsfähigkeit eines einzigen Zeugen hin einen Menschen zur lebenlanger Freiheitsstrafe zu verurteilen. Trotz aller Schwierigkeiten aus fortgeschrittenem Beweisverfall konnten neue Beweise gefunden werden. Aus ihnen ergibt sich, daß der Zeuge Freimark nicht die Wahrheit gesagt hat.

Der unbeirrbare Glaube des Gerichtes an seinen Zeugen Freimark ist nicht nachvollziehbar. Schon im Prozeß waren viele Widersprüchlichkeiten erkennbar. Das Gericht sah darüber hinweg. So fiel zum Beispiel niemandem auf, daß Freimark als jüdisch-politischer Häftling in Auschwitz einen grünen Winkel getragen haben will, das Kennzeichen für kriminelle Häftlinge. Eine genauere Prüfung hätte ergeben, daß Freimark zu dieser für ihn während seiner KZ-Haft zweifellos äußerst wichtigen Frage immer wieder neue Angaben gemacht hat. Zur Frage "Welcher Winkel?" sind inzwischen folgende Angaben Freimarks bekannt: rot-gelb (1962), grün (1966), grün (1968), grün und rot-gelb (1988), grün-gelb (1989)[26]. Diese und viele anderen Unstimmigkeiten wurden vom Wuppertaler Gericht nicht geprüft. Der wichtigste Widerspruch besteht in Freimarks Aussagen zum Zeitpunkt seiner Typhuserkrankung.

Es ist z.B. unbestritten, daß Gottfried Weise erst Ende Mai 1944 nach Auschwitz abkommandiert worden war, und zwar für zunächst acht Wochen zur Häftlingsgeldverwaltung, die sich außerhalb des Lagers befand. Dafür konnte die Verteidigung zwei Dokumente vorlegen. Außerdem war eine frühere Aussage des Zeugen Freimark bekannt, er sei Ende Mai 1944 an schwerem Bauchtyphus erkrankt.

Nach den vorhandenen Unterlagen konnten somit weder Freimark noch Weise zur angeblichen Tatzeit (»Juni/Juli 1944«) am angeblichen Tatort gewesen sein. Doch das Gericht konnte diese kleine »Unebenheit« glattbügeln: Den Weise hätte man ja auch zeitweise zu irgendwelchen Wachtdiensten abkommandieren können (Weise war wachtdienstunfähig geschrieben), und (der ansonsten ganz unfehlbare) Freimark könne sich ja in seiner früheren Aussage geirrt haben. Freimark bestätigte dann auch bereitwilligst, dann sei er eben erst später erkrankt. Und das Gericht meinte, daß die Widersprüche in den Aussagen Freimarks zum Zeitpunkt seiner Typhus-Erkrankung seine Glaubwürdigkeit nicht berührten, weil seine neue Aussage durch Indizien gestützt würde.[27] Als Grund für seinen damaligen "Irrtum" habe Freimark nachvollziehbar erklärt, daß er bei seiner Einvernehmung 1968 dem Zeitpunkt seiner damaligen Erkrankung »keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet habe«.[28]

2.1.7.2. Die falsch gesetzte Indizienstütze

Die Verteidigung hatte beantragt, Unterlagen über Freimarks Erkrankung anzufordern. Das Gericht erhielt dann am Tage vor der Urteilsverkündung Unterlagen und meinte, Grund zur Freude zu haben. Die aufgefundenen Krankenblattunterlagen des KZ Auschwitz würden nämlich beweisen, daß der Zeuge Freimark im August und September 1944 im Häftlingskrankenbau wegen Typhus-Verdachts untersucht wurde. Man meinte also, nun außer krampfhaft hochzulobenden Zeugenaussagen endlich auch einmal ein Sachindiz für seinen Verurteilungswillen gefunden zu haben: ein Indiz, daß Freimarks neue Aussage zum Erkrankungszeitpunkt die Richtige sei. Diesen Irrtum konnte das Gericht nur dadurch aufrechterhalten, daß es konsequent die Beweisanträge der Verteidigung zur Vervollständigung dieser Indizien ablehnte.[29]

Doch selbst diese aus Fragmenten der vorhandenen Indizien gebastelte Stütze hatte das Gericht verfälscht angesetzt. Es schrieb:

»In den Unterlagen vom 14. August 1944 wurde beispielsweise zur Untersuchung des ehemaligen Häftlings und Zeugen Jakob Freimark unter der Ziffer 9 der Liste vermerkt: "87215 ... Freimark, Jakob ... klin. Diagn.: Typhusverdacht", bei anderen Häftlingen wurde als Grund etwa "noch Typhusverd.", nur "Typhus" etc. vermerkt.«[30]

Suggeriert wird damit, daß Freimarks Krankheit nicht etwa dem Ende zu ging (»noch Typhusverd.«) oder voll ausgebrochen war (»Typhus«), sondern daß bei ihm lediglich ein Anfangsverdacht für Typhus vorlag, daß er also neu erkrankt war. Allerdings: Weder in zahlreichen nachträglich gefundenen Krankenbelegen noch in den Gerichtsakten, soweit sie der Verteidigung bekannt sind, ist ein Krankenbeleg zu finden, auf dem »noch Typhusverdacht« vermerkt ist. Seltsam auch die Verlesung in letzter Minute von nur zwei Belegen aus einer im Auschwitz-Museum vorhandenen Belegreihe. Seltsam auch die rigorose Behauptung, weitere Krankenbelege über Freimark gäbe es nicht. Die Verteidigung hatte keine Gelegenheit, die erst am Tage der Urteilsverkündung verlesenen Laborzettel näher zu prüfen. Somit konnte das Gericht die Fiktion aufrechterhalten, die Krankheit Freimarks müsse irgendwann nach dem 14.8.1944 ausgebrochen und bis zum 18.9.1944 schon wieder völlig ausgeheilt sein. Es liegen nun weitere Beweise vor, um diese von Anfang an unglaubwürdige Fiktion zu widerlegen.

2.2. Neue Beweise

Zum Fall Weise wurde Ende 1992 ein Wiederaufnahmeantrag gestellt, zu dem eine Reihe neuer Beweise vorliegt.

2.2.1. »Die falsche Zeit« - Neue Beweise gegen falsche Zeitangabe zu Freimarks Typhuserkrankung

2.2.1.1. Die nachträglich gefundenen Laborzettel

Mir bleibt unverständlich, warum es keinen Rechtsskandal auslöste, als bewiesen werden konnte, wie leichtfertig das Gericht die Beschaffung weiterer Beweise unterdrückt hatte, weil angeblich:

»...nichts dafür ersichtlich ist, daß dem staatlichen Auschwitz-Museum in Polen über die genannten dem Internationalen Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in Ablichtung überlassenen Dokumente hinausgehende Krankenblattunterlagen zur Verfügung stehen.«[31]

In Wirklichkeit waren zur Erkrankung Freimarks insgesamt sieben Laborzettel zu finden:

  1. 13./14.8.44 (Blut, Gruber-Widal und Weil-Felix, Befund »0« ohne »steril«: offenbar "noch" Typhusverdacht, ohne ausdrückliche Angabe des offenkundigen "noch",
  2. 28.8.44 (Stuhl, Befund »0«),
  3. 28.8.44 (Blut, Befund »0« ohne »steril«),
  4. 5.9.44 (Stuhl, Befund »0«),
  5. 8.9.44 (Blut, erstmals Befund »steril«).
  6. 11.9.44 (Stuhl, Befund »0«),
  7. 18.9.44 (Blut - Gruber-Widal, zweiter Befund »steril«).

Das Gericht stützte seine Meinung, Freimark sei »dann« eben erst im August erkrankt, auf die von ihm genannten, angeblich allein auffindbaren Indizien: Auf zwei der nunmehr bekannten sieben Laborzettel, und zwar auf Anfangsglied Nr.1) und Endglied Nr.7) der Belegkette.[31]

Wäre der Verteidigung Gelegenheit zur Prüfung der vom Gericht vorgelegten Belege gegeben worden, hätte sie sogar anhand der beiden Laborzettel 1) und 7) erkennen können, daß an der Interpretation des Gerichtes etwas nicht stimmte:

Allein dieser Umstand hätte stutzig machen müssen, wenn er bekannt gewesen wäre. Hier wurde dem Angeklagten eine erste Verteidigungsmöglichkeit zu dieser Frage vorenthalten. Auch die zweite Verteidigungsmöglichkeit, Beschaffung der Belege 2) bis 6), wurde der Verteidigung verwehrt.

Die nachträglich gefundenen Dokumente beweisen nun eindeutig, daß Freimark in der Zeit vom 13.8. bis 18.9.1944 gründlichst auf noch vorhandene Ansteckungsgefahr nachuntersucht wurde, daß seine eigentliche Erkrankung also vor dem Beginn der Nachuntersuchung (13.8.44) gelegen haben muß, daß somit seine 1968 gemachte Aussage »im Mai 1944 erkrankt« richtig und ihr Hinwegerklären durch das Gericht ein grober Ermittlungsfehler war.

Bereits das Auffinden der angeblich nicht vorhandenen Zwischenglieder entzieht der These des Gerichts die vermeintliche Stütze: Das einzige zur Verurteilung vorgebrachte Dokumenten-Indiz stützt diese nicht, sondern widerspricht der Verurteilung. Die Behauptung »Erkrankung dann eben erst im August 1944« hängt frei in der Luft. Sie wird dort ausschließlich von einer - wie es das Gericht bezeichnet - »sukzessiven Reproduktion« des Freimark'schen Gedächtnisses gehalten. - Dagegen wird Freimarks ursprüngliche Aussage »Mai 1944« von einer Indizienreihe gestützt wie von einer massiven Säule.

Das Gericht hat die einzigen ihm in seinem Verurteilungswillen verfügbaren Dokumente als Indizienstütze zum Schuldnachweis mißbraucht. Es hat versäumt, zu dieser Frage fachkundige medizinische Stellungnahme einzuholen. Ein Fachgutachten wird mit Sicherheit ergeben, daß die nunmehr vorliegenden sieben Laborzettel einwandfrei beweisen: Jakob Freimark kann zwischen dem 13. August und dem 18. September 1944 nicht alle Phasen einer schweren Erkrankung an Bauchtyphus durchgemacht haben: von Anfangsverdacht bis zum einwandfreien Nachweis der Ansteckungsfreiheit.

Erster Sterilvermerk zu Freimark auf Laborzettel vom 8.9.1944. (Sterilvermerke auch zu den zwei Mitpatienten.)

2.2.1.2. Freimarks Aussagen zum »Fall Klehr«

Zur Stützung von Freimarks ursprünglicher Aussage »Erkrankungsbeginn Ende Mai 1944« stehen außer der komplettierten Reihe der Laborzettel noch weitere neue Beweise zur Verfügung: Aussagen Freimarks, die er gemacht hat, ehe er wußte, worauf es im Fall Weise ankommt. So berichtete er 1968, daß er im Mai 1944 wegen Typhus ins Krankenrevier eingeliefert worden sei. Er berichtet sodann, wie er Dr. Mengele und dem Sanitätsdienstgrad (SDG) Klehr bei ihren Experimenten an Häftlingen beobachten konnte, als es ihm »schon wieder besser ging«.[32] Zu dieser Zeit war seine schwere Erkrankung (39, 40, 41,3°C Fieber[33]) abgeklungen, und er lief als Rekonvaleszent im Krankenbereich herum. Seine schwere Erkrankung muß demnach spätestens im Juli 1944 abgeklungen sein, denn: Im Frankfurter Auschwitz-Prozeß wurde festgestellt, daß der SDG Klehr im Juli 1944 in das Außenlager Gleiwitz versetzt wurde. Laut Auschwitz-Kalendarium[34] »... war Klehr ...ab Juli 1944 Leiter des Häftlingskrankenbaus im Nebenlager Gleiwitz I ...«.

Freimark berichtet in seiner 1968-er Aussage ausführlich über viele Untaten des Dr. Mengele, die er - Freimark - alle mit eigenen Augen gesehen habe. Und: »In Begleitung von Dr. Mengele befand sich stets der SDG Klehr.«[35] Also hat Freimark den Klehr nicht nur einmal, sondern sehr oft gesehen. Das Geschilderte kann er natürlich nicht alles an einem Tag gesehen haben, dazu hat er Wochen der Beobachtung gebraucht. Daraus ergibt sich: Freimarks schwere Typhus-Erkrankung muß seinen Klehr/Mengele-Angaben gemäß - spätestens Anfang Juli 1944 abgeklungen sein.

2.2.1.3. Freimarks Aussagen zum Krankheitsverlauf

Freimarks Typhus-Erkrankung muß sehr schwer gewesen sein. In seinem Yad-Vashem-Bericht gibt Freimark - wie schon erwähnt - an, daß er Temperaturen von 39, 40 und 41,3°C33 gehabt habe. Außerdem habe er - offenbar durch langes Krankenlager - einen schmerzhaften Abszeß am Gesäß bekommen.[36] Als er, an diesem Abszeß schwer leidend, im Bett lag, habe auf seiner Kartei [Krankenblatt?] geschrieben gestanden: »Grober Vital 1/800«.[37] Offen ist, ob es sich bei diesem Gruber-Widal-Test um einen der beiden uns aus den Laborblättern bekannten handelt, oder ob schon während des akuten Krankheitsverlaufs ein Test dieser Art gemacht wurde. Letzteres ist bei der offenbaren Schwere der Erkrankung und ihrer Dauer nicht auszuschließen. - Auch in seiner Aussage von 1966 erwähnt Freimark, daß er mit Bauchtyphus »niederlag«.[38] In der schon mehrfach zitierten Aussage von 1968 wiederholt er, daß er (im Mai 1944) an Typhus erkrankt sei, und fügte dann hinzu, er habe seine Mengele/KlehrBeobachtungen gemacht, »als es mir schon wieder besser ging«. Es muß ihm also vorher schlecht gegangen sein. Und es muß sich um eine ganz wesentliche Verbesserung gegenüber der Zeit handeln, als Freimark noch so sehr unter dem tamponierten Gesäß-Abszeß litt, denn mit dieser Tamponierung hätte er nicht die von ihm beschriebenen Ausflüge machen können. Der Gesäß-Abszeß wiederum war Folge langer Bettlägerigkeit mit den bei Bauchtyphus typischen unkontrollierten Harn- und Stuhlabgängen. Auch hieraus ergibt sich, daß die Krankheit lange vor dem Zeitpunkt des »als es mir schon wieder besser ging« ausgebrochen sein muß. Die vehemente Form des Ausbruchs seiner Krankheit mit Kollaps und Fieber bis zu 41,3°, die er 1962 noch sehr hervorhebt, schließt aus, daß die Erkrankung erst im August/September 1944 ausgebrochen sein könnte. Eine lange Reihe von Laboruntersuchungen zur Feststellung der Krankheit wäre ja bei der Vehemenz des Ausbruchs und den deutlichen Symptomen völlig unsinnig gewesen.

Alle vor 1988 liegenden Aussagen Freimarks zu seiner Typhus-Erkrankung weisen darauf hin, daß er schwer und dementsprechend lange krank gewesen sein muß. Eine derart schwere Typhuserkrankung dauert Wochen vom Ausbrechen bis zum Abklingen. Das Abklingen hat, wie vorangehend nachgewiesen, spätestens Anfang Juli 1944 einsetzen müssen, sonst hätte Freimark nicht mehr den Klehr häufig bei Untaten beobachten können. Die mehrwöchige schwere Typhus-Erkrankung Freimarks muß demnach spätestens Anfang Juni 1944 ausgebrochen sein. Das deckt sich mit dem von ihm 1968 genannten Erkrankungstermin »Ende Mai 1944«. Seine früheren Aussagen stützen somit die Aussage von 1968.

2.2.1.4. Freimarks Aussagen über seine Mithilfe zur Vorbereitung des Krematorium-Aufstandes

Im August/September 1944 war Freimark nicht krank. Das beweist die vom 13.8. bis 18.9.1944 lückenlose Reihe der Laborblätter. Könnte Freimark nach dem 18.9.1944 (da war er nachweisbar gesund) und vor dem 24.10.1944 (auch da war er eindeutig ansteckungsfrei und auf dem Weg nach Sachsenhausen) schwer an Typhus erkrankt sein?

Eine Bejahung dieser Frage ist an sich schon ausgeschlossen, denn die zwischen 18.9. und 24.10.1944 verbleibenden fünf Wochen hätten kaum für den schweren Krankheitsverlauf ausgereicht, geschweige denn für die danach noch erforderliche Quarantäne zur Feststellung der Ansteckungsfreiheit vor »Verschubung« in ein anderes Lager.

Aber Freimark selbst liefert uns noch einen zusätzlichen Beweis dafür, daß er nach dem 18.9.1944 nicht mehr krank war. Nach seinen Angaben hat er nämlich als enger Vertrauter von Salman Gradovski[39] an der Vorbereitung des Krematorium-Aufstandes mitgewirkt. Der Aufstand fand am 7.10.1944 statt. Freimarks Mitwirkung muß nach seiner Typhus-Erkrankung stattgefunden haben. Auch in Wuppertal wurde ausdrücklich festgestellt, daß Freimark bei seiner neuen Aussage »in engem zeitlichen Zusammenhang hierzu [zum Zeitpunkt seiner Erkrankung] den nachfolgenden Krematoriumsaufstand einordnet.«[40] Diese Einordnung ist richtig, nur daß nicht die gesamte Krankheit - so quasi zwischen Tür und Angel - mit »August/September« abzuhaken ist. Das war nur die Phase der Rekonvaleszenz und Nachuntersuchung. Die Reihe von Laborzetteln beweist das eindeutig. Die eigentliche Krankheitphase lag in Juni/Juli 1944.

2.2.1.5. Freimarks Aussage über seine Rückbeorderung zum Kommando »Kanada« zu Beginn der Ungarn-Transporte

»Als die ungarischen Transporte begannen, bin ich zurückbeordert worden, in "Kanada" zu arbeiten. Dort haben wir verstanden, warum sie wollten, daß wir das Lager von Juden säubern. Tag und Nacht sind sie gekommen, diese Transporte aus Ungarn. Wir haben auf der Rampe gearbeitet, und es war sehr schwer. Ein Transport nach dem anderen sind gekommen.«[41]

Diese Angabe Freimarks in seinem Bericht von 1959/1962 stützt noch einmal sehr massiv seine ganz konkrete Aussage von 1968, daß er im Mai 1944 wieder zum Kommando »Kanada« gekommen sei. Die Ungarn-Transporte, bei deren Beginn er rückbeordert wurde, begannen laut Auschwitz-Kalendarium Mitte Mai 1944[42]. Freimarks ursprüngliche Aussage, kurz nach dieser Rückbeorderung erkrankt zu sein, paßt ganz genau mit dem von ihm genannten Erkrankungstermin Ende Mai 1944 zusammen.

2.2.1.6. Freimarks Aussage über seine weitere Rekonvaleszenz-Zeit während der Transporte aus Lodz

In seinem Yad-Vashem-Bericht[43] schildert Freimark ausführlich seinen Revieraufenthalt bei weiterem Abklingen der Typhuserkrankung. Diese längere Rekonvaleszenz-Phase lag nach Freimarks Angaben in der Zeit der Transporte aus Lodz - also in August/September 1944. Das wiederum deckt sich voll mit seiner Angabe, er sei Ende Mai 1944 erkrankt.

2.2.1.7. Abschließend zu 2.2.1:

Daß die Laborzettel nicht gegen Freimarks Erkrankung im Mai 1944 sprechen, sondern im Gegenteil ein sehr starkes Indiz für die Richtigkeit dieser Angabe sind, wird von Gottfried Weises Anwalt schon seit mehr als einem Jahr geltend gemacht. Seltsamerweise hat sich keine der rechtswahrenden Stellen dafür interessiert. Nun wird dieser an sich schon äußerst schwerwiegende neue Beweis durch weitere neue Beweise massiv gestützt. Diese weiteren Stützen ergeben sich aus Angaben Freimarks, die dem Wuppertaler Gericht genau so unbekannt waren wie die komplette Reihe der Laborzettel, die also ebenfalls neue Beweise sind. Neue Beweise zur Stützung von Freimarks 1968er Aussage »Erkrankung Ende Mai 1944« waren zunächst:

    1. die vom Wuppertaler Gericht falsch verwendeten Laborzettel 1) und 7) zuzüglich der nachträglich gefundenen Laborzettel 2) bis 6), also die gesamte nunmehr bekannte Reihe der Laborzettel 1) bis 7). Diese bereits sehr massive Stütze der Freimark-Angaben von 1968 wird fünffach verstärkt durch folgende weiteren neuen Beweise aus anderen Aussagen Freimarks:
    2. Spätestens im Juni 1944 war Freimark im Krankenbau. Nur so konnte er bei erstem Abklingen seiner Krankheit, also spätestens im Juli 1944, den Klehr bei dessen Missetaten beobachten.
    3. Freimarks Erkrankung war sehr schwer und hat dementsprechend lange gedauert. Sie kann nicht nach den »Steril«-Befunden vom 9. und 18. September 1944 ausgebrochen sein, weil er schon am 24. Oktober 1944 ansteckungsfrei verlegt wurde.
    4. Freimark hat Ende September/Anfang Okober 1944 als Gesunder an der Vorbereitung des Krematorium-Aufstandes mitgewirkt. Er kann also in dieser Zeit nicht krank gewesen sein.
    5. Freimark datiert seine Verlegung nach »Kanada« selbst noch einmal auf Mitte Mai 1944. Er erinnert sich an den Zeitpunkt der Verlegung: »Als die Ungarn-Transporte begannen ...«. Die Ungarn-Transporte begannen Mitte Mai 1944.
    6. Freimark war noch Rekonvaleszent in der Zeit, als die Transporte von Lodz kamen, also im August/September 1944.

Unter Beachtung der gerichtlichen Feststellung: »Die Glaubwürdigkeit des Zeugen ist über jeden Zweifel erhaben«, ist nur ein Schluß möglich: Freimark beweist selbst, daß er im Juni/Juli 1944 nicht am Ort der angeblichen Taten Weises gewesen sein kann. Seine für ein Erkrankungsdatum Ende Mai 1944 gemachten Aussagen sind wesentlich plausibler als seine in Wuppertal doch offensichtlich recht plötzlich erfolgte »sukzessive Reproduktion«, daß er »dann« eben erst im August/September 1944 krank gewesen sei.

2.2.2. »Der falsche Ort« - Neue Beweise gegen falsche Schilderung von Tatort und Tatverlauf

Die Mordtaten, die dem verurteilten Gottfried Weise im rechtskräftig gewordenen Teil des Urteils vorgeworfen werden, soll er in bzw. an der vom Gericht ungenau und unrichtig als »Effektenlager I« bezeichneten alten Entwesungsanlage (Gasentwesung I) verübt haben[44]. Dort will sie der Zeuge Jakob Freimark gesehen haben:

  1. Eine Mordtat soll der Verurteilte in der »Bettzeug-Baracke« innerhalb von »Effektenlager I« verübt haben. Der Zeuge will das gesehen haben, als er inmitten von vielen Häftlingen innerhalb des Lagers an einem Platz stand, von dem aus man zwei Barackeneingänge einsehen konnte.
  2. Zwei weitere Morde soll der Verurteilte »auf dem Platz zwischen Verladerampe und der ostwärtigen Einfahrt zum Effektenlager I« verübt haben. Das Gleis, an dem sich die Verladerampe befand, soll »etwa 10 Meter« vom Zaun entfernt verlaufen sein. In der Vorstellung des Gerichtes gab es also zwischen Zaun und Rampe einen »Platz« von etwa 900m2: 10m (Abstand Zaun/Gleis) × 90m (Länge des Zauns).

Die angeblichen Tatorte werden vom Gericht relativ genau beschrieben, im Unterschied zu den angeblichen Opfern und zur angeblichen Tatzeit. Das ermöglicht eine Überprüfung des Ortsbildes, von dem das Gericht bei seiner Urteilsfindung ausging. Dieses Ortsbild war falsch.

2.2.2.1. Das falsche Ortsbild des Wuppertaler Gerichtes

Zeuge und Gericht haben sich bei ihrer Darstellung der angeblichen Tathergänge an einem unrichtigen Ortsbild orientiert, das mit einer gleichfalls unrichtigen Skizze übereinstimmt, die dem Urteil beigefügt ist.

 

Die falsche Skizze des Wuppertaler Gerichtes:

Markierungen X1 und X2 von Jordan eingesetzt. Vermeintlicher Platz zum Antreten von etwa 100 Häftlingen. Beobachtungsort zum "Barackenmord". X 1
Vermeintlicher Platz zum Antreten von 200 bis 400 Häftlingen und Tatort der angeblichen "Rampenmorde". X 2

2.2.2.2. Das richtige Ortsbild aus Dokumenten

Das richtige Ortsbild zeigt die nachstehende maßstabgerechte Zeichnung. Sie ist das Ergebnis sorgfältiger Auswertung von US-Luftbildern[45], der Beschreibung der Entwesungskammer I (des angeblichen Tatortes) in Unterlagen des Auschwitz-Archivs[46] und des Buches von Pressac[47], das als wissenschaftliches Standardwerk der Auschwitz-Literatur gilt.

Zeichnung nach 1944er Luftbildern der US-Airforce:

Die richtige Ortsdarstellung zeigt, daß es die in der Skizze des Gerichtes frei erscheinenden Plätze X1 und X2 nicht gab.

2.2.3. »Das falsche Szenario«

Die Folgerungen aus der Richtigstellung des Ortsbildes lautet: Das Szenario hätte sich nicht abspielen lassen.

Das Wuppertaler Gericht bildete seine Ortsvorstellung nicht nur nach der falschen Skizze, sondern auch nach Zeugenaussagen, insbesondere nach der Aussage des Zeugen Freimark. Das Gericht hatte diesem Zeugen ein besonders präzises Ortsgedächtnis bescheinigt. In der Tat: Er hat fast ein Dutzend falsche Details präzise so beschrieben, wie sie in der Gerichts-Skizze falsch eingezeichnet waren. Der Zeuge Freimark kannte offensichtlich den angeblichen Tatort nicht aus eigener Erinnerung. Er orientierte sich auch nur an der fehlerhaften Skizze. Falsch waren zunächst zwei sehr wesentliche Einzelheiten:

  1. Auf dem vermeintlich freien Platz, auf dem der Zeuge Freimark seiner Schilderung nach inmitten »vieler« Häftlinge gestanden haben will, stand in Wirklichkeit eine Baracke (in vorstehender Zeichnung: Nr. 5), von der der Zeuge Freimark offensichtlich nichts wußte. Freimark und seine Mithäftlinge können hier nicht gestanden haben. Es gab auch keinen anderen Aufstellplatz für eine größere Häftlingsgruppe, der die Bedingungen für das von Freimark geschilderte Szenario erfüllt hätte.
  2. Das Szenario der angeblichen Taten b) geht davon aus, daß Hunderte von Häftlingen in Tag- und Nachtschicht einen langen Güterzug von »dreißig bis vierzig« Waggons beladen. Der große Platz zwischen Zaun und Rampe ist dazu nachts »taghell« durch die auf dem Zaun angebrachten Scheinwerfer beleuchtet. Drei Häftlinge können in einem der vielen Waggons ein Versteck einrichten, Wasser und Verpflegung dorthin bringen, sich selbst dort verstecken. Ihr Fehlen wird erst bei Schichtwechsel bemerkt. Nach stundenlangem Zählappell beginnt man, alle Waggons wieder zu entladen. Die Häftlinge werden in Anwesenheit Hunderter Häftlinge gefunden, mißhandelt, ermordet. Es ist etwa Mitternacht.

Tatsache aber ist: Das Ladegleis führte direkt am Zaun entlang. Die Rampe bot somit keinen 10 Meter breiten Streifen Platz, sondern lediglich einen Streifen maximal von 1 m Breite und maximal 30 m Länge (30m²).

Es gab auch keine Scheinwerfer auf dem Zaun, keine taghelle Beleuchtung. Es gab auch keine »dreißig bis vierzig« Waggons. Das ganze Ladegleis hätte maximal sechs Waggons aufnehmen können, an die kleine Rampe direkt am Zaun hätten ohnehin nur drei Waggons gepaßt. (Der frühere Häftling Josef Odi, der im Unterschied zu Freimark die alte Gasentwesung genau kannte und richtig beschrieb, hielt es schon für sehr bemerkenswert, daß an manchen Tagen sogar »mehrere« Waggons beladen wurden.)

Das LG Mönchengladbach umgeht eine Stellungnahme zu der szenarischen Unmöglichkeit der »dreißig bis vierzig« Waggons in höchst eigenartiger Weise: In seinem ansonsten wörtlichen Zitat der Szenario-Schilderung aus dem Wuppertaler Urteil läßt LG Mönchengladbach die dort enthaltene Angabe von dreißig bis vierzig Waggons einfach weg. Absicht oder Schludrigkeit? Auf weitere falsche Ortsangaben Freimarks, die seine Ortsunkenntnis beweisen, geht LG Mönchengladbach nicht ein. Die Unmöglichkeit, die vom Gericht genannten Arbeitskommendos zwischen Gleis und Zaun aufzustellen, meint LG Mönchengladbach mit zwei nicht gut durchdachten Argumenten hinwegerklären zu können:

Erstens sei ja laut Antrag zwischen Gleis und Zaun 2,7 m Abstand gewesen, und zweitens seien es sicher nicht so viele Häftlinge gewesen, wie im Antrag aus Feststellungen des Gerichtes und Angaben im Auschwitz-Kalender vorgerechnet.

Zum ersten Punkt hat LG Mönchengladbach versäumt, die ihm vorliegenden Ausarbeitungen zu Gleis- und Verladeanlagen zur Kenntnis zu nehmen. Sonst hätte es zumindest gemerkt, daß Waggons über das Gleis hinausstehen, daß also keinesfalls 2,7 m freier Raum zwischen Waggons und dem Zaun vorhanden war, sondern maximal 1,7 m. Es hätte erkennen müssen, daß man nicht unmittelbar am Zaun stehen oder gehen konnte, daß nur ein begehbarer Streifen von etwa 1 m Breite verblieb, und der auch nur maximal in Länge der Rampe von knapp 30 m (einschließlich seitlicher Aufstellraum für Wachposten). LG Mönchengladbach hätte bei genauerem Hinsehen erkennen müssen, daß hier nicht mehr als zwanzige Persoenen überwachbar antreten oder gar arbeiten konnten. Ganz und gar nicht wäre dort ein Platz gewesen, auf dem die angeblichen Mißhandlungen und Morde stattfinden und – so Freimark – von allen Angetretenen genau beobachtet werden konnten.

Zum zweiten Punkt erstaunt zunächst, daß LG Mönchengladbach hier mit einem Mal die ansonsten (wo es um Belastungen geht) für so zuverlässig erachteten Angaben des Auschwitz-Kalenders massiv in Frage stellt, ohne überhaupt die dort genannten Unterlagen (Arbeitseinsatzlisten) eingesehen zu haben. Sei’s drum! Zum geschilderten und gerichtlich ›festgestellten‹ Beladen, Entladen und Wiederbeladen der dreißig oder vierzig Waggons hätten, wie es das Wuppertaler Gericht auch mehrfach hervorhob, sehr viele Arbeitskräfte anwesend sein müssen. Und wo hätten die unter den tatsächlichen Ortsverhältnissen Platz finden sollen? Eben diese wichtige Farge läßt das LG Mönchengladbach offen.

Die Untersuchungen zum angeblichen Tatort ergeben aber noch viele andere Hinweise, die zu zwei Erkenntnissen führen:[44]

Schon allein diese beiden Erkenntnisse beweisen: Die Aussagen des Zeugen Freimark und die danach im Urteil festgeschriebenen Tatschilderungen sind notwendigerweise falsch.

Die nach Auffinden und Auswerten von neuen Dokumenten (Luftbilder, Odi-Bericht, Pressac-Buch) mögliche Berichtigung des Ortsbildes bietet neue Beweise zur Wiederaufnahme des Verfahrens.

2.2.4. »Der falsche Gottfried«

Im Wuppertaler Prozeß erklärte der Zeuge Freimark immer wieder, daß der Angeklagte als »Gottfried« in seinem Gedächtnis »eingeritzt« sei. Das klang schon damals recht erstaunlich, denn in seinen bis dahin bekannten früheren Aussagen hatte Freimark nie den angeblich so fest in sein Gedächtnis eingeritzten Gottfried Weise erwähnt.

2.2.4.1. Neuer Beweis: Der wirklich »eingeritzte« Gottfried

Inzwischen liegen lange Berichte und Aussagen Freimarks vor, die zur Zeit des Wuppertaler Prozesses noch nicht bekannt waren. 1959/1962 hat Freimark z.B. in einem sehr langen Bericht für Yad-Vashem alles niedergelegt, was ihm zum Thema Auschwitz erinnerlich war. Freimark hat sich dazu offensichtlich jahrelang intensivst mit seinen Auschwitz-Erinnerungen beschäftigt, und in diesen Berichten war etwas sehr Verblüffendes zu finden: Freimark erinnerte sich damals an einen ganz anderen Gottfried (und nur an diesen):

»Als Oskar [ein Oberkapo] nach Hause durfte, wurde er ersetzt durch einen anderen Deutschen namens Gottfried. Er stammte aus dem Sudetenland. Er war ein fürchterlicher Hund. Ihm war ein Unterkapo unterstellt, ein Belgier namens Leon. Die beiden waren außerordentliche Mörder.«[48]

1962 verbindet Freimark den Namen Gottfried also eindeutig mit einem Häftling. Freimark hatte, als er »Facharbeiter in der Weberei« war, unter ihm zu leiden. Falls ihm mehr als ein mörderischer Hund von Gottfried erinnerlich war: Ist es glaubhaft, daß er seinerzeit ausgerechnet nur den erwähnt hätte, von dem er nur ganz allgemein wußte, daß er ein fürchterlicher Hund und Mörder gewesen sei? Dagegen sollte er 1962 den so auffällig einäugigen Gottfried Weise ganz vergessen haben, obwohl er doch - so Freimarks Aussage von 1985 - gerade diesen Gottfried bei ganz konkreten Morden erlebt haben will, und zwar in höchster Gefahr für das eigene Leben?

2.2.4.2. Die Wuppertaler These von der »sukzessiven Reproduktion«

Das Wuppertaler Gericht meinte, das Funktionieren des Freimark'schen Gedächtnisses erklären zu können. Es führte aus, daß trotz der verstrichenen Zeit »seine "einfache" Erinnnerung... zum Kerngeschehen einen hohen Grad an Erinnerungsgenauigkeit« erwiesen hätte. Das Gericht zeigte zudem psychologisch begründete Einfühlsamkeit für den Wechsel von Vergessen und Erinnern des Zeugen.[49] Der Zeuge habe seine Erinnerung um zumeist affektbetonte Kristallisationskerne sukzessiv reproduziert und sei dabei frei von Fremdbeeinflussung geblieben.[50]

Der Name »Gottfried« war für Freimark zweifellos ein »Kristallisationskern« zur Wiederbelebung »affektbetonter Gedächtnisreste«. Liegt da nicht die Vermutung nahe, daß Freimark sukzessiv einen falschen Gottfried »reproduziert« hat?

2.2.4.3. Wie wurde der Angeklagte identifiziert?

Das Identifizieren des Beschuldigten wurde im Fall Weise offensichtlich völlig abweichend von seriösen Praktiken[51] gehandhabt. Wie schon im Zusammenhang mit der Aussage Isaac Liver erwähnt, wurde den potentiellen Belastungszeugen eine Frageliste mit Angaben zur Person des Verdächtigten und den gegen ihn erhobenen Vorwürfen vorgelegt.[52] In einer beigefügten Bilderreihe war der Beschuldigte mehrfach abgebildet, was allerdings im Falle des wegen seiner Einäugigkeit ohnehin zu erkennenden Gottfried Weise wohl eine geringere Rolle spielte.

Kein Wunder also, daß Freimark, dem die Bilder mehrfach vorgelegen haben, genau wußte, auf welchen Bildern der Angeklagte abgebildet ist. Als ob das noch nicht genug der unseriösen »Identifikation« sei, ließ das Wuppertaler Gericht das Abspielen folgender Schmierenkomödie im Gerichtssaal zu:

»Gleichsam in einem Akt der Befreiung äußert er [Freimark], daß er den "Slepak", den "Gottfried" sofort wiedererkannt habe, als er den Sitzungsaal betreten habe und fuhr alsdann auf den Angeklagten blickend fort: "Ja, das ist er. Er soll seine Brille runternehmen. Damals trug er keine Brille. Ich bin Häftling 87215. Erkennen Sie mich?" In der ihm vorgelegten Lichtbildmappe identifiziert er den Angeklagten bei sich steigernder Erregung und schnellem Vor- und Rückblättern schon nach wenigen Augenblicken: "Ich schaue, ich denke, ich bin in Auschwitz. Das ist er (Bild 8). Ganz eindeutig, das ist er (Bild 14). So habe ich ihn gesehen (Bild 2). Das ist er auch. Es ist ganz klar, auf diesen Bildern ist der Slepak abgebildet. Das ist der Mann, der heute hier sitzt."«[53]

Übrigens: Wortprotokolle wie oben sind sonst zum Verlauf des Wuppertaler Prozesses nicht zu finden, auch dort nicht, wo offenbar Suggestivfragen gestellt worden waren. In engem zeitlichen Zusammenhang mit der Verjährungsaufhebung ist auch die Pflicht zum Führen von Wortprotokollen aufgehoben worden. Dadurch ist praktisch nicht mehr nachvollziehbar, wie die Feststellungen des Gerichtes zustande kamen. Der Gesetzgeber wollte aber mit Aufhebung der Protokollierungspflicht sicher nicht auf die elementare Forderung verzichten, daß auch Schwurgerichtsurteile überprüfbar und nachvollziehbar sein müssen.

2.2.4.4. Der falsche Gottfried als Ergebnis »sukzessiver Reproduktion affektbetonter Gedächtnisreste«

Die schauspielerische Leistung des Zeugen Freimark im Wuppertaler Gerichtssaal zeigt, wie sehr er sich in eine ihm aus sukzessiven Reproduktionen zuwachsende Rolle hineinleben konnte. Wie mag bei ihm das falsche »Gottfried«-Bild entstanden sein?

Bei seiner ersten Befragung zu Gottfried Weise, 1985, war in Freimarks Gedächtnis zwar noch der Name »Gottfried« »eingeritzt«, die Erinnerung an den Namensträger aber schon verblaßt. Hier werden ihm nun recht gezielte Fragen nach einem mutmaßlichen Mörder »Gottfried« vorgelegt. Dieser Name ist für Freimark Kristallisationskern affektbetonter Gedächtnisreste. Zu den affektbetonten Gedächtnisresten gehört für Freimark die feste Vorstellung, daß alle in Auschwitz eingesetzten SS-Männer »an der Tötungsmaschinerie teilgehabt hätten[54] Zwei affektbetonte Gedächtnisreste vereinen sich nun bei ihm zu einem neuen »Kristallisationskern sukzessiver Reproduktion« einer ihm immer wirklicher erscheinenden Fiktion. Ein Bilderalbum wird ihm vorgelegt, Männer in den ihm verhaßten Uniformen der KL-Bewacher. Einer davon ist im Unterschied zu den anderen - mehrfach abgebildet. Er fällt durch seine Einäugigkeit auf: Der »Slepy« oder »Slepak«, nach dem ausdrücklich gefragt worden war! Kein Zweifel, Freimark ist sich nun sicher, daß er seinen Mann gefunden hat.

Es fehlt nur noch die passende Geschichte. Sukzessiv produziert Freimark Erinnerungen an weitere affektbetonte Gedächtnisreste, an Erlebtes, an Gelesenes und an Gehörtes: Die Geschichte, daß Häftlinge erschossen wurden, die sich in einem Eisenbahnwaggon versteckt hatten. Natürlich:

Hat er, Freimark, das nicht selbst erlebt? - Wie war das noch? - Richtig: Ein Häftling aus Grodno[55] - oder waren es zwei?, und der Graf soll ihn erschossen haben?[56] - Waren es vielleicht noch mehr? - Aber ja: Drei waren es, und zwei davon hat der »Gottfried« erschossen - gewiß doch, der war ja schon in der Weberei ein »außerordentlicher Mörder«. - Und wo hat er die zwei erschossen? - Nun ja: Waggons zum Beladen standen 1943 doch wohl am »alten Kanada«, und der dort Kommandierende hat auch geschossen.[57] - War das der »Gottfried«? - Natürlich, wer anders als dieser »fürchterliche Hund« sollte es denn gewesen sein? Klar, der war's! - Weise hieß er übrigens mit Nachnamen. - Tatsächlich? Ich kenne ihn halt noch unter seinem Vornamen.
Wie bitte? 1944 und nicht 1943? Ja doch!!! 1944 also!

Der Freimark von 1985 wird sich immer sicherer. Er kann bald seine subjektive Wahrheit mit »erstaunlicher Präzision und Wirklichkeitsnähe« so überzeugend vortragen, daß der zeugensuchende Staatsanwalt und erst recht die Wuppertaler Richter begeistert sind.

2.2.5. Andere »falsche Gottfrieds« in Freimarks Erzählungen

Es ist unglaublich, wie leichtfertig ein deutsches Gericht mit der oben dargestellten Theorie der »sukzessiven Reproduktion« operiert. Um zu unterstreichen, wie groß die Gefahr »falscher Gottfrieds« bei Erzählern wie Freimark ist, sollen kurz zwei weitere Beispiele falscher Personenzuweisungen durch Freimark angeschnitten werden:

Beispiel 1: In seinem Yad-Vashem-Bericht 1959/1962 erinnerte sich Freimark an einen gutmütigen polnischen Major Lisovski, der ihm 1941 im Kriegsgefangenenlager Allenstein und 1944 in Auschwitz geholfen habe.[58]
1989 beschreibt er näher, welche polnische Offiziere er in diesem Kriegsgefangenenlager »Stalag 10a« gut gekannt habe. Hier taucht nun neben anderen Offizieren der Hauptmann Kochacinski als Barackenältester auf, der jetzt in Freimarks Erinnerungen die Stelle des Majors Lisovski einnimmt.[59] In der Literatur zur polnischen Widerstandsbewegung ist allerdings keiner der von Freimark angeführten polnischen Offiziere bekannt. Aber: Wenn schon keinen »Major« Lisovski, so gab es doch einen Widerstandskämpfer Tadeusz Lisowski. Der allerdings war 1941 nicht Kriegsgefangener in Allenstein, sondern Häftling in Auschwitz, wo er am 11.10.1943 als Widerstandskämpfer erschossen wurde.[60]
Beispiel 2: In seinem Yad-Vashem-Bericht (1959/1962) beschreibt Freimark, wie ihm der berüchtigte Dr. Mengele mit Hilfe von Dr. Knott und Dr. Schor einen Liter Blut abzapfte.[61]
In seiner Aussage zu Sachsenhausen (1966) gab Freimark dann an, daß ein Dr. Zenkteller ihm diesen Liter Blut abgezapft habe.[62]
In seinem Suwalki-Bericht von 1989 (»Einsam in der Schlacht«) nennt er nun wieder Dr. Mengele / Dr. Knott als Blutabzapfer, diesmal ohne Dr. Schor.[63]

Freimarks Erinnerungen kreisen um ein Kernereignis, die Blutabnahme. Seine Übertreibungstendenz läßt sie zum Abzapfen von einem ganzen Liter Blut werden. Aber immerhin: Die Blutabnahme, das Kernerlebnis, hat mit großer Wahrscheinlichkeit wirklich stattgefunden. Die handelnden Personen sind in Freimarks Phantasie dagegen frei ersetzbar. Der Grund, aus dem Freimark 1966 den Dr. Zenkteller als Blutabzapfer nennt, ist leicht erkennbar: Freimark haßte diesen Arzt und beschuldigte ihn deshalb 1966, Selektionen durchgeführt zu haben. Erlebniskern war, daß dieser Häftlingsarzt zu entscheiden hatte, welche Patienten zur stationären Weiterbehandlung in den Krankenbau aufgenommen wurden. Die Übertreibungstendenz Freimarks ließ daraus »Selektionen für die Gas-Kammern« werden: Eine für den Beschuldigten bekannterweise äußerst gefährliche Anschuldigung. Allerdings hatte Dr. Zenkteller im Gegensatz zu Gottfried Weise Glück: Er war Pole, erhielt in Polen ein faires Verfahren und wurde freigesprochen.[64] Wäre er Deutscher gewesen, wäre es sicher auch für ihn tragisch ausgegangen.

Auch diese Beispiele zeigen, wie leichtfertig die beweismäßige Zuspitzung auf den angeblich so gedächtnisstarken Zeugen Freimark war, die den Wuppertaler Richtern voll ausreichte, um Gottfried Weise zu verurteilen.

3. Der "Fall Freimark"

In Freimarks Erzählungen gibt es noch viele Beispiele für Verwechslungen von Personen, Orten und Vorfällen. Sie sind in einer genaueren Analyse der Angaben von und über Freimark näher dargestellt.[26]

An den im "Fall Freimark" dank seiner Redseligkeit reichlich vorliegenden Angaben läßt sich die Zielgerichtetheit seiner Aussagen gut analysieren. Als übergeordnete Zielrichtungen sind immer wieder erkennbar:

  1. der Wunsch nach Rache,
  2. der Wunsch nach Selbstdarstellung.

Diese übergeordneten Ziele paßt Freimark seinen jeweiligen fallorientierten Zielrichtungen an. Zum Beispiel ist sein Rachewunsch 1966 gegen den Dr. Zenkteller gerichtet. Als er erkennen mußte, daß Zenkteller Pole ist und dadurch gegen falsche Anschuldigungen gefeit, konzentriert Freimark seine Anschuldigungen wieder auf den Dr. Mengele. Auch seinen übergeordneten Wunsch nach Selbstdarstellung kann Freimark fallorientiert den jeweiligen Gegebenheiten anpassen. So hat er zum Beispiel 1959/1962 in seinem Yad-Vashem-Bericht noch sehr viel über seine heldenhafte Arbeit in der Widerstandsbewegung des Lageruntergrundes und über seine nicht minder heldenhafte Mitwirkung bei Vorbereitung des sogenannten Krematorium-Aufstandes (7.10.1944) berichtet. Den Beginn der Aufstandsvorbereitungen hatte er damals noch mit »August 1944« angegeben. Mit seinem tatsächlichen Erkrankungstermin, Mai 1944, paßt das recht gut zusammen. Im Wuppertaler Prozeß muß er aber, weil er sonst den dort Angeklagten nicht hätte belasten können, seine Typhus-Erkrankung auf August/September 1944 oder später verlegen. Das beißt sich nun sehr mit seinen angeblichen Heldentaten im Widerstand. Als er nach dem Wuppertaler Prozeß sein Heldenepos »Einsam in der Schlacht« für das Suwalki-Buch 1989 verfaßt, macht er deshalb nur noch sehr vage Angaben über seine Mitarbeit für den Aufstand vom 7.10.1944. Übrigens: Die Übersetzungen aus dem Suwalki-Buch haben amerikanische Freunde von einem jungen Israeli erhalten. Er war zunächst von Freimarks Erzählung so ergriffen, daß er nicht weiterlesen wollte. Dann aber las er doch weiter. Die Übersetzung übergab er - kostenlos - mit dem Kommentar: »This man is a fucking liar!«

4. Der Fall Wuppertal

In Wuppertal war man glücklich über das jeweils so präzise angepaßte Gedächtnis des Zeugen Freimark. So einen Zeugen hatte man gesucht und gefunden.

Den Zeugen Freimark hatte bisher niemand haben wollen. Weder im Sachsenhausen- noch im Frankfurter Auschwitz-Prozeß bekam er den ersehnten Auftritt, und selbst der Protokollant für Freimarks Yad-Vashem-Bericht scheint, wie seine skeptischen Zwischenfragen ergeben, einige Zweifel gehabt zu haben. In Wuppertal aber durfte Freimark endlich auftreten. Für richtige Inszenierung dieses Auftritts sorgten die »Allgemeinkundigkeit« des Vorsitzenden Richters und sein Wunsch, den Opfern des Faschismus ein Denkmal zu setzen. Über die Art seiner »Allgemeinkundigkeit« hat er sich selbst in der Urteilsbegründung ausgelassen. Seinen "Denkmalswunsch" kannte ich zunächst nur vom Hörensagen. Deshalb habe ich herumgefragt. Ergebnis: 1985 hatte die Wuppertaler Zeitung von vielen Toten in dem KZ "Kemna" berichtet, das von Mitte bis Ende 1933 in der Umgebung Wuppertals bestanden hat. Ein neugieriger Wuppertaler wollte wissen, warum die Namen der Ermordeten nicht auf dem neuen Kemna-Denkmal stünden. Es stellte sich heraus, daß in Kemna erfreulicherweise keine Todesopfer zu beklagen waren, daß die Behauptung "viele Tote" also falsch war. Man habe sie vom Stadtarchiv, sagte die Zeitung. Sie sei von dem Herrn Richter Klein gekommen, sagte das Stadtarchiv. Herr Klein hielt es nicht für nötig, auf die nun an ihn gerichtete höfliche Anfrage zu antworten.[65]

Für die richtige Kulisse sorgte die Wuppertaler Antifa-Szene: die Metastasis der VVN mit ihren gerade in Wuppertal besonders zahlreichen Mitläufern und Claqueuren, einschließlich der örtlichen Presse.

Was dann in Wuppertal ablief ist bereits in dem Buch "Der Fall Weise" genau dargelegt worden[66]: die Voreingenommenheit des Wuppertaler Gerichtes, die unterschiedliche Behandlung und Wertung der Be- und der Entlastungszeugen, die Ablehnung zahlreicher Beweisanträge, die Unterdrückung von entlastenden Beweismitteln. Ein weiteres Beispiel der in Wuppertal praktizierten Beweisunterdrückung habe ich schon zuvor erwähnt (2.1.6.1, Laborzettel). Weitere Hinweise zur einseitigen Wuppertaler Beweiswertung liegen in einer gesonderten Studie vor.[67] Ich kann hier auf Wiederholung der in Buch und Studie ausführlich dargestellten Einzelheiten verzichten. Das Buch ist allen Bundestagsabgeordneten - den Gesetzesmachern - zugegangen, die Studie allen direkt Verantwortlichen: dem Bundespräsidenten, dem Bundeskanzler, dem Bundesjustizminister, dem zuständigen Ministerpräsidenten, dem Landesjustizminister. Reaktion: von wenigen Ausnahmen abgesehen, allgemeine "Nichtzuständigkeit", Hinweis auf die Gewaltenteilung, Verweis an die Staatsanwaltschaft, und die erklärt lapidar "kein Handlungsbedarf", ohne auf irgendeins der vorgebrachten Argumente einzugehen.

Das ist nicht nur für den tragischen Einzelfall äußerst bedauerlich, sondern muß alle erschrecken, die um die Rechtsstaatlichkeit unseres Landes besorgt sind:

5. Generelle Probleme von Spätestprozessen

Der Wuppertaler Prozeß läßt Probleme erkennen, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur im Fall Weise aufgetreten sind, sondern auch in anderen ähnlichen Prozessen. Was in Wuppertal vor sich gegangen ist und wovon ich nachstehend noch einige Beispiele anführe, steht deshalb ganz generell für die von der Verjährungsaufhebung geschaffenen Rechtsprobleme.

Das sind nun zwar Probleme im Hausrevier der Juristen, in dem ich eigentlich nichts zu suchen habe. Aber: Ich würde nicht im fremden Revier nach dem Rechten sehen wollen, wenn ich irgendwo einen Hegeverpflichteten erkennen könnte, der seiner Pflicht nachkommt.

5.1. Generationenproblem

Daß bei Spätestprozessen ein Generationenproblem zu erwarten ist, hatte schon 1979 der baden-württembergische Justizminister Eyrich angeführt. Danach könne die Urteilsfindung dadurch belastet werden, daß eine jüngere Richtergeneration sich eine »von der eigenen Generation nicht mehr selbst erlebte Tatsituation« nicht vergegenwärtigen könne.[68]

Sicherlich hat Eyrich das Generationenproblem vor allem hinsichtlich der Bewertung von Kriegsereignissen, Befehlsnotstand usw. gesehen. Aber auch im Fall des Gottfried Weise, dem ja ganz private, gegen jeden Befehl von ihm selbst aus einer Laune heraus verübte Morde vorgeworfen wurden, konnten sich die jüngeren Richter vieles nicht vergegenwärtigen.

Ein Zeitzeuge, der sich an die Schwierigkeiten bei Verbrennung der Dresdner Bombenopfer erinnert, wäre sicher nicht auf die Greuelgeschichte von den in offenen Gruben lebend verbrannten Kindern hereingefallen. Oder: Wer selber mal Wache schieben mußte, hätte sich sicher gewundert, wo Weise die Munition zum Herumballern herbekam, wieso von den Erschießungen nichts im Wachbuch stand, und so weiter, und so fort.

5.2. Eigenwillige Anwendung von Standard-Lehrsätzen forensischer Psychologie

Das Wuppertaler Gericht hat die Lehrbücher zur forensischen Psychologieanwendung zwar brav gelesen, die daraus entnommenen Lehrsätze aber überstrapaziert. Was für normale Prozesse gilt, kann nicht unmodifiziert auf die neue Form von Sonderprozessen angewandt werden. Zum Beispiel:

Für das vom Gericht näher erläuterte Vergessen im Zeitverlauf[69] ist bei Bender/Röder/Nack[70] eine Vergessenskurve abgebildet. Es ist unseriös, wenn das Wuppertaler Gericht in pseudowissenschaftlicher Form solche Vergessenskurven auch dort verwenden will, wo die entsprechenden Ereignisse 41 Jahren zurückliegen, wie bei der ersten Vernehmung Freimarks. Die Vergessenskurven in den Lehrbüchern gehen nämlich von Vergessenszeiten in der Größenordnung von Monaten, maximal wenigen Jahren aus, nicht aber von Jahrzehnten.

5.3. In Wuppertal unbeachtet: Tendenz von Spätaussagen zu Zielgerichtetheit

Bender/Röder/Nack weisen darauf hin, daß Aussagen in einem Prozeß häufig einen Zug zum Zweckmäßigen (also Entlastung oder Belastung) erhalten. Dadurch werden Erinnerungsreste häufig "zweckmäßig" deformiert, es entstehen an richtigen Einzelheiten "aufgehängte Unwahrheiten". Weiter führen sie aus:

»132 Während Umfang und Zuverlässigkeit des Erinnerten mit dem Zeitablauf grundsätzlich abnehmen, sieht es mit der subjektiven Gewißheit unserer Auskunftspersonen, sich vollständig und zuverlässig zu erinnern, oftmals gerade umgekehrt aus:
Sie werden (behauptetermaßen) um so sicherer, desto länger das Ereignis zurückliegt.
133 Diese Erscheinung hängt mit der erhöhten Chance zusammen, daß länger zurückliegende Vorfälle öfter aus der Erinnerung wieder hervorgeholt worden sind, weil sich die Auskunftspersonen mit den Vorgängen innerlich beschäftigt haben. Solche Wiederbeschäftigung mit früherer Erinnerung verfestigt aber nicht nur die Gedächtnismuster, es verfälscht und erweitert sie auch. Je länger der Vorfall zurückliegt, um so mehr haben unsere Auskunftspersonen (unter der genannten Voraussetzung) schließlich vergessen, wie wenig sie einstmals - kurz nach dem Vorfall - davon noch erinnert hatten.«[71]

Das klassische Lehrbuch spricht schon bei 30 Tagen von einer Langzeit. Freimark wurde nach 41 Jahren oder 15.000 Tagen erstmals zum Fall Weise befragt, also nach einer 500 mal so langen Zeit. In dieser Zeit ist sein Gedächtnis immer wieder neu mit nachträglich Gehörtem und Gelesenem in äußerst affektbetonter Weise belastet worden. Die sich immer wieder wandelnde Form seiner Aussagen zu verschiedenen Zeitpunkten spricht für sich: Verblassung der Erinnerung wird durch Anreicherung von Gehörtem, Gelesenem und Phantasiertem überlagert.

Was namhafte Fachautoren bereits bei normalen Prozessen als Problem der Wahrheitsfindung erkannt haben, potenziert sich in den nach Jahrzehnten geführten politischen Sonderprozessen. In der Bundesrepublik Deutschland werden die aufretenden Probleme aus außenpolitischen oder volkspädagogischen Rücksichten tabuisiert. Im Ausland unterliegt die wissenschaftliche Forschung keinen solchen Forschungsbehinderungen.

5.4. In Wuppertal unbeachtet: Das »Survivor Syndrome«

Das Problem des Holocaust-Überlebenden-Syndroms wurde außerhalb der BRD schon zur Zeit des Wuppertaler Prozesses weltweit diskutiert. Ich erhielt von fachmedizinischer Seite die Auskunft, als einer der führenden Experten gelte heute der ukrainisch-amerikanische Psychiater Dr. O. Wolansky, und wurde auf ein Referat verwiesen, das er zu diesem Thema am 25. Januar 1993 auf einem Kongreß im polnischen Konsulat in New York vor 150 polnischen, weißrussischen und ukrainischen Ärzten gehalten hat. Ich zitiere daraus auszugsweise:

»Well known Ukrainian-American psychiatrist Dr. O. Wolansky explained the persistent psychological and psychiatric damage caused to the mentation of the majority of the concentration camp survivors. He indicated that in regard to Holocaust survivors alone, over 1600 medical articles and books [have been] written on this subject in the past 50 years, what resulted in the term of the Holocaust Survivor Syndrome. He explained that the true horrors and the stress of the concentration camps were forgotten by survivors with the passing of the years, and were supplanted by group fantasies of martyrdom borrowed from heard or read materials or by delusions confabulated anew. He illustrated this phenomenon with the effusive and emotional testimony in Jerusalem of the Jewish Treblinka survivors at the Demjanuk trial which subsequently turned out to be what in legal terms and before a more neutral tribunal could be called prejudice and/or fabrications.«[72]

Bereits im Wuppertaler Prozeß kam zur Sprache, daß Freimark in psychiatrischer Behandlung gestanden hat. Die von Dr. O. Wolansky in seinem Vortrag für das »Survivor Syndrome« genannten Symptome:

sind in den Erzählungen Freimarks in großer Zahl als »Aufgehängte Unwahrheiten« im Sinne von Bender/Röder/Nack zu erkennen.

6. Cautio Criminalis

Herr Schwarz-Schilling hatte als Befürworter der Verjährungsaufhebung besänftigend auf das angeblich selbstverständliche »in dubio pro reo« verwiesen. Wie zur Bekräftigung gab er 1991 als weiland Postminister auch noch eine Briefmarke heraus, die an den vierhundertsten Geburtstag eines Mannes erinnern soll, der sich um die Entwicklung des abendländischen Rechtswesens sehr verdient gemacht hat:

Der Jesuitenpater Friedrich Spee von Langenfeld machte in einer Zeit, in der alle Welt noch an Hexen glaubte (auch er selbst) sein "Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse" geltend. Selbstverständlich müsse man das abscheuliche Verbrechen der Hexerei bekämpfen. Aber gerade weil die Hexerei ein so besonders schweres Verbrechen sei, müsse man den so Angeklagten auch alle Möglichkeiten der Verteidigung zugestehen.

Es wäre zu wünschen, daß alle in unserer Zeit für das deutsche Rechtswesen Verantwortlichen sein Buch lesen und beherzigen würden.[73] Natürlich glaubt man in unserer Zeit nicht mehr an Hexen, die auf ihren Besen zum Blocksberg reiten. (Das wäre zumindest für westdeutsche Hexen schon wegen der jahrzehntelang real-existenten Zonengrenze nicht mehr möglich gewesen.) Aber man glaubt an die »Allgemeinkundigkeit« besonders abscheulicher Verbrechen. Natürlich wendet man im Unterschied zu den mittelalterlichen Prozessen die physische Folter nicht mehr an. Selbst in den Nachkriegs-Sonderprozessen wurde sie seit Anfang der 50er-Jahre nicht mehr angewandt. Aber man versagt Angeklagten noch immer die von Spee geforderten vollen Verteidigungsmöglichkeiten, wenn sie wegen allgemeinkundig besonders scheußlicher Verbrechen vor Gericht stehen. Wie sollte sich zum Beispiel der Angeklagte Weise gegen die Abstempelung zur "Bestie von Auschwitz" wehren, wenn doch die lodernden Feuergruben, die Lebendverbrennung von Kindern, die rings um ihn stattfindenen Massenvergasungen, die meterhohen Flammen aus den Krematoriumsöfen so allgemeinkundig waren? Es war nur folgerichtig, daß die Wuppertaler Richter der so abgestempelten Bestie keine "Ausflüchte" erlauben wollten.

Zur Rechtssicherheit, so ließ mich ein hochgestellter Jurist wissen, gehöre, daß man an rechtskräftig gewordenen Urteilen nicht herummäkele. Ich sehe das anders: Auch Halbgötter in Schwarz können irren. Sie vor ideologischer Verblendung und vorprogrammierten "Irrtümern" zu bewahren, ist ein dringendes Anliegen unserer Zeit. Die letztlich durch Aufhebung der Verjährung hervorgerufene Rechtsunsicherheit muß beendet werden. Auch die als Sonderverbrecher Angeklagten müssen sich unbehindert verteidigen dürfen. Wer für sie eintritt, darf nicht unbesehen als Nazi und potentieller Brandstifter diffamiert werden, wie es unlängst in Solingen dem Herrn Kissel geschah, der sich für seinen Nachbarn Weise eingesetzt hatte.[74] Im Jahre 1979 hatte der Journalist Fromme die stillheimliche Wiederherstellung der gewachsenen Rechtstradition »so um das Jahr 2000 herum« vorausgesagt. Ginge es nicht etwas früher? Wäre es nicht wirklich an der Zeit, das Rechtsgutachten Böckenfördes nun endlich durch Prüfung eines konkreten Falles abzuschließen? Doch niemand scheint den Mut zu haben, das heiße Eisen anzufassen, weder in der Grundsatzfrage noch im Einzelfall Weise. Hier war schon Ende 1992 ein Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt worden. Nach einigen Monaten versuchte Weises Anwalt vom Landgericht Mönchengladbach etwas über den Bearbeitungsstand zu erfahren. Man könne den Antrag nicht bearbeiten, weil die Akten vom Land Nordrhein-Westfalen angefordert worden seien, hieß es zunächst. Dann begann ein Spiel, das wir als Kinder "Schraps hat den Hut verloren" nannten. Die Gnadenstelle habe die Akten. Nein, nicht diese, eine andere. Nein, die auch nicht. Endlich, Ende November 1993 kam eine Nachricht vom Landgericht mit einer dicken Anlage. Die Staatsanwaltschaft Köln, die gleiche Staatsanwaltschaft, die Weises Verurteilung erreicht hatte, war seit Juli 1993 in Besitz der Akte gewesen und hatte eine dicke "Verfügung" ausgearbeitet, in der sie wortreich und inhaltsarm zu begründen versuchte, daß der Wiederaufnahmeantrag abzulehnnen sei. Im Dezember 1993 schob diese Staatsanwaltschaft in einer weiteren "Verfügung" noch Ablehnungsargumente nach. Weises Anwalt reichte im Januar 1994 die Widerlegung dieser Argumente beim Landgericht ein. Bis März 1994 - Zeitpunkt der Abgabe des Manuskripts - ist keine weitere Nachricht vom Gericht gekommen.

Wird weiter auf Zeit gespielt? Gottfried Weise hat nach zwei Schlaganfällen gerade noch einmal eine schwere Krebsoperation mit anschließender Lungenentzündung überstanden und einen dritten Schlaganfall erlitten. Eine "natürliche" Lösung könnte manchem als der bequemere Weg erscheinen.

Solange die Verantwortlichen sich ihrer Pflicht entziehen, bleibt uns nur das Gebet, das ich an einem oberbayerischen Haus fand:

O'hl. Michael "Kämpfer des Rechts"steh uns bei, wenn uns droht was schlechts
A 1993 D


[1]K.F. Fromme, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 5.7.79, S.1: »Was man sagt, und was man meint«
[2]Debatte zum 18. Strafänderungsgesetz, siehe Plenarprotokolle 8/145 und 8/166.
[3]FAZ, 15.3.1979: »Den Vorhang nicht fallen lassen«
[4]FAZ, 18.6.1979, S. 11: »Völkermord darf nicht als "normales" Verbrechen gelten«
[5]Plenarprotokoll 8/166, S. 13234f. Hervorhebungen so im Protokoll.
[6]Plenarprotokoll 8/145, S. 11612.
[7]So z.B. Dr. Lenz (Bergstraße, CDU) in der Bundestagsdebatte vom 29.3.79, Plenarprotokoll 8/145, S. 11609.
[8]So z.B. auch Dr. Schwarz-Schilling (CDU), Plenarprotokoll 8/145, S. 11644.
[9]Vgl. F.K.Fromme, FAZ, 14.2.79: »Die Angst vor dem, was man will«
[10]FAZ, 30. Juni 1979, Nr. 149, Seite 6.
[11]Urteil des Landgerichtes Wuppertal, 28.1.1988, Seiten 104-107.
[12]Vgl. Beitrag von J.C. Ball im Buch.
[13]Begründung zum Wuppertaler Auschwitz-Urteil vom 28.1.1988, Seite 96.
[14]Wuppertaler Zeitung General-Anzeiger, 10.6.1987.
[15]Artikel von Ulla Dahmen-Oberbossel in General-Anzeiger Wuppertal, 20.1.1988.
[16]Kopien beider Protokolle sind dem Revisionsantrag vom 12.8.1988 beigefügt.
[17]Ablehnung der Beweisanträge 1-13, hier gemäß Revisionsantrag S. 17 zitiert.
[18]Revisionsantrag, S. 6.
[19]Revisionsantrag, S. 80.
[20]Seite 1909f. der Gerichtsakten.
[21]Urteil, Seiten 65/66.
[22]Urteil, Seite 151.
[23]Urteil, Seite 116.
[24]Urteil, Seite 180.
[25]Urteil, Seite 190.
[26]Matthies/Jordan, August 1993: Fall Weise - Neue Beweise zur Klärung unrichtiger Angaben des Zeugen Freimark und unrichtiger Feststellungen im Urteil des Landgerichtes Wuppertal vom 28. Januar 1988. Kopien können gegen Erstattung der Kopierkosten angefordert werden.
[27]Urteil, Seite 185.
[28]Urteil, Seiten 75/76.
[29]Urteil, Seiten 76/77.
[30]Urteil, Seite 58.
[31]Urteil, Seiten 76/77.
[32]Zeugenaussage Freimarks in Tel Aviv, 20.11.1968; dok/172. Zur Zitierweise "dok/nnn": Über die zahlreichen Angaben von und über Freimark liegt eine Dokumentation vor, die Abschriften von nicht allgemeinzugänglichen Quellen enthält, z.B. von Texten aus dem Urteil und Übersetzungen aus jiddischen und hebräischen Texten. Mit "dok/nnn" wird auf die Seitenzahl dieser Dokumentation verwiesen. Sie kann bei Interesse gegen Erstattung der Kopierkosten angefordert werden. Neben Protokollen von früheren Zeugenaussagen Freimarks sind in der Dokumentation zwei längere Berichte oder Erzählungen Freimarks enthalten:
»Einsam in der Schlacht«, autobiographische Erzählung Freimarks im Suwalki-Buch: Jewish Community Book Suwalk and Vicinity: Baklerove, Filipove, Krasnopole, Psheroshle, Punsk, Ratzk, Vizhan, Yelineve; The Yair - Abraham Stern - Publishing House, Tel Aviv, 1989; Texte teils in Englisch, teils in Hebräisch; Freimarks Erzählung aus dem Hebräischen übersetzt.
Freimarks Yad-Vashem-Bericht; Erinnerungen von 1959, Niederschriften von 1962 und 1964; aus dem Jiddischen (in hebräischer Schrift) ins Deutsche übersetzt.
[33]Yad-Vashem-Bericht, Seiten 72 und 82; dok/156,162.
[34]D. Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek, Hamburg 1989, S. 1009.
[35]Zeugenaussage Freimarks in Tel Aviv, 20.11.1968; dok/173.
[36]Yad-Vashem-Bericht, S. 79/80; dok/160.
[37]Yad-Vashem-Bericht, S. 180; dok/161.
[38]Aussage Freimark in Tel Aviv, 29.4.1966; dok/168.
[39]Suwalki-Buch und Yad-Vashem-Bericht; dok/108,109,111,139,141,142,145,152ff.
[40]Urteil, Seite 75; dok/177.
[41]Yad-Vashem-Bericht, S. 53; dok/146.
[42]D. Czech, Anm. 34, S. 776.
[43]Yad-Vashem-Bericht, S. 83, 84; dok 162,163.
[44]Zu diesem Thema liegt eine genauere Untersuchung vor: »Matthies/Jordan, Der Fall Weise - Neue Beweise zur Klärung unrichtiger Ortsangaben und unrichtiger Tatvorwürfe im Urteil des Landgerichtes Wuppertal vom 28. Januar 1988«, Fassung von März 1993 mit Nachtrag von Mai 1993. Kopien dieser Untersuchung können gegen Erstattung der Kopierkosten angefordert werden.
[45]Hierzu: J.C. Ball, Air Photo Evidence, Delta, B.C., Canada 1992, S.34.
[46]Hierzu: »Archivum des Museums in Auschwitz, Ensemble der Erklärungen zum Raub des Opfergutes, 51. Kapitel, Seiten 119 bis 134, Bericht des ehemaligen Häftlings Josef Odi«.
[47]J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989.
[48]Yad-Vashem-Bericht, Seite 63; dok/151.
[49]Urteil, Seite 187; dok/180.
[50]Urteil, Seite 188; dok/181.
[51]Siehe z.B. die Arbeiten von Prof. Dr. Michael Stadler, Universität Bremen, Institut für Kognitionspsychologie; u.a. Studie Stadler/Fabian/Wetzels »Wiedererkennen des Täters oder Identifizieren des Beschuldigten?«, in Bremer Beiträge zur Psychologie 100(1) (1992).
[52]Dies ist in NS-Gewaltverbrecherprozessen durchaus üblich und entspricht den Praktiken der Hexenprozesse des Mittelalters. Vgl. hierzu dem Beitrag von M. Köhler im vorliegenden Band.
[53]Urteil, Seite 183; dok/179.
[54]Urteil, S. 182; dok/179. Auch das typisch für Hexenprozesse: Jeder, der (angeblich) dabei war, ist schuldig!
[55]Der Ortsname Grodno scheint für Freimark ein weiterer Kristallisationskern affektbetonter Gedächtnisreste zu sein. In seiner phantasievollen Erzählung, wie er an der Ermordung eines Mitgefangenen teilnimmt, sind seine Mittäter wiederum drei Häftlinge aus Grodno, die dann erschossen werden; dok/67.
[56]Urteil, Seiten 196/197; dok/182.
[57]Gemäß Wahrunterstellung des Gerichts (Urteil, Seite 196; dok/182) wurden 1943 tatsächlich zwei Häftlinge nach dem Versuch erschossen, sich in einem Waggon unter abzutransportierenden Sachen zu verstecken.
[58]Yad-Vashem-Bericht, Seite 72; dok/156.
[59]Suwalki-Buch 1989, Seite 315; dok/122f.
[60]Czech, Anm. 34, Seite 626.
[61]dok/160ff.
[62]dok/167,168.
[63]dok/139.
[64]Hefte von Auschwitz, Nr.15, Seite 45, Fußnote 90.
[65]Kopie des unbeantworteten Anfrage-Briefes bei C. Jordan.
[66]R. Gerhard, Der Fall Weise - Dokumentation zu einem Auschwitz-Birkenau-Prozeß, Türmer, Berg am See, 21991, bes. S. 31-33, Aussagen Dr. Hans Eisenschimmel (nicht verlesen) und Henry Isaac Liver (nicht gewürdigt); S. 51, Ablehnung einer Beiziehung der "Wienakte"; S, 60, Zeuge Kierski (abgewertet wegen "zu geringem Überblick"); S, 73, Zeuge Burger (Hinwegerklären entlastender Angaben eines Belastungszeugen).
[67]Jordan, 15.3.1992: Der Fall Weise - Fakten zum Wiederaufnahmebegehren. Kopien können gegen Erstattung der Kopierkosten angefordert werden.
[68]FAZ, 9.2.1979, S. 5.
[69]Urteil, Seiten 187/188; dok/180,181.
[70]R. Bender, S. Röder, A. Nack, Tatsachenfeststellung vor Gericht, 2 Bände, C.H.Beck, München 1981, hier Bd. 1, S. 46.
[71]R. Bender, S. Röder, A. Nack, Anm. 70, Bd. 1, S. 48.
[72]News release, January 25, 1993, Polish Historical Society, Stamford, CT 06902, USA.
[73]Friedrich von Spee, Cautio Criminalis oder Rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse, dtv, München 1982.
[74]Siehe dazu das Flugblatt, das Herr Kissel herausgeben mußte, weil ihm die Medien Richtigstellung zu den volksverhetzenden Verleumdungen verweigerten, mit denen man über ihn hergefallen war.

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