{53}

II.

DEUTSCHE REGIERUNGEN
ALS SÜNDENBÖCKE

{54}

(leer)

{55}

Das Dritte Reich und die "Endlösung"

Wenn das Dritte Reich in diesem Kapitel unter die Sündenböcke eingereiht wird, so nicht etwa darum, weil es schuldlos gewesen wäre wie Papst Pius XII.. - keinesfalls! Wir alle wissen, welch schwerer Verbrechen sich die Hitler-Regierung in den zwölf Jahren ihres Bestehens auf manchen Gebieten, namentlich aber am europäischen Judentum schuldig gemacht hat: grauenhafter Verbrechen, die niemals entschuldigt werden können und als düsteres Verhängnis über der deutschen Geschichte lasten werden, solange man Geschichte schreiben wird! Wenn aber ein Angeklagter nicht nur verurteilt und bestraft wird für diejenigen Verbrechen, die er tatsächlich begangen hat, sondern auch weiterer Verbrechen beschuldigt wird, die er nicht begangen hat, und schließlich auch noch aufgrund unzureichender Indizien schuldlos verurteilt und bestraft wird, dann ist es die Pflicht des Weltgewissens, Gerechtigkeit zu fordern und aus ihrer Sicht die gekränkte Wahrheit wieder herzustellen. Nur aus dieser Blickrichtung heraus bezeichne ich auch das Dritte Reich als einen Sündenbock, dem, wie im 3. Buch Moses nachzulesen, die Missetaten eines Volkes - in unserm Falle: verschiedener fremder Regierungen und Machtgruppen - aufgebürdet wurden, ehe man ihn in die Wüste schickte.

Wer nicht nur den Verlauf und die Ergebnisse der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse von 1945/46 aufmerksam prüfenden Blicks verfolgt hat, sondern auch die endlose, bis heute weiterklirrende Kette von Beschuldigungen, Anklagen, Erpressungen, heuchlerischer Verdächtigungen, moralisch verbrämter Zwangsvorstellungen usw. usw., mit denen Deutschland drangsaliert wird, kritisch betrachtet, der durchschaut die politische Tortur des besiegten Reiches, auch wenn sie diplomatisch noch so glatt geölt wird. Bot sich doch den Siegermächten vor zwanzig Jahren die einmalige, bestimmt nicht wiederkehrende Gelegenheit, den gefällten feindlichen Riesen, den man jetzt fürchterlicher Verbrechen überführte, auch noch mit den eigenen Verbrechen zu belasten, die man ihm stillschweigend oder lügnerisch auflud. Jetzt oder nie!! war die Parole: der hingestreckte Koloß hat einen breiten Rücken und kann das noch schleppen, was wir, die Siegermächte, im Kriege gesündigt haben; das erspart uns die Verantwortung vor dem Weltgericht! - Daß man wähnte, mit dieser Abwälzung der eigenen Mitschuld auf den Besiegten sich selber entsühnen zu können, war freilich ein Trugschluß, wie die wachsende Aufhellung der Erkenntnisse in der Welt von Tag zu Tag deutlicher beweist;

{56}

doch vor zwanzig Jahren, als Deutschland ohnmächtig am Boden lag, konnte man seinem zerschlagenen Leib jedes wirksame Brandmal aufbrennen. Hier kann man wirklich von einem tragischen Schicksal sprechen - insofern als Schuld und Schuldlosigkeit im deutschen Lebensgefühl zusammenschmolzen zu einem politischen Schwächezustand, von dem es sich bis heute noch nicht erholt hat.

Es ist nicht meine Aufgabe, auf die verschiedenen - zumeist angelsächsischen und französischen - Geschichtswerke führender Historiker einzugehen, die Deutschlands vielberufene Alleinschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und seine Untaten während des Krieges im Lichte des geschichtlichen Revisionismus beleuchtet, gemildert, ja, zu wesentlichen Teilen auch getilgt haben. Meine Aufgabe ist und bleibt es, als Jude das spannungsreiche, mit Zündstoffen geladene Verhältnis zwischen Deutschland und dem Judentum zu entschärfen oder, wo Giftstoffe am Werk sind, es zu entgiften - im Dienste der Wahrheit, um des Weltfriedens wie um des menschlichen Seelenfriedens willen, ohne den keine Harmonie im Leben der Völker zu walten vermag.

Wie war das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden in der letzten Zeit vor 1933, dem großen Wendejahr? Wie war das Verhältnis zwischen dem amerikanisch betonten Weltjudentum und dem zionistisch ausgerichteten Judentum in Palästina, wie war das Verhältnis dieser beiden jüdischen Gruppen zu Europa im allgemeinen und zu dem sich hitlerisierenden Deutschland im besonderen? Von diesen Fragestellungen muß ausgegangen werden, wenn alles Spätere begreiflich gemacht werden soll.

Daß die deutsche Judenschaft nach 1918 im besiegten und darniederliegenden Deutschen Reich sich Vormachtstellungen auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet erobert hat, die weit über ihren prozentualen Anteil an der Reichsbevölkerung hinausgingen und auf manchen Gebieten eine für Deutsche schwer erträgliche Monopolstellung ausmachten, ist bekannt und braucht hier nicht wiedergekäut zu werden. Jeder Einsichtige weiß auch daß diese Entwicklung, die sich schon vor 1914 angebahnt hatte, von der Kulturschicht der deutschen Judenschaft, die sich seit Generationen als "deutsch" empfand - und diese Schicht war zahlenmäßig nicht gering; sie umfaßte assimilierte ebenso wie orthodoxe Familien -, ganz bewußt abgelehnt wurde; um die Jahrhundertwende konnte man im Kaiserreich von ihren chauvinistisch eingestellten Männern immer wieder die ironische Feststellung vernehmen: "Jeder kultivierte und patriotische Jude ist im Grunde ein Antisemit!" Diese gespannte Haltung straffte sich nach 1918 stärker, als mit dem Einströmen großer Scharen von

{57}

Ostjuden ein vielfach gewissenloses Schieberelement aus unserer Rasse sich breit machte, während die strenggläubige Judenschaft mit ihrer ererbten Handwerker-Gesinnung und ihrer im Talmud forschenden Lernstuben-Begeisterung die Wanderung in den Westen zumeist nicht mitgemacht hatte, sondern in Litauens, Polens und Galiziens Städten sitzen geblieben war, um weiter im geistigen Bereich ihrer frommen Väter zu verharren. So kam es, daß in Deutschland der Antisemitismus sich in deutschen wie in jüdischen Köpfen verstärkte: bei den Deutschen erwachte der Wunsch, die Juden unter Fremdenrecht zu stellen und sie somit politisch zu begrenzen, und bei den idealistisch gesinnten Juden erwachte der Wunsch, auszuwandern und im Ausland, tunlichst in Palästina, eine eigenstaatliche Heimstätte aufzubauen: einen Wunsch, den die Balfour-Declaration von 1917 mit belebender Nahrung versah.

Auf dem "Jüdischen Weltkongreß", der in Wirklichkeit ein zionistischer Weltkongreß war und in Brüssel im August 1966 stattfand, referierte auch der Jerusalemer Prof. Gerschom Scholem; u. a. nannte er Kurt Tucholsky " . . . den begabtesten und wiederwärtigsten Antisemiten." Es ist anzunehmen, daß der Israeloge Prof. Gerschom den Antisemiten Tucholsky auch in der Zahl der "sechs Millionen ermordeter Juden" mit verrechnet und daß der Staat Israel auch "Reparationen" für diesen Antisemiten Tucholsky kassierte und weiterhin kassieren möchte. Wäre Prof. Scholem imstande, seine zionistischen Scheuklappen abzulegen, so würde er ohne weiteres feststellen können, daß man Kurt Tucholsky unmöglich einen Antisemiten nennen kann; um so eher aber so manchen zionistischen Führer und israelitischen Politiker. Der gute Herr Professor heißt zwar Scholem, was Frieden bedeutet, benimmt sich aber ziemlich kriegerisch. Es bleibt aber der Trost, daß man sogar in Jerusalem noch über die Werke des Kurt Tucholsky diskutieren wird, während die Tätigkeit eines Prof. Gerschom in Vergessenheit geraten wird, denn Dutzende Gerschom wiegen einen einzigen Tucholsky nicht auf.

Da mein Buch "vom Judentum heute" handelt, darf ich es mit versagen, die gestrigen Gründe fürs gefährliche Anwachsen des Antisemitismus seit 1918 im einzelnen darzulegen - zumal, da dies in einem umfänglichen Schrifttum - pro wie contra - bereits hundertfältig geschehen ist. Erwähnt aber sei, daß der überlieferte Antisemitismus nicht nur bei vielen deutschen Juden, sondern auch in Polen, in der Bukowina, in Palästina, und wo sonst nachdenklich gewordene Juden über die Zukunft ihres Volkes grübelten, schon vor 1933 in scharfen Formen zutage trat, wobei unter diesem Begriff stets die Abwehr

{58}

der materiell ausgerichteten Raffgier, nicht aber eine solche des orthodoxen Glaubens jüdischer Prägung zu verstehen ist.

Daß die einander feindlichen Ideologien des Kapitalismus und des Marxismus auch innerhalb der Judenheit heftig aufeinander prallten, ist begreiflich und auch zur Genüge bekannt; hier nur ein Beispiel aus dem Bereich des kämpferischen Zionismus. In ihrer Nummer vom 24. Mai 1932 berichtete die Berliner "Rote Fahne", das Blatt der deutschen Kommunisten, unter der Überschrift "Hakenkreuz und Zionsstern" Folgendes: "Anfang Mai 1932 stand vor dem Jerusalemer Gericht ein Arbeiter, der angeklagt war, sich illegal politisch betätigt zu haben. Als Sachverständiger der Anklage figurierte der Anwalt geklagten ein, weil im Heiligen Lande keine Kommunisten geduldet werden dürften Der Angeklagte rief diesem Sachverständigen zu: "Sie haben Hitler-Manieren!" - "Jawohl!", antwortete Herr Kohn, "ich bin ein heißer Verehrer von Hitler! Hitler hat die deutsche Kultur vor dem Bolschewismus gerettet, und ich wünschte, wir Juden hätten in Palästina einen solchen Hitler!" - "Aber Hitler ist doch gern die Juden!" - Herr Kohn erwiderte: "Lächerlich! Hitler ist gegen den Bolschewismus, und wir hier in Palästina können viel von ihm lernen!" - Soweit der Bericht des Berliner Kommunisten-Blattes. Er zeigt, daß man in Palästina die Begriffe Nationalzionismus und Nationalsozialismus als gleichwertig ansah: man tat es übrigem nicht nur im Jahr 1932, sondern noch lange über Hitlers Machtergreifung hinaus. (NB: ist der genannte Herr Kohn nicht identisch mit einem der heute höchsten Richter in Israel?)

Anfangs Februar 1933 weilte Rabbiner Horowitz aus Palästina in Kanada. Dort soll er in einem Vortrag auch erklärt haben, daß die Größe des jüdischen Eigentums in Deutschland lediglich auf Raub zurückzuführen sei. Diese Behauptung dürfte der kanadische Presseberichterstatter sich kaum aus den Fingern gesogen haben; ist sie tatsächlich aufgestellt worden, so entspricht sie einer Erklärung von Dr. Grünbaum, der 1928 ausgerufen hatte: "Die Juden verpesten die Luft in Polen!!" (Der vorher erwähnte Prof. Gerschom Scholem wird Herrn Grünbaum wahrscheinlich als Philosemiten ansehen.) Dieser Dr. Grünbaum, auf dessen höchst eigenwillige Wirksamkeit ich noch öfter zurückkommen werde, war damals der geistige Führer der polnischen Zionisten; seine wiederholt antisemitischen Äußerungen trugen ihm in den Spalten von Streichers "Stürmer" die Lobzensur ein: "Der Jude Grünbaum ist wirklich ein anständiger Jude!"

Daß derlei Wiedehopfereien dem ohnehin geringen Ansehen des europäischen Judentums schadeten, ist klar. Die in Warschau erschei-

{59}

nende, jiddisch geschriebene Tageszeitung "Hajnt" beklagt sich in ihrer Ausgabe vom 22. Juni 1934: "Man kann es nicht leugnen: man hat uns Ostjuden nicht gern! Noch ehe Hitler zur Macht gelangte, bestand schon der Begriff 'Ostjude'; man behandelt uns als eine besondere Rasse. Die Schweiz, das Land der Freiheit, wendet den Ostjuden gegenüber Ausnahme-Grundsätze an . . . Amerika ist zweifellos eine freie Republik; trotzdem bestanden auch dort Ausnahmebestimmungen für die Ostjuden: die Einwanderungssumme wurde so hoch festgesetzt, daß die unbemittelten Ostjuden sie nicht aufbringen konnten." - "Hajnt" war eine zionistenfreundliche Zeitung, die es nicht wagen durfte, nachzuforschen, wem eigentlich die Ostjuden diese diskriminierenden Einschränkungen zu verdanken hatten; sie würde dabei nämlich auf lauter Zionisten gestoßen sein! Die Völkerwanderungs-Spezialisten in Tel Aviv und Jerusalem unterbanden ja planmäßig jede jüdische Auswanderung, die nicht nach Palästina führte; doch zehn Jahre später wurde das Fiasko ihrer mörderischen Emigrationslenkung der Welt offenbar: zahllose Juden, denen Zion den Weg in überseeische Länder verlegt hatte, ohne sie doch nach Palästina hereinziehen zu können, landeten schließlich in Auschwitz und in anderen Vernichtungslagern! Ebendort aber endete auch der Weg des mißgünstig-volkshungrigen Zionismus.

Doch kehren wir in die Zeit um 1933 zurück. Bedenkt man, wie gewisse zionistische Kreise damals ihre ostjüdischen Glaubensgenossen durch verunglimpfende Äußerungen in den Augen der Welt, namentlich auch des Hitlerismus, abgewertet und verächtlich gemacht haben, - bedenkt man ferner, daß die gleichen zionistischen Kreise nach 1958 den toten Papst Pius des parteiischen Schweigens zur Judentragödie bezichtigt haben, dann fragt man sich entgeistert: wie können Zionisten, die sich "Historiker" nennen, die Schuld auf einen Kirchenfürsten abwälzen - die fürchterliche Schuld, die sie selber auf sich geladen haben, indem sie nicht nur die Hetzreden, sondern auch die verräterischen Machenschaften der zionistischen Führung gegen ihr eigenes schwerstens heimgesuchtes Volk mit vornehmem Schweigen übergehen!? Das ist die ewige Sünde wider den Heiligen Geist, von der keine noch so geschickte Geschichtsklitterung die politischen Palästina-Manager jemals wird freisprechen können.

Diesen Strategen des Israel-Fanatismus kam Hitlers Machtergreifung höchst gelegen: sie sahen in ihm einen wirtschaftlichen Bundesgenossen gegen das amerikanische Finanzjudentum, und einen politischen Verbündeten gegen den russischen Kommunismus. (An den eigenstaatlichen Kommunismus, den sie nach 1948 mit ihrem Kibbuz-Programm entwickelten, dachten sie noch nicht; er war damals besten-

{60}

falls eine Fata Morgana, der Wunschtraum etwa eines Ben Gurion.) - Kaum war Hitler an die Macht gelangt, als auch schon aus Palästina der in Deutschland geborene zionistische Ideologe Arthur Ruppin nach Berlin eilte, um dort seine Visitenkarte abzugeben: er gründete die Deutsche Abteilung der Jewish Agency, deren volle Bezeichnung "Central Bureau for the Settlement of German Jews" lautete. Es blieb nicht lange bei derlei Höflichkeiten; im Frühjahr erschien aus Palästina der Ukrainer Dr. Arlosorow mit einem Arbeitsstab, um Handelsbeziehungen mit dem Dritten Reich anzuknüpfen, die sich im Lauf des Jahres 1933 zu dem bekannten Haavara-("Transit")Abkommen verdichteten und nicht nur zu einem regen Warenaustausch führten, sondern auch einer beträchtlichen Anzahl jüdischer Familien ermöglichten, mit ihrem gesamten Hab und Gut aus Deutschland nach Palästina einzuwandern, nachdem die britische Mandatsregierung ihre Einwilligung gegeben hatte. Dieses Haavara-Abkommen, zu dessen Ausbau und Intensivierung der (später in Israel zu den höchsten Staatsämtern gelangte) Wirtschaftler Levi Eschkol anfangs 1934 ein

("In zwei Welten" Tel Aviv 1962 Seite 145.)

betriebsames Büro in Berlin gründete, lief längere Zeit ertragreich weiter, auch dann noch, als die britische Mandatsregierung die von deutscher Seite stärkstens geförderte jüdische Abwanderung nach Palästina drosselte, was man dort als überaus unfreundlichen Akt empfinden mußte: denn man hatte Einwanderer gegen Apfelsinen eingehandelt und mußte jetzt zuschauen, wie die deutschen Juden in andere Länder auswanderten. - Das Haavara-Abkommen fror ein, als das deutsche Judenproblem sich bedenklich zuzuspitzen begann; doch da hatte es seinen Zweck bereits erfüllt und beiden Partnern - den Deutschen mehr noch als den Juden - erhebliche wirtschaftliche Gewinne eingebracht. (Daß der eigentliche Initiator und Unterzeichner des Abkommens, Dr. Chaim Arlosorow, kaum daß seine Unterschrift auf dem denkwürdigen Dokument getrocknet war, nach der Heimkehr eines Morgens am Meeresstrand von Tel Aviv erschossen aufgefunden wurde, steht auf einem anderen Blatt. Die Nachforschungen nach seinem Mörder sind bis heute erfolglos geblieben und werden wohl niemals zur Klarheit führen - wie bei so vielen politischen Morden, an deren Vertuschung die Mächtigen dieser Erde interessiert sind.)

{61}

Der Abschluß des Berliner Haavara-Abkommens erhellte, einer Blitzlichtaufnahme im Dunkel vergleichbar, jählings den weltanschaulich-politischen Abgrund, der zwischen dem Zionismus in Palästina und der Hochfinanz des amerikanischen Judentums schon seit Jahrzehnten klaffte, nun aber plötzlich sichtbar wurde: die neugierig zuschauende internationale Geschäftswelt sah jetzt, daß "Alljuda" (um Julius Streichers Sammelbegriff einmal anzuwenden) sich in drei Gruppen auseinander gesondert hatte: in die an den Westen assimilierte Hauptmacht des kapitalistisch denkenden Judentums mit der großen wirtschaftlichen Kraftzentrale in New York, in die kleine, aber fanatisch wühlende Gruppe der aktiven Zionisten in Palästina mit ihrer kompromißlosen Heimstätten-Ideologie, und in eine dritte Gruppe: die der über die ganze Welt, hauptsächlich aber über Europa verstreuten religiösen bzw. orthodox-rechtgläubigen Juden, die zum größten Teil voll tiefinnerlicher Gewissenstreue am uralten Glauben ihrer Väter festhielten, dabei aber, von ihrem Ahasver-Schicksal getrieben, nach neuen, friedlicheren Ufern ausschauten und zwischen den Entscheidungen schwankten, ob sie sich nach Palästina retten sollten (das freilich für ihre Volkszahl viel zu klein war), oder ob sie sich der geldstarken Judenmacht Amerikas in die Arme werfen sollten (wo ihrem alten Glauben freilich die entseelende Nivellierung drohte). Diese grob umrissene Dreiteilung besteht weiter und wird bestehen bleiben, bis die weiße Menschheit sich eines Tages selber auslöscht. Selbst der starke Blutverlust, den das Judentum beim grausamen Aderlaß 1942/44 erlitten hat, wird an jenem Dreigeteiltsein nichts ändern, wenn er auch den überlebenden europäischen Juden leichtere Möglichkeiten zur Seßhaftwerdung in den erwünschten Heimatgebieten von morgen geben wird.

Wie gesagt, die Situation der Judenheit wurde im Jahr 1933 besonders deutlich sichtbar, und in ihr der starke Gegensatz zwischen New York und Jerusalem. Hatte doch das amerikanische Judentum die Entwicklung zum aktiven Antisemitismus, die sich in Deutschland seit 1923 vollzog, mit argwöhnisch-wachsamen Blicken verfolgt; man sah voraus, daß die deutschen Juden im künftigen Dritten Reich ihre Stellung als deutsche Staatsbürger verlieren, d. h. unter Ausländerrecht gestellt werden würden, und das zu verhindern, war das Hauptziel der amerikanischen Judenführung. Kaum war Hitler zum Reichskanzler ernannt worden, als auch schon der New Yorker Rechtsanwalt Samuel Untermeyer einen weltweiten Wirtschaftsboykott zu organisieren begann, der das Deutsche Reich, ähnlich wie während des Ersten Weltkriegs die Blockade, in die Knie zwingen und das Hitler-Regime stürzen sollte. Anfangs ließ sich dieser Boykott recht wirksam

{62}

an, namentlich auch als moralischer Faktor - da traten die Zionisten mit Ihrem Berliner Haavara-Abkommen aus der anfänglichen Vernebelung hervor, ließen die Kehrseite der Hitler-Medaille im Lichte der Wirtschaftssonne aufblitzen und zerrissen damit den moralischen Nimbus einer weltweiten jüdischen Einheitsfront gegen das Dritte Reich. Samuel Untermeyer und seine Mitarbeiter empfanden die Haavara als einen Dolchstoß in den Rücken des Weltjudentums, während Julius Streichers "Stürmer" darüber frohlockte, daß es dem Führer gelungen sei, Alljudas Boykott zu durchbrechen und zusätzliche Arbeit wie Brot für Tausende deutscher Arbeiter zu schaffen (was angesichts der 6 Millionen Arbeitsloser, die Hitler im Jahr 1933 vom Weimarer System geerbt hatte, von erheblicher Bedeutung war)!

Das wirtschaftlich-soziale Tauziehen zwischen New York und Jerusalem zog sich noch jahrelang hin. Im September 1934 verschickte S. Untermeyer an alle jüdischen Wirtschafts- und Kultus-Vereinigungen in den USA ein Rundschreiben, worin es hieß: "Es ist ein Kampf auf Leben und Tod zur Verteidigung unserer mühsam erworbenen Rechte der Gleichheit und der Bürgerschaft. Es ist auch ein Kampf für die religiöse Freiheit, ein Kampf gegen eine Regierung, die wahnsinnig geworden ist, die die Kontrolle über Deutschland errungen hat und Frieden wie Freiheit der Welt bedroht!" - Schon neun Monate früher war es auf dem 18. Zionistischen Kongreß, der gegen Ende 1933 in Prag zusammengetreten war, zu leidenschaftlichen Zusammenstößen zwischen den beiden auf ihm vertretenen Richtungen gekommen, als der bekannte Schriftsteller Schalom Asch aus der Reihe tanzte und der Versammlung bekannt gab, daß "die zionistische Organisation in Palästina mit der Deutschen Regierung eine Art Handelsvertrag abgeschlossen hat. Das Abkommen beruht darauf, daß die Deutsche Regierung sich damit einverstanden erklärt hat, jüdisches Vermögen ausschließlich in Form von deutschen Industrie-Erzeugnissen nach Palästina ausführen zu lassen, wobei dafür Apfelsinen eingeführt werden dürfen. Die erste Gruppe der auszuführenden Erzeugnisse hat einen Wert von 3 Millionen Mark. Weitere Tausende (?) sollen folgen. Mit diesem für sie sehr günstigen Vertrag hat die Deutsche Reichsregierung damit den von gewissen jüdischen Kreisen außerhalb Deutschlands unternommenen Wirtschaftsbokyott [sic] Deutschlands durchbrochen. - Aus Palästina ist noch kein einziger Gedanke gekommen, der das jüdische Wissen bereichert hätte! Sogar die Beziehungen Palästinas zum hebräischen Wort, zur hebräischen Literatur haben nachgelassen, besonders hinsichtlich des außerhalb Palästinas wohnenden Judentums; denn alle seine Kräfte widmete Palästina seinen Apfelsinen! Für sie mißachtet man das gesamte

{63}

Weltjudentum mit seinen Leiden und seinen Kämpfen! Für Apfelsinen wurde die jüdische Ehre verkauft!" (Aus der in Warschau erscheinenden jüdischen Tageszeitung "Nadz Przeglad" in polnischer Sprache.) - Die palästinischen Zionisten vergaßen Schalom Asch diese mutige Anklage niemals. Als ums Jahr 1955 der damals fünfundsiebzigjährige Schriftsteller, nicht lange vor seinem Tode, als von Ben Gurion eingeladener Gast nach Israel kam, wurde heftig gegen seinen Besuch demonstriert! Auch wird der heutigen israelischen Jugend im Heimatgeschichts-Unterricht die Tatsache des Haavara-Abkommens ängstlich verschwiegen, - als ob man es damit aus der Welt schaffen könne!

Als der "Apfelsinen-Vertrag" sich mit dem Jahr 1934 langsam totlief, hatte er auch seine Aufgabe als Boykott-Töter für Deutschland erfüllt: das Deutsche Reich hatte sich mittlerweile genügend anderweitige Handelsbeziehungen geschaffen, und Untermeyers Boykott wurde jetzt in der Weltpresse als "Mückenstiche in die Haut eines Elefanten" bezeichnet. Es ging bereits um ganz andere, vorwiegend politische Fragen. Im Oktober 1934 war der Chef des britischen Geheimdienstes, Colonel Meinertzhagen, aus eigenem Entschluß nach Berlin gekommen, um mit der deutschen Regierung neue Richtlinien zur Judenfrage festzulegen, nachdem die Haavara durch allerlei Querschüsse, die nicht von deutscher Seite kamen, gelähmt worden war. Der Colonel war kein Jude, aber ein guter Kenner Palästinas und ein Verfechter der zionistischen Ideologie, zudem mit dem Professor Chaim Weizmann befreundet. Es gelang ihm jetzt, Besprechungen mit Hitler, Ribbentrop und Heß zu führen, in denen Hitler das private Schicksal der deutschen Juden offen bedauerte und sich bereit erklärte, ihre Auswanderung zu fördern: je Familie sollten sie 1000 englische Pfund in bar, dazu Waren im Wert von 20 000 Reichsmark mitnehmen dürfen. - Hocherfreut fuhr der Colonel nach London zurück und unterbreitete seinem Freund Weizmann die Berliner Vorschläge; der Professor aber machte die unrealistische Gegenrechnung auf: er verlangte plötzlich, daß die jüdischen Auswanderer - nach Palästina; andere Reiseziele ließ er überhaupt nicht gelten - ihr gesamtes Vermögen sollten mitnehmen dürfen, und daß ihre Kinder vorher in Deutschland landwirtschaftlich, handwerklich und in der hebräischen Sprache vorgeschult werden sollten. Meinertzhagen sah daraufhin schwarz; doch als gewissenhafter Freund des Zionismus reiste er ein zweites Mal nach Berlin und hatte eine neuerliche Aussprache mit Hitler, der wiederum Ribbentrop und Heß beiwohnten, die beide den Plan eifrig weiterspannen. Ribbentrop erklärte freilich, daß es der Reichsregierung unmöglich sei, mit dem Professor Weiz-

{64}

mann persönlich oder mit einer jüdischen Organisation zu verhandeln; das müsse vielmehr zwischen der deutschen und der englischen Regierung geschehen. Auch schlug Ribbentrop vor, eine der beiden Regierungen als Treuhänderin für die auswanderungsbereiten Juden einzusetzen. - Wieder fuhr der Colonel zuversichtlich zu Weizmann; wieder lehnte der allmächtige Herr Professor die Berliner Anregungen brüsk ab, und der an sich so aussichtsreiche Plan versickerte im doktrinären Sande. - Ich werde in einem späteren Kapitel auf die Scheuklappensicht des führenden Zionisten Weizmann eingehender zurückkommen.

Das Jahr 1935 brachte die Nürnberger Rassengesetze und in ihrem Vollzuge das schwerwiegende Problem der "Endlösung der Judenfrage" für Deutschland. Es ist längst bewiesen, daß deutscherseits darunter stets nur die mit der Ausbürgerung verbundene Auswanderung aller oder doch der meisten Juden aus Deutschland begriffen worden ist; wer daher heute noch behauptet, mit der "Endlösung" sei von Anfang an nichts anderes als die tödliche Liquidierung aller deutschen Juden gemeint gewesen, der entstellt ebenso schamlos wie zweckgebunden: er beweist damit einmal mehr, daß Wahrheitsfindung einfach unmöglich ist, wenn sie auf dem Wege von Zweckbestrebungen gesucht wird.

Mittlerweile aber begannen die Probleme - das deutsch-jüdische wie das deutsche überhaupt - sich zuzuspitzen. Etwa gleichzeitig mit Hitler war der amerikanische Demokrat Franklin D. Roosevelt als Präsident der USA an die Macht gelangt; er machte kein Hehl aus seiner antihitlerischen Einstellung, wie er schon bald mit seiner "Quarantäne-Rede" bewies, und er ging daran, den angeschlagenen Untermeyer-Boykott seiner staatlichen Regie einzugliedern, das heißt: ihn aus einer rein jüdischen Angelegenheit in ein USA-Politikum umzuformen, auch wenn die Handelsbeziehungen zwischen den Staaten und Deutschland, oberflächlich betrachtet, davon vorerst nicht betroffen wurden. In Berlin aber hatte man seit 1918 lernen müssen, unter die Oberflächen der Erscheinungen zu schauen, wenn man Deutschlands Weltgeltung wiederherstellen wollte, und Hitler wollte dies. Schon im Herbst 1933 hatte er Deutschlands Austritt aus dem stagnierenden Völkerbund erklärt, und zwei Jahre später führte er die militärische Wiederbesetzung des bisher schutzlosen Rheinlandes durch, mit welcher der Aufbau der deutschen Wehrmacht Hand in Hand ging. In jenen Jahren trat Hitler immer wieder für die Sicherung des Weltfriedens ein, und ich behaupte, daß er es damals auch aufrichtig gemeint hat; auch die Welt sah zu jener Zeit in ihm einen Garanten des Friedens; andernfalls wären die glanzvollen Olympi-

{65}

schen Spiele, die Berlin im Jahr 1936 veranstaltete, nicht so großartig von allen Kulturländern der Erde beschickt und mitgefeiert worden. Auch zionistische Sportvereine mehrerer Länder, insbesondere die aus Palästina, wollten an der Berliner Olympiade teilnehmen. Wenn dies aber nicht in die Tat umgesetzt werden konnte, so deshalb, weil die olympischen Statuten jedem souveränen Staat nur eine Repräsentation erlauben. Das heißt zum Beispiel, daß die Tschechoslowakei außer ihrer offiziellen Vertretung noch zusätzlich eine zionistische zu der Olympiade nicht entsenden konnte. Darüber hinaus war Palästina ein britisches Mandatsgebiet und nicht ein selbständiger Staat.

Anfang April 1934 trug der Prager Sportverein "Bar Kochba" mit dem Berliner Sportverein "Hakoach" einen leichtathletischen Wettkampf aus. Zu diesen sportlichen Auseinandersetzungen erschien auch ein Abgesandter des Reichssportführers von Tschammer-Osten, der von den Leistungen der jüdischen Kurzstreckenläufer Schattmann und Sternlieb sowie des jüdischen Weitspringers Herzlein so begeistert war, daß er diese zur Teilnahme an den Olympia-Kursen des Deutschen Reiches einlud.

Der Leiter des deutschen Makkabi-Kreises, Dr. Friedenthal, setzte sich mit der gleichen Organisation in Palästina in Verbindung und regte an, daß diese sich an der Olympiade 1936 in Berlin beteiligen solle. Die palästinischen Sportinstanzen sollen positiv geantwortet haben.

Auch diese Tatsachen werden der israelischen Jugend von den "Historikern", die Pius der Nazifreundlichkeit bezichtigen, vorenthalten. Doch die Geschichte liebt es, weithin strahlende Friedensfeste zwischen ihre blutigen Aktionen einzuschieben, und Hitlers Glanzrolle vor 1936 erinnert an den Erfurter Fürstentag vom Oktober 1808, auf welchem Napoleon sich von Europas Herrschern huldigen ließ, um vier Jahre später in Rußlands Eiswüsten seine dämonischen Weltherrschaftsträume für immer begraben zu müssen. Hitler waren noch sechs Jahre gegönnt, ehe ihm die fröstelnde Ahnung aufsteigen mochte, daß auch seine Großmachtträume absehbar einem furchtbaren Erwachen weichen sollten.

Zwischen 1936 und 1938 wanderten zahlreiche jüdische Familien aus Deutschland in überseeische Länder ab: zumeist wohlhabende Familien, die sich ihre Reisewege und -ziele mittels der Reichsfluchtsteuer erkaufen konnten, während ein Großteil der armen Juden - es gab ihrer auch im Deutschen Reich genug! - bangend nach den fernen Ländern ausschauten, die ihnen unerreichbar blieben, auch wenn für viele ihrer Familien die Ausreise von den reichen Juden mitfinanziert wurde, weil die deutschen Behörden dies zur Bedingung

{66}

machten. - Die von Dr. Goebbels herausgegebene Halbmonatsschrift "Der Angriff" schrieb in ihrer Ausgabe von Anfang November 1938: "Wir bringen neue Tatsachen zur Judenfrage. Für das gesunde Empfinden des deutschen Volkes gibt es selbstverständlich nur eine Lösung der Judenfrage in Deutschland: raus mit den Juden! Die 180 000 Juden, die seit der Machtübernahme in kluger Erkenntnis ihrer Situation Deutschland verlassen haben, sollen ja nur der Beginn der großen Reinigung sein. Allerdings hat sich seitdem die jüdische Auswanderungsmöglichkeit außerordentlich verringert. Das ist nicht Deutschlands Schuld, sondern ganz allein die Schuld derjenigen Staaten, die einerseits mit tönenden Reden für das "bedauernswerte Judenvolk" eintreten, andererseits aber, wie das ja die Konferenz von Evian so klar bewiesen hat, gar nicht daran denken, Juden bei sich aufzunehmen . . . Es muß ganz klar gesagt werden: Deutschland läßt jeden Juden ziehen, der endgültig auswandert, die Einreisegenehmigung eines andern Staates hat, um selbstverständlich der deutschen Devisenbilanz nicht zur Last zu fallen . . . Aber Südost-Europa, zum Beispiel, sperrt seine Grenzen sogar für Reisende, also nicht nur für Auswanderer. Die USA behaupten, daß ihr Kontingent für jüdische Auswanderer aus Deutschland jetzt für zwei Jahre erschöpft sei." - Zu jener Zeit gab es in Deutschland etwa 700 000 Juden im Sinne der Nürnberger Gesetze: eine Zahl, die sich durch die "Mischlinge" auf wahrscheinlich 1,5 Millionen erhöhte.

Wenige Tage nach dem Erscheinen des obigen "Angriff"-Artikels, am 7. November 1938, hatte der siebzehnjährige Jude Herschel Grünspan in der deutschen Botschaft zu Paris den Legationssekretär Ernst vom Rath erschossen; dieser Mord wurde in Deutschland von der Parteipropaganda zu einem Fanal für den Antisemitismus gemacht, der zu wilder Aktivität erwachte und sich in der berüchtigten "Kristallnacht" austobte: eine heillose, frevelhafte Unbesonnenheit, die sich im Ausland verheerend für Deutschlands Ansehen auswirkte. Der Reichsbankpräsident Dr. Hjalmar Schacht - Nichtjude wie Meinertzhagen - war menschlich stärkstens empört über diesen Pogrom, politisch aber tief besorgt über seine Folgen, und er arbeitete unverzüglich ein gehaltvolles Memorandum aus zur Verwirklichung der gesamtjüdischen Auswanderung aus Deutschland: einen wahrhaft genialen Finanzierungsplan, der die Auswanderer ohne Vermögenseinbuße sicherstellen und dabei das Dritte Reich geldlich nicht schädigen würde, wenn er sinngemäß zur Ausführung kam. Anfangs Dezember 1938 legte Schacht auf dem Obersalzberg sein Memorandum dem Führer vor; dieser war stark angetan von der Planung und beauftragte seinen Reichsbankpräsidenten, schnellstens zu Verhandlungen nach Lon-

{67}

don zu fahren, was Schacht schon vierzehn Tage später tat; seine Besprechungen mit der dortigen, überwiegend jüdischen Hochfinanz versprachen ein voller Erfolg zu werden.

Ich habe in meinem Buch "Schuld und Schicksal" diese hochbedeutsame Unternehmung ausführlich geschildert (in dem Abschnitt "Grünspan-Affäre und Schacht-Memorandum", S. 118-125) und möchte mich hier nicht wiederholen. Wohl aber scheint es geboten, nochmals einige Absätze aus dem Schlußwort zu zitieren, das Dr. Hjalmar Schacht vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal zu seiner Rechtfertigung sprach, und zwar am Samstag, dem 31. August 1946, in der Vormittagssitzung des 216. Verhandlungstages, der ich persönlich beiwohnte. Im Verlauf seiner Erklärungen kam Dr. Schacht auch auf die Judenfrage zu sprechen; er sagte:

". . . Nun hat Justice Jackson in seiner Schlußrede noch einen Vorwurf gegen mich erhoben, der bisher im ganzen Prozeß überhaupt nicht zur Sprache gekommen ist. Ich soll geplant haben, die Juden aus Deutschland freizugeben gegen Lösegeld in fremder Valuta. Auch dies ist unwahr . . . Ich wollte aus dem beschlagnahmten jüdischen Vermögen einundeinhalb Milliarden Reichsmark unter die Verwaltung eines internationalen Komitees stellen, und Deutschland sollte die Verpflichtung übernehmen, diesen Betrag in zwanzig Jahresraten an das Komitee auszuzahlen, und zwar in fremder Valuta, also das genaue Gegenteil von dem, was Justice Jackson hier behauptet hat. Ich habe diesen Plan im Dezember 1938 in London mit Lord Berstedt von Samuel and Samuel, mit Lord Winterton und mit dem amerikanischen Vertreter Mr. Rublee besprochen. Sie alle nahmen den Plan sympathisch auf. Da ich aber kurz danach von Hitler aus der Reichsbank entfernt wurde, verfiel die Angelegenheit. Wäre sie durchgeführt worden, so wäre kein einziger deutscher Jude ums Leben gekommen."

Bei den letzten Worten zuckte ich zusammen. ". . . so wäre kein einziger deutscher Jude ums Leben gekommen!" Der Siebzigjährige, der diese ungeheuerlich scheinende Erklärung in gelassener Haltung abgab, konnte kein Lügner sein, der um seinen Kopf kämpfte; zweifellos hatte er die Wahrheit gesprochen, für deren Erhärtung er zudem überaus gewichtige jüdische Zeugen genannt hatte. Warum aber, so fragte ich mich verwirrt, warum blieb das Auditorium des Internationalen Militärtribunals bei diesen schicksalsschwangeren Worten stumm und kalt? Wohin ich schaute, sah ich gelangweilte, uninteressierte Gesichter: man hatte seine vorgefaßte Meinung, und niemand im Saal schien geneigt, Schachts sensationelle Feststellung überhaupt nur zur Kenntnis zu nehmen, obwohl sie eine der erregendsten Tatsa-

{68}

chen unserer Zeit enthüllt hatte. Schließlich begriff ich: hier war eines jener teuflichen Tabus im Spiel, die die Welt vergiften sollen!

Justice Jacksons Ratgeber in jüdischen Angelegenheiten war der zionfreundliche Dr. Jakob Robinson, der auch später von 1948 bis 1958 als Ratgeber der Israel-Delegation bei der UNO fungierte. Es heißt, seinen Bemühungen sei es gelungen, zu erreichen, daß alles, was Dr. Schacht bei seiner Verteidigung über seinen Plan für die Rettung der deutschen Juden berichtete, nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Ich habe diesem Tabu später nachgespürt und bald herausgefunden, daß es vom Weltzionismus aufgerichtet worden war: in Nürnberg durfte von ihm nicht gesprochen werden, obgleich es dem ganzen Gericht bekannt war. Dr. Schacht hatte in seinem zitierten Schlußwort - aus welchen Gründen auch immer - nichts davon gesagt, daß sein großer Plan letztens am Widerstand des Professors Chaim Weizmann gescheitert war; Tatsache aber ist, daß Schachts Londoner Gesprächspartner, die genannten jüdischen Bankiers, zwar seinen Plan restlos billigten und zu unterstützen bereit waren, ihn aber nicht ohne oder gar gegen den Präsidenten des Weltzionismus durchführen zu können meinten. Sie versprachen daher Dr. Schacht, ihm nach ihrer Rücksprache mit Weizmann anderntags einen endgültigen Bescheid zu geben. Dieser Bescheid war niederschmetternd: der Zionistenführer hatte dem deutschen Plan - genau wie vor vier Jahren gegen den Colonel Meinertzhagen - ein schroffes "Nein!" entgegengesetzt, wie Lord Berstedt voll tiefer Niedergeschlagenheit seinem deutschen Kollegen mitteilen mußte - allerdings mit dem vertröstenden Zusatz, Deutschland möge den so überaus verdienstvollen Plan auch gegen Weizmanns Willen weiterverfolgen! Schacht aber hatte jetzt begriffen, daß sein Versuch, die deutschen Juden zu retten, von einem fanatischen Juden unweigerlich zu Fall gebracht werden würde, wenn er deutscherseits weitergeführt würde, und so fuhr er zutiefst enttäuscht nach Berlin zurück.

Dr. Schacht wurde im Januar 1939 vom Posten des Reichsbankpräsidenten enthoben; doch nicht damit erst "verfiel die Angelegenheit" der Judenrettung, wie er später vor dem Tribunal aussagte; sie war bereits im Dezember 1938 verfallen, als er mit Weizmanns Absage heimfuhr. Der Herr Präsident des Weltzionismus ließ nämlich weiterhin nur eine jüdische Auswanderung gelten: die nach Palästina, und diese wurde ihm von England versperrt! Alle sonstigen Reiseziele seiner europäischen Glaubensbrüder verachtete er, hintertrieb er, machte er lächerlich und unmöglich, zu Zions größerem Ruhme! So zog sich die Tragödie über den Häuptern von Millionen Juden zu-

{69}

sammen, denen ein Starrkopf verwehrte, sich ihre Reiseziele selber zu wählen.

Hitler kam in jenen Wochen noch mehrfach auf die Judenfrage zu sprechen, so bereits am 5. Januar 1939, als der polnische Außenminister Oberst Joseph Beck, ihn auf dem Obersalzberg besuchte; diesem versicherte er, "daß er bei mehr Verständnis für die deutschen Forderungen ein Territorium in Afrika für die Aussiedlung nicht nur der deutschen, sondern auch der polnischen Juden zur Verfügung gestellt hätte" (wobei er dieses Territorium nicht näher kennzeichnete; doch scheint er an italienisches Kolonialland oder auch bereits an Madagaskar gedacht zu haben), und Oberst Beck berichtete fünf Tage später seinem Warschauer Ministerkollegium, "Hitler scheine nur wenig Abneigung gegen die Juden zu hegen!" - Polen wäre damals nur allzu gerne seine Millionenzahl von Juden losgeworden: Oberst Beck forderte in seiner öffentlichen Rede vom 12. März 1939 alle Regierungen rechts und links vom Atlantik auf, der Republik Polen behilflich zu sein bei ihren Bemühungen, sich der jüdischen Bevölkerung zu entledigen. Daß dieser Appell an die westliche Humanität ohne Echo blieb, versteht sich bei Englands damaliger Intransigenz. - Adolf Hitler freilich durchschaute das heuchlerische Doppelspiel der Westmächte ganz klar und sprach das aus in seiner großen Reichstagsrede vom 30. Januar 1939: "Es ist ein beschämendes Schauspiel", sagte er, "heute zu sehen, wie die ganze Welt der Demokratie von Mitleid trieft, dem armen gequälten jüdischen Volk gegenüber, aber hartnäkkig [sic] verstockt bleibt angesichts der dann doch offenkundigen Pflicht, zu helfen. Die Argumente, mit denen man die Nichthilfe entschuldigt, sprechen nur für uns Deutsche und Italiener." - In diesen Worten schwingt erkennbar die starke Enttäuschung mit, die ihm das Fehlschlagen von Schachts Londoner Mission bereitet hatte, und ich stehe nicht an, zu wiederholen: wenn Meinertzhagens und Schachts praktische Pläne, wenn Hitlers Appell von damals verstanden, aufgegriffen und befolgt worden wären, dann hätte es kein Auschwitz gegeben. Doch Juden mußten es sein, die Juden opferten!

Der Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges drückte die Judenfrage zunächst an die Wand: wenigstens bis zum deutschen Angriff auf Rußland (22. Juni 1941) war von Drangsalierungen der Juden durch die deutsche Besatzung keine Rede; es sind auch keinerlei Protokolle über Derartiges bekannt geworden. Wohl hatten im September 1939, angesichts der vorstürmenden deutschen Armeen, hunderttausende von polnischen Juden ihre Heimat fluchtartig in Richtung auf Galizien und Rumänien verlassen; diesen Wirrwarr nun hatten zionistische Emissäre dazu benutzt, unter den Flüchtlingen die Parole

{70}

zu verbreiten: Zurück in die Heimat, zurück in die jetzt von den Deutschen besetzten Gebiete! Und wiederum waren es Hunderttausende polnischer Juden, die diesen Aufruf befolgten und in ihre alten Wohnsitze zurückkehrten, um später, als der Krieg totalitärer geworden war, unter die Räder der Massenvernichtung zu geraten - und warum? Weil sie den zionistischen Wanderpredigern vertraut hatten! Wahrscheinlich hat die Palästina-Propaganda damals, zwischen 1939 und 1941, die Hoffnung gehegt, das Großdeutsche Reich werde den Juden helfen, ihren Staat Israel aufzurichten; ein Beispiel solchen Irrglaubens gaben gewisse Zionisten nach der Errichtung des Warschauer Gettos durch die deutsche Besatzungsmacht, indem sie den polnischen Juden allen Ernstes versicherten, diese Getto sei als eine Art Hachschara (Tauglichkeitsumschulung) für den kommenden selbständigen Palästina-Staat gedacht -!

Daß die deutsche Reichregierung in den drei Jahren 1939 bis 1941 größte Anstrengungen gemacht hat, jüdische Massenauswanderungen auf den Weg zu bringen, ist durch einige bedeutsame Protokolle erhärtet worden. Kaum hatte Dr. Schacht dem Führer von der Ergebnislosigkeit seiner Londoner Reise berichtet, als Hitler auch schon den Reichsmarschall damit beauftragte, das Problem nunmehr in deutsche Regie zu nehmen, und noch im Januar 1939 hatte Göring eine Reichszentrale für die jüdische Auswanderung geschaffen, der es oblag, eine verstärkte Auswanderung zu starten, ihre Ströme zu lenken und ihren Abfluß zu beschleunigen. Deutschland wollte den Beweis erbringen - und hat ihn erbracht -, daß es seine Emigranten auch ohne die selbstherrlichen Direktiven des auserwählten Professors Weizmann in Marsch zu setzen vermochte - sei es ins europäische Ausland, sei es nach Amerika oder wohin sonst jüdische Gruppen ihren Wanderstab zu setzen wünschten. Daß Palästina als Reiseziel ausschied, hatten auch die Juden inzwischen begreifen müssen.

Bis Ende 1941 floß dieser Auswanderungsstrom ständig weiter. Dann aber erforderte die gewaltige Ausdehnung der deutschen Ostfront im Kriege mit Rußland stärkste zusätzliche Anstrengungen nicht nur der Wehrmacht, sondern auch der Zivilbevölkerung in der Heimat wie im besetzten Gebiet, und zur Steigerung der deutschen Produktion wurden auch viele hunderttausende von deutschen wie von Ostjuden herangezogen: Himmler, dem dieser Arbeitseinsatz unterstand, mußte - höchst ungern, wie man heute weiß - die weitere jüdische Auswanderung auf einige wenige Kanäle beschränken.

Damit komme ich zu den erwähnten Protokollen, die als amtliche deutsche Dokumente die dienstlichen Besprechungen auf der sog. Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 festgehalten haben und

{71}

aufzeigen, was das Dritte Reich seit 1933 zur Lösung des Judenproblems unternommen hat. Damals traten in Berlin-Wannsee etwa zwanzig führende Vertreter jener Dienststellen zusammen, die mit der Judenfrage befaßt waren. Den Vorsitz führte der Chef des SS-Sicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, der berichtete, daß er beauftragt worden sei, sich mit der Endlösung der Judenfrage in Europa zu befassen, die auf eine geschlossene jüdische Emigration aus Deutschland und seinen Nachbarländern abzielte. Dann gab Heydrich eine Übersicht über die bisherigen Bemühungen, wobei er die vielerlei Schwierigkeiten aufzählte, die sich dieser modernen Volkswanderung nicht nur im Deutschen Reich, sondern in ganz Europa entgegenstellten. Er gab die folgenden authentischen Daten und Zahlen bekannt:

Bis zum Stichtag der letzen Zählung, dem 31. Oktober 1941, wanderten insgesamt 537 000 Juden aus dem Großdeutschen Reich aus, davon ab 30. Januar 1933 aus dem Altreich rund 360 000, ab 15. März 1938 aus Österreich rund 147 000 und ab 15. März 1939 nochmals rund 30 000. Die reichen Juden hatten die Ausreise für die ärmeren finanzieren müssen; das Weltjudentum hatte durch Schenkungen rund 9,5 Millionen Dollars zu den Kosten der Massenauswanderung beigesteuert, die immer noch weiterlief, sich aber zusehends schwieriger gestaltete.

Die abendländische Menschheit, namentlich aber wir Juden, haben allen Grund, uns diese Daten und Zahlen genauestens einzuprägen; denn von der weltjüdischen Geschichtsschreibung werden sie gern, von den zionistischen "Historikern" werden sie sogar grundsätzlich verschwiegen oder bestenfalls bagatellisiert. Man empfindet im Lager Zion tiefstes Unbehagen angesichts dieser überaus gewichtigen Zahl von mehr als einer halben Million Juden, die das Dritte Reich aus seiner Machtsphäre entlassen und damit "gerettet" hat; man pflegte weiterhin die schofle Legende, Hitler und seine Helfer hätten seit 1933 die Juden planmäßig schikaniert, drangsaliert, dezimiert und schließlich totalitär liquidiert. Mit derartig tatsachenwidrigen Summierungen füllt man die Soll-Seite im Schuldbuch des Dritten Reiches hundertprozentig aus und läßt auf der Haben-Seite keine Aktiva erscheinen, die als moralische Guthaben gewertet werden könnten; denn für den Rachefeldzug der zionistischen Haß-Prapaganda [sic] darf es keine Pluspunkte für Hitler und seine Männer geben! Auch gewisse Zeitungen des westlichen Weltjudentums hauen unentwegt in diese Kerbe; ja, es haben sich sogar deutschblütige Publizisten gefunden, deren schieläugige Knechtsseligkeit die wahrheitswidrigen Legenden eines unversöhnlichen Gegners sich zu eigen gemacht hat und noch heute gegen

{72}

ihr eigenes Volk ausspielt: sie identifizieren es unbedenklich mit den in Nürnberg gehenkten Henkern der Hitler-Ära, ohne freilich sich aufzuhängen, wozu sie doch moralisch verpflichtet wären, wenn sie das ganze deutsche Volk, also auch sich selber zu Verbrechern stempeln.

"Die Weltgeschichte ist das Weltgericht", sagt Schiller, und diese richtende Weltgeschichte wird - sogar schon bald, wie ich hoffe - das Recht vom Unrecht, die Wahrheit von der Lüge, die Gerechtigkeit von der Ungerechtigkeit, das Vorurteil von der Urteilsfähigkeit sondern, den Fanatismus von der Vernunft trennen, damit auch den racheschnaubenden Haß in die Zwangsjacke der Selbstbesinnung stecken und so der Versöhnung zwischen den Völkern ein dankbares Feld eröffnen. Dann wird man auch das Gute, das Bleibende anerkennen, das in Adolf Hitlers Parteiprogramm als Keim angelegt und im staatspolitischen Aufbau seines Reiches verwirklicht worden ist! Man wird seine Mißgriffe und Fehlentscheidungen nicht mehr lächerlich oder verächtlich zu machen trachten, sondern sie bedauern und korrigieren; vor allem aber: man wird seine größte, unverzeihliche Untat, den Massenmord am jüdischen Volk, der im Grunde gar nicht von ihm selber, sondern von seinen entfesselten Sklaven ausging - sogar diesen Massenmord wird man aus geklärter Sicht betrachten und weniger hart verurteilen, indem man das anerkennt, was Hitler zur Rettung der europäischen Judenschaft versucht und zu einem großen Teil auch durchgeführt hat. Die hiervon skizzierten "Wannsee-Protokolle" werden ihren Platz im Buche der Weltgeschichte erhalten.

Etwa Mitte April 1934 kehrte Ernst Bloch aus Europa in die USA zurück und soll folgendes veröffentlicht haben:

"Die in Deutschland wahrnehmbare Erscheinung ist bedeutender als die Behauptung der deutschen Juden. Was sich dort abspielt, ist eine Bewegung so tiefgehender Natur wie Luthers Reformation. Ich habe die höchste Achtung vor Hitlers Aufrichtigkeit. Er glaubt fest und restlos an seine Lehren. Man mag ihn einen Fanatiker nennen, der von seiner Sache entflammt ist, aber er ist gewiß kein Opportunist, der aus ihr politisches Kapital schlägt. Ich glaube nicht, daß seine Grundsätze die richtigen sind, ganz falsch ist jedoch, ihn und die von ihm geführte Bewegung nur im Lichte des Antisemitismus zu sehen."

Insbesondere aber wird die schwerwiegende Frage nach den an der jüdischen Tragödie Mitschuldigen nichtdeutscher Herkunft aus den Nebeln des Tabus das viele von ihnen heute noch verhüllt, befreit und im Geiste der Gerechtigkeit beantwortet werden. Mein erstes Buch trägt den Untertitel "Europas Juden zwischen Henkern und Heuchlern" . Nun, die deutschen Henker hat man in Nürnberg gehenkt, darunter auch Schuldlose; doch die Heuchler, die großen Mit-

{73}

schuldigen, die in Nürnberg mit zu Gerichte saßen über die besiegten Untäter, ohne damals die Augen niederzuschlagen, als sie neben Schuldigen auch Unschuldige an den Galgen brachten, - diese Heuchler gingen frei aus, und ihrer manche treten heute noch als Racheengel mit dem Flammenschwert auf, anstatt sich in einer Büßerzelle zu vergraben und über ihre schnöde Rolle nachzudenken. Ich komme auf einige dieser unedlen Figuren gelegentlich noch zu sprechen.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1942 bahnte sich auf dem östlichen Kriegsschauplatz der große Umschwung vom deutschen Vormarsch zum deutschen Rückzug an. Anfangs 1943 brachte die Kapitulation der VI. Armee vor und in Stalingrad die bisher schwerste deutsche Niederlage: ihr blutiger Flammenschein gemahnte an Napoleons Rückzug aus Moskau, und wenn auch Hitlers Heere anders als die des Korsen ihren Riesenkampf noch zwei Jahre lang weiterzuführen vermochten, so war doch der Anfang vom Ende deutlich sichtbar geworden. Wenige Wochen später erfolgte die Landung der Alliierten in Nordafrika, von wo sie sich zum Sprung nach Sizilien hinüber rüsteten: Großdeutschlands Umklammerung hatte eingesetzt; sein militärischer Aktionsraum schrumpfte von jetzt an ständig weiter zusammen, und wenn auch die deutsche Kriegsindustrie, trotz pausenloser Luftangriffe der Feinde, sich dank krisenloser Einsatzbereitschaft des deutschen Arbeiters und dank einer wahrhaft phantastisch anmutenden Sicherungs-Organisation bis zum Kriegsende ihre kaum geminderte Leistungsfähigkeit erhalten konnte, so waren doch die soldatischen Verluste erheblich - nicht zuletzt infolge des von beiden Seiten erbarmungslos geführten Partisanenkrieges in Rußland und Jugoslawien. An größere jüdische Auswanderungen war im deutsch-polnisch-russischen Operationsgebiet jetzt überhaupt nicht mehr zu denken; lediglich im ungarisch-rumänischen Raum, den der russische Vormarsch damals noch nicht erreicht hatte, bot sich noch die Möglichkeit zu beschränkten Rettungsaktionen für die eingesessenen Juden, und hier war es gerade der verlästerte - um nicht zu sagen: verteufelte - Heinrich Himmler, der einer großen Anzahl von Juden das Leben rettete, worauf ich im V. Kapitel dieses Buches noch zurückkommen werde.

Zwischen der deutschen Tragödie von Stalingrad und dem Spätwinter 1944 war Deutschlands bedrängte Lage politisch dahin verschärft worden, daß die Feindseite - kurzsichtig und brutal in einem - ihm nur noch die Aussicht auf eine bedingungslose Kapitulation offen gelassen hatte; mit dieser von Roosevelt diktierten politischen Dummheit reizten die Alliierten den schon waidwund geschossenen Gegner zu gewaltsamen Aufbäumungen seines eingeborenen Stolzes

{74}

um der menschlichen wie der soldatischen Ehre willen. Jetzt war Großdeutschland in einem undurchbrechlichen Käfig eingeschlossen worden: "das mächtige Raubtier", wie seine Feinde es nannten, und mit ihm war im gleichen Käfig eingeschlossen Europas Judenschaft, "das kleine, aber verderbliche Raubtier", wie die Rassenfanatiker sie nannten. Das mächtige Raubtier Deutschland knirschte vor bitterer Enttäuschung: es brüllte vor Wut, es bebte - nicht vor Verzweiflung, wohl aber vor Empörung über sein Schicksal, und es knurrte schließlich auch vor Luftmangel, Qual und Hunger. Was Wunder, daß sich das eingesperrte große Raubtier schließlich auf das kleine, wehrlose Raubtier stürzte, welches es, trotz allen Bemühungen, nicht aus seinem Lebensbereich hatte entfernen können? Wenn ihm selber, dem großen Raubtier, nur die bedingungslose Kapitulation offen gelassen wurde, sollte da etwa das miteingesperrte kleine Raubtier, dieser lästige Zwangsnachbar im Käfig, besser davonkommen als man selber!? Weiß Gott: kein Wunder, daß der Stärkere sich auf den Schwächeren warf! Doch selbst in dieser grimmigsten, ja, tragischen Stunde des deutschen wie des jüdischen Weltschicksals lag es - das glaube ich zu wissen - nicht in der Absicht der deutschen Führung, die bewußte Endlösung in eine totale Liquidierung alles jüdischen Lebens ausröcheln zu lassen - nicht nur, weil das rein technisch gar nicht möglich gewesen wäre, sondern aus Gründen der Vernunft, wenn auch einer recht kühlen Vernunft.

Wer aber, so werden meine Leser jetzt fragen, wer verkörperte denn das große Raubtier Deutschland, das schließlich im Schicksalskäfig über das kleine Raubtier herfiel und es lebensgefährlich verletzte, ohne es freilich töten zu können? Nun, der programmatische Antisemit Adolf Hitler war es nicht; den bewegten damals ganz andere Sorgen, weshalb er sich denn auch einige Zeit nach Beginn des Rußlandfeldzugs bewogen sah, eine Art von "Generalvollmacht" für die Regelung der jüdischen Angelegenheiten dem Reichsführer SS Heinrich Himmler auszustellen, um sich selber ausschließlich den Fragen der Kriegsführung widmen zu können, wie er damals dem Chef seiner Reichskanzlei, Dr. Lammers, erklärte. Der Text dieser "Generalvollmacht" ist niemals bekannt geworden, auch in den Nürnberger Prozessen nicht, wie ja überhaupt das Aktenmaterial über Himmlers Wirksamkeit sehr lückenhaft und undurchsichtig geblieben ist, so daß die Vermutung nahe liegt, die Feindseite habe gar kein Interesse daran gehabt, hier eindeutige Klarheiten zu schaffen. Tatsächlich hat nur ein ganz enger, als "Geheimnisträger" bezeichneter Stab von Dunkelmännern, die ihre Weisungen von Himmler erhielten, mit den Judentötungen zu tun gehabt. Himmler hatte ja den Führerauftrag,

{75}

möglichst viele arbeitsfähige Juden in Arbeitslagern zu konzentrieren, was er auch im größten Stil durchführte; hinsichtlich der alten, kranken und arbeitsuntauglichen Juden konnte er anderweitige Entscheidungen treffen, wobei er offenbar Hitlers Vollmacht nach eigenem Ermessen handhabte: einen großen Teil der internierten Juden ließ er in Auschwitz und anderswo (allerdings nicht in Maidanek, wie gern behauptet wird) durch Gas umbringen; einem andern, zahlenmäßig sehr starken Teil ermöglichte er im Lager von Theresienstadt eine fast "behaglich" zu nennende Selbstverwaltung, die er dem Internationalen Roten Kreuz vorführte; wieder andere jüdische Gruppen schickte er auf dem Luftwege nach Lissabon in die Freiheit, und schließlich stellte er ab Herbst 1944 alle KZ-Juden "unter seinen besonderen Schutz" - er behandelte die Judenfrage keineswegs fanatisch, sondern je nach den Umständen wohlwollend oder hart. Anders handelten viele der ihm direkt oder indirekt unterstellten SS.-, SD.-, Gestapo-Schergen, KZ- und Lagerkommandanten, sowie offizielle Lagerälteste und Lagerräte, insbesondere aber Kapos, die man als die eigentlichen Judenmö[r]der bezeichnen muß: geborene Sadisten, andere wiederum, die sich in den staatlichen Sicherheitsdienst (SD) gedrängt hatten, um in den Vernichtungslagern ihre grausamen Triebe auszutoben. Ich habe die Männer, die mancherlei Dienstgraden - vom Lagerkommandanten bis zum Aufseher - angehörten, hiervor als "entfesselte Sklaven" bezeichnet; noch heute schaudert mich bei der Vorstellung, daß ein erbarmungsloses Weltgeschick es dieser Mörderhorde erlaubte, in Deutschlands grimmigster Notzeit, als, mit Schiller zu sprechen, sich alle Bande frommer Scheu lösten, sich ihrer Fesseln zu entledigen und hemmungslos zu wüten.

Hemmungen zeigten diese verschworenen Unmenschen, schon aus Selbsterhaltungstrieb, nur darin, daß sie von ihren Schandtaten keinerlei Kunde an die Außenwelt gelangen ließen: das schauerliche Unwesen spielte sich ganz in geheimem Dunkel ab, und die deutsche Öffentlichkeit erfuhr nichts davon. - Als dann die Sieger im Mai 1945 Deutschland besetzten und die Greuelstätten der Vernichtungslager vorfanden, haben sie wirklich geglaubt, jeder Deutsche müsse von diesen Ungeheuerlichkeiten gewußt haben, und die Nürnberger Justiz versuchte die ganze deutsche Nation zur Mitwisserin und damit zur Verbrecherin zu stempeln: ein überaus gefährlicher Irrtum, den klarzustellen es langer Verhandlungen und vieler Zeit bedurfte. - Daß gegen die eigentlichen Judenmö[r]der weiterhin unerbittlich vorgegangen wird, daß man sie aufstöbert, vor Gericht stellt und verurteilt, ist eine bleibende Notwendigkeit; denn hier gilt es, weiß Gott!, "die Not zu wenden" durch die Sühnung grausamer Scheußlichkeiten! Aber

{76}

auch in diesem Zusammenhang scheint es mir geboten, nochmals jene Worte zu zitieren, die Papst Pius XII. in seiner Weihnachtsansprache von 1945 der Welt zur Beherzigung gab, als er sagte: "Wer also Sühne für Schuld verlangt durch gerechte Bestrafung der Verbrechen nach dem Maß ihrer Schuld, muß peinlich darauf achten, daß er nicht das Gleiche tue, was er dem andern als Schuld oder Verbrechen vorhält!" - Das heißt doch: Haß, Rachsucht und bequeme Verallgemeinerung haben vor den Schranken des Gerichts zu schweigen, wenn Recht gefunden werden soll.

In den Rahmen dieser Betrachtung gehören auch zahlreiche Berichte, Erlebnisschilderungen, eidesstattliche Erklärungen, Erinnerungen usw., die von ehemaligen KZ-Insassen oder von deren Angehörigen veröffentlicht worden und in manchen Fällen, aus durchsichtigen Propagandagründen namentlich da, wo zuverlässige Akten fehlen, ins Legendäre entartet sind. Das gilt vor allem von den Berichten aus den Vernichtungslagern, unter denen Auschwitz und seine Nebenlager an erster Stelle stehen: Auschwitz ist zu einem politischen Begriff geworden, der nicht immer für die Wahrheitsfindung, sondern leider auch für gelegentliche Vernebelungen und Überspitzungen herhalten muß und damit fast schon zu einem unserer fatalen Tabus von heute erstarrt ist. Hier einige nüchterne Angaben:

Auschwitz (polnisch: Oswieçim), 50 km östlich von Krakau gelegen, wurde von der deutschen Besatzungsmacht am 20. Mai 1940 zum KZ-Gebiet erklärt. Vielleicht wurde Oswieçim von den Himmler-Ideologen deshalb als zentrales Vernichtungslager gewählt, weil in diesem Städtchen bereits 1580 ein Ritualmord- und Hostienschändungsprozeß stattfand, der Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung nach sich zog. Vier Wochen später wurden dort die ersten politischen Häftlinge polnischer Herkunft eingeliefert. Später wurde das Lager ausgebaut und nahm im Lauf der Zeit Häftlinge aller Nationen auf, keineswegs nur Juden, vielmehr auch Polen, Zigeuner, Bürger der Sowjetunion aus deren verschiedenen Staaten sowie Angehörige sonstiger Nationen: ein wahrhaft buntes Völkergemisch, dessen Buntheit freilich rasch im Grau des allgemeinen Elends verblieb. - Unter den mancherlei KZ-Berichten, die ich gelesen habe, scheint mir die zuverlässigste Darstellung, auch was die statistischen Angaben betrifft, der jetzt in den USA lebende jüdische Historiker Dr. Philipp Friedmann in seinem Buch "Oswieçim" ("Auschwitz") gegeben zu haben, das im Jahr 1946 in Warschau erschienen ist. Friedmann glaubt dafür bürgen zu können, daß in Auschwitz in der Zeit zwischen der Errichtung des dortigen KZ (1940) und dem Jahr 1943 etwa eine Million Menschen umgekommen ist, und nach der Einrichtung der Gasöfen (1943) bis

{77}

zum Jahresende 1944 etwa 4 Millionen Menschen umgekommen sind. Bei diesen Toten handelt es sich also keineswegs nur um Juden, sondern um Angehörige aller im Lager vertretenen Nationen, von denen ein sehr hoher Prozentsatz an Entkräftung, Seuchen und individuellen Krankheiten zugrunde ging.

Dr. Friedmann berichtet in seinem Buch auch, daß am 2. November 1944 aus Berlin von Himmler ein Befehl erging, in Auschwitz die Massenvernichtungen einzustellen, was dann auch unverzüglich geschah: bis zum Kriegsende sind dort keine Menschen mehr getötet worden, wenngleich ihrer noch genug eines natürlichen Todes sterben mußten. - Was Dr. Friedmann im Jahr 1945/46 wohl noch nicht gewußt hat - wenigstens schreibt er nichts davon -, ist die Tatsache, daß der Berliner Befehl vom 2. November 1944 auf die Intervention des jüdischen Hilfswerks Vaad Hatzala zurückzuführen ist, über dessen Tätigkeit ich im Pius-Kapitel ausführlich berichtet habe; die Auschwitzer Gasöfen wurden stillgelegt aufgrund der Verhandlungen, die Sternbuchs Agent in Berlin geführt hatte. (Vergleiche hierzu den Vaad-Hatzala-Bericht im vorstehenden Pius-Kapitel.)

Ich werde auf die Judenvernichtungen ausführlicher im V. Kapitel zurückkommen. Wenn ich schon hier das Thema "Auschwitz" berührt habe, so darum, weil um dieses eine teils propagandistische, teils nur geschäftstüchtige Reportageliteratur Legendenkränze geflochten hat, die kaum weniger bösartig sind als die im Lager verübten Bösartigkeiten: denn Unwahrheiten vergiften die Zukunft. Gehen doch auch manche deutschblütigen Journalisten hausieren mit der zionistischen "Sprachregelung" von den sechs bis sieben Millionen ermordeter Juden, und einer von ihnen, der Publizist Winfried Martini, hat in einer Broschüre kundgetan: ". . . in Auschwitz wurden alle Juden vergast . . . Hitler wollte sie alle vernichten." Dabei leben heute noch hunderttausend jüdische KZ-Häftlinge in Israel, in USA und in Europa, wie ich beweisen werde, und unter ihnen sicherlich zehntausende von Auschwitz-Häftlingen, die lediglich in Publizisten-Gehirnen ermordet worden sind.

Wenn Hitler alle Juden vernichten wollte, wie ist es dann zu erklären, daß er jede nur mögliche Auswanderung jener, die zur Vernichtung auserwählt worden waren, unterstützte, sie sogar förderte? Es wäre einmalig in der Geschichte der Kriminalistik, daß ein Mörder seinem potentiellen Opfer die Möglichkeit verschafft, sich in Sicherheit zu bringen.

Diese deutschen Nachplapperer sollten es wirklich ihren zionistischen Vorplapperern überlassen, das Dritte Reich als Sündenbock in die Wüste zu schicken.

{78}

Haftbarmachung der Bundesrepublik

Die Haftbarmachung der Bundesrepublik Deutschland begann in der amerikanischen Besatzungszone - und nur aus dieser kann ich als Augenzeuge berichten mit einem Satyrspiel, welches auf der griechischen Bühne nach dem Trauerspiel gegeben zu werden pflegte, im Jahr 1945 aber vor dem Beginn der ernsthaften Abrechnung mit dem besiegten Gegner abrollte und alle Begriffe von Disziplin, Verantwortung und Logik zunächst einmal über den Haufen warf: jeder Colonel, jeder Sergeant, jeder Schreiber operierte nach eigenem Gusto gegen die Gustos aller anderen; jeder hielt sich für den Apostel, wenn auch nur Lokalapostel des Heilands, in dessen Auftrag die "christian soldiers" ihren Kreuzzug angetreten hatten und jetzt exemplifizierten: in einem Chaos des Gegeneinanders aller gegen alle bewies die amerikanische Verwaltung, daß sie nichts von Verwaltung verstand. Auch wollte man vorerst gar nicht verwalten, sondern züchtigen und Rache üben - von unten herauf, nicht von oben herunter; das "Oben" mußte überhaupt erst eingerichtet und stabilisiert werden.

Mit den amerikanischen Streitkräften hatten sich ganze Scharen von jüdischen Remigranten - im deutschen Volksmund Semigranten genannt - in die Besatzungszone ergossen und waren als Angehörige des C.I.C. (Counter lntelligence Corps = Spionage-Abwehrdienst) im Verbande der US-Army angestellt und dort tätig geblieben. Es handelte sich hierbei zumeist um jüngere Juden, die als Offiziere oder Unteroffiziere auf die besiegten Deutschen losgelassen wurden, nachdem sie in den USA zu Dolmetschern, "Umerziehern", Spezialisten im "131-Fragebogen" und anderen Vergangenheits-Erforschern durchaus unzulänglich ausgebildet worden waren. Sie sammelten sich in den mancherlei ICs=Zivil-Internierungslagern, die binnen kurzer Zeit viele Zehntausende deutscher Häftlinge aufnahmen und sich bedauerlicherweise - als Jude muß ich sagen: leider! - in vielen Fällen, wenigstens während der ersten Besatzungszeit, von den gewesenen deutschen KZs nur durch den Namen unterschieden, nicht aber durch ihre Behandlungsmethoden, die grausam genug waren, auch wenn sie den eigentlichen Totschlag vermieden. Doch ganz abgesehen von den Methoden, waren diese Internierungslager an sich ein politischer Unfug. Man weiß daß der amerikanische Panzergeneral Patton, nachdem er einige dieser Lager besichtigt hatte, den überaus vernünftigen Ausspruch tat: "Welch ein Irrsinn, viele Tausende unwichtige Männer, ja sogar Frauen zusammenzusperren und sie dadurch überhaupt erst

{79}

wichtig zu machen!" - Patton zog sich durch diese Äußerung den Zorn der rachedürstenden Umerzieher zu, und bald darauf kam er bei einem Autounfall ums Leben; d. h. "er wurde gestorben", wie es die Deutschen damals ganz allgemein ausdrückten. Wahrscheinlich ist auch das eine Legende; doch sie zeigt, wie bald schon das besiegte Volk an seinen "Befreiern" irre wurde, die einen vorurteilsfreien Sieger aus ihren eigenen Reihen kaltzustellen wußten!

Jedenfalls sind diese Erscheinungen des Jahres 1945 charakteristisch für die tiefgreifende Ernüchterung, ja Enttäuschung der Deutschen, sobald diese ihre angeblichen Befreier näher kennen lernten. Jeder vernünftige Mensch wird nun freilich zugeben, daß es für die Siegermächte nicht leicht war, im Trümmerbereich des niedergeworfenen Deutschland die nötige Ordnung und vor allem eine gerechte Behandlung der Besiegten wirksam zu machen; doch gerade die Amerikaner, die mit dem selbstgefälligen Dünkel aller Kreuzzügler sich als "die besseren Menschen" ausgaben - gerade sie hätten wenigstens ein Minimum an volkskundiger Psychologie aufbringen müssen, anstatt sich den berechtigten Vorwurf zuzuziehen, daß sie als totale politische Ignoranten ihren ursprünglichen Kredit bedenkenlos verwirtschafteten: ein Schuldvorwurf, den sie bald, im Rahmen der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse im größten Umfang auf sich luden, und der gültig bleibt, solange es eine unbefangene Geschichtsschreibung geben wird.

Das politische, moralische und wirtschaftliche Chaos der ersten Nachkriegsjahre - einschließlich der überaus ungerechten geldlichen Enteignung, lies: Währungsreform von 1948 - kann hier, wie gesagt, nur gestreift werden. Ernsthaft verhandeln ließ sich ja erst, nachdem die Sieger sich einige Nachfolgestaaten des zerschmetterten Dritten Reiches zusammengeschnipselt hatten. Aus welchem Geist, vielmehr Ungeist heraus die Siegermächte ihre weltpolitischen Ziele zu erreichen suchten, hatte Papst Pius XII. klar durchschaut, als er am 20. Februar 1946 in seiner Ansprache an die neuen Kardinäle erklärte: "Der moderne Imperialismus verfolgt nun einen umgekehrten Weg (ergänze: gegenüber dem bisherigen Weg des direkten Angriffs): er entfaltet sich in die Weite und Breite. Er sucht nicht den Menschen an sich, sondern die Dinge und Kräfte, denen er den Menschen dann dienstbar macht."

Die Bundesrepublik Deutschland wurde von den Siegern in die (ihr leider schmeichelnde) Rolle der Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches eingesetzt, sachlich gesprochen: sie wurde für alle Kriegsschäden und -folgen haftbar gemacht, während Österreich und die deutsche Sowjetzone, die ebenso zum Dritten Reich gehört hatten, von den West-

{80}

mächten nicht beansprucht und herangezogen werden können, weil Rußland hinter ihnen steht. Ich lasse die Frage der Reparationen, der Demontagen und sonstigen Enteignungen (Beschlagnahme aller deutschen Patente usw.) hier bewußt außer Acht, weil es in diesem Buch nur um Fragen des Judentums von heute geht, und ich das Thema der Entschädigungszahlungen an die nach Deutschland geflüchteten Juden, einschließlich des unerquicklichen Kapitels Philipp Auerbach, in meinem Buch "Schuld und Schicksal" schon zur Genüge behandelt habe. Man muß sich aber stets vor Augen halten, daß die BRD beim Abschluß ihres Staatsvertrages mit den Besatzungsmächten auch die Verpflichtung übernahm, Kriegsverbrechen zu verfolgen, die unterm NS-Regime geschehen waren. Dieser Verpflichtung kommt man nun deutscherseits mit einem Eifer nach, der einer besseren Sache würdig wäre; denn dieser selbstquälerische Eifer richtet sich nur gegen Deutsche, nicht aber gegen Angehörige anderer Nationen, die unter deutscher Führung oder auch selbständig Kriegsverbrechen begangen haben, womit bewiesen sein dürfte, daß es sich dabei nicht um Recht und Gerechtigkeit, sondern um ein reines, besser: unreines Politikum handelt. Natürlich gibt es in der BRD viele Maßgebende, die ihre Vergangenheit verleugnet haben oder auch wieder zu Amt und Würden gelangten, ohne sie verleugnet zu haben, niemand nahm daran Anstoß. Nun waren aber die meisten von ihnen im Ausland karteimäßig erfaßt worden, und "unerwünschtenfalls" erinnerte man sich plötzlich der politischen Vergangenheit dieser Abzuhalfternden: das ließ sich weder der Osten, noch der Westen, am wenigsten aber der Staat Israel entgehen, und so kam es im Jahr 1959 zur Errichtung der Erfassungszentrale Ludwigsburg: einer rein deutschen, aber mit sogenannten jüdischen, milde ausgedrückt, "Dokumentationszentren" legierten Behörde, die sich seitdem fieberhaft bemüht, unbeliebte Männer den Kadi zu schleifen, und die nur dann zurückzuckt, wenn ein Beschuldigter wie etwa Herr Globke sich unter die Fittiche des Altbundeskanzlers Adenauer zu verkriechen weiß. Angesichts der Lawine von Prozessen, die seit 1960 die deutschen Tribunale zu verschütten droht, fragt man sich, ob die Gerichte nichts Besseres zu tun haben, als diese Fülle meist belangloser Fälle mit großen Zeugenaufgeboten zu verhandeln und abzuurteilen? Die heutige Kriminalität in der BRD ist derart erschreckend hoch angeschwollen, daß die Gerichte mit der Bewältigung dieser ihrer Gegenwartsaufgabe bereits überfordert sind: doch das scheint gegenüber der historisierenden Dienstbeflissenheit mancher Staatsanwaltschaften keine Rolle spielen zu dürfen. Ich wiederhole, daß meines Erachtens wirklich schwerwiegende Fälle von Massenmord an Juden und anderen Menschen

{81}

auch heute noch geklärt und abgeurteilt werden müssen - wobei freilich auch die Untaten von alliierten Mördern deutscher Menschen gesühnt werden müßten. Die einseitig aufgenötigte und gehandhabte deutsche Jurisdiktion dagegen wirkt auf die Dauer ermüdend, wenn man sehen muß, daß die deutsche Vergangenheit - zwar nicht bewältigt, aber doch in hundert farblosen Variationen aktenmäßig erfaßt werden soll, auch wenn die Dringlichkeiten von heute darunter verschimmeln, und das Rechtsempfinden des westdeutschen Volkes darüber verdorren sollte: Fiat justitia, pereat mundus!, mit dem Wappen des Kaisers Ferdinand I. zu sprechen.

Dr. Nahum Goldmann erklärte mit Bravour in einer seiner Reden auf dem bereits erwähnten "jüdischen Weltkongreß": "die Aburteilung der deutschen Kriegsverbrecher ging denn auch auf seine (des jüdischen Weltkongresses) Initiative zurück." Somit scheint mir die oben geäußerte Meinung, daß Ludwigsburg mit den jüdischen Dokumentationszentren zusammenwirkt, berechtigt.

Daß das deutsche Volk von heute sich mit dem antiquierten Starrsinn des alten Habsburgers nicht mehr zufriedengeben will, kann jeder feststellen, der Ohren hat, zu hören. Wie es zur angestrebten Verewigung des Völkerhasses und zur bleibenden Diskriminierung alles deutschen Wesens in der Welt denkt, hat eine Meinungsumfrage unlängst ergehen. Man darf zwar den Ergebnissen der öffentlichen Meinungs-Erforschung, wie sie heute bei uns in großem Stil betrieben wird, skeptisch gegenüberstehen, wenn es dabei um Wahlstimmen-Voraussagen, um die Beliebtheit dieses oder jenes Staatsmannes, bzw. Filmstars, um die Unentbehrlichkeit der deutschen Markenbutter oder auch um den philosophischen Wertgehalt kosmetischer Weltartikel geht; doch sobald es sich um Fragen handelt, die an den Lebensnerv, an die Ehre und die Zukunft des deutschen Volkes gestellt werden, darf man überzeugt sein, daß das gesunde Empfinden der Menschen die richtige, einzig mögliche Antwort erteilt! - Im vorliegenden Falle handelt es sich um eine Volksbefragung zum Thema der Kriegsverbrecher-Prozesse; ich zitiere nach der "Süddeutschen Zeitung" München vom 4. März 1965:

"Die überwiegende Mehrheit der bei einer Meinungsumfrage der Tübinger Wickert-Institute befragten Erwachsenen hat sich für eine Beendigung der Verfolgung von NS-Verbrechen ausgesprochen . . . Die Auswertung der Antworten hat ergeben, daß 63 Prozent aller Männer und 76 Prozent aller Frauen für die Beendigung der Verfolgung von NS-Taten sind."

Diese Umfragemethoden sind von dem freien demokratischen Amerika dem Abendland anempfohlen und von den Deutschen mit be-

{82}

sonderem Eifer aufgegriffen worden; bei einer dieser Umfragen hat sich nun das freie bundesdeutsche Volk mit starker Mehrheit gegen eine Verlängerung der Verjährungsfrist ausgesprochen! Trotzdem bemühen sich die Verfechter der Verlängerung, die Bundesregierung dahin zu übertölpeln, daß sie bezahlten Halbdutzenden von Demonstranten in New York, in London, in Tel Aviv hörig werde und ihnen williger gehorche als der Stimme des eigenen Volkes, denen Willen zu erfüllen sie grundgesetzlich verpflichtet ist!

Es spricht in erschreckender Weise gegen die, doch gebotene, Vorherrschaft von staatlicher und gesellschaftlicher Vernunft, also auch von irdischer Gerechtigkeit, wenn es kleinen, unkontrollierbaren Störtrupps privater Propaganda ermöglicht wird, an der Stirnbinde der Göttin Justitia herumzuzerren und damit ihre nur dem höchsten Gewissen unterstellte Rechtsprechung zu verfälschen; doch diese Zersetzungsmethoden scheinen heute gang und gäbe geworden zu sein, wobei im Vollzuge der Haftbarmachung der BRD für die Nazi-Verbrechen es wiederum der politische Zionismus ist, der sich wichtigtuerisch vordrängt und gelegentlich auch für nichtjüdische Belange und Forderungen als federführend auftritt, um sich in den Augen der neugierigen Mitwelt den Anschein eines Welt-Staatsanwaltes zu erschleichen. Derlei Bestrebungen immer und überall wieder feststellen zu müssen, ist ein ständiger Quell der Bitterkeit, den wir verstopfen müssen, um ihn unschädlich zu machen.

Mir kommt es in diesem Abschnitt meines Buches nur darauf an, in Umrissen die besagte "Haftbarmachung" anzudeuten und die Methoden zu kennzeichnen, mit denen sie ganz allgemein betrieben wird. Die einzelnen Hauptfragen des weltanschaulich-politischen Kampfes der Nachkriegszeit - vor allem das Thema der Kollektivschuld und den Streit uni die Verlängerung der Verjährungsfrist für (lediglich deutsche!) Kriegsverbrechen - werde ich in dem Kapitel "Der Zionismus als Schulddiktator" behandeln, wobei ich als Jude mich freilich darauf beschränken will, die Tragödie meines eigenen Volkes zu beleuchten und meinen Beitrag zu leisten für seine Gesundung, Kräftigung und Wiedergewinnung seines Platzes an der Sonne, was alles keineswegs nur durch finanzielle "Wiedergutmachungen" seitens Deutschlands, sondern weit darüber hinaus durch die moralische und gesellschaftliche Anerkennung des nichtzionistischen Judentums seitens der Welt und ihrer Gebieter verwirklicht und befestigt werden muß.

Wenn ich jetzt aber einmal von der Judenfrage ganz absehe und die allgemeine Weltlage betrachte, wie sie sich heute darbietet, dann muß ich feststellen: Die "Haftbarmachung der BRD" seit 1945 war

{83}

und bleibt ein kaum geringerer politischer Fehler als die Aufzwingung der "bedingungslosen Kapitulation" im Jahr 1945. Diese letztere, diktiert von Präsident Roosevelt und gebilligt von Churchill, hat nicht nur die Engländer ihr Empire gekostet, sondern sie ermöglichte der UdSSR, sich an Werra und Elbe stark zu machen bis in die Rufweite von Lübeck, sich dem Kaiser-Wilhelm-Kanal zu nähern und die Nordseehäfen vor sich zu haben. Die Präsenz der Sowjetunion in Mitteleuropa zwingt die USA heute zu zehnfach stärkeren Anstrengungen, Geldopfern und Aufrüstungen, als der ganze zweite Weltkrieg sie gekostet hat. Das alles hätten sie sich sparen können, wenn sie die Friedensmission von Rudolf Heß ernst genommen oder sich mit der 20.-Juli-Bewegung arrangiert und diese nicht arrogant und brutal ignoriert hätten. Das weiß heute bereits jeder Analphabet, und man verletzt kein Tabu mehr, wenn man es ausspricht; denn dieses Tabu ist längst vom Winde verweht.

Mit dem politischen Mißgriff der totalen Haftbarmachung Westdeutschlands steht es kaum besser. Nach bürgerlichem Recht kann jeder Erbe eine Erbschaft ablehnen, die ihn mehr belastet als beschenkt, wogegen nach dem politischen Unrechtswillen der Sieger das besiegte Deutschland eine allzu schwere Erbschaft antreten mußte, die es keineswegs voll verdient = verschuldet hatte! Doch stets aufs neue bewahrheitet sich Leopold v. Rankes Wort: "Die Menschen lernen nichts aus ihrer Geschichte außer der Tatsache, daß sie nichts aus ihr lernen!" In unserem Falle: hätte man mit dem besiegten Deutschland verhandelt und ihm einen gerecht-erträglichen Frieden gewährt - wie ihn, zum Beispiel, Bismarck seinen besiegten Gegnern stets gewährt hat -, dann wäre Europa nicht zum heutigen Unruheherd geworden. So aber ist Mittel-Deutschland zu einem russischen Satellitenstaat, und West-Deutschland zu einem amerikanischen Kolonialland geworden, und mögen die USA den Westdeutschen auch mit ihren Marshall-Dollars aufgeholfen haben, so geschah das, weiß Gott !, nicht aus Menschenliebe, sondern zu dem Zweck, die westdeutsche Industrie, sobald sie wieder erstarkt war, größtenteils aufzukaufen und ihre Marshall-Dollars in Form von Dividendenströmen wieder nach Amerika zurückzuleiten, im übrigen aber ein westdeutsches Söldnerheer auf- und auszurüsten, um es an der Elbe gegen den feindlich gewordenen Ostblock einsetzen zu können, wobei es den Kolonialherren in Washington und im Pentagon nicht viel ausmachen würde, wenn es an der Elbe zu einem brudermörderischen Bürgerkrieg zwischen den deutschen Teilstaaten käme, wofern nur dieser Krieg sich auf den deutschen Boden beschränkte, ohne sich bereits zu einem Dritten Weltkrieg auszuwachsen: wenn dabei das deut-

{84}

sche Volk endlich und völlig zugrunde ginge, so würde man in den Staaten auch darüber nur ein bescheidenes Maß von Krokodilstränen vergießen, wie die Stimmen mancher Yankee-Reaktionäre, die von drüben nach Europa schallen, erkennen lassen.

Natürlich sind derartige amerikanische Wunschträume nichts weiter als Wahnvorstellungen denn ein Europa mit ausgerotteter deutscher Mitte ergäbe ein Vakuum, in dessen tödlichem Sog der ganze Kontinent zugrunde ginge; aber auch wenn eine solche Katastrophe vermieden wird, bleibt ein zweigeteiltes Deutschland heutiger Prägung unerträglich für Europas Frieden, dazu auf die Dauer auch unergiebig für Wallstreets Hauptbücher. Entweder verhärtet sich die jetzige Zonengrenze an Elbe und Werra zu einer bleibenden, trennenden Staatsgrenze: dann zieht sich weiterhin mitten durch Deutschlands Herz der bewaffnete Wall einer ständigen kalten Kriegsführung, vergleichbar der alten kroatisch-slavonischen "Militärgrenze" längs der Donau, die drei Jahrhunderte lang bestand und als eine Art von Chinesischer Mauer die Doppelmonarchie vor den Angriffen der Türkei zu schützen hatte, bis ihre Reste vor jetzt erst 85 Jahren in Zivilgebiete verwandelt wurden. Was damals die Osmanische Pforte für Südost-Europa, das bedeutet heute die Sowjetunion für Mittel- und West-Europa; doch dreihundert Jahre wird die Elbe-Werra-Linie bestimmt nicht ihre militärische Aufgabe erfüllen können: das Atomzeitalter rechnet mit verhundertfacht kürzeren Fristen! - Sollte es aber Deutschland gelingen, seine Wiedervereinigung - in welcher staatlichen Form auch immer - zu vollziehen, dann wird sich das erneuerte Deutsche Reich sicherlich nicht mehr an den USA orientieren oder gar mit diesen verbünden; denn die Vereinigten Staaten dürften bis dahin - die Wahrscheinlichkeit ist groß! - in einen Krieg auf Leben und Tod mit Rot-China verwickelt sein, den sie in Vietnam vor Jahren begonnen haben und jetzt mit der soldatischen Hilfe ihrer Nato-Verbündeten, obgleich diese dort gar nichts verloren haben, gewinnen zu können hoffen. Wehe Westdeutschland, wenn es sich breitschlagen ließe, dort wieder einmal "the German to the front" zu spielen! Kommt aber ein erneuertes deutsches Gesamtreich zustande, so wird es die Anlehnung an Rußland suchen und finden - ohne Sentimentalität, vielmehr in ähnlich freundschaftlicher Form, wie eine solche zwischen 1800 und 1914 bereits bestanden hat.

Ich möchte hier weder als Prophet, noch als Kassandra angesehen werden, wenn ich meine - zum Teil vielleicht unrichtigen - Gedanken über Europas Zukunft niederschreibe; wohl aber bleibe ich überzeugt davon, daß Amerikas hartnäckig angelegter Versuch, Westdeutschland für längere Zeit als gefügiges Kolonialland sich zu er-

{85}

halten, scheitern wird an dem ungleich viel hartnäckigeren Walten des Weltgeschicks und seiner Biologie. Die USA und ihre westlichen Kriegstrabanten hätten die Ruhe und den Frieden in Europa weitaus billiger haben können, wenn sie auf die politische Idiotie von Deutschlands bedingungsloser Kapitulation und auf die weltwirtschaftliche ich Fehlspekulation von Westdeutschlands Haftbarmachung klug verzichtet hätten.

{86}

(leer)


Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum ersten Kapitel
Zum dritten Kapitel
Back to Archive