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V.

DAS SCHLAGWORT VON DEN
"SECHS MILLIONEN OPFERN"

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Fehlschläge und Erfolge bei Rettungs-Aktionen

Wir leben im Zeitalter der Statistik, der Riesensummen und der Superlative: der Einzelne gilt nur dann noch etwas, wenn er als Eins vor sechs oder zwölf Nullen steht, und ein Messias mit zwölf Jüngern würde heute bestenfalls als komischer Bußprediger wirken. Die modernen Heilande brauchen mindestens zwölf Millionen Gefolgsleute hinter sich, und diese erweisen sich kaum je als Apostel, wohl aber meistens als Untäter, als Verächter, Verfälscher, ja Vernichter der Idee, die ihr Führer ursprünglich auf sein Banner geschrieben hatte. Kurz gesagt: die Massen der Kollektive haben die Nachfolge jener Persönlichkeiten angetreten, die früher einmal Geschichte gemacht haben.

Was vom Leben und von den Lebenden gilt, das gilt ebenso vom Tode und von den Toten: auch sie sind vom oberflächlichen Denken unserer Gegenwart zu Kollektiven abgewertet worden, und sie "zählen" erst dann, wenn sie zu Hunderttausenden oder Millionen aufgeführt werden können, während der einzelne Tote, dieser winzige Dezimalbruch einer Riesenzahl, im summierenden Bewußtsein heutiger Statistiker überhaupt nicht "zählt". Wer aber auch nur einmal eine gräßlich verstümmelte Leiche oder einen qualvoll Verhungerten gesehen hat, der braucht die Statistiker nicht mehr, um zu erfahren, was grauenvolles Grausen ist -!

Dieses abgründige Schaudern, das uns angesichts und angeruchs jedes einzelnen unter Qualen Getöteten durchdringt, stellt sich auch als moralische, Phänomen ein, wenn wir vor der Leiche eines Ermordeten, schuldlos Gemeuchelten oder sonstwie rechtlos Erschlagenen stehen: im Schicksal solch eines Toten sehen wir das ganze Rechtsgefüge der Welt erschüttert und mißhandelt; seit Kam seinen Bruder Abel erschlug, schreit jedes stumme Opfer nach Sühne, also Wiederherstellung der Gerechtigkeit, auch wenn der Tote davon nicht wieder lebendig wird. Es kommt eben nicht auf die Zahl von Morden und Totschlägen, es kommt auf den Mord und den Totschlag als solchen an, der das Verbrechen schlechthin verkörpert und geahndet werden muß! Der von mir schon mehrfach zitierte schweizer Kulturphilosoph Jacob Burckhardt hat das schwerwiegende Wort gesprochen: "Alle Macht ist böse", und ob nun eine böse Macht einen oder zehn oder hunderttausend schuldlose Gegner umbringt - ihr frevelhaftes Verbrechen wiegt schon heim ersten Getöteten genau so schwer wie beim millionsten Opfer: es ist daher müßig, hier eine Schuldskala zu er-

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richten und die Fluchwürdigkeit des Verbrechens nach der Zahl der Opfer zu steigern. Mit dem gleichen Recht könnte man den Dämon Pest verantwortlich machen für die vielen Hunderttausende, die er im Mittelalter dahinraffte, oder den Kriegsgott für die Millionen Gefallener aus den jüngsten Kriegen, oder auch nur den Verkehrsgott für die Hunderttausende von Unfalltoten, die er alljährlich auf den Straßen und Meeren der Welt erntet: zumeist schuldlose Opfer! Freilich, an derlei Mördermächte traut sich das menschliche Urteil nicht heran: sie gelten als "Schicksal" oder "höhere Gewalt", obgleich sie es gar nicht sind, und der Mensch ihrem unheilvollen Wirken durchaus ein Ende setzen könnte, wenn er nur Vernunft walten ließe!

An diese ihre Möglichkeiten aber denkt die heutige Menschheit nicht: Kriege und Zivilisationswahnsinn werden still-schweigend als Tabus hingenommen, denen sich namentlich die weiße Menschheit stumpf-ergeben beugt, weil einige weiße Leute mit ihnen riesige Geschäfte machen und darum der übrigen Welt durch ihre Presse einreden, jene selbstmörderischen Amokläufe des abendländischen Irreseins gehörten zum guten Ton und seien im übrigen unausrottbar! Das Dritte Reich aber, das von der verblendeten Versailler Siegerdummheit ins Leben gerufen wurde und zweifellos die stärkste Dämonie in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts verkörperte - diesen von machtbesessenen Feinden erzwungenen Aufstand eines großen Volkes rechnet man auch heute noch nicht unter die "höheren Gewalten" - und warum nicht? Weil die Nutznießer unter seinen Besiegern den gefällten Koloß noch nach seinem Abscheiden ausschlachten und sich an seinem Leichnam zu bereichern suchen - auf Kosten der Überlebenden.

In diesem Kapitel nun geht es mir um die Blut- und Lebensopfer, die mein jüdisches Volk im Zweiten Weltkrieg hat bringen müssen, und da ich zu meinem Teil dazu beitragen möchte, die wirkliche Zahl der Opfer festzustellen, so gehört in den vorliegenden Abschnitt auch ein summarischer Bericht von den Rettungsaktionen, die zugunsten unseres Volkes unternommen wurden. Ihrer viele schlugen fehl; andere aber hatten Erfolg.

Vorweg: dem Begriff "Rettungsaktion" haftet eine melancholische Resignation an, wie sie etwa Schiffbrüchige empfinden, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, wenn sie mit dem Leben davonkommen wollen. Für Angehörige souveräner Nationen und Völker hat es etwas tief Deprimierendes, auf Rettung von außen her hoffen zu müssen, wenn sie sich nicht mehr aus eigener Kraft retten, freikämpfen und behaupten können.

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Anders beim jüdischen Volke: wir Juden sind während langer, oft bitter schwerer Jahrhunderte außerstande gewesen, unser Volkstum aus eigener souveräner Machtfülle zu gestalten und in Notzeiten zu retten; immer waren wir auf Hilfe von außen her angewiesen, wenn es ums Letzte ging: durch Jahrhunderte schwebte der Begriff "Rettungsaktion" als eine Art von gütigem Fatum über unseren Häuptern. Er machte uns unterwürfig und gottergeben; er machte uns traurig und dabei doch auch zuversichtlich, stets zur Flucht bereit, wenn Unheil drohte. Da uns nun die Rettung kaum jemals aus der eigenen Kraft, vielmehr zumeist von christlicher - geistlicher oder weltlicher - Seite zuteil wurde, so hat diese Zwangslage in vielen lebensstarken Judenherzen den trotzigen Willen erweckt, dem unwürdigen "Gerettetwerden" ein Ende zu machen: der Plan zur Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina ist mit in erster Linie dem Wunsch entsprungen, endlich einmal der bedrückenden Abhängigkeit von seinen Wirtsvölkern zu entrinnen, in die unser Volk geraten war.

Freilich ist der Staat Israel zu klein und zu arm, als daß er alle diejenigen Juden aufnehmen könnte, die der besagten Abhängigkeit zu entrinnen wünschen, und wenn auch, nach menschlichem Ermessen, das Judentum während der nächsten Jahrzehnte kaum schon wieder auf "Rettungsaktionen" von fremder Seite angewiesen sein wird, so halte ich es doch für an der Zeit, die Hilfsbereitschaft anderer Völker und Staaten uns gegenüber zu verstärken, zu befestigen und schließlich selbstverständlich zu machen - dadurch, daß wir eine echte, aufrichtige Versöhnung mit ihnen herbeiführen und alle alten Haß- oder Rachegefühle austilgen, indem wir von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk, unter voller Wahrung unserer Verschiedenheiten, aber auch unter Ausmerzung unserer alten Überheblichkeit ein wahrhaft freundschaftliches Verhältnis zu den nichtjüdischen Menschen herzustellen versuchen. An der Erreichung dieses Zieles, das "des Schweißes der Edlen wert" ist, mitzuarbeiten, ist die Hauptaufgabe dieses Buches: ich sehe für unser Volk keinen andern Weg zu bleiben-

der Befriedung.

Nun bergen gerade die mancherlei "Rettungsaktionen" aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs die Ansatzmöglichkeiten für diese Versöhnung und Befriedung; gerade kleinere, auf wenige Personen beschränkte Rettungen vermögen zwischen Rettern und Geretteten stärkere und dauerhaftere Bindungen zu schaffen als manche "Großrettung", die einen anonymen Charakter hatte und ihn behielt. Darum muß die Erinnerung an möglichst alle Beweise edler Hilfsbereitschaft, die unserm Volk in seiner schlimmsten Notzeit gewährt worden ist, dankbar gepflegt und an die Nachkommen weitergegeben werden -

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von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz, von Hand zu Hand: nur so kann Treue aus Dankbarkeit, Freundschaft aus Menschenliebe erwachsen!

Wie gesagt: viele wohlgemeinte Rettungsaktionen sind fehlgeschlagen. Ich denke hierbei nicht einmal an die hunderttausende von jüdischen Familien, die durch die Jahrzehnte anhaltende englische Palästina-Sperre schon am Versuch, sich ins Gelobte Land zu retten, verhindert worden sind; wohl aber denke ich an die von Tragik umwitterten "Schiffe ohne Hafen", von denen berichtet wurde, und an die vielerlei Einzelunternehmungen kleiner Gruppen, die irgendwo hinter englischem Stacheldraht landeten, nachdem sie Himmlers Stacheldraht glücklich entronnen waren! Ich denke vor allem auch an das Schicksal meiner engeren Landsleute, der Bukowina-Juden, und an den leidvollen Untergang meiner nächsten Angehörigen und Verwandten, deren Andenken dieses Buch gewidmet ist.

Die Bukowina ("Das Buchenland") gehörte vor dem Ersten Weltkrieg zu Österreich; meine Geburtsstadt Czernowitz, die Hauptstadt dieses kleinen Ländchens, liegt unfern der russischen Grenze. Bukowina-Landschaft von NO-Abhang der Karpaten; slawisch buko = Buchen = Buchenland, ehemaliger Teil der römischen Provinz Dakien.

Czernowitz; slawisch czerno = schwarz, witz = Burg - Schwarzburg oder Schwarzenburg; soll nach einem schwarz aussehenden Einkehrhaus benannt worden sein. Obwohl verschiedene Chroniken meinen, daß die Stadt vor etwa 650 Jahren gegründet wurde, scheint es aber, daß es dort Siedlungen schon früher, wenn nicht zur Zeit der Römer, gegeben hat, da um das Jahr 1850 in der Nähe des Berges Cecina eine Reifkrone, Schwert, Münzen und anderes gefunden wurden. Urkundenmäßig erfaßt wurde ein Jude erstmals 1408. In der Bukowina lebten vor 1914 etwa 40 vH Ruthenen, 35 vH Rumänen, 12 vH Juden; der Rest waren Deutsche, Ungarn und Polen. In Czernowitz dagegen bildeten die Juden die absolute Mehrheit der Bevölkerung. Die verschiedenen Volksgruppen im Kronländchen und in seiner Hauptstadt lebten damals im besten Einvernehmen miteinander; Judenverfolgungen waren niemals vorgekommen. Das drohte sich zu ändern, als am 2. September 1914 die Russen in Czernowitz einrückten: sie verhielten sich zwar diszipliniert; doch ihr General forderte von der Stadt eine sehr hohe Kontribution, die von der Judenschaft aufgebracht werden sollte. Nun waren aber die reichen Juden mit ihrem Geld rechtzeitig aus der Stadt entwichen, Richtung Wien; zurückgeblieben war nur die arme jüdische Einwohnerschaft, und von ihr verlangte der Bürgermeister, dessen Stadtkasse leer war, die Auf-

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bringung der überhohen Kontribution für die Russen. Die Juden brachten willig, was sie noch an Geld und Wertsachen besaßen; doch das waren Tropfen auf den berühmten heißen Stein, und der russische Kommandant wurde ungemütlich.

In dieser kritischen Stunde nahm sich das christliche Oberhaupt des Ländchens, der Erzbischof Dr. Wladimir von Repta, der über Vermö-

Erzbischof Dr. Wladimir v. Repta, der während des 1. Weltkrieges die Thorarollen in Czernowitz rettete.

gen bedrängten Judenschaft an. Er fühlte sich als deren Protektor; hatte er doch schon vor dem Einmarsch der Russen verschiedene wertvolle Thorarollen in seinem Czernowitzer Palais sichergestellt, und jetzt suchte er eine Unterredung mit dem General, dem er in einer längeren Aussprache klarmachte, daß er den armen Judenrest in der Stadt durch seine Forderung nicht ruinieren dürfe, und der Russe, den der Erzbischof in seiner eigenen Sprache beschworen hatte, gab nach: er ließ den Juden ihre schon aufgebrachten Gelder und Wertsachen zurückgeben und sorgte sogar durch judenfreundliche Verordnungen für ihre Sicherheit.

Worin dieses plötzliche Wohlwollen des Russen seinen eigentlichen Grund hatte, hat Eminenz von Repta einige Jahre später meinem Schwager, dem Rabbiner Hersch Weißberg, erzählt: dem Bischof war

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der Name des Generals aufgefallen, und er hatte ihn gefragt, ob er nicht ein "Kantonist" sei, was der Offizier, von des Bischofs Fachkenntnis überrascht, lächelnd bestätigte. - Die Kantonisten waren russische Kadetten ausschließlich jüdischer Herkunft, die vom Zaren Nikolaus I. im Jahr 1827 erfaßt worden waren: der allmächtige Selbstherrscher aller Reußen hatte damals eine größere Anzahl von Judenjünglingen ihren Eltern weggenommen und in eine eigene Schule gesteckt, in der sie zu Offizieren ausgebildet wurden; jene Zwangsrekrutierung wurde rund dreißig Jahre lang betrieben. Den Zöglingen dieses rein jüdischen Kadettenkorps, die mit 18 Jahren eintraten und 25 Jahre zu dienen hatten, war es freigestellt, ob sie beim Glauben ihrer Väter beharren oder zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten wollten; doch welchen Glauben auch immer: viele Kantonisten sind später ausgezeichnete Offiziere geworden, die sich durch Tapferkeit wie durch Tüchtigkeit in der russischen Armee verdient gemacht haben und damit die billige Legende, der Jude sei ein schlechter Soldat, Lügen straften - lange bevor die israelische Armee in Palästina den Gegenbeweis erbringen konnte. Es kommt eben immer darauf an, ob ein Volk unterdrückt und hörig, oder ob es selbständig und frei ist, je nachdem wird es schlechte oder gute Soldaten, feige oder tapfere Offiziere stellen. - Der Name jenes russischen Generals in Czernowitz war Evreimow (Evrei = Jude).

Ich nannte bereits den Namen meines Vetters und späteren Schwagers, des Talmud-Gelehrten Hersch (Zwi) Weißberg, gebürtig aus Suceava in der Bukowina. Er hatte in der österreichischen Armee als Feldrabbiner gedient, war im Sommer 1916 bei den Kämpfen in Rußland schwer verwundet worden und hatte daraufhin einen längeren Urlaub erhalten, den er zu seiner Ausheilung in Czernowitz verbrachte. Dort war der Erzbischof v. Repta auf ihn aufmerksam geworden: er hatte den hochgelehrten Mann in sein Haus gezogen und sich viele Stunden lang von ihm in Fragen des Talmuds und der Kabbala, dieser mystisch-philosophischen Geheimlehre, unterrichten lassen; denn Seine Eminenz war ungewöhnlich wissenshungrig, und mein Vetter Weißberg, ein weltaufgeschlossener und keineswegs betont orthodoxer Wissenschaftler, traf sich mit dem christlichen Bischof in freundschaftlichem Gedankenaustausch auf den mancherlei Feldern religiöser Weltanschauung. Damals war es auch, daß Herr v. Repta meinem Vetter von seiner aufschlußreichen Aussprache mit dem jüdisch-russischen General Evreimow erzählte.

Der Ausgang des Ersten Weltkriegs brachte die Bukowina aus der österreichischen unter die rumänische Herrschaft, und Hersch Weißberg, der damals eine Familie gründete und somit mein Schwager

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wurde, konnte sich, froh des endlich hergestellten Friedens, seinen wissenschaftlichen Aufgaben widmen: da er als Rabbiner nicht mehr amtierte, fand er jetzt Zeit, als Sofer (d. h. Pergamentschreiber hebräisch-religiöser Texte) tätig zu sein und sich seinen Unterhalt durch Unterricht im Griechischen, Lateinischen und in der Buchführung zu verdienen: gingen doch aus seiner Ehe mit meiner Schwester im Lauf der Jahre drei Söhne und drei Töchter hervor.

Unter der rumänischen Herrschaft lebte es sich zunächst nicht schlecht in Buchenland; doch seit 1933 begann sich der Antisemitismus auch auf dem Balkan auszubreiten, und als zum Jahresende 1937 in Bukarest die judenfeindliche Regierung Goga-Cuza ans Ruder kam, sah mein Schwager schlimme Zeiten für unser Volk am politischen Horizont aufsteigen und trug sich mit Auswanderungsplänen für sich und seine köpfereiche Familie. In Palästina lebte ein Vetter von uns als angesehener Literat; ihm schrieb er jetzt von seinem Leid und seinen Sorgen; er schilderte ihm Rumäniens verfahrene politische Lage und seine eigene Absicht, ins Land der Väter auszuwandern. Seine reichhaltige, kostbare Bücherei wolle er zwar nicht veräußern, wohl aber sein Häuschen und alles andere zu Geld machen, um die Reisekosten decken zu können; der Herr Vetter sei herzlichst gebeten, ihm und seiner Familie die Einreisegenehmigung nach Palästina zu erwirken.

Der Angesprochene, der in Tel Aviv lebte, war zwar Mitglied der Mapai: doch als Literat verstand er nur wenig von Politik und noch weniger vom Teufelskreis der Partei-Intrigen. Als er an der zuständigen Steile um die Einreisegenehmigung für seine rumänischen Verwandten nachsuchte, wurde er zunächst einmal gefragt, ob dieser Hersch Weißberg auch Mitglied der Mapai sei? An diese Erforschung seiner Gesinnungstüchtigkeit hängte sich ein Fragebogen voll der verfänglichsten Rubriken an.

Im Lauf des Jahres 1938 blieb dem Vetter in Tel Aviv schließlich nichts anderes übrig, als seinem Verwandten zu schreiben, an seine Einreise sei vorerst leider nicht zu denken, da der Antragsteller den zionistischen Behörden offenbar nicht hinreichend "linientreu" erscheine: er müsse sich eben gedulden, bis demnächst - das wisse er aus zuverlässiger Quelle - einer großen Schar rumänischer Juden die geschlossene Einreise nach Palästina ermöglicht werde: in dieser Auswandererwoge solle er untertauchen und auf ihr mit seiner Familie ins Gelobte Land schwimmen -!

Die "zuverlässige Quelle" des Literaten erwies sich als zerplatzende Seifenblase. Wohl setzte vier Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, sich eine Riesenwoge jüdischer Auswanderer in Bewegung, doch nicht

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in Richtung auf Palästina; vielmehr warf diese grausame Woge Hunderttausende rumänischer Juden nach Transnistrien, wohin sie zwangsverschickt wurden. (Transnistrien ist das Gebiet jenseits, d. h. östlich des Dnjestr-Flusses; Zentrum dieses Verbannungsbezirkes wurde die Stadt Mogilew.) Die Massenverschickung war vom rumänischen Staatschef Antonescu angeordnet worden; man erzählte sich, er habe damit seiner glühend antisemitischen "Eisernen Garde" und wohl auch seinen reichsdeutschen Verbündeten ein rassenpolitisches Zugeständnis machen wollen; vielleicht aber hat er, der persönlich kein fanatischer Judenhasser war, damit auch die Juden in Rumäniens Randgebieten vor Massakres schützen wollen; die Wahrheit wird wohl nie zutage kommen. Jedenfalls wurden im Jahr 1941 rund 200 000 bis 250 000 Juden in Transnistrien konzentriert.

Zu den dorthin Verschickten gehörte auch ich mit Frau und Sohn; wir fanden Unterkunft in dem Städtchen Bershad, wo wir unter den furchtbarsten Entbehrungen uns durchschlugen, aber doch am Leben erhalten konnten. (Ich habe die Tragödie dieser Zwangsverschickten in meinem Buch "Schuld und Schicksal" geschildert und will mich hier nicht wiederholen.) Meine arme Mutter, die getrennt von uns verschickt worden war, ist damals buchstäblich verhungert, ohne daß wir etwas davon erfuhren; mein Schwager Weißberg, in Transnistriens Weiten uns ebenfalls unerreichbar, mußte mit ansehen, wie seine drei Söhne binnen kurzer Zeit an Entkräftung starben, was diesen athletischen Mann derart erschütterte, daß er aus Kummer schon bald ihnen in den Tod nachfolgte und nicht mehr zu erleben brauchte, daß zwei seiner drei Töchter wenig später gleichfalls am Hungertyphus starben. Er verzweifelte, weil alle seine drei Söhne dahinschieden, so daß er ohne Kaddischsagende blieb. Da nur Waisenknaben Kaddisch sagen (im Notfall werden auch andere herangezogen), betrachtet es der religiöse Jude als größte Strafe Jehovas, wenn er ohne männliche Nachkommenschaft bleibt. (Kaddisch, chaldäisch heilig, ein Gebet, das beim Begräbnis und während der ersten elf Monate des Trauerjahres und an den Jahrestagen gesprochen wird.) Die schwerkranke Witwe des Rabbiners, meine Schwester, konnte nach Kriegsende in Israel einwandern, wo jener Verwandte, der Literat, sich ihrer fürsorglich annahm; ihr letztes Kind, eine körperlich völlig ruinierte Tochter, brauchte danach noch zehn Jahre, bis ihr erlaubt wurde, aus Rumänien der Mutter nachzureisen.

Ich habe dieses tragische Schicksal meiner Verwandten so ausführlich geschildert - und bitte meine Leser tun Nachsicht dafür -, weil es sich hier um einen Fall handelt, den ich persönlich aus der Nähe miterlebt habe. Er ist typisch für viele Tausende ähnlich gelagerter

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Fälle, die als fehlgeschlagene Rettungsversuche gelten dürfen; denn gleich meinem Schwager Hersch Weißberg, diesem hochbegabten Gelehrten, und den Seinen dürften zahlreiche jüdische Familien damals im Elend verkommen sein, weil ihren Ernährern aus Gründen irgendwelcher politischer "Unzuverlässigkeit" die rechtzeitige Einreise nach Palästina von der zionistischen Bürokratie verwehrt worden war.

Bevor ich auf die Fehlschläge gewisser Rettungsversuche eingehe, die während des letzten Krieges in großem Stil von reichsdeutscher wie von neutraler Seite unternommen wurden, muß ich nochmals auf die Erhebung der Warschauer Getto-Juden hinweisen, die im Frühjahr 1943 stattfand und ein so blutiges Ende nahm: sie war einer der wenigen Versuche jüdischer Selbstrettung! Sie gemahnt an den Verzweiflungskampf der Juden bei Jerusalems Erstürmung durch die Legionen des Kaisers Titus im Jahr 70 n. Chr. - Allerdings wußte unser Volk damals, daß ihm keinerlei Hilfe mehr von außen kommen werde, und so kämpfte es bis zum bittern Ende, bis zum letzten Mann, den die Trümmer der stürzenden Mauern unter sich begruben. Im Warschau von 1943 hatten die Juden sich gleichfalls aus eigener Kraft und voll heldischer Gesinnung gegen die Deutschen erhoben; doch dieser Aufstand lebte von der Hoffnung auf Hilfe von außen her, und als sie ausblieb, erlosch er im Blut unseres Volkes, dessen Märtyrerruhm damals noch einmal in jenem düsterroten Flammenschein aufzuckte, der schon bei Jerusalems Erstürmung über seinem Haupte gestrahlt hatte.

Nach der Warschauer Katastrophe hat das europäische Judentum sich nicht wieder zur Selbstrettung aufzuraffen vermocht; wohl aber kam ihm später noch mehrfach Hilfe von außen. Einer der bedeutsamsten Rettungsversuche ging von dem schweizer Professor Carl. J. Burckhardt aus, dem Hohen Völkerbunds-Kommissar für die Freie Stadt Danzig. Er hatte schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, besorgt ums Schicksal der Ostjuden, in einem seiner Lageberichte über Danzig unterm 22. Januar 1939 nach England geschrieben: "Herr Sander (Schwedens Außenminister) erklärte dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Dr. Goldmann, er stehe in schärfster Opposition zu den Engländern und würde meine Rückkehr nach Danzig verhindern . . ."

Es scheint, daß Dr. Nahum Goldmann damals mehr Interesse an Danzig als an den polnischen Juden hatte; Professor Burckhardt aber blieb auf die Rettung der letzteren bedacht und dürfte mehrmals, spätestens zum Jahresende 1944 wieder diesbezügliche Schritte unternommen haben: denn im März 1945 wandte er sich, auf direkte Anregung

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von Heinrich Himmler, an die Regierungen der Westmächte mit dem Vorschlag, alle in deutschen KZs befindlichen Juden auszutauschen gegen deutsche Kriegsgefangene, die sich damals in westlichem Gewahrsam befanden: der Austausch sollte über die Schweiz vor sich gehen, die ja schon im Ersten Weltkrieg den Austausch deutscher gegen alliierte Kriegsgefangene vorbildlich betreut und durchgeführt hatte. - Dieser Plan, von edler Humanität gefaßt, wäre zweifellos durchführbar gewesen, da Himmler selber, damals auch Reichs-Innenminister, sich für seine Durchführung verbürgte; der Austausch scheiterte indes an der Angst der Alliierten, Deutschland könne seine heimgekehrten Gefangenen nochmals gegen sie ins Feld führen! Dabei waren die Tage des Dritten Reiches bereits gezählt: acht Wochen später kapitulierte die deutsche Wehrmacht! Immerhin hätten während dieser acht Wochen noch Hunderttausende von Juden gerettet werden können, die im allerletzten Stadium des mörderischen Krieges - zwar nicht mehr durch die inzwischen bereits eingestellten Vergasungs-Aktionen, wohl aber durch Hunger, Typhus und andere Massen-Krankheiten umkamen. Doch auch die jüdischen Berater bei den Regierungen in London und Washington - einige von ihnen waren maßgebende Minister - scheinen sich damals nicht für die Befreiung ihrer Rassengenossen eingesetzt zu haben; sie brannten offenbar nur auf den nahen Endsieg, und das Schicksal der Ostjuden ließ sie kalt . . .

Schon bevor diese, schließlich gescheiterte, Aktion Himmler/Burckhardt anlief, hatte der Reichsführer SS im Jahr 1944 den Plan entwickelt, mindestens 1 Million internierter Juden aus den Vernichtungslagern, aus den sonstigen KZs sowie aus den Sammellagern in den deutschbesetzten Gebieten zu entlassen; mit der Durchführung dieses groß angelegten Planes betraute er Adolf Eichmann, der ihn energisch aufgriff, indem er seinen Vertrauensmann, den Juden Joel Brand, au Verhandlungen mit maßgebenden zionistischen Führern ins Ausland schickte. Brand reiste zunächst in die Türkei, wo er beim dortigen Zionistischen Hilfskomitee volle Unterstützung fand; auf der Weiterreise nach Palästina aber geriet er in die Falle von Aleppo: er wurde monatelang festgehalten, am Abschluß bindender Vereinbarungen verhindert und schließlich abgeschoben. Ich habe das tragische Schicksal dieses Mannes und seiner Mission schon in einem früheren Kapitel gestreift und ausführlich in meinem Buch "Schuld und Schicksal" (S. 132 ff.) geschildert; genug - der große Plan versickerte, und eine Million Juden - nach Himmlers Bericht handelte es sich sogar um 2,5 Millionen - blieb ihrem bittern Schicksal überlassen, anstatt die Freiheit zu erlangen. Daß auch hier die Zionisten in Palästina ihre abwehrenden Hände im Spiel hatten, ist unbestreitbar.

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Glücklicherweise steht diesen fehlgeschlagenen Versuchen aber auch eine Reihe erfolgreicher Rettungsaktionen gegenüber, deren Gesamtsumme an Menschenleben sehr beträchtlich ist. Dabei rechne ich hierzu nicht jene 537 000 deutschen und österreichischen Juden, die (laut Reinhard Heydrichs Bericht vom 20. I. 1942 auf der sog. Wannsee-Konferenz) zwischen Januar 1933 und Ende Oktober 1941 aus dem Gebiet des Großdeutschen Reiches ausgewandert waren. Sie wurden nicht "gerettet"; denn bei ihnen handelte es sich um eine durchaus legale Abwanderung von Juden, die zum größten Teil ihr Vermögen ins Ausland mitnehmen konnten. Ihre Kopfzahl ist inzwischen jüdischerseits bestätigt und um weitere rund 20 000 Auswanderer vermehrt worden, die zwischen November 1941 und dem Jahresende 1942 das Gebiet des Großdeutschen Reiches auf gesetzlich-normalen Wegen verlassen konnten. Die genauen Angaben hierfür stehen in dem Dokumentarwerk von Leon Poliakov-Wulf "Das Dritte Reich und die Juden" (in deutscher Übersetzung erschienen im Arani-Verlag/Berlin 1955). Dort findet sich auf S. 245 eine Statistik, wonach bis zum 31. XII. 1942 insgesamt 557 357 von 929 000 im Zeitpunkt der jeweiligen Machtübernahme im Altreich, Österreich und Protektorat Böhmen/Mähren lebenden Juden ausgewandert sind - mit anderen Worten: rund 60 vH aller bis Ende 1942 im großdeutschen Machtbereich wohnenden Juden sind aus diesem regulär ausgewandert! - Leon Poliakov ist frei von dem Verdacht, ein beschönigender Nazifreund zu sein; er war der wissenschaftliche Leiter des in Paris gegründeten "Centre de Documentation Juive Contemporaine" ( "Dokumentations-Zentrale des zeitgenössischen Judentums"), in deren Auftrag er sein genanntes Werk ursprünglich in französischer Sprache herausgab.

Ich beschäftige mich nicht näher mit diesem großen Strom der jüngsten "Jüdischen Völkerwanderung", wie man ihn nennen könnte, und wende mich jenen bedrängten Gruppen zu, denen aus bittersten Notlagen herausgeholfen worden ist, ohne daß ihnen der ordnungsmäßige Weg einer freiwilligen, selbstgewählten Auswanderung offen gestanden hätte, und dieser Fälle sind viele. Sind doch seit dem Jahr 1942 zahlreiche "echte" Rettungen geglückt - teils großen Stils, teils in vielerlei Einzelaktionen, und sie verdienen ganz besonders, dem Gedächtnis der schnellebigen Nachwelt eingeprägt zu werden.

Daß gerade von christlicher Seite den Juden - ich erinnere an die caritativen Verdienste des Papstes Pius XII. - und im besonderen den Bukowina-Juden nachdrücklich und wirksam geholfen worden ist, dafür liefert den Beweis ein Zionist, der in den dreißiger Jahren,

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ähnlich wie Dr. Leo Baeck, das Programm der NSDAP in einer Reihe von Publikationen als vorbildlich für Zion hingestellt hatte und dafür von Dr. Goebbels' Propagandapresse gelobt und weltbekannt gemacht worden war; später änderte er freilich seine Ansichten vom Dritten Reich. Ich spreche hier von Professor Manfred Reifer, einem der markantesten Führer der rumänischen Zionisten. Er veröffentlichte nach dem Krieg in Tel Aviv (1952) das zum Teil autobiographische Buch "Menschen und Ideen", auf dessen Seiten 240-260 er von seinem aussichtslosen Kampf um die Rettung der rumänischen Juden berichtet und u. a. auch schreibt: "Wären die zionistischen Leitungen in Erez Israel, in London und in New York rechtzeitig mit entsprechenden Mitteln zu Hilfe gekommen, so hätten Tausende und Zehntausende polnischer Juden über Rumänien gerettet werden können; doch unsere zionistische Politik war inaktiv und somit ohnmächtig! . . . Auch die Auswanderungsbemühungen der rumänischen Juden gehören nicht zu den Ruhmesblättern der zionistischen Arbeit." - Weiter schildert Professor Reifer in seinem Buch, wie der Vertreter des Schweizer Roten Kreuzes in Rumänien, Charles Kolb, der sich der nach Transnistrien verschickten Juden annahm, über die Lässigkeit der zionistischen Organisation in Bukarest derart verärgert war, daß er androhte, die Zentrale in Istanbul von diesen Mißständen zu unterrichten. - Reifer geriet auch mit Dr. Isaak Grünbaum in die Haare; er schreibt (auf Seite 243): "Ich gab Grünbaum eindeutig zu verstehen, daß mit Worten und Zeitungsartikeln den Juden in Transnistrien nicht gedient sei!"

Wenn nun auch dem Professor Reifer eine Judenrettung großen Stils aus Rumänien versagt blieb, so hat er doch durch gute Verbindungen viel für seine Glaubensbrüder erreicht: immerhin gelang es ihm, einige Tausend reicher (also zahlungskräftiger!) und namentlich auch intellektueller Juden sowohl vor dem Getto wie auch vor der Verschickung über den Dnjestr zu bewahren, und kurz bevor im März 1944 die Rote Armee in Rumänien einmarschierte, konnte er mit 400 anderen Juden das Land in Richtung Palästina verlassen. Geholfen hat ihm bei seinen Bemühungen der in Czernowitz residierende Metropolit der griechisch-orthodoxen Kirche, Samandrea, und nicht weniger der Czernowitzer deutsche Generalkonsul Dr. Dr. Schellhorn, der jetzt im Ruhestand zu Tübingen lebt und auch heute noch allen rumänischen Juden beisteht, die sich in irgendeiner Notlage an ihn wenden. Er hatte eine gebürtige Bukowinerin zur Frau, deren Verwandtschaft dem Professor Reifer durch eine alte Dankesschuld verpflichtet war: sie bewog ihren Gatten später, dem Professor in seinen

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Nöten beizustehen, was er auch nach besten Kräften tat: ein praktisches Beispiel dafür, wie Juden und Christen einander zu helfen vermögen, wenn sie es nur aufrichtig wollen! -

Von besonderer Art ist das Verhältnis der Sowjetunion zu den Juden. Während es im zaristischen Rußland üblich gewesen war, innerpolitische Schwierigkeiten durch Veranstaltung von Pogromen zu vernebeln, hielten die Sowjets nichts von dieser sinnlosen Brutalität; vielmehr suchten sie dem Riesenreich die jüdische Arbeitskraft zu erhalten und sie wirtschaftlich-geographisch zusammenzufassen: die Revolution von 1917 war zum Wendejahr für die Entwicklung der jüdischen Freiheit zur eigenen Lebensgestaltung geworden.

Nicht als ob alle Bolschewiken besonders judenfreundlich gewesen wären - keineswegs! Aber sie gaben unserm Volk die Möglichkeit, nach seiner Art zu leben und seine Traditionen zu pflegen. Das bewiesen sie vor allem durch die Gründung der Territorialen Republik Biro-Bidschan, die am 28. März 1928 zur Autonomen Jüdisch-Nationalen Heimstätte erklärt wurde. Dieses Territorium, 73 000 qkm groß, westlich der Stadt Chabarowsk, am Nordufer des Amur-Stromes gelegen, der es von der Mandschurei trennt, trägt ebenso wie seine Hauptstadt den Namen nach den beiden Flüssen Biro und Bidschan, die es begrenzen; es ist weiträumig, fruchtbar und reich an Bodenschätzen: eine ideale Landschaft für unternehmende Siedler und Städtegründer. - Anfangs machten die russischen Juden nur zögernd Gebrauch von dieser wirklich großzügigen Gewährung eigener Lebensmöglichkeiten: im Gründungsjahr übersiedelten nur etwa 10 000 Juden in die neue Wahlheimat. Als aber im Jahr 1935 die in den USA gegründete "Amerikanisch-Jüdische Landwirtschaftsstiftung" der jungen Republik mit erheblichen Geldmitteln unter die Arme griff, änderte sich das Bild, und die jüdische Einwanderung in Biro-Bidschan steigerte sich erfreulich,

Damals meldete das "Jewish Bulletin"/New York unterm 13. September 1935: "Aus Charbin (Mandschurei) sind 800 Juden mit ihren Familien in einem Sonderzug in die UdSSR abg[e]reist. Die Sowjetunion hat 1000 Juden in Charbin, die dort keine Lebensmöglichkeit mehr finden konnten, freie Fahrt in die UdSSR gewährt." Diese freie Fahrt führte die Einwanderer nach Biro-Bidschan hinein, wo sie alsbald eine auskömmliche Existenz fanden. - Es versteht sich, daß die Sowjets mit der Judenrepublik am Amur nicht nur humanitäre, sondern auch politische Zwecke verfolgten: sie wünschten die russischen Juden von der Auswanderung nach Palästina abzuhalten. War und ist doch bis heute die zionistische Bewegung in Rußland (ebenso wie in der Türkei) ganz streng verboten - eine Tatsache, die seitens der

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Palästina-Zionisten vor dem Zweiten Weltkrieg den Türken wie den Sowjets öffentlich übelgenommen und als Lieblosigkeit bezeichnet wurde, was aber nur als ein Scheingefecht gelten darf; denn im Grunde war man in Tel Aviv damals froh, keine russischen Juden auf den Hals geschickt zu bekommen, die nur des Jiddischen mächtig waren und somit eine Belastung für den künftigen Staat Israel bedeutet hätten.

Als in Deutschland die Judenverfolgungen einsetzten und zu starken Auswanderungen führten, eröffnete die UdSSR in verschiedenen europäischen und amerikanischen Ländern sehr tüchtige Büros, die für die Einwanderung in Biro-Bidschan warben, und es ist bedauerlich, daß nur wenige Juden der westlichen Welt diese Möglichkeit wahrnahmen; immerhin wanderten aus Rumänien, aus Argentinien und aus den USA größere Gruppen in die neue ostasiatische Heimstätte ein, und im Jahr 1939 zählte Biro-Bidschan doch schon 45 000 bis 50 000 jüdische Einwohner. Diese haben seitdem mehrere Städte gegründete, so Wahlheim, Birofeld und andere; die öffentlichen Gebäude wie Bahnhöfe, Postämter und Schulen erhielten jiddische Beschriftungen, ebenso alle Geschäftshäuser usw.: hier sind aufblühende jüdische Gemeinwesen entstanden, die sich seit dem Kriegsende 1945 erfreulich weiter entwickelt haben.

In die aufrichtige Genugtuung, die dieses geglückte Experiment in jedem volksbewußten Juden erweckt, mischt sich freilich ein ebenso aufrichtiges Bedauern, und zwar ein doppeltes: einmal darüber, daß die deutschen, polnischen und balkanischen Juden nicht frühzeitig genug der sowjetischen Werbung für Biro-Bidschan gefolgt sind; denn hätten sie die Jahre 1933 bis 1939 in stärkerem Ausmaße genützt, dann würden ihrer Ungezählte heute noch glücklich leben, die zugrunde gegangen sind! Ist doch jene Autonome Republik so fruchtbar und so geräumig, daß mindestens die zehnfache Kopfzahl der Bevölkerung von 1939, also eine halbe Million oder auch eine ganze dort ihr ungestörtes Auskommen finden kann und sicherlich im Lauf der nächsten Jahrzehnte dort auch finden wird; aber wie froh würden wir Überlebenden heute sein, wenn unsere Getöteten mit uns überlebt und sich am Amur eine friedliche Existenz geschaffen hätten, die man ihnen mit offenen Händen anbot! - Das zweite starke Bedauern muß man empfinden angesichts der Tatsache, daß kein einziger Staat in Europa oder Afrika (von den USA ganz zu schweigen!) dem Beispiel der Sowjetunion gefolgt ist und auch seinerseits ein ausreichend großes Gebiet - ich denke dabei auch an das vieldiskutierte Madagaskar - für die Gründung eines autonomen Judenstaates zur Verfügung gestellt hat. Da beklagt man mit Krokodilstränen das tragi-

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sche Schicksal des jüdischen Volkes und verflucht die Grausamkeit der Deutschen, ohne sich einzugestehen, daß man selber durch passive Indolenz und hochmütige Gleichgültigkeit das Allermeiste zum Untergang von Millionen Juden beigetragen hat, wie es Dr. Grünbaum 1947 in Breslau aussprach, als er die Schuld der Nazi-Regierung erst an die dritte Stelle hinter der weitaus größeren Schuld der amerikanischen Juden und der englischen Regierungen einstufte.

Gerade in diesem Zusammenhang möchte ich die sowjetische Emigrationspolitik von Biro-Bidschan unter die großen Rettungsaktionen einreihen: sie war, ist und bleibt eine vorbildliche Rettung auch im geistig-übertragenen Sinne! Und warum? Weil sie das Palästina-Monopol der Zionisten durchbrochen und der israelischen Heimstätte am Jordan eine zweite am Amur gestellt - ja, diese schon zwanzig Jahre vor der Proklamation von "Medinath Israel" ausgerufen hat!

Nun ist freilich, das versteht sich!, dieser fernöstliche Judenstaat als politisch reines Neuland nicht mit dem Gelobten Lande am Jordan vergleichbar, was Mythos, Tradition und Geschichte anbelangt; doch als Ersatz für diese Gemütswerte bietet er seinen Besiedlern die wertvollsten Wirklichkeiten: Weiträumigkeit, Fruchtbarkeit, Wälder, Bodenschätze, Gründungsmöglichkeiten und schließlich - was gar nicht hoch genug zu bewerten ist: - die Abwesenheit von waffenstarken, mißgünstigen Nachbarn, die diesen Judenstaat gefährden könnten! Denn die Sowjets betrachten ihn als einen Teil ihres völkerbunten Riesenreiches, und den Mandschus, südlich vom völkerscheidenden Amur, ist er völlig uninteressant: sie haben mit ihrer eigenen Wirtschaft und Kultur genug zu tun! Israel dagegen hat außer dem schwer zu erschließenden Wüstengebiet des Negev so gut wie keine Ausdehnungsmöglichkeiten, ist von feindseligen Araberstaaten umschlossen und ringt fast verzweifelt um die nötige Lebensluft!

Hinzu kommt aber noch eines: die fanatische Herrschsucht des aktiven Zionismus in Israel, die jeden Einwanderer in ihr zionistisches Prokrustesbett mit seiner chauvinistischen Matratze hineinpreßt, um ihn zu verlängern oder zu verkürzen, bis er in die Zion-Schablone paßt: diese seelisch-geistigen Ausrenkungen oder Amputationen haben schon manchen Einwanderer das nackte Leben gekostet und Ungezählte wieder aus dem gar nicht mehr Gelobten Lande getrieben - so auch mich und meine Familie, die wir dort nicht zu finden vermochten, was wir erhofft hatten. Wie ganz anders in Biro-Bidschan: dort kann jeder Jude "nach seiner Fasson selig werden", mit dem großen Preußenkönig zu sprechen; er kann unbespitzelt jüdisch sprechen, was er denkt, braucht nicht das schwierige Hebräisch zu erler-

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nen, weil er mit dem angestammten Jiddisch auskommt, und da das Land dort weiträumig ist, braucht er sich nicht von einer herrschsüchtigen Bürokratie schurigeln zu lassen, die bekanntlich um so arroganter auftritt, je beengter der Lebensraum ihrer "Untertanen" ist. - Das alles sind Gewichte, die Biro-Bidschans Waagschale wuchtig und gewinnreich sinken lassen - wenigstens in den Augen derjenigen Angehörigen des Weltjudentums, denen ihre persönliche Freiheit noch etwas gilt, und die praktisch für den Weltfrieden eintreten, weil nur dieser ihnen selber und der Menschheit überhaupt noch ein Leben in Würde verspricht.

Nach dieser Abschweifung in keineswegs utopische, vielmehr sehr wirklichkeitsnahe Gefilde komme ich auf jene Judenrettungen zurück, die im Rahmen des Zweiten Weltkriegs erfolgt sind. Hierher gehören die langwierigen, von reichsdeutscher wie von schwedischer Seite angestellten Bemühungen, eine große Zahl deutscher Juden über Schweden in die Freiheit zu entlassen; sie spielten sich zwischen 1940 und 1945 ab, wobei Besprechungen über Besprechungen geführt, Aktenstöße zu Bergen aufgetürmt, diese von immer neuen Querschüssen durchlöchert, und fest gegebene Zusagen später durch ausweichendes "Kneifen" wieder annulliert wurden, bis schließlich, mit dem alten Römer Horaz zu sprechen, "die Berge kreißten, um eine lächerliche Maus zu gebären". Da aber in dieser verquälten Angelegenheit gerade von reichsdeutscher Seite hartnäckig darauf hingearbeitet wurde, möglichst viele Juden über Schweden abzuschieben, so möchte ich, im Dienste der geschichtlichen Wahrheit, jene politische Tragikomödie wenigstens kurz skizzieren:

Im September 1940 amtierte als Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Schweden ein gewisser Hillel Storch, der selber kein schwedischer, sondern ein Baltikum-Jude war; er bemühte sich, außer um andere Aufgaben, bis in den Sommer 1941 hinein, aus seiner Heimatstadt Riga etwa fünfzig prominente Juden, sog. Intellektuelle, herauszuholen und nach Schweden zu bringen. Die schwedische Regierung war auch bereit, sie aufzunehmen, wenn die jüdische Kultusgemeinde in Stockholm die Bürgschaft dafür übernahm, daß sie nach Palästina weitereisten. Hillel Storch beschwor den Präsidenten der Kultusgemeinde, Josefsohn, die Garantie zu übernehmen; doch dieser lehnte das ab mit der kühlen Erklärung: "Woher weiß ich denn, ob die fünfzig Juden nicht doch in Schweden kleben bleiben werden!?" Daraufhin unterblieb die Rettung jener Juden aus Riga, und die allermeisten fielen später dem antisemitischen Terror der Letten und Esten zum Opfer - dank der Kaltherzigkeit ihres Stockholmer Glaubensbruders.

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Hillel Storch aber blieb weiterhin auf Judenrettungen bedacht. Da er als Nicht-Schwede und Staatenloser keinen Paß zu den notwendigen Verhandlungsreisen nach Berlin erhalten konnte, nahm er Fühlung auf zu dem in Stockholm wirkenden Ministerialdirigenten des deutschen AA, Dr. Peter Kleist, und da dieser an der Massenauswanderung deutscher Juden lebhaft interessiert war, stellte Storch zwischen ihm und dem amerikanischen Diplomaten Ivar Olson eine Verbindung her, die aussichtsreich erschien; denn Olson weilte als persönlicher Beauftragter des Präsidenten Roosevelt für das "War Refugees Committee" in Stockholm. Er setzte sich mit Washington ins Benehmen und konnte einige Zeit später seinem deutschen Kollegen mitteilen, der Präsident sei bereit, anderthalb Millionen Juden aus deutschem Gewahrsam zu übernehmen und dem Deutschen Reich für ihre Aushändigung politische Konzessionen zu gewähren.

Während diese vielversprechenden Verhandlungen in Stockholm liefen, brachen zwischen den rivalisierenden Ämtern der Obersten SS-Führung plötzlich Kompetenzstreitigkeiten aus, die zur Abberufung von Dr. Kleist aus Schweden führten und für lange Monate die dortigen Besprechungen lahm legten, bis der Reichsführer SS Himmler im Herbst 1944 seinen Leibarzt, den Medizinalrat Kersten, zur Beschleunigung des verfahrenen Unternehmens nach Stockholm schickte. Damals war die Befreiungsaktion Hillel Storch/Dr. Kleist/Ivar Olson (wenn ich sie so nennen darf) bereits angelaufen: Himmler hatte etwa 10 000 skandinavische, französische und jüdische KZler entlassen unter der Bedingung, daß Beförderungsmittel für ihren Abtransport zur Verfügung gestellt würden. Hierüber verhandelte nun um die Jahreswende 1944/45 Kersten mit dem Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes in Schweden, dem Grafen Folke Bernadotte (demselben, der einige Jahrer [sic] später von fanatisierten Israelis in Jerusalem erschossen wurde). Der Graf ging auf Himmlers Vorschlag ein und organisierte 150 Autobusse; doch als es in Deutschland zur Übernahme der Häftlinge kam, wollte der Schwede nur die Skandinavier und Franzosen, nicht aber die Juden abbefördern. Laut Kerstens Angaben hat Graf Bernadotte am 10. März 1945 folgenden Brief an den Reichsführer SS gerichtet: "Sehr geehrter Herr Himmler! Die Juden sind in Schweden genau so unerwünscht wie in Deutschland; somit verstehe ich Sie in der Judenfrage vollkommen. Wie mir Medizinalrat Kersten mitteilte, haben Sie ihm 5000 Juden freigegeben zum Abtransport nach Schweden. Ich bin damit nicht einverstanden; denn ich will keine Juden abtransportieren. Da ich das aber offiziell nicht verweigern kann, so bitte ich Sie: tun Sie es, Herr Himmler . . ."

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Himmler tat es. Er dachte gar nicht daran, nachzugeben; er bestand auf der vollen Durchführung des Abkommens, und die Schweden mußten ihrerseits nachgeben; wenige Wochen vor Deutschlands Zusammenbruch wurden damals neben vielen anderen Häftlingen auch einige tausend Juden der Freiheit zurückgegeben: gewiß nur ein Bruchteil jener Judenzahl, mit der sich die Storch-Kleist-Olson-Planung befaßt hatte: aber immerhin-! Damals soll Himmler übrigens zu Kersten geäußert haben: "Bevor wir mit der Vernichtung der Juden begannen, hatten wir vor, sie samt all ihrem beweglichen Hab und Gut in die Länder ausreisen zu lassen, die sie aufzunehmen bereit waren. Doch kein Land wollte die Juden; die ganze Welt hielt vor ihnen die Türen verschlossen."

Ob diese Äußerung, die der Medizinalrat etwa vierzehn Jahre später einem offiziellen jüdischen Hörerkreis mitteilte, auf Himmlers eigenen Worten beruht, ist heute kaum noch nachzuprüfen; auf jeden Fall aber entspricht sie der damaligen, keineswegs judenfeindlichen Einstellung des Reichsführers SS des bis heute verteufelten Heinrich Himmler. Den besten Beweis für diese seine Haltung erbrachte er während des letzten Kriegsjahres mit der Behandlung der ungarischen Juden. Damals hatte Adolf Eichmann mit seinem Vertrauensmann Joel Brand bereits jene große Rettungsaktion eingeleitet, die von bösen Zungen auch als "Geschäft" bezeichnet wurde, weil bei ihrer Abwicklung eine erhebliche Anzahl von Lastkraftwagen als "Tauschobjekt" mitspielte: Joel Brand war nach Istanbul gereist und suchte jetzt nach Palästina zu gelangen. In Budapest aber drohte der magyarische Antisemitismus die letzten Schutzdeiche des Judentums zu durchbrechen, und das jüdische Rettungs-Komitee, Waad genannt, führte einen fast schon verzweifelten Kampf um das Leben seiner Glaubensbrüder. Nachdem es ihm 1943 bereits gelungen war, eine große Anzahl ungarischer Juden in Extrazügen nach Wien abzuschieben, wandte es sich jetzt wiederum an die deutsche SS und erreichte durch sie, daß im Frühjahr 1944 nochmals sechs Züge mit etwa 18 000 Juden aus der ungarischen Provinz nach Österreich abgefertigt wurden; dort wurden diese Abgeschobenen in Sonderlagern, namentlich in Straßhof, untergebracht und haben den Krieg überlebt.

Nun erfuhr man im Sommer 1944 in Budapest, daß Joel Brand von den Engländern verhaftet worden war, womit seine Mission vorerst als gescheitert gelten mußte. Brands Nachfolger in der Waad, auch als Verbindungsmann zur SS, wurde der Jude Dr. Rezsö Kastner, durch den die Waad jetzt Verhandlungen mit dem Weltjudentum in Lissabon und dann in der Schweiz anknüpfte; doch beide Fühlungnahmen blieben erfolglos, und damit war das Leben der 84 000 Ju-

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den, die im Budapester Getto zusammengedrängt waren, aufs äußerste bedroht; denn die Regierung Szálasi, die im Spätsommer 1944 das glücklose Kriegsende bereits kommen sah, war damals entschlossen, sich ihrer gesamten Judenschaft gewaltsam zu entledigen. Wohl sprach sich der Regierungschef Ferenz Szálasi persönlich gegen den Plan einer Totalliquidierung aus; doch sein Innenminister Kovarcz dachte brutaler und befürwortete die Gesamtausmerzung der Juden, die er mit Hilfe der ihm ergebenen Pfeilkreuzler-Scharen, dieser fanatischen Judenfeinde, jederzeit durchführen konnte.

In dieser wahrhaft verzweifelten Lage wandte sich Dr. Kastner und die Budapester Waad durch ihren Vertreter Andreas Biß mit der Bitte um rascheste Hilfe an alle ungarischen Dienststellen der deutschen SS, und zwar besonders eindringlich an den General der Polizei Winkelmann, der als Höherer SS- und Polizeiführer in Budapest gebot. Dieser holte sich sofort Befehle von Himmler persönlich; dann ließ er sich den ungarischen Innenminister Kovarcz kommen, teilte ihm mit, daß die 84 000 Juden des Budapester Gettos unter reichsdeutschem Schutze stünden, und verbot "im Reichsinteresse" ausdrücklich die Vernichtung der Getto-Insassen. Daraufhin mußten die Pfeilkreuzler auf den erhofften Genuß des Blutbades verzichten, und die hauptstädtische Judenschaft blieb am Leben - dank dem tapferen Kampf ihrer Waad-Funktionäre und letztlich dank dem Eingreifen des Reichsführers SS, der damit allein im Jahr 1944 weit mehr als 100 000 ungarischen Juden das Leben rettete. - Nicht am Leben blieb Dr. Rezsö Kastner, der auch später noch, im jungen Staat Israel, nicht müde wurde, für die Wahrheit zu zeugen und den tragischen Ablauf der groß angelegten Unternehmung Adolf Eichmann/Joel Brand bekannt zu machen. Er wurde daraufhin von den Zionisten in eine Kette bösartiger Prozesse verwickelt und beim Verlassen des Jerusalemer Justizgebäudes am 5. März 1957 auf offener Straße von einem Israeli erschossen: der unbequeme Ankläger mußte beseitigt werden! Die Wahrheit seiner Anklagen hat sich aber dennoch durchgesetzt - wenn auch nicht in Israel. -

Hiermit habe ich - vielleicht unvollständig - die größeren und großen Rettungsaktionen aufgezählt, die von reichsdeutschen Dienststellen zugunsten des jüdischen Volkes durchgeführt worden sind und um der geschichtlichen Wahrheit willen nicht totgeschwiegen werden dürfen. - Ihnen gesellt sich die umfängliche Tätigkeit des großen Hilfswerkes Waad Hatzala, von der ich im Pius-Kapitel ausführlich berichtet habe. Zu seinen größten Verdiensten zählt die Intervention vom Oktober 1944 beim Reichsführer SS, die den Tötungen in den

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Vernichtungslagern ein Ende setzte und damit ungezählte jüdische Häftlinge wenigstens vor dem gewaltsamen Tode bewahrte.

Von den zahlreichen Einzelrettungen bedrängter Juden durch katholische Priester, Orden und Klöster habe ich früher einiges berichten können: ihnen gesellen sich nicht minder zahlreiche Rettungen durch Diener der evangelischen Kirchen, durch reichsdeutsche, österreichische und andere Privatpersonen, die ihre jüdischen Schützlinge unter eigener Lebensgefahr oft viele Monate lang versteckt hielten und verpflegten. Sie alle gesondert aufzuführen, würde ein weiteres umfängliches Kapitel erfordern; doch vielleicht wird dem edlen Wirken dieser vielen Menschenfreunde einmal in einem besonderen Sammelwerk ein Denkmal der Nächstenliebe gesetzt werden. Daß diese selbstlosen, opferfreudigen Menschen allein schon das töricht-gehässige Wort von der deutschen Kollektivschuld nachdrücklichst Lügen gestraft haben, ist einleuchtend; darüber hinaus aber haben sie durch ihre vorbildliche Humanität vielleicht das Allermeiste zur echten Versöhnung zwischen Deutschen und Juden beigetragen, indem sie eine bleibende Grundlage schufen für das Verständnis von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz, von Hand zu Hand - im Geist reiner Menschlichkeit, wie Gott sie von uns allen fordert.

Das große Geschäft mit dem Tode

Die Zahl der allein von reichsdeutschen Dienststellen zwischen 1933 und 1945 in die Freiheit entlassenen und somit am Leben erhaltenen europäischen Juden - mindestens 800 000, wahrscheinlich noch erheblich mehr Köpfe stark - ist vor und nach 1945 von der gesamten zionistischen Presse entweder totgeschwiegen oder bagatellisiert worden, abgesehen von einzelnen Veröffentlichungen wie der von Leon Poliakov/Paris; im allgemeinen kam es vielen Juden, vor allem dem aktiven Zionismus, darauf an, das ganze deutsche Volk zum Massenmörder zu stempeln und seinem Regime jede menschlich-mitleidige Regung abzusprechen, "da nicht sein kann, was nicht sein darf", und Judenrettungen seitens der verbrecherischen Deutschen durfte es eben nicht geben. Heute, mehr als zwanzig Jahre nach dem Kriegsende, ist diese Totschweigungsfront freilich schon an vielen Steilen durchbrochen worden, weil geschichtliche Wahrheiten sich nun einmal nicht für alle Zeiten unterdrücken lassen: doch gibt man in den verschiedenen jüdischen Lagern selbst jetzt noch nur widerwillig zu, daß der Deutsche in zahllosen Fällen als Samariter am Juden gehandelt hat. Um so hartnäckiger aber hält die zionistische Propaganda an der Le-

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gende von den sechs Millionen deutscherseits ermordeter Juden fest: der Zionismus scheint eine starre, hoch übersteigerte Totenzahl zu brauchen, um sich an ihr festzuklammern und damit allen Versöhnungsbestrebungen zu trotzen. Die Entstehung dieser Legende zu betrachten, ist aufschlußreich.

Der Millionenzahl haftet eine stark suggestive Wirkung an: sie macht den, der sie ausspricht, zum Millionär - einfach darum, weil er sich eine so große Zahl überhaupt vorstellen kann: der Illusionist ist bekanntlich der reichste Mann auf Erden! Bricht nun aber über ein Volk großes Unheil herein, welches ihm - wie unserm jüdischen Volke geschehen - namenloses Leid und zahllose Opfer an Menschenleben aufbürdet, so kann es geschehen, daß dieser oder jener "Prophet" des heimgesuchten Volkes sich gleichfalls in den Be-"reich" der großen Zahl flüchtet, indem er aus zahllosen Opfern zahl- "reiche" Opfer macht und als "Millionär des Grams" die Zahl seiner Volkstoten ins Gigantische hinaufsteigert. Diese meine Charakteristik mag manchem Leser als gesucht oder verkrampft erscheinen; doch sie ist lediglich nach einem lebendigen Beispiel geprägt: der zionistische Dichter Kazenelson schrieb während des Zweiten Weltkriegs ein Büchlein, dessen Titel, ins Deutsche übersetzt, lautet: "Das Lied des ausgerotteten jüdischen Volkes". Auf Seite 65 des Bändchens klagt er "um die sieben (sieben!) Millionen ermordeter Juden". Dabei ist diese seine Dichtung bereits im Januar 1943 niedergeschrieben worden! Poesie in Ehren; doch allzu blutrünstige Phantasie ist vom Übel.

Bald nach dem Kriegsende, im Frühjahr 1945, standen in der Weltpresse der Siegermächte die ersten Schlagzeilen mit der Zahl der deutscherseits ermordeten KZ-Häftlinge - schon zu einem Zeitpunkt, als es den Untersuchungskommissionen der Besatzungsmächte noch gar nicht möglich geworden war, genauere KZ-Bilanzen aufzustellen. Doch wer fragte solchen nach? Zehn Millionen war eine schöne, runde Zahl, und aus 10 Millionen Häftlingen wurden bald auch 10 Millionen jüdischer Häftlinge gemacht. Freilich konnte sich diese Zahl nicht allzu lange halten: denn schließlich wußte man ja, daß es im Jahr 1939 etwa 16 Millionen Juden auf der Welt gegeben hatte, die kaum um rund zwei Drittel verringert worden sein konnten. Also wurde man bescheidener: während der nächsten Jahre ging man auf 8, dann auf 7 Millionen ermordeter Juden herunter, und etwa im Jahr 1948 einigte man sich auf 6 Millionen: eine Zahl, die meines Wissens erstmals am 25. April 1945 in London von einem Dr. E. Scherer namens eines "Polnischen Rates für die Rettung der Juden" öffentlich mitgeteilt worden war, zunächst aber wenig Beachtung fand,

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bis man sie später in den Rang eines politischen Wertpapieres erhob, das nun an den Weltbörsen der Siegerjustiz durch viele Jahre mit geringen Kursschwankungen angeboten und gekauft wurde: eine grausame Arithmetik von Kopfzahlen und Hektolitern Blutes wurde angewandt - und wozu? Um mit ihr die Höhe der Reparationen zu errechnen, die ein Staat, dem sie nicht zukommen, von einem anderen Staat ergattert, der für sie im Grunde gar nicht zuständig ist.

Der große Humanist unserer Zeit, Karl Jaspers, ließ, wie anderweitig schon bemerkt, eine Botschaft dem "Jüdischen Weltkongreß" zugehen, der in den ersten Augusttagen 1966 in Brüssel tagte. U. a. bemerkte Jaspers: "Im Namen der Ermordeten darf niemand sprechen." Hinzuzufügen wäre, um wieviel frevelhafter ist es, wenn man mit den Ermordeten Schachergeschäfte treibt.

Um die Reparationsverhandlungen zwischen den israelischen und bundesdeutschen Regierungen beginnen zu können, überreichte am 12. März 1951 ein Vertreter Israels der Bundesregierung eine Note, in der es u. a. hieß: "Das jüdische Volk ist um ein Drittel vermindert worden. Die große Masse des europäischen Judentums ist vernichtet worden. Von je vier europäischen Juden sind drei getötet worden."

Also für drei von vier getöteten Juden verlangte die Vertretung Israels von der Bundesrepublik Deutschland Reparationszahlung. Eigentlich eine schauerliche Arithmetik, Tote wie eine Währung in Geld umzumünzen! Überdies war in der Note keine konkrete Zahl ermordeter Juden genannt. Dennoch haben die Sprecher bei ihren Verhandlungen über die Reparationszahlungen stets auf die runde Zahl von 6 Millionen gepocht.

Wenn auch in der oben angeführten Note Israels an Bonn nicht von 6 Millionen die Rede war, so wurde doch behauptet, daß von je vier europäischen Juden drei getötet worden sind. Oder sollte diese Angabe nicht mehr dem Bereich der Statistik angehören? - Unterstellen wir nun, die Behauptung in dem israelischen "Dokument" sei richtig. Dann muß man, um zu ermitteln, wieviele Juden nun wirklich das Leben verloren haben, wissen, wieviele Juden zu Beginn des zweiten Weltkrieges in Europa waren. Diese erforderliche Zahl ist von verschiedenen Stellen zu erhalten, ich wähle jedoch absichtlich eine ganz unverdächtige und namentlich auch bei Zionisten als unbestritten kompetent geltende, und zwar das Institut für Judaistik beim Jüdischen Weltkongreß, der ebenso wie die Zionistische Weltorganisation der Präsidentschaft von Dr. Nahum Goldmann untersteht. (Komme nochmals darauf zurück.)

Dieses Institut veröffentlichte im Sommer 1963 einige wichtige Zahlen; unter anderem konnte man lesen: "Vor dem zweiten Welt-

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krieg lebten in Europa 9,5 Millionen Juden." Wenn indessen laut der israelischen Note von je vier Juden drei getötet worden sind, dann komme ich mit meinen bescheidenen Rechenkünsten bei einer Basis von 9,5 Millionen nicht auf 6, sondern auf 7,125 Millionen Umgekommener. Es erscheint mir deshalb rätselhaft, wie stets und sogar von Seiten offizieller zionistisch - israelischer Kreise nur von 6 Millionen die Rede sein kann. Denn nochmals: Wenn die Angabe im oben genannten "Dokument", drei Umgekommene von vier mithin 75 % Umgekommene, stimmt, weshalb schlugen dann Dr. Adenauers Partner bei ihren Verhandlungen über Reparationen nur 6 Millionen als Basis vor? Oder sollte etwa gar die Differenz von 1,125 Millionen ermordeter Juden in der dunklen Arithmetik unserer Geldforderer als Rabatt für den Verhandlungspartner gedacht gewesen sein? Wie dem auch sei, ich möchte auch hier mit meinen bescheidenen Möglichkeiten den Versuch unternehmen, einigermaßen klare Verhältnisse in dieser traurigen Angelegenheit schaffen zu helfen. Denn jedes Tabu birgt Unsicherheit in sich.

Obgleich heute die "Reparationen" seitens der BRD an den Staat Israel restlos abbezahlt worden sind, wenn man einer Bonner Erklärung aus jüngster Zeit glauben darf, ist der politische Pfandbrief mit dem Nominalwert von "Sechs Millionen ermordeter Juden" weiterhin im Handel; sein Kurswert ist unlängst sogar wieder einmal in die Höhe getrieben worden, wie folgender Vorfall zeigt: das Erste Deutsche Fernsehen brachte am Samstag, dem 27. Juni 1965 um 13.15 Uhr einen Bericht zum "Fall Weißmann". Der Fernseh-Reporter war in Israel gewesen und hatte dort mehrere Leute über diesen Fall interviewt. Nachdem er einen Bildbericht von der Befragung verschiedener Israelis gebracht hatte, gab der Reporter ergänzend seinen eigenen Kommentar, und die mehr als verblüfften Fernsehteilnehmer bekamen von ihm zu hören, daß 7 - sieben - Millionen Juden in Europa hingemordet worden seien - natürlich von den verruchten Deutschen! Derart "objektiv" ist ein Reporter, ist eine bundesdeutsche Fernseh-Leitung, daß sie zwanzig Jahre nach Kriegsende solche Greuelmeldungen auf ein zu verdummendes deutsches Publikum auszustrahlen wagt und dabei sogar den Kurswert der Meldung von den "allbekannten" sechs auf sieben Millionen Opfer hinauftreibt! Vermutlich hat jener Reporter auf dem Rückflug nach Deutschland das Klagelied von Kazenelson gelesen und sich gesagt: diese Schmonzette von den sieben Millionen bringe ich; das ist mal eine kleine Abwechslung im ewigen Einerlei des politischen Kurszettels! Und er brachte sie - im Sommer 1965 . . .

(Schmonzes, hebräisch-jiddisch, leeres, törichtes Gerede)

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Dabei glaubt heute längst niemand mehr an jene sechs Millionen. Weder die jüdischen Beschuldiger, noch die deutschen Beschuldigten, noch gar die Weltöffentlichkeit, soweit sie überhaupt jemals an die ominöse Zahl geglaubt hat, nimmt sie noch ernst, und wo sie von denkenden Menschen besprochen wird, erweckt sie spöttisches Grinsen oder gelangweiltes Achselzucken. Auch die juristischen Ankläger im Lager des Antigermanismus sind inzwischen hellhörig geworden, und damit vorsichtiger. Während die Nürnberger Siegerjustiz noch mit der Behauptung von mindestens sechs Millionen Ermordeter um sich geworfen hatte (man hörte nachmals Entschuldigungen, sie sei mangels genauer Unterlagen auf Schätzungen angewiesen gewesen!), ging man 15 Jahre später schon merklich behutsamer ans Werk, als im April 1961 in Jerusalem der Eichmann-Prozeß anlief: der Generalankläger Gideon Hausner, sicherlich einer der fanatischsten, aber auch klügsten Zionisten, vermied es, in seiner Anklageschrift eine genauere Zahl von ermordeten Juden zu nennen; er sprach lediglich von "Millionen", was nach oben wie nach unten einen erheblichen Zahlenspielraum offen ließ. Andererseits aber duldete das Gericht, daß Zeugen und Presse unbehindert von den obligaten "6 Millionen" sprachen und sie der Öffentlichkeit zum hundertsten Male vorsetzen konnten: offenbar eine ganz bewußt geübte Nachsicht, die in der Welt draußen jenen abgedroschenen Status quo, den man vor dem eigenen Tribunal nicht mehr zu vertreten wagte, weiterhin als Norm bestehen ließ. Hier wäre eine rigorose Zügelung des hemmungslosen Haßgeredes unbedingt am Platz gewesen!

Damit aber komme ich an den wundesten Punkt der aufgebauschten Mordlegende: genau so wie man in Jerusalem trotz besserer juristischer Einsicht im Jahr 1961 die abgefingerte Mordschablone weiterhin kursieren ließ, genau so ließ - und läßt bis heute - die verantwortliche Judenheit überhaupt jenes Märchen weiter seinen Zick-Zack-Weg durch die Welt nehmen und als internationalen Kinderschreck auf unkritisch-harmlose Gemüter einwirken. Dabei war in den zwanzig Jahren seit Kriegsende doch, weiß Gott!, Zeit genug, gründliche Untersuchungen anzustellen, die genaue Zahl der durch deutsche Schuld umgekommenen Juden zu ermitteln und diese Zahl endlich einmal der Welt offiziell mitzuteilen: das Weltjudentum mit seiner Zentrale in New York hat Geld genug, hierfür eine global forschende Kommission einzusetzen und zu finanzieren; der Staat Israel aber, der immer über Geldmangel klagt, würde eine eigene Kommission bereits mit einem ganz kleinen Bruchteil der Milliarden Deutscher Mark, die er als "Reparationen" von der BRD eingesäckelt hat, zusammenstellen und besolden können.

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Ich räume ein, daß es schwierig sein dürfte, die beiden Machtgruppen in New York und in Jerusalem zur Entsendung einer gemeinsamen Forschungskommission zu bewegen; dafür sind ihre Interessen allzu verschiedener Art und zum Teil sogar einander diametral entgegengesetzt. Aber auch wenn die beiden Kommissionen getrennt arbeiteten, wäre der Wahrheit und dem Frieden sehr wesentlich gedient: die Weltöffentlichkeit könnte die beiden Zahlenergebnisse vergleichen, auf einander abstimmen oder wenigstens ihr "geometrisches Mittel" ins große Archiv der Weltgeschichte einordnen - zu Nutz und Frommen der Menschheit! Aber um die Verwirklichung eines solchen Planes, der ein echter Friedensplan wäre, sieht es vorerst recht trübe aus: das westliche Judentum dürfte ihm ziemlich teilnahmslos gegenüberstehen, weil das etwaige Ergebnis ihm keine materiellen Vorteile, wohl aber moralische Einbußen bringen könnte, und der aktive Zionismus dürfte ihm sogar feindlich begegnen, weil derlei konkrete Ermittlungen ihn politisch bloßstellen und seine neuerlichen Forderungen einer "Entwicklungshilfe" seitens Bonn beeinträchtigen würden. Also scheint man bis auf weiteres bei dem erprobten Status der "sechs Millionen" verbleiben zu wollen.

Offizielle und somit verbindliche Zahlenangaben sind bisher, meines Wissens, nur vom Internationalen Roten Kreuz in Genf gemacht worden: diese zweifellos auf strengste Objektivität bedachte Weltbehörde hat in den Jahren zwischen 1947 und 1960 mehrmals die Ergebnisse ihrer Zählungen veröffentlicht, die sich auf die Zahl der während des Zweiten Weltkriegs im großdeutschen Machtbereich getöteten und umgekommenen Zivilisten, und zwar der "politisch, rassisch und weltanschaulich Verfolgten" erstreckten, ohne die speziell jüdischen Opfer gesondert zu zählen, weil das schließlich Sache der jüdischen Organisationen wäre. Bekanntlich gingen in den deutschen KZs während der Kriegsjahre neben Juden auch ungezählte Tausende von Zigeunern, Polen, Balkaniern und sonstigen Volksangehörigen zugrunde, die erst durch die Zählungen des IRK erfaßt wurden. Überaus bemerkenswert ist nun, daß die Angaben der Gesamtzahl aller Getöteten in den Genfer Veröffentlichungen sich zwischen 350 000 und 550 000 Seelen bewegen, also zu der zionistischen Standardzahl von sechs Millionen im krassesten Widerspruch stehen, der noch weiter aufklafft, wenn man sich klar macht, daß es sich bei den sechs Millionen ausschließlich um Juden handeln soll, während die genannten Zahlen des IRK alle Opfer, also auch die nichtjüdischen, umfassen.

Angesichts dieser wahrhaft ungeheuerlichen Diskrepanz zwischen Genf und Jerusalem greift unsereiner sich an den Kopf und fragt

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sich entsetzt, warum die großen Organisationen des Weltjudentums, vor allem aber die staatlichen Dienststellen in Israel sich nicht weithin vernehmbar zu jenen Veröffentlichungen des IRK äußern - sei es, um die Genfer Behörde eines Besseren zu belehren, oder sei es, um den eigenen Zahlenzauber, dieses längst überlebte Tabu, abzubauen und der Wirklichkeit anzupassen!? Wahrscheinlich fürchtet der Zionismus, bei einer solchen Bereinigung "sein Gesicht zu verlieren", wie der Chinese sagt; doch dabei übersieht er, daß er das Gesicht der zuverlässigen Ehrlichkeit schon verloren hat. Findet sich doch in den Schriften neutraler Betrachter unseres Zeitgeschehens bereits der Ausdruck "Sechs-Millionen-Rummel" oder auch "nackter Schwindelt" ! Soweit hätte man es, wenigstens in Jerusalem, niemals kommen lassen dürfen.

Das Fehlen einer amtlichen jüdischen Dokumentation nötigt den, der sich hier Klarheit verschaffen möchte, immer wieder zum Studium privater Veröffentlichungen, die seit 1945 in größerer Zahl erschienen sind, sich aber gerade mit ihren Zahlen-Statistiken derart weitgehend widersprechen, daß man über ihrem Studium den Verstand verlieren könnte, wenn man ihnen glauben wollte! Daß die allerfrühesten Publikationen aus den Jahren 1944/45 unzuverlässig sein mußten, weil genauere Unterlagen damals noch fehlten, ist verständlich; daß aber auch manche späteren Veröffentlichungen an den inzwischen errichteten Zahlen-Tabus kritiklos kleben blieben, spricht nicht für die Urteilskraft und die geistige Unabhängigkeit ihrer Verfasser. Hier eine kleine Blütenlese:

Ich erwähnte bereits im II. Kapitel die Schrift des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Dr. Philipp Friedmann, die im Jahr 1946 unter dem Titel "Oswieçim" in Warschau erschien; ich bezeichnete sie dort als "zuverlässig", und das dürfte zumindest für die Schilderung der Zustände im Lager Auschwitz zutreffen, für deren Richtigkeit der Verfasser sich verbürgt; doch daß seine Zahlenangaben schon 1945/46 objektiv-genau gemacht werden konnten, bleibt zweifelhaft. Eines von Friedmanns Verdiensten besteht auch darin, daß er wahrheitsgemäß die Zahl der Auschwitzer Opfer nicht dem jüdischen Volk allein, sondern allen dort eingelieferten Nationen zurechnet, womit sich der jüdische Hundertsatz stark verringert. - Ähnliches gilt von dem im ersten Abschnitt dieses Kapitels erwähnten "Dokumentarwerke" des französischen Juden Leon Poliakov - insofern als er die Gesamtzahl der zwischen 1933 und 1942 aus Deutschland freiwillig ausgewanderten Juden zuverlässig ermittelt und mitgeteilt hat; auch hat er den erst nach "Nürnberg" am 18. XI. 1946 verfaßten, für die Klärung der Judenfrage überaus aufschlußreichen Bericht des

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SS-Hauptsturmführers Wisliceny in seinem Buch veröffentlicht und eine Reihe reichsdeutscher Denkschriften statistischen Inhalts aus dem Jahr 1943 im Wortlaut, z. T. in Faksimile-Wiedergabe gebracht, was zweifellos der Wahrheitsfindung dient. Im übrigen aber hält der Verfasser sogar leidenschaftlich an der Sechs-Millionen-Legende fest; auch andere Streitfragen bat er in polemischem Geiste, leider ganz unkritisch, übernommen und aufbereitet; selbst vor gelegentlichen Eskapaden schreckt er keineswegs zurück.

In spürbarem Gegensatz zu Poliakovs Aggressivität steht das fast 700 Seiten starke Buch des englischen Juden Gerald Reitlinger, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Die Endlösung" im Colloquium-Verlag/Berlin erschienen ist und den Verfasser als einen um Objektivität bemühten, rechtlich denkenden Historiker zeigt. Dem Schlagwort von den "Sechs Millionen" ist er gewissenhaft nachgegangen; er hat eine Höchstzahl von 4,8 Millionen errechnet, wobei er aber zu nicht weniger als 3,5 Millionen erklärt, daß es sich bei diesen nicht um verläßliche Angaben handle. Zieht man nun die nicht verläßliche von der verläßlichen Zahl ab, so bleibt ein Rest von 1,3 Millionen, und fügt man dieser verläßlichen Zahl die Hälfte der unverläßlichen Zahl hinzu - was vielleicht schon übertrieben, aber immerhin berechtigt wäre -, so kommt man auf eine Gesamtzahl von rund 3 Millionen getöteter Juden, womit die ominöse Standardzahl um die Hälfte verringert wird! - Im übrigen legt Reitlinger auf die Zahl an sich keinen besonderen Wert; er betont, wie jeder moralisch wertende Mensch es tut, daß der Mord ein Verbrechen ist und bleibt, - gleichgültig, an wie vielen Menschen er verübt worden ist, und daß ein Verbrechen nicht in dem Maße fluchwürdiger wird, wie die Zahl seiner Opfer steigt. Mit dieser Feststellung dürfte sich der Verfasser nun freilich beim israelischen Finanzminister recht unbeliebt machen; denn in Jerusalem weiß man genau, daß sich aus sechs Millionen Toter erheblich mehr "Reparationen" herausholen lassen als aus - sagen wir mal: - 6 000 Opfern.

Diejenigen, welche die Sechs-Millionen-Zahl zur Granitsäule erstarrt wissen wollen und damit einen größeren Effekt zu erzielen glauben, werden vom Talmud widerlegt. Denn es heißt, daß ". . . jeder, der nur ein einziges Menschenleben auslöscht, eine genauso schwere Tat verübt, als wenn er das ganze menschliche Geschlecht getötet hätte". (Mischna, Sanhedrin / 4, 5)

Im Sinne seines Buchtitels beschäftigt Reitlinger sich überaus eingehend mit den deutschen Vernichtungslagern: er führt den Leser durch mancherlei Stätten des Massensterbens und seines Grauens, was er selber, fast entschuldigend, eine kaum erträgliche "Leichen-

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schau" nennt: sie gibt an Schauerlichkeit den Bildern nichts nach, die sich dem entsetzten Betrachter in den Straßen, Ruinen und Anlagen des zerstörten Dresdens boten, nachdem diese Stadt tagelang von den Alliierten zerbombt worden war. Des Verfassers gewissenhafte Forschungen führen ihn aber zu der Feststellung, daß der Begriff "Endlösung" von den reichsdeutschen Dienststellen mindestens bis zum Jahresende 1941, wenn nicht noch länger, nur im Sinn einer organisierten Auswanderung aller Juden aus dem europäischen Raum - Madagaskar spielte dabei als Wanderziel eine große Rolle - gebraucht worden ist und erst in der zweiten Kriegshälfte sich zwangsläufig in KZ-Haft, schließlich in Rassenmord verhärtet hat. Die "Frage nach der wahren Bedeutung der Endlösung" empfindet Reitlinger (S. 343) als "beunruhigend und nicht mehr zu beantworten". - Nun, beunruhigend bleibt sie auf jeden Fall; beantworten aber läßt sie sich dahin, daß kein anderes Land die wie saueres Bier ausgebotenen Judenscharen aufnehmen wollte, und daß Deutschland allein mit ihnen fertig werden mußte.

Neben Gerald Reitlingers gehaltvollem Werk schrumpfen die Schriften und Aufsätze anderer jüdischer "Forscher" größtenteils zu Ausbrüchen blinden Hasses, massiver Vorurteilsträchtigkeit und krasser Unkenntnis zusammen; doch die Sache verlangt es, daß ich noch einige von ihnen anführe, auch wenn ich damit in das undurchdringliche Zahlen-Dschungel der sich widerstreitenden Nachkriegs-Statistiken hineingerate:

Dr. Alois Fischer bringt in seinem Büchlein "Neue Welt-Statistik" (Wien, 1951) auf S. 13: "Durch die von der NS-Führung angeordneten Vernichtungsmaßnahmen kamen 5,9 Millionen Juden ums Leben." - Boris Smoliar schreibt in der "Neuen Jüdischen Zeitung"/München, vom 11. I. 1963, daß in den Lagern Auschwitz und Birkenau mindestens 3 Millionen Juden umgebracht worden seien. - Dr. Ch. Schoschkes, der 1964 verstorbene Globetrotter des Weltzionismus, erzählt uns in der gleichen Münchener Zeitung vom 18. IV. 1962 (S. 8), daß im KZ Maidanek mindestens 2 Millionen Menschen umgebracht worden seien. Anständigerweise spricht er hierbei von "Menschen" und nicht ausschließlich von "Juden"; doch wer ihm den Riesenbären aufgebunden hat, erfahren wir nicht. Im Lager Maidanek befanden sich nämlich, wie gerichtsnotorisch feststeht, überhaupt keine Verbrennungs- oder sonstige Vernichtungsanlagen; folglich konnten dort auch keine Juden vernichtet worden sein. Aber "Zwei Millionen": das klingt doch nach etwas!

Sch. L. Schneidermann, von mir bereits im I. Kapitel dieses Buches als Pius-Verleumder bloßgestellt, zeigt sich übrigens nicht nur als

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Alchimist von Mord-Statistiken, sondern auch als Jongleur in der schmählichen Kunst der Völkerverhetzung; auf beiden Gebieten hat er erst in allerjüngster Zeit wieder seinen Rachegefühlen durch Abschießung von Giftpfeilen kräftig Luft gemacht. Zum 21. Todestag des polnisch-jüdischen Historikers Dr. Emanuel Ringelblum und mit Bezugnahme auf dessen Kriegstagebuch, das sich heute im Warschauer "Archiv Ringelblum" befindet, ließ Schneidermann einen längeren Gedenkaufsatz in der hiervor schon mehrfach zitierten Münchner "Neuen Jüdischen Zeitung" (Ausgabe vom 30. IV. 1965, S. 5) erscheinen, in welchem er unter anderem feststellt: "Dr. Ringelblums Tagebuch ist auch eine flammende Anklage gegen die Teilhaberschaft der polnischen Bevölkerung an der nazistischen Ausrottung von 3 Millionen polnischer Juden - und eine Anklage gegen die Gleichgültigkeit und das Schweigen der ganzen zivilisierten Welt." (Aus dem Jiddischen übersetzt, ebenso wie die vorangehenden Berichte von Smoliar und Schoschkes.)

Ganz abgesehen von Schneidermanns ständigem Lamento über "das Schweigen der zivilisierten Welt" - welcher Welt gehört er selber denn an? - muß ich feststellen: hier tobt sich die jüdische Abart des Chauvinismus in verallgemeinernden Unterstellungen und Zwecklügen geradezu bösartig aus. Berichtet doch Dr. Ringelblum in seinen Aufzeichnungen, daß zahlreiche polnische Familien ihr Leben nur deshalb verloren, weil sie Juden geholfen hatten! Er selber wurde von der polnischen Familie Wolski versteckt gehalten, und als man ihn dort aufstöberte - es geschah im Jahr 1944 -, wurde nicht nur der jüdische Doktor, es wurden auch die katholischen Wolskis umgebracht. Schneidermann aber nimmt - ausgerechnet! - die 21. Wiederkehr von Dr. Ringelblums tragischem Todestag zum Anlaß, gegen polnische Judenfeindschaft vom Leder zu ziehen: eine unerhörte Mißachtung polnischer Hilfsbereitschaft, und eine gehässige Verallgemeinerung der gewiß auch vorhanden gewesenen Spannungen zwischen Polen und Juden! Ich nenne das übelste Völkerverhetzung.

Das Vergehen einzelner zu verallgemeinern und eine Kollektivschuldthese an den Haaren herbeizuziehen verstößt auch einwandfrei gegen das Alte Testament - unsere Thora, 1. Moses 18 und 19 berichtet über die Vorgänge in Sodom und Gomorrha. Die Gerechten wurden nicht für die Taten der Sünder mitbestraft. Loth und seine Familie entgingen dem "Regen von Schwefel und Feuer".

Folglich kann es einen Begriff Kollektivschuld aus jüdischer Sicht eigentlich nicht geben.

Und wie steht es mit den 3 Millionen polnischer Juden, die laut Schneidermann "ausgerottet" wurden? Der mehrfach zitierte Histori-

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ker und Auschwitzer Gewährsmann Dr. Friedmann hat errechnet, daß es in Polen beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 3 340 000 Juden gegeben hat; nach meiner Errechnung waren es noch etwas weniger. Zieht man nun von dieser Zahl diejenigen Juden ab, die während des Krieges in die UdSSR flüchten konnten, ferner diejenigen, denen die Emigration aus Polen gelang, und schließlich jene, die in Polen überlebten, so kann selbst der bösartigste Zahlen-Alchimist nicht auf 3 Millionen Ermordeter kommen. Schneidermann aber bringt dieses Kunststück fertig: getreu seinem Vorsatz, nicht nur den toten Papst Pius, sondern auch die lebende BRD zu verleumden, obendrein gar Deutsche, Polen und Juden gegeneinander aufzuhetzen, reitet er bis heute beharrlich auf den "Sechs Millionen" herum, spritzt Gift und sät Zwietracht, wo er nur irgendeine Ritze dafür findet. Daß derlei - ich muß schon sagen: schizophrene - Figuren einen neuen Antisemitismus aus dem kaum befriedeten Boden hervorkitzeln - wen wundert das!?

In Friedländers Anti-Pius-Buch ist auf Seite 76 zu lesen: ". . . im Herbst 1941 . . . Gleichzeitig ist die Konzentration von über zwei Millionen Juden in den polnischen Gettos abgeschlossen."

Für die Vernichtung konnten später doch nur solche in Betracht kommen, die in die Gettos gesteckt worden waren. Wie schon mehrmals angedeutet, konnten so manche auswandern, andere gingen in die Wälder zu den Partisanen, andere wiederum vermochten diese grausame Zeit zu überleben.

Vielleicht kann uns Herr Schneidermann nach diesen Darlegungen eine Aufklärung darüber geben, wie er zu drei Millionen vernichteter polnischer Juden kommen kann.

Weiter: daß die in jiddischer Sprache erscheinende Münchner "Neue Jüdische Zeitung" zum Sammelbecken fanatischer Antigermanisten und zum Hinterhalt perfider Angriffe auf den politischen Anstand und die Versöhnungsbereitschaft zwischen den Völkern geworden ist, dürften die Zitate beweisen, die ich hiervor aus diesem Blatt gebracht habe. Doch damit nicht genug; auch die Redaktion des Blattes selber wirft sich zur Verfechterin eines bleibenden Rassenhasses auf, wie ihr Leitartikel in der Nummer vom 7. Mai 1965 beweist, der mich mit der 17. Wiederkehr des Gründungstages von Israel und mit der 20. Wiederkehr des Kapitulationstages der reichsdeutschen Wehrmacht befaßt; in ihm heißt es: ". . . und weil unsere (des Blattes) Niederlassung sich in Deutschland befindet, darf man keine Minute lang die Augen verschließen vor all dieser neonazistischen Propaganda mit ihren Versuchen, die jüdischen Opfer unter dem Nazismus zu ver-

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ringern und zu bagatellisieren um auf diesem Wege indirekt das Hitlerregime zu rehabilitieren."

Das heißt doch, der Phraseologie entkleidet, nichts anderes als: wer den ehrlichen Versuch unternimmt, die Sechsmillionenzahl auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und die dicke Vernebelung zu zerstreuen, der versündigt sich an den jüdischen Opfern und will darüber hinaus das Hitler[r]egime nicht nur reinwaschen, sondern auch wiederherstellen! Und Redakteure, die einen derartigen Nonsens (milde ausgedrückt!) noch zwanzig Jahre nach dem Kriegsende verzapfen, wollen vielleicht gar ernst genommen werden!? Etwa gar darum, "weil ihre Niederlassung sich in Deutschland befindet"!? Sie können ja am Jordan weiter geifern; doch dazu müßten sie freilich erst einmal Charakter besitzen . . .

Die sogenannten Zionisten - Journalisten, die ihre Schreibwursteleien nie zeichnen, besitzen den traurigen Mut, anderen Zensuren zu erteilen, wessen Tätigkeit antijüdisch sei und gegen die Interessen des Staates Israel verstoße, wie mir zum Beispiel einigemale vorgeworfen wurde.

Obwohl, oder weil sie den Zionismus und Israel-Staat bedingungslos verteidigen, werden sie aber selber, von Zeit zu Zeit, von der kompetenten Presse Israels in die Schranken verwiesen, abgekanzelt und sogar als Verräter gebrandmarkt. (s. auch die vorher gebrachte Äußerung Schlomo Ben Israels).

Seit der Herstellung von diplomatischen Verbindungen zwischen Israel und Bonn sind die Beziehungen der Israelis zu den deutschen Juden, insbesondere aber zu den Juden in Deutschland, die noch dazu Zynismus besitzen, Zionismus zu spielen, kälter geworden, ja sogar eiskalt. Im allgemeinen werden die Juden in der BRD als Juden dritter Klasse betrachtet und demgemäß behandelt, die Herren von der "Neuen Jüdischen Zeitung" nicht ausgeschlossen. Heuchelei ist also ein undankbares Geschäft! Wem also dienen die scheuklappentragenden Schmockschreiberlinge von der NJZ mit ihrer so heillos verfahrenen Aktivität? Diese ihre Aktivität, die weder Geist noch Kraft besitzt, wird auch nicht die deutsch-jüdische Versöhnung verhindern können, denn die Versöhnung liegt im Interesse des deutschen wie des jüdischen Volkes, insbesondere aber der deutschen Juden und sogar der Juden in Deutschland.

Mögen sie sich, die Herren von der NJZ, auch alle anderen Haßprediger und Unruhestifter an unserem Pessach Chad Gadja erinnern, die wahre Moral daraus zu entnehmen und die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

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Chad Gadja ("das Zicklein"), ein aus zehn Strophen bestehendes aramäisches Lied, das am Schluß der Pessach-Haggada gesungen wird. Das Lied hat eine volkstümliche Erzählung zum Gegenstand:

ein Vater kauft ein Zicklein, das von einer Katze gefressen wird; die Katze wird von einem Hund gebissen, der Hund von einem Stock geschlagen, der Stock vom Feuer verzehrt, das Feuer vom Wasser gelöscht, das Wasser vom Ochsen getrunken, der Ochse vom Schächter geschlachtet, der Schächter vom Todesengel umgebracht, und dieser wiederum von Jehova getötet. Hier sei Schiller zitiert: "Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären."

In diesem Zusammenhang möchte ich auch feststellen, daß anläßlich der Feiern zur zwanzigjährigen Wiederkehr der deutschen Kapitulation in den Ansprachen und Reden jüdischer Persönlichkeiten, namentlich auch Intellektueller, politische Anschauungen und Behauptungen laut wurden, die mich schaudern machten! Soviel Haß, soviel Unbelehrbarkeit in weltfremden Ideologien - und das im Herzen der Bundesrepublik Deutschland! Ich gewann den Eindruck, daß ein nicht geringer Teil dieser Sprecher, die trotz den von ihnen gegeißelten Mißständen doch weiterhin hier in Deutschland leben wollen, seelisch und geistig krank sein müsse und nun versuche, die Zuhörer mit dem eigenen Irresein anzustecken! Mag es sich dabei um gedankenlose Engleisungen oder um planmäßige Hetzereien handeln: in jedem Fall erzeugen sie überhaupt erst das, was sie verhindern wollen, nämlich das Erwachen und Anwachsen eines antisemitischen Neonazismus, der diesmal nicht von oben aus der Führung niederregnet, sondern von unten aus dem einfachen, aber empfindlichen Volk aufkeimt und das Judentum in Europa von neuem bedroht. Warum also provozieren unsere jüdischen Ultras? Wer Wind säet, wird Sturm ernten. - -

An den Schluß dieser Betrachtung möchte ich zwei sog. Interviews - warum sagt man eigentlich nicht "Ausfragung"? - setzen, die im Sommer der Jahre 1963 und 1965 stattfanden und für sich selber sprechen. Im ersten Falle ist die Vorgeschichte - nämlich, wie es zu der Ausfragung kam - noch aufschlußreicher als diese selbst, weshalb ich sie meinen Lesern nicht vorenthalten will:

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg war in einer galizischen Ortschaft ein gewisser Oswald Rufeisen als Sohn orthodoxer jüdischer Eltern geboren worden; er wurde im Glauben seiner Väter, aber auch in zionistischem Geiste erzogen. Während des Zweiten Weltkriegs sah er die Tragödie des Judentums auf sich zukommen und beschloß gleich zahllosen Rassengenossen, sich dem drohenden Untergang zu entzie-

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hen. Er wählte dazu einen ganz ungewöhnlichen Weg: da er äußerlich einem echten Arier glich, begab er sich in ein von seiner Heimatstadt weit abgelegenes weißrussisches Gebiet, wo er sich den deutschen Besatzungsbehörden zur Verfügung stellte und von der SS als Gestapo-Mann eingestellt, ja, als Polizeichef in ein Städtchen kommandiert wurde, in welchem sich auch ein jüdisches Sammellager befand. Hier vertraute er sich den mosaischen Lagerverwaltern an, denen er seine wahre Volkszugehörigkeit offenbarte, und im Lauf der Zeit konnte er hunderten von Juden den Weg in die Freiheit bahnen. Dann aber traf ihn ein fürchterlicher Schlag, den er seelisch nie mehr verwand: er wurde von einem Juden als Jude erkannt und bei der SS-Führung denunziert, die ihn daraufhin zum Tode verurteilte. Es gelang ihm, zu entfliehen.

Hatte schon der sinnlos-gemeine Verrat seines Rassengenossen ihn aufs tiefste erschüttert, so erlebte er jetzt, nach seiner Flucht, eine Errettung, die ihm als Wunder erscheinen mußte: ein katholisches Nonnenkloster, irgendwo in der weißrussischen Abseitigkeit gelegen, nahm den vogelfreien Flüchtling auf und gewährte ihm Schutz, obwohl dies alle Klosterfrauen in höchste Lebensgefahr brachte. Nach einem längeren Aufenthalt verhalf ihm die Oberin zum Entweichen in die unendlichen Wälder, wo Oswald Rufeisen sich einer Partisanengruppe anschloß, bei der er bis zum Kriegsende als Mitkämpfer verblieb.

Nach dem Kriege - er hatte inzwischen genügend Zeit gehabt, sein entwurzeltes Freivogelleben zu überdenken und ihm einen neuen Sinn zu geben - entschloß er sich, zum Katholizismus überzutreten und als Weltgeistlicher zu wirken. Im Nonnenkloster hatte er reichliche Gelegenheit gefunden, sich mit dem katholischen Weltbild vertraut zu machen, und begabt wie er war, fand er es jetzt nicht schwer, sein Wissen zu vervollkommen und die für die Priesterweihe erforderlichen theologischen Prüfungen abzulegen. Er wurde auf den Namen Daniel Rufeisen getauft und wirkte als Pater Daniel rund fünfzehn Jahre lang im Dienst der katholischen Kirche in Polen, bis er sich im Jahr 1959 entschloß, nach Israel auszuwandern und dort seinem christlichen Bekenntnis zu dienen.

Schon bald nachdem er sich in Israel niedergelassen hatte, mußte der Pater erfahren, daß er als Katholik jüdischer Herkunft ebenso wie als Ausländer gewissen Schikanierungen ausgesetzt war. Daß er sich Israel als Wohnsitz und Wirkungsfeld erkoren hatte - diese Wahl war durch das Gefühl seiner alten Volkszugehörigkeit bestimmt worden: das Leben in Polen war ihm durch den schnöden Verrat jenes Rassengenossen, der ihn denunziert und der Hinrichtung ausge-

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setzt hatte, auf die Dauer verleidet worden; auch lockte ihn, den zionistisch Erzogenen, die neue Staatsgesinnung am alten Jordan, und so stellte er den Antrag auf Einbürgerung, er wollte als Jude nicht mosaischen Glaubens anerkannt werden. Er war hierzu ebenso berechtigt, wie der Staat Israel verpflichtet war, dem Antrag stattzugeben, denn der Pater konnte sich auf den alten jüdischen Rechtsgrundsatz berufen, der da lautet: "Religionsgesetzlich ist und bleibt jeder von einer jüdischen Mutter Geborene eine Glied des Judentums; der Taufjude gilt also gesetzlich lediglich als Übertreter des Religionsgesetzes." Ein Kommentar des amerikanischen Rabbiners Felsenthal aus dem Jahr 1896 erklärt hierzu: "Die Judenheit ist nicht bloß eine Religionsgemeinschaft, sondern eine Nation. Wir bleiben Juden, auch wenn wir uns taufen lassen, und jeder Jude gehört seiner Nation unbedingt an, welches auch sein Wohnland oder sein Glaube sein mag."

Pater Daniels Einbürgerungsantrag wurde verworfen mit der Begründung, sein Fall sei ein Sonderfall, und nun verklagte der Pater den Staat Israel vor dem Höchsten Gerichtshof in Jerusalem auf Gewährung der beantragten Staatsbürgerschaft, für die er alle geschichtlichen, religiösen und wissenschaftlichen Traditionen als Rechtsgrundsätze ins Feld führte. Doch er drang nicht durch: das Oberste Gericht verleugnete in seinem Falle sämtliche noch so ehrwürdigen Gepflogenheiten des Herkommens und nahm einen "politischen Standpunkt" ein - offenbar wegen der Rolle, die Rufeisen einmal in der deutschen Gestapo gespielt hatte: das galt dem Gericht als ein unsühnbares Verbrechen, obwohl es der Lebensrettung vieler Juden gedient hatte. Der Pater wurde nicht als Jude christlichen Glaubens eingebürgert; doch konnte man ihm schließlich das Wohn- und Wirkungsrecht in Israel nicht aberkennen, und so blieb er im Lande.

"Das rabbinische Gesetz erkennt keine Lossagung von der jüdischen Religion als gültig an, d. h. es betrachtet den Losgesagten immer noch als Juden (Orach Chajin 304; Jore Dea 139; Eben Haeser 129, 5; 157, 4 u. a.)."

Damit ist klar erwiesen, daß die israelische Regierung sowie das höchste Gericht in Jerusalem gegen alle bestehenden religiösen und weltlichen Gesetze verstoßen haben.

Während sein Prozeß noch lief - er wurde zu einer interkonfessionellen Sensation! -, kam ein jüdischer Reporter nach Israel; er suchte den vielbesprochenen Pater im Karmelitenkloster auf dem Karmelberg bei Haifa auf, und hiermit komme ich zu dem besagten Interview, über welches die Münchner "Neue Jüdische Zeitung" in ihrer Ausgabe vom 4. Juni 1963 auf S. 6 berichtet hat ( ich habe diesen

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Bericht aus dem Jiddischen übertragen). Der Interviewer war der USA-Publizist J. Schmulewitsch, der den Pater über sein Leben und über die Gründe zu seiner Taufe ausfragte, dabei auch den Versuch machte, ihn zur Zurücknahme seiner Klage gegen den Staat Israel zu bestimmen: er möge doch verstehen, daß diese seine Klage nicht nur die Landesregierung herausfordere, sondern für den Staat Israel selber einen Prestige-Verlust in der Welt bedeute! Schmulewitsch fuhr dann wörtlich fort: "Du warst doch Gestapochef im Städtchen Mir. Wie konntest du den Kirchenglauben einer Welt annehmen, die es zuließ, daß man ein Drittel unseres Volkes abschlachtete!?" - Pater Daniel legte nun seinem Ausfrager offen die zeitpolitisch bedingten Gründe seelischer und geistiger Art dar, die ihn zum Glaubenswechsel bestimmt hatten, und verschwieg nicht, daß er bei seinem jetzigen Glauben beharren werde. Auch suchte er dem Reporter aus den USA klarzumachen, daß seine Behauptung, die "christliche Welt" habe die Abschlachtung eines Drittels aller Juden geduldet, aus der abgefingerten Schlagwort-Propaganda geschöpft sei, die auch das amerikanische Judentum bisher noch für dumm verkaufe - ganz abgesehen davon, daß jenes besagte "Drittel", wenn man es mit den obligaten sechs Millionen gleichsetze besagen würde, daß im Jahr 1959 im ganzen 18 Millionen Juden auf der Welt gelebt hätten, während es in Wirklichkeit, nachgewiesenermaßen, nur 16 Millionen gewesen seien. Pater Daniel, fuhr wörtlich fort, "hat das jüdische Volk heute als Volk mit seinen 13 Millionen eine sicherere Existenz und eine bessere Zukunft, als es sie im Jahr 1939 mit seinen 16 Millionen gehabt hat."

Diese bedeutsame Zahlen-Feststellung des Paters ist bis heute unwidersprochen geblieben. Sie deckt sich weitgehend mit den Zählungen, die das "Institut für Judaistik" um Ostern 1963 bekannt gegeben hat, und mit dessen zuverlässiger Kompetenz ich mich im letzten Abschnitt dieses Kapitels noch beschäftigen werde. Dem Pater Daniel Rufeisen aber gebührt das Verdienst, das legendäre Schlagwort von den "Sechs Millionen" schon vor einigen Jahren eindeutig halbiert zu haben.

Ich komme jetzt zu dem zweiten, nicht weniger aufschlußreichen Interview: es wurde im Juli 1965 von dem israelischen Ministerpräsidenten Levi Eschkol einem bundesdeutschen Reporter gewährt, der sich damals in Israel aufhielt. Das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet in seiner Ausgabe vom 28. Juli 1965 folgende Äußerungen, die Herr Eschkol dem Reporter gegenüber getan hat:

(Seite 50:) "In den Vernichtungslagern der Nazis sind vier bis sechs Millionen Juden umgebracht worden." (Anmerkung des Ver-

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fassers: das kann man einen Zahlen-Spielraum nennen, der aus dem Munde eines zuständig verantwortlichen Staatsmannes recht unverantwortlich klingt!)

(Ebenfalls auf Seite 50:) "Hier (gemeint ist Israel) leben Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Menschen, auf deren Arm eine KZ-Nummer tätowiert ist . . ."

(Seite 62:) "Wie Sie wissen, leben hier in Israel Zehntausende, wenn nicht sogar Hunderttausende Menschen, auf deren Arm eine KZ-Nummer tätowiert ist."

(Seite 66:) ". . . daß hier (gemeint ist Israel) noch Hunderttausende Menschen mit auf dem Arm eingravierten KZ-Nummern leben."

Soviel aus dem Bericht des "Spiegels". Zusätzlich meldete auch noch die Münchner "Süddeutsche Zeitung" in ihrer Ausgabe vom 14. August 1965, auf Seite 4, die nachstehende Feststellung des israelischen Ministerpräsidenten Eschkol: "Schließlich leben Juden, wenn nicht gar Hunderttausende, in Israel, die eine KZ-Nummer auf dem Unterarm eintätowiert tragen . . ."

Herr Eschkol hat also nicht weniger als viermal, und zwar in seiner Eigenschaft als israelischer Ministerpräsident, offen bezeugt, daß in seinem Lande heute noch Zehntausende, ja Hunderttausende von ehemaligen jüdischen Häftlingen mit einer KZ-Nummer auf dem Unterarm leben: das kann doch keine Angabe, keine Renommage sein. Vielmehr klingt unverkennbar die Genugtuung mit: da seht ihr deutschen Bundesbürger einmal, wie viele Opfer wir dem verruchten Hitler-Regime aus dem Rachen gerissen haben!

Hierzu muß man nun aber wissen, daß KZ-Nummern nur und ausschließlich den Auschwitzer Häftlingen eintätowiert worden sind! Wenn also allein aus Auschwitz heute noch Hunderttausende von Juden in Israel leben, dann muß ich mich fragen: wieviele Hunderttausende von Häftlingen aus anderen deutschen KZs mögen heute in Israel leben!? Und wie viele in der westlichen Hemisphäre und vor allem in den östlichen Staaten? Ihre Gesamtzahl mag gut und gern eine Million oder mehr überlebende Juden ausmachen, und wo bringt man diese Riesenzahl in den "sechs Millionen ermordeter Juden" unter!?

Der deutsche Publizist Martini weiß es allerdings besser: er hat mehrfach öffentlich behauptet, auf Hitlers ausdrücklichen Befehl (!) seien in Auschwitz alle dort interniert gewesenen Juden umgebracht worden! - Vielleicht entschließt sich Herr Martini, dem offenbar völlig schimmerlosen israelischen Ministerpräsidenten einmal ein kleines Privatissimum darüber zu halten, wie es in Auschwitz wirklich zugegangen ist!? Wozu ist er sonst Publizist?

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Ich freilich könnte mir denken, daß Herr Levi Eschkol in einem besinnlichen Stündchen die folgende Betrachtung anstellt: als ich im Jahr 1934 in Berlin das Haavara-Abkommen für unsere Leute in Palästina vorantrieb, da haben die Nazis zweifellos das bessere Geschäft gemacht. Heute aber machen wir das bessere Geschäft: wir lassen uns von der BRD hübsche Reparationssummen für die sechs Millionen ermordeter Juden zahlen, und gleichzeitig haben wir mindestens eine, vielleicht sogar zwei Millionen dieser Ermordeten höchst lebendig hier im Lande, die an Israels Aufbau mitarbeiten: na, wenn das kein Geschäft ist!?

Versuch einer Wahrheitsfindung

Wer den genauen Umfang der jüdischen Tragödie, und das heißt auch: die Zahl ihrer Todesopfer zu erfahren wünscht, der ist - mangels amtlicher, offizieller oder selbst nur offiziöser Angaben - aufs Studium privater Veröffentlichungen angewiesen; doch konnte ich bereits aufzeigen, daß diese Quellen zumeist recht unzuverlässig sind. Wenn ich trotzdem den Versuch mache, auch meinerseits eine private Berechnung anzustellen, so bin ich mir ihrer Unzuverlässigkeit ebenso bewußt; doch wer Kritik an anderer Leute Berechnungen übt, der muß anstandshalber sich bemühen, zu einem genaueren Ergebnis vorzudringen; im übrigen: ultra posse nemo obligatur!

Es wäre einfach, von innen heraus, nämlich anhand von genauen Totenlisten, die gesuchte Zahl zu ermitteln; da solche aber nicht vorhanden zu sein scheinen, muß man von außen her, also mit den lebenden Kopfzahlen bis 1939 und nach 1945 operieren, um aus ihrer Differenz die nötigen Anhaltspunkte zu gewinnen. Dazu müssen freilich die Ausgangszahlen leidlich zuverlässig sein, und selbst wenn das der Fall ist, bleiben immer noch die mehr oder weniger "unbekannten Größen" der normalen Sterblichkeitsquote und des Geburtenzuwachses zwischen 1939 und 1945 (oder bald danach) offen. Doch mit diesen Ungenauigkeits-Faktoren, die für sichere Friedenszeit-Statistiken kaum bestehen, muß in Kriegsjahren mit ihren tausendfachen Zerstörungen und Vernichtungen von Unterlagen nun einmal gerechnet werden.

Der von mir im vorigen Abschnitt zitierte Pater Daniel Rufeisen dürfte richtig gerechnet haben, wenn er die Gesamtzahl der jüdischen Weltbevölkerung im Jahr 1939 mit 16 Millionen beziffert. Die vierbändige deutsche Brockhaus-Ausgabe von 1937 gibt die Gesamtzahl

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mit "15 bis 16 Millionen Seelen" an, und der jüdische Geburtenzuwachs zwischen 1937 und 1939 dürfte die 16 Millionen vollgemacht haben. Halten wir also an dieser (auch von sonstigen Weltstatistiken bezeugten) Ausgangszahl fest und stellen wir ihr einige spätere Nachkriegszahlen gegenüber.

Unbestritten kompetent für statistische Berechnungen im Bereich des Weltjudentums ist, wie ich schon betonte, das "Institut für Judaistik" beim Jüdischen Weltkongreß, der mit der Zionistischen Weltorganisation der gemeinsamen Präsidentschaft von Dr. Nahum Goldmann untersteht und somit wohl als zuverlässige Quelle gelten darf. Das genannte Institut hat nun im Frühjahr 1963 einige wichtige Zahlenangaben gemacht, die ich nach der Münchner "Neuen Jüdischen Zeitung" vom 8. August 1963, Seite 11, in meiner Übersetzung zitiere, wie folgt:

"Die neuesten Zählungen ergaben, daß heute 13 Millionen Juden in der Welt vorhanden sind, davon

in den USA 5,5 Millionen
in der UdSSR 2,3 Millionen
in Israel 2,045 Millionen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Europa 9,5 Millionen Juden. Heute (1963) sind es etwa 4 Millionen."

Soweit die Angaben des IfJ, aus denen die Zahl der heute in Europa lebenden Juden nur ungenau sichtbar wird; doch wenn wir von der heutigen Gesamtzahl von 13 Millionen die Zahl der drei obigen Länder (insgesamt 9,845 Millionen) abziehen, so bleiben für Europa 3,155 Millionen übrig, also erheblich weniger als die überschläglich angegebenen 4 Millionen.

Interessant an obiger Aufstellung ist die jetzige Gesamtzahl von 13 Millionen, die sich genau mit der von Pater Daniel Rufeisen errechneten Zahl deckt und ausweist, daß das Judentum zwischen 1939 und 1963 eine Gesamteinbuße von 3 Millionen Seelen erlitten hat. Um die berüchtigten "Sechs Millionen Opfer" sieht es also schlecht aus, selbst wenn man annimmt, daß unser Volk zwischen 1945 und 1963 einen Geburtenzuwachs von etwa 100 000 Seelen erhalten hat, der in den 13 Millionen drinsteckt und somit indirekt die 3 Millionen Opfer um seine Ziffer erhöht.

Wenn ich jetzt daran gehe, die Sechs-Millionen-Zahl nachzuprüfen und auf ihren tatsächlichen Bestand zu reduzieren, so möchte ich nicht in den Verdacht irgendeiner Voreiligkeit geraten; darum setze ich die nachstehenden Zahlen und 2) bis 5) zunächst absichtlich übertrieben niedrig an:

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1) Laut der New Yorker jüdischen Zeitung "Forward" (vom 3. Juni 1962 Seite 4) sind zwischen 1940 und 1960 aus Europa in die USA eingewandert

rund Juden:
500 000

2) Während des Zweiten Weltkriegs setzte sich eine große Zahl europäischer Juden in die UdSSR ab. Dort sind viele gestorben, bzw. nach dem Kriegsende nicht in ihre früheren Heimatländer zurückgekehrt. Ihre Zahl ist statistisch nicht erfaßt, daher umstritten. Entgegen der Mehrzahl aller Schätzungen setze ich ihre Zahl an auf allerhöchstens

100 000

3) Zwischen Kriegsbeginn 1939 und 1963 mögen in andere Länder (nicht in die USA, die UdSSR und Palästina) eingewandert sein

rund

 

100 000

4) a) Zwischen 1933 und 1948 ließen sich Europa viele Juden taufen; sie erscheinen daher in den Volkszählungslisten nicht mehr als Juden.

b) Das Gleiche gilt für zahlreiche Juden, die sich zwar nicht taufen ließen, jedoch aus mancherlei Gründen es vorzogen, in den Volkszählungslisten als Nicht-Juden zu erscheinen. Beide Gruppen mitsammen berechne ich auf

rund 100 000

5) Nach der Errechnung des "Institutes für Judaistik" lebten 1963 in Israel 2,045 Millionen Juden. Da vor dem Kriegsausbruch etwa eine halbe Million in Palästina lebte, so sind bis 1963 hinzugekommen 1 545 000 Juden. Rechne ich aber die Zahl der in diesem Zeitabschnitt in Palästina und dem späteren Staat Israel eingewanderten Juden vorsichtshalber mit weniger als der Hälfte, also mit nicht mehr als

rund 700 000

so ergäbe sich eine Gesamtzahl von Juden

=

1 500 000

Die von mir hier bescheiden-vorsichtig errechnete Zahl von anderthalb Millionen Juden, die zwischen 1933 und 1963 aus dem deutschen Machtbereich in andere Länder ausgewandert oder auch nur statistisch untergetaucht sind, muß mit der vorhandenen Ausgangszahl von 1939 und mit der Abschlußzahl von 1963 in möglichst genaue Beziehung gesetzt werden. Das aber stößt auf Schwierigkeiten; denn zwischen 1933 und 1945 hat man sich so gut wie gar nicht mit europäisch-jüdischen Volkszählungen befaßt; man nimmt lediglich an, daß im Jahr

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1939 in ganz Europa insgesamt 9,5 Millionen Juden wohnten. Von dieser Zahl gehen nun aber jene Juden ab, die zwischen 1933 und 1939 aus Deutschland auswanderten; doch diese Zahlminderung hat man bis heute statistisch noch nicht berücksichtigt, und wir wissen nur, daß Leon Poliakov die Gesamtzahl der jüdischen Auswanderung aus Deutschland für die Zeitspanne von Anfang 1933 bis Ende 1942 (wobei er die Zahlen der sog. Wannsee-Konferenz noch um 14 Monate weiterführte) zuverlässig mit 557,357 Köpfen errechnet hat. Diese Zahl lasse ich hier erst einmal aus dem Spiel; das Gleiche gilt von den durch das Hitler-Regime bedingten jüdischen Geburten-Rückgängen und anderweitigen Einbußen, um welche die genannte Zahl von 9,5 Millionen europäischer Juden sich zusätzlich verringert.

Doch halten wir zunächst an diesen 9,5 Millionen fest, lassen wir auch die 3,5 Millionen gelten, die nach dem Abzug der ominösen "Sechs Millionen Opfer" übrig geblieben sein müßten, und stellen wir jetzt die 1,5 Millionen meiner obigen Liste in Rechnung: Sie müssen entweder von den 9,5 Millionen abgezogen oder aber zu den 3,5 Millionen hinzugezählt werden. Ziehe ich sie jedoch von jenen "Sechs Millionen" ab, so ergäbe sich zunächst ein Rest von 4,5 Millionen in Europa umgekommener Juden. Aber auch diese Zahl ist noch keineswegs stichhaltig; denn sie dürfte viel zu hoch gegriffen sein - nicht nur im Hinblick auf meine überaus vorsichtigen Schätzungen bei den 1,5 Millionen, sondern auch in Anbetracht der sonstigen Schwankungen in der großen Zahlenbilanz.

Weitere Anhaltspunkte gibt auch hier wieder der um Ostern 1963 veröffentlichte Bericht des "Institutes für Judaistik", dessen Leiter, Dr. Robinson, zu seiner Bevölkerungsschätzung erklärt, daß durch die nazistische Vernichtung des europäischen Judentums dieses seine Stellung als Zentrum des Weltjudentums eingebüßt habe: denn vor dem Zweiten Weltkrieg habe sein Anteil am Weltjudentum 58 vH ausgemacht; heute aber sei er auf 30 vH zusammengeschmolzen. - Soweit Dr. Robinson. Lege ich nun die Gesamtzahl von 16 Millionen aus dem Jahr 1939 zugrunde und nehme von ihr 58 vH, so ergibt das 9 280,000 Juden, die 1939 in Europa lebten. Nach früheren Schätzungen sind es aber 9 500,000 gewesen; diese Zahl wäre somit um 220,000 Köpfe zu hoch angesetzt worden.

Man sieht: aus verschiedenen Zählungs-Sparten errechnen sich Hunderttausende jüdischer Seelen, die von der geschätzten Opferzahl noch abgezogen werden müssen, wenn wir der Wahrheit so nahe wie möglich kommen wollen. Ich fasse diese Zahlengruppen jetzt zusammen: aus dem vorigen Absatz die 220,000 Köpfe, aus der Poliakov-Statistik die reichlich 557,000 unberücksichtigten jüdischen Auswanderer aus

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Deutschland, aus meiner eigenen Aufstellung (1,5 Millionen) die absichtlich verringerte Zahl von allermindestens 300 000 Abwanderern, und schließlich aus unerfaßbaren Scharen weitere rund 100 000 jüdische Seelen - in summa 1 177,000 Juden. Diese Zahl muß von den auf 4,5 Millionen geschätzten Opfern abgezogen werden; danach bleibt die Zahl von 3 323,000 Juden, die im Machtbereich des Hitler-Regimes getötet, umgekommen und gestorben sind.

Ich glaube mit der Errechnung dieser Zahl der geschichtlichen Wahrheit so nahe gekommen zu sein, wie das bis heute unter den obwaltenden erschwerenden Umständen überhaupt möglich ist. Meine Zahl deckt sich annähernd mit den von Pater Daniel Rufeisen und vom IfJ im Jahr 1963 bekanntgegebenen Zahlen, nach welchen - unter Zugrundelegung einer jüdischen Gesamtbevölkerung von 13 Millionen im Jahr 1963 - die Zahl der jüdischen Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg bei etwa 3,1 Millionen, vielleicht auch etwas höher liegt.

Auch in einer, in einem Schweizer evangelischen Pressedienst veröffentlichten Statistik ist von 13 Millionen Juden die Rede.

Den Zahlendschungel könnte man mehr oder weniger entwirren, wenn man dieses Problem von einer Seite her betrachtet, die bis jetzt ignoriert wurde. Bis zum 30. Juni 1965 wurden in der BRD etwa 3 374 020 Anträge von Entschädigungsberechtigten registriert. Es handelt sich dabei selbstverständlich um Antragsteller außerhalb des osteuropäischen Raumes. Unter diesen befinden sich auch Nichtjuden. Um jeden Angriff im vorhinein die Spitze abzubrechen, veranschlage ich die Juden mit der - natürlich viel zu niedrig gegriffenen - Zahl von zwei Millionen.

Laut Angaben des IfJ leben in den osteuropäischen Staaten vier Millionen Juden. Auch hier setze ich die Zahl jener, die als Verfolgte des NS-Regimes in Betracht kommen, so niedrig wie nur möglich an, nämlich mit zwei Millionen. Dann ergibt dies vier Millionen am Leben gebliebener ehemals verfolgter Juden. Jetzt erhebt sich die Kardinalfrage: Wohin mit diesen vier Millionen? Soll man diese vier Millionen von den angeblich hingemordeten sechs Millionen in Abzug bringen? Oder soll man sie - als die glücklich Überlebenden - zu den angeblichen sechs Millionen addieren? Wenn ich den zweiten Weg gehe und zähle zu den auf diese Weise erhaltenen zehn Millionen Juden jene zwei Millionen, die ich oben als Nichtverfolgte im osteuropäischen Raum angenommen habe, so gelange ich zu der Zahl zwölf Millionen.

Hier möchte ich ausdrücklich auf ein weiteres Moment verweisen: Zweifellos leben im außerosteuropäischen Raum viele ehemals NS-

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verfolgte Juden, die entweder den Stichtag zur Eintragung versäumt haben oder vom prinzipiellen Standpunkt aus die Registrierung ablehnen.

Aber nicht einmal die unseriöseste Statistik nennt eine zehn Millionen übersteigende Zahl von Juden, die in Europa zu Beginn des zweiten Weltkrieges gelebt haben. Selbst wenn ich nun die keinesfalls zutreffende Zahl von zehn Millionen als richtig unterstelle, verbleiben noch immer zwei Millionen. Und wohin mit dieser Zahl?

Dr. M. Weichert, Autor der Bücher "Krieg" und "Jüdische Selbsthilfe 1939-1945" schreibt: ". . . daß die Zahl der jüdischen Kämpfer in den verschiedenen regulären Armeen und in Partisanengruppen bis heute nicht ganz erfaßt ist. Ihre Zahl wird auf 1 1/2 Millionen geschätzt."

Dr. Hans Frank, ehemaliger Reichsminister und Generalgouverneur schreibt in seinem Buch "Im Angesicht des Galgens" auf Seite 392, daß: ". . . einige Millionen unschuldiger Menschen (Juden), . . . getötet worden sind." Hochhut dagegen schreibt von: ". . . dem Mord an 1 800 000 Juden durch die Nazis."

Auch diese Erwägungen könnten einem Fachmann auf dem Gebiete der Statistik als Anregung zu Nachforschungen dienen. Paul Rassinier gibt in seinem Buch: "Das Drama der Juden Europas" auf S. 270 die Zahl der "Jüdischen Nazi-Opfer" mit 1 485 292 an.

Wie gesagt: auch diese Zahl darf nur als eine angenähert genaue, - ja sie muß sogar als unwahrscheinlich hoch gelten, wenn wir die vom Internationalen Roten Kreuz in Genf nach 1945 veröffentlichten Ziffern der während des Zweiten Weltkriegs durch deutsche Gewaltsamkeiten Umgekommenen in Betracht ziehen, die nur ein Zehntel bis höchstens ein Sechstel der von mir errechneten Zahl ausmachen, und wenn man gar bedenkt, daß es sich bei ihnen nicht nur um Juden, sondern um sämtliche "politisch, rassisch und weltanschaulich Verfolgten" handelt.

Es muß daher nochmals betont werden: alle von Juden und von Nicht-Juden bisher errechneten Opferziffern werden solange umstritten bleiben, bis das Weltjudentum und der Zionismus in der Lage, vor allem aber gewillt sind, der Öffentlichkeit genaue amtliche Verlustlisten vorzulegen. Solange das nicht geschieht, ist und bleibt die Welt auf private Ermittlungen angewiesen, zu denen auch ich nach bestem Wissen und meinem jüdischen Gewissen beizutragen mich bemüht habe. Gilt es doch auch hier, eine völker-vergiftende Legende unschädlich zu machen und mitzuhelfen an der Niederlegung von Tabus, die den Unfrieden in der Welt zu verewigen und die wahre Menschlichkeit abzuwürgen versuchen.


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