{195}
V.
DAS SCHLAGWORT VON DEN
"SECHS MILLIONEN OPFERN"
{196}
![]() |
gen bedrängten Judenschaft an. Er fühlte sich als deren Protektor; hatte er doch schon vor dem Einmarsch der Russen verschiedene wertvolle Thorarollen in seinem Czernowitzer Palais sichergestellt, und jetzt suchte er eine Unterredung mit dem General, dem er in einer längeren Aussprache klarmachte, daß er den armen Judenrest in der Stadt durch seine Forderung nicht ruinieren dürfe, und der Russe, den der Erzbischof in seiner eigenen Sprache beschworen hatte, gab nach: er ließ den Juden ihre schon aufgebrachten Gelder und Wertsachen zurückgeben und sorgte sogar durch judenfreundliche Verordnungen für ihre Sicherheit.
Worin dieses plötzliche Wohlwollen des Russen seinen eigentlichen Grund hatte, hat Eminenz von Repta einige Jahre später meinem Schwager, dem Rabbiner Hersch Weißberg, erzählt: dem Bischof war
{202}
der Name des Generals aufgefallen, und er hatte ihn gefragt, ob er nicht ein "Kantonist" sei, was der Offizier, von des Bischofs Fachkenntnis überrascht, lächelnd bestätigte. - Die Kantonisten waren russische Kadetten ausschließlich jüdischer Herkunft, die vom Zaren Nikolaus I. im Jahr 1827 erfaßt worden waren: der allmächtige Selbstherrscher aller Reußen hatte damals eine größere Anzahl von Judenjünglingen ihren Eltern weggenommen und in eine eigene Schule gesteckt, in der sie zu Offizieren ausgebildet wurden; jene Zwangsrekrutierung wurde rund dreißig Jahre lang betrieben. Den Zöglingen dieses rein jüdischen Kadettenkorps, die mit 18 Jahren eintraten und 25 Jahre zu dienen hatten, war es freigestellt, ob sie beim Glauben ihrer Väter beharren oder zur griechisch-orthodoxen Kirche übertreten wollten; doch welchen Glauben auch immer: viele Kantonisten sind später ausgezeichnete Offiziere geworden, die sich durch Tapferkeit wie durch Tüchtigkeit in der russischen Armee verdient gemacht haben und damit die billige Legende, der Jude sei ein schlechter Soldat, Lügen straften - lange bevor die israelische Armee in Palästina den Gegenbeweis erbringen konnte. Es kommt eben immer darauf an, ob ein Volk unterdrückt und hörig, oder ob es selbständig und frei ist, je nachdem wird es schlechte oder gute Soldaten, feige oder tapfere Offiziere stellen. - Der Name jenes russischen Generals in Czernowitz war Evreimow (Evrei = Jude).
Ich nannte bereits den Namen meines Vetters und späteren Schwagers, des Talmud-Gelehrten Hersch (Zwi) Weißberg, gebürtig aus Suceava in der Bukowina. Er hatte in der österreichischen Armee als Feldrabbiner gedient, war im Sommer 1916 bei den Kämpfen in Rußland schwer verwundet worden und hatte daraufhin einen längeren Urlaub erhalten, den er zu seiner Ausheilung in Czernowitz verbrachte. Dort war der Erzbischof v. Repta auf ihn aufmerksam geworden: er hatte den hochgelehrten Mann in sein Haus gezogen und sich viele Stunden lang von ihm in Fragen des Talmuds und der Kabbala, dieser mystisch-philosophischen Geheimlehre, unterrichten lassen; denn Seine Eminenz war ungewöhnlich wissenshungrig, und mein Vetter Weißberg, ein weltaufgeschlossener und keineswegs betont orthodoxer Wissenschaftler, traf sich mit dem christlichen Bischof in freundschaftlichem Gedankenaustausch auf den mancherlei Feldern religiöser Weltanschauung. Damals war es auch, daß Herr v. Repta meinem Vetter von seiner aufschlußreichen Aussprache mit dem jüdisch-russischen General Evreimow erzählte.
Der Ausgang des Ersten Weltkriegs brachte die Bukowina aus der österreichischen unter die rumänische Herrschaft, und Hersch Weißberg, der damals eine Familie gründete und somit mein Schwager
{203}
wurde, konnte sich, froh des endlich hergestellten Friedens, seinen wissenschaftlichen Aufgaben widmen: da er als Rabbiner nicht mehr amtierte, fand er jetzt Zeit, als Sofer (d. h. Pergamentschreiber hebräisch-religiöser Texte) tätig zu sein und sich seinen Unterhalt durch Unterricht im Griechischen, Lateinischen und in der Buchführung zu verdienen: gingen doch aus seiner Ehe mit meiner Schwester im Lauf der Jahre drei Söhne und drei Töchter hervor.
Unter der rumänischen Herrschaft lebte es sich zunächst nicht schlecht in Buchenland; doch seit 1933 begann sich der Antisemitismus auch auf dem Balkan auszubreiten, und als zum Jahresende 1937 in Bukarest die judenfeindliche Regierung Goga-Cuza ans Ruder kam, sah mein Schwager schlimme Zeiten für unser Volk am politischen Horizont aufsteigen und trug sich mit Auswanderungsplänen für sich und seine köpfereiche Familie. In Palästina lebte ein Vetter von uns als angesehener Literat; ihm schrieb er jetzt von seinem Leid und seinen Sorgen; er schilderte ihm Rumäniens verfahrene politische Lage und seine eigene Absicht, ins Land der Väter auszuwandern. Seine reichhaltige, kostbare Bücherei wolle er zwar nicht veräußern, wohl aber sein Häuschen und alles andere zu Geld machen, um die Reisekosten decken zu können; der Herr Vetter sei herzlichst gebeten, ihm und seiner Familie die Einreisegenehmigung nach Palästina zu erwirken.
Der Angesprochene, der in Tel Aviv lebte, war zwar Mitglied der Mapai: doch als Literat verstand er nur wenig von Politik und noch weniger vom Teufelskreis der Partei-Intrigen. Als er an der zuständigen Steile um die Einreisegenehmigung für seine rumänischen Verwandten nachsuchte, wurde er zunächst einmal gefragt, ob dieser Hersch Weißberg auch Mitglied der Mapai sei? An diese Erforschung seiner Gesinnungstüchtigkeit hängte sich ein Fragebogen voll der verfänglichsten Rubriken an.
Im Lauf des Jahres 1938 blieb dem Vetter in Tel Aviv schließlich nichts anderes übrig, als seinem Verwandten zu schreiben, an seine Einreise sei vorerst leider nicht zu denken, da der Antragsteller den zionistischen Behörden offenbar nicht hinreichend "linientreu" erscheine: er müsse sich eben gedulden, bis demnächst - das wisse er aus zuverlässiger Quelle - einer großen Schar rumänischer Juden die geschlossene Einreise nach Palästina ermöglicht werde: in dieser Auswandererwoge solle er untertauchen und auf ihr mit seiner Familie ins Gelobte Land schwimmen -!
Die "zuverlässige Quelle" des Literaten erwies sich als zerplatzende Seifenblase. Wohl setzte vier Jahre später, im Zweiten Weltkrieg, sich eine Riesenwoge jüdischer Auswanderer in Bewegung, doch nicht
{204}
in Richtung auf Palästina; vielmehr warf diese grausame Woge Hunderttausende rumänischer Juden nach Transnistrien, wohin sie zwangsverschickt wurden. (Transnistrien ist das Gebiet jenseits, d. h. östlich des Dnjestr-Flusses; Zentrum dieses Verbannungsbezirkes wurde die Stadt Mogilew.) Die Massenverschickung war vom rumänischen Staatschef Antonescu angeordnet worden; man erzählte sich, er habe damit seiner glühend antisemitischen "Eisernen Garde" und wohl auch seinen reichsdeutschen Verbündeten ein rassenpolitisches Zugeständnis machen wollen; vielleicht aber hat er, der persönlich kein fanatischer Judenhasser war, damit auch die Juden in Rumäniens Randgebieten vor Massakres schützen wollen; die Wahrheit wird wohl nie zutage kommen. Jedenfalls wurden im Jahr 1941 rund 200 000 bis 250 000 Juden in Transnistrien konzentriert.
Zu den dorthin Verschickten gehörte auch ich mit Frau und Sohn; wir fanden Unterkunft in dem Städtchen Bershad, wo wir unter den furchtbarsten Entbehrungen uns durchschlugen, aber doch am Leben erhalten konnten. (Ich habe die Tragödie dieser Zwangsverschickten in meinem Buch "Schuld und Schicksal" geschildert und will mich hier nicht wiederholen.) Meine arme Mutter, die getrennt von uns verschickt worden war, ist damals buchstäblich verhungert, ohne daß wir etwas davon erfuhren; mein Schwager Weißberg, in Transnistriens Weiten uns ebenfalls unerreichbar, mußte mit ansehen, wie seine drei Söhne binnen kurzer Zeit an Entkräftung starben, was diesen athletischen Mann derart erschütterte, daß er aus Kummer schon bald ihnen in den Tod nachfolgte und nicht mehr zu erleben brauchte, daß zwei seiner drei Töchter wenig später gleichfalls am Hungertyphus starben. Er verzweifelte, weil alle seine drei Söhne dahinschieden, so daß er ohne Kaddischsagende blieb. Da nur Waisenknaben Kaddisch sagen (im Notfall werden auch andere herangezogen), betrachtet es der religiöse Jude als größte Strafe Jehovas, wenn er ohne männliche Nachkommenschaft bleibt. (Kaddisch, chaldäisch heilig, ein Gebet, das beim Begräbnis und während der ersten elf Monate des Trauerjahres und an den Jahrestagen gesprochen wird.) Die schwerkranke Witwe des Rabbiners, meine Schwester, konnte nach Kriegsende in Israel einwandern, wo jener Verwandte, der Literat, sich ihrer fürsorglich annahm; ihr letztes Kind, eine körperlich völlig ruinierte Tochter, brauchte danach noch zehn Jahre, bis ihr erlaubt wurde, aus Rumänien der Mutter nachzureisen.
Ich habe dieses tragische Schicksal meiner Verwandten so ausführlich geschildert - und bitte meine Leser tun Nachsicht dafür -, weil es sich hier um einen Fall handelt, den ich persönlich aus der Nähe miterlebt habe. Er ist typisch für viele Tausende ähnlich gelagerter
{205}
Fälle, die als fehlgeschlagene Rettungsversuche gelten dürfen; denn gleich meinem Schwager Hersch Weißberg, diesem hochbegabten Gelehrten, und den Seinen dürften zahlreiche jüdische Familien damals im Elend verkommen sein, weil ihren Ernährern aus Gründen irgendwelcher politischer "Unzuverlässigkeit" die rechtzeitige Einreise nach Palästina von der zionistischen Bürokratie verwehrt worden war.
Bevor ich auf die Fehlschläge gewisser Rettungsversuche eingehe, die während des letzten Krieges in großem Stil von reichsdeutscher wie von neutraler Seite unternommen wurden, muß ich nochmals auf die Erhebung der Warschauer Getto-Juden hinweisen, die im Frühjahr 1943 stattfand und ein so blutiges Ende nahm: sie war einer der wenigen Versuche jüdischer Selbstrettung! Sie gemahnt an den Verzweiflungskampf der Juden bei Jerusalems Erstürmung durch die Legionen des Kaisers Titus im Jahr 70 n. Chr. - Allerdings wußte unser Volk damals, daß ihm keinerlei Hilfe mehr von außen kommen werde, und so kämpfte es bis zum bittern Ende, bis zum letzten Mann, den die Trümmer der stürzenden Mauern unter sich begruben. Im Warschau von 1943 hatten die Juden sich gleichfalls aus eigener Kraft und voll heldischer Gesinnung gegen die Deutschen erhoben; doch dieser Aufstand lebte von der Hoffnung auf Hilfe von außen her, und als sie ausblieb, erlosch er im Blut unseres Volkes, dessen Märtyrerruhm damals noch einmal in jenem düsterroten Flammenschein aufzuckte, der schon bei Jerusalems Erstürmung über seinem Haupte gestrahlt hatte.
Nach der Warschauer Katastrophe hat das europäische Judentum sich nicht wieder zur Selbstrettung aufzuraffen vermocht; wohl aber kam ihm später noch mehrfach Hilfe von außen. Einer der bedeutsamsten Rettungsversuche ging von dem schweizer Professor Carl. J. Burckhardt aus, dem Hohen Völkerbunds-Kommissar für die Freie Stadt Danzig. Er hatte schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, besorgt ums Schicksal der Ostjuden, in einem seiner Lageberichte über Danzig unterm 22. Januar 1939 nach England geschrieben: "Herr Sander (Schwedens Außenminister) erklärte dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Dr. Goldmann, er stehe in schärfster Opposition zu den Engländern und würde meine Rückkehr nach Danzig verhindern . . ."
Es scheint, daß Dr. Nahum Goldmann damals mehr Interesse an Danzig als an den polnischen Juden hatte; Professor Burckhardt aber blieb auf die Rettung der letzteren bedacht und dürfte mehrmals, spätestens zum Jahresende 1944 wieder diesbezügliche Schritte unternommen haben: denn im März 1945 wandte er sich, auf direkte Anregung
{206}
von Heinrich Himmler, an die Regierungen der Westmächte mit dem Vorschlag, alle in deutschen KZs befindlichen Juden auszutauschen gegen deutsche Kriegsgefangene, die sich damals in westlichem Gewahrsam befanden: der Austausch sollte über die Schweiz vor sich gehen, die ja schon im Ersten Weltkrieg den Austausch deutscher gegen alliierte Kriegsgefangene vorbildlich betreut und durchgeführt hatte. - Dieser Plan, von edler Humanität gefaßt, wäre zweifellos durchführbar gewesen, da Himmler selber, damals auch Reichs-Innenminister, sich für seine Durchführung verbürgte; der Austausch scheiterte indes an der Angst der Alliierten, Deutschland könne seine heimgekehrten Gefangenen nochmals gegen sie ins Feld führen! Dabei waren die Tage des Dritten Reiches bereits gezählt: acht Wochen später kapitulierte die deutsche Wehrmacht! Immerhin hätten während dieser acht Wochen noch Hunderttausende von Juden gerettet werden können, die im allerletzten Stadium des mörderischen Krieges - zwar nicht mehr durch die inzwischen bereits eingestellten Vergasungs-Aktionen, wohl aber durch Hunger, Typhus und andere Massen-Krankheiten umkamen. Doch auch die jüdischen Berater bei den Regierungen in London und Washington - einige von ihnen waren maßgebende Minister - scheinen sich damals nicht für die Befreiung ihrer Rassengenossen eingesetzt zu haben; sie brannten offenbar nur auf den nahen Endsieg, und das Schicksal der Ostjuden ließ sie kalt . . .
Schon bevor diese, schließlich gescheiterte, Aktion Himmler/Burckhardt anlief, hatte der Reichsführer SS im Jahr 1944 den Plan entwickelt, mindestens 1 Million internierter Juden aus den Vernichtungslagern, aus den sonstigen KZs sowie aus den Sammellagern in den deutschbesetzten Gebieten zu entlassen; mit der Durchführung dieses groß angelegten Planes betraute er Adolf Eichmann, der ihn energisch aufgriff, indem er seinen Vertrauensmann, den Juden Joel Brand, au Verhandlungen mit maßgebenden zionistischen Führern ins Ausland schickte. Brand reiste zunächst in die Türkei, wo er beim dortigen Zionistischen Hilfskomitee volle Unterstützung fand; auf der Weiterreise nach Palästina aber geriet er in die Falle von Aleppo: er wurde monatelang festgehalten, am Abschluß bindender Vereinbarungen verhindert und schließlich abgeschoben. Ich habe das tragische Schicksal dieses Mannes und seiner Mission schon in einem früheren Kapitel gestreift und ausführlich in meinem Buch "Schuld und Schicksal" (S. 132 ff.) geschildert; genug - der große Plan versickerte, und eine Million Juden - nach Himmlers Bericht handelte es sich sogar um 2,5 Millionen - blieb ihrem bittern Schicksal überlassen, anstatt die Freiheit zu erlangen. Daß auch hier die Zionisten in Palästina ihre abwehrenden Hände im Spiel hatten, ist unbestreitbar.
*
{207}
Glücklicherweise steht diesen fehlgeschlagenen Versuchen aber auch eine Reihe erfolgreicher Rettungsaktionen gegenüber, deren Gesamtsumme an Menschenleben sehr beträchtlich ist. Dabei rechne ich hierzu nicht jene 537 000 deutschen und österreichischen Juden, die (laut Reinhard Heydrichs Bericht vom 20. I. 1942 auf der sog. Wannsee-Konferenz) zwischen Januar 1933 und Ende Oktober 1941 aus dem Gebiet des Großdeutschen Reiches ausgewandert waren. Sie wurden nicht "gerettet"; denn bei ihnen handelte es sich um eine durchaus legale Abwanderung von Juden, die zum größten Teil ihr Vermögen ins Ausland mitnehmen konnten. Ihre Kopfzahl ist inzwischen jüdischerseits bestätigt und um weitere rund 20 000 Auswanderer vermehrt worden, die zwischen November 1941 und dem Jahresende 1942 das Gebiet des Großdeutschen Reiches auf gesetzlich-normalen Wegen verlassen konnten. Die genauen Angaben hierfür stehen in dem Dokumentarwerk von Leon Poliakov-Wulf "Das Dritte Reich und die Juden" (in deutscher Übersetzung erschienen im Arani-Verlag/Berlin 1955). Dort findet sich auf S. 245 eine Statistik, wonach bis zum 31. XII. 1942 insgesamt 557 357 von 929 000 im Zeitpunkt der jeweiligen Machtübernahme im Altreich, Österreich und Protektorat Böhmen/Mähren lebenden Juden ausgewandert sind - mit anderen Worten: rund 60 vH aller bis Ende 1942 im großdeutschen Machtbereich wohnenden Juden sind aus diesem regulär ausgewandert! - Leon Poliakov ist frei von dem Verdacht, ein beschönigender Nazifreund zu sein; er war der wissenschaftliche Leiter des in Paris gegründeten "Centre de Documentation Juive Contemporaine" ( "Dokumentations-Zentrale des zeitgenössischen Judentums"), in deren Auftrag er sein genanntes Werk ursprünglich in französischer Sprache herausgab.
Ich beschäftige mich nicht näher mit diesem großen Strom der jüngsten "Jüdischen Völkerwanderung", wie man ihn nennen könnte, und wende mich jenen bedrängten Gruppen zu, denen aus bittersten Notlagen herausgeholfen worden ist, ohne daß ihnen der ordnungsmäßige Weg einer freiwilligen, selbstgewählten Auswanderung offen gestanden hätte, und dieser Fälle sind viele. Sind doch seit dem Jahr 1942 zahlreiche "echte" Rettungen geglückt - teils großen Stils, teils in vielerlei Einzelaktionen, und sie verdienen ganz besonders, dem Gedächtnis der schnellebigen Nachwelt eingeprägt zu werden.
Daß gerade von christlicher Seite den Juden - ich erinnere an die caritativen Verdienste des Papstes Pius XII. - und im besonderen den Bukowina-Juden nachdrücklich und wirksam geholfen worden ist, dafür liefert den Beweis ein Zionist, der in den dreißiger Jahren,
{208}
ähnlich wie Dr. Leo Baeck, das Programm der NSDAP in einer Reihe von Publikationen als vorbildlich für Zion hingestellt hatte und dafür von Dr. Goebbels' Propagandapresse gelobt und weltbekannt gemacht worden war; später änderte er freilich seine Ansichten vom Dritten Reich. Ich spreche hier von Professor Manfred Reifer, einem der markantesten Führer der rumänischen Zionisten. Er veröffentlichte nach dem Krieg in Tel Aviv (1952) das zum Teil autobiographische Buch "Menschen und Ideen", auf dessen Seiten 240-260 er von seinem aussichtslosen Kampf um die Rettung der rumänischen Juden berichtet und u. a. auch schreibt: "Wären die zionistischen Leitungen in Erez Israel, in London und in New York rechtzeitig mit entsprechenden Mitteln zu Hilfe gekommen, so hätten Tausende und Zehntausende polnischer Juden über Rumänien gerettet werden können; doch unsere zionistische Politik war inaktiv und somit ohnmächtig! . . . Auch die Auswanderungsbemühungen der rumänischen Juden gehören nicht zu den Ruhmesblättern der zionistischen Arbeit." - Weiter schildert Professor Reifer in seinem Buch, wie der Vertreter des Schweizer Roten Kreuzes in Rumänien, Charles Kolb, der sich der nach Transnistrien verschickten Juden annahm, über die Lässigkeit der zionistischen Organisation in Bukarest derart verärgert war, daß er androhte, die Zentrale in Istanbul von diesen Mißständen zu unterrichten. - Reifer geriet auch mit Dr. Isaak Grünbaum in die Haare; er schreibt (auf Seite 243): "Ich gab Grünbaum eindeutig zu verstehen, daß mit Worten und Zeitungsartikeln den Juden in Transnistrien nicht gedient sei!"
Wenn nun auch dem Professor Reifer eine Judenrettung großen Stils aus Rumänien versagt blieb, so hat er doch durch gute Verbindungen viel für seine Glaubensbrüder erreicht: immerhin gelang es ihm, einige Tausend reicher (also zahlungskräftiger!) und namentlich auch intellektueller Juden sowohl vor dem Getto wie auch vor der Verschickung über den Dnjestr zu bewahren, und kurz bevor im März 1944 die Rote Armee in Rumänien einmarschierte, konnte er mit 400 anderen Juden das Land in Richtung Palästina verlassen. Geholfen hat ihm bei seinen Bemühungen der in Czernowitz residierende Metropolit der griechisch-orthodoxen Kirche, Samandrea, und nicht weniger der Czernowitzer deutsche Generalkonsul Dr. Dr. Schellhorn, der jetzt im Ruhestand zu Tübingen lebt und auch heute noch allen rumänischen Juden beisteht, die sich in irgendeiner Notlage an ihn wenden. Er hatte eine gebürtige Bukowinerin zur Frau, deren Verwandtschaft dem Professor Reifer durch eine alte Dankesschuld verpflichtet war: sie bewog ihren Gatten später, dem Professor in seinen
{209}
Nöten beizustehen, was er auch nach besten Kräften tat: ein praktisches Beispiel dafür, wie Juden und Christen einander zu helfen vermögen, wenn sie es nur aufrichtig wollen! -
Von besonderer Art ist das Verhältnis der Sowjetunion zu den Juden. Während es im zaristischen Rußland üblich gewesen war, innerpolitische Schwierigkeiten durch Veranstaltung von Pogromen zu vernebeln, hielten die Sowjets nichts von dieser sinnlosen Brutalität; vielmehr suchten sie dem Riesenreich die jüdische Arbeitskraft zu erhalten und sie wirtschaftlich-geographisch zusammenzufassen: die Revolution von 1917 war zum Wendejahr für die Entwicklung der jüdischen Freiheit zur eigenen Lebensgestaltung geworden.
Nicht als ob alle Bolschewiken besonders judenfreundlich gewesen wären - keineswegs! Aber sie gaben unserm Volk die Möglichkeit, nach seiner Art zu leben und seine Traditionen zu pflegen. Das bewiesen sie vor allem durch die Gründung der Territorialen Republik Biro-Bidschan, die am 28. März 1928 zur Autonomen Jüdisch-Nationalen Heimstätte erklärt wurde. Dieses Territorium, 73 000 qkm groß, westlich der Stadt Chabarowsk, am Nordufer des Amur-Stromes gelegen, der es von der Mandschurei trennt, trägt ebenso wie seine Hauptstadt den Namen nach den beiden Flüssen Biro und Bidschan, die es begrenzen; es ist weiträumig, fruchtbar und reich an Bodenschätzen: eine ideale Landschaft für unternehmende Siedler und Städtegründer. - Anfangs machten die russischen Juden nur zögernd Gebrauch von dieser wirklich großzügigen Gewährung eigener Lebensmöglichkeiten: im Gründungsjahr übersiedelten nur etwa 10 000 Juden in die neue Wahlheimat. Als aber im Jahr 1935 die in den USA gegründete "Amerikanisch-Jüdische Landwirtschaftsstiftung" der jungen Republik mit erheblichen Geldmitteln unter die Arme griff, änderte sich das Bild, und die jüdische Einwanderung in Biro-Bidschan steigerte sich erfreulich,
Damals meldete das "Jewish Bulletin"/New York unterm 13. September 1935: "Aus Charbin (Mandschurei) sind 800 Juden mit ihren Familien in einem Sonderzug in die UdSSR abg[e]reist. Die Sowjetunion hat 1000 Juden in Charbin, die dort keine Lebensmöglichkeit mehr finden konnten, freie Fahrt in die UdSSR gewährt." Diese freie Fahrt führte die Einwanderer nach Biro-Bidschan hinein, wo sie alsbald eine auskömmliche Existenz fanden. - Es versteht sich, daß die Sowjets mit der Judenrepublik am Amur nicht nur humanitäre, sondern auch politische Zwecke verfolgten: sie wünschten die russischen Juden von der Auswanderung nach Palästina abzuhalten. War und ist doch bis heute die zionistische Bewegung in Rußland (ebenso wie in der Türkei) ganz streng verboten - eine Tatsache, die seitens der
{210}
Palästina-Zionisten vor dem Zweiten Weltkrieg den Türken wie den Sowjets öffentlich übelgenommen und als Lieblosigkeit bezeichnet wurde, was aber nur als ein Scheingefecht gelten darf; denn im Grunde war man in Tel Aviv damals froh, keine russischen Juden auf den Hals geschickt zu bekommen, die nur des Jiddischen mächtig waren und somit eine Belastung für den künftigen Staat Israel bedeutet hätten.
Als in Deutschland die Judenverfolgungen einsetzten und zu starken Auswanderungen führten, eröffnete die UdSSR in verschiedenen europäischen und amerikanischen Ländern sehr tüchtige Büros, die für die Einwanderung in Biro-Bidschan warben, und es ist bedauerlich, daß nur wenige Juden der westlichen Welt diese Möglichkeit wahrnahmen; immerhin wanderten aus Rumänien, aus Argentinien und aus den USA größere Gruppen in die neue ostasiatische Heimstätte ein, und im Jahr 1939 zählte Biro-Bidschan doch schon 45 000 bis 50 000 jüdische Einwohner. Diese haben seitdem mehrere Städte gegründete, so Wahlheim, Birofeld und andere; die öffentlichen Gebäude wie Bahnhöfe, Postämter und Schulen erhielten jiddische Beschriftungen, ebenso alle Geschäftshäuser usw.: hier sind aufblühende jüdische Gemeinwesen entstanden, die sich seit dem Kriegsende 1945 erfreulich weiter entwickelt haben.
In die aufrichtige Genugtuung, die dieses geglückte Experiment in jedem volksbewußten Juden erweckt, mischt sich freilich ein ebenso aufrichtiges Bedauern, und zwar ein doppeltes: einmal darüber, daß die deutschen, polnischen und balkanischen Juden nicht frühzeitig genug der sowjetischen Werbung für Biro-Bidschan gefolgt sind; denn hätten sie die Jahre 1933 bis 1939 in stärkerem Ausmaße genützt, dann würden ihrer Ungezählte heute noch glücklich leben, die zugrunde gegangen sind! Ist doch jene Autonome Republik so fruchtbar und so geräumig, daß mindestens die zehnfache Kopfzahl der Bevölkerung von 1939, also eine halbe Million oder auch eine ganze dort ihr ungestörtes Auskommen finden kann und sicherlich im Lauf der nächsten Jahrzehnte dort auch finden wird; aber wie froh würden wir Überlebenden heute sein, wenn unsere Getöteten mit uns überlebt und sich am Amur eine friedliche Existenz geschaffen hätten, die man ihnen mit offenen Händen anbot! - Das zweite starke Bedauern muß man empfinden angesichts der Tatsache, daß kein einziger Staat in Europa oder Afrika (von den USA ganz zu schweigen!) dem Beispiel der Sowjetunion gefolgt ist und auch seinerseits ein ausreichend großes Gebiet - ich denke dabei auch an das vieldiskutierte Madagaskar - für die Gründung eines autonomen Judenstaates zur Verfügung gestellt hat. Da beklagt man mit Krokodilstränen das tragi-
{211}
sche Schicksal des jüdischen Volkes und verflucht die Grausamkeit der Deutschen, ohne sich einzugestehen, daß man selber durch passive Indolenz und hochmütige Gleichgültigkeit das Allermeiste zum Untergang von Millionen Juden beigetragen hat, wie es Dr. Grünbaum 1947 in Breslau aussprach, als er die Schuld der Nazi-Regierung erst an die dritte Stelle hinter der weitaus größeren Schuld der amerikanischen Juden und der englischen Regierungen einstufte.
Gerade in diesem Zusammenhang möchte ich die sowjetische Emigrationspolitik von Biro-Bidschan unter die großen Rettungsaktionen einreihen: sie war, ist und bleibt eine vorbildliche Rettung auch im geistig-übertragenen Sinne! Und warum? Weil sie das Palästina-Monopol der Zionisten durchbrochen und der israelischen Heimstätte am Jordan eine zweite am Amur gestellt - ja, diese schon zwanzig Jahre vor der Proklamation von "Medinath Israel" ausgerufen hat!
Nun ist freilich, das versteht sich!, dieser fernöstliche Judenstaat als politisch reines Neuland nicht mit dem Gelobten Lande am Jordan vergleichbar, was Mythos, Tradition und Geschichte anbelangt; doch als Ersatz für diese Gemütswerte bietet er seinen Besiedlern die wertvollsten Wirklichkeiten: Weiträumigkeit, Fruchtbarkeit, Wälder, Bodenschätze, Gründungsmöglichkeiten und schließlich - was gar nicht hoch genug zu bewerten ist: - die Abwesenheit von waffenstarken, mißgünstigen Nachbarn, die diesen Judenstaat gefährden könnten! Denn die Sowjets betrachten ihn als einen Teil ihres völkerbunten Riesenreiches, und den Mandschus, südlich vom völkerscheidenden Amur, ist er völlig uninteressant: sie haben mit ihrer eigenen Wirtschaft und Kultur genug zu tun! Israel dagegen hat außer dem schwer zu erschließenden Wüstengebiet des Negev so gut wie keine Ausdehnungsmöglichkeiten, ist von feindseligen Araberstaaten umschlossen und ringt fast verzweifelt um die nötige Lebensluft!
Hinzu kommt aber noch eines: die fanatische Herrschsucht des aktiven Zionismus in Israel, die jeden Einwanderer in ihr zionistisches Prokrustesbett mit seiner chauvinistischen Matratze hineinpreßt, um ihn zu verlängern oder zu verkürzen, bis er in die Zion-Schablone paßt: diese seelisch-geistigen Ausrenkungen oder Amputationen haben schon manchen Einwanderer das nackte Leben gekostet und Ungezählte wieder aus dem gar nicht mehr Gelobten Lande getrieben - so auch mich und meine Familie, die wir dort nicht zu finden vermochten, was wir erhofft hatten. Wie ganz anders in Biro-Bidschan: dort kann jeder Jude "nach seiner Fasson selig werden", mit dem großen Preußenkönig zu sprechen; er kann unbespitzelt jüdisch sprechen, was er denkt, braucht nicht das schwierige Hebräisch zu erler-
{212}
nen, weil er mit dem angestammten Jiddisch auskommt, und da das Land dort weiträumig ist, braucht er sich nicht von einer herrschsüchtigen Bürokratie schurigeln zu lassen, die bekanntlich um so arroganter auftritt, je beengter der Lebensraum ihrer "Untertanen" ist. - Das alles sind Gewichte, die Biro-Bidschans Waagschale wuchtig und gewinnreich sinken lassen - wenigstens in den Augen derjenigen Angehörigen des Weltjudentums, denen ihre persönliche Freiheit noch etwas gilt, und die praktisch für den Weltfrieden eintreten, weil nur dieser ihnen selber und der Menschheit überhaupt noch ein Leben in Würde verspricht.
Nach dieser Abschweifung in keineswegs utopische, vielmehr sehr wirklichkeitsnahe Gefilde komme ich auf jene Judenrettungen zurück, die im Rahmen des Zweiten Weltkriegs erfolgt sind. Hierher gehören die langwierigen, von reichsdeutscher wie von schwedischer Seite angestellten Bemühungen, eine große Zahl deutscher Juden über Schweden in die Freiheit zu entlassen; sie spielten sich zwischen 1940 und 1945 ab, wobei Besprechungen über Besprechungen geführt, Aktenstöße zu Bergen aufgetürmt, diese von immer neuen Querschüssen durchlöchert, und fest gegebene Zusagen später durch ausweichendes "Kneifen" wieder annulliert wurden, bis schließlich, mit dem alten Römer Horaz zu sprechen, "die Berge kreißten, um eine lächerliche Maus zu gebären". Da aber in dieser verquälten Angelegenheit gerade von reichsdeutscher Seite hartnäckig darauf hingearbeitet wurde, möglichst viele Juden über Schweden abzuschieben, so möchte ich, im Dienste der geschichtlichen Wahrheit, jene politische Tragikomödie wenigstens kurz skizzieren:
Im September 1940 amtierte als Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Schweden ein gewisser Hillel Storch, der selber kein schwedischer, sondern ein Baltikum-Jude war; er bemühte sich, außer um andere Aufgaben, bis in den Sommer 1941 hinein, aus seiner Heimatstadt Riga etwa fünfzig prominente Juden, sog. Intellektuelle, herauszuholen und nach Schweden zu bringen. Die schwedische Regierung war auch bereit, sie aufzunehmen, wenn die jüdische Kultusgemeinde in Stockholm die Bürgschaft dafür übernahm, daß sie nach Palästina weitereisten. Hillel Storch beschwor den Präsidenten der Kultusgemeinde, Josefsohn, die Garantie zu übernehmen; doch dieser lehnte das ab mit der kühlen Erklärung: "Woher weiß ich denn, ob die fünfzig Juden nicht doch in Schweden kleben bleiben werden!?" Daraufhin unterblieb die Rettung jener Juden aus Riga, und die allermeisten fielen später dem antisemitischen Terror der Letten und Esten zum Opfer - dank der Kaltherzigkeit ihres Stockholmer Glaubensbruders.
{213}
Hillel Storch aber blieb weiterhin auf Judenrettungen bedacht. Da er als Nicht-Schwede und Staatenloser keinen Paß zu den notwendigen Verhandlungsreisen nach Berlin erhalten konnte, nahm er Fühlung auf zu dem in Stockholm wirkenden Ministerialdirigenten des deutschen AA, Dr. Peter Kleist, und da dieser an der Massenauswanderung deutscher Juden lebhaft interessiert war, stellte Storch zwischen ihm und dem amerikanischen Diplomaten Ivar Olson eine Verbindung her, die aussichtsreich erschien; denn Olson weilte als persönlicher Beauftragter des Präsidenten Roosevelt für das "War Refugees Committee" in Stockholm. Er setzte sich mit Washington ins Benehmen und konnte einige Zeit später seinem deutschen Kollegen mitteilen, der Präsident sei bereit, anderthalb Millionen Juden aus deutschem Gewahrsam zu übernehmen und dem Deutschen Reich für ihre Aushändigung politische Konzessionen zu gewähren.
Während diese vielversprechenden Verhandlungen in Stockholm liefen, brachen zwischen den rivalisierenden Ämtern der Obersten SS-Führung plötzlich Kompetenzstreitigkeiten aus, die zur Abberufung von Dr. Kleist aus Schweden führten und für lange Monate die dortigen Besprechungen lahm legten, bis der Reichsführer SS Himmler im Herbst 1944 seinen Leibarzt, den Medizinalrat Kersten, zur Beschleunigung des verfahrenen Unternehmens nach Stockholm schickte. Damals war die Befreiungsaktion Hillel Storch/Dr. Kleist/Ivar Olson (wenn ich sie so nennen darf) bereits angelaufen: Himmler hatte etwa 10 000 skandinavische, französische und jüdische KZler entlassen unter der Bedingung, daß Beförderungsmittel für ihren Abtransport zur Verfügung gestellt würden. Hierüber verhandelte nun um die Jahreswende 1944/45 Kersten mit dem Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes in Schweden, dem Grafen Folke Bernadotte (demselben, der einige Jahrer [sic] später von fanatisierten Israelis in Jerusalem erschossen wurde). Der Graf ging auf Himmlers Vorschlag ein und organisierte 150 Autobusse; doch als es in Deutschland zur Übernahme der Häftlinge kam, wollte der Schwede nur die Skandinavier und Franzosen, nicht aber die Juden abbefördern. Laut Kerstens Angaben hat Graf Bernadotte am 10. März 1945 folgenden Brief an den Reichsführer SS gerichtet: "Sehr geehrter Herr Himmler! Die Juden sind in Schweden genau so unerwünscht wie in Deutschland; somit verstehe ich Sie in der Judenfrage vollkommen. Wie mir Medizinalrat Kersten mitteilte, haben Sie ihm 5000 Juden freigegeben zum Abtransport nach Schweden. Ich bin damit nicht einverstanden; denn ich will keine Juden abtransportieren. Da ich das aber offiziell nicht verweigern kann, so bitte ich Sie: tun Sie es, Herr Himmler . . ."
{214}
Himmler tat es. Er dachte gar nicht daran, nachzugeben; er bestand auf der vollen Durchführung des Abkommens, und die Schweden mußten ihrerseits nachgeben; wenige Wochen vor Deutschlands Zusammenbruch wurden damals neben vielen anderen Häftlingen auch einige tausend Juden der Freiheit zurückgegeben: gewiß nur ein Bruchteil jener Judenzahl, mit der sich die Storch-Kleist-Olson-Planung befaßt hatte: aber immerhin-! Damals soll Himmler übrigens zu Kersten geäußert haben: "Bevor wir mit der Vernichtung der Juden begannen, hatten wir vor, sie samt all ihrem beweglichen Hab und Gut in die Länder ausreisen zu lassen, die sie aufzunehmen bereit waren. Doch kein Land wollte die Juden; die ganze Welt hielt vor ihnen die Türen verschlossen."
Ob diese Äußerung, die der Medizinalrat etwa vierzehn Jahre später einem offiziellen jüdischen Hörerkreis mitteilte, auf Himmlers eigenen Worten beruht, ist heute kaum noch nachzuprüfen; auf jeden Fall aber entspricht sie der damaligen, keineswegs judenfeindlichen Einstellung des Reichsführers SS des bis heute verteufelten Heinrich Himmler. Den besten Beweis für diese seine Haltung erbrachte er während des letzten Kriegsjahres mit der Behandlung der ungarischen Juden. Damals hatte Adolf Eichmann mit seinem Vertrauensmann Joel Brand bereits jene große Rettungsaktion eingeleitet, die von bösen Zungen auch als "Geschäft" bezeichnet wurde, weil bei ihrer Abwicklung eine erhebliche Anzahl von Lastkraftwagen als "Tauschobjekt" mitspielte: Joel Brand war nach Istanbul gereist und suchte jetzt nach Palästina zu gelangen. In Budapest aber drohte der magyarische Antisemitismus die letzten Schutzdeiche des Judentums zu durchbrechen, und das jüdische Rettungs-Komitee, Waad genannt, führte einen fast schon verzweifelten Kampf um das Leben seiner Glaubensbrüder. Nachdem es ihm 1943 bereits gelungen war, eine große Anzahl ungarischer Juden in Extrazügen nach Wien abzuschieben, wandte es sich jetzt wiederum an die deutsche SS und erreichte durch sie, daß im Frühjahr 1944 nochmals sechs Züge mit etwa 18 000 Juden aus der ungarischen Provinz nach Österreich abgefertigt wurden; dort wurden diese Abgeschobenen in Sonderlagern, namentlich in Straßhof, untergebracht und haben den Krieg überlebt.
Nun erfuhr man im Sommer 1944 in Budapest, daß Joel Brand von den Engländern verhaftet worden war, womit seine Mission vorerst als gescheitert gelten mußte. Brands Nachfolger in der Waad, auch als Verbindungsmann zur SS, wurde der Jude Dr. Rezsö Kastner, durch den die Waad jetzt Verhandlungen mit dem Weltjudentum in Lissabon und dann in der Schweiz anknüpfte; doch beide Fühlungnahmen blieben erfolglos, und damit war das Leben der 84 000 Ju-
{215}
den, die im Budapester Getto zusammengedrängt waren, aufs äußerste bedroht; denn die Regierung Szálasi, die im Spätsommer 1944 das glücklose Kriegsende bereits kommen sah, war damals entschlossen, sich ihrer gesamten Judenschaft gewaltsam zu entledigen. Wohl sprach sich der Regierungschef Ferenz Szálasi persönlich gegen den Plan einer Totalliquidierung aus; doch sein Innenminister Kovarcz dachte brutaler und befürwortete die Gesamtausmerzung der Juden, die er mit Hilfe der ihm ergebenen Pfeilkreuzler-Scharen, dieser fanatischen Judenfeinde, jederzeit durchführen konnte.
In dieser wahrhaft verzweifelten Lage wandte sich Dr. Kastner und die Budapester Waad durch ihren Vertreter Andreas Biß mit der Bitte um rascheste Hilfe an alle ungarischen Dienststellen der deutschen SS, und zwar besonders eindringlich an den General der Polizei Winkelmann, der als Höherer SS- und Polizeiführer in Budapest gebot. Dieser holte sich sofort Befehle von Himmler persönlich; dann ließ er sich den ungarischen Innenminister Kovarcz kommen, teilte ihm mit, daß die 84 000 Juden des Budapester Gettos unter reichsdeutschem Schutze stünden, und verbot "im Reichsinteresse" ausdrücklich die Vernichtung der Getto-Insassen. Daraufhin mußten die Pfeilkreuzler auf den erhofften Genuß des Blutbades verzichten, und die hauptstädtische Judenschaft blieb am Leben - dank dem tapferen Kampf ihrer Waad-Funktionäre und letztlich dank dem Eingreifen des Reichsführers SS, der damit allein im Jahr 1944 weit mehr als 100 000 ungarischen Juden das Leben rettete. - Nicht am Leben blieb Dr. Rezsö Kastner, der auch später noch, im jungen Staat Israel, nicht müde wurde, für die Wahrheit zu zeugen und den tragischen Ablauf der groß angelegten Unternehmung Adolf Eichmann/Joel Brand bekannt zu machen. Er wurde daraufhin von den Zionisten in eine Kette bösartiger Prozesse verwickelt und beim Verlassen des Jerusalemer Justizgebäudes am 5. März 1957 auf offener Straße von einem Israeli erschossen: der unbequeme Ankläger mußte beseitigt werden! Die Wahrheit seiner Anklagen hat sich aber dennoch durchgesetzt - wenn auch nicht in Israel. -
|
1) Laut der New Yorker jüdischen Zeitung "Forward" (vom 3. Juni 1962 Seite 4) sind zwischen 1940 und 1960 aus Europa in die USA eingewandert |
rund | Juden: |
| 500 000 | ||
|
2) Während des Zweiten Weltkriegs setzte sich eine große Zahl europäischer Juden in die UdSSR ab. Dort sind viele gestorben, bzw. nach dem Kriegsende nicht in ihre früheren Heimatländer zurückgekehrt. Ihre Zahl ist statistisch nicht erfaßt, daher umstritten. Entgegen der Mehrzahl aller Schätzungen setze ich ihre Zahl an auf allerhöchstens |
100 000 |
|
|
3) Zwischen Kriegsbeginn 1939 und 1963 mögen in andere Länder (nicht in die USA, die UdSSR und Palästina) eingewandert sein |
rund |
100 000 |
|
4) a) Zwischen 1933 und 1948 ließen sich Europa viele Juden taufen; sie erscheinen daher in den Volkszählungslisten nicht mehr als Juden. b) Das Gleiche gilt für zahlreiche Juden, die sich zwar nicht taufen ließen, jedoch aus mancherlei Gründen es vorzogen, in den Volkszählungslisten als Nicht-Juden zu erscheinen. Beide Gruppen mitsammen berechne ich auf |
rund | 100 000 |
|
5) Nach der Errechnung des "Institutes für Judaistik" lebten 1963 in Israel 2,045 Millionen Juden. Da vor dem Kriegsausbruch etwa eine halbe Million in Palästina lebte, so sind bis 1963 hinzugekommen 1 545 000 Juden. Rechne ich aber die Zahl der in diesem Zeitabschnitt in Palästina und dem späteren Staat Israel eingewanderten Juden vorsichtshalber mit weniger als der Hälfte, also mit nicht mehr als |
rund | 700 000 |
|
so ergäbe sich eine Gesamtzahl von Juden |
= |
1 500 000 |
Die von mir hier bescheiden-vorsichtig errechnete Zahl von anderthalb Millionen Juden, die zwischen 1933 und 1963 aus dem deutschen Machtbereich in andere Länder ausgewandert oder auch nur statistisch untergetaucht sind, muß mit der vorhandenen Ausgangszahl von 1939 und mit der Abschlußzahl von 1963 in möglichst genaue Beziehung gesetzt werden. Das aber stößt auf Schwierigkeiten; denn zwischen 1933 und 1945 hat man sich so gut wie gar nicht mit europäisch-jüdischen Volkszählungen befaßt; man nimmt lediglich an, daß im Jahr
{236}
1939 in ganz Europa insgesamt 9,5 Millionen Juden wohnten. Von dieser Zahl gehen nun aber jene Juden ab, die zwischen 1933 und 1939 aus Deutschland auswanderten; doch diese Zahlminderung hat man bis heute statistisch noch nicht berücksichtigt, und wir wissen nur, daß Leon Poliakov die Gesamtzahl der jüdischen Auswanderung aus Deutschland für die Zeitspanne von Anfang 1933 bis Ende 1942 (wobei er die Zahlen der sog. Wannsee-Konferenz noch um 14 Monate weiterführte) zuverlässig mit 557,357 Köpfen errechnet hat. Diese Zahl lasse ich hier erst einmal aus dem Spiel; das Gleiche gilt von den durch das Hitler-Regime bedingten jüdischen Geburten-Rückgängen und anderweitigen Einbußen, um welche die genannte Zahl von 9,5 Millionen europäischer Juden sich zusätzlich verringert.
Doch halten wir zunächst an diesen 9,5 Millionen fest, lassen wir auch die 3,5 Millionen gelten, die nach dem Abzug der ominösen "Sechs Millionen Opfer" übrig geblieben sein müßten, und stellen wir jetzt die 1,5 Millionen meiner obigen Liste in Rechnung: Sie müssen entweder von den 9,5 Millionen abgezogen oder aber zu den 3,5 Millionen hinzugezählt werden. Ziehe ich sie jedoch von jenen "Sechs Millionen" ab, so ergäbe sich zunächst ein Rest von 4,5 Millionen in Europa umgekommener Juden. Aber auch diese Zahl ist noch keineswegs stichhaltig; denn sie dürfte viel zu hoch gegriffen sein - nicht nur im Hinblick auf meine überaus vorsichtigen Schätzungen bei den 1,5 Millionen, sondern auch in Anbetracht der sonstigen Schwankungen in der großen Zahlenbilanz.
Weitere Anhaltspunkte gibt auch hier wieder der um Ostern 1963 veröffentlichte Bericht des "Institutes für Judaistik", dessen Leiter, Dr. Robinson, zu seiner Bevölkerungsschätzung erklärt, daß durch die nazistische Vernichtung des europäischen Judentums dieses seine Stellung als Zentrum des Weltjudentums eingebüßt habe: denn vor dem Zweiten Weltkrieg habe sein Anteil am Weltjudentum 58 vH ausgemacht; heute aber sei er auf 30 vH zusammengeschmolzen. - Soweit Dr. Robinson. Lege ich nun die Gesamtzahl von 16 Millionen aus dem Jahr 1939 zugrunde und nehme von ihr 58 vH, so ergibt das 9 280,000 Juden, die 1939 in Europa lebten. Nach früheren Schätzungen sind es aber 9 500,000 gewesen; diese Zahl wäre somit um 220,000 Köpfe zu hoch angesetzt worden.
Man sieht: aus verschiedenen Zählungs-Sparten errechnen sich Hunderttausende jüdischer Seelen, die von der geschätzten Opferzahl noch abgezogen werden müssen, wenn wir der Wahrheit so nahe wie möglich kommen wollen. Ich fasse diese Zahlengruppen jetzt zusammen: aus dem vorigen Absatz die 220,000 Köpfe, aus der Poliakov-Statistik die reichlich 557,000 unberücksichtigten jüdischen Auswanderer aus
{237}
Deutschland, aus meiner eigenen Aufstellung (1,5 Millionen) die absichtlich verringerte Zahl von allermindestens 300 000 Abwanderern, und schließlich aus unerfaßbaren Scharen weitere rund 100 000 jüdische Seelen - in summa 1 177,000 Juden. Diese Zahl muß von den auf 4,5 Millionen geschätzten Opfern abgezogen werden; danach bleibt die Zahl von 3 323,000 Juden, die im Machtbereich des Hitler-Regimes getötet, umgekommen und gestorben sind.
Ich glaube mit der Errechnung dieser Zahl der geschichtlichen Wahrheit so nahe gekommen zu sein, wie das bis heute unter den obwaltenden erschwerenden Umständen überhaupt möglich ist. Meine Zahl deckt sich annähernd mit den von Pater Daniel Rufeisen und vom IfJ im Jahr 1963 bekanntgegebenen Zahlen, nach welchen - unter Zugrundelegung einer jüdischen Gesamtbevölkerung von 13 Millionen im Jahr 1963 - die Zahl der jüdischen Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg bei etwa 3,1 Millionen, vielleicht auch etwas höher liegt.
Auch in einer, in einem Schweizer evangelischen Pressedienst veröffentlichten Statistik ist von 13 Millionen Juden die Rede.
Den Zahlendschungel könnte man mehr oder weniger entwirren, wenn man dieses Problem von einer Seite her betrachtet, die bis jetzt ignoriert wurde. Bis zum 30. Juni 1965 wurden in der BRD etwa 3 374 020 Anträge von Entschädigungsberechtigten registriert. Es handelt sich dabei selbstverständlich um Antragsteller außerhalb des osteuropäischen Raumes. Unter diesen befinden sich auch Nichtjuden. Um jeden Angriff im vorhinein die Spitze abzubrechen, veranschlage ich die Juden mit der - natürlich viel zu niedrig gegriffenen - Zahl von zwei Millionen.
Laut Angaben des IfJ leben in den osteuropäischen Staaten vier Millionen Juden. Auch hier setze ich die Zahl jener, die als Verfolgte des NS-Regimes in Betracht kommen, so niedrig wie nur möglich an, nämlich mit zwei Millionen. Dann ergibt dies vier Millionen am Leben gebliebener ehemals verfolgter Juden. Jetzt erhebt sich die Kardinalfrage: Wohin mit diesen vier Millionen? Soll man diese vier Millionen von den angeblich hingemordeten sechs Millionen in Abzug bringen? Oder soll man sie - als die glücklich Überlebenden - zu den angeblichen sechs Millionen addieren? Wenn ich den zweiten Weg gehe und zähle zu den auf diese Weise erhaltenen zehn Millionen Juden jene zwei Millionen, die ich oben als Nichtverfolgte im osteuropäischen Raum angenommen habe, so gelange ich zu der Zahl zwölf Millionen.
Hier möchte ich ausdrücklich auf ein weiteres Moment verweisen: Zweifellos leben im außerosteuropäischen Raum viele ehemals NS-
{238}
verfolgte Juden, die entweder den Stichtag zur Eintragung versäumt haben oder vom prinzipiellen Standpunkt aus die Registrierung ablehnen.
Aber nicht einmal die unseriöseste Statistik nennt eine zehn Millionen übersteigende Zahl von Juden, die in Europa zu Beginn des zweiten Weltkrieges gelebt haben. Selbst wenn ich nun die keinesfalls zutreffende Zahl von zehn Millionen als richtig unterstelle, verbleiben noch immer zwei Millionen. Und wohin mit dieser Zahl?
Dr. M. Weichert, Autor der Bücher "Krieg" und "Jüdische Selbsthilfe 1939-1945" schreibt: ". . . daß die Zahl der jüdischen Kämpfer in den verschiedenen regulären Armeen und in Partisanengruppen bis heute nicht ganz erfaßt ist. Ihre Zahl wird auf 1 1/2 Millionen geschätzt."
Dr. Hans Frank, ehemaliger Reichsminister und Generalgouverneur schreibt in seinem Buch "Im Angesicht des Galgens" auf Seite 392, daß: ". . . einige Millionen unschuldiger Menschen (Juden), . . . getötet worden sind." Hochhut dagegen schreibt von: ". . . dem Mord an 1 800 000 Juden durch die Nazis."
Auch diese Erwägungen könnten einem Fachmann auf dem Gebiete der Statistik als Anregung zu Nachforschungen dienen. Paul Rassinier gibt in seinem Buch: "Das Drama der Juden Europas" auf S. 270 die Zahl der "Jüdischen Nazi-Opfer" mit 1 485 292 an.
Wie gesagt: auch diese Zahl darf nur als eine angenähert genaue, - ja sie muß sogar als unwahrscheinlich hoch gelten, wenn wir die vom Internationalen Roten Kreuz in Genf nach 1945 veröffentlichten Ziffern der während des Zweiten Weltkriegs durch deutsche Gewaltsamkeiten Umgekommenen in Betracht ziehen, die nur ein Zehntel bis höchstens ein Sechstel der von mir errechneten Zahl ausmachen, und wenn man gar bedenkt, daß es sich bei ihnen nicht nur um Juden, sondern um sämtliche "politisch, rassisch und weltanschaulich Verfolgten" handelt.
Es muß daher nochmals betont werden: alle von Juden und von Nicht-Juden bisher errechneten Opferziffern werden solange umstritten bleiben, bis das Weltjudentum und der Zionismus in der Lage, vor allem aber gewillt sind, der Öffentlichkeit genaue amtliche Verlustlisten vorzulegen. Solange das nicht geschieht, ist und bleibt die Welt auf private Ermittlungen angewiesen, zu denen auch ich nach bestem Wissen und meinem jüdischen Gewissen beizutragen mich bemüht habe. Gilt es doch auch hier, eine völker-vergiftende Legende unschädlich zu machen und mitzuhelfen an der Niederlegung von Tabus, die den Unfrieden in der Welt zu verewigen und die wahre Menschlichkeit abzuwürgen versuchen.
Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zum vierten Kapitel
Zum sechsten Kapitel
Back to Archive