Geschichtliche Korrekturen

Wie in Wissenslücken geschichtliche Unwahrheiten wuchern

Von Dr. Alfred Schickel

Unterstellt man, daß geschichtliche Unrichtigkeiten Folgen lückenhafter Kenntnis der Vergangenheit sind, gibt es noch einige Wissenslücken zu schließen.

Das erweist sich deutlich bei der Diskussion über die angestrebte deutsch-tschechische "Schlußstrich-Erklärung". Da werden Stimmen laut, die Vermutungen als Tatsachen ausgeben und diese unbedenklich als moralische Druckmittel einsetzen.

Etwa die Behauptung, daß Deutschland gegenüber den tschechischen NS-Opfern noch in materieller Entschädigungsschuld stünde und diese Verpflichtung mit der Annahme der angemahnten "Abschluß-Erklärung" erfüllen müsse. Jede weitere Verweigerung schädige den Ruf der Deutschen und sei den hochbetagten Überlebenden des "Dritten Reiches" nicht zuzumuten.

Sich auf tschechischen Befehl ohrfeigende deutsche Kriegsgefangene. Erst kam die Erniedrigung und dann der Tod durch Erschießen.

Mit dieser Forderung scheinen nicht nur die deutschen Wiedergutmachungsansprüche beiseite geschoben, sondern auch der ganze Vorgang der Vertreibung relativiert. Gelte es doch erst einmal, deutsche Schuld abzutragen, bevor man die Ausweisung der Deutschen aus ihrer Heimat moralisch als Unrecht qualifiziert.

Wertungen und Forderungen, gegen die es offensichtlich kein vertretbares Argument gibt, will man nicht als unmoralisch oder unbelehrbar erscheinen. Da macht es sich fast besser, gleich auf die eigenen Ansprüche zu verzichten und großzügig die vorgelegte Rechnung zu begleichen.

Es sei denn, man macht sich die Mühe, die im Zusammenhang mit der "'Abschluß-Erklärung" oft erwähnten "Benesch-Dekrete", die den Sudetendeutschen die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft aberkannten und ihnen entschädigungslos das gesamte Vermögen nahmen, einmal genau zu lesen.

Da wird man feststellen, daß die Entschädigung der NS-Opfer in ihnen ausdrücklich geregelt wurde. So benannte das »Dekret des Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik vom 21. Juni 1945 über die Konfiskation und beschleunigte Aufteilung des landwirtschaftlichen Vermögens der Deutschen, Magyaren wie auch der Verräter und Feinde des tschechischen und slowakischen Volkes« im Paragraph 7 Abschnitt 6: »ehemalige politische Häftlinge und Deportierte und ihre Familienangehörigen und gesetzlichen Erben« als »Personen mit Vorzugsrecht auf Zuteilung« des enteigneten Vermögens. Und im Paragraphen 12 desselben Dekrets wird das enteignete Vermögen als »Ersatz der Kriegsschäden und der Schäden, die dem Vermögen von Personen, welche während der Zeit der Okkupation aus nationalen, politischen und rassischen Gründen verfolgt wurden«, bezeichnet. Mithin sollten die NS-Opfer aus dem Erlös des entschädigungslos enteigneten sudetendeutschen Vermögens versorgt werden. Das auf rund 120 Milliarden Golddollar veranschlagte Volks- und Privatvermögen der vertriebenen Sudetendeutschen dürfte mehr als ausreichend gewesen sein, um die Wiedergutmachungsansprüche der NS-Opfer abzugelten. Wenn die tschechische Regierung jedoch jetzt die Entschädigung dieser Menschen durch Deutschland anmahnt, ist die Tschechoslowakei der im angeführten "Präsidenten-Dekret" eingegangenen Verpflichtung bis heute nicht nachgekommen. Sollte dies aus Nachlässigkeit oder besonderen politischen Gründen verabsäumt worden sein, stellte sich die moralische Pflicht zur umgehenden Einlösung an Prag bzw. die Empfänger des sudetendeutschen Vermögens. Im anderen Falle erhöbe sich die Frage nach der Verbindlichkeit und Gültigkeit des "Präsidenten-Dekrets", da eine lediglich partielle Wirksamkeit einiger Bestimmungen jener Präsidenten-Verfügung jedem Rechtsverständnis widerspräche. Entweder gilt das "Präsidenten-Dekret" in allen seinen Teilen - oder es ist vom Anfang bis zum Ende nichtig. Jede andere Auslegung wäre willkürlich und mit der überkommenen Rechtskultur unvereinbar, wie sich im übrigen das ganze "Dekret" samt seinen Vorgängern und nachfolgenden Verfügungen letztlich außerhalb der gültigen Rechtsordnung stellt. Es basiert auf der Annahme einer Kollektivschuld der Sudetendeutschen und weist rassistische Tendenzen auf, Merkmale, die nicht zur westlichen Werte- und Rechtsgemeinschaft passen und der Tschechischen Republik den Eintritt in die Europäische Union erschweren, wenn nicht gar verwehren könnten. Eine förmliche Außerkraftsetzung der "Benesch-Dekrete", wie sie seit Jahren von der Sudetendeutschen Landsmannschaft und den bayerischen Schirmherren der Sudetendeutschen gefordert wird, wäre daher der rechtlich sauberste Weg zu einer deutsch-tschechischen Einvernahme, in deren Gefolge dann auch die Entschädigung der NS-Opfer geregelt werden könnte.

Das mit ermordeten Sudetendeutschen halb gefüllte Massengrab im Miröschauer Schloßpark. (Quelle beider Bilder: TV Sendung "Hrob. Na vlastni oci" des tschechischen Privatsenders Nova, CNTS, Frühjahr 1996.)

Als logische Konsequenz ergäbe sich dann auch die Annulierung des sogenannten »Gesetzes über die Rechtmäßigkeit der mit dem Kampfe um die Wiedererlangung der Freiheit der Tschechen und Slowaken zusammenhängenden Handlungen« vom 8. Mai 1946, das alle von Tschechen und Slowaken an Deutschen begangenen Straftaten nachträglich für straffrei erklärte. Wörtlich hieß es im Paragraphen 1 dieses »Gesetzes«:

»Eine Handlung, die in der Zeit vom 30. September 1938 bis 28. Oktober 1945 vollbracht wurde und die die Beihilfe zum Kampfe um die Wiedererlangung der Freiheit der Tschechen und Slowaken zum Ziele hatte oder auf die gerechte Vergeltung der Taten der Okkupanten oder deren Helfershelfer abzielte, ist auch dann nicht widerrechtlich, wenn sie sonst laut den geltenden Vorschriften strafbar wäre«

Eine "gesetzliche" Ausnahmeregelung, die an die posthume "Rechtfertigung" der Morde beim sogenannten "Röhm-Putsch" von 1934 erinnert.

Wie diese entschieden zu verurteilen sind, haben auch ihre potenzierten Nachahmungen im Sommer und Herbst 1945 keinen Platz in der Menschenrechtsgemeinschaft des christlichen Abendlandes. Bemerkenswert erscheint die im "Gesetz" gezogene Zeitspanne, welche sich vom Abschluß des Münchener Abkommens 1938 bis zum 3. Tag nach Erlaß des letzten "Benesch-Dekrets" über die Beschlagnahmung des gesammten Vermögens der Deutschen erstreckt. Offensichtlich sollten damit alle in den insgesamt 6 "Benesch-Dekreten" enthaltenen Rechtswidrigkeiten nachträglich "rechtlich" abgedeckt und damit ihr Inhalt unangreifbar gemacht werden. Die Gültigkeitsbestätigung der "Dekrete" durch den Obersten Tschechischen Gerichtshof im Jahre 1995 erhärtet diesen inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem "Gesetz" vom 8. Mai 1946 und den sogenannten "Benesch-Dekreten".

Eine weitere Wissens- und Kenntnislücke, in welche sich zunehmend mehr Vorurteile einnisten, klafft über Schicksal und Rolle der Sudetendeutschen in den Jahren 1918/19 und 1938/39. Daß den Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien nach Ende des Ersten Weltkriegs das versprochene Selbtbestimmungsrecht gewaltsam von den Tschechen verweigert wurde und die gegen ihren erklärten Willen in die neu gegründete »Tschecho-Slowakei« gezwungenen Sudetendeutschen schon im März 1919 über 50 Blutopfer zu beklagen hatten, scheint den hiesigen Kritikern der Sudetendeutschen Landsmannschaft weitgehend unbekannt. Ebenso die Tatsache, daß die Sudetendeutschen keinerlei Verantwortung für die Geschehnisse um die Errichtung des reichsdeutschen »Protektorates Böhmen und Mähren« im März 1939 trifft. Die Ernennung des in Karlsbad geborenen sudetendeutschen Abgeordneten der tschechoslowakischen Nationalversammlung Karl Hermann Frank zum »Staatssekretär beim Reichsprotektor« bzw. »Staatsminister für Böhmen und Mähren« wurde von der Reichsregierung in Berlin vorgenommen und nicht von den Sudetendeutschen betrieben.

Ganz und gar unbekannt ist offensichtlich auch der Umstand, daß die von Frank im Prager Parlament führend mitvertretene »Sudetendeutsche Partei« bei den Nationalwahlen am 19. Mai 1935 die meisten Stimmen auf sich vereinigte und dem amtierenden tschechoslowakischen Staatspräsidenten, Tomas G. Masaryk, eine Beteiligung an der Prager Regierung angeboten hat, wie auch die im Parlamentsprotokoll festgehaltene Erklärung Franks, daß die »Sudetendeutsche Partei« die Hand zum inneren Frieden reiche in der Überzeugung, »daß im Rahmen der Tschechoslowakei ein auf gegenseitiger Achtung des Lebensrechtes aufgebautes Verhältnis zwischen den einzelnen Nationen möglich« sei. Die von Karl Hermann Frank 1939 übernommene Mitbeteiligung an der Protektoratsregierung unter Konstantin von Neurath traf allein seine Person und brachte ihm bekanntlich am 22. Mai 1946 in Prag den Tod am Galgen ein - während Konstantin von Neurath vom »Internationalen Militär-Tribunal« der vier Hauptsiegermächte in Nürnberg "nur" zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, die er vorzeitig verlassen durfte.

Weitere Parteifreunde und Parlamentskollegen Karl Hermann Franks, wie Hans Krebs und Ernst Kundt, büßten gleichfalls ihre persönliche Verstrickung in die politischen Ereignisse der frühen vierziger Jahre mit ihrem Tode. Ein Schicksal, dem sich andere, wie Konrad Henlein, durch Selbstmord entzogen. Diesen "Einzeltätern" standen Tausende von Sudetendeutschen gegenüber, die ihre Ablehnung des nationalsozialistischen Regimes mit Verfolgung, Flucht und Deportation bezahlen mußten. Die wenigsten von ihnen sind hierzulande der Öffentlichkeit bekannt. Allenfalls noch der frühere Vorsitzende der sudetendeutschen Sozialdemokraten und nachmalige SPD-Bundestagsabgeordnete, Wenzel Jaksch, der in seinem Londoner Exil von 1939 bis 1945 vergebens gegen die Vertreibungspläne des Edvard Benesch kämpfte und bis zu seinem Tode am 27.11.1966 für das Heimatrecht seiner Landsleute eintrat.

Nur den Archivaren der »National Archives« in Washington und den Mitarbeitern der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) scheinen die über zehntausend politischen Häftlinge aus dem Sudetenland bekannt zu sein, die von der »Geheimen Staatspolizei« (Gestapo) des NS-Regimes in Konzentrationslager verbracht worden sind. So weisen die im ZFI-Archiv aufbewahrten Faksimilia aus dem »Zugangsbuch des KL Dachau« vom Jahr 1938 bereits Hunderte von Namen sudetendeutscher Häftlinge auf, die am 27. November 1938 in das KZ Dachau eingeliefert worden sind. In den Jahren 1938 und 1939 hat man die verhafteten Sudetendeutschen beim Vermerk ihrer Staatsangehörigkeit offenkundig noch nicht als »Deutsche« geführt, sondern mit der Bezeichnung »SD« (»Sudeten-Deutsche«) in die Zugangsbücher eingetragen. Eine Unterscheidung, die auffällt, da mit dem »Gesetz über die Wiedervereinigung der sudetendeutschen Gebiete mit dem Deutschen Reich« vom 21. November 1938 »die alteingesessenen Bewohner der sudetendeutschen Gebiete« zu »deutschen Staatsangehörigen« erklärt worden waren und die sudetendeutschen Männer ab sofort ihre Wehrpflicht in der Deutschen Wehrmacht abzuleisten hatten. Eine staatsbürgerliche Pflicht, die nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen wachsenden Blutzoll forderte, der ihren tschechischen Geschlechtsgenossen im »Protektorat« erspart geblieben ist, was neben der in Böhmen und Mähren vorherrschenden besseren Ernährungslage im übrigen auch zu heimlichen Neidgefühlen gegenüber den Tschechen Anlaß gab, die sich obendrein auch vor den alliierten Bombenangriffen sicher fühlen durften. Alles Vorgänge und Tatsachen, die in den verbreiteten Wissenslücken zu verschwinden scheinen oder die Sudetendeutschen nicht vor dem Fehlurteil verschonen, letztlich nur »von Tätern zu Opfern« geworden zu sein. Ein geschichtlicher Irrtum, den es endlich zu korrigieren gilt.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(3) (1997), S. 199ff.


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