Deutschland und seine Neurosen
Hans Wahls im Interview
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F: |
Verehrter Herr Wahls, von Ihnen wurde im Jahre 1987 durch die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt eine Studie zur Authentizität des Wannsee-Protokolls publiziert. Wie sind Sie in Berührung zu diesem Thema gekommen? |
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A: |
Anfang 1982 beschaffte ich mir in Ablichtungen eine große Anzahl von Dokumenten, die die Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg zusammengetragen hat. Darin fand ich auch eine Wiedergabe des als »Wannsee-Protokoll« bezeichneten Dokumentes. Einige andere Stücke der Sammlung mit allen Anzeichen der Echtheit nahmen mir damals fast den Mut, mich mit der Authentizität des in Frage stehenden Papiers zu beschäftigen. Wenn ich es tat, so bewegte mich fast die Hoffnung, ich könne meinen Teil zum Nachweis der Echtheit beitragen. Doch war ich schon von manchen Zweifeln geplagt. |
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F: |
Die Quintessenz Ihres Gutachten lautet, daß die Authentizität des Wannsee-Protokolls äußerst fraglich ist. Diese Schlußfolgerung wurde nun schon vor Ihnen und auch immer wieder nach Ihnen von verschiedenen Revisionisten gezogen, ohne daß bekannt geworden wäre, daß die Öffentlichkeit oder auch nur einzelne Historiker diese These aufgegriffen hätten. Haben Sie auf Ihr Gutachten, das doch immerhin von einem halbwegs renommierten Institut publiziert wurde, irgendeine Resonanz erhalten? |
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A: |
Meine Untersuchungen zur Echtheitsprüfung des Papiers beschränkten sich auf dessen Überlieferungsgeschichte. In meiner Arbeit habe ich dargelegt, daß formale Untersuchungen und eine inhaltliche Prüfung des gesamten Textes mangels eigener Möglichkeiten entfallen mußten. |
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F: |
Wie erklären Sie sich, daß weder die Öffentlichkeit noch die Geschichtswissenschaft dieses Thema aufgreift? Liegt es an der mangelnden Qualität der vorgelegten Arbeiten? |
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A: |
Die breite Öffentlichkeit kann sich unmöglich mit Dingen, die zeitlich so weit zurückliegen, beschäftigen. Sie bleibt allenfalls auf unbestimmte Kenntnisse angewiesen. |
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Vorordnungsblatt für das Generalgouvernement Nr. 98, 14.11.1992: »Polizeiverordnung über die Bildung von Judenwohnbezirken in den Distrikten Radom. Krakau und Galizien [...] (1) Juden, die den Vorschriften das § 2 zuwiderhandeln, werden nach den bestehenden Bestimmungen mit dem Tode gestraft.« |
Bekanntmachung der SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau, 27.11.1943: » Durch das Standgericht der Sicherheitspolizei sind wegen begangener Straftaten, nämlich wegen Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation, Banditenhilfe, Judenbeherbergung, Waffenbesitz [...] zum Toder verurteilt worden [...]« |
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Auch ohne industriellem Massenmord kann man die NS-Judenpolitik nur als rücksichtslos brutal bezeichnen. Vergrößern durch Anklicken |
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F: |
Nun steht der Fall des Wannsee-Protokolls ja nicht isoliert da, sondern ist nur herausragendstes Beispiel einer Reihe von z.T. recht radikaler Dokumenten- und Aussagenkritiken von revisionistischer Seite, und auch hier zeigen die Berufshistoriker eine merkwürdige Abstinenz. Macht sich die professionelle Geschichtswissenschaft nicht allgemein unglaubwürdig, wenn sie ihr ureigenstes Feld der Dokumentenkritik dem Laien überläßt? |
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A: |
Ich kann nicht beurteilen, inwieweit „die" Fachwissenschaft Dokumentenkritik betreibt. Überlegungen zur Opportunität werden bei der Auswahl eine Rolle spielen. Für den forschenden Laien gilt Ähnliches. Er muß sich zurückhalten, will er seine bürgerliche Existenz nicht gefährden. Eine solche Zurückhaltung kann nicht von jedermann durchgehalten werden. Solche Männer und Frauen, die sich dazu nicht in der Lage sehen, verdienen hohe Anerkennung und Unterstützung. |
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F: |
Kann es nicht auch negative politische Folgen haben, wenn Verantwortungsträger in Wissenschaft und Politik es mit ihrer Pflicht nicht so genau nehmen? |
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A: |
Es ist eine Binsenwahrheit, daß alle Verhaltensweisen von Verantwortungsträgern im Wissenschaft und Politik Folgen nicht voraussehbarem Ausmaßes haben. Mein in diesem Zusammenhang auf den ersten Blick ungewöhnliche Hinweis auf die „normative Kraft des Faktischen" mag hier erlaubt sein. Faktisch hängt die Anerkennung der Bundesrepublik als zur westlichen Wertegemeinschaft gehörend von dem Bekenntnis zu den „Pfeilern" Alleinschuld und Holocaust ab. Es mag nicht auszuschließen sein, daß viele „Verantwortungsträger in Wissenschaft und Politik" dies auch so sehen, aber dabei innenpolitische Verwicklungen im Interesse einer für notwendig angesehenen Außenpolitik in Kauf nehmen. |
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Faktisch hängt die Anerkennung der |
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F: |
Sie haben in ihrem Buch Geschichtsklitterung als Staatsräson die These aufgestellt und begründet, daß die Staatsräson der Bundesrepublik neben der Westbindung, den Rechtsnormen und dem Grundgesetz auch die Anerkenntnis der Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg beinhaltet. Warum findet man bei Ihnen den Holocaust als zentrales Geschichtsereignis bundesdeutscher Identitätsstiftung und damit als Fundament bundesdeutscher Staatlichkeit nicht? |
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A: |
In meiner Schrift Geschichtsklitterung als Staatsräson hat auch das Thema »Holocaust« seinen angemessenen Platz. Dies übrigens im gleichen Sinne auch schon in meinem Buch Die Drachensaat (1989). Doch habe ich wohl nicht hinreichend genug meine Auffassung deutlich gemacht, daß die schon erwähnten „Pfeiler" zur gegenwärtigem nationalen Existenzsicherung gehören. Das mag bei einer evtl. Überarbeitung des Buches geschehen. |
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F: |
Als Angehöriger der älteren Generation haben Sie selbst den Zweiten Weltkrieg erlebt. Haben Sie, um mit von Weizsäcker zu sprechen, gewußt, daß die Deportationszüge rollten und daß deren Zweck die Vernichtung der Juden war? Was haben Sie diesbezüglich damals erlebt und gewußt? |
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A: |
Als Soldat auf vielen Urlaubsreisen habe ich Güterwagen mit durch Stacheldraht versehenen Fenstern beobachtet, hinter denen ich Menschengesichter sah. Es waren Züge, die auf den Strecken zwischen dem Westen und dem damaligen Generalgouvernement verkehrten. Die generelle Bemerkung des Altbundespräsidenten halte ich aber für leichtfertig, und dient nicht dessen Ansehen. |
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F: |
Was haben diese damaligen Erlebnisse damals in Ihnen bewirkt? |
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A: |
Um in einem Bilde zu sprechen: ich rief die Nemesis an: »Diesen Krieg dürfen wir nicht gewinnen.« |
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F: |
Wie beurteilen Sie diese Ihre Erlebnisse heute? In welchem Gesamtzusammenhang ordnen Sie sie ein? |
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A: |
Damals konnte ich nicht ahnen, daß die Göttin zu den Kriegsalliierten gehörte. Auch konnte ich zu dieser Zeit nicht wissen, was sie mit diesen zusammen den Deutschen zugedacht und schließlich verwirklicht hat. |
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F: |
Nun mag es ja nicht ganz ohne Risiko sein, solche Erlebnisse heute zu veröffentlichen, da man von allen Seiten mit Anfeindungen rechnen muß. Warum sprechen Sie dennoch darüber? |
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A: |
Mein Handeln habe ich, manche Zögerlichkeit hinter mir lassend, unter die Devise »Freimut und Wahrheit« gestellt. |
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F: |
Sie sind meines Wissens Mitglied in einer Freimaurer-Loge. Welchen Grad habe Sie dort inne und wenn: welche Funktionen bekleiden bzw. bekleideten Sie? |
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A: |
Einer Freimaurer-Loge gehöre ich an. Die, der ich angehöre, heißt »Freimut und Wahrheit«. Die Freimaurerei ist sehr variantenreich, deshalb spreche ich lieber von Freimaurereien. Es gibt solche, die nur einen Grad »bearbeiten« wie wir das nennen. Die gewissermaßen „klassische" Form umfaßt drei Grade. Daneben gibt es auch die sogenannte Hochgradfreimaurerei, die manchmal hybride Züge aufweist. Ich bin in einer in Schweden entstandenen Sonderform der Maurerei zu Hause, die 10 Grade, die wir »Erkenntnisstufen« nennen, umfaßt. |
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F: |
Ähnlich wie bei anderen Bünden, so gibt es ja auch bezüglich der Freimaurer die Meinung, es handele sich dabei zumindest auf Führungsebene um verschwörerische Organisationen zur Erringung von Macht auch mit unmoralischen bzw. ungesetzlichen Mitteln. In aller Kürze: Was erwidern Sie gewöhnlich auf solche Vorwürfe? |
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A: |
Das Häuflein der Revisionisten ist bunt. Unter diesen befinden sich auch solche, die Verschwörungstheorien anhängen, in denen nahezu immer auch die Freimaurer im Mittelpunkt stehen. Der Solidität deren zeitgeschichtlicher Forschungen begegne ich daher mit Zurückhaltung. Umgekehrt werden solche Revisionisten auch Freimaurern, die das Geschäft betreiben, nicht trauen. Dabei sind die Möglichkeiten, sich näher zu unterrichten, vielfältig. Am einfachsten ist eine Einsicht in die einschlägigen Nachschlagewerke. Ausführliche Darlegung z.B. auch im dtv Lexikon von 1995. Für mich besteht daher die seltsame Lage, daß meine Tätigkeiten als Freimaurer als erwünschte geistige Beiträge durchaus willkommen sind, andererseits meine revisionistischen Bemühungen strafrechtliche Folgen haben können. |
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Zur Person: Hans Wahls wurde am 16. März 1913 in Brüssel als Sohn von Auslandsdeutschen geboren. 1914 übersiedelte die Familie nach Deutschland. 1932 legte Hans Wahls das Abitur ab und war in der Folge kaufmännischer Angestellter. Er wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen und kam 1945 als Unteroffizier in britische Gefangenschaft. Dort war er Lehrer in der Lagerschule. 1948 erfolgte seine Entlassung. Nach achtjähriger Tätigkeit im alten beruf wechselte er 1956 zu einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft, wo er zuletzt als steuerberater tätig war. Er ging 1978 in den Ruhestand, in dem er sich zunehmend mit zeitgeschichtlicheh Fragen beschäftigte Publikationen: 1984: Gefechtsfeld Deutschland im Dritten Weltkrieg, Veröffentlichung der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, Serie Ingolstädter Vorträge, Band 15; 1987: Zur Authentizität des „Wannsee-Protokolls". Veröffentlichung der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, Band 10; 1989: Die Drachensaat. Das kollektive Unbewußtsein der Deutschen, Universitas; 1994: Geschichtsklitterung als Staatsräson, Haag & Herchen; |
Dieses Interview wurde im schriftlichen Verfahren zwischen Herrn Wahls und der Redaktion der Vierteljahreshefte erstellt