1944: Schreckensjahr im Kaukasus

Von Ataullah Bogdan Kopanski

Mehr als die Hälfte der im Jahr 1944 lebenden Bevölkerung Tschetscheniens, Inguschetiens und Dagestans liegt in unbekannten, unmarkierten Massengräbern in Kasachstan und Kirgisistan begraben. Opfer des stalinistischen Terrors gegen diese freiheitsliebenden Völker. Aber Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan überlebten, weil diese Nationen ihren Glauben an den Islam nicht verloren und wegen des unbeugsamen Lebenswillen dieser Völker.

Nach Stalins Tod, wenn unsere Nation wieder frei ist,
komm zu meinem Grab und berichte mir davon.
Ich werde die Freunde über die Freiheit mit dir teilen.

Die letzten Worte des 18-jährigen tschetschenischen Patrioten
Muhammad Yandarbiyev vor seiner Hinrichtung in Leninogorsk, 1949.


Zeitgleich mit der 52. Wiederkehr der Vertreibung der moslemischen Tschetschenen, Dagestanis und Inguschen aus ihrer Heimat im Kaukasus im Jahr 1996 fand eine erneute russische Invasion in Tschetschenien statt.[1] Die Inguschen (oder Inguscheten) und die Tschetschenen sind zwei kleine, im Nordkaukasus beheimatete Völker von zusammen etwa 1,5 Millionen Einwohnern.

Die Moslems in Dagestan[2] waren seit jeher enge Verbündete der Moslems in Inguschetien und Tschetschenien. Diese drei Delikans (mutigen Herzen), die im Jahr 1785 die unabhängige Konföderation des moslemischen Hochlandes namens »Itschkeria« bildeten, erklärten zu jener Zeit den eindringenden Russen unter der Führung von Naib Scheich Mansur (†1794) den heiligen Krieg (Dschihad).

Von ihren Dörfern aus, den »auls«, führten die Jünger (»Murids«) des Naqschbandi-Safi-Ordens einen heldenhaften Guerillakrieg, der sich später zu einem bis 1861 andauernden regulären islamischen Unabhängigkeitskrieg ausweitete. Im Jahr 1961 unterzeichnete dann der legendäre Imam Schamyl Dagestani der Awar (1798-1871) einen Friedensvertrag mit dem russischen Prinzen Bariatinsky. Aber die tschetschenischen, inguschischen und dagestanischen Mudschahedin bzw. Kämpfer des islamischen Glaubens kapitulierten nie.[3]

Nach dem Sturz des zaristischen Rußland im Jahr 1917 revoltierten die Tschetschenen, Dagestani und Inguschen und andere kleine moslemische ethnische Gruppen, wie die Kabardiner, Tscherkessen, Osseten und Karatschais, gegen das neue bolschewistische Regime und gründeten eine unabhängige moslemische Föderation der nordkaukasischen Nationen.

Allerdings wurde diese Konföderation von den westlichen Nationen nicht anerkannt, und die Bolschewisten gründeten ihre eigene »Autonome Sowjetische Bergrepublik« als einen angeblich integralen Bestandteil von Sowjetrußland. Die dagestanischen Muslime erhoben sich gegen das sowjetische Kolonialregime im Jahr 1918 unter der Führung des Naqschbandi Scheichs Uzun Hadschi Dagestani, der im Jahr 1921 im Kampf fiel. Die kommunistischen Behörden verboten im Jahr 1928 sowohl alle arabischen als auch alle lateinischen Schriften und ordneten die Zerstörung von 4.000 Moscheen und islamischen Schulen (Medresahs) im »nordkaukasischen Teil der Sowjetunion« an.[4] Ein Jahr später erhoben sich die Tschetschenen, Inguschen und Dagestanis erneut mit Waffen gegen die antiislamische Tyrannei der Sowjets.[5]

Lawrenti Berija und Josef Stalins Tochter Swetlana

Ein seltenes Foto von Lawrenti Berija und Josef Stalins später ausgebürgerter Tochter Swetlana, aufgenommen 1936 in Stalins Datscha. Zwei Jahre später wurde Berija der Leiter des NKVD. Im Januar 1944 befahlen Stalin und Berija die »Deportation« und »Liquidierung« der Tschetschenen. Berijas Rolle als Stalins Massenmörder begann 1935 mit der Deportation tausender Parteimitglieder aus Leningrad in Arbeitslager nach Sibirien und den 1936 einsetzenden »Säuberungen« Eine Mischung aus Paranoia und Zynismus machten Stalin und Berija völlig unsensible bei der Auslöschung der urkainischen Kulacken, der Tschetschenen und ab 1947 auch der Juden.

Viele kaukasische Moslems glaubten, daß Kunta Hadschi, ein Held des antirussischen Aufstandes der Jahre zwischen 1864 und 1877, von Mekka nach Tschetschenien zurückgekehrt sei, um dort eine islamische Republik zu gründen.[6]

1937 erklärte Josef Stalin, die Nordkaukasier seien ein »unbedeutendes kapitalistisches« Volk, daß aus der Familie der sowjetischen Nationen ausgerottet gehöre. Im Jahr 1938 ordnete er die Massendeportation der kaukasischen Muslime nach Sibirien an. (Als »unbedeutender Kapitalist« oder »Kulacke« wurde bezeichnet, wer mindestens zehn Jahre lang drei Kühe oder 100 Schafe besessen hatte und wer eine »kritische Anmerkung gegen die russische Kommunistische Partei oder den großen Stalin fallen ließ.«)[7]

Der deutsche Einmarsch in die UdSSR unterbrach die Durchführung dieses sowjetischen Völkermordes an den nordkaukasischen Moslems. Wie die christlichen Balten, Ukrainer und Russen, so betrachteten auch die moslemischen Kaukasier und Turkvölker die Ankunft der siegreichen deutschen Soldaten als einzigartige Möglichkeit, die kommunistische Tyrannei abzuschütteln. Die kaukasischen Moslems errichteten ihr Komitee für Nationale Befreiung in Berlin mit Prof. Ahmed Nabi Magoma als Vorsitzenden. Das Nationalkomitee stellte einige bewaffnete Einheiten nordkaukasischer Freiwilliger auf, die an der Seite der Deutschen Armee gegen die Rote Armee kämpften. Als die Rote Armee schließlich, bewaffnet und verproviantiert durch die Vereinigten Staaten, wieder die Oberhand gewann, setzte die moslemische Nationalarmee im Nordkaukasus ihren bewaffneten Kampf in Tschetschenien und Inguschetien fort.

Die sowjetische Tageszeitung Iswestija informierte ihre Leser am 26. Juni 1946 darüber, daß

»zu dem Zeitpunkt, als die Völker der Sowjetunion ihr Vaterland im Kampf gegen die deutschen faschistischen Eindringlinge verteidigten, die Tschetschenen und Krimtartaren, aufgestachelt durch deutsche Agenten, freiwilligen Einheiten beitraten und zusammen mit den deutschen Truppen gegen die Rote Armee kämpften. Außerdem bildeten sie reaktionäre Banden, die im Hinterland gegen die sowjetischen Behörden kämpften. Die Bevölkerung von Tschetschenien, Inguschetien und der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Krim ergriffen keine Gegenmaßnahmen gegen diese Verräter. [Da sie diese als Patrioten ansahen. Anm. des Autors.] Als Konsequenz dieses hinterhältigen Verhaltens wurden die Tschetschenen, Inguschen, Krimtartaren, Dagestanis und maschketischen Türken [gewaltsam deportiert und] in andere Gebieten des UdSSR umgesiedelt.«[8]

Die Ausrottung der Tschetschenen, Inguschen und Dagestanis im Jahr 1944 war ein unaussprechliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ausgeführt von russischen und georgischen Kommunisten. Dieses Verbrechen war nicht ausschließlich das Ergebnis von Stalins Grausamkeit. Die Auslöschung Inguschetiens und Tschetscheniens war ein »wissenschaftliches«, wohldurchdachtes Völkermordprogramm, das mit typisch bolschewistischer Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit durchgeführt wurde. Es spiegelt nicht nur den blinden Haß gegen die Muslime wieder, sondern es war ein kriminelles Experiment zur Massenvernichtung ganzer Nationen im Dienste einer irrationalen Rachepolitik und im Namen der sehr rationalen Ideologie zur Sicherstellung der Stabilität der Sowjetunion.

Am 31. Januar 1944 befahlen Josef Stalin, L. Berija, S.N. Kruglov, A.N. Apolonov, V.N. Merkulov, I.I. Piaschtschev, V.S. Abokumov, E.S. Gruschko, N.P. Stakanov und B.Z. Kobylov dem Obersten Sowjet, einen Erlaß (Ukas) zu beschließen, der zur »Liquidierung« und Deportation der lästigen Tschetschenen aufforderte. Der Chef der Tschetschenen-Abteilung des NKVD (Narodnyi Kommissariat Vnutryenykh Del, die mörderische Geheimpolizei des Innenministeriums der UdSSR), ein Genosse Y. Milstein, erhielt Berijas vertraulichen »prikaz« (Befehl) am 5. Februar. Lavrentyi Berija, der in Georgien geborene sadistische Kopf des NKVD,[9] wußte, daß die Tschetschenische Jugend Widerstand leisten würde. Er befahl daher, daß 1.000 Tschetschenische Wehrpflichtige nach Weißrußland gesandt würden, um gegen sich zurückziehende deutsche Panzer zu kämpfen.

Am 11. Februar wurden 94.741 Tschetschenen, d.h. 20% der gesamten Tschetschenischen Nation, verhaftet und von Exekutionskommandos des NKVD erschossen.[10] Am 23. Februar wurden die alten und kranken Tschetschenen in den Städten Urus-Martan, Starye Atagi und Groznyi von ihren Familien abgetrennt. Sie wurden unter den Augen ihrer Familien in Seen ertränkt und mit Bajonetten erstochen. Junge moslemische Frauen wurden vergewaltigt, bevor ihre Köpfe mittels Gewehrkolben oder Spaten zertrümmert wurden. Kinder wurden vor ihren Eltern massakriert, wenn die zusammengetriebenen Tschetschenen auch nur die kleinsten Anzeichen von Widerstand zeigten.[11]

Im Dorf Chaibach sperrten sowjetische Truppen unter dem Kommando eines Offiziers namens Gveschani 700 moslemische Männer und Frauen in eine Moschee ein und verbrannten sie darin lebend.

Im März 1944 benutzte der Kommissar B.Z. Kobylov, Chef des Narkom NKVD (Narodnyi Kommissariat, eine Sonderabteilung für die Volksangelegenheiten der sowjetischen Geheimpolizei) 194 Züge mit zusammen 12.525 Waggons für die Deportation all jener Tschetschenen, Inguschen und Dagestanis, die die ersten Pogrome überlebt hatten. Sie wurden in Konzentrationslager in Sibirien, Kasachstan und Kirgisistan verschleppt. In jedem Viehwaggon befanden sich 45 Moslems (Männer, Frauen, Kinder) auf einer 25- bis 30-tägigen Reise. Mehr als 200.000 Tschetschenen starben in diesen Zügen an Erschöpfung und Fleckfieber.

Gefangenenlager Nr. 7 bei der Uranerzmine Nr. 25 im Workuta-Petschora-System, Sibirien

Das Gefangenenlager Nr. 7 bei der Uranerzmine Nr. 25 im Workuta-Petschora-System, Sibirien. Im Juni 1946 berichtete die Istwestia, daß »reaktionäre Banden« durch ihre Umsiedlung »in andere Teil der UdSSR« bestraft würden. Die meisten Häftling dieses Lagers starben innerhalb von drei Monaten an Strahlenkrankheiten, woraufhin sie durch andere »Reaktionäre« ersetzt wurden. Die Leichen wurden in Massengräbern in nahegelegenen Tälern begraben, gekennzeicnet mit den Gefangennummern auf Blechbüchsen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde entdeckt, daß man damals aus welchen Gründen auch immer die Schädel der Gefangenen in zwei Hälften gesägt hatte. Weder Lenin, der die sibirischen Todeslager einführte, noch Stalin, der dieses System massiv ausweitete, haben je diese GULag-Gegend besucht.

Mütter bettelten um Wasser für ihre verdurstenden Kinder. Herzlose Wachen verkauften es ihnen für 300 Rubel pro Eimer.[12] Nach Mati Saieva, einer Überlebenden des moslemischen Holocaust in Rußland, wurden die »Todeszüge« von den Direktoren der Ordsonikidse Eisenbahn, Ch.T. Voslanov und K.V. Iltschenko, überwacht. Den Überlebenden von »Spezialkontigenten« wurde erlaubt, in der Öden Steppe nahe der chinesischen Grenze zu verhungern oder zu erfrieren. Nur etwa eine halbe Million Tschetschenen, Inguschen und Dagestanis überlebten die sowjetischen Konzentrationslager.[13]

Schon vor der Vernichtung der tschetschenischen Moslems in den Konzentrationslagern des sibirischen GULags kamen Millionen von nicht-moslemischen Balten, Ukrainern, Weißrussen, Deutschen und Polen in den sowjetischen Todesfabriken am Kolyma, in Magadan, Solovetzkyi, Kray, Leninogorsk und in den Arbeitskolonien entlang der Petschora oder der Lena um. Mehr als 9 Millionen Ukrainer und Kasachen wurden in der Zeit zwischen 1920 und 1939 dem Hundertod ausgeliefert.

Im Jahr 1943 entdeckten die damals noch siegreich deutschen Truppen die Massengräber der sowjetischen Massenerschießungen an polnischen Offizieren und Intellektuellen im vormals sowjetisch besetzten Gebiet bei Katyn, Winniza und anderswo. Die Deutschen luden das Internationale Rote Kreuz und Spezialisten von neutralen Ländern wie Schweden, Spanien und der Schweiz ein. Die Untersuchungskommission des Roten Kreuzes bestätigte die sowjetischen Verbrechen und die polnische Exilregierung unter General Sikorski verurteilte sie. Churchill und Roosevelt blieben stumm. Sikorski und seine Tochter kamen später bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz der Royal Airforce nahe Gibraltar um, und die Berichte des Roten Kreuzes wurden während der Nürnberger Gerichtsverfahren völlig ignoriert.[14]

Die Völker im kommunistischen Osteuropa wurden bis 1989 dahingehend gehirngewaschen, daß »die Nazis es waren«. 17 deutsche Offiziere wurden nach den Nürnberger Tribunalen gehängt. Sie hatten ihre Teilnahme an dem Massenmord von Katyn »gestanden«.

Mehr als 4.000 gefangengenommenen Polen sind bei Katyn durch Schüsse in den Nacken ermordet worden, und viel mehr noch kamen auf der Insel Solovetskiye nahe dem Polarkreis um.

Im Jahr 1990 erklärte das Staatsoberhaupt der UdSSR, Michail Gorbatschow, offiziell, daß der sowjetische NKVD die polnischen Gefangenen in Katyn und anderswo ermordet hat. Später übergab der neue russische Präsident Boris Jelzin, der erst kürzlich einen Krieg gegen die Republik Tschetschenien führte, der polnischen Regierung eine Kopie eines Dokumentes des sowjetischen Politbüros vom 5. März 1940. Das Dokument enthüllt die »höchste Bestrafung« von 14.736 polnischen Armeeoffizieren und weiteren 10.685 polnischen Beamten, die in Gefängnissen bei Starobielsk und Ostaschkov interniert waren.

Die politische Euphorie des Jahres 1990, unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion und ihrem Rückzug aus Afghanistan, verschwand genauso schnell wie die Hoffnungen der Palästinenser, die naiverweise geglaubt hatten, daß ein Abkommen mit den Zionisten der Beginn einer neuen Ära des Friedens im Nahen Osten sein würde.

Die nachsowjetische GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) ist nur die letzte Version des alten sowjetischen Reiches mit einer neuen »demokratischen« Fassade. In der Vergangenheit war das russische Reich bekannt als das Gefängnis der Nationen. Heute ist es der Kerker der Geschichte, aber noch glauben seine Wächter, daß er den Frühling der nationalen und religiösen Freiheit überleben kann.

Die Vertreibung der moslemischen Tschetschenen, Inguschen und Dagestanis dauerte 13 Jahre. Mehr als die Hälfte der damals lebenden Bevölkerung Tschetscheniens, Inguschetiens und Dagestans liegen in unbekannten, unmarkierten Gräbern in Kasachstan und Kirgisistan begraben. Aber Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan überlebten, weil diese Nationen ihren Glauben an den Islam nicht verloren haben und wegen des unbeugsamen Lebenswillen ihrer unbesiegbaren Völker.

Die Tschetschenen, Inguschen und Dagestanis kehrten im Jahr 1956 ins Land ihrer Vorfahren zurück, nach der ersten Krise des Nachkriegskommunismus und während der ersten israelischen, unter dem Schutzschirm der britisch-französischen Besetzung des Suez-Kanals durchgeführten Aggression auf der Halbinsel Sinai.[15] Jetzt, 54 Jahre nach dem sowjetischen Völkermord im Nordkaukasus, haben die Tschetschenen nach ihrem erstaunlichen militärischen Erfolg über die russische Armee ihre flügge gewordene Islamische Republik von Itschkeria wieder gegründet.

Es gibt eine Geschichte, die von den Tscherkessen erzählt wird, die den Kaukasus nach dem Zerfall der islamischen Ordnung in Tschetschenien-Dagestan verließen. Sie berichtet darüber, wie Imam Schamyl - ein legendärer amir-al-mudschahedin von Dagestan (arabisch für »Prinz der Kämpfer um das Vertrauen«), der die Russen fast 20 Jahre lang bekämpfte - im Jahr 1869 Istanbul auf seiner hajj (Pilgerreise) nach Mekka besuchte. Raschid Pascha, ein hoher türkischer Freimaurer und Minister der Regierung von Padischah Abdul Madschid, wollte Schamyl zum Gruß seine rechte Hand reichen. (In einer anderen Version dieser Geschichte soll der Sultan Padischah selbst ihm die Hand angeboten haben.) Schamyl reichte ihm daraufhin seine linke Hand und sagte:

»Als ich Eure Hilfe im Heiligen Krieg gegen die Russen brauchte, habt Ihr mir nur Eure Sympathien für unsere Leiden angeboten.«[16]

Gemäß nahöstlichen Tradition ist es eine Beleidigung, einem die linke Hand zum Gruß zu reichen.

Dr. Ataullah Bogdan Kopanski ist zur Zeit Professor an der Internationalen Islamischen Universität in Selangor, Malaisia, sieht als US-Bürger aber Texas als seine eigentliche Heimat an. Er stammt ursprünglich aus Kattowitz/Oberschlesien (zur Zeit unter polnischer Verwaltung).

(Zuerst veröffentlicht in The Barnes Review, 130 Third St., SE, Washington, D.C., 20003, USA, Bd. IV, Nr. 4, 1998, S. 37-40)


Anmerkungen

[1]»Tschetschene« ist tatsächlich ein russisches Wort, entlehnt einem tschetschenischen Flachlanddorf. Die Tschetschenen nennen sich selbst nicht so, sondern Nochtschi (Singular: Nochtschuo). Ebenso stammt das Wort »Ingushe« von dem Ortsnamen Anguscht ab; die Inguschen, die westlichen Nachbarn der Tschetschenen, nennen sich selbst Ghalghaaj, was historisch gesehen der Name einer Klan-Konföderation ist. »Inguschetien« ist ein Hybridbegriff, wobei die Endung »-eti« dem Georgischen entstammt, das mit dieser Endung Ortsnamen von ethnischen Bezeichnungen ableitet. Der tschetschenische Name für Tschetschenien ist Ischkeria, was historisch der Name der Region der Östlichen Gebirgsausläufer und des Mittelhochlandes im Gebiet Tschetscheniens ist. Das inguschische Wort für Inguschetien ist »Ghalghaatschie«, was traditionell der Name des mittleren und oberen Assa-Tales ist. Nach den Zahlen des Volkszählung von 1989 gab es zu dieser Zeit 237.438 Inguschen und 956.879 Tschetschenen. Das Tschetschenische und Inguschische bilden zusammen mit den Sprachen Batsbi und Tsova-Tusch in Georgien, zwei aussterbenden Minderheitensprachen, den sogenannten Nach-Zweig des Nach-Dagestanischen oder auch Nordostkaukasischen Sprachenfamilie. In dieser Familie gibt es mehr als 30 Sprachen, wovon die meisten in Dagestan, also im Osten von Tschetschenien, gesprochen werden. Nach den Ausführungen der Linguistin Johanna Nichols ist dieser Nach-Zweig etwa 5.000-6.000 Jahre alt. Demnach haben alle drei einheimischen Sprachfamilien des Kaukasus ihre momentanen Ausbreitungsgebiete Jahrtausende vor der Zeit besetzt, als alle heutigen europäischen Sprachen, womöglich mit der Ausnahme des Baskischen.
Das traditionelle tschetschenisch-inguschische System der ethnischen Identität anerkennt frei oder vier Gruppen unter dem Oberbegriff »vaj naax« (unser Volk) und »vaj mott« (unsere Sprache): Tschetschenisch (mit mehreren Dialekten); Inguschisch (eine einheitliche Sprache ohne Dialekte); das Kist des nördlichen georgischen Hochlandes und des oberen Alasani; und schließlich das Mielxii (oder allgemeiner die Sprecher des Galanchozh Dialektes) in den westlichen Gebirgen Tschetscheniens.
[2]Dagestan hatte im Jahr 1990 eine Bevölkerung von 1.823.000. Es hat gemeinsame Grenzen mit Tschetschenien, Aserbaidschan und Georgien. Der Name ist türkisch und bedeutet »Land der Berge«. Dagestan beherbergt mehr als ein Dutzend einheimische ethnische Gruppen; die zahlreichsten sind die Awaren, ein moslemisches Volk mit einer er kaukasischen Sprache, die etwa 28% der Bevölkerung stellen. Andere größere Gruppen sind die Lesghianen, Darginen, Laks, die alle eine kaukasische Sprache sprechen, sowie die Kumyken, die eine Turk-Sprache sprechen. Die Hauptstadt ist Machatschkala.
[3]Vgl. dazu einen Beitrag in The Barnes Review, Bd. 1, Nr. 12, September 1995: »Chechnya and Russia - A Long, Bloody Relationsship« mit mehr über die Tschetschenische Geschichte und die erstaunlichen Leistungen von Imam Schamyl; vgl. auch A. Aidamirov, Chronologiya Istorii Tschetscheno-Inguschetii, Groznyi, Kniga 1991, S. 24-108. Bezüglich des ethnischen und religiösen Hintergrundes der Tschetschenen vgl.: Y.Z. Ahmedov, I.B. Munaev, (Hg.), Tschetschnya i Tschetschantzy v Materialach 19-ogo veka, Elista, Sanan, 1990, passim. (Die letzten beiden Veröffentlichungen sind in russischer Sprache erschienen.)
[4]R. Conquest, Religion in USSR, London, Bodley Head, 1968, S. 67.
[5]Cambridge History of Islam, Cambridge, 1970, Bd. 1, S. 639.
[6]W. Kolarz, Russia and Her Colonies, New York, F.A. Praeger, 1952, S. 187. Nach dem Tod von Schaich Uzun Hadschi Naqschbandi, führte Said Schamyl, ein Enkel des legendären Imam Schamyl der Awar, die islamische Widerstandsbewegung in Dagestan. Im Jahr 1930 wurde ihm in Deutschland politisches Asyl gewährt, wo er den charismatischen Mufti von Jerusalem, Hadschi Amin Husseini, traf. Said Schamyl wurde 1945 von den Briten in Berlin verhaftet und an die Sowjets ausgeliefert. Er wurde im Gefängnis ermordet. Vgl. N.N. Basilov, Kult Svyatych v Islamye, (Der Heiligenkult im Islam), Moskau, Nauka, 1970, S. 13.
[7]Erklärung des Volkskomitees des Nordkaukasus (Severnoy Caukaskiy NARKOM), veröffentlicht in: ABN Correspondence, New York, März-April 1980, zitiert von J.G. Tewari, Muslims Under the Czars and the Soviets, Lucknow, Islamic Research Nadwah Publications, 1984, S. 112f.
[8]Zitiert nach A. Ramanyshyn, Soviet Imperialism in Turkestan, ABN Correspondence, März-April 1976.
[9]Das NKVD, oder Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten, entsprach der frühen revolutionären Tscheka (Spezialkomitee zur Bekämpfung von Sabotage, geleitet von Felix Dscherdschinski) und dessen Nachfolger, dem OGPU. Sie war die effizienteste politische Polizei der Welt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie durch den KGB ersetzt.
[10]R. Myedevedyev, »Tragitscheskaya Statistika« (Tragische Statistiken), in: Argumenti i Fakti, Nr. 5 (1989), S. 6f.
[11]D. Chodjaev (Hg.), Dschivaya Pamiat', O Dschertvam Stalinskich Repressiy (Das lebende Gedächtnis: Über die Opfer der stalinistischen Unterdrückung), Groznyi, Kniga, 1991, S. 8ff.
[12]D. Chodjaev, »Spetzpereselentzy« (Sonderdeportierte), in: Komsomolskoe Plemya, 15. April 1989, S. 7, sowie M. Musaev, »Tak Eto Bylo« (Wie es geschah), in: Groznyienskiy Rabochyi, 8. Dezember 1988, S. 3.
[13]A. Daudov, »Ditzlur Dotzu Denosh« (Unvergessene Tage), in: Leninan Nek, 10. Februar 1989 (in Tschetschenisch); ebenso: Ch. Yandarbiev, Prestuplenye Veka (Wendepunkte des Jahrhunderts), Groznyi, Kniga, 1992, S. 22 (in Russisch).
[14]M. Graczyk, »Upiorny Las« (Schreckenswald), in: Wprost, 4. Juni 1995, Nr. 23, S. 26-28 (in Polnisch).
[15]Ch. Yandarbiev, aaO. (Anm. 13), S. 22-41.
[16]Über den tschetschenischen Dschihad gegen die russische Invasion: M. Hamid, Imam Shamyl, The First Muslim Guerilla Leader, Lahore, Islamic Publications, 1979; L. Blanch, The Sabres of Paradise, New York, Quartet Books, 1979. In Russischer Sprache: R. Magometov, Borba Rortzev sa Nesavisimost' Pod Rukovodstvom Schmila (Der Unabhängigkeitskampf der Hochländer unter dem Kommando von Schamyl), Machatschkala, Fond Schamila, 1991.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(4) (1998), S. 287-290.
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