Berlingske Tidende

Am 24 Januar 1998 veröffentlichte die führende dänische Tageszeitung Berlingske Tidende einen längeren Artikel von Dr. phil. Christian Lindtner, Dozent für indische Sprachen an der Universität Kopenhagen und Gastprofessor an mehreren US-Universitäten, unter dem Titel »Holocaust i nyt lys« (Der Holocaust in neuem Licht). Darin vertrat Lindtner unübersehbar revisionistische Ansichten über die Judenverfolgung im Dritten Reich und wagte es, am Ende des Artikels u.a. auch Standardwerke des Revisionismus als weiterführende Literatur zu empfehlen. Nachfolgend drucken wir eine leicht gekürzte deutsche Übersetzung dieses Artikels ab sowie einen Bericht über die sich an diese Veröffentlichung anschließende Auseinandersetzung in den dänischen Medien.


»Der Holocaust in neuem Licht«

Von Dr. Christian Lindtner

Die internationale Forschung über den Holocaust hat in den letzten Jahren etliche bemerkenswerte Fortschritte erzielt, die freilich - ungeachtet der großen Bedeutung des Themas - kaum Spuren in den dänischen Medien oder in der dänischen Fachliteratur hinterlassen haben. Deshalb sollen hier einige wenige wohldokumentierte Beweise für neue Erkenntnisse angeführt werden, die zu einem nuancierten Bild des heiklen Verhältnisses zwischen Juden und Deutschen beitragen.

Im Dezember 1996 berichtete die englische Presse, ein junger US-Jude, Bryan Rigg, habe während seiner Studien an der Universität Cambridge entdeckt, daß eine große Anzahl Juden in deutscher Uniform, also unter dem Hakenkreuz, gefochten hat. Es handelte sich um mindestens 77 jüdische Offiziere, darunter zwei Feldmarschälle, acht Generalleutnants, fünf Generalmajore und 33 Obersten. Wahrscheinlich lag die wirkliche Zahl höher, denn Rigg hat seine interessante Arbeit noch nicht abgeschlossen.

Nicht weniger als 17 Juden wurden mit dem Eisernen Kreuz für ihre Tapferkeit ausgezeichnet. Rigg fand weiter dokumentarische Belege dafür, daß wenigstens ein Jude in der Waffen-SS gekämpft hat, während ein weiterer im deutschen Propagandabüro in Paris tätig war und zudem das Eiserne Kreuz erster Klasse trug. Der bekannteste unter den Offizieren ist wohl Erhard Milch, der einen jüdischen Vater hatte - ganz zu schweigen vom späteren Kanzler Helmut Schmidt, dessen Schwiegervater Jude war.

Leitkommentar von von Nils G. Hansen, Berlingske Tidende, 24.1.1998

Das Editorial von Nils G. Hansen in Berlingske Tidende, Ausgabe vom 24.1.1998. Zum Vergrößern anklicken.

Riggs Untersuchungen fußen auf ca. 30.000 Originaldokumenten. Da zudem dokumentiert ist, daß Hitler in mehreren Fällen den Einsatz jüdischstämmiger Deutscher unter dem Hakenkreuz guthieß, steht fest, daß es eine unzulässige Vereinfachung ist, zu behaupten, alle Juden seien verfolgt worden, nur weil sie Juden waren [...]

Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß die Deutschen eine Anzahl von Konzentrationslagern eingerichtet haben, in welche Juden eingeliefert wurden und in denen viele ihr Leben verloren. Fast unbekannt ist, daß umgekehrt Konzentrationslager eingerichtet wurden, in denen viele Deutsche umkamen. Dies wurde vom jüdischen Journalisten John Sack aus Idaho dokumentiert, und zwar in seinem Buch An Eye for an Eye (Basic Books, 1993). Im Jahre 1945 errichtete die sowjetische Besatzungsmacht in Polen 1255 große und kleine Konzentrationslager. In diese wurden deutsche Männer, Frauen und Kinder eingeliefert; fast alle waren Zivilisten. Das Ziel lag in der »Entnazifizierung« der Deutschen, und zu diesem Zweck rekrutierten die Russen Juden, die den Aufenthalt in Konzentrationslagern überlebt hatten. Sacks Untersuchungen beruhen teilweise auf Gesprächen mit jüdischen Lagerfunktionären, darunter namentlich Lola Potok, die selbst mehrere Familienangehörige in deutschen Lagern verloren hatte. Das Fürchterlichste sei gewesen, meint Sack, daß sich die Überlebenden selbst wie Nazis gebärdet hätten - oder schlimmer. In Lolas Gefängnis, so Sack, ging es den Deutschen übler, als es Lola in Auschwitz ergangen war. In Auschwitz war die Anwendung von Gewalt gegenüber Häftlingen nämlich nicht gestattet, bei Lola hingegen sehr wohl.

Ein anderer jüdischer Lagerkommandant, Shlomo Morel, berichtete stolz: »Was die Deutschen in Auschwitz in fünf Jahren nicht schafften, schaffte ich in Schwientochlowitz in fünf Monaten.« Sack schätzt, als Folge von Hunger, Krankheiten (Typhus) und Folter seien zwischen 60.000 und 80.000 unschuldige deutsche Männer, Frauen und Kinder ums Leben gekommen. Da ihr einziges Verbrechen darin bestand, Deutsche zu sein, spricht Sack von einem Völkermord.

Sack wurde von Daniel Goldhagen, für den alle Deutsche Hitlers willige Vollstrecker waren, heftig kritisiert. Sack ist mit dieser These gar nicht einverstanden, doch hat Goldhagen keine offene Debatte mit Sack gewünscht. Sacks Buch ist gut dokumentiert, und er hat es geschrieben, da er die Ansicht verficht, man solle anderen keine Missetaten vorwerfen, die man selbst begeht, ohne sie zugeben zu wollen.

Goldhagens Buch Hitler's Willing Executioners (1996) wurde zuerst mit Beifall begrüßt, besonders in linksgerichteten Kreisen. Der u.a. an der Universität Kopenhagen hochgeschätzte (und preisgekrönte) Ideologe Jürgen Habermas verlieh Goldhagen beispielsweise unter Hinweis auf dessen »Medienresonanz« einen Preis in der Höhe von 10.000 DM. Doch hat es sich seither erwiesen, daß diese Resonanz die Forderungen nicht übertönen konnte, die unter normalen Umständen an eine wissenschaftliche Arbeit gestellt werden. (Z.B. taucht auf Seite 407 der englischen Ausgabe eine grobe Bildfälschung auf.) Letzthin hat Goldhagen versucht, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, indem er seine Gegner gerichtlich anzeigte (näheres dazu findet man in Univers, 6.1.1998). Ein Kritiker hat sein Buch als »Hymne des Hasses« bezeichnet.

Man kann nicht über die deutsch-jüdischen Beziehungen sprechen, ohne auch den Madagaskar-Plan zur Sprache zu bringen. Daß die Deutschen erwogen, sämtliche Juden nach Madagaskar zu verschiffen, streift Goldhagen bloß im Vorbeigehen (S. 146). Doch wie die eben herausgekommene Doktorarbeit von Magnus Brechtken Madagaskar für die Juden (München, 1997) zeigt, hat Goldhagen schlechthin unrecht mit seiner Behauptung, die Deutschen hätten nur daran gedacht, Juden zu ermorden.

Karrikatur Berlingske Tidende, 31.1.1998

»Das dänische Kriegsarchiv ist fest verschlossen vor unzeitgemäßen Blicken

- Leider ist der Schlüssel weg.«

Berlingske Tidende, 31. 1.1998

Ebenso wesentlich ist ein alter Plan, europäische Juden nach Madagaskar abzuschieben. Er wurde erstmals 1885 aufs Tapet gebracht und war keineswegs ein rein deutsches Projekt. Die Idee wurde 1923 von einem Engländer sowie 1931 von einem Ungarn aufgegriffen. Den größten Eifer legte man aber in Polen an den Tag, wo Außenminister Beck 1935 eine Arbeitsgruppe ins Leben rief, welche sich mit der Judenfrage in Polen und mit Möglichkeiten zu ihrer Lösung beschäftigen sollte. Der Gedanke, die Juden nach Madagaskar auswandern zu lassen, das damals eine französische Kolonie war, wurde 1937 vom französischen Minister Marius Moutet unterstützt. Die Polen schickten eine Kommission auf die Insel, und es wurde schon bald von einem gemeinsamen französisch-polnischen Projekt gesprochen. Dieses erhielt Unterstützung seitens internationaler Judenorganisationen, und sowohl die englische als auch die amerikanische Regierung zeigten Interesse. Im September 1938 versicherte Hitler dieser Bestrebung seine Rückendeckung, und der polnische Botschafter in Berlin soll versprochen haben, man werde ihm zum Dank in Warschau ein Denkmal setzen.

Die Pläne wurden durch den Kriegsausbruch im Jahre 1939 vereitelt, und die Sache landete auf Himmlers Schreibtisch. Aus einem Himmler-Memorandum an Hitler vom Mai 1940 geht hervor, daß eine systematische Ausrottung des jüdischen Volkes nicht in Betracht kam. Ein Mord an ganzen Völkern sei ungermanisch, heißt es dort. (Auf dieses wichtige Dokument verweist auch Yehuda Bauer in seinem Buch Freikauf von Juden?, Frankfurt 1996). Himmlers Plan lief darauf hinaus, daß nach dem Krieg während vier Jahren täglich 3.000 Juden deportiert werden sollten, so daß die »Endlösung« erreicht sein würde, wenn vier Millionen Juden nach Madagaskar abgeschoben waren [...]

Über Auschwitz sind in letzter Zeit mehrere umfassende Werke erschienen. 1994 publizierte das US-Holocaust Memorial Museum in Washington in Zusammenarbeit mit der Indiana University unter der Redaktion von u.a. Yehuda Bauer, Raul Hilberg und Franciszek Piper das Opus Anatomy of the Auschwitz Death Camp. Als Ergänzung kam später das von D. Dwork und Robert Jan van Pelt verfaßte Buch Auschwitz: 1270 to the Present (New York, 1996) dazu. Beide Werke liefern viele neue Erkenntnisse zum Verständnis der Baugeschichte von Auschwitz-Birkenau. Von unschätzbarem Werte für die Forschung ist, daß die Zentralbauleitung in Auschwitz die Archive intakt zurückließ; dieses Archivmaterial wurde 1945 von den Russen beschlagnahmt. Die Originaldokumente befinden sich heute in Moskau, wo sie für westliche Forscher zugänglich sind. Kopien liegen in Washington. Anscheinend sind sie vollständig.

Auch wenn wir in der für einen Historiker ungewöhnlich guten Lage sind, über die Originaldokumente zu verfügen, bestehen doch einige merkwürdige Lücken, die stets Kopfzerbrechen bereiten. Wann gab z.B. »Himmler dem Kommandanten Höß den Befehl für einen systematischen Judenmord«? Geschah dies 1941, oder 1942? Und wie reimt sich das mit Madagaskar zusammen? Und wo »genau liegen eigentlich die Gebäude, die als Gaskammern zur Menschentötung verwendet wurden«? Das in Auschwitz den Touristen gezeigte Gebäude ist eine kommunistische Nachkriegsattrappe. Sie ist niemals als »Gaskammer« benutzt worden, stellt u.a. Robert Jan van Pelt fest, ein holländischer Jude, der nun an einer kanadischen Universität unterrichtet.

Man kann sich auch nur schwer vorstellen, daß die Leichenkeller der vier Krematorien in Birkenau als Gaskammern hätten verwendet werden können. Das Vorhandensein der Leichen verhinderte dies ja. Hier ist weitere Forschung vonnöten, und man muß erklären, wie und wann Ingenieure, Architekten, Handwerker und Arbeiter Gaskammern errichten konnten, ohne sich auf irgendwelche Zeichnungen, Baupläne etc. zu stützen, wie es allgemeine Praxis ist.

Dank der russischen Archivmaterialien weiß man nun endlich gut über die Sterblichkeit in Auschwitz-Birkenau Bescheid. Wie stets waren die Deutschen gründlich; über alle Geschehnisse, unmittelbar vor der Ankunft der Häftlinge bis zu ihrem Tod oder ihrer Freilassung, wurde genau Buch geführt.

Nachdem sie die Sterblichkeit in Auschwitz-Birkenau jahrzehntelang anhand bloßer Schätzungen kalkuliert hat, besitzt die Forschung jetzt endlich einen festen Anhaltspunkt in Form der Herausgabe der sog. Sterbebücher: Sterbebücher von Auschwitz. Herausgegeben vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Band 1-3 (München/London/Paris 1995).

Wir wissen heute mit Sicherheit, daß über 400.000 Häftlinge in Auschwitz registriert worden sind. Die Anzahl der Todesfälle - mit Angabe von Datum, Namen, Todesursache usw. - geht aus den 46 Bänden hervor. Die »Sterbebücher« umfassen die Periode vom 27.7.1941 bis zum 31.12.1943. Die Gesamtzahl der darin verzeichneten Todesfälle beläuft sich auf 68.864, wozu noch 11.146 in anderen deutschen Originalurkunden auftauchende Namen von in Auschwitz Gestorbenen hinzukommen.

Somit sind 80.010 Todesopfer wissenschaftlich solide dokumentiert, wobei es sich durchaus nicht nur um Juden handelt. Für die Sterblichkeit vor und nach der genannten Periode gebricht es weiterhin an dokumentarischen Unterlagen. Es gibt bisher nur vereinzelte Unterlagen darüber, wieviele Menschen sich für kürzere oder längere Zeit unregistriert in Auschwitz aufhielten.

Wertvoll ist auch die Arbeit, die der französische Apotheker Jean-Claude Pressac mit Unterstützung verschiedener jüdischer Gruppen durchgeführt hat. Sein Hauptwerk ist Auschwitz: Technique and Operation of the Gas Chambers, das unter dem Patronat der Beate Klarsfeld Stiftung erschien (New York, 1989). Leichter zugänglich ist die Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse im Buch Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes (München, 1994). Das Buch wurde in den Medien ausführlich besprochen; es existiert auch auf französisch und norwegisch. Dank der Analysen Pressacs und anderer, wissen wir nun soviel über die Funktion, den Koksverbrauch und die Verbrennungskapazität der Krematorien, daß die Richtigkeit der in den Totenbüchern stehenden statistischen Angaben über jeden Zweifel erhaben sind.

Aus erhalten gebliebenen Fahrplänen und ähnlichen Dokumenten geht hervor, daß Auschwitz für viele lediglich als Durchgangslager diente. Von dort fuhren die Züge mit ihren traurigen Menschentransporten einem oft betrüblichen und ungewissen Schicksal im Norden oder Osten entgegen.

Die hier angeführten Tatsachen sind lediglich einige Streiflichter aus der internationalen Holocaust-Forschung, die in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung durchgemacht hat. Große Überraschungen sind noch zu erwarten.

Es ist erfreulich, daß nicht zuletzt jüdische Autoren wesentlich dazu beigetragen haben, einige der Verzerrungen zurechtzurücken, welche das allgemeine Bild vom Holocaust lange gekennzeichnet haben.

Aus verschiedenen Gründen haben es dänische Forscher beklagenswerterweise versäumt, mit diesen Entwicklungen mitzuhalten. Eine Folge davon ist, daß die gängigen dänischen Nachschlagewerke, Lehr- und Handbücher auf diesem Gebiet in entscheidender Hinsicht gänzlich veraltet und irreführend sind. Dies wiederum heißt, daß der dänischen Öffentlichkeit ein Korrektiv zu Hollywoods Schundproduktion sowie dem Schrott der kommunistischen Kriegspropaganda fehlt.

An Beispielen fehlt es nicht. Während man in alten Lexika und Lehrbüchern lesen kann, in Auschwitz-Birkenau hätten ca. vier Millionen Juden den Tod gefunden, vermeldet Den Store Danske Encyklopaedi (Die Große dänische Enzyklopädie) unter dem Stichwort »Auschwitz«: »Die Zahl der Todesopfer konnte nach der Öffnung osteuropäischer Archive auf ca. eine Million Juden und ca. 150.000 Nichtjuden (u.a. Zigeuner) festgelegt werden. Frühere Schätzungen lagen höher.«

Das ist ganz unwissenschaftlich. Die neuere Zahl ist nur wenig besser belegt als die alte, die zu Recht (aber leider ohne Erklärung) verworfen wird. In beiden Fällen handelt es sich um leere, undokumentierte Behauptungen. Auch hinsichtlich der Kapazität und Funktion der Krematorien kolportiert die Große Dänische Enzyklopädie bedauerlicherweise bloß leere Gerüchte, die von jedem, der sich in die umfassende Fachliteratur einliest, mit Leichtigkeit widerlegt werden können. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß der modernen Forschung keine allgemeine Bestreitung des Holocaust erlaubt ist.

Daß zahlreiche Grausamkeiten stattgefunden haben, ist unbestreitbar. Doch nicht zuletzt die Rücksicht auf die vielen unschuldigen Opfer, die während des Zweiten Weltkrieges und danach ihr Leben verloren haben, macht es uns zur Pflicht, zwischen Mythen und Fakten zu unterscheiden.

(Weiterführende Literatur: Danuta Czech, Auschwitz Chronicle: 1939-1945 (New York 1997); Ernst Gauss, Grundlagen zur Zeitgeschichte (Tübingen 1994); Jürgen Graf, Auschwitz: Tätergeständnisse und Augenzeugenberichte des Holocaust (Würenlos 1994); Israel Gutman u.a., Enzyklopedia of the Holocaust (New York & London, 1990); Vierteljahreshefte für [freie] Geschichtsforschung (Berchem 1997).)

Christian Lindtner

(Entnommen der Kopenhagener Tageszeitung
Berlingske Tidende, 24. Januar 1998)


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(4) (1998), S. 291ff.
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