Bücherschau

Revisionismus im Zerrspiegel des Theaters: Peter Sagals Denial

Peter Sagals Theaterstück Denial (Leugung) wurde zwischen April und Mai 1998 in Highland Park, Illinois, aufgeführt. Es handelt von Bernard Cooper, einem Ingenieurs-Professor (kein Elektrotechniker), der ein Holocaust-revisionistisches Buch geschrieben hat.

Sagals «Denial»

Szene aus dem rezensierten Stück: Der "Holocaust-Überlebende" Noah Gomorowitz (rechts, gespielt von Mike Nussbaum) verliert seine Beherrschung und greift Prof. Cooper (links, Mervon Mehta) an.

Die Chicago Tribune (23. April 1998, Sektion 5, S. 4) meinte in einer Rezension, das Stück »basiert teilweise auf dem Holocaust-Skeptiker Arthur Butz«. Der Chicago Jewish Star (24. April - 7. Mai 1998, S. 12) erklärte, Cooper sei eine »Klonung von Arthur Butz«. Da es also einige Leute gibt, die der Auffassung sind, dieses Theaterstück handle von mir, möchte ich klarstellen, wie ich die Dinge sehe. Es handelt sich daher hierbei nicht um eine Rezension im normalen Sinne. So sollten zum Beispiel diejenigen, die von mir nichts über den Überraschungshöhepunkt erfahren wollen, jetzt aufhören weiterzulesen.

Die Regierung, im Stück repräsentiert durch den Staatsanwalt Adam Ryberg, der die ganze Zeit über eine Jarmulke trägt (jüdisches Käppchen), möchte Cooper wegen Aufstachelung zu Gewalt anklagen, weil es Fälle von Gewaltkriminalität gegeben habe, bei denen die Täter ein Exemplar von Coopers Buch besaßen. Ryberg hat Coopers Akten beschlagnahmt und behauptet, er sei im Besitz einer Aussage eines geheimen, unidentifizierten Informanten.

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung (American Civil Liberties Union) bittet die jüdische Anwältin Abigail Gersten, Cooper zu verteidigen, und sie erklärt sich zögernd einverstanden, auch wenn sie anschließend keine Gelegenheit ausläßt, um ihre Feindschaft Cooper gegenüber auszudrücken.

Ryberg, Cooper und Gersten treffen sich in Gerstens Büro. Zu ihnen stößt Noah Gomrowitz, eine Art Elie Wiesel, der ein Buch darüber geschrieben hat, wie er mit seinem Freund Nathan in Auschwitz die Identität gewechselt habe, woraufhin dieser vergast wurde.

Bei diesem Treffen befragt Cooper Gomrowitz mit einiger Wirkung. Er zeigt, daß Gomrowitz nicht hat wissen können, daß Nathan vergast wurde, weil er nicht Zeuge dessen war. Er nagelt Gomrowitz außerdem auf dessen Behauptung eines Luftangriffes auf Auschwitz fest, Monate bevor tatsächlich der erste Angriff stattfand. Auch wenn die Daten selbst im Stück durcheinander gehen, ist diese Episode deutlich meinem Buch The Hoax of the Twentieth Century entnommen worden (S. 150ff). Tatsächlich stammen viele, wenn nicht alle Argumente Coopers in diesem Stück aus meinem Buch.

Diese Befragung bringt Gomrowitz derart in Rage, daß er Cooper körperlich angreift, der daraufhin zu Boden geht, bevor Ryberg Gomrowitz losreißen kann.

Später, als er mit Gersten alleine in ihrem Büro ist, kann Cooper ihr zeigen, daß vieles von dem, was sie über den Holocaust mit Sicherheit zu wissen glaubt, nicht wahr ist, so zum Beispiel die angeblichen Fabriken zur Herstellung von Seife aus toten Juden oder die Behauptung von Menschentötungsgaskammern in Lagern innerhalb Deutschlands. Auch wenn zu Beginn des Stückes Cooper wie ein dummer Idiot erscheint, so ist er an diesem Punkt zu einem starken Charakter geworden, der sowohl mit historischen Fakten wie mit moralischen Rechtfertigungen umzugehen weiß. Sein Treffen mit Gersten beendet er, indem er bei ihr ein mysteriöses Tonband mit einer Abschrift hinterlegt.

Der Höhepunkt der Handlung ist erreicht, als Ryberg und Gomrowitz erneut in Gerstens Büro erscheinen. Cooper ist nicht anwesend; statt dessen befindet sich dort ein mysteriöser alter Mann, der sich als der angeblich vergaste Nathan entpuppt, den Cooper Monate vorher gefunden und überredet hat, mit ihm ein auf Tonband aufgenommenes Interview zu machen. Gersten folgert, daß diese ganze Affäre von Anfang an eine Intrige Coopers gewesen sei. Sie glaubt, daß Cooper, nachdem er Nathan gefunden hatte, einen Verbündeten überredete, einen geheimen Informanten zu spielen, der die Regierung köderte, so daß diese gegen Cooper vorgehen und ihn vor Gericht stellen würde. Unter diesen Umständen wäre die Enthüllung von Gomrowitz' falscher Behauptung eine Sensation gewesen. Dieses Treffen ist daher von Gersten arrangiert worden, um die Regierung vor dieser entdeckten Falle zu warnen. Gerstens Verhalten wird hier frank und frei so dargestellt, daß es aufgrund dessen einen Anlaß für ihren Ausschluß aus der Anwaltschaft gibt.

Ryberg stellt den Fall ein und bringt einige Kisten mit Coopers Akten in Gerstens Büro. Jetzt werden jene Szenen des Stückes, die zuvor ambivalent waren, eindeutig. Eine irritierende Botschaft dieses Stückes ist, daß man Holocaust-Revisionisten nicht mit strafrechtlichen Maßnahmen oder vernünftigen Argumenten begegnen solle, sondern unter Mißachtung des Gesetzes oder gar mit Gewalt. So zum Beispiel in der Szene, in der jüdische Randalierer, die als Mitglieder der Jewish Defense League (Jüdische Verteidigungsliga) ausgegeben werden, einen Ziegelstein in Gerstens Bürofenster werfen: Sie reagiert darauf, indem sie Coopers Akten zu ihnen aus dem Fenster wirft. Damit endet das Stück, und anscheinend ist dies die Botschaft.

Daß die Anlage dieses Stückes Cooper sogar einige Siege erlaubt, wird zu keinem Zeitpunkt als Grund genommen, ihm auch bloß mit Toleranz zu begegnen. Angenommen, daß Cooper tatsächlich jenen geheimen Informanten mit falschen Angaben einsetzte, um die Regierung auszutricksen, dann hat er ein Verbrechen begangen und sollte daher verfolgt werden. Die illegale Handlungsweise der Anwälte aber und ihre Entscheidung, Cooper nicht vor Gericht zu stellen, wird damit entschuldigt, daß man Cooper kein Podium geben wolle, auf dem er Nathan der Welt vorführen könne. Wir sollen offenbar auch Gomrowitzs Attacke gegen Cooper entschuldigen sowie die Tatsache, daß Coopers Anwältin seine Akten den Terroristen vor die Füße warf.

Ein üblicherweise gegen uns erhobener Vorwurf ist, daß wir »Haß schüren«. Noch nach einem Viertel Jahrhundert warte ich darauf, daß sich irgendwas von diesem angeblichen »Haß« entwickelt. Wir sollten aber dennoch, so glaube ich, auf schuldig plädieren, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil niemand lange suchen muß, um den Haß zu erkennen, der sich gegen uns richtet, weil wir die uns gegebenen kritischen Fähigkeiten nutzen. Dieses Stück ist ein Beispiel dafür. Gerade so, wie die Revisionisten brennend gehaßt werden, so ist der Haß greifbar, der Cooper von allen anderen Charakteren während des ganzen Stückes entgegenschlägt. Ich glaube, daß dieses Stück die Grundlage für einen kommenden Film bildet, in dem Susan Sarandon die Anwältin Gersten darstellen wird. Ich hoffe, daß sich die Botschaft ändert.

Abgesehen davon, daß Cooper ein Ingenieur-Professor ist, ein Holocaust-revisionistisches Buch veröffentlicht hat und einige Argumente benutzt, die durch mein Buch inspiriert wurden, hat er allerdings nur geringe Ähnlichkeiten mit mir. Er ist ein Organisator, ich nicht. Er ist verschlagen, ich nicht. Meine Akten wurden nicht jüdischen Terroristen vor die Füße geworfen. Unglücklicherweise habe ich keinen angeblich vergasten Freund eines berühmten Autors gefunden. Und am wichtigsten ist, daß ich niemals strafrechtlich verfolgt wurde, und daß jene Revisionisten, die in Kanada und Europa verfolgt werden, nach Gesetzen belangt werden, die die freie Meinungsäußerung einschränken und deshalb unmöglich in den USA gelten könnten. Das berüchtigtste unter ihnen ist das Gesetz Fabius-Gayssot in Frankreich, das seit 1990 das Bestreiten von »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« unter Strafe stellt, wie sie im Urteil des Nürnberger Tribunals anno 1946 festgestellt wurden! Mein Freund Robert Faurisson wurde unter diesem entsetzlichen Gesetz mehrfach schwer bestraft. In Deutschland siecht der Übersetzer und Verleger meines Buches Udo Walendy, ein kranker alter Mann, im Gefängnis dahin. Unsere Politiker sorgen sich sehr um die Verletzungen der »Menschenrechte« in China und schauen weg, wenn derartige Verletzungen von ihren Freunden im Herz der westlichen Zivilisation begangen werden.

Arthur R. Butz, 5.5.1998

Entnommen Prof. Dr. A. Butz' Homepage, http://pubweb.nwu.edu/~abutz;
zuerst abgedruckt in The Journal of Historical Review, PO Box 2739, Newport Beach, CA 92659, USA, 17(3) (1998), S. 18f.


 Das Massaker von Oradour. Ein halbes Jahrhundert der Inszenierungen

Vincent Reynouard, Le Massacre d'Oradour. Un demi-siècle de mise en scène, Vrij Historisch Onderzoek, Berchem 1997, 446 S. A4, 190FF (etwa DM 60,-)

Das Ereignis

6. Juni 1944. Die Anglo-Amerikaner landen in der Normandie. Die Partisanen aller Richtungen gründen die französische Résistance und plagen die Besatzungstruppen auf dem ganzen Territorium. Die überraschten Deutschen organisieren ihre Verteidigung sehr schnell, indem sie ein Maximum ihrer Truppen an diese neue Front werfen. 7. Juni 1944. Die Division Das Reich, eine Einheit der Waffen-SS, ist im Südosten Frankreichs stationiert und erhält den Befehl, so schnell wie möglich an die Normandie zu kommen. 10. Juni 1944. Auf ihrem Weg durch Zentralfrankreich, nahe Limoges, einen Tag nach den schweren Kämpfen, die nicht fern von dort in Tulle stattfanden, wird die Division in das blutige Drama von Oradour-sur-Glane verwickelt. Man macht sie für ein wahres Massaker verantwortlich, das in einer kleinen Ortschaft begangen wurde, und bei dem unter schrecklichen Umständen fast die ganze Bevölkerung getötet und die Wohnhäuser und öffentlichen Gebäude verbrannt wurden. Annähernd 650 Opfer sind gezählt worden: die Männer in Scheunen erschossen, Frauen und Kinder bei lebendigem Leibe in der Kirche verbrannt. Seither ist Oradour-sur-Glane das Hauptsymbol der »Nazi-Barbarei« im besetzten Frankreich geworden. Während der Krieg noch nicht beendet, aber das französische Territorium bereits befreit ist, entscheidet die neue Regierung von General De Gaulle, die Ruinen von Oradour zur historischen Stätte zu erklären, um dieses Märtyrerdorf zu einer nationalen Wallfahrtsstätte zu machen.

Die Untersuchungen

Le Massacre d'OradourWährend annähernd dreißig Jahren wurden die Umstände eines Dramas, welches laut der offiziellen Geschichtsversion das klassische Beispiel schlechthin für die »Nazi-Barbarei« darstellt, mit einer Mauer des Schweigens umgeben. Erst in den siebziger Jahren veröffentlichte ein ehemaliger Offizier der Division Das Reich, Otto Weidinger, eine kleine Broschüre, die seinen Aussagen zufolge »die tatsächliche Version der Geschehnisse« enthüllte. Dieser Offizier war bestrebt, die SS von jeglicher Verantwortung für die Tragödie in der Kirche freizusprechen, wo Frauen und Kinder den Tod fanden. Die französische Ausgabe dieser Schrift trug den Titel Tulle et Oradour, une tragédie franco-allemande (Tulle und Oradour. Eine französisch-deutsche Tragödie). Sie wurde vom damaligen französischen Innenministerium sogleich per Dekret verboten. Seither sind in Belgien und Deutschland mehrere Versuche unternommen worden, den Schleier zu lüften, der über den wirklichen Geschehnissen liegt. Die Öffentlichkeit erfuhr nichts davon, und ihnen blieb jede Wirkung versagt, so übermächtig war die offizielle Version. Beispielsweise bemühte sich Pierre Moreau, ein in Brüssel wohnhafter Apotheker, anhand pyrotechnischer Argumente und im Anschluß an eine Untersuchung der Kirchenruine den Nachweis zu erbringen, daß die Kirche keineswegs in Brand gesteckt worden war, sondern durch mehrere Explosionen zerstört wurde, die aller Wahrscheinlichkeit auf dort versteckte Munition zurückgingen. Auch Moreaus Studie lief auf eine Entlastung der SS hinaus, der man vorwarf, Frauen und Kinder vorsätzlich massakriert zu haben. Sie war Zielscheibe heftiger Angriffe und blieb ebenso wirkungslos wie die früheren kritischen Untersuchungen zu Oradour.

Gestützt auf die Arbeiten seiner Vorgänger hat ein junger französischer Forscher, Vincent Reynouard, der in Europa durch seine revisionistischen Auffassungen bekannt ist und wegen nonkonformistischer Schriften über das Schicksal der Juden während des Zweiten Weltkriegs bereits wiederholt verurteilt wurde, nach siebenjährigen Studien ein umfangreiches Buch veröffentlicht, in dem er die offizielle Version des Dramas von Oradour-sur-Glane radikal in Frage stellt. Der Titel lautet Le Massacre d'Oradour. Un demi-siècle de mise en scène (Das Massaker von Oradour. Ein halbes Jahrhundert Inszenierung). Reynouard ist Ingenieur und besitzt ein Diplom des in Caen (Normandie) beheimateten Instituts für die Wissenschaften der Materie und der atomaren Strahlung (Institut des sciences de la matière et du rayonnement atomique , ISMRA). Er wurde am 18. Februar 1969 geboren, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Von Beruf war er Mathematik- und Physiklehrer an einem staatlichen Gymnasium, wurde aber, was bei Staatsangestellten nur höchst selten vorkommt, am 18. April 1997 seiner Stellung definitiv enthoben. Die Verwaltung, welche über die früheren revisionistischen Aktivitäten des Lehrers auf dem laufenden war, befand seine abermalige geschichtliche "Entgleisung" für unannehmbar und bestrafte ihn mit der Entlassung, wobei sie als Begründung unbedeutende berufliche Verstöße Reynouards vorschob, beispielsweise die Benutzung des Schulcomputers für private Zwecke. Reynouard hat zahlreiche Nachforschungen zu Oradour durchgeführt. Er hat den Ort des Geschehens und die Kirchenruine einer genauen Untersuchung unterzogen, die überlebenden Zeugen befragt, die zugänglichen Archive besucht (die Mehrzahl der Archive war für die Öffentlichkeit noch Jahrzehnte nach den betreffenden Ereignissen verschlossen), unveröffentlichte oder geheimgehaltene Dokumente aufgestöbert, Fachleute für Brandwesen und Sprengung zu Rate gezogen usw. Anhand objektiver, streng technisch-wissenschaftlicher Beweisführungen gelangte er zu Schlußfolgerungen und Hypothesen, welche die offizielle Version des Drama von Oradour-sur-Glane bis ins Mark erschüttern.

Die Ergebnisse

Nach dem Erscheinen des Buchs von Vincent Reynouard wird die Geschichtsschreibung nicht umhinkommen, folgende Fakten zur Kenntnis zu nehmen:

  1. Oradour war keinesfalls ein friedliches Dorf außerhalb des von den bewaffneten Widerstandskämpfern beherrschten Sektors;
  2. Die Waffen-SS hatte triftige Gründe dafür, am 10. Juni 1944 in dieses Dorf einzumarschieren;
  3. Die Soldaten der Division Das Reich hegten nicht die Absicht, die Einwohnerschaft von Oradour niederzumetzeln;
  4. Die Kirche wurde keineswegs absichtlich in Brand gesteckt, um die darin eingeschlossenen Frauen und Kinder bei lebendigem Leibe zu verbrennen;
  5. Der 1953 in Bordeau durchgeführte Oradour-Prozeß verlief nicht nach rechtsstaatlichen Grundsätzen.

1. ORADOUR EIN PARTISANENNEST

Reynouard behauptet, Oradour sei durchaus nicht das friedliche Dorf gewesen, als das es gleich nach dem Dramas dargestellt wurde. Die offizielle Version greift die in einem am 15. Juni 1944 von Freund-Valade, dem Präfekten von Limoges, abgefaßten Rapport stehenden Wendungen auf und beschreibt Oradour als »eine der ruhigsten Gemeinden des Departements« und seine Einwohnerschaft als »arbeitsam und friedlich, für ihre Mäßigung bekannt«. Reynouard entdeckt, daß die deutschen Truppen beim Anmarsch auf das Dorf die Befürchtung hegten, es werde zu einem bewaffneten Zusammenstoß mit dem Maquis, also der Widerstandsbewegung, kommen. Er weist darauf hin, daß diese Truppen nach dem Einmarsch in Oradour dort eine Reihe von Vorkehrungen trafen, um einen Überraschungsangriff von außen zu verhüten oder abzuwehren. Die Deutschen hatten nämlich rasch entdeckt, daß es sich beim Dorf um eine Hochburg des Widerstandes handelte, und durchsuchten deswegen die Häuser nach Waffen und Munition.

In der offiziellen Geschichtsschreibung wird diese Maßnahme stets als ein riesiges Plünderungsunternehmen dargestellt, während sie in Tat und Wahrheit nichts anderes als eine allgemeine Hausdurchsuchung war, die laut dem am 10. Juni 1944 vom Chef des Detachements abgefaßten Rapport die Beschlagnahmung zahlreicher versteckter Waffen und Munitionsvorräte ermöglichte. Doch erwies sich die Durchsuchungsaktion als unzureichend, denn längst nicht alles wurde gefunden. Als die SS-Männer das konfiszierte Kriegsmaterial sprengten, entstand eine Feuersbrunst, die sich über das ganze Dorf hin ausbreitete und Haus um Haus erfaßte. In manchen Häusern war noch bei der Durchsuchung übersehene Munition verborgen. Als die betreffenden Häuser Feuer fingen, explodierte sie und richtete schwerste Zerstörungen an. Den vom Autor befragten Spezialisten zufolge konnten die Verwüstungen »nur durch schwere, hochexplosive Munition einen solchen Umfang erreichen«. Wie unsicher die in Oradour herrschenden Umstände waren, belegt Reynouard mit dem Hinweis darauf, daß die französischen Behörden in den Tagen nach dem Drama ihren eigenen Aussagen zufolge im Dorf selbst sowie in dessen unmittelbarer Umgebung aus deutschem Besitz stammende Gegenstände aufgefunden hatten, die - nach Reynouard - keineswegs am 10. Juni von ihren Eigentümern verloren worden waren, sondern schon vorher getöteten deutschen Soldaten gehört hatten. In diesem Zusammenhang legt Reynouard eine umfangreiche Hypothese dar, der zufolge die verwesten Leichen von Deutschen an wenigstens zwei Stellen des Dorfes vorgefunden wurden. Er schließt daraus, daß sich in Oradour tatsächlich Angehörige der Widerstandsbewegung aufhielten und daß das Dorf dem Maquis als Zufluchtsort diente. Seine Untersuchung der Dokumente brachte ihn ferner auf die Spur eines ehemaligen Piloten der Royal Air Force, dessen schriftliche Zeugenaussage er der Vergessenheit entrissen hat. Der Pilot war Australier und wohnte 1996 in Canberra. Seine Maschine war in der Umgebung von Oradour von der deutschen Flak abgeschossen worden. Zusammen mit den fünf anderen Besatzungsmitgliedern wurde er von den Widerstandskämpfern ins Dorf geschafft, wo er drei Tage in der Sakristei der Kirche verbrachte, ehe er sich auf den Weg zur spanischen Grenze machte. Dies geschah im November 1942.

2. WAFFEN-SS IM EINSATZ GEGEN PARTISANEN

Die SS-Männer hatten in Oradour einen genau festgelegten Auftrag zu erfüllen. Gewissen nach dem Drama entstandenen französischen Quellen zufolge konnten die Deutschen "keinen ernstzunehmenden Vorwand ins Feld führen", weil ihre offiziellen Aussagen vage gewesen seien und sich gegenseitig widersprochen hätten. Reynouard hält sich aber an das, was die Besatzungsmacht stets gesagt hat: Der Einmarsch in Oradour verfolgte den Zweck, einen am Vortage von den Widerstandskämpfern entführten Angehörigen der SS-Division Das Reich, den Sturmbannführer Helmut Kämpfe, zu befreien. Reynouard beschreibt die Umstände der Entführung in allen Einzelheiten; er kommt zur Schlußfolgerung, die Deutschen hätten aufgrund einer Denunziation gewußt, daß ihr Offizier in die Gegend von Oradour-sur-Glane verschleppt worden war, wo sich ein Stützpunkt des Maquis befand. Um ihn freizukämpfen, führten sie eine Operation gegen dieses Dorf durch und nahmen alle Risiken einer solchen in Kauf.

3. REPRESSALIEN GEGEN ZIVILBEVöLKERUNG WAREN NICHT VORGESEHEN

Die SS-Männer hatten keinen Befehl zur Ermordung der Einwohnerschaft erhalten. Die französischen Behörden, auf deren Aussagen sich die offizielle Version stützt, behaupteten sogleich, schon vor dem Einmarsch ins Dorf sei die Entscheidung zur Abschlachtung der Einwohner gefallen. Reynouard ruft hingegen folgende Fakten in Erinnerung: Im Jahre 1947 gab der ehemalige Adjunkt des Chefs des Regiments Der Führer - diesem gehörte das nach Oradour geschickte Detachement an - gegenüber einem Inspektor des französischen Nachrichtendienstes eine Erklärung ab, der zufolge sein Vorgesetzter, Oberst Stadler, folgendes angeordnet hatte:

  1. Zerstörung des Maquis-Stützpunkts, den er in Oradour vermutete.
  2. Durchsuchung des Dorfs nach dem gefangengehaltenen Kämpfe.
  3. Festnahme möglichst vieler Geiseln, vorzugsweise von führenden Angehörigen des Widerstandes, um sie gegen Kämpfe austauschen zu können.

Reynouard meint also, es sei den Deutschen in keiner Hinsicht darum gegangen, das Dorf niederzubrennen und die Einwohnerschaft niederzumetzeln, sondern lediglich darum, durch Verhandlungen oder Gewalt die Befreiung eines höheren Offiziers zu erreichen, den der Maquis in Oradour gefangenhielt. Reynouard rekonstruiert den Ablauf der Operationen, die übrigens nach einem in solchen Situationen gängigen Muster abliefen: Nachdem die Deutschen die Einwohnerschaft auf dem Marktplatz versammelt hatten, verlangten sie vom Bürgermeister die Stellung von Geiseln; da sie keinerlei schlüssige Auskünfte über den Verbleib des Sturmbannführers Kämpfe erhielten, teilten sie die Einwohner in zwei Gruppen: Frauen und Kinder wurden zur Kirche geführt, während die Männer in kleinen Gruppen an sechs verschiedenen Orten festgehalten wurden. Nun begann die Durchsuchung der Häuser. Reynouard argumentiert wie folgt: Wäre die SS wirklich mit dem Vorsatz nach Oradour gekommen, dessen Einwohner allesamt umzubringen, wäre sie ganz anders vorgegangen; sie hätte die Männer an eine Mauer gestellt und niedergemäht, ehe sie mit den Hausdurchsuchungen begonnen hätte.

Während die Durchsuchungen im Gange waren, fielen plötzlich überall Schüsse. Was war geschehen? Zwecks Beantwortung dieser Frage nimmt Reynouard eine ungemein ausführliche Analyse der Zeugenaussagen vor, sowohl der beim Oradour-Prozeß in Bordeaux angeklagten deutschen Soldaten als auch derjenigen von fünf Männern, welche sich zum Zeitpunkt der Tragödie in Scheunen befunden und überlebt hatten. Hier seine Schlußfolgerung: Die Deutschen vernahmen einen großen Knall, der von einer Explosion in der Kirche herrührte. Sie glaubten, der Maquis habe das Dorf überfallen, und um den Angriff abwehren zu können, ohne ihrerseits von hinten attackiert zu werden, erschossen sie die Männer, deren Überwachung ihnen oblag.

4. DIE KIRCHE VON ORADOUR WURDE NICHT VON DER SS ANGEZÜNDET

Die Kirche wurde von der SS nicht absichtlich angezündet, und wenn die Frauen und Kinder den Tod in den Flammen fanden, so waren nicht die Deutschen daran schuld. Da Reynouard außer der Kirchenruine nur sehr wenig Beweismaterial zur Verfügung steht, verzichtet er hier auf apodiktische Behauptungen und begnügt sich mit Hypothesen. Der Schlüssel zur Erklärung des Dramas von Oradour findet sich in dem, was in der Kirche tatsächlich geschah. Die offizielle Version besagt, die SS-Männer hätten die Kirche in Brand gesteckt, wodurch die in ihr eingeschlossenen Frauen und Kinder verbrannt seien. Dies erzählt man den Tausenden von Touristen, die Oradour alljährlich besuchen.

Für Reynouard »läßt eine einfache Untersuchung der Ruine des Heiligtums schwere Zweifel an dieser Behauptung aufkeimen. Wie kommt es, daß dort, wo Dutzende menschlicher Körper zu Asche verwandelt wurden, Vorhänge und Gegenstände aus leichtem Holz unversehrt geblieben sind? Wie kommt es, daß Leichen buchstäblich in Stücke gerissen wurden, wie es bei einem Bombenangriff der Fall ist?« Der Historiker folgert daraus, daß sich eine oder mehrere Explosionen ereignet hätten, ausgelöst durch Munition, welche die Widerstandskämpfer in der Kirche und dem Kirchturm verborgen hätten. Diese These steht auf festem Grund. Was freilich die Einzelheiten anbelangt, insbesondere die Ursache dieser Explosionen, sieht der Verfasser sich in Ermangelung glaubhafter Zeugenaussagen und dokumentarischer Unterlagen gezwungen, sich mit zwei Hypothesen zu begnügen, die sich logisch ergänzen. Er vermutet, daß sich in der Kirche Angehörige des Maquis versteckt hielten und daß diese in ein Scharmützel mit SS-Wachposten außerhalb des Gebäudes verwickelt wurden.

5. DER ORADOUR-PROZESS VON BORDEAU: EIN SCHAUPROZESS

Reynouards Buch enthält eine kritische Analyse des 1953 in Bordeaux gegen die "Verantwortlichen an dem Massaker" durchgeführten Prozesses. Vor Gericht erschienen lediglich einfache Soldaten sowie Offiziere niederen Ranges, und zwar mehrheitlich Elsässer (das Elsaß war 1940 ins Deutsche Reich eingegliedert worden), jedoch keiner der verantwortlichen höheren Offiziere. Man weigerte sich sogar, die Aussage des Generals Lammerding zur Kenntnis zu nehmen, des ehemaligen Kommandanten der Division Das Reich, welcher zum Zeitpunkt des Prozesses in Düsseldorf lebte. Ziel des Prozesses war es, die »Nazi-Barbarei« an den Pranger zu stellen, doch ohne einen Schatten auf die Widerstandsbewegung fallen zu lassen und ohne Groll gegen das Elsaß zu erwecken, das nach dem Krieg wieder zu Frankreich gehörte. Der Prozeß trug also nicht dazu bei, den tatsächlichen Ablauf des Dramas zu erhellen.

* * *

Das letzte Kapitel von Reynouards Buch trägt den Titel »Das Stroh und der Balken«. Eingangs informiert der Verfasser seine Leser über den gegenwärtig im Gang befindlichen Bau einer »Erinnerungsstätte« für Oradour. Seiner Meinung nach wird dieser Ort, der angeblich als »europäisches Zentrum für Versöhnung und zur Verurteilung aller Kriege« gedacht ist, »wie alle anderen solchen "Gedenkstätten" eine antideutsche Propagandazentrale sein; der Kampf gegen ein vor mehr als einem halben Jahrhundert untergegangenes System dient dabei nur als Vorwand«. Mit jugendlichem Ungestüm zeichnet Reynouard ein erschütterndes Bild der während des Zweiten Weltkriegs von Anglo-Amerikanern und Sowjets verübten Schandtaten. Realistisch schildert er den Feuersturm, der ab 1942 über Deutschland hereinbrach, sowie die zwischen November 1944 und Mai 1945 in Ostpreußen und Schlesien begangenen Massenmorde. Er dehnt seine Darstellung auf die Geschehnisse im Pazifik aus, an deren Ende die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki standen. Angeekelt fällt er folgendes Urteil:

»Hält man sich das ganze Ausmaß der Verbrechen vor Augen, welche sich die Sieger von 1945 zuschulden kommen ließen, kann man über die bis heute andauernde Ausschlachtung des Dramas von Oradour-sur-Glane nur Abscheu empfinden.«

Das hier besprochene Buch ist die Frucht zeitraubender Recherchen und stellt einen mutigen Angriff auf eine staatlich festgeschriebene Geschichte dar, welche noch mehr als fünfzig Jahre nach den betreffenden Ereignissen jede Infragestellung der sich um die französische Widerstandsbewegung rankenden Legenden untersagt. Wir haben es hier mit einem Werk von hoher Qualität zu tun. Auch wenn der Aufbau hie und da kleine Schwächen verrät, liest sich das Buch wie ein Kriminalroman.

Schon bald nach Erscheinen des Buches leitete der Innenminister ein administratives Verfahren dagegen ein. Das Verbot der Veröffentlichung, der Verbreitung sowie des öffentlichen Verkaufs von Reynouards Buch erging am 2. September 1997 und wurde am 7. September 1997 im Amtsblatt der Französischen Republik bekanntgegeben. Begründet wurde das Verbot damit, daß die Verbreitung des Buches in Frankreich »aufgrund seines Inhalts, der eine Provokation gegenüber den Widerstandskämpfern sowie den Familien der Opfer der in Oradour begangenen Naziverbrechen darstellt, die öffentliche Ordnung gefährdet«. Heute wird in Frankreich die Forschungsfreiheit Jahr für Jahr mehr eingeschränkt. Die Behörden geben sich nicht mehr damit zufrieden, mittels des Fabius-Gayssot-Gesetzes jedes Bestreiten eines »Verbrechens gegen die Menschlichkeit« zu untersagen, sondern dehnen die Zensur auch auf die historische Erforschung eines Kriegsverbrechens aus.

Unlängst wurden die Grundmauern der im Bau befindlichen Gedenkstätte von Oradour von Schlammassen weggerissen, die durch heftige Stürme in der Gegend ausgelöst worden waren. Kann man dies als Warnzeichen deuten?

Vincent Reynouards Buch kann bei V.H.O., Postbus 46, 2600 Berchem-2, Belgien, bestellt werden.

René Schleiter

Deutsche Übersetzung von Jürgen Graf


Tänzchen auf der Urne? Freiheit für Annett Gröschner!

Annett Gröschner, Jeder hat sein Stück Berlin gekriegt. Geschichten vom Prenzlauer Berg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1998, 299 S., 14,90 DM

Der Hamburger Rowohlt Verlag hat ein Zeugnis zur technischen Seite des historischen Massenmordes an den deutschen Juden publiziert, das die Geschichtsschreibung nicht nur revidieren, sondern revolutionieren könnte. Das von Annett Gröschner vorgelegte Dokument erlebter, erzählter und persönlicher Geschichte wäre geeignet zu erklären, warum immer wieder Zweifel an der Authentizität der in Auschwitz dem breiten Publikum vorgezeigten Gebäude als Hinrichtungsgeräte aufgekommen sind. Hatte doch die Leitung des Auschwitz-Museums einräumen müssen, daß jene Partie des den Touristen als Gaskammer vorgeführten Gebäudes, an der Fred Leuchter als Gutachter für ein kanadisches Gericht Mauerproben entnahm, tatsächlich zu keiner Zeit als Gaskammer diente. Trotz dieser eindeutigen Reaktion der Museumsleitung, die normalerweise im Wissenschaftsbetrieb zur Anerkennung und Akzeptanz des Kritikers führt, wird Fred Leuchter seither international verfolgt und ist aufgrund dieser Menschenjagd nicht in der Lage, die Prüfung etwa zwei Meter weiter zu wiederholen. Ähnlich verhält es sich im Fall des einstigen Doktoranden der Max-Planck-Gesellschaft, Germar Rudolf, der einen - noch immer als ehemalige Gaskammer vorgeführten - Trümmerhaufen untersuchte und die Auswertung vom renommierten Fresenius-Institut vornehmen ließ. Ein Schweizer Gericht hat vor kurzem festgestellt, daß Rudolfs Gutachten - das ebenfalls zu dem Schluß kam, daß bezeichnete Trümmerreste unter keinen Umständen Bestandteil einer sogenannten Gaskammer gewesen sein könnten - nicht zu beanstanden sei. Gleichwohl sieht sich Rudolf seit Jahren gezwungen, in der Emigration zu leben. Die deutsche Justiz hält den Übersetzer Günter Deckert u.a. wegen der Übersetzung eines Vortrages von Fred Leuchter zum nämlichen Thema seit Jahren gefangen und scheute nicht einmal davor zurück, den nun 72jährigen Historiker Udo Walendy zu inhaftieren, u.a. weil dieser die Existenz und den Betrieb von sogenannten Gaskammern als Hinrichtungsmaschinerie anzweifelte und bestritt. Und der Publizist Ehrhard Kemper - siehe seine Besprechung des Buches von Alexander Ruzkoi in VffG 3/98 - konnte sich nur durch Flucht einer Inhaftnahme entziehen. Nach einem Urteil des Amtsgerichtes Münster drohen ihm u.a. wegen seiner These, daß »es in den Konzentrationslagern des Nazi-Regimes keine Vergasung gegeben habe« (Urteil von Richterin Hermann vom 4. September 1998, 32 Ds 46 Js 543/96) 10 Monate Gefängnis.

Wir machen uns daher große Sorgen, daß auch Annett Gröschner Opfer der Deutschland und Europa verheerenden politischen Justiz wird. Denn nach dem von ihr vorgelegten Zeugnis werden stationäre Gaskammern zur Erklärung der Massenmorde an den deutschen Juden nicht länger benötigt. Ihr Zeugnis würde es auch erlauben, eine Reihe weiterer offener - die technische Seite der für Auschwitz als offenkundig behaupteten Massenhinrichtungen betreffenden - Fragen befriedigend zu beantworten.

Wir lesen in Gröschners Buch:

»Die Eltern von Anna [der Zeugin, d. A.] betrieben eine Kürschnerei: "Wir haben damals Scheitelaffe, Leopard und Ozelot verarbeitet, alles, was heute verpönt ist." Gearbeitet wird vorwiegend für jüdische Firmen, die zunehmend von der Bildfläche verschwinden. Ein Verehrer erzählt Anna von den Gaswagen: "und es dauerte nicht lange [...], da sah ich so ein Ding fahren, an der Jerusalemer Kirche. Und da wurde es mir kalt, und da habe ich gewußt, was läuft."«[1]

Jerusalemer Kirchen wird es seinerzeit mehrere gegeben haben, bzw. dieser Ort ist nur als Synonym für Jedernorts zu verstehen. Damit wird nicht nur ein streng umzirkelter Platz, zudem im Ausland liegend, sondern ganz Deutschland, ganz Europa - wo immer auch die Wagen fuhren - zum Ort der Vernichtung. Die Vernichtung - laut Zeugin Anna - begann nicht irgendwo j.w.d. (janz weit draußen), sondern mitten in der Reichshauptstadt.

Da es eine offenkundig unbegrenzt einflußreiche Lobby bislang immer verstanden hat, Kritiker und Revisionisten einer bestimmten Schreibart der Geschichte der Ermordung deutscher und europäischer Juden den Mund zu verbieten und jegliche Erneuerung dieser Disziplin - vor Terror nicht zurückschreckend - unterband, machen wir uns Sorgen um das Wohlergehen von Annett Gröschner. Auch, da das Buch aufgrund des günstigen Preises weite Verbreitung finden und bei den Verächtern der freien Rede entsprechendes Ärgernis verursachen könnte. Peter Walther, der Rezensent der Berliner tageszeitung meint:

»Der Wert dieser Selbstauskünfte liegt in ihrer Geradlinigkeit und in einer Offenheit, die von keinem Rechtfertigungsinteresse geleitet ist.«[1]

Ähnlich aber argumentierte bereits der französische Literaturprofessor Robert Faurisson; es hat ihn nicht davor bewahrt verurteilt, überfallen und zusammengeschlagen zu werden. Wie wir von Josef (Gins)Burg und Paul Rassinier wissen, schreckt man selbst vor Anschlägen auf ehemalige Häftlinge, die Unliebsames berichten, nicht zurück.

Bitte teilen Sie Annett Gröschner Ihre Solidarität mit. Schreiben Sie an den Rowohlt Verlag (Adresse bitte aus dem Telefonbuch heraussuchen) oder auch an uns, falls Ihr Text zur Veröffentlichung in Sleipnir geeignet ist: Schriftleitung Sleipnir, Postfach 350264, 10211 Berlin.

Andreas Röhler


[1] zit. nach: Peter Walther: Vom Tänzchen auf der Urne, die tageszeitung, 5. November 1998, S. 29


Präventivkriegsthese nicht widerlegt: Stalin wollte Deutschland überfallen

Moskauer Militärpublizisten und Bonner Hofhistoriker verteidigen sowjetische Geschichtslegenden

Gerd R. Ueberschär, Lev A. Bezymenskij (Hg.), Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, 291 S., Fr. 46.-.

Grenzüberschreitend eskaliert der Historikerstreit. Begann der sowjetisch-deutsche Krieg nicht am 22. Juni, sondern schon am 15. Mai 1941? Diese Erkenntnis gewinnt immer stärker an Glaubwürdigkeit. Russischen Historikern der Kriegsursachenforschung gelang die Auswertung von bisher unbekannten Dokumenten aus Geheimarchiven ehemaliger Sowjetinstitutionen. So beschlossen am 15. Mai 1941 Stalin und sein Generalstab den militärischen Überfall auf Deutschland, getarnt als »Präventivschlag«.

Gegen die neuen Erkenntnisse opponieren nicht nur Bonner Hofhistoriker, sondern auch linksextremistische Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Freiburg/Potsdam sowie Apologeten der orthodox-sowjetischen Geschichtsschreibung. In der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschien 1998 das Werk Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese (291 S.). Die Autoren, Deutsche und Russen, verteidigen sowjetische Geschichtslegenden und behaupten, Stalin habe für 1941 keinen Angriff auf das Dritte Reich geplant. Zu einer radikalen Korrektur der stalinistischen Geschichtsdeutung sind die Autoren weder willens noch fähig.

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In den Nachkriegsjahren bis zu Stalins Tod wurde die Darstellung des deutsch-sowjetischen Krieges vom Diktator bestimmt. Kriegshistorische Arbeiten glorifizierten ihn als genialen Feldherrn. Die Niederlagen von 1941 wurden in strategische Erfolge uminterpretiert. In der Chruschtschow-Ära begann man mit dem Bruch einiger Tabus (Geheimrede von 1956), und auf dem Höhepunkt einer partiell neuen Interpretation der Kriegsgeschichte erschien eine sechsbändige Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion. Unter Breschnew kehrte man zu den stalinistischen Tabuisierungspraktiken zurück, so in der zwischen 1973 und 1982 herausgebrachten zwölfbändigen Geschichte des Zweiten Weltkrieges. 1989 meinte dazu der russische Schriftsteller und Kriegsveteran Viktor Astafjew:

»Jedenfalls hatte ich mit dem, was lange Zeit über den Krieg geschrieben wurde, als Frontsoldat nicht das geringste zu tun. Ich war in einem völlig anderen Krieg.«

Der Durchbruch zu einer realistischen Geschichtsschau gelang der medialen Öffentlichkeit im Zeichen von Glasnost. Während die Fachhistoriker Mühe hatten, sich von der jahrzehntelangen staatlichen Bevormundung und der Selbstzensur zu befreien, entfachten Tages- und Wochenzeitungen, literarische Journale und illustrierte Magazine eine Korrektur-Kampagne. Die Enthüllungen brachten sowjetische Tabu-Minen zur Explosion. Damals, vor ca. zehn Jahren, wurde die Grundlage für den Russischen Revisionismus geschaffen. In die kontrovers geführte Debatte zwischen Apologeten und Anklägern des stalinistischen Geschichtsbildes rückten Tabu-Themen wie:

Schließlich Stalins Befehl vom Januar 1945 (»Alles ist erlaubt!«), als die Rote Armee die Grenze zu Ostpreußen überschritt. Die Rotarmisten wurden zu Plündereien, Raub und Frauenschändung ermutigt; der gemeine Soldat durfte bis zu zehn Pfund Beute nach Hause mitnehmen, den Generälen standen mehrere Tonnen, den Marschällen ganze Waggonladungen zu.

Das alles wurde nun aufgedeckt, sogar von bislang parteiloyalen Historikern wie dem Politerziehungs-General Dmitrij Wolkogonow. Historiker des Revisionismus-Lagers interpretieren heute Stalins »Großen Vaterländischen Krieg« ab dem Jahr 1944 als reinen Eroberungsfeldzug im Stil der zaristischen oder englisch-französischen Kolonialkriege im 18. und 19. Jahrhundert.

Die von Suworow, Danilow, Sokolow, Petrow, Neweschin, Meljtjuchow, Bordjugow, Doroschenko und anderen vertretene These, Stalin habe zwischen 1939 und 1941 gegenüber dem Paktpartner Deutschland konkrete Angriffspläne verfolgt und bereits in Form von Aufmarschvorbereitungen umgesetzt, die lediglich durch einen deutschen militärischen Präventivschlag durchkreuzt worden seien, diese These steht im Zentrum des russischen Historikerstreits, dessen Bedeutung von Historiographen der einstigen DDR-Militärgeschichtsforschung heruntergespielt, von Mitarbeitern des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes Freiburg/Potsdam sogar ignoriert wird.

Doch der Fortschritt der Korrektur stalinistischer Geschichtsschreibung und der Entlarvung kommunistischer Geschichtsmythen generell, er ist unumkehrbar. Davon ist auch Alexander Solschenizyn - er vollendete am 11. Dezember 1998 sein 80. Lebensjahr - überzeugt. Er sieht im Bolschewismus die Zentralkatastrophe des Jahrhunderts, und von Stalins Krieg sagt er, dieser sei weder vaterländisch noch russisch-patriotisch gewesen, da er mit seinem Sieg über Deutschland die Terrorherrschaft und die Knechtung des russischen Volkes um 46 Jahre verlängert habe.

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Wer es heute in Deutschland wagt, die Dogmen der kommunistischen Geschichtspolitik bezüglich des Zweiten Weltkrieges in Frage zu stellen - sieben Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR -, verfällt der Ächtung. Anders in Rußland, wo die militärhistorische Debatte mit erstaunlicher Dynamik geführt wird, gefördert von einem investigativen Journalismus. In russischen Archiven ist eine solche Fülle von Material zugänglich geworden, daß Wissenschaftler noch Jahrzehnte mit der Auswertung beschäftigt sein werden. »Über "Barbarossa" wissen wir viel, doch bedauerlicherweise wenig über die sowjetischen Kriegsvorbereitungen im Jahre 1941«, schrieb vor drei Jahren Prof. Dr. Boris Petrow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kriegshistorischen Institut des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation.

Im Mittelpunkt der Petrowschen Analyse steht der sowjetische Aggressionsplan vom 15. Mai 1941. Stalin habe den Plan gebilligt, stellt Petrow fest. Stalin sei zu einem Erstschlag entschlossen gewesen. Zum Überfall auf Deutschland.

Petrow entdeckte die Unterlagen im Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums. Aus den Dokumenten gehe hervor, daß die Sowjetführung in der ersten Hälfte des Jahres 1941 eine Angriffsfront formierte (»nastupatelnaja gruppirowka«). Der Hauptstoß sollte aus dem Raum Kiew-Lemberg erfolgen, mit sechs Mechanisierten Korps, denen rund 4200 Panzer - darunter 761 moderne T 34 und überschwere Klimentij Woroschilow (KW) - zur Verfügung standen. An der Mittelfront im weit vorgeschobenen Frontbogen bei Bialystok, Brest, Minsk wurden sechs Panzerkorps zusammengezogen. Das strategische Ziel bestand einmal in der Vernichtung (»poraschenije«) der Hauptkräfte der Wehrmacht in Polen und Ostdeutschland, sodann in der Abschnürung Deutschlands von den Balkanländern und damit vom rumänischen Öl.

Von Erkenntnissen wie diesen ist die etablierte deutsche Historikerzunft geschockt. Seit Jahrzehnten hat sie sich zu Spekulationen und Legendenbildung hinreißen lassen, die zwar im Sinne herrschender Geschichtspolitik waren, neueren Forschungsergebnissen aber nicht standhalten. Der Streit um den »Überfall« auf »die friedliebende Sowjetunion« dient als Beispiel. Zu den Hofhistorikern zählen Hans-Adolf Jacobsen, Sven-Felix Kellerhof, Ekkehard Böhm. In ihren Rezensionen des eingangs erwähnten Buches Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese (Darmstadt 1998) vertreten sie teilweise Standpunkte einer kaum verhüllten sowjetischen, das heißt antideutschen Geschichtsschreibung. Typisch hierfür ist das Negieren eines Standardwerkes des russischen Revisionismus - das von den renommierten Wissenschaftlern Bordjugow und Neweschin publizierte Buch Plante Stalin einen Angriffskrieg gegen Hitler? (Moskau 1995). In diesem Sammelband findet sich auch der Petrow-Beitrag, aus dem eben zitiert wurde.

Zu den Geschichtsmythen der Autoren von Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese gehört die Behauptung, Stalin habe vor dem 22. Juni keine deutschlandfeindliche Politik verfolgt. Bei dem Angriffsplan vom 15. Mai 1941 würde es sich um gefährliche Gedankenspiele einiger hoher Generäle handeln, denen der friedensliebende Diktator eine »wütende Abfuhr« erteilt haben soll.

Diese Deutung steht eindeutig im Widerspruch zur Meinung eines Hauptbeteiligten bei der Kreml-Besprechung am 15. Mai 1941 - Generalstabschef Schukow. Es bestehe kein Zweifel daran, versichert Prof. Dr. Valerij Danilow, Co-Autor des genannten Sammelbandes von 1995, daß die Initiative zur Ausarbeitung des »faktischen Kriegsplanes« von Stalin ausgegangen ist, wobei sich Danilow auf eine Aussage Schukows beruft: Die Vorstellung, jemand aus dem Generalstab könnte aus eigenem Entschluß etwas gegen die Absichten Stalins unternommen haben, sei einfach absurd - er hätte den Kreml nicht lebend verlassen können beziehungsweise »seinen Tee bei Berija trinken müssen«.

Über die näheren Umstände der Billigung des Angriffsplanes durch Stalin am 15. Mai 1941 vermerkt Oberst a.D. Danilow auf Seite 85:

»Im Archiv des Politbüros des ZK der KPdSU befindet sich der Text eines Interviews mit Marschall Wassilewskij vom 20. August 1965. Darin bestätigt Wassilewskij, daß er den Plan persönlich in den Kreml geschafft hat, wo er ihn Schukow übergab. Dieser und [Verteidigungskommissar] Timoschenko trugen ihn Stalin vor. Stalin war damit einverstanden, gab sein Plazet "dobro" ["gut"], worauf Schukow und Timoschenko den nächsten Schritt in Angriff nahmen - maßstabsgerechte Vorbereitung des Schlages gegen Deutschland.«

In seinem Beitrag für die Februar-Nr./1998 der Unabhängigen Militärrundschau (Moskau) benennt Danilow sogar die Fundstelle für das Schlüsseldokument vom 15. Mai 1941. Es befindet sich im Historisch-archivalischen und militärischen Gedächtniszentrum des Generalstabes der russischen Streitkräfte, F. 16, op. 1951, d. 237, p. 4-5.

Von all dem nehmen die Autoren des Buches Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941 keine Notiz. Auch Hans-Adolf Jacobsen wagt keine Hinterfragung. Die bisher in russischen Archiven gefundenen Dokumente würden es noch nicht erlauben, behauptet Jacobsen, schlüssige Aussagen über »die wirklichen Absichten des sowjetischen Diktators in jener Zeit zu machen«.

Genügt denn nicht der dokumentarische Nachweis des Stalinschen Angriffsplanes vom 15. Mai 1941?

»Wie es scheint«, orakelt Jacobsen, habe Stalin die vorzeitige Einleitung von Offensivoperationen nicht gebilligt.

Das ist mit Sicherheit längst widerlegt, spätestens im Jahre 1995.

Jacobsen glaubt indessen nur Apologeten des sowjetischen Geschichtsbildes, einem Gabriel Gorodetzky und Alexander Jakowljew, von Jacobsen als Hauptquellen erwähnt, zumal sie auch in der Darmstädter Publikation wiederholt als "Zeugen" auftauchen. Ersterer blamierte sich weltweit durch das Märchen, bei der Stalin-Rede vom 19. August 1939 hätte es sich um eine französische (!) Fälschung gehandelt. Vom zweiten ist bekannt, daß er als führender ZK-Ideologe der Breschnew-Ära Solschenizyn und andere slawophile Dissidenten gnadenlos verfolgt hat. Nachzulesen in einem 10.000 Worte langen Diffamierungsartikel Jakowljews in der Literaturnaja gaseta vom November 1972.

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Die Präventivkriegsthese, eingeführt in die internationale Debatte von den deutschen Revisionisten Becker, Hoffmann, Magenheimer, Maser, Post, Strauss, Topitsch, wurde auf russischer Seite vom Kriegshistoriker Viktor Suworow begründet, mit sensationellen Argumenten, so in seinen Büchern Der Eisbrecher (1989) und Der Tag M (1995), inzwischen in alle Weltsprachen übersetzt. Suworow gelang der Nachweis, daß der strategische Aufmarschplan, am 15. Mai 1941 von Stalin bei einer Konferenz mit Generalstabschef Schukow und Verteidigungskommissar Timoschenko gebilligt, einen Blitzkrieg vorsah.

Hinsichtlich der Absicht Stalins, noch im Juli loszuschlagen, differieren lediglich die Ansichten über den Tag X. Suworow nennt den 6. Juli, der Militärhistoriker Oberst a.D. Valerij Danilow den 2. Juli, während sein Fachkollege Michail Meljtjuchow meint:

»Vor dem 15. Juli wären Angriffsmaßnahmen der Roten Armee gegen Deutschland nicht durchzuführen gewesen.«

Dr. Meljtjuchow ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Allrussischen Forschungsinstitut für Dokumentation und Archivwesen.

Inzwischen hat Viktor Suworow ein neues Buch geschrieben, das in russischen Feuilletons für Furore sorgt: Otschischtschenije (Die Säuberung) Ende 1998 im Moskauer AST-Verlag erschienen. Suworow deckt bisher unbekannte Hintergründe und Motive Stalins bei der Enthauptung der Roten Arme 1936-1938 auf.

Aufschlußreicher noch und in direktem Bezug zur deutschen Präventivkriegsthese ist ein Interview Suworows in der angesehenen Moskauer Literaturnaja gaseta vom 23. September 1998. Darin widerlegt er die von sowjetischen Historiographen verteidigte These, der rasche Vormarsch der Wehrmacht im Sommer 1941 sei allein auf die quantitative und qualitative Überlegenheit der deutschen Panzer zurückzuführen. Auch die Autoren der hier besprochenen Darmstädter Publikation führen dieses Argument ins Feld, indem sie die »unzureichende Bedarfsmenge« der Roten Armee hervorheben. So sei die Ausrüstung der Truppe mit Geschützen, Granatwerfern, Kampfflugzeugen, Flak, Kraftfahrzeugen, Traktoren, Nachrichtenmitteln und sogar mit Schuhwerk »nicht gewährleistet« gewesen. Am 22. Juni habe die Rote Armee »lediglich« über 13 Prozent der vorgesehenen schweren und sieben Prozent der mittleren Panzer verfügt (S. 97).

Das Gegenteil sei wahr, argumentiert Suworow im Interview; von einer materiellen Unterlegenheit der Roten Armee könne keine Rede sei, schon gar nicht im Kräfte-Verhältnis der Panzerstreitkräfte. Aufgrund der Offensivvorbereitungen der Roten Armee habe von Anfang an eine quantitative und qualitative Überlegenheit der sowjetischen Stoßarmeen geherrscht. Suworow:

»Bei Beginn des Krieges besaß Deutschland 3712 Panzer, darunter befand sich kein einziger schwerer Typ. Panzer mit Dieselmotoren, breiten Ketten, einer abgeschrägten und stark geschoßsicheren Panzerung, mit 15-cm-Kanonen, hoher Geländegängigkeit und Geschwindigkeit - nichts davon bei den deutschen Panzerdivisionen des Jahres 1941. Und vor allem: sie hatten keine Schwimmpanzer. Nur ein Land besaß damals solche Panzertypen: die Sowjetunion.«

Was die Quantität betrifft, so bezifferte Marschall Schukow in seinen Erinnerungen und Gedanken (Bd. 1, S. 210) die Panzerstärke der Roten Armee im August 1939 auf 10 000 Kampfwagen.

Jacobsen und andere deutsche Rezensenten, die das in Darmstadt erschienene Buch positiv bewerten und es mit Elogen überschütten, scheinen den fundiertesten Beitrag im besprochenen Werk nicht genau studiert zu haben, den von Oberst a.D. Nikolaj Romanitschew. Oder handelt es sich um eine bewußte Unterschlagung? Das von Romanitschew verfaßte Kapitel (»Militärische Pläne eines Gegenschlags der UdSSR«) kann als einziger Text Anspruch auf wissenschaftliche Seriosität erheben.

So schreibt Romanitschew, daß bereits am 12. Mai 1941 in einer Konferenz in Stalins Arbeitszimmer im Kreml »endgültig« beschlossen worden sei, zur »Führung« eines »Gegenschlages« - das heißt noch vor dem erwarteten deutschen »Überfall« - offensive Maßnahmen einzuleiten, unter anderem das »Vorziehen« der Roten Armee in »westlicher Richtung« und die Mobilisierung von einer Million Reservisten (S. 101). Romanitschew benennt die Teilnehmer dieser Kriegskonferenz: neben Stalin, Timoschenko, Schukow auch der Volkskommissar für die Kriegsmarine, Admiral Kusnezow. Nach dem 12. Mai schien der Krieg »unvermeidlich«, resümiert Nikolaj Romanitschew vom Institut für Militärgeschichte des Verteidigungsministeriums in Moskau.

Ausführlich schildert Romanitschew Einzelheiten des »Mobilmachungsplanes«. Geplant war die Aufstellung von 314 Divisionen für die Landstreitkräfte, doch wurden elf Schützendivisionen aufgelöst, weil im April Luftlandekorps und Panzerjäger-Artilleriebrigaden hinzugekommen waren. Alle Maßnahmen dienten einem einzigen strategischen Ziel: Vorwärtsentfaltung, also Offensive.

»Bei Kriegsbeginn waren alle Verbände bereits aufgestellt«,

schreibt Romanitschew.

»Das vereinfachte den Mobilmachungsprozeß, verkürzte seine Dauer und förderte zweifellos die Kampffähigkeit der mobilisierten Truppen.« (S. 97)

Verstärkt wurden die Stoßtruppen der westlichen grenznahen Bezirke durch Menschenmaterial, Kraftfahrzeuge und Traktoren aus dem Landesinneren, insbesondere aus den Militärbezirken Orjol, Moskau, Leningrad, Odessa, Charkow, Nordkaukasus und dem Wolga-Gebiet.

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Das alles ist in dem 1995 veröffentlichten Werk Plante Stalin einen Angriffskrieg gegen Hitler? nicht anders zu lesen. Als einziger Co-Autor rechtfertigte darin der ex-sowjetische Militärhistoriker Oberst Wladimir Kiseljew den Plan Stalins, den Krieg zu eröffnen, Deutschland zu überfallen, die Wehrmacht zu zerschlagen, die Grenzen der UdSSR nach Westen auszudehnen - aus machtpolitischen wie ideologischen Gründen. An der Existenz der Schlüsseldokumente vom Mai 1941 zu zweifeln, sei sinnlos, stellt Kiseljew fest. Man müsse davon ausgehen, daß der Kriegsplan von Stalin gebilligt wurde (S. 78). Als Beweis dient ihm die Tatsache, daß alle vom Generalstab vorgeschlagenen. Maßnahmen in die Tat umgesetzt wurden. Es folgen im Kiseljew-Text exakte Details des zur Entfaltung gebrachten strategischen Aufmarschplanes im Mai und Juni 1941.

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Romanitschew bekennt sich nicht als Geschichtsrevisionist, auch wenn er den Fakt anerkennt, daß der »sowjetische Kriegsplan« vom 15. Mai auf der Idee eines »offensiven Gegenschlages« beruht habe. Romanitschews Text ist nicht frei von Widersprüchen. Wahrheitswidrig behauptet er, der Kriegsplan sei weder von Schukow noch von Timoschenko »verbindlich« unterschrieben worden. An anderer Stelle meint er, der »sowjetische Kriegsplan« habe einen »sowjetischen Antwortschlag« nach einem deutschen Angriff zum Inhalt gehabt. Das wiederum steht aber in krassem Gegensatz zu dem von Romanitschew geschilderten rasanten Aufmarschtempo der Roten Armee in der ersten Hälfte des Jahres 1941. Eindeutig hatte die »raswertiwanije« (Vorwärtsentfaltung der sowjetischen Streitkräfte) nicht defensiven, sondern offensiven Charakter. Standen Anfang März 1941 84 sowjetische Angriffsdivisionen an der Westgrenze bereit, so erhöhte sich deren Zahl Ende April auf 106, während auf deutscher Seite nur 72 Divisionen in Polen lagen. Anfang Juni betrug das Verhältnis 131 zu 93. (Die Zahlenvergleiche stammen aus dem SPIEGEL, Nr. 31/1962.)

Damit kann der Versuch, die deutsche Präventivkriegsthese in eine sowjetische »Antwortschlag«-These umzufunktionieren, als gescheitert betrachtet werden. Romanitschew ist jedoch ehrlich genug, den Vormarsch der Geschichtsrevisionisten zuzugeben: »Die These, die UdSSR habe für 1941 einen Überfall auf Deutschland vorbereitet, findet mittlerweile auch bei [...] russischen Historikern Unterstützung.« (S. 100)

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Nikolaj Romanitschew ist, was betont werden soll, ein ausgewiesener Wissenschaftler, was man von den deutschen Autoren des hier vorgestellten Buches nicht sagen kann. Wolfram Wette, Gerd R. Ueberschär, Wigbert Benz gehören zum "antifaschistischen" Umfeld des inzwischen gesäuberten Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA). Sie agieren, was ja kein Geheimnis ist, als ideologische Sponsoren der Reemtsma und Heer, und sie kollaborieren mit den Propagandisten der »Wehrmachtsausstellung«.

Muß die Geschichte des sowjetisch-deutschen Krieges umgeschrieben werden? Sie wird bereits umgeschrieben. Den Anfang machte vor 25 Jahren Alexander Solschenizyn. Daß der Bolschewismus am Ende eines Jahrhunderts verbrecherischer Regime an die Spitze der Skala des Bösen gerückt und GULAG zur zentralen Metapher des absolut Bösen geworden ist, Solschenizyns düstere Prophezeiung bewahrheitet sich mit jedem neuen Werk russischer und deutscher Revisionisten. »Revisionist« ist in unserer so vielfach gebrochenen, verzweifelten Zeit ein Ehrentitel der Wissenschaft geworden.

Dr. Sergej Subatow


Benutzte Literatur:


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(1) (1999), S. 99-108.


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