Die Wilkomirski-Pleite

Von Jürgen Graf

Wie wir bereits in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift berichteten (S. 326), ging Anfang September 1998 ein Rauschen durch den Blätterwald, als ein jüdischer Autor in der schweizer Weltwoche den weltweit gefeierten »Erlebnisbericht eines Holocaust-Überlebenden« als Schwindel entlarvt und damit die Glaubhaftigkeit solcher »Augenzeugenberichte« bis ins Mark erschüttert hatte. Nachfolgend wird dieser Fall von Jürgen Graf geschildert und analysiert.


Wer sich ernsthaft mit dem »Holocaust« befaßt hat, weiß, daß es für die seitens der orthodoxen Historiker behauptete Massenvernichtung von Juden in Gaskammern weder forensische noch dokumentarische Beweise gibt, sondern ausschließlich Zeugenaussagen. Einen unfreiwilligen Beweis dafür liefert Jean-Claude Pressac, der vor einigen Jahren von den Medien als Widerleger des Revisionismus bejubelt wurde. In der Einleitung zu seinem Buch Die Krematorien von Auschwitz schreibt der französische Auschwitz-Spezialist, er sei nicht auf »letztlich doch fehlbare« Augenzeugenberichte angewiesen, sondern stütze sich auf Dokumente.[1] Bei der Lektüre des Werks merkt der staunende Leser dann, daß Pressac immer, wenn er von Menschenvergasungen spricht, als Quelle einen Augenzeugenbericht anführt! Dies ist ganz unvermeidlich, weil es Urkundenbeweise für Menschenvergasungen in Gottes Namen nicht gibt - ganz im Gegensatz zu solchen für die Existenz von Konzentrationslagern und Krematorien, die haufenweise vorhanden sind: Allein im Sonderarchiv an der Moskauer Wiborg-Straße liegen nicht weniger als 88.000 Seiten Dokumente der Zentralbauleitung von Auschwitz, jener Organisation also, die für den Bau der Krematorien in jenem Lager zuständig war.[2]

Wie brüchig das einzig und allein auf Zeugenaussagen fußende offizielle »Holocaust«-Bild ist, hat ein antirevisionistischer Historiker, der Franzose Jacques Baynac, 1996 in einer Schweizer Zeitung unverblümt eingeräumt:[3]

»Für den wissenschaftlichen Historiker stellt eine Zeugenaussage nicht wirklich Geschichte dar. Sie ist ein Objekt der Geschichte. Und eine Zeugenaussage wiegt nicht schwer; viele Zeugenaussagen wiegen nicht viel schwerer, wenn kein solides Dokument sie abstützt. Das Postulat der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung, so könnte man ohne große Übertreibung sagen, lautet: Kein(e) Papier(e), keine nachgewiesenen Tatsachen [...].

Entweder man gibt den Vorrang des Archivs auf, und in diesem Fall muß man die Geschichte als Wissenschaft disqualifizieren, um sie sogleich neu als Kunst einzustufen. Oder aber man behält den Vorrang des Archivs bei, und in diesem Fall muß man zugeben, daß der Mangel an Spuren das Unvermögen nach sich zieht, die Existenz der Menschentötungsgaskammern direkt zu beweisen.«

Nun mag ja nur ein verschwindend kleiner Teil der Öffentlichkeit das aufschlußreiche Geständnis des Jacques Baynac zur Kenntnis genommen haben. Sehr wohl zur Kenntnis genommen wurde aber das 1995 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erschienene Buch Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1933-1948 von Binjamin Wilkomirski.

Nach Erscheinen des Werks wußten sich die Kritiker vor Entzücken nicht zu fassen. Ein einschlägig bekannter Spezialist, Herr Daniel Goldhagen, jubelte:[4]

»Dieses fesselnde Buch belehrt auch jene, die mit der Literatur über den Holocaust vertraut sind. Es wird jeden tief bewegen.«

Seinen eigenen Aussagen zufolge wurde Wilkomirski 1939 in Riga geboren. Er habe, behauptet er, Majdanek und Auschwitz überlebt, sei 1948 aus dem kommunistischen Polen in die Schweiz gekommen und dort von einem Ehepaar Doessekker adoptiert worden, weshalb sein heutiger Name Bruno Doessekker laute. Die Schweizer Bürokratie habe ihm eine falsche Biographie aufgezwungen:[5]

»Das Dokument, das ich in den Händen halte - ein behelfsmäßiger Auszug, keine Geburtsurkunde -, gibt den 12. Februar 1941 als mein Geburtsdatum an. Aber dieses Datum stimmt weder mit meiner Lebensgeschichte noch mit meinen Erinnerungen überein. Ich habe rechtliche Schritte gegen diese verfügte Identität eingeleitet.«

In der Weltwoche vom 27. August 1998 (Nr. 35, S. 46/47) resümiert der Jude Daniel Ganzfried den Triumphzug des Wilkomirskischen Opus:

»Dies Kind, ein Mensch aus Fleisch und Blut, geht um die Welt. Übersetzungen in mehr als ein Dutzend Sprachen, bis jetzt drei Filme, ein Theaterstück, gelehrte Abhandlungen, unzählige Features und Rezensionen - nichts fehlt, um vor dem großen Auftritt der literarischen Schweiz in Frankfurt noch einmal auf dieses seit Jahren erfolgreichsten Buch aus unserem Lande hinzuweisen.«

Drei Jahre lang währte Wilkomirskis Ruhm. Dann erfolgte jäh die Demontage, und zwar ironischerweise durch eben diesen Juden Daniel Ganzfried in besagter Weltwoche-Ausgabe. Nach einem längeren Gespräch mit Wilkomirski keimten in Ganzfried erste Zweifel auf:

»Wir geben zu, dass wir einiges nicht glauben, und ziehen von dannen, denken aber, eine genauere Recherche würde sicher auch ihm helfen, seine Geschichte zu belegen. Wir treffen Bekannte von Bruno Doessekker aus der Schulzeit. [...] Zwei Talente sind schon früh aufgefallen: Er musiziert mit Verve und erfindet hie und da absonderliche Geschichten, die sich als Legende entpuppen. [...] Im Zürcher Stadtarchiv stossen wir auf das erste Dokument, das uns stocken lässt. Bruno Doessekker wurde am 22. April 1947 an der Primarschule Zürich Fluntern in der ersten Klasse eingeschult. [...] Wir lesen sein Buch erneut: Die Begebenheiten, die er aus der Nachkriegszeit als eigenes Erlebnis in Polen schildert, lassen es schwerlich zu, dass er 1947 in der Schweiz zur Schule ging. Doch wir wollen uns nicht schon festlegen. Nur ist da noch dieser Altersunterschied von drei Jahren, den er auf alle seine Klassenkameraden gehabt hätte. Niemandem fiel etwas auf, sowenig wie an seiner Sprache - Zürichdeutsch ohne Wenn und Aber.«

Verblüfft muß Ganzfried zur Kenntnis nehmen, daß sich Wilkomirski »bald telefonisch und schriftlich drohend gegen weitere Nachforschung verwahrt«. Doch forscht er weiter, und das Ergebnis seiner Recherchen sieht wie folgt aus:

»Binjamin Wilkomirski« wurde am 12. Februar in Biel als unehelicher Sohn der Yvonne Berthe Grosjean geboren, erhielt den Vornamen Bruno, kam ins Kinderheim, wurde 1945 zur Adoption freigegeben und von einem Ehepaar Doessekker adoptiert. Die Kindheit in Riga, Majdanek und Auschwitz war frei erfunden. »Dieser Zeuge war nie in der Hölle«, hält Ganzfried kategorisch fest, und wirft die bohrende Frage auf, wie es möglich war, daß »jedes ernstzunehmende Feuilleton dieses Buch gefeiert hat, als handle es sich um die Originalniederschrift des Alten Testaments«, und wieso »die halbe Psychoanalytikergemeinde von Zürich bis Israel sich soweit irreführen lässt, dass sie dem Glauben verfällt, statt beharrlich nachzufragen«. Er fügt hinzu:

»Es mag erstaunen, wie billig sich die Rezipienten und Multiplikatoren in Film und Literatur abspeisen lassen. Dass ihnen aber vor einem Konstrukt wie Wilkomirskis Lebensgeschichte nicht nur die Freiheit zu fragen, sondern auch der Mut des eigenen Urteils abhanden kommt, muss erschrecken. Mit dieser Urteilsunfähigkeit bleibt auch der Anspruch auf Qualität auf der Strecke - was die einmütig überhöhte Meinung zu Wilkomirskis und anderer schlichtweg schlechter Produkte hiesiger Literatur und Kunst belegt.«

Ganzfrieds Einstufung des Wilkomirski-Elaborats als »schlichtweg schlechtes Produkt« ist höflich untertrieben, wovon sich jeder Leser selbst überzeugen kann. Wir begnügen uns pietätshalber mit zwei Passagen aus dem »derzeit erfolgreichsten Schweizer Buch«, die erste bezieht sich auf den erfundenen Aufenthalt des Autors in Majdanek:[6]

»Für immer hat sich mir das Bild jener zwei Knaben vor dem Barackentor in mein Gehirn gebrannt: Sie durften die Baracke nicht mehr betreten. Sie sollten uns eine Warnung sein. Gekrümmt, sich windend und unablässig schreiend knieten sie im Dreck. Entsetzt blickte ich auf ihre rot zertropften Hosen. Die größeren Kinder erzählen: Auf dem Weg zur Latrine hätten sie ihr Wasser nicht mehr halten können. Zwei Blockowas hätten sie erwischt, als sie hinter einer Baracke an die Wand gepinkelt hätten. Zur Strafe habe man ihnen von vorne Stäbchen in den Pimmel gesteckt, so tief es nur ging. Einige sagten, die Stäbchen seien aus Glas gewesen. Dann hätten die Blockowas darauf geschlagen und die Stäbchen seien zerbrochen und könnten nicht mehr herausgezogen werden. Die Blockowas hätten sehr gelacht und großes Vergnügen dabei gehabt. "Nun schreien sie und pinkeln nur noch Blut!" sagte einer. Am Abend wimmerten sie noch, und dann hat man sie weggebracht.«

Nach seiner Einschulung in Zürich will unser Märchenonkel folgendes erlebt haben:[7]

»"Welche Schweizer Heldensagen kennt ihr?", fragte die Lehrerin. [...] dann entrollt sie ein großes, buntes Wandbild. "Was ist hier zu sehen?" fragt sie wieder. "Der Tell! Wilhelm Tell! Der Schuß!" tönt es von den Bänken. "Nun? Was siehst du? Beschreibe das Bild", sagte die Lehrerin, noch immer zu mir gewandt. Ich blicke entsetzt auf das Bild, auf diesen Mann, der offenbar Tell heißt, der offenbar ein Held ist, der eine merkwürdige Waffe hält und zielt. Er zielt auf ein Kind, und das Kind steht ahnungslos da! [...] "Ich sehe ..., ich sehe einen SS-Mann...", sage ich zögernd. "Und er schießt auf Kinder", füge ich schnell hinzu. Brüllendes Gelächter im Schulzimmer. "Ruhe!" ruft die Lehrerin . [...] Ich blicke sie an, gerade ins Gesicht. Ich sehe die blitzenden Augen, den wutverzerrten Mund. Und jetzt weiß ich es, sie ist es, sie ist die Blockowa! Da steht sie, breitbeinig, prall, die Hände in die Hüften gestemmt. Die Lehrerin ist eine Blockowa! Unsere Blockowa! Sie hat sich nur verkleidet, sie hat die Uniform abgelegt. Sie trägt jetzt einen roten Pullover, sie hat versucht, mich zu täuschen! Ihr Kinder seid nur Dreck, hat sie immer gesagt. Wieso zwingt sie mich nun, dieses schreckliche Bild zu erklären? Sie kennt es doch längst! Sie weiß, was es bedeutet! Ich nehme einen neuen Anlauf: "Es ist nicht normal, weil... weil..." Ich stottere schon wieder. "Weil was?" schreit es mir entgegen. "Weil... unsere Blockowa hat gesagt: Kugeln sind zu schade für Kinder! und weil.. weil... eigentlich nur die Erwachsenen werden erschossen... oder sie gehen ins Gas. Die Kinder kommen ins Feuer oder werden von Hand getötet... meistens." "Wie!?" kreischt sie nun und scheint die Fassung zu verlieren. "Wie?" wiederhole ich, "nun, mit den Händen eben, am Hals... wie bei den Hühnern..." "Setz dich und hör auf mit deinem Gefasel!" keucht sie. [...]

Geschlagen hat mich die Blockowa nicht zur Strafe, das hat sie nach der Schule der Klasse überlassen. Wie ein Schwarm sind sie auf dem Heimweg über mich hergefallen - was hätte ich tun sollen, gegen so viele. Ich habe mich auf den Rand des Gehsteiges gesetzt und sie prügeln lassen. Warum machen die Kinder gemeinsame Sache mit der Blockowa? - ich kann es nicht begreifen. Dies schmerzt mehr als die Prügel und macht mich traurig.«

Wieso dergleichen bloß von jedem "seriösen" Feuilleton gefeiert worden sei, fragt Ganzfried. Die Antwort kennt er natürlich selbst: Weil jeder "seriöse" Feuilletonist weiß, daß er dergleichen zu feiern hat, will er in dieser Gesellschaft Karriere machen - genau wie jeder "seriöse" Journalist, der über den Holocaust-Revisionismus schreibt, diesen im Interesse seiner Karriere beschimpfen muß, mag er auch nie eine einzige Zeile eines einzigen revisionistischen Autors gelesen haben.

Mit seiner Wilkomirski-Entlarvung, vorgenommen im Feuilleton der "seriösen" Zürcher Weltwoche, könnte Ganzfried Geister gerufen haben, die er nicht mehr loswerden wird. Gar mancher Leser dürfte sich nämlich fragen: Wie ist es denn eigentlich um die Glaubwürdigkeit anderer, nicht minder bekannter »Erlebnisberichte« über den »Holocaust« bestellt?

Was denkt Daniel Ganzfried beispielsweise über Filip Müllers 1979 publiziertes Buch Sonderbehandlung, das von den Feuilletonisten weiland in noch weit hymnischeren Tönen gepriesen wurde als das Wilkomirski-Geschreibsel und das Raul Hilberg in seinem Standardwerk über die »Judenvernichtung« nicht weniger als siebzehnmal als Zeugnis für die Massenmorde in Auschwitz zitiert?[8] Müllers Obszönitäten lassen diejenige Wilkomirskis mühelos hinter sich; hier eine Kostprobe:[9]

»Von Zeit zu Zeit kamen auch SS-Ärzte ins Krematorium, meistens Hauptsturmführer Kitt und Obersturmführer Weber. An solchen Tagen ging es wie in einem Schlachthof zu. Vor den Hinrichtungen befühlten die beiden Ärzte wie Viehhändler die Schenkel und Waden der noch lebenden Männer und Frauen, um sich "die besten Stücke" auszusuchen. Nach der Erschießung wurden die Opfer auf einen Tisch gelegt. Dann schnitten die Ärzte Stücke von noch warmem Fleisch aus den Schenkeln und Waden heraus und warfen es in bereitstehende Behälter. Die Muskeln der gerade Erschossenen bewegten sich noch und konvulsierten, rüttelten in den Eimern und versetzten diese in ruckartige Bewegungen.«

Das ist Filip Müller, Professor Raul Hilbergs auf dreizehn Seiten insgesamt siebzehnmal zitierter Starzeuge, dessen Werk laut Claude Lanzmann, Regisseur des neuneinhalbstündigen Films Shoa, in jeder Episode »das Siegel der Wahrheit trägt«![10] Müller schildert in epischer Breite, wie er und seine Kollegen vom Sonderkommando im Frühsommer 1944 die Leichen Vergaster, die in drei Schichten in einer Grube gestapelt und dort eingeäschert wurden, mit siedendem Menschenfett übergießen mußten, das den Leichen entströmte, in Rinnen abfloß und mit Kellen aus diesen geschöpft wurde, um als zusätzlicher Brennstoff zu dienen[11] - als ob das Fett nicht das erste wäre, das bei der Einäscherung einer Leiche verbrennt!

Hält Ganzfried diesen Müllerschen Unrat für glaubwürdig? Wenn nein, wie kam es denn, daß dieser Unrat in allen "seriösen" Feuilletons über den grünen Klee gelobt wurde? Hält Ganzfried Elie Wiesels La Nuit für glaubwürdig - ein Buch, in dem der von April 1944 bis Januar 1945 in Auschwitz I und Birkenau internierte Wiesel die Gaskammern nicht mit einem einzigen Wort erwähnt, dafür aber schildert, wie die Juden lebend in Feuergräben gestoßen wurden, wo sie »stundenlang in den Flammen dahinvegetierten«?[12] (In der deutschen Wiesel-Übersetzung Die Nacht zu begraben, Elischa tauchen die vom Autor "vergessenen" Gaskammern dann auf wundersame Weise doch auf, weil der Übersetzer Curt Meyer-Clason das Wort »crématoire« regelmäßig mit »Gaskammer« wiedergibt.) Ist für Ganzfried das erfolterte Geständnis des ersten Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß[13] glaubhaft, dem zufolge Höß bereits im Juni 1941 das am 23. Juli 1942 eröffnete[14] Lager Treblinka besuchte und der von 2,5 Millionen allein bis Ende November 1943 in Auschwitz vergasten Juden sprach,[15] während der weltweit als führender Auschwitz-Experte gefeierte Pressac inzwischen bei 470'000 während der gesamten Existenz des Lagers Vergasten angekommen ist[16] - wohlverstanden ohne die Vergasung auch nur eines einzigen Juden dokumentarisch belegen zu können?

Lassen wir Daniel Ganzfried nochmals zu Worte kommen:

»Gerade vor der Faktizität der Todesfabriken, von den Nazis so angelegt, dass niemand ihre Existenz je für möglich halten würde, kommt [17] der Zeugenschaft und dem Vertrauen, das die Nachwelt in sie haben können muss, eine besondere Verantwortung zu. Es erscheint menschlich, dass man einem, der aussagt, im Inneren der Hölle gewesen zu sein, um so mehr glaubt, als er durch seine Person so plastisch bezeugt, was sich unsere Gedanken niemals anzueignen vermögen. Es nimmt uns die Aufgabe des Nachdenkens und die erschütternde Erfahrung des Versagens unseres Menschenverstandes vor dem Faktum Auschwitz ab.«

Welche Todesfabriken, Herr Ganzfried? Welches »Faktum Auschwitz«? Das Buch des Bruno Doessekker alias Binjamin Wilkomirski liefert keine Beweise für das Vorhandensein von Todesfabriken, darüber sind wir uns einig - wer aber sind die echten, die glaubhaften Zeugen, wenn es schon anerkanntermaßen keine Sach- und Dokumentenbeweise gibt? Zeugen für die Existenz von Menschentötungsgaskammern und nicht von Entlausungskammern oder Krematorien, von Vernichtungslagern und nicht von Konzentrationslagern, für die Realität der systematischen Judenausrottung und nicht der Judenverfolgung oder des Häftlingselends in Majdanek, Auschwitz und anderswo.

Daniel Ganzfried spürt mit sicherem Instinkt, welche Konsequenzen er mit seiner mannhaften Wilkomirski-Demontage heraufbeschwören könnte:

»Wo Winnetou heute auf einer Freilichtbühne in Bayern auftritt, weiss jedes Kind, wie der Schauspieler heisst. Bei Wilkomirski aber, der auf vielen Bühnen tanzt, verhält es sich anders. Er hält Vorträge, bietet seine Dienste als Experte für Rückgewinnung von Identität an, nimmt Gelder Öffentlicher Institutionen entgegen - alles unter der Voraussetzung, dass er der ist, für den er sich ausgibt. Tritt er wieder ab, meinen zum Beispiel die Schüler an einer Zürcher Kantonsschule, sie hätten mit eigenen Augen einen gesehen, der leibhaftig aus der Hölle zurückgekommen ist. An die Hölle glauben sie nie. Aber nun müssen sie erfahren, dass auch der Zeuge falsch war. Bald glauben sie gar nichts mehr, und morgen schon neigen sie dazu, dem zu glauben, der ihnen erzählen will, dass Auschwitz nur ein Arbeitslager war, wo leider auch ein paar Insassen zuviel gestorben seien.«

»Ein paar Insassen zuviel« ist untertrieben - immerhin schätzt der weltweit führende Revisionist Carlo Mattogno die Zahl der Auschwitz-Opfer auf 160.000 bis 170.000[18]. Ansonsten hat unser Weltwoche-Autor aber verflucht recht: Falls den Kantonsschülern, um Ganzfried zu paraphrasieren, "der Mut des eigenen Urteils noch nicht abhanden gekommen ist", werden sie nach dem Bekanntwerden der Wilkomirski-Pleite fortan tatsächlich insgeheim denken, daß Auschwitz wirklich nur ein Arbeitslager war, wenn auch ein ziemlich übles.

Wer freilich gar noch den Mut hat, ein solches eigenes Urteil Öffentlich bekanntzugeben, den erwarten in der heutigen Schweiz - und beiliebe nicht nur dort - Bußen und Gefängnisstrafen. Der Verfasser dieses Aufsatzes wurde am 21. Juli 1998 vom Kantonsgericht Baden zu 15 Monaten Haft ohne Bewährung (sowie 8.000 Franken Buße) verurteilt. Der Grund dafür liegt darin, daß er den »Mut des eigenen Urteils« aufgebracht hat und die Geschichten eines Elie Wiesel, eines Filip Müller und all der anderen Wilkomirski-Vorgänger einfach nicht glauben will.


Anmerkungen

[1]Jean-Claude Pressac, Die Krematorien von Auschwitz. Technik des Massenmords, Piper, München 1994, S. 2.
[2]Bei zwei zusammen mit Carlo Mattogno unternommenen Besuchen in Moskau (Juli/August sowie November/Dezember 1995) haben wir alle 88.000 Seiten gesehen.
[3]Jean Baynac, »Faute de documents probants sur les chambres à gaz, les historiens esquivent le débat« (Mangels beweiskräftiger Dokumente über die Gaskammern drücken sich die Historiker vor der Debatte), in: Le Nouveau Quotidien, Lausanne, 3. September 1996; vgl. VffG 1(1) (1997), S. 19ff.
[4]Goldhagen-Zitat auf der Rückseite der Taschenbuchausgabe von Binjamin Wilkomirskis Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1945, Suhrkamp Taschenbuch 2801, Frankfurt 11998. Alle Wilkomirski-Zitate nach dieser Taschenbuchausgabe.
[5]ebenda, S. 143.
[6]ebenda, S. 57/58.
[7]ebenda, S. 119 ff.
[8]Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1990, 2. Band, S. 1037-1046.
[9]Filip Müller, Sonderbehandlung, Steinhausen, München 1979, S. 74.
[10]Einleitung Claude Lanzmanns zur französischen Ausgabe von Müllers Buch: Trois ans dans une chambre à gaz, Pygmalion/Gérard Watelet, Paris 1980.
[11]Filip Müller, aaO. (Anm. 9), S. 207 ff.
[12]Elie Wiesel, La Nuit, Editions de Minuit, Paris 1958, S. 57 ff.
[13]Wie das Höß-Geständnis durch Folter erzwungen wurde, schildert Rupert Butler in Legions of Death, Arrow Books Limited, London 1986, S. 235 ff.
[14]Zum Datum der Eröffnung Treblinkas siehe Eberhard Jäckel (Hg.), Enzyklopädie des Holocaust, Argon, Berlin 1992, S. 1430.
[15]NO-3868 PS.
[16]Pressac, aaO. (Anm. 1), S. 202.
[17]Im Text steht irrtümlicherweise »kommen«.
[18]Carlo Mattogno und Franco Deana, »Die Krematoriumsöfen von Auschwitz-Birkenau«, in: Ernst Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994, S. 307.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(1) (1999), S. 88-90.
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