Konrad Henlein und die sudetendeutsche Frage

Von Lubomir Duda, Pilsen

Konrad Henlein, ein Maffersdorfer, ein Reichenauer, ein Gablonzer, ein Nordböhme, wie ihn Dr. Richard Zasche in seinem Buch Konrad Henlein (1983) nannte, der Geschichte gemacht hat, wurde vor 101 Jahren, am 6. Mai 1898, in Maffersdorf bei Reichenberg geboren. Seine Vorfahren stammten aus dem Weinort Castell in Unter- bzw. Mainfranken. Henleins Mutter war die Tochter der tschechischen Familie Dvoracek aus Maffersdorf. Diese Abstammung hat er nie geleugnet. Henlein gehört zum sudetendeutschen Drama. Blätter im Buch seines Lebens, denn nichts, was in die Geschichte eingegangen ist, kann ausgelöscht werden.

Nach der Volks- und Bürgerschule besuchte Henlein in Gablonz die Handelsakademie, im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig zu den Kaiserjägern, geriet 1917 verwundet in die Gefangenschaft und war bis 1919 in einem Lager im Norden Sardiniens. Er konnte die Zeit der Gefangenschaft nutzen, lernte Sprachen, Fechten und ließ sich in Handelsfächern ausbilden. Im Frühjahr 1919 wurde er entlassen, seine Heimat war inzwischen zur Tschechoslowakei geworden. In Gablonz fand er bei einer Bank Anstellung. Sein Leben gehörte aber der Turnerei. Im Reichenauer Turnverein begann er damit und er war zuerst Diet- und bald auch Turnwart. Am 25.10.1925 bewarb sich Konrad Henlein beim größten Verein des deutschen Turnverbandes in Asch/Egerland, um die hauptamtliche Turnlehrerstelle. Hier in Westböhmen wurde er Turnwart des sudetendeutschen Turnverbandes des Egerland-Jahnmal-Turngaues und in wenigen Jahren Turnwart des sudetendeutschen Turnverbandes in der Tschechoslowakei und das im Alter von 30 Jahren. Am 26.8. 1926 hat der Turnlehrer Konrad Henlein die 22jährige Turnerin Emmy Geyer aus Asch geheiratet. Sie hat an seiner Seite gute und glückliche Zeiten erlebt, doch mehr schlimme und bedrohliche. Der Kärntner Freiheitskämpfer Dr. Hans Steinacher (1892-1959) schreibt in seinen Lebenserinnerungen:

Konrad Henlein in glücklichen Tagen, bei seinem Besuch am 13.5.1938 in Großbritannien

»Wenn es wahr ist, daß man den Wert eines Mannes nach seiner Frau ablesen kann, so ist diese Frau, die den Aufstieg ihres Mannes nicht im geringsten unsicher machte, die stets einfache, pflichtbewußte Ehefrau und Mutter ihrer Kinder blieb – sie hatten drei Kinder – der Beweis für den Wert ihres Mannes.«

Ende September 1933 legte Konrad Henlein sein Amt als Verbandsturnwart nieder und trat doch ins politische Leben ein – entgegen früheren Absprachen. Am 1.10.1933 gründete er im Egerer Gasthof »Ewiges Licht« die SHF – Sudetendeutsche Heimatfront, die sich später auf Anweisung des tschechischen Staates in SdP – Sudetendeutsche Partei – umbenennen mußte. Henlein strebte eine verfassungsmäßige Autonomie innerhalb der Tschechoslowakei an. Außenpolitisch versuchte er vor allem, englische Politiker für die Autonomiebestrebungen zu interessieren, was ihm auch gelang. Bei den Parlamentswahlen am 19. Mai 1935 bekam die Sudetendeutsche Partei 1.249.497 Stimmen, mehr als die größte tschechische Partei, die Arbeiterpartei, und war damit stärkste Partei im Lande. Konrad Henlein versicherte in Telegrammen an Staatspräsident Masaryk, an den Ministerpräsidenten und den Innenminister, auch weiterhin eine loyale Haltung einzunehmen. Aber die Haltung der tschechischen Parteien verhärtete sich gegenüber den Sudetendeutschen noch mehr. Henlein unternahm in den folgenden Jahren Reisen ins westliche Ausland, um die Forderung nach Autonomie zu rechtfertigen. Rechtlich vertretbar wäre sogar die Forderung gewesen, die Regierung selbst zu bilden. Es geschah aber nichts in dieser Richtung. Inzwischen war Eduard Benesch Präsident. Vieles hätte verhindert werden können. Statt dessen begann eine verhängnisvolle Entwicklung, die 1945 zur Vertreibung der Sudetendeutschen führte.

Nach seinem Wahlsieg erhielt Konrad Henlein eine Einladung vom englischen »Royal Club of Foreign Affaires« und hielt dort einen Vortrag über die Lage der Sudetendeutschen. Es würde den Rahmen des Berichtes sprengen, wollte man weiter nach verpaßten Möglichkeiten suchen. Hätte der Versuch, mit den Tschechen einen Vielvölkerstaat zu bilden, eine zweite Schweiz, verwirklicht werden können ? Der Sozialdemokrat Wenzel Jaksch bezeugt, daß die Tschechen alles getan haben, diese vernünftige Lösung zu sabotieren. Ab 1937 zeichnete sich eine sudetendeutsche Autonomie innerhalb der CSR als Möglichkeit ab. Das aber ließ der Nationalsozialismus mit Adolf Hitler und seinen Großdeutschen Ansichten nicht mehr zu, der Pakt mit dem Diktator, dessen Weg ins Unheil die Partei Konrad Henleins nun antrat, nahm seinen Lauf.

Trotz allen Ernstes damaliger Zeit, gab es in der Tschechoslowakischen Republik schwejkschen Humor, der in folgendem Lied enthalten ist:

»Don san sich Konrad Henlein kumma u Leit hom oallawei schreit "Sieg Heil", mit weißen Strumpf san sie umsprunga, dös wae für uns schlechte Zeit!«

Lassen wir noch einige Zeitzeugen zu Wort kommen. Dr. Neuwirth schreibt am 10.5.1996 in der Sudetendeutschen Zeitung:

»Unmittelbar vor Beginn des Polenfeldzuges 1939 hat sich Konrad Henlein zu Adolf Hitler begeben und sehr ernste Vorbehalte gegen eine kriegerische Lösung erhoben. Mit Nachdruck hat er auf die Friedenswünsche der Sudetendeutschen hingewiesen, worauf er im Dritten Reich ein "toter Mann" wurde. Niemand kann heute bestreiten, daß Henlein Zeit seines Lebens politische Feinde hatte, und ihm kann bis heute niemand auch nur eine einzige persönliche unanständige Handlung nachsagen. So unbefangen beurteilt, ist Henlein eine der tragischen, aber sauberen Figuren im Rahmen der großen sudetendeutschen Tragödie, die unter den Bedingungen geradezu dramatischer Verwicklungen im engsten Sinne des Wortes gesehen werden sollten.«

Am 20. April 1945 ruft Konrad Henlein eine Gruppe von Kreisleitern und Kampfkommandanten des westböhmischen Gebietes in das Forsthaus Glatzen im Kaiserwald bei Marienbad und schließt seine Rede:

»Jetzt müssen wir sehen, wie wir für das Sudetendeutschtum noch retten, was zu retten ist.«

Aber das waren nur noch Illusionen. Am 8. Mai 1945 ergab sich Konrad Henlein am Hornerberg bei Ellbogen-Karlsbad den Amerikanern. die ihn in die Kaserne des 35. Infanterie-Regiments nach Pilsen brachten. In der Nacht zum 10. Mai 1945 öffnete er sich die Pulsadern und wurde tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde dann heimlich in einem Papiersack zum Zentralfriedhof in Pilsen gebracht und dort in einem Massengrab beigesetzt. Dieses Massengrab wurde vor einem Jahr durch den »Bund deutscher Kriegsgräberfürsorge« in Kassel gekennzeichnet und mit Granittafeln und Bronzeplatten geschmückt, der Name Konrad Henleins jedoch wurde auf den Platten absichtlich nicht aufgeführt.

Über seine persönliche Tragödie gibt es eine erschütternde Aussage von ihm selbst die er wenige Tage vor seinem sich selbst gesetzten Ende dem deutsch-böhmischen Adeligen Alfons Clary-Aldrigen gegenüber abgegeben hat (siehe Geschichte eines alten Österreichers):

»Ich habe das alles nicht gewollt. Sie haben mich getäuscht. Sie haben mich erst belogen, dann haben sie meinen Namen mißbraucht. Zu sagen hatte ich längst nichts mehr.«

Nun muß man aus der heutigen Sicht sagen, daß, als Konrad Henlein 1933 in die Politik trat, Gerechtigkeit ein Fremdwort war und daß er ab 1936 einer Entwicklung gegenüberstand, die weder er noch erfahrene Staatsmänner, die Engländer und Franzosen an der Spitze, voraussahen und kaum beeinflussen konnten.

In diesem Zusammenhang wirft sich die Frage auf: war Konrad Henlein ein Nationalsozialist? Arnold Toynbee (1880-1976), englischer Historiker und Professor an der Londoner Universität, antwortete der Autorin Shiela Grant Duff, Herausgeberin des Buches Europe and the Czech auf ihre entsprechende Frage:

»Ich versichere ihnen, das er es nicht war.«

Auf die gleiche Frage äußerte sich auch der Spiegel in seiner Ausgabe Nr. 37 vom 9. September 1968 über das Münchener Abkommen:

»Er war kein Nazi.«

So stehen politische Figuren oft zwischen zwei Fronten und sie können keinen Einfluß mehr auf die Ereignisse nehmen, sondern werden von den zeitgenössischen Ereignissen in ihrem Handeln bestimmt.

Aber lassen wir einmal den Vater der Austreibung der Sudetendeutschen zu Wort kommen. Kurz vor seinem Tode 1948 bekannte der gedemütigte ehemalige Präsident der Tschechoslowakei in einer Botschaft an den Westen:

»Sie lügen alle ohne Ausnahme; es ist der gemeinsame Zug aller Kommunisten, insbesondere der russischen. Es war mein größter Fehler, daß ich bis zuletzt zu glauben abgelehnt habe, daß Stalin mich kaltblütig und zynisch belogen hat und daß seine Versicherungen mir und Jan Masaryk gegenüber 1945 und auch später absichtlicher und zielbewußter Betrug waren.«

(Frantisek Peroutka am 23.4.1971 in Americké listy)

Es wäre gut, würden sich auch die Tschechen heute einmal Gedanken machen über diesen nicht gerade rühmlichen Teil ihrer Geschichte. Die Flammen des Hasses könnten gelöscht werden. Vielleicht sollen wir in diesem Zusammenhang die treffenden Worte des böhmischen Schachgroßmeister und Schriftstellers Ludek Pachmann nicht vergessen:

»Nicht das Vergessen, sondern die wachsende Kraft der vollen geschichtlichen Wahrheit wird zur Versöhnung führen, zu beiderseitigem Verständnis, zum Vorteil beider Völker im Herzen Europas – der Tschechen und Deutschen.«


Quellen


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 296ff.


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