Die fragwürdige Abstammung des Judentums

Von Dr. Alexander Jacob

Thomas E. Thompson, Early History of the Israelite People, from the Written and Archaeological Sources (Frühe Geschichte des Israelitischen Volkes anhand der schriftlichen und archäologischen Quellen), Band 4 der Studies in the History of the Ancient Near East, E.J. Brill Academic Publishers; Leiden 1994, 423S, ISBN 9004094830, $151,50

Das 423-seitige Werk Early History zeugt von außergewöhnlicher Kenntnis sowohl der archäologischen und sozialen Geschichte als auch der Auslegung literarischer Quellen. Allerdings ist der Titel irreführend, handelt es sich doch bei der vorliegenden Studie nicht so sehr um eine »frühe Geschichte des Israelitischen Volkes«, sondern weit eher um eine »archäologische Geschichte des frühen Israel«, die sich bei der Erforschung der Entstehung Israels als Nation in erster Linie auf archäologische Quellen stützt.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert, von denen lediglich der zweite eine von Thompson dargebotene Geschichte des »Israelitischen Volkes« darstellt. Beim ersten Teil haben wir es mit einer umfassenden Übersicht über die bestehende Literatur zu tun, von der Pionierarbeit W.F. Albrights und Albrecht Alts bis hin zu zeitgenössischen Historikern wie I. Finkelstein, M. Weippert und N.P. Lemche. Obgleich dieser 170 Seiten umfassende Teil als Nachschlagewerk für Studenten der biblischen Archäologie durchaus von Nutzen ist, muß er als Einführung in Thompsons eigene historische Darstellung als zu lang bezeichnet werden. Das Buch wäre ohne diese pedantische Aufzählung wissenschaftlicher Quellen und geschichtlicher Zusammenhänge, die fatal an eine amerikanische Doktorarbeit gemahnt, bedeutend fesselnder.

Aus Kalkstein gefertigte Figurine einer betenden Frau. Das Kunstwerk stammt aus der frühen Sumererzeit. Im vierten vorchristlichen Jahrtausend erreichte die sumerische wie auch die semitische Zivilisation in Mesopotamien einen hohen Stand. Lange vor der Niederschrift der Bibel entstand dort die Keilschrift, die früheste bekannte Schriftform der Menschheit. In der Genesis lesen wir von Abraham und seinen Verwandten in Mesopotamien. Archäologische Ausgrabungen in Mesopotamien haben eine Fülle von Beweisen für die historische Authentizität der biblischen Geschichten geliefert.

Thompsons Geschichte setzt mit dem fünften Kapitel ein und widmet den archäologischen Funden zwei Kapitel; zwei weitere Kapitel befassen sich mit anthropologischen und literarischen Betrachtungen zum Thema der Ethnizität, und im Schlußkapitel wird dann eine Rekonstruktion der Frühgeschichte Israels und Judas vorgenommen. Anhand seiner umfangreichen Forschungen über den Ursprung der Israeliten gelangt Thompson zur Schlußfolgerung, daß die beiden Staaten Israel (im Norden) und Juda (im Süden), die erstmals im neunten vorchristlichen Jahrhundert entstanden sind, in ihrer ethnischen Zusammensetzung heterogen waren und in der Mittelmeerregion bloß eine untergeordnete politische Rolle spielten.

Wichtig ist der Hinweis darauf, daß es keinen archäologischen Beweis für ein »vereinigtes Königreich« Davids gab, wie es von Bibelhistorikern für das zehnte vorchristliche Jahrhundert angenommen wurde. Die erste beweiskräftige Erwähnung einer »Israelischen Nation« findet sich erst am Ende des sechsten Jahrhunderts v. Chr., als der Tempel in Jerusalem im Anschluß an die Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft wiederaufgebaut wurde. Dies geschah unter der Ägide des Perserkönigs Kyros, der dadurch in den Augen der zurückgekehrten Israeliten automatisch in den Rang eines »Messias« erhoben wurde. Thompson neigt dazu, die Bibel als verläßliche geschichtliche Quelle vollständig zu verwerfen; er findet darin nichts Anderes als chronologische Widersprüche und Verfälschungen der historischen Wirklichkeit durch jene Schriftgelehrten, welche die historische jüdische Tradition im sechsten vorchristlichen Jahrhundert zusammengesetzt und schriftlich verewigt haben.

Ganz zweifellos ist die Bibel jedoch für eine Rekonstruktion der archäologischen und – wichtiger noch – der anthropologischen Geschichte des jüdischen Volkes unerläßlich. In der Tat wird Thompsons Schlußfolgerung bezüglich der endgültigen Bildung eines jüdischen Staates zur Zeit des Königs Kyros durch das Alte Testament, genauer durch Nehemia 8, bestätigt, wo berichtet wird, wie Esra den Israeliten das Gesetz Mose vorlas und dadurch eine religiöse Tradition festigte, die als Folge von Exil, Wanderungen sowie Vermischung mit anderen Völkern ins Wanken zu geraten drohte.

Thompsons archäologische Beschreibung des frühen Israel umfaßt separate Darstellungen der von der Bronzezeit bis zur Eisenzeit herrschenden wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen in den zwei Gebieten Ephraim/Manasse – die zusammen Israel bildeten – im Norden sowie Juda im Süden. In der späten Bronzezeit erzwang die große Mykenäische Dürre die Aufgabe der im Tiefland befindlichen Städte und führte zur Entstehung kleiner, ärmlicher Dörfer im zentralen Hochland von Ephraim, die nicht nur vom Ackerbau, sondern auch von Viehherden lebten. Eine auf dem Getreidehandel fußende Marktwirtschaft entwickelte sich zwangsläufig auch in der Anfangsphase der früheren Eisenzeit im zentralen Hochland. Die Bevölkerung dieser Gegend bestand während dieser Zeit aus Menschen, die unter dem Druck klimatischer Veränderung die Wanderschaft angetreten hatten, aber auch aus nichtseßhaften Eingeborenenstämmen des zentralen Hochlands; zu nennen sind hier namentlich die »Apiru« und die »Shasu«.

In der folgenden Periode (1050-850 v. Chr.) entstand eine verhältnismäßig stabile Gesellschaft, deren Mittelpunkt die Hauptstadt der Südwestregion, Samaria, bildete. Der überregionale und internationale Handel, insbesondere mit Jesreel, gewann an Bedeutung. Thompson räumt ein, daß die Gründung Samarias durch die Nachfahren Omris (1. Buch der Könige) historisch ist, »doch die Omriden waren kaum die Nachfolger einer von Saul gegründeten Monarchie« (S. 313), denn:

»Die Existenz des in der Bibel erwähnten "vereinigten Königreichs" im zehnten [vorchristlichen] Jahrhundert ist nicht nur unmöglich, weil Juda noch keine seßhafte Bevölkerung hatte, sondern auch, weil es vor der Ausdehnung des imperialen Einflusses der Assyrer im südlichen Mittelmeerraum keine überregionale politische oder wirtschaftliche Machtbasis in Palästina gab.« (S. 412)

Dem Leser ist die Omriden-Dynastie vielleicht in erster Linie durch die Herrschaft von Omris Sohn Ahab bekannt, der die berühmte Iesebel heiratete und den Baal-Kult wieder in Samaria einführte.

Thompson fährt fort: Während Israel als Folge der durch die große Mykenäische Dürre erzwungenen Abwanderung der ackerbautreibenden Tieflandbevölkerung entstanden war, wurde die Entstehung Judas durch den steigenden internationalen Handel begünstigt, der einen Aufschwung des Olivenanbaus verursachte, was wiederum die Nomaden in der Anfangsperiode der späteren Eisenzeit zur Annahme eines seßhaften Lebensstils zwang. Israel und Juda waren im neunten und achten Jahrhundert allenfalls Kleinstaaten, deren Ausdehnung sich weitgehend auf das Hügelland beschränkte. Obgleich Israel in der Tat vor dem Einzug der Assyrer in diese Gegend eine machtpolitische Rolle spielte, kam keinem der beiden Staaten in Palästina je eine beherrschende Rolle zu (S. 412).

Israel und Samaria wurden in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts von den Assyrern unterjocht, und Nordpalästina wurde zur assyrischen Provinz. Es überrascht keinesfalls, daß die biblischen Urkunden Samaria als »falsches Israel« bezeichnen, wurde es doch als assyrischer Vasallenstaat wieder ins Leben gerufen.

Im südlichen Hochland Judäa war die Periode von der Mittleren Bronzezeit bis zur Eisenzeit durch die Vorherrschaft kleiner landwirtschaftlicher Marktstädte wie insbesondere Jerusalem geprägt, obwohl auch dieses damals nicht hinreichend mächtig sein konnte, um Hebron oder die Städte der nördlichen Negev zu kontrollieren. Thompson führt als Beweis dafür an, daß Pharao Schoschenk Jerusalem bei der Aufzählung der während seines Feldzugs gegen das Ayyalon-Tal angegriffenen Städte nicht erwähnt (S. 307). (Tatsächlich wird in l. Könige 3,1 ein Bündnis Salomons mit dem Pharao erwähnt, welches – falls es eine historische Tatsache ist – Jerusalem im Gegensatz zu den anderen palästinensischen Städten Immunität gewährt haben dürfte.) Den Höhepunkt Jerusalems als wirtschaftliches und politisches Zentrum setzt Thompson im 7. Jahrhundert an, nach dem Niedergang des nördlichen israelischen Staates. Zu jener Zeit wurde Jerusalem zu einem »imperialistischen« Staat, der mit Hilfe der assyrischen Herren »als Stadtstaat imperialistische Machtpolitik gegenüber unterworfenen Völkern« betrieb. Doch mit dem Einzug des babylonischen Königs Nebukadnezar in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts wurden auch Juda und Jerusalem vollkommen zerstört.

Erst nachdem Kyros im Jahre 538 v. Chr. den jüdischen Verbannten die Heimkehr erlaubt hatte, wurde Jerusalem als Zentrum einer »israelischen« Nation wiederbelebt. Der Tempel wurde wiederaufgebaut, und der Jahwe-Kult erlebte in Jerusalem als Variante der zeitgenössischen persischen Ahura-Mazda-Religion eine neue Blüte. Dieses Ereignis stellt für Thompson den ersten Beweis der Nationwerdung Israels dar.

Keine früheren archäologischen Funde in Palästina deuten auf eine spezielle, von den Kanaanitern verschiedene Ethnie hin, die man israelisch nennen könnte. Vor dem sechsten Jahrhundert gibt es nichts, das die israelische und die kanaanitische Gesellschaft voneinander unterschiede.

Die Eroberung Kanaans, wie sie insbesondere im Buch Josua geschildert wird, läßt sich historisch nicht verifizieren. Thompson formuliert es wie folgt:

»Die herkömmliche Vorstellung von der Eroberung kann aus folgenden Gründen nicht aufrechterhalten werden: Am Ende der späten Bronzezeit waren viele Siedlungsstätten nicht bewohnt, da sie unzerstört aufgegeben worden waren. Viele dieser Stätten der späten Bronzezeit blieben während der frühen Eisenzeit bestehen, und jene davon, welche Zerstörungen erkennen lassen, waren entweder nach ihrer Zerstörung für lange Zeit unbewohnt, oder aber sie wurden von derselben Bevölkerung gleich wieder übernommen.« (S. 169)

Angesichts dieser Fakten geht der traditionellen Gegenüberstellung einer in der späteren Bronzezeit verhafteten kanaanitischen Stadtstaatkultur und einer zur Eisenzeit gehörenden nomadischen israelitischen Kultur jede historische Grundlage ab, denn »wir verfügen über keine klaren Beweise dafür, daß es sich bei Israeliten und Kanaanitern um ethnisch unterschiedliche Völker handelte« (S. 23). Thompson übersieht aber, daß die biblischen Urkunden selbst einen solchen Unterschied gar nicht machen, geht doch aus ihnen hervor, daß von den aus der ägyptischen Knechtschaft heimgekehrten Hebräern berichtet wird, sie hätten sich mit der örtlichen Bevölkerung, in deren Mitte sie sich niederließen, vermischt:

»Als nun die Israeliten wohnten unter den Kanaanitern, Hetitern, Amoritern, Perisitern, Hiwitern und Jebusitern, nahmen sie deren Töchter zu Frauen und gaben ihre Töchter deren Söhnen und dienten deren Göttern.« (Richter 3,5)

Die Ruinen einer Synagoge in Baram, Galiläa. Nach dem Scheitern des jüdischen Aufstands gegen Rom in der Provinz Juda (132-135 n. Chr.) zogen sich die Juden in die Berge Galiläas zurück, wo eine neue Hochburg des Judentums entstand. Jerusalem wurde unter dem Namen Colonia Aelia Capitolina als römische Provinzstadt wiederaufgebaut, und die Provinz Judäa trug fortan den Namen Palästina. Im Jahre 313 gewährte Kaiser Konstantin der Große den Christen überall im Römischen Reiche gleiche Rechte (die Juden waren bereits anno 212 in den Genuß solcher gekommen). Im vierten Jahrhundert entstand ein tiefer Zwist zwischen Christen und Juden. 425 schloß Theodosius II die Juden von öffentlichen Ämtern aus. Der Aufstieg des Christentums in Byzanz führte zur politischen und sozialen Ächtung der Juden, und sie begannen in Scharen nach Spanien abzuwandern, wo sie bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1492 eine Blütezeit erlebten.

Thompsons schwerwiegendster Ausgangsfehler ist die Annahme, die anthropologische Identität der »Israeliten« müsse sich grundlegend von jener der einheimischen Kanaaniter unterscheiden. Dabei weisen die biblischen Urkunden selbst darauf hin, daß die israelische Nation nicht etwa das Erzeugnis der massiven Invasion eines nichtkanaanitischen Volkes in Palästina war, sondern vielmehr eine stufenweise Infiltration verschiedener Völker, die den Stammesgott Jahwe verehrten; dieser verhieß all seinen Anhängern den Sieg über sämtliche feindlichen Nachbarstämme in der Region. Außerdem liest man in den Büchern der Bibel immer wieder von Rückfällen des Volks in nichtjahweistische Kulte, insbesondere den Baal- und den Astartekult. Dies beweist, daß viele Anhänger Jahwes alteingesessene Konvertiten zu einer Religion gewesen sein müssen, welche von der aus Ur und Haran in Sumer stammenden Einwanderergruppe Abrahams nach Kanaan eingeführt worden war.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, A.D.H. Mayes’ Israel in the Period of the Judges (Studies in Biblical Theology 29, London 1974) zu Rate zu ziehen. Wie Thompson ausführt, verficht der Verfasser die These, daß

»das entscheidende Bündnis, welches die Einheit Israels besiegelte, nicht von den tonangebenden Kreisen im Königreich Sauls geschaffen worden ist. Vielmehr ging Mayes davon aus, daß Israel bereits vor Saul bestanden hatte. Für Mayes beruhte seine Einigung nicht auf einer zentralen Autorität, sondern auf der allmählichen Entwicklung einer gemeinsamen Jahweverehrung.« (S. 97)

Diese auf den Jahwekult gründende Identität der Israeliten vor der Errichtung eines Königreichs wird mit Sicherheit durch die Tatsache getragen, daß das Königreich Sauls in der Tat einen Fremdkörper unter den Juden darstellte und von Samuel als bloße Notlösung eingeführt wurde, als das Volk ihn bat: »Gib uns einen König, der uns richte.« (1. Samuel 8,6)

Im Jahre 1514 schuf Michelangelo diese berühmte Skulptur des großen israelitischen Gesetzgebers, Propheten und Führers Moses. Wie damals üblich, wurde er mit Hörnern dargestellt. Vermutlich ist dies das Ergebnis einer Fehlübersetzung aus dem Hebräischen, wo statt "Lichtstrahlen" fälschlicherweise "Hörner" stand. Wie es bei großen Helden oftmals der Fall ist, handelt es sich bei der Geschichte von Mose Geburt um ein Wandermotiv; in den Legenden anderer Völker finden sich zahlreiche Parallelen dazu. Manche Forscher neigen sogar der Ansicht zu, die Mosesgeschichte gehe auf die Mythen von Sargon, Osiris und anderen Gottheiten zurück. Es ist letzten Endes durchaus denkbar, daß Moses gar keine historische Gestalt war.

Der Schlüssel zum ursprünglichen Charakter der Jahweanbeter (oder Juden) kann somit nicht im Ausdruck »Israel« liegen (der Name wurde zuerst Abrahams Sohn Isaak verliehen, als dieser mit seinem Gott "kämpfte" und so zu einem wurde, »der Gott gesehen hat«). Eine angemessene anthropologische Bezeichnung des abrahamitischen Volkes, das den Jahweglauben nach Palästina brachte, wäre »Hebräer«, und jede Studie der Ursprünge des "israelischen" Volkes muß bei den »Apiru« der Bronzezeit beginnen, insbesondere den in den aus dem 14. Jahrhundert stammenden Texten von Tel el Amarna beschriebenen.

Thompson deutet den Ausdruck »Apiru« als »Räuberbanden« und als Hinweis auf den sozialen Status gewisser Gruppen, die in Fehde mit einigen der letzten Herrschern der Bronzezeit lagen. Doch habe der Ausdruck nicht zur Bezeichnung einer ethnischen Gruppe in Palästina gedient, meint Thompson (S. 210).

Die Juden nannten ihren ersten Patriarchen »Abram den Hebräer« (1. Moses 14,13). Philo der Jude, ein von den Lehren Platos geprägter Bibelausleger des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, deutet den Ausdruck »Hebräer« eindeutig als »Migrant« (De Migratione Abrahami, 20), und erinnert daran, daß Josef seinen eigenen Worten zufolge »aus dem Lande der Hebräer« kam (1. Mose 40,15). Die »Apiru« wurden in den frühesten sumerischen Quellen als gefährliche Söldner, Räuber, Landstreicher und Sklaven bezeichnet. In Ägypten erscheinen sie um 1430 v. Chr. als Gefangene, die zur Arbeit in den Weinbergen sowie zum Transport von Steinen eingesetzt wurden (vgl. J. Bottero, Le Problème des Habiru, Paris 1954).

Daß es sich bei diesen Menschen um eine Unterschicht handelte, spiegelt sich auch in der im Vergleich zum Aramäischen oder Arabischen primitiven Form der hebräischen Sprache wider, die – wie uns Thompson mitteilt – für die meisten Sprachgelehrten »eine Mischsprache der monarchischen Periode ist, deren Wurzeln in die prämonarchische Zeit der Besiedlung zurückreichen.« (S. 337) Noch wichtiger ist folgender Aspekt: Die ganze gesellschaftliche Verderbtheit und die politischen Revolutionen, die in Sumer seit frühesten Zeiten mit den Juden in Verbindung gebracht wurden, sind eine unzweideutige Bestätigung der unverändlichen Charakterzüge einer einzelnen Randgruppe von Aramäern. (In 5. Mose 26,5 heißt es von Jacob, oder Israel: »Mein Vater war ein Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten...«). Im Laufe ihrer zahlreichen Wanderschaften nahm diese Volksgruppe natürlich etliche fremde Elemente auf, doch dadurch veränderte sich die ihr innewohnende soziopolitische Wesensart und ihr Verhalten keineswegs: Sie war und blieb die Fleischwerdung von Jahwes Eifersucht und Ehrgeiz. Daß sich die nichtjüdischen Völkerschaften der Gegend dem Wiederaufbau des Tempels unter der Herrschaft von Kyros, Dareios, Xerxes und Artaxerxes zornig widersetzten, stellt einen eindrücklichen Beweis für den Haß dar, welcher den politischen Unternehmungen der Juden seitens der Nachbarvölker entgegenschlug.

Im Buch Esra wird berichtet, wie die Babylonier, die sich während der Zeit, als die Juden im Exil lebten, in Samaria niedergelassen hatten, in einem Brief an Artaxerxes ihrem Unmut Ausdruck verliehen:

»Und nun sei dem König kundgetan, daß die Juden, die von dir heraufgezogen und zu uns nach Jerusalem gekommen sind, die aufrührerische und böse Stadt wieder aufbauen wollen: sie haben begonnen, die Mauern zu errichten, und die Fundamente sind schon gelegt. […] Man lasse in den Chroniken deiner Väter suchen, und so wirst du in den Chroniken finden und erfahren, daß diese Stadt aufrührerisch ist und Königen und Ländern Schaden gebracht hat und man in ihr auch von alters her Aufruhr gemacht hat - darum ist diese Stadt auch zerstört worden. Und nun tun wir dem König kund, daß du hernach nichts behalten wirst von dem, was jenseits des Euphrat liegt, wenn diese Stadt wieder aufgebaut wird und ihre Mauern wieder errichtet werden.« (4. Esra 12-15)

Die Zerstörung Israels und Judas durch Assyrer und Babylonier wird von Thompson ausführlich erörtert, wobei er hochinteressante Informationen zu der von letzteren verfolgten Deportationspolitik liefert. Diese war weitaus systematischer als die früher von den Ägyptern durchgeführten Verschleppungen und erfolgten,

»um die betroffenen Bevölkerungsgruppen gegen ihre assyrerfeindlichen Herrscher aufzubringen, aber auch um sie nach erfolgter Deportation zu Loyalität und Gehorsam gegenüber der assyrischen Herrschaft zu bewegen.« (S. 345)

»[Ein gutes Beispiel für diese Politik] stellt die Unterjochung Hezekiahs durch Sanherib, die Verschleppung von insgesamt 200.150 Einwohnern von 46 seiner starken Städte sowie die Aufteilung des Hinterlandes von Juda unter die Könige von Ashdod, Ekron und Gaza dar, die als assyrische Vasallen in ihrem Kampf gegen Jerusalem Unterstützung genossen.« (S. 343)

Die theologische Rechtfertigung der Umsiedlungen bestand darin, »alle Völker der vier Himmelsrichtungen unter die universelle Autorität Assusrs zu bringen« (S. 340).

Als die Babylonier die Herrschaft über das Assyrerreich übernahmen und Juda sowie Jerusalem zerstörten, bedienten sie sich derselben Taktik wie ihre assyrischen Vorgänger: Sie stellten den Glauben an die alten Götter der Städte wieder her. So heißt es über den babylonischen König Nabonidus, er habe »den Gott Sin in die Provinzstadt Harran zurückgebracht und der Stadt ihren ehemaligen, ihr gebührenden Status wiedergegeben«, denn Sin wurde nun zum »Gott von Harran und zum Gott der ganzen Welt« (S. 347).

Nachdem schließlich die Perser an die Macht gekommen waren, schrieben sie die Niederlage ihrer babylonischen Vorgänger deren mangelnder Verehrung für ihre Götter zu. Hingegen wird Kyros als Wiederbegründer der wahren babylonischen Religion gerühmt, denn der Babyloniergott Marduk selbst »suchte einen fähigen Herrscher, und seine Wahl fiel auf Kyros«, so daß dieser zum »Herrscher der gesamten Welt wurde.« (S. 349)

Nach der Rückführung der jüdischen Verbannten nach Palästina rechtfertigt Kyros diese logischerweise mit der Wiedereinführung des Jahwe-Kults in Jerusalem, den er als bloße Variante der universellen, aus Persien stammenden Ahura-Mazda-Verehrung darstellt. (Leider bleibt ihm verborgen, daß Jahwe kein Gott einer Weltreligion, sondern eine kriegerische Stammesgottheit ist, so daß sein Schritt der ersten Legitimierung des intoleranten und rachsüchtigen Judaismus gleichkommt, welcher später im Talmud seine stärkste Ausprägung erfahren wird.)

Obwohl die Übereinstimmung der von Thompson gemachten historischen Funde mit den biblischen Urkunden insbesondere auf dem Feld der kulturellen Anthropologie größer ist, als er selbst wahrhaben will, besteht der wertvollste Teil seines Werks in dem geglückten archäologischen Nachweis dafür, daß sowohl der behauptete Umfang der Eroberung Kanaans als auch jener des Königreiches Davids und Salomons jeglicher historischen Grundlage entbehrt. In Anbetracht der Tatsache, daß eben dies die beiden Grundpfeiler des angeblichen Ruhms der alten Israeliten vor der Zerstörung Israels und Jerusalems durch Assyrer und Babylonier bilden, ist Thompsons Buch ein nützliches Instrument zur Demontage des Mythos von der israelischen Vorherrschaft im alten Palästina – eines Mythos, welcher den Ehrgeiz orthodoxer religiöser Führer und Politiker im unseligen modernen Staat Israel ungemein beflügelt hat.


Wer waren die Shasu und die Apiru?

Die Apiru waren keine ethnische Gruppe im eigentlichen Sinne. Doch kann man sagen, daß es sich sowohl bei den Apiru als auch bei den Shasu um nomadische Gruppen westsemitischer Sprache (und Vorgänger der Hebräer) handelte, die in der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends überall im Nahen Osten zugegen waren.

Die Shasu (in der Bibel Midianiter genannt) waren Viehzüchter, die vom 14. bis zum 12. Jahrhundert v. Chr. einen erheblichen Teil der Bevölkerung innerhalb der Grenzen Cis- und Transjordaniens bildeten. Bereits in der zweiten Hälfte des 15. vorchristlichen Jahrhunderts stellten sie ca. 36% der palästinensischen Gefangenen, die von Amenophis II nach Ägypten verschleppt wurden, und obgleich die von diesem angefertigte Zählung keine demographische Untersuchung war, entspricht sie doch einem Querschnitt der Bevölkerung jenes Landes. Von den Shasu heißt es immer wieder, sie seien in "Klans" unterteilt gewesen, von denen jeder von einem "Häuptling" regiert werde – im Gegensatz zu Städten und Staaten.

Der Beitritt zu den Shasu-Klans wurde durch keine Blutsbande beschränkt, so daß sich auch Ausgestoßene und Vagabunden zu ihnen gesellen konnten; es liegen deutliche Hinweise auf eine Zeremonie der Blutsbrüderschaft vor. Ihr Hang zu inneren Zwistigkeiten rief bei den Ägyptern Verachtung hervor. Wenn sie mit dem Pharao und in geringerem Umfang mit dessen Vasallen in den kanaanitischen Fürstentümern in Streit gerieten, so hatte dies nichts mit einem Widerstand gegen Besteuerung oder Rekrutierung zu tun (Ägypten war nicht daran interessiert und auch gar nicht in der Lage, solche Maßnahmen durchzusetzen), sondern lag in ihrem wohlverdienten Ruf als Räuber und Wegelagerer begründet, deren Bräuche keine Milde gegenüber ihren Opfern vorsahen. Sie hausten in Zelten, in fern der Städte gelegenen Berggebieten, wo Wälder und Raubtiere dem Reisenden Gefahr verhießen. Ihr hauptsächlicher Besitz bestand in ihren Herden, und sie waren auch durch einen würzigen Gummi berühmt, den sie wohl in den Wäldern fanden. Doch muß ihre Lebensweise so einfach gewesen sein, daß die Ägypter verächtlich sagten, die Shasu lebten "wie wilde Tiere".

Die ägyptische Göttin Hathor wurde bei den Shasu verehrt

Die im Hochland von Palästina siedelnden Shasu sowie die mit ihnen verwandten Gruppen, die sich weiter südlich in den Hügeln von Juda zusammengeschlossen hatten, führten ein einfaches bäuerliches Leben, das anfänglich kaum irgendwelche archäologischen Spuren hinterließ. Als sie nach dem Ende des 13. Jahrhunderts eigentliche Dörfer zu erbauen begannen, ahmten sie bezeichnenderweise großenteils Siedlungsmuster und Formen des Hausbaus nach, die sie in den kanaanitischen Städten des Tieflands vorgefunden hatten. Gebrauchs- und Kultgegenstände aus dem 13. und 12. Jahrhundert weisen eine kontinuierliche Form auf und lassen Stilarten und Muster erkennen, die im Land bereits vorher heimisch gewesen waren. Auch beim Übergang zu einer seßhaften Lebensweise standen kanaanitische Prototypen Pate, und wahrscheinlich spiegelten die Stammesgrenzen in manchen Fällen die früheren Territorien älterer kanaanitischer Staaten wider. Dennoch weisen die Neuankömmlinge auch Eigenheiten auf, die im Widerspruch zu den alten kultischen Gewohnheiten der Kanaaniter standen, z.B. die Neigung, ihre heiligen Stätten abseits der Siedlungen zu errichten.

Während die Shasu wie die Amoriter und Aramäer der Vielgötterei anhingen und ihr Pantheon auch Jahwe und dessen Gemahlin Ba'alat (auch Hathor genannt, vgl. R. Giveon, Les bédouins shosou des documents égyptiens, Leiden 1971) umfaßte, ist die Religion der Apiru weniger gut bekannt. Rassisch den polytheistischen Amoritern und Aramäern verwandt, waren auch sie anfangs mit hoher Wahrscheinlichkeit Polytheisten.


Der ursprünglich Aufsatz erschien unter der Überschrift »The Questionable Origin of the Jews« in The Barnes Review, 5(2) (1999), S. 35-39 (130 Third Street SE, Washington, D.C, 20003). Dr. Alexander Jacob hat acht Bücher über Naturphilosophie sowie politische Philosophie verfaßt, darunter eines, in dem die Darlegungen des im 19. Jahrhundert lebenden deutschen Philosophen Eugen Dühring zur Judenfrage übersetzt und editiert werden (Eugen Dühring on the Jews, Brighton 1997). Er war Gastdozent an mehreren Abteilungen der Universität Toronto, einschließlich der Philosophischen Fakultät, der Fakultät für Religiöse Studien und der Fakultät für Politologie. Jacob lebt in Toronto. Übersetzt von Jürgen Graf.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 340-344.


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