Bücherschau

Britischer Historiker bricht Tabu: "Alle Deutschen müssen vernichtet werden"

Von Randulf Johan

Niall Ferguson, The Pity of War, Allen Lane, London 1998, gebunden, 520 pages, ISBN 046505711X, $30,00

Den Mordaufrufen eines Ilja Ehrenburg in der Schlußphase des Zweiten Weltkrieges fielen Hunderttausende von Deutschen zum Opfer: Zivilisten, Gefangene, Flüchtlinge, die der vorrückenden Roten Armee in die Hände fielen und häufig unter bestialischen Umständen hingemetzelt wurden. Als die Wehrmacht 1944 die ostpreußische Ortschaft Nemmersdorf zurückeroberte, die zuvor von den Russen eingenommen worden war, bot sich den kampferprobten Landsern ein Bild des Grauens: viehisch abgeschlachtete Kinder und Frauen, Dorfbewohner, die von einer entmenschten sowjetischen Soldateska an Scheunentore angenagelt worden waren, Greisinnen und Mädchen, die zehn- und zwanzigfach vergewaltigt und dann ermordet worden waren.

Nemmersdorf und die Greueltaten der Roten Armee im Osten sind den Historikern seit langem bekannt, Augenzeugen und Überlebende gaben nach Kriegsende Tausende von Erlebnisberichten zu Protokoll. Weniger bekannt ist, daß Deutsche nicht nur in der Schlußphase des Zweiten Weltkrieges, sondern schon während des Ersten Weltkriegs systematischen Mordaktionen der Gegner zum Opfer fielen.

Der britische Historiker Niall Ferguson vom Jesus College, Oxford, brach mit seinem kürzlich erschienenen Buch The Pity of War ein Tabu: Auf 520 Seiten, die voller Zeitdokumente und Zeugenberichte sind, weist er sorgfältig nach, daß britische und französische Soldaten im Ersten Weltkrieg deutsche Kriegsgefangene in großer Zahl ermordeten – teils aus Rachedurst, teils aus purer Mordlust, häufig auf ausdrücklichen Befehl der Vorgesetzten.

Ein englischer Soldat wird mit der Anweisung eines Vorgesetzten zitiert:

»Sie können es sich nicht leisten, viele verwundete Feinde herumliegen zu lassen. Sie dürfen nicht empfindsam sein. Die Armee stellt Ihnen ein erstklassiges Paar Stiefel zur Verfügung; Sie wissen, wie Sie sie gebrauchen können.«

Über die Folgen solcher Dienstanweisungen gibt Fergusons Buch ausführlich Auskunft. Ein überlebender deutscher Infanterist aus Hannover erinnert sich an ein von Briten begangenes Massaker im Mai 1917: 40 bis 50 deutsche Gefangene

»wurden in einem Haus hinter der britischen Frontlinie zusammengepfercht. Die meisten von ihnen wurden mit Handgranaten und Revolverschüssen getötet.«

Über ein anderes Massaker an deutschen Gefangenen, im Juni 1915, berichtet der britische Soldat Charles Tames:

»Als wir in die deutschen Schützengraben eindrangen, erblickten wir Hunderte von Deutschen, die durch unser Feuer verwundet worden waren. Viele verließen die Schützengräben und baten um Gnade; überflüssig zu berichten, daß sie auf der Stelle erschossen wurden […]. Ihre Offiziere sagten den Schotten, daß sie ihre Essensrationen mit den Gefangenen teilen müßten. Die Schotten schrien "Tod und Hölle für euch alle" und erschossen die Gefangenen. Innerhalb von fünf Minuten war der Boden knöcheltief mit dem Blut der Deutschen bedeckt.«

Zwei Einzelfälle unter unzähligen. Wie viele deutsche Gefangene der Mordlust ihrer alliierten Gegner zum Opfer fielen, vermag auch Ferguson nicht zu schätzen. Er referiert lediglich die Chronik eines Grauens, das in schlimmem Kontrast zu den hehren Kriegszielen und zum selbstgesteckten zivilisatorischen Anspruch der Westmächte stand. An der Front war davon nichts zu merken. Die Westalliierten massakrierten, was das Zeug hielt. Auch wie man über die Deutschen dachte, berichtet Ferguson. Aus den Kriegserinnerungen des Soldaten Stephen Graham:

»Die Meinung, die in der Armee gepflegt wurde, war, daß es sich bei ihnen um eine Art Ungeziefer handelte, wie Pestratten, die ausgerottet werden müßten.«

Ein englischer Oberst befahl seinen Soldaten im September 1916 vor einem Angriff, keine Gefangenen zu machen, weil »alle Deutschen vernichtet werden« müßten. Eine Diktion, die unwillkürlich an die Haßtiraden eines Ilja Ehrenburg (»Tötet alle Deutschen«) erinnert. Fergusons aufschlußreicher Band legt den Schuß nahe, daß es schon im Ersten Weltkrieg um nichts geringeres als die Vernichtung Deutschlands ging.

Ferguson widerspricht darüber hinaus in seinem Buch so ziemlich allem, was die othodoxe Geschichtswissenschaft über den Ersten Weltkrieg sonst so verbreitet. Er zeigt, daß Großbritannien mindestens genauso viel Schuld am Ausbruch des Krieges hatte wie Deutschland; daß die kommunistische Revolution hätte verhindert werden können, wenn England nur bereit gewesen wäre, Belgien zu opfern. Deutschland hätte ein Vereinigtes Europa geschaffen und Großbritannien wäre eine Großmacht geblieben. Nicht genug damit provoziert er auch noch mit der Ansicht, der Zweite Weltkrieg sei nicht durch das ungerechte Versailler Diktat heraufbeschworen worden, sondern dadurch, daß die Versailler Bestimmungen nicht gnadenlos eingefordert worden seien. Er hat damit sicher insofern recht, als die Westalliierten Hitler gewährten, was sie der Weimarer Demokratie verweigert hatten. Hätten sie es auch Hitler verweigert, hätte es nicht zu einem Zweiten Weltkrieg kommen können. Besser wäre aber wohl gewesen, der Demokratie zu gewähren, was ihr zustand, um eine Diktatur zu vermeiden.

The Pity of War ist ein hervorragend recherchiertes, provokatives und äußerst lesenswertes Buch. Man mag nicht mit allem einverstanden sein, was Ferguson ausführt, aber schließlich tut es jedem einmal gut, wenn seine eingerosteten Ansichten einmal herausgefordert werden, und wenn auch nur, um uns daran zu erinnern, warum wir sie eigentlich haben.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 339.


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