Über das Schicksal der Juden Deutschlands 1939-1945

Von Richard Kloes

Im Jahr 1986 gab das Bundesarchiv ein großes Gedenkbuch an die aus Deutschland deportierten Juden heraus, worin die persönlichen Details aller deutschen Juden aufgeführt werden, die nach Kriegsbeginn aus Deutschland deportiert wurden. Prof. Nolte beispielsweise findet dieses Werk dermaßen beeindruckend, daß er jedem Revisionisten nahelegt, es zu lesen. Dabei scheint er allerdings übersehen zu haben, daß sich dieser Sammelband selbst in einer versteckten Fußnote jeder Beweiskräftigkeit in Hinblick auf einen Massenmord an den deutschen Juden beraubt.


In dem 1998 erschienenen Buch Feindliche Nähe[1] macht Prof. Ernst Nolte zur Belehrung der Holocaust-Revisionisten folgenden Vorschlag:

»Und ich würde den Vorschlag machen, ein Exemplar des vom Bundesarchiv herausgegebenen Gedenkbuchs über Die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945 zu übersenden, wo in zwei Bänden weit über 100 000 Namen von Männern, Frauen und Kindern nebst Angaben über den Ort verzeichnet sind, von dem die letzte Nachricht kam. In einer der Spalten befinden sich Angaben über das jeweilige Schicksal. Sie lauten nicht bei den einen "vergast" und bei den anderen "an Typhus verstorben", denn darüber läßt sich im Einzelfall Genaues nicht ausmachen, sondern sie lauten "verschollen" oder "für tot erklärt", Und immer wieder, aber keineswegs durchweg, ist als letzter Ort "Auschwitz" angegeben. Im ganzen ist diese Publikation mit ihren 1700 großformatigen Seiten für "das Wesentliche" und schlechterdings Unbestreitbare wichtiger und bewegender, als es noch so anschauliche Schilderungen von Einzelschicksalen und noch so umfangreiche Werke von Historikern sein können.« [Hervh. im Original]

Bereits im Jahr 1994 habe ich mir dieses Buch intensiv angesehen und einige wenige, aber wichtige Beobachtungen dazu Anfang Januar 1995 zu Papier gebracht, die hiermit nicht nur Prof. Nolte nahegelegt seien.

Die jüdische Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem trug der deutschen Bundesregierung im Jahre 1961 die Bitte vor, eine Namensliste aller aus Deutschland deportierten Juden zu erstellen. Die Bundesregierung entsprach diesem Wunsch. Sie erteilte den Auftrag, ein Gedenkbuch zu schaffen, das die Namen, Wohnorte, Geburts- und Sterbedaten sowie die Deportationsziele enthalten sollte. Im Laufe einer Bearbeitungszeit von nicht weniger als 25 Jahren entstand ein insgesamt 1823 Seiten umfassendes Werk in zwei Bänden, das 1986 vom Bundesarchiv in Koblenz publizierte, von Prof. Nolte erwähnte Gedenkbuch.[2] Bearbeitet wurde es neben dem Bundesarchiv auch vom Suchdienst des Internationalen Roten Kreuzes in Arolsen. In Anbetracht der langjährigen Bearbeitung verbürgt das Gedenkbuch Gründlichkeit der Nachforschungen, Genauigkeit und Glaubwürdigkeit.

Das Gedenkbuch enthält die Namen von insgesamt 128.091 Opfern der Verfolgung deutscher Juden, die aus Berlin und dem Gebiet der "alten" Bundesrepublik stammen oder dort gelebt haben. Nicht alle Deportierten haben den Weg in die Lager unmittelbar aus Deutschland angetreten. 1.968 Juden sind polnische Staatsangehörige, die aus dem Deutschen Reich ausgewiesen und später aus Polen deportiert wurden. Für die Niederlande sind 8.781 Namen, für Frankreich 6.258 Namen und für Belgien schätzungsweise 2.000 Namen von deportierten reichsdeutschen Juden bekannt, die in diese Länder emigriert waren. So ergibt sich die beachtliche Tatsache, daß aus ganz Berlin und der "alten" Bundesrepublik etwa 108.000 Juden deportiert worden sind. Die ehemalige Deutsche Demokratische Republik verweigerte nicht nur die Zusammenarbeit, sondern auch die Lieferung von Urkunden und Material.

Von den 128.091 Opfern der Verfolgung gelangten in die sogenannten Vernichtungslager 38.574 nach Auschwitz, 2.932 nach Sobibor, 2.039 nach Majdanek und 58 nach Treblinka. Aus der Deportation sind nachweislich 7.278 Juden zurückgekehrt, die meisten von ihnen, nämlich 4.538 Personen, aus Theresienstadt.

Die Zahlen dieser amtlichen Dokumentation werden bezüglich ihrer Beweiskraft hinsichtlich der generell akzeptierten Thesen über die Judenverfolgung jener Zeit durch bevölkerungsstatistische Ausführungen abgeschwächt, die Dr. Heinz Boberach[3] im Nachwort des Gedenkbandes, abgedruckt ab der Seite 1739 unter der Überschrift »das Schicksal der jüdischen Einwohner unter der Herrschaft des Nationalsozialismus im heutigen Gebiet der Bundesrepublik Deutschland und in Berlin«. Ziffer 3 behandelt die »Binnenwanderung und Migration unter dem Druck der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen.« Zum Verhalten der verschiedenen Altersgruppen unter den Juden findet man auf Seite 1745 folgende Passage:

»Den Hauptteil der Flüchtlinge bildeten Angehörige der jüngeren Jahrgänge, ab 1938 auch in verstärktem Maß Kinder und Jugendliche.(35) Eine statistische Übersicht der Reichsvertretung der Juden ergibt für 1937 z.B., daß von 3 250 Auswanderern 25,14% unter 20 und 27,42% zwischen 20 und 30 Jahre alt waren. Der Anteil der über Sechzigjährigen, der schon 1933 mit 16,3% erheblich höher gelegen hatte als der Anteil von 11,1% der entsprechenden Altersgruppen in der gesamten Reichsbevölkerung, stieg dadurch stark an und betrug Ende 1938 mehr als 30%.(36) Das wirkte sich in einem hohen Sterbeüberschuß aus, der für 1933 bis 1938 auf 37.500 berechnet wird.(37) Für das heutige Bundesgebiet und Berlin läßt sich demnach ein Sterbeüberschuß von rd. 30.600 annehmen; bei 30.941 Einwohnern in den heutigen Grenzen von Baden-Württemberg wurden für 1933 bis 1939 einschließlich 2.507 Todesfälle aus natürlichen Ursachen ermittelt.(38)«

In Anmerkung 37 heißt es dazu erläuternd:

»[...] Eine neue Berechnung auf der Grundlage der allgemeinen Sterbetafeln und der Angaben. über die Altersstruktur der Juden 1933 (Statistik des Deutschen Reichs 451, 4), die Dipl.-Math. K. J. Maiwald von der Debeka-Lebensversicherung vorgenommen hat, kommt zu dem Ergebnis, daß bei gleicher Sterblichkeit wie bei der Gesamtbevölkerung von 1933 bis 1938 mit 42 619 Sterbefällen von Juden zu rechnen war, denen 6 893 Geburten in Ehen mit zwei jüdischen Ehepartnern gegenüberstehen. Mitteilung von K. J. Maiwald an Heinz Boberach.«

Auf den Seiten 1745f. heißt es dann bezüglich bevölkerungsstatistischer Entwicklungen in den Kriegsjahren weiter:

»Für das Jahr 1939 wird die Zahl der Emigranten auf 78 000 berechnet, und 1940/41 sollen nochmals 23 000 Menschen die Möglichkeit gehabt haben, ins Ausland zu entkommen; für Baden und Württemberg lauten die Zahlen 5 028 und 1 038. (43) Der Sterbeüberschuß wird für 1938 auf 10 000 geschätzt, für 1940 auf 8 000, was bei der hohen Überalterung niedrig zu sein scheint.(44)«

In Anmerkung 44 heißt es dazu ergänzend und erhellend:

»Eine Berechnung, die ebenfalls Dipl.-Math. Maiwald von der Debeka-Lebensversicherung aufgrund der Angaben über die Altersstruktur 1939 vorgenommen hat, kommt für 1939 bis 1944 auf eine theoretische Sterbezahl von 86 000 für das ganze Reichsgebiet in den Grenzen von 1939. Mitteilung von K. J. Maiwald an Heinz Boberach.«

Da wohl auch für die Zeit zwischen 1939 und Mitte 1941 damit zu rechnen ist, daß vorwiegend jüngere Juden Deutschland verließen, wird man nicht völlig verkehrt liegen, daß sich die von Maiwald berechnete Sterbezahl für den Zeitraum 1939-1944 nicht sehr von der unterscheidet, die für den Zeitraum Mitte 1941 bis Mai 1945 zu erstellen wäre. Konsultiert man nun bevölkerungsstatistische Standardwerke zum Holocaust, so erfährt man, daß Mitte 1941 im Reichsgebiet (Grenzen von 1939) noch etwas über 200.000 Glaubensjuden lebten.[4] Demnach war selbst bei normalen Sterblichkeitsraten damit zu rechnen, daß bei Kriegsende nur noch etwa 160.000 deutsche Juden leben würden. Es ist wohl nicht übertrieben, davon auszugehen, daß unter den bisweilen katastrophalen Lebensbedingungen in den deutschen Konzentrationslagern - vor allem gegen Kriegsende durch die zusammenbrechende Infrastruktur - die Sterberaten ungleich höher waren als unter normalen Friedensbedingungen, was, nebenbei bemerkt, ja auch für die deutsche Durchschnittsbevölkerung zutraf. Nach Deutschland registriert zurückgewandert sind laut Gedenkbuch nur 7.278 Personen. Wieviele angesichts ihrer Erfahrungen in und mit Deutschland gar nicht erst in Erwägung zogen, nach Deutschland zurückzukehren oder sich jemals wieder als (ehemals) deutsche Juden registrieren zu lassen, muß offen bleiben. Eine Minderheit wird es aber wohl nicht gewesen sein. Außerdem gilt zu bedenken, daß immerhin 19.000 deutsche Juden während der ganzen Kriegszeit auf freiem Fuß blieben.[5] Für die These von der geplanten und technisierten Vernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Regime des Dritten Reichs jedenfalls gibt dieses Gedenkbuch nichts her. Herr Prof. Nolte sollte sich daher für seine Missionierungsversuche bei den Revisionisten etwas anderes einfallen lassen.

Eines aber ist sicher: Das amtliche Gedenkbuch des Bundesarchivs, bestimmt für das Dokumentationszentrum Yad Vashem in Jerusalem, sollte auch uns Deutschen zu denken geben.


Anmerkungen

[1]François Furet, Ernst Nolte, Feindliche Nähe, Herbig, München 1998, S. 80; vgl. die Rezension in VffG 3(2) (1999), S. 222ff.
[2]Bundesarchiv (Hg.), Gedenkbuch - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland: 1933 - 1945, bearb. vom Bundesarchiv, Koblenz, u. d. Internat. Suchdienst, Arolsen, Koblenz o.J. [1986].
[3]Über Dr. Heinz Boberach berichtet das Gedenkbuch auf S. 1739 erläuternd:
»Der Text des Nachworts sowie der Anhang mit den Verzeichnissen über Orte mit jüdischen Einwohnern, über Deportationsorte und über die Literatur wurden von Dr. Heinz Boberach erarbeitet bzw. zusammengestellt, der im Bundesarchiv - zuletzt als Leitender Archivdirektor - die Bearbeitung des Gedenkbuches von 1961 bis 1985 übernommen hatte. Für seine Tätigkeit sei ihm an dieser Stelle gedankt.«
[4]Vgl. W. Benz, Dimension des Völkermords, Oldenbourg, München 1991, S. 34ff., 52, 64; W.N. Sanning, Die Auflösung des osteuropäischen Judentums, Grabert, Tübingen 1983, S. 175f. Die dort zu findenden statistischen Daten decken sich im wesentlichen mit denen aus dem Gedenkbuch.
[5]W.N. Sanning, ebenda, S. 175ff.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 273f.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis