Wlassow in neuem Licht

Die Russische Befreiungsarmee (ROA) · Korrekturen russischer Historiker

Von Wolfgang Strauss

Ein berittener Sergeant der Roten Armee trieb mit der Peitsche einen jungen Russen vor sich her. Der Mann war nackt bis zur Hüfte und blutüberströmt. Während die Knute niedersauste, rief der Gefesselte in reinem Russisch zu einem Offizier hinüber: »Herr Hauptmann, Herr Hauptmann!« Der aber rührte sich nicht, unternahm nichts zur Rettung des Geprügelten. Er wäre, trotz seiner Goldepauletten, auf der Stelle verhaftet worden. Das war nicht die erste Begegnung Solschenizyns mit einem gefangenen Wlassow-Soldaten, vielleicht aber die erschütterndste. Ein anderes Mal beobachtete er drei Wlassowzis, die ins Hinterland eskortiert wurden. Ihnen entgegen donnerte ein Sowjetpanzer, und einer der drei warf sich unter die Ketten.

Titelseite von Die Russische Befreiungsarmee, AST-Verlag Moskau 1998, Text von S. Drobjasko, Illustrationen von A. Karaschtschuk.

Geschehen Ende Januar 1945 in Ostpreußen. Als die Rote Armee ihre Offensive gegen Königsberg begann, folgte sie einem Befehl Stalins: »Alles ist erlaubt!« Die Rotarmisten wurden zu Plündereien, Schändungen, Massakern ermutigt. Der einfache Muschik durfte bis zu zehn Pfund Beute nach Hause mitnehmen, den Generälen standen ganze Waggonladungen zu. Solschenizyn las den Soldaten seiner Batterie den Tagesbefehl von Marschall Rokossowski vor:

»Heute um fünf Uhr morgens beginnt unsere letzte Großoffensive. Vor uns liegt Deutschland! Noch ein Schlag, und der Feind bricht zusammen. Ein unsterblicher Sieg wird unsere Armee krönen!«

Solschenizyn ermahnte seine Männer zu Disziplin, zur Schonung der Zivilbevölkerung, zum Verzicht auf Rachetaten und zur strikten Einhaltung des Zehn-Pfund-Beutelimits. Stalins Vergewaltigungs-Befehl gab er ihnen nicht bekannt, aber die Rotarmisten wußten davon. Das Schreckliche – »Alles ist erlaubt!« – bedurfte keiner Bestätigung durch einen namenlosen Offizier.

Bald stand Ostpreußen in Flammen. In Ostpreußische Nächte, verfaßt im Straflager 1945, 1974 in Darmstadt in deutscher Übersetzung erschienen, schildert Solschenizyn die Grausamkeit der Vergewaltigungslava. Kühe brüllten in ihren brennenden Ställen, und in den Flammen der Wohnhäuser verglühen die geschändeten Opfer. Ostpreußische Nächte entstand als eine Dokumentation in Versen. Solschenizyn-Biograph Donald M. Thomas, ein Engländer, versucht eine Rekonstruktion in Prosa, entreißt das Entsetzliche der "Dichtung", zurück bleibt das Protokoll einer Blutorgie. Da ist eine sprachlose Deutsche in einem abgelegenen Haus. Die Rotarmisten lachen, rufen: »Mutter, Eier!« Die Frau bringt ihnen etwas zu essen. Die Soldaten schießen sie nieder, dann ihren bettlägerigen Mann, nur der Enkel entkommt, der Bub springt aus dem Fenster und läuft »hakenschlagend« vor den Kugeln davon. Die Mörder bleiben unbestraft. Stalins Befehl lautet: »Blut für Blut.« Milde sei das Schicksal jener Frauen gewesen, überlegt Solschenizyn, die man erschossen habe, ohne sie vorher zu vergewaltigen. Der Erzähler erinnert sich einer jungen Frau, verwundet, aber noch am Leben; neben ihr ein kleines Mädchen tot auf einer Matratze. Wie viele waren auf ihr? Ein Zug, eine Kompanie? Die Frau bittet, sie zu töten. Der Leser der Ostpreußischen Nächte erfährt nicht, ob die Schänder die Bitte erfüllt haben. Solschenizyn erlöste sie nicht von ihren Qualen. Unheimliche, gespenstische Szenen in dieser "Dichtung in Versen" An anderer Stelle spricht der Augenzeuge von »Horden sinnberaubter Menschen«. Menschen? (Donald M. Thomas: Solschenizyn, S. 156)

Am 26. Januar geriet Solschenizyns Batterie in einen Hinterhalt, wurde eingekesselt. Russen umzingelten Russen, denn auf der anderen Seite kämpften mit Todesmut Wlassows Soldaten. Der Batteriechef

»sah, wie sie sich vor Morgengrauen, alle in Tarnmänteln, auf dem Schnee zusammenrotteten, dann plötzlich aufsprangen und mit Hurra gegen die Feuerstellung der 152-Millimeter-Division bei Adlig-Schwenkitten losstürmten und die zwölf schweren Geschütze, ehe sie einen einzigen Schuß abgeben konnten, mit Handgraten außer Gefecht setzten. Von ihren Leuchtkugeln begleitet, floh unser letztes Häuflein drei Kilometer weit über weglose Schneefelder bis zur Brücke über den schmalen Passage-Fluß.« (Solschenizyn: Der Archipel Gulag, Bd. 1, S. 252).

Für seine tollkühn kämpfenden Landsleute in der Wehrmachtsuniform mit dem Georgskreuz am Ärmel empfand der rote Artillerieoffizier schon 1945 unbewußt Bewunderung, und in seinem GULag-Epos setzte er ihnen, zwanzig Jahre später, ein menschliches und literarisches Denkmal. Abermals zwanzig Jahre später vollendet Solschenizyn das Wlassow-Drama mit einer radikalen Revision der Geschichte des »Großen Vaterländischen Krieges«. Nicht nur, daß der Literatur-Nobelpreisträger die stalinistische Interpretation zerpflückt, er ist auch der erste sowjetische Frontoffizier, der von der soldatischen Würdigung der Wlassowzis zu ihrer politischen Rehabilitierung übergeht. Im Juli 1994 erscheint in der renommiertesten russischen Literaturzeitschrift, in Nowij mir (Neue Welt), Solschenizyns Essay »Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts«.

»Über die Versuche auf der deutschen Seite russische Freiwilligeneinheiten zu bilden und über den späteren Beginn der Aufstellung der Wlassowarmee habe ich schon im "Archipel GULag" geschrieben«, erinnert Solschenizyn.

Ärmelzeichen der Streitkräfte des Komitees für die Befreiung der Völker Rußlands (KONR). Darunter: Soldat des Schützenregiments der 1. ROA-Division 1945. Daneben: Reiter der Aufklärungsabteilung der 1. ROA-Division. Unten: Oberleutnant aus dem Stab der 1. ROA-Division.

»Dabei ist es charakteristisch, daß sogar in den allerletzten Monaten (Winter 1944-45), als bereits für jedermann offensichtlich war, daß Hitler den Krieg verloren hatte, daß sich in diesen letzten Monaten russische Menschen, die sich im Ausland befanden, zu vielen Zehntausenden um Aufnahme in die Russische Befreiungsarmee bewarben! Das war die Stimme des russischen Volkes. Obwohl die Geschichte der Russischen Befreiungsarmee sowohl von den bolschewistischen Ideologen […] als auch vom Westen (wo man sich nicht vorstellen konnte, daß die Russen ihr eigenes Ziel einer Befreiung kannten) übel verunglimpft wurde, wird sie eine heroische, mannhafte Seite in der russischen Geschichte darstellen, an deren Fortdauer und Zukunft wir sogar heute glauben.« (S. 120 in der deutschen Übersetzung bei Piper, München 1994.)

Gegen den Vorwurf, Andreij Wlassow habe Hochverrat verübt, verteidigt Solschenizyn den General mit dem historisch begründeten Argument, in der russischen Reichsgeschichte habe es auch Zeiten gegeben, wo der innere Unterdrücker gefährlicher gewesen sei als der äußere Usurpator, so im 18. Jahrhundert, als in Petersburg Nichtrussen das Sagen hatten und eine Schwächung Rußlands betrieben. Solschenizyn:

»Der innere Feind war zu gefährlich und bereits zu fest verwurzelt.«

Um ihn zu stürzen, bedurfte es Allianz mit einer äußeren Macht. Um Stalin zu stürzen – schlußfolgert Solschenizyn –, sei Wlassow gezwungen gewesen, ein Bündnis mit Deutschland einzugehen.

Als im Juli 1994 diese Enthüllungen im führenden russischen Intelligenzia-Forum erschienen, erntete der Verfasser neben Zustimmung auch scharfe Kritik, vor allem seitens altstalinistischer Historiographen; eine Renaissance der Wlassow-Ideale sollte und durfte es auf keinen Fall geben! Heute, fünf Jahre später, hat sich die Lage völlig verändert, die Konterrevisionisten sind auf dem Rückzug, Stalins Großer Vaterländischer Krieg ist für Geschichtsforscher der jüngeren Generation kein Dogma mehr, Wlassow und seine Befreiungsarmee gehören zum Geheimtip einer jungen nationalrussischen Intelligenzija mit einem radikal antibolschewistischen und radikal antiliberalistischen Weltbild.

Den jüngsten Beweis liefern die Militärhistoriker S. Drobjasko und A. Karatschuk, die Autoren des Text-Bildbandes Wtoraja Mirowaja woina 1939 - 1945. Russkaja Oswoboditelnaja Armija (Der Zweite Weltkrieg. Die Russische Befreiungsarmee), erschienen Ende 1998 im angesehenen Moskauer Militärverlag AST.

Der Vormarsch des russischen Revisionismus hat mehrere Gründe. Erstens die Neutralisierung einer stalinistischantifaschistischen Korrektheit, zweitens die Öffnung ex-sowjetischer Geheimarchive, drittens das Studium revisionistischer Literatur aus dem Westen, viertens die fortschreitende Entideologisierung der Geschichtswissenschaften. Hinzu kommt, daß es keine den bundesrepublikanischen Verhältnissen vergleichbare antinationale Journaille gibt, daß das nachsowjetische Rußland keine geschichtspolitische Zensur kennt, schließlich, daß die Klasse der Selbstbeschuldigungssüchtigen in Rußland kein Medienforum findet. Der Druck des Pro-Wlassow-Buches 1998 darf als markantestes Symbol des unumkehrbar gewordenen russischen Geschichtsrevisionismus gewertet werden. Daß mit dem dokumentarischen Werk über die Russische Befreiungsarmee (russisches Kürzel ROA) auch die deutsche Ostpolitik in einem neuen Licht erscheint, versteht sich von selbst, waren doch Entstehung und Ausbreitung der ROA nur mit Wehrmachts-Unterstützung denkbar.

Feldwebel der 1. ROA-Division mit deutschen und russischen Orden (oben links). Soldat der Panzerbekämpfungstruppe der ROA (oben rechts). Leutnant im Ostbataillon der ROA (unten links). Schütze der ROA 1945 (unten rechts).

Soldat der Garde-Brigade der ROA (links). Kommandeur des Schützenbataillons der Garde-Brigade der ROA, Hauptmann Graf Lambsdorff (rechts oben). Unteroffizier, Kursteilnehmer der Dabendorfer Propagandistenschule (unten). Propagandist der ROA (rechts außen).

»Sowjetische Publikationen über den Zweiten Weltkrieg haben im Laufe von fünfzig Jahren die fundamentale Tatsache verschwiegen, daß mehr als eine Million unserer Landsleute auf der Seite Deutschlands gekämpft haben«,

liest man in der Einleitung. Man habe die Wlassow-Soldaten als »Verräter« verunglimpft und die Tatsache unterdrückt, daß es sich

»um Patrioten gehandelt hat, die voller Leidenschaft den Versuch unternahmen, das Vaterland vom inneren Feind zu befreien, der ihrer Überzeugung nach um ein Vielfaches grausamer und gefährlicher war als der äußere Gegner«.

Vom ersten Tage des Krieges an hätten die deutschen Fronttruppen alle Anstrengungen unternommen, sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten für den Krieg gegen den Bolschewismus zu gewinnen, heißt es in der Einleitung. Nach Drobjasko ging es der Wehrmacht vor allem um Freiwillige mit eindeutig politischen Motiven, um Männer und Frauen, die sich als Opfer des bolschewistischen Terrors betrachten konnten, als Opfer der Kollektivierung und der Großen Säuberung. Zu den persönlichen Motiven traten noch nationale. Daraus erwuchs ein explosiver Komplex von Vergeltungsmotiven. Als Sowjetbürger, erniedrigt und ausgebeutet, hatte man nach dem 22. Juni viele Gründe, auf die Seite der deutschen Soldaten überzutreten. Die Wehrmacht akzeptierte das und begann frühzeitig mit der Mobilisierung einer bewaffneten Opposition, das heißt mit der Aufstellung einer ideologischen und organisatorischen Massenbewegung zum Sturz des Stalin-Regimes. Das Ziel war eine revolutionäre Erhebung innerhalb der Sowjetunion.

Früh schon hätten die Deutschen erkannt, schreibt Drobjasko, daß eine solche Massenbewegung für Millionen von Russen eines politischen Zentrums in Gestalt einer Gegenregierung und einer Führerpersönlichkeit an der Spitze der künftigen russischen Nationalregierung bedurfte. Der Mann, dem diese Rolle zufiel, war Generalleutnant Andrej Wlassow, Kommandeur der 2. Stoßarmee, am 12. Juli 1942 nach der Zerschlagung seiner eingekesselten Truppe in Gefangenschaft geraten. Noch im September willigte Wlassow in den Vorschlag deutscher Heeresoffiziere ein, aus russischen Kriegsgefangenen eine Armee zum Kampf gegen die Stalinsche Diktatur zu schaffen. Wlassow unterschrieb den Aufruf des Russischen Komitees von Smolensk

»an alle Soldaten und Kommandeure der Roten Armee, an das ganze russische Volk und an alle Völker der Sowjetunion.«

(Die Schilderung dieser Ereignisse basiert auf einer fast wörtlichen Übersetzung des Drobjasko-Textes im genannten Buch.)

Neben der ROA existierten weitere slawische Freiwilligenverbände, so die 1. Russische Nationalarmee (RNA) , die Russische Nationale Volksarmee (RNNA) , das Freiwilligenregiment "Warjag" ("Waräger"). Im Laufe des Krieges schlossen sich die meisten dieser Einheiten Wlassow an. – Gefreiter und MG-Schütze im Russischen Schutzkorps (links). Artillerieleutnant in einem Wachregiment (rechts). Generalmajor Holmston-Smyslowskij, Befehlshaber der 1. Russischen Nationalarmee 1945 (Mitte).

Tankist (Panzerfahrer) der Russischen Befreiungs-Volksarmee RONA (links oben). Soldat der Sturmbrigade der RONA (Mitte oben). Oberst Sacharow, stellvertretender Kommandeur der Russischen Nationalen Volksarmee (RNNA) (rechts oben) Oberleutnant der RNNA 1942 (links unten). Fähnrich der 1. Russischen Nationalbrigade 1943 (rechts unten).

Von der nun einsetzenden Propagandakampagne unter den Losungen der Russischen Befreiungsbewegung bis zur Verwirklichung der im Smolensker-Komitee-Aufruf genannten politischen wie militärischen Aufgaben sei ein weiter Weg gewesen, konstatiert Drobjasko. Als Gründe für die Verzögerung nennt der Historiker kraß unterschiedliche, oft auch gegensätzliche Ansichten der politischen Klasse im Dritten Reich bezüglich der Ostpolitik. Bis zur Wende im Herbst 1944 habe die ROA praktisch nur aus russischen Wehrmachts-Einheiten bestanden. Erst als die katastrophale militärische Lage an der Ostfront allen erkennbar geworden sei, habe man sich »endlich« entschlossen, der Schaffung eines russischen politischen Zentrums und der Formierung starker russischer Kampfeinheiten »unter russischem Kommando« zuzustimmen. Drobjasko:

»Am 14. November 1944 fand in Prag der Gründungskongreß des "Komitees zur Befreiung der Völker Rußlands" (KONR) statt. In diesem Komitee schlossen sich alle auf dem Territorium Deutschlands befindlichen antisowjetischen Kräfte zusammen, einschließlich der Emigranten, Nationalkomitees und osteuropäischen Frontverbände, einig im Ziel, den Kampf für ein neues, freies Rußland "ohne Bolschewiken und Ausbeuter" gemeinsam zu führen. Beschlossen wurde auf dem Prager Kongreß die Gründung von Streitkräften des KONR unter der Befehlsgewalt von General Wlassow. Die ROA, in der Funktion dieser Streitkräfte, erhielt den Status der Armee eines verbündeten Staates, unterstellt der Wehrmachtsführung lediglich bei operativen Entscheidungen.«

Proklamiert wurden in Prag die Hauptziele der Russischen Befreiungsbewegung, wie sie bereits im September und Dezember 1942 in Wlassows Aufrufen markiert worden waren: Sturz Stalins und seiner Clique, Vernichtung des Bolschewismus, Abschluß eines ehrenvollen Friedens mit Deutschland und Schaffung eines neuen Rußland ohne Bolschewiken und Kapitalisten, in Freundschaft mit Deutschland und den Völkern Europas. Auch in Prag wurden die Rotarmisten und alle russischen Menschen zum Übertritt auf die Seite der mit Deutschland verbündeten Russischen Befreiungsarmee aufgerufen.

Diktion und Argumentation des russischen Historikers lassen eindeutig seine revisionistische Position erkennen. Im gesamten Buchtext erscheinen die Begriffe Russische Befreiungsbewegung, Russische Befreiungsarmee ohne relativierende bzw. diskriminierende Gänsefüßchen. Im Vorwort betont Drobjasko seine wissenschaftlichen Bemühungen, die Geschichte der Wlassow-Armee objektiv darzustellen, ohne Vorurteile und ohne Polemik, interessiert allein an der Aufdeckung der wahren Gründe von Millionen Russen, die sich freiwillig für eine Beteiligung an einem sozialen und nationalen Befreiungskrieg an der Seite der Wehrwacht entschieden hatten. Warum sie es taten, um die Beantwortung dieser Frage geht es Drobjasko. Daß die Sympathien des Historikers der ROA gehören, geht aus seiner Analyse klar hervor.

Der Geschichtsforscher kennt keine Tabus. Ausführlich, sachlich-nüchtern schildert er Hitlers Entscheidungen nach dem Prager Gründungskongreß. Am 28. Januar 1945 bestätigte Hitler die Ernennung Wlassows zum oberkommandierenden aller russischen Freiwilligenformationen. Damit erhielt Wlassow die Möglichkeit, das Offizierskorps der ROA nach eigenem Ermessen personell aufzustocken und Beförderungen vorzunehmen. Und nicht nur das. Als am 10. Februar General der Kavallerie Ernst Köstring in seiner Eigenschaft als deutscher Generalinspekteur dem russischen Befehlshaber die Kommandogewalt über zwei intakte Divisionen übergibt, erfolgt nach dem Vorbeimarsch die Vereidigung: Mannschaften, Unterführer und Offiziere schwören, »bis zum letzten Blutstropfen für das Wohl des russischen Volkes« gegen den Bolschewismus zu kämpfen. In diesem Eid wird Hitler nicht erwähnt.

Ihre Feuertaufe erhielten zwei Sturmbrigaden der ROA »Rossija« und »Weichsel« – in der Oderschlacht bei Küstrin und Frankfurt/Oder Anfang April; den Sturmbrigaden unter dem Befehl von Oberst Galkin gelang die Zertrümmerung sowjetischer Brückenköpfe auf dem westlichen Oderufer. Himmler persönlich gratulierte Wlassow zu diesem Erfolg. Nach der Eingliederung des 15. Kosaken-Kavalleriekorps in die Streitkräfte des KONR verfügte Wlassow über 100 000 Mann.

Oben: Generalleutnant Wlassow bei russischen Freiwilligen in der Heeresgruppe Nord, Mai 1943

Rechts: August 1942, Generalleutnant Schilenkow (rechts) und Oberst Sacharow, enge Mitarbeiter Wlassows bei der Aufstellung der ROA.

Links: Oberst Sacharow, Generalmajor Bunjatschenko und Generalleutnant Wlassow (von links) in einem Sammellager der ROA in Böhmen, 4. Mai 1945. Die Würfel sind gefallen: Durchbruch nach Westen. Den Schlußakt der Tragödie überleben die wenigsten. Von den Amerikanern ausgeliefert, stirbt Wlassow 1946 unter einem sowjetischen Galgen.

Detailliert beschreibt Drobjasko die Ausrüstung mit schweren Waffen – Artillerie, Flak, Panzer –, den Aufbau von Offiziers- und Unteroffiziersschulen, das Pressewesen der Freiwilligen – frei von deutscher Zensur –, die Ausbildungslager der ROA. Als Kommandeur der Offiziersschule fungierte Oberst Meandrow. Als er im August 1941 in Gefangenschaft geriet, wollte der ihn vernehmende deutsche Generalstabsoffizier Herre von ihm wissen, ob der sowjetische Widerstand nicht bald zusammenbrechen werde. Und Meandrow, Chef des Stabes eines sowjetischen Korps, antwortete:

»Ich habe die größte Hochachtung vor der Wehrmacht. Trotzdem wird die deutsche Armee die Sowjetunion nicht besiegen können, es sei denn, es gelänge ihr, das russische Volk gegen Stalin zu mobilisieren.«

Die Russen gegen Stalin mobilisieren – Ende 1944 schien es bereits zu spät zu sein. Das war jetzt nicht mehr eine materielle oder personelle Frage. Am 19. Dezember 1944 hatte Göring in die Bildung einer ROA-Luftwaffe eingewilligt (Wojenno-wosduschnich sil, kurz WWS). Am 4. Februar 1945 wurde sie Wlassow unterstellt, der Generalmajow Maljzew zum Kommandeur ernannte. Das 1. Fliegerregiment bestand aus sechs Geschwadern (Me 109, Ju 88, He 111, Do 17) und einem Fallschirmjägerbataillon, alles in allem 5000 Mann.

Die meisten Kommandeure der ROA hatten in der Roten Armee gedient, als Stabsoffiziere oder Truppenführer in hohen und höchsten Rängen, darunter die mehrfach ausgezeichneten Frontoffiziere Turkyl, Baidak, Bunjatschenko, Schilenkow, Mitglieder der KPdSU. In der Anfangsphase des Krieges waren sie aus politischen, aber auch aus ideologischen Motiven zum Eroberer übergeschwenkt, bot doch allein der äußere Feind die Garantie dafür, den inneren Hauptfeind zu besiegen – im Bündnis zwischen der deutschen Wehrmacht und einer russischen Volksbefreiungsarmee. Der Traum des stürmischen Sommers 1941, als Guderians und Hoths Panzer auf Moskau zurollten. Die ersten Panzer und Sturmgeschütze unter der weiß-blau-roten Flagge des petrinischen Rußland erhielten die Wlassowzis erst im März 1945. Drei tragisch verlorene Jahre des Kampfes um Moskau…

Als Generalstabschef und stellvertretender Befehlshaber der nationalrussischen Streitkräfte wirkte Anfang 1945 ein ehemaliger Akademielehrer des sowjetischen Generalstabs, Generalmajor Truchin, dem Urteil von Drobjasko nach ein »erstklassiger Kriegsstratege«. Welchen Lauf der Krieg genommen hätte, wäre die Aufstellung einer osteuropäischen Befreiungsarmee nicht erst am 14. November 1944 beschlossen worden, sondern schon zwei Jahre früher, im Herbst 1942, als Wlassow im Swolensker Manifest sein Volk zum Freiheitskrieg an der Seite der Wehrmacht aufgerufen hatte, diese schicksalsschwere Frage stellt der russische Revisionist Drobjasko nicht, doch drängt sich nach der Lektüre seines Werkes die Schlußfolgerung auf, daß Stalin der Verlierer gewesen wäre.

Den ersten dreimotorigen Ganzmetall-Bomber der roten Luftwaffe baute Junkers, hier auf einem russischen Flugplatz 1926.

Dornier-Flugboote überflogen in den zwanziger und dreißiger Jahren die Sowjet-Arktis und die Nord-West-Eismeerpassage.

Diese Ansicht vertritt auch ein renommierter deutscher Slavist und Rußland-Experte, der Schriftsteller und ehemalige Redakteur der Deutsche-Welle Botho Kirsch. »Geschichte muß neu geschrieben werden«, erklärte er in einer Veranstaltung der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GWS) in Gießen, Februar 1999.

»Die historische Wahrheit bricht sich Bahn. Junge russische Historiker belegen anhand sowjetischer Dokumente, daß Stalin bereits seit 1938 definitiv einen Angriffskrieg gegen Deutschland plante.«

Das ist die Kernaussage von Botho Kirsch (Gießener Allgemeine Zeitung am 4. Februar 1999). Groß sei Stalins Furcht gewesen, die Wehrmacht könne in den sowjetischen Aufmarsch hineinstoßen, ehe er mit seinen Kriegsvorbereitungen fertig war, was dann am 22. Juni 1941 auch geschehen sei. Säuberungen in den Führungsstäben der Roten Armee sowie die Weigerung der terrorisierten Soldaten und Offiziere, für die verhaßte Partei ihre Haut zu Markte zu tragen, hätten das Stalin-Regime in den ersten Kriegsmonaten an den Rand einer totalen Niederlage gebracht. Innerhalb kurzer Zeit hätten 3,5 Millionen Rotarmisten kapituliert, seien übergelaufen, »um etwas zu essen zu haben«, berichtet der Historiker Kirsch. Russische Schriftsteller würden heute bestätigen, daß die »Russen unter den Deutschen besser gelebt hätten als unter der sowjetischen Herrschaft«. Aber die politisch-psychologische Blindheit der deutschen Führung, so Kirsch, und die kriegsentscheidende Hilfe Amerikas und Englands gaben letztlich den Ausschlag für die Niederlage Deutschlands.

Trophäen des Zweiten Weltkrieges unter dem roten Stern, von oben nach unten: Focke Wulf 190, Messerschmitt Me 262, Heinkel He 162, Me 163B, Me 163S.

Selbst in revisionismusfeindlichen Kreisen der deutschen Medien macht sich die Erkenntnis breit, daß das Schicksal des Sowjetimperiums im Sommer/Herbst 1941 auf des Messers Schneide stand, als große Teile der unterdrückten Bevölkerung die deutschen Soldaten als Befreier begrüßten und den Vormarsch der fremden Truppen als Erlösung empfanden, insbesondere in Weißrußland, der Ukraine, im Baltikum sowie in den westlichen Gebieten des russischen Kernlandes. Jüngstes Beispiel für diese Ereignisschau – der am 28. Februar 1999 im ZDF ausgestrahlte Film »Unternehmen Barbarossa Juni 1941«. In diesem, von Stefan Brauburger zusammengestellten Streifen – nach der Intention des Filmemachers alles andere als eine objektive Analyse! – kamen zum Schluß auch deutsche Kriegsteilnehmer zu Wort, deren Urteil die Erkenntnisse deutscher und russischer Revisionisten bestätigen. Millionen von Slawen und Balten, Turkmenen und Kaukasiern, Christen und Moslems hätten nach dem 22. Juni auf "Erlösung" durch die Deutschen gehofft, auf einen Befreiungsfeldzug. Lieber unter Hitler als unter Stalin: so lautete, nach dem Urteil von Zeitzeugen, die Alternative für Millionen Sowjetbürger im Sommer 1941.

Die Folgen der Ostpolitik Hitlers konnte niemand von den Hoffenden voraussehen. Der Wlassow des Jahres 1942 war für Hitler nicht opportun. Erst angesichts der militärischen Katastrophe im Sommer 1944 (Untergang der Heeresgruppe Mitte) kam die russische Karte ins Spiel, erst am 28. Januar 1945 sanktionierte Hitler das Bündnis mit der ROA. Die Hoffnung auf eine politisch-militärische Wende versank im Schlamm der Frühjahrsschlachten zwischen Weichsel und Oder. Das Freiheitsstreben der von Stalin Unterdrückten und ihr Drang nach Unabhängigkeit war dennoch nicht gestorben, wie es Solschenizyn bezeugt. Den Tod vor Augen, kämpften Esten, Letten, Litauer, Weißrussen, Ukrainer und Russen für das Überleben des eigenen Volkes.

Russischer Geschichtsrevisionismus heute erfaßt alle Gebiete des deutsch-russischen Verhältnisses in Krieg und Frieden ab 1917. Die deutsche Spur in der Geschichte der sowjetischen Luftwaffe: der Titel des jüngsten Werkes des revisionistischen Fachverlages RIZ AVIANTIK, Moskau, verfaßt von Dimitrij Soboljew unter Mitwirkung des deutschen Wissenschaftlers Gerhard Wissmann und des britischen Spezialisten Steven Ransom, 128 Seiten mit zahlreichen dokumentarischen Fotos. Beschrieben wird neben der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit im Flugzeugwesen 1921-1930 (entwickelt und gebaut wurde der erste dreimotorige Ganzmetall-Bomber von Junkers in der Sowjetunion) auch die Weiterentwicklung der modernsten deutschen Raketen- und Strahlflugzeuge nach Kriegsende (Me 262, Me 163, He 162, Ju 287). Erstmals veröffentlichte Fotos deutscher Konstrukteure in Odessa 1946 und der Forschungsbüros Podberesje und Sawelowo vervollständigen dieses im Westen noch unbekannte Kapitel, aus dem hervorgeht, daß die Modernisierung der roten Luftwaffe zur Stalinzeit (1945-1953) vor allem das Werk verschleppter deutscher Forschungsteams war.

Man darf auf die nächste Enthüllung russischer Revisionisten gespannt sein, denn noch nicht alle Ex-Geheimarchive konnten "geknackt" werden.

Weiterführende Literatur


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 250-256.


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