Deutschsprachiges über den Holocaust im Internet

Von Dr. Bettina Brockhorst

Bereits in den Heften 1/1997 und 2/1999 wurde ausführlich über die diversen revisionistischen Aktivitäten und die damit zusammenhängenden Erfolge bei der Verbreitung dissidenter geschichtswissenschaftlicher Thesen über das Internet berichtet. Zwar versuchte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften seit 1997, bestimmte revisionistische Internet-Seiten zu zensieren, jedoch war dies von Anfang an ein technisch zur Zeit hoffnungsloses Unterfangen. Deutschlands führende staatliche Zensurbehörde mußte jüngst öffentlich die totale Niederlage in ihrem Kampf gegen "politisch" und "historisch unkorrekte" Ansichten verkünden: In einem ausführlichen Beitrag in der Hauszeitschrift der Bundesprüfstelle gestand deren stellvertretende Leiterin, daß in Sachen "Holocaust" die Revisionisten im Internet absolut dominieren. Nachfolgend werden Auszüge dieses Beitrages wiedergegeben.


Die Frage, wie Deutschland heute mit der Zeit des Nationalsozialismus, mit dem Völkermord an Juden und verfolgten Minderheiten in den Konzentrations- und Vernichtungslagern umgeht, ist mehrfach öffentlich diskutiert worden, im Ergebnis weniger kontrovers, als es die Anzahl der Wortmeldungen zunächst vermuten läßt. Es besteht Einigkeit darüber, daß der Völkermord nicht vergessen werden darf und dementsprechend Erinnerungen dokumentarischer, wissenschaftlicher und künstlerischer Art vonnöten sind. Medien sind es, die das Erinnern verkörpern. Ich bin der Frage nachgegangen, wie sich das zur Zeit modernste Medium, das Internet, zu dem Thema verhält.

Gegenstand der Untersuchung bildet dabei nur das deutschsprachige Internet, [...].

Der Befund

Wer im Internet ohne eine bestimmte Internet-Adresse (URL) zu einem Thema recherchiert, findet Hilfe bei den Suchmaschinen. Mir diente zur Recherche die Schlagwort-Suchmaschine AltaVista. [...] Die folgenden Ergebnisse erzielte ich am 8. Februar 1999.

[...] Bei dem Begriff "Auschwitz" (46750 web pages) dominieren ebenfalls die englischsprachigen Beiträge. [...] Position 45 und 52 waren deutschsprachig: "Die ‚Gaskammer' von Auschwitz I" und "Die Zeugen der Gaskammer von Auschwitz"; Autor beider Beiträge: Prof. Robert Faurisson. Unter Berufung auf diverse Quellen erläutert dieser, daß es im Stammlager Auschwitz (Auschwitz I) nur ein Krematorium, allerdings keine Gaskammer gegeben haben soll. Wer ist Prof. Faurisson?[1] [...]

Unter dem Stichwort "Vernichtungslager" (873 web pages) fand sich gleich am Anfang ein als Gerichtsbericht aufgemachter Beitrag darüber, daß ein Genozid mit Dieselmotorabgasen in dem Umfang, in dem er in Treblinka stattgefunden haben soll, unmöglich sei (»Polnische Historiker untersuchen angebliches Vernichtungslager«) Was verbirgt sich hinter der Abkürzung "vho" in der Internet-Adresse?[2]

Die Beiträge an Position 9. - "Das Urteil gegen Germar Rudolf" und 10. - "Der Treblinka-Holocaust" weisen andere Internet-Adressen aus: abbc.com/aaargh und codoh.com.[3]

In diesen Beiträgen werden Massentötungen durch Giftgas in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern in Frage gestellt.

Die Beiträge präsentieren sich in wissenschaftlich aufgemachtem Rahmen oder im Kontext mit Presseberichten oder Gerichtsurteilen. So auch das "Urteil gegen Germar Rudolf". Die im Internet abgelegten Teile des Urteils erläutern den Sachverhalt und "wissenschaftliche" Details. Um wen und um was geht es?[4]

Unter den ersten 20 aufgerufenen "links" zu dem Begriff "Vernichtungslager" waren 16 Treffer (= zum Thema Holocaust gehörend und deutschsprachig), 6 davon sind revisionistischer (holocaustleugnender) Natur.

Auf das Schlagwort "Gaskammer" (710 web pages) erschien an erster Stelle Faurisson's "Die ‚Gaskammer' von Auschwitz I", gefolgt von "National Journal: Zeitgeschichte - Gaskammer-Propaganda und Gaskammer-Offenkundigkeit". Was sich dahinter versteckt, kann man sich denken, obgleich die Wortschöpfung "Gaskammer-Offenkundigkeit" irritiert. Auf die Bedeutung des Begriffs "Offenkundigkeit" werde ich noch eingehen.

Unter Position 7. fand sich der Titel "Revisionism, Gaskammer- und Holocaustschwindel", URL: ostara.org.[5]

Weitere Beiträge tragen die schlichten Titel:

"Hans Strobl: ‚Gerd Honsik'";[6]

"Ing. Emil Lachout, Strafanzeige vom 26. November 1996";[7]

"Zur Kritik an ‚Wahrheit und Auschwitzlüge' - von Germar Rudolf";

"Der Fall Lüftl oder: Die Justiz zur Zeitgeschichte".[8]

Einem Internetbesucher sagen die Genannten im Regelfall nichts.[9]

Unter den ersten 20 Aufrufen des Begriffs "Gaskammer" befanden sich 17 Treffer, 14 davon sind revisionistischer Natur.

Unter dem Begriff "Endlösung" waren an erster Position zahlreiche Beiträge, die unter Bezugnahme auf die "Wannsee-Konferenz" vom 20.01.1942 und Äußerungen Reinhard Heydrichs das Fazit ziehen, daß mit diesem Tarnbegriff nicht mehr als die Juden betreffende Aus- und Umsiedlungsmaßnahmen im Sinne einer erzwungenen Auswanderung gemeint waren. Die Internet-Adresse macht den Hintergrund der Behauptung sichtbar (vho.org). Von 14 Treffern sind 8 revisionistischer Natur.

AltaVista warf bei dem Begriff "Zyklon B" (1975 web pages) als ersten deutschsprachigen Beitrag einen Aufsatz von einem Dr. rer. nat. Wolfgang Lambrecht aus. [...vho.org...] Aus seiner Sicht habe das Gas weniger Tötungs- denn vielmehr lebensrettende Funktion gehabt, da es in den Konzentrationslagern zur Entwesung von Kleidungsstücken und Räumen und damit zur Eindämmung von Typhus- und Fleckfieber zum Einsatz kam.

Auch der Leuchter-Report[10] findet unter dem Schlagwort "Zyklon B" seinen Platz.

Unter den ersten 20 "links waren [...] nur 8 als Treffer zu werten. Von den 8 sind 5 revisionistischer Natur.

Den Versuch mit einem etwas ungewöhnlicheren Schlagwort machte ich mit "Wannsee-Protokoll" (68 web pages). [...]

Von 16 Treffern bei dem Stichwort "Wannsee-Protokoll" sind 11 revisionistischer Natur.

Über einen Begriff wie "Judenvergasung" läßt sich streiten, aber Suchmaschinen kennen keine Begriffsethik. [...]

Von 18 Treffern beim Begriff "Judenvergasung" sind 17 revisionistischer Natur.

Schließlich suchte AltaVista unter dem Schlagwort "Sonderbehandlung". [...] Alle 7 [Treffer] sind revisionistischer Natur.

Fazit: Unter den explizit deutschsprachigen Begriffen zum Holocaust mit Hilfe der Schlagwort-Suchmaschine AltaVista ist es allein des Stichwort "Konzentrationslager", das auf den ersten 20 Positionen nicht mit revisionistischem Ballast zugeschüttet wird. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, daß andere Suchmaschinen mit den hier zitierten Begriffen vergleichbare Resultate erzielen.

Die Arbeitsweise der Revisionisten

[...] Hier auf einzelne Argumentationslinien in der Holocaust-Leugnung einzugehen, würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Will man für revisionistisches Schrifttum textübergreifende Charakteristika ausmachen, ergibt sich, daß alle ausnahmslos ihr polemisches Fazit - kein Völkermord an Juden - auf eine scheinbar seriöse Ermittlungsarbeit gründen. Die meist umfangreichen Beiträge sind wissenschaftlich verbrämt in der Weise, daß sie Quellen zitieren und auswerten, die der Leser jedenfalls von seinem Platz aus nicht selbst überprüfen kann. So ist er nicht in der Lage einzuschätzen, ob der Verfasser das Quellenmaterial manipuliert hat, ob er durch Auslassung oder unangebrachte Kombination mit anderen Zitaten eine gefälschte Aussage erwirkt hat, oder ob die Quelle selbst sich für die Holocaustforschung tatsächlich als diffus oder untauglich erwiesen hat. Manche "Beweisführungen" setzen fundierte Kenntnisse einer Materie voraus - (den Ausführungen im sog. "Rudolf-Gutachten" ist ohne Wissen um Vorgänge in der Chemie nicht beizukommen), so daß sich die Möglichkeit des Widerlegens der dreisten Behauptungen aus dem Text allein nicht ergibt. Holocaust-Leugnung setzt auf das Mittel der Meinungsmanipulation und der Verunsicherung. Die Leugnung selbst ist das Ziel.

Reaktionen auf Holocaust-Leugnung

Reaktionen auf revisionistisches Schrifttum gibt es so gut wie keine. In Deutschland ist es üblich, dieses Gedankengut zu ignorieren. Die Begründung: Eine Antwort auf die Revisionisten könnte den Eindruck hervorrufen, daß man diese Leute ernst nimmt. Statt dessen wird allgemein auf eine Wendung rekurriert, die aus Gerichtsverfahren gegen Holocaust-Leugner hervorgegangen ist und daher ihren Ursprung in den Prozeßordnungen der Gerichte hat: Dort heißt es, daß offenkundige Tatsachen keines Beweises bedürfen. [...] Unnötige Beweisanträge der Holocaust-Leugner können so auf Grund dieser Vorschrift zurückgewiesen werden.

Prozessual sinnvolle Maßnahmen sollte man indessen nicht unreflektiert in die außerprozessuale Alltagspraxis übernehmen. Bequem ist es, auf die Offenkundigkeit des Holocaust zu rekurrieren. Diese Bequemlichkeit kann aber dazu führen, daß unbeabsichtigt eine nachlässige Sicht der Dinge eingenommen wird. Man weiß um die Offenkundigkeit des Geschehens [...]. Präzision im Wissen um Fakten wird dabei zur Nebensache. [...]

Ungenaues Wissen um die Vorgänge des von den Nationalsozialisten durchgeführten Völkermordes bedeutet unsicheres Wissen. [...] Die Existenz von Dokumentationszentren und Museen ist da nur ein kleiner Trost. [...] Das Problem ist, daß solche Quellen und Orte begrenzt und daher für die meisten weit weg sind. Das Internet ist jederzeit nah und revolutioniert im übrigen schon heute jedes Dienstleistungs- und Dienstleistungsinanspruchnahmeverhalten. Die Holocaust-Leugner hocken da auf den vordersten Plätzen, als wollten sie zum Ausdruck bringen, daß die Zeit für den arbeitet, der warten kann. Sicherlich kann man sie ignorieren, aber es sollte von Zeit zu Zeit hinterfragt werden, ob man ihre mögliche Wirkung ignorieren darf. Zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz hat Bundespräsident Roman Herzog erklärt: "Ohne gründliches Wissen um seine Geschichte kann kein Volk bestehen." Dem ist nichts hinzuzufügen.


Anmerkungen

Dr. Bettina Brockhorst, Oberregierungsrätin, ist stellvertretende Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Der hier teilweise wiedergegebene Beitrag wurde der von der Bundesprüfstelle herausgegebenen Zeitschrift BPjS-Aktuell, Nr. 2/99, S. 9-12, entnommen, und zwar ausdrücklich, ohne eine Genehmigung von Verlag und/oder Autor einzuholen.

[1]Geb. 1929, ehemaliger Professor für Zeitgenössische Literatur an der Universität Lyon, mehrfach verurteilt von französischen Gerichten wegen seiner Aktivitäten als Holocaust-Leugner, regelmäßig Referent auf der "Revisionisten"-Tagung des Instituts for Historical Review.
Quelle: Die Auschwitzleugner, Hrsg. Bailer-Galanda, Neugebauer, Benz, Elefanten-Press, Berlin 1996.
[2]vho = Vrij Historisch Onderzoek, eine Organisation mit Adresse in Belgien, die im Internet, aber auch auf dem Markt der herkömmlichen Medien ein umfangreiches Arsenal an revisionistischen Publikationen besitzt. Zahlreiche Bücher mit holocaust-leugnendem Inhalt sind unter "vho" komplett abgelegt und jederzeit abrufbar.
[3]aaargh = Association des Ancien Amateurs de Récits de Guerre et d'Holocaust, Codoh = Committee for Open Debate on the Holocaust.
[4]Germar Rudolf, geb. 1964, Diplom Chemiker, ehemals beschäftigt beim Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart, u.a. Verfasser eines ‚Gutachtens über die Bildung und Nachweisbarkeit von Cyanidverbindungen in den Gaskammern von Auschwitz', verurteilt vom Landgericht Stuttgart zu 14 Monaten Haft ohne Bewährung wegen Holocaust-Leugnung.
[5]ostara = österreichische revisionistische Organisation.
[6]Hans Strobl, geb. 1937, ehemaliger Aktivist der verbotenen "Nationaldemokratischen Partei - Burgenland und der österreichischen "Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik";
Gerd Honsik, geb. 1941, u.a. Gründer der - vom österreichischen Innenministerium nicht anerkannten - "Ausländer-Halt-Bewegung", Verfasser des Buches "Freispruch für Hitler? 37 Zeugen wider die Gaskammer".
[7]Emil Lachout, geb. 1928, ehemals Lehrer, Urheber des "Lachout-Dokuments", einer gefälschten Mitteilung alliierter Untersuchungskommissionen darüber, daß in den KZ's Mauthausen, Bergen-Belsen, Buchenwald u.a. keine Menschen mit Giftgas getötet worden seien.
[8]Walter Lüftl, ehemaliger Präsident der österreichischen Bundesingenieurkammer, u.a. Verfasser eines ‚Gutachtens', in welchem die im Dritten Reich begangene Ermordung von Menschen in Gaskammern in Frage gestellt wird.
[9]Zur Quelle siehe Anmerkung 1.
[10]Fred Leuchter, geb. 1943, selbsternannter Experte für Hinrichtungseinrichtungen in amerikanischen Gefängnissen, kommt in seinem mehrfach nachgebesserten ‚Gutachten' zu dem Schluss, dass in den Gaskammern von Auschwitz und Majdanek keine Massenvergasungen stattgefunden haben. Zur Quelle siehe Fußnote 1. [Anm. d. Red.: Leuchter hat sich nie selbst zum Experten ernannt, sondern wurde von amerikanischen Gefängnisdirektoren als solcher benannt.]

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(4) (1999), S. 460-462.


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