Die Entmachtung der deutschen Vertriebenen – letzter Akt

Zum Fortfall der "Staatsknete" für den BdV – Quittung für Anpassung und Willfährigkeit

Interview mit Dr. Alfred Ardelt von Rolf-Josef Eibicht

Die deutschen Vertriebenen – nach dem Kriege immerhin fast 15 Millionen an der Zahl – sind die Opfer der größten "ethnischen Säuberung", die die Menschheit je gesehen hat. Sie waren aber zur gleichen Zeit auch schon immer die am weitgehendsten ignorierten Opfer der Menschheitsgeschichte, sogar in Deutschland, wo ihnen nun als Quittung für Anpassung und Willfährigkeit die staatlichen Mittel radikal zusammengestrichen werden.


Die deutschen Vertriebenen zahlten die teuerste Zeche für die alliierte Kriegs- und Nachkriegspropaganda, der zufolge die Deutschen es nicht besser verdient hatten, nachdem sie angeblich einen weiteren Weltkrieg vom Zaune gebrochen und gleich mehrere Völkermorde bzw. Völkermordversuche an den Juden, Polen, Russen und Zigeunern verübt hatten. Anstatt aber gegen diese historischen Unwahrheiten anzugehen, mit denen man die Entrechtung des deutschen Volkes und insbesondere der Vertriebenen begründete, haben sich die Vertriebenen von Anfang an zumeist darauf beschränkt, im Kielwasser der CDU um ihren Anteil an der Futterration aus dem Trog des neu geschaffenen Sozialstaates zu buhlen. Zu diesem Zwecke ließen sie sich willig darauf ein, ihre Arbeit auf die Pflege kulturellen Brauchtums (Landestrachten, Volkstänze und -musik) zu beschränken. Analysen über den tieferen Grund ihres Schicksals wurden aber nie unternommen, geschweige denn, daß man geneigt war, daraus Konsequenzen zu ziehen. Einerseits fordern die Vertrieben die Solidarität aller Deutscher, indem sie ihr Erbe als Teil des Erbes des gesamten deutschen Volkes hinstellen. Sie übersehen aber, daß sie nur dann Erfolg haben können, wenn auch sie sich primär für das Ganze einsetzen und nicht nur für ihre Partikularinteressen. Wer also sein Recht auf "Oberschlesien" oder welche Provinz auch immer einfordert, zugleich aber nicht gegen die antideutsche Greuelpropaganda mit aller Macht auftritt, darf sich nicht wundern, wenn er von provinzieller Bedeutung bleibt. Dr. Linus Kather hat bereits in den sechziger Jahren eingehend beschrieben, wie diese historische und politische Selbstkastration die Vertriebenen geradewegs in die politische und gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit führte (Die Entmachtung der Vertriebenen, 2 Bde., Günther Olzog Verlag, München, Wien 1965). An deren Ende steht nun sogar – und wie nicht anders zu erwarten – die Auslöschung der kulturellen Existenz der ostdeutschen Stämme: 1999 beschloß die Bundesregierung, den Vertriebenen die finanzielle Unterstützung weitgehend zu entziehen. Nachfolgend veröffentlichen wir zu diesem dramatischen letzten Akt der "Selbst"-Entmachtung der Vertrieben ein Interview von Josef Eibicht mit Dr. Ardelt. Auch er fordert wieder die Solidarität anderer, vergißt aber, seine Pflicht zu erwähnen, nämlich die kompromißlose Unterstützung des historischen Revisionismus im allgemeinen, dessen Erfolg zwingend jeder politischen Revision von historischer Dimension vorausgehen muß.


Eibicht: Herr Dr. Ardelt, Bundesminister Naumann hat eine neue Konzeption zur Kulturförderung der deutschen Heimatvertriebenen mit materieller und inhaltlicher Neuorientierung vorgelegt. Die Kulturarbeit der Vertriebenen wird damit sehr eingeschränkt, "herab- und herausgestuft". Wie beurteilen Sie dies?

Dr. Ardelt: Ich sehe darin den Versuch, wieder ein Stück deutscher Kultur preiszugeben. Ohne Berücksichtigung der Kultur aus den Vertreibungsgebieten ist das Bild, das die Deutschen von sich haben müssen, verfälscht und lückenhaft. Der Marsch in den Völkermord wird ein Stück weitergeführt.

Eibicht: Das Naumann-Konzept befindet sich jetzt in der parlamentarischen Beratung. Sind noch Veränderungen zu erreichen?

Dr. Ardelt: Veränderungen sind natürlich möglich. Wer wird sie angehen? Es wird interessant sein zu sehen, wie sich CDU und vor allem die CSU bei den parlamentarischen Beratungen verhalten werden.

Eibicht: Es wird also schwere Einschnitte im Bereich der Kulturarbeit geben – wie konnte es überhaupt soweit kommen? Hatte Linus Kather nicht doch Recht, als er vom "Stimmviehmißbrauch" der deutschen Heimatvertriebenen sprach?

Dr. Ardelt: Linus Kather hatte natürlich recht, aus eigener Erfahrung kam er zu dem Urteil. Die Vertriebenenverbände haben sich zu sehr in die Rolle von Interessenvertretern drängen lassen, in sozialen Fragen war das richtig und notwendig. Viel zu wenig vermochten sie es, deutlich zu machen, daß alles das, was in den Vertreibungsgebieten verloren gegangen ist, alle Deutschen verloren haben. Hier hätten sie stärker, als es geschehen ist, als Sachwalter gesamtdeutscher Interessen auftreten müssen.

Eibicht: Was hat die Kulturarbeit von BdV und Landsmannschaften zum Kernpunkt einer jeden Interessenvertretung der deutschen Heimatvertriebenen, nämlich die heimatpolitische Durchsetzung von Rückkehr und Wiedergutmachung, überhaupt beigetragen?

Dr. Ardelt: Die Kulturarbeit hatte Sinn, wenn sie als Stimulans für das Politische angesehen wurde und nicht als Selbstzweck. Schließlich hat die Politische Klasse die Vertriebenen auf die Kulturpflege abgedrängt. Sie sollen nun wohl auch daraus vertrieben werden.

Eibicht: Herr Dr. Ardelt, wie müßte, Ihrer Ansicht nach, eine ostdeutsche und sudetendeutsche Heimatpolitik, die sich wirklich an Rückkehr und Wiedergutmachung orientiert, heute im Jahre 1999 und in Zukunft aussehen? Tatsache ist doch, daß noch 1949 80% der deutschen Heimatvertriebenen fest an eine Rückkehr glaubten, heute, 50 Jahre später, ist noch nicht einmal der Name Ostdeutschland übrig geblieben.

Dr. Ardelt: Vertriebenenpolitik konnte und kann immer nur deutsche Politik sein. Es ging und geht darum, so viel wie möglich von Deutschland für Deutschland und das deutsche Volk zu retten. Wer sich jedoch irgendwohin "integrieren" oder irgendwo "aufgehen" will, wird dafür wenig Verständnis haben, der muß die Identität mit Hilfe der Mißachtung von Kultur und geschichtlicher Überlieferung beseitigen. Dies zu verhindern, also deutsche Identität neu zu beleben, darauf kommt es an. Um das zu erreichen und auch den deutschen Osten wieder auf die Tagesordnung der Politik zu bringen, bedarf es einer Regierung, die willens und in der Lage ist, die Interessen des eigenen Volkes kraftvoll wahrzunehmen. Danach zu trachten, das ist die Aufgabe aller Deutschen, nicht nur der Vertriebenen.


Dr. Alfred Ardelt ist Landesobmann (Vorsitzender) der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) in Niedersachsen, Präsidiumsmitglied der sudetendeutschen Bundesversammlung, Mitglied des Landesvorstandes des BdV. Er war Landesvorsitzender des BdV in Niedersachen von 1993 bis 1995. Das Interview mit ihm führte Rolf-Josef Eibicht.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(4) (1999), S. 454.


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