Bücherschau

Zum Schicksal der Zigeuner im Dritten Reich

Von Ilse Schirmer-Vowinckel

Staatl. Museum Auschwitz-Birkenau (Hg.), Memorial Book. The Gypsies at Auschwitz-Birkenau / Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, 2 Bde., Saur, München 1993. XL, VI1, 1674 S.; DM 398,-


Widersprüchliche Zahlenangaben

Um dem hier vorliegenden Werk gerecht werden zu können, muß man weit ausholen.

Am 16.12.1992 berichteten die deutschen Rundfunk- und Fernsehsender von einer Feierstunde im Berliner Reichstag anläßlich der 50. Wiederkehr des Himmlerbefehls vom 16.12.1942. Es hieß, aufgrund dieses Befehls seien Zigeuner aus ganz Europa in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden, 30.000 seien bis Kriegsende umgekommen. In der Feierstunde sei der bayerischen SPD-Abgeordneten Renate Schmidt eine Namensliste der in Auschwitz-Birkenau ermordeten Zigeuner überreicht worden. (Gemeint war das Gedenkbuch.)

Am Nachmittag desselben Tages, des 16.12.1992, erfuhr der verblüffte Hörer, es seien 500.000 Zigeuner in den „Nazi"-KZ umgebracht worden.

Diesem krassen Widerspruch versuchte ich seither auf den Grund zu kommen. Welche Zahl stimmt? Auf welcher Basis stehen die Zahlen? Die erste Frage kann ich verständlicherweise nicht beantworten. Der zweiten soll sich hier genähert werden.

Mehrere Jahre später schien eine Lösung nahe. Die BBC berichtete über den Nürnberger Prozeß, in dem den sog. Haupt-Kriegsverbrechern die Ermordung von 12 Millionen Juden und 500.000 Zigeunern zur Last gelegt worden sei. RTL übernahm die Sendung am 18.1.1998.

Seit einigen Jahren sind die Prozeßakten des Nürnberger Prozesses in einem undatierten fotomechanischen Nachdruck des Reichenbach Verlages greifbar. Die Erstveröffentlichung scheint 1947 erfolgt zu sein. Die Impressumseite trägt den Vermerk:

»Dieser Band ist gemäß den Weisungen des Internationalen Militärgerichtshofes [IMT] vom Sekretariat des Gerichtshofes unter der Autorität des Obersten Kontrollrats für Deutschland veröffentlicht.«

Der erste von 23 Bänden, der „Einführungsband", enthält u.a. die vollständige Anklageschrift. Hier steht unter Anklagepunkt Vier: »Verbrechen gegen die Humanität«, Unterabteilung B: »Verfolgung aus politischen, rassischen und religiösen Gründen in Ausführung von und im Zusammenhang mit dem in Anklagepunkt eins erwähnten „gemeinsamen Plan"«. folgendes:

»[wurden] die Gegner der deutschen Regierung ausgerottet und verfolgt. Die Verfolgungen waren gegen Juden gerichtet.«

Die Zigeuner werden nicht erwähnt. In Anklagepunkt drei, Untergruppe A, kommen sie vor, ohne Erwähnung der ominösen 500.000. Es werden seitenlang alle möglichen Ermordungen aufgezählt, aber beim Stichwort „Auschwitz" kommen weder Juden noch Zigeuner vor, nur die Zahl »ungefähr 4 000 000« (S. 5 1).

Die Zahl 500.000 fand ich auch bei Wiesenthal (Simon Wiesenthal, Recht, nicht Rache. Erinnerungen, Ullstein, Frankfurt a.M./Berlin 1992, S. 272):

»[ ... ] kaum jemand weiß, daß vermutlich auch eine halbe Million Zigeuner in den Vernichtungslagern des Dritten Reiches umgekommen sind.« (Hervorh. v. Rez.)

Die Zahl 500.000 ist nicht mehr auszurotten.

Die Zahl 30.000

Sie wurde im Zusammenhang mit der Publikation Memorial Book – Gedenkbuch genannt, das aber ca. 21.000 Namen enthält, nicht 30.000. Zigeuner gab es aber auch in anderen Konzentrationslagern, und nach Romani Rose/Walter Weiss bestanden kleinere Sammellager nur für Zigeuner auch außerhalb von Konzentrationslagern, so z.B. in Frankfurt a.M. (Rose/Weiss, Sinti und Roma im „Dritten Reich": Das Programm zur Vernichtung durch Arbeit, Lamuv, Göttingen 1991, passim). Rose/Weiss beginnen mit der Zahl 500.000 (S. 7), kommen darauf aber nicht mehr zurück. Dafür taucht die Zahl 30.000 auf, aber in neutraler Bedeutung: Die Autoren berichten über eine Konferenz unter Heydrichs Leitung vom 30. Jan. 1940:

»In ihr wurde beschlossen, daß „als letzte Massenbewegung die Abschiebung von sämtlichen Juden der neuen Ostgaue und 30.000 Zigeuner aus dem Reichsgebiet und der Ostmark [Österreich] in das Generalgouvernement erfolgen" solle.« (S. 19)

Als Quelle ist das Bundesarchiv genannt, ohne daß der Charakter des betreffenden Dokuments deutlich würde.

Kommen wir auf jene Feierstunde des Bundestages zurück. Mir liegen mehrere Berichte verschiedener Pressedienste über dieses Ereignis vor, und zwar

  1. dpa Basisdienst Hamburg
  2. Deutscher Depeschen Dienst ddp – 2 Meldungen
  3. Evangelischer Presse-Dienst epd, Frankfurt a.M., – 3 Meldungen
  4. Katholische Nachrichten Agentur kna Bonn – 3 Meldungen.

Bericht der dpa

Die Gedenkfeier habe den »über 500.000 ermordeten Sinti und Roma« gegolten. Es werden Redebeiträge aufgeführt vom Vorsitzenden des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, vom NRW-Innenminister Schnoor, von Renate Schmidt, Ignatz Bubis und dem regierenden Bürgermeister von Berlin Diepgen.

Das Gedenkbuch wurde übergeben, das Namen von 10.849 Frauen und 10.094 Männern enthält, die in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

Nach Himmlers angeblichen Auschwitz-Erlaß sollten die Angehörigen der Minderheit aus 11 Ländern Europas nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort umgebracht werden. Von den 22.000 kamen etwa 10.000 aus Deutschland. Schon 1939 habe es dazu Vorbereitungen gegeben. »Im Verlauf des rassistischen Völkermordes starben über 500.000 Menschen dieser ethnischen Minderheit.«

Berichte des Deutschen Depeschen Dienstes ddp

Im ersten Bericht warnt Renate Schmidt vor der Verdrängung und erinnert an 500.000 ermordete Zigeuner.

Im zweiten Bericht wird Rose so zitiert: Die Gewalt auf den Straßen (gegen Ausländer) sei beängstigend, erschreckend aber sei der Beifall für diese Gewalt und das lange Schweigen der Politik.

Eine Auschwitz-Überlebende findet es »furchtbar, daß sich in Deutschland 47 Jahre nach dem Ende des Schreckens vergleichbarer Terror wieder rege

Zu Himmlers angeblichem Auschwitz-Erlaß heißt es:

»Zigeuner aus 12 europäischen Ländern kamen nach Auschwitz-Birkenau. Die meisten von ihnen kamen in den Gaskammern des Lagers um.«

Berichte des Evangelischer Presse-Dienst epd

Der erste edp-Bericht zeigt besonders große Bußfertigkeit:

»Das Leid der 500.000 Sinti und Roma, die im Dritten Reich in den Lagern der Nazis ermordet wurden, ist jahrelang verschwiegen worden.«

Das an Renate Schmidt übergebene Gedenkbuch

»enthält die Namen von fast 21.000 in Auschwitz-Birkenau ermordeten Sinti und Roma. Die Originale waren von polnischen Häftlingen vor der geplanten Vernichtung des Lagers im August 1944 versteckt worden.«

In der zweiten epd-Meldung heißt es:

»Hintergrund war Himmlers sogenannter Auschwitz-Erlaß vom Dezember 1942, der die Endphase der geplanten vollständigen Vernichtung der Sinti und Roma einleitete. Insgesamt fielen etwa 500.000 Angehörige dieser Minderheit dem Völkermord zum Opfer.«

Berichte des Katholische Nachrichten Agentur kna

Die Katholische Nachrichten Agentur Bonn ist zurückhaltender. Die 500.000 werden erwähnt als »nach Angaben Roses«. Das Gedenkbuch bezeuge die »familienweise Deportation nach Auschwitz«. In einer weiteren Meldung spricht die kna zwar wie die anderen Agenturen, die ca. 21.000 seien »registriert worden, um anschließend in Auschwitz-Birkenau ermordet zu werden.« Sie sagt aber nicht, daß die 21.000 ermordet wurden, was ja auch nicht zutrifft.

Als einzige Agentur zitiert kna einen Teil der Diepgen-Rede, den die anderen einhellig ausgelassen haben:

»Die Deutschen seien den Sinti und Roma, die überlebt hätten, „verpflichtet zu einer Mitmenschlichkeit, die alle Schwierigkeiten erträgt, wie sie in der Begegnung unterschiedlicher Lebensweisen manchmal unvermeidlich sind." Mitbürgerliches Verhalten und Toleranz müßten jedoch »auf beiden Seiten« eingeübt werden, meinte Diepgen, der von den Roma und Sinti „Respekt für die Rechtsordnung der Mehrheitsgesellschaft" verlangte.«

Das Gedenkbuch

Das Gedenkbuch, welches Renate Schmidt übergeben wurde, ist in seinem allgemeinen Teil dreisprachig: deutsch, englisch und polnisch.

Der 1. Band enthält einleitende Kapitel und einen achtseitigen Überblick: »Zur Geschichte des Lagers für Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau«. Es folgen ca. 680 Seiten »Hauptbuch des Zigeunerlagers (Frauen)«. Der 2. Band besteht aus rund 600 Seiten »Hauptbuch des Zigeunerlagers (Männer)«, Namensregister, Register der Geburtsorte, Überlebendenberichte, Kalendarium der Verfolgung und Dokumente. Der Anhang listet die »SS-Leute im Lager für Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau« auf.

Einige Schwierigkeiten bereitet die Verteilung der Häftlingsnummern. Die Frauenliste ist durchnumeriert von 1-10.849, die Männerliste beginnt ebenfalls mit 1 und führt bis 10.094. Dieses seien die Häftlingsnummern, heißt es, was ich aber für unwahrscheinlich halte, denn dann wären alle Nummern doppelt vergeben worden. Ebenso unwahrscheinlich ist die Geschichte der Rettung der Hauptbücher: Ein polnischer Rapportschreiber und zwei Häftlinge aus dem Zigeunerlager hätten sie gestohlen, als das Ende des Lagers nahte, und sie in Kleidungsstücken eingewickelt in einen Eimer gesteckt, den sie im Juli 1944 zwischen zwei Baracken vergruben, von wo sie 1949 wieder ausgegraben worden seien. Hier haben die Verfasser nicht aufgepaßt: Einer der Beteiligten sei Ireneusz Pietrzyk gewesen, Häftlings-Nr. 1701. Dort ist aber ein Penuzilka Josef vermerkt, der schon im Juli 1943 starb.

Man könnte sich die Geschichte so vorstellen: Die Listen enthalten tatsächlich die Namen ehemaliger Auschwitz-Birkenau-Häftlinge, toter und überlebender, sie stammen aber nicht aus einem Eimer in Auschwitz, sondern vielleicht aus den Akten von Zigeunersammelstellen im Dritten Reich, wo die Menschen vor ihrer Deportation registriert wurden, wie die kna schon vermerkt.

Die vom Zentralrat der Sinti und Roma vorgelegten Listen entstanden, ehe die 46 Sterbebücher von Auschwitz 1989 (oder 1992) für die Forschung freigegeben wurden. Sie waren bei Kriegsende von der Roten Armee geraubt und nach Moskau transportiert worden. (In Bd. 1 des Gedenkbuches, S. XXXVIII, weist der federführende Herausgeber Jan Parcer auf diese Sterbebücher hin.)

Der Himmler-Erlaß vom 16.12.1942

Anfragen beim Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, beim Institut für Zeitgeschichte in München und beim Bundesarchiv blieben ohne Ergebnis: der Himmler-Erlaß ist in den betreffenden Archiven nicht vorhanden. Das heißt aber nicht, daß es ihn nicht gibt. Ich erhielt von dem sehr hilfsbereiten Institut für Zeitgeschichte Fotokopien eines höchst aufschlußreichen, fünf Druckseiten umfassenden »Schnellbriefs« vom 29.1.1943 des Reichssicherheitshauptamtes Berlin mit dem Betreff:

»Einweisung von Zigeunermischlingen, Rom-Zigeunern und balkanischen Zigeunern in ein Konzentrationslager«

Der erste Satz lautet:

»Auf Befehl des Reichsführers SS vom 16.12.1942 – Tgb. Nr. I 2652/42 Ad./RF/V – sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen. Die Einweisung erfolgt […] in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz.«

Abweichend von den gängigen Darstellungen ordnete Himmler nicht an, die Zigeuner zu vernichten.

Abweichend auch von den gängigen Vorstellungen wurde eine Menge Zigeuner von der Zwangsmaßnahme ausgenommen. Deren Aufzählung umfaßt 10 Punkte:

»1. Reinrassige Sinte- und Lalleri-Zigeuner;

2. Zigeunermischlinge, die im zigeunerischen Sinne gute Mischlinge sind […];

3. Zigeunerische Personen, die mit Deutschblütigen rechtsgültig verheiratet sind;

4. Sozial angepaßt lebende zigeunerische Personen, die bereits vor der allgemeinen Zigeunererfassung in fester Arbeit standen und feste Wohnung hatten. […]«

Interessant ist auch Punkt 6:

»zigeunerische Personen, die noch zum Wehrdienst eingezogen sind oder im gegenwärtigen Krieg als versehrt oder mit Auszeichnungen aus dem Wehrdienst entlassen wurden«,

sind von der Deportation ausgenommen, ebenso wie (Punkt 10):

»zigeunerische Personen, die den Besitz einer ausländischen Staatsangehörigkeit nachweisen können.«

Es folgt eine Anmerkung:

»Eine Ausnahmebehandlung entfällt für zigeunerische Personen, die erheblich vorbestraft sind […]«

was darauf hindeute, daß diese offenbar »Ausnahmebehandlung« (Sonderbehandlung?) positiver Natur war. Die gängige Auffassung ist aber richtig in einem besonders heiklen Punkt: Unter III wird angeordnet, daß außer den Fällen 1 und 2 (reinrassige und »gute« Zigeuner) von allen übrigen, denen die Einweisung nach Auschwitz-Birkenau erspart bleibt, die Einwilligung zur Unfruchtbarmachung angestrebt wird – auch für ihre Kinder. Und wenn sie nicht wollen? Dann »entscheidet nach Darlegung der Gründe das Reichskriminalpolizeiamt über das zu Veranlassende.« Das ist häßlich, obgleich damit nicht gesagt ist, was das Reichskriminalpolizeiamt letztlich entschieden hat.

Unter Punkt IV werden ausführliche, langatmige Vorschriften zur Vorbeugehaft erlassen, d.h. zur Haftzeit vor der Einweisung nach Auschwitz-Birkenau. Das einzig Positive ist die Weisung, daß die Familien zusammenbleiben sollen. Ausweise und Lebensmittelkarten sind abzunehmen, Hab und Gut sei »zurückzulassen und bis auf weitere Weisung in geeigneter Weise sicherzustellen«. Barmittel und Wertpapiere sind bis auf weitere Weisung zu hinterlegen und »listenmäßig unter Angabe der Personalien des Eigentümers zu erfassen. Die Listen sind mit der Empfangsbestätigung der zuständigen Polizeikasse bei der Kriminalpolizei(leit)stelle zu hinterlegen.« Man wüßte gern, ob diese Listen nach dem Krieg den Überlebenden ausgehändigt werden konnten, und ob sie überhaupt noch existierten.

Es folgen zwei Druckseiten mit Einzelheiten zur Hafteinweisung samt drei Anlagen: Musterformulare und Musterkarteikarten. Kinder waren auf der Karteikarte der Mutter aufzuführen, außerdem bekam jedes Kind seine eigene Karteikarte. Duplikate und Eingangsbestätigungen (der Menschen) waren an das Reichskriminalhauptamt – Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens – in Berlin C2, Werderscher Markt 5/6 zu schicken.

© Januar 1998


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(4) (1999), S. 464-466.


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