Verweigerte Gerechtigkeit

Über deutsche und andere europäische Insassen in US-Konzentrationslagern

Von John Tiffany

Daß die deutschen Nationalsozialisten Menschen zu Tausenden in Konzentrationslager sperrten, ist allgemein bekannt. Daß die Konzentrationslager bereits von den Briten im Burenkrieg zur Brechung des Widerstandes der Buren eingesetzt wurden, sieht so mancher als Indiz, daß die Briten die "KZ's" erfunden haben. Tatsächlich jedoch sind es wahrscheinlich die Nordstaaten der USA, die diese historischen Erfinder-"Lorbeeren" ernten dürfen, schufen sie doch während des US-Bürgerkrieges bereits KZ's für Südstaatler und deren Sympathisanten. Leider wurde diese traurige Tradition während des Zweiten Weltkrieges wieder aufgegriffen, und zwar nicht nur zur Internierung vieler japanischstämmiger US-Bürger, sondern, und das ist heute allgemein vergessen, hauptsächlich zur Internierung ungezählter Tausender von US-Bürgern deutscher Abstammung. Dies ist ein düsteres Kapitel aus der Vergangenheit der Vereinigten Staaten, das aus dem Buch der Geschichte getilgt worden und in einem Orwellschen "Gedächtnisloch" verschwunden ist - bis heute.


An einem Apriltage des Jahres 1942 schwänzte der damals vierzehnjährige Claude Turner aus Gloucester, New Jersey, die Schule, um an der South King Street die Ankunft einer neuen Gruppe von "Deutschen" zu beobachten. Die Ankömmlinge waren allerdings keine Kriegsgefangenen, die in ein nahegelegenes Lager geschafft werden sollten; sie waren US-Zivilisten, die als »feindliche Ausländer« etikettiert worden waren und vor dem Abtransport in ein Internierungszentrum des "Immigration and Naturalization Service" (Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde) standen. Claude Turner, der für die Armee noch viel zu jung war, wollte sich diese "Feinde", wie seine Familie sie zu nennen pflegte, persönlich ansehen. Das Schauspiel, dem er beiwohnte, verwirrte ihn. Ein Dutzend Männer und Frauen, die nach mehreren auf Polizeiposten oder Ämtern der Einwanderungsbehörde verbrachten Nächten ermattet und ungepflegt aussahen, schleppten unter dem wachsamen Auge örtlicher Polizeibeamter Koffer und sonstige Gepäckstücke. Die meisten waren elegant gekleidet: die Frauen trugen Katunkleider, die Männer Krawatten und Hüte. Einige lächelten tapfer, andere machten finstere und trotzige Gesichter, doch die meisten wandten ihre Augen gedemütigt ab.

Der junge Claude war enttäuscht. Er hatte gehofft, wilde, brandgefährliche Nazis zu sehen, die Parteiparolen brüllten oder deutsche Märsche grölten, nicht verlegene, ganz normal aussehende Leute, die ihre Siebensachen in ein Konzentrationslager schleppten. Als er sich nach der Schule zu seinen Kameraden gesellte und diese wissen wollten, was er von den Internierten dachte, erwiderte er:

»Sie waren ganz gewöhnliche Leute wie ihr und ich. Irgendwie scheint es einfach nicht gerecht.«

Der oft zitierte Mann auf der Straße hat viel über in den USA ansässige japanische Staatsbürger und amerikanische Bürger japanischer Herkunft gehört, die während des Zweiten Weltkriegs in Internierungslager gesperrt worden sind. Doch dank Arnold Krammers Buch Undue Process. The Untold Story of America's Alien Internees kennen wir nun auch den zweiten Teil der Geschichte. Es ist nämlich weithin unbekannt, daß die Mehrheit der im Zweiten Weltkrieg in Amerika internierten Europäer und Amerikaner europäischer Abstammung waren. Unter ihnen befanden sich auch Matrosen fremder Schiffe, die in amerikanischen Häfen vor Anker lagen.

Ein weiterer Punkt: Während sämtliche japanischstämmigen US-Bürger bis zum Juni 1946 auf freien Fuß gesetzt wurden, mußten sich etliche Europäer sowie europäischstämmige US-Bürger bis Juli 1948 gedulden, ehe man sie freiließ. Krammer hält fest, daß seitens der Verantwortlichen offensichtliche Vertuschungsversuche unternommen wurden. Offiziell wird nämlich behauptet, in den ehemaligen Lagern, die dank dem Public Law 102-48 historische Bekanntheit erworben haben, hätten sich ausschließlich Japaner befunden, und ein amtlicher Bericht über die Internierungen der Kriegszeit, der den Titel Justice Denied (Verweigerte Gerechtigkeit) trägt, ist irreführend, denn er enthält keine Zeugenaussagen europäischer und europäischstämmiger Ex-Insassen dieser Lager; desgleichen fehlen Aussagen hochrangiger Beamter, die für ihre Internierung verantwortlich waren.

In der an die Geschichte von Alice im Wunderland gemahnenden Welt, in der wir heute leben, will man uns weismachen, die Japaner seien Opfer von "Rassenhaß" gewesen; man habe sie nur zusammengetrieben und in Lager gesperrt, weil sie eine unter Weißen und Schwarzen lebende, leicht identifizierbare Minderheit gebildet hätten. Wie Krammer in seinem aufrüttelnden Buch nachweist, begannen jedoch die Verhaftungen legal in den USA lebender Deutscher sowie amerikanischer Bürger deutschen Ursprungs bereits am 7. Dezember 1941, also vier Tage vor der Kriegserklärung Berlins an Washington. Die durch den Präsidentenerlaß 9066 ausgelöste Massenverhaftung von Japanern setzte hingegen erst im Februar 1942 ein. Vor jenem Zeitpunkt waren einige hundert Japaner individuell vom FBI festgenommen worden.

Arnold Krammer, Undue Process: The Untold Story of America's German Alien Internees, 209 S., Rowman and Littlefiled, Lanham, Maryland 1997, ISBN: 0847685187, Listenpreis: $27.95; Amazon: $19.57

Durch den Civil Liberties Act (Erlaß über zivile Freiheiten) von 1988 wurde allen Japanern - einschließlich der vor dem Februar 1942 verhafteten - eine Entschädigung zugestanden. Fairerweise müßten die Vereinigten Staaten dann auch eigentlich die Deutschen entschädigen, denen dasselbe widerfuhr, argumentiert Krammer.

Der Verfasser berichtet, daß Generalstaatsanwalt Francis Biddle gerade in Detroit eine Rede hielt, als die Japaner am 7. Dezember 1941 in Pearl Harbor zuschlugen. Aufgewühlt und tiefbesorgt kehrte er in sein Büro nach Washington zurück und entdeckte dort, daß seine Assistenten bereits die erforderlichen Befehle zur Internierung feindlicher Ausländer vorbereitet hatten. Wie Krammer darlegt, war wundersamerweise eine ganz erhebliche Anzahl solcher Ausländer unmittelbar vor dem japanischen Angriff verhaftet worden.

Das Internierungsprogramm und die Massenverhaftungen stellen einen bedrohlichen Präzedenzfall für die Zukunft Amerikas dar. Wenn eine US-Regierung geheime Listen mit den Namen Tausender von amerikanischen Bürgern sowie legal in den USA ansässigen Ausländern anlegt, die auf bloßen Verdacht hin in Internierungslagern zusammengepfercht werden, so steht dies in krassem Widerspruch zur US-Verfassung.

Den Opfern dieser Willkürpolitik blieb die Ironie der Situation keineswegs verborgen. Amerika zog angeblich für die Demokratie und die berühmten "vier Freiheiten" zu Felde: Die "Freiheit von Furcht", die "Freiheit von Not", die "Freiheit des Glaubens" und die "Freiheit der Rede und Meinungsäußerung"[1]. Gleichzeitig bemühten sich Zeitschriften und Zeitungen fieberhaft, die Kriegsziele der Nation zu definieren, während Hollywoods Propagandisten alle Register zogen, um die öffentliche Meinung mittels Dutzenden martialischer Filme auf den Krieg einzustimmen. Jedes einzelne Medienorgan rühmte sich, für die Freiheit sowie für das Recht unterdrückter Völker auf Widerstand gegen die Tyrannei einzutreten. Fernen Verbündeten zuliebe schickten die USA ihre Söhne in den Krieg und opferte immense Reichtümer, immer mit der Begründung, es gelte die Sache der Freiheit und der Demokratie zu verteidigen. Kritisch denkenden Menschen muß der flagrante Widerspruch zwischen dem angeblichen Kreuzzug für die Freiheit im Ausland und der Unterdrückung individueller Freiheiten im eigenen Lande schmerzlich bewußt gewesen sein.

Krammers Berechnungen zufolge wurden während des Krieges 31.275 Angehörige feindlicher Staaten interniert, nämlich 18.849 Japaner, 10.905 Deutsche, 3.278 Italiener, 52 Ungarn, 25 Rumänen, fünf Bulgaren und 161 Bürgern anderer europäischer Länder. Diese Zahlen schließen freilich amerikanische Ehefrauen und andere Familienangehörige nicht ein, die den Internierten in die Lager folgten. Man brauchte noch nicht einmal amerikanischen Boden betreten zu haben, um Handschellen angelegt zu bekommen und in ein US-Lager abtransportiert zu werden: Viele Deutsche und Japaner wurden in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern verhaftet und in die USA verschleppt, um der Washingtoner Regierung als Geiseln zu dienen.

In einem unweit des texanischen Crystal City gelegenen Konzentrationslager waren die meisten Insassen Japaner, die von der Westküste der USA oder aus Südamerika stammten. Es gab dort auch 800 Deutsche aus allen möglichen Staaten Lateinamerikas: Bolivien, Peru, Costa Rica, Nicaragua, Guatemala und der Dominikanischen Republik. Unerklärlicherweise saßen in jenem Lager auch 300 indonesische Seeleute ein, die man von einem in New York eingelaufenen holländischen Schiff hierher verschleppt hatte.

Erwähnenswert ist, daß deutsche Juden und nationalsozialistischer Sympathien Verdächtigte zusammen mit unpolitischen Deutschen kunterbunt durcheinandergemischt in denselben Lagern landeten. Unter den aus Lateinamerika hergeschafften Deutschen befanden sich 81 Juden. (Die meisten lateinamerikanischen Länder waren nicht eigens darauf bedacht, Juden festzunehmen, doch laut Krammer sorgten in Panama und Britisch-Honduras - heute Belize - antisemitische Beamte dafür, daß sich unter den Uncle Sam zuliebe Verhafteten möglichst viele Juden befanden.) Offenbar ging man von der Annahme aus, deutsche Juden könnten möglicherweise Spione oder Agenten der NS-Regierung sein.

Aus Deutschland emigrierte oder sonstwie verdächtige Juden wurden in das Balboa Center (Panamakanalzone) geschickt, wo sie von Angehörigen der US-Armee verhört wurden. Anschließend kamen sie zu den anderen Juden und deren Familien, die über eine große Anzahl von Lagern verstreut waren: Seagoville, Stringtown, Camp Blanding/Florida sowie Fort Oglethorp/Georgia. Die beiden letztgenannten Lager dienten der Aufnahme von Kriegsgefangenen sowie nationalsozialistischen Sympathisanten und wurden von der Armee geleitet.

Ein Wachturm eine US-Konzentrationslagers für Deutsche hebt sich kontrastreich gegen einen bunten Himmel ab.

Nach Kriegsende wußte man in Washington nicht so recht, was man mit den aus Lateinamerika in die USA Entführten tun sollte. Im Gegensatz zu in den Vereinigten Staaten selbst festgenommenen feindlichen Ausländern wurden erstere detainees - "Festgehaltene" - und nicht internees - "Internierte" - genannt. Dadurch sollte wohl der Eindruck erweckt werden, sie seien irgendwohin unterwegs gewesen und von den amerikanischen Behörden am Weiterreisen gehindert worden, während man sie doch recht eigentlich gekidnappt hatte, meint Krammer.

In einem am 6. Januar 1946 erschienenen Artikel befand die New York Times, es sei völlig legal gewesen, Ausländer aus fremden Staaten kidnappen und in die USA verschleppen zu lassen:

»Die Tatsache, daß möglicherweise Gewalt angewendet wurde, um vermutliche Nazisympathisanten zum Zwecke ihrer Internierung während des Krieges in die USA zu bringen, ist kein Grund für ihre Freilassung.«

Wie Krammer aufzeigt, wird in der 1990 erschienenen offiziellen Publikation 50th Anniversary History of the Seagoville Federal Correctional Institution die lachhafte Behauptung aufgestellt, diese Familien hätten »ihre Heimatländer verlassen, um die Freiheit Amerikas zu genießen.«

Die überwältigende Mehrheit der Internierten stellten keinerlei Bedrohung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika dar. Sie waren ganz offensichtlich bloße Bauern in einem Schachspiel und dienten als Geiseln, die man gegen in deutscher Kriegsgefangenschaft befindliche US-Soldaten austauschen konnte.

Nach den Japanern stellten die Deutschen die größte Anzahl von Internierten. Aus irgendwelchen Gründen ist ihr Schicksal von den Hofhistorikern unter den Teppich gekehrt worden.

Arnold Krammers Undue Process ist ein beunruhigendes Buch, doch sollte es Pflichtlektüre für jeden sein, der sich Gedanken über die Verletzung von Menschenrechten in den USA macht.


Anmerkungen

Übersetzt von Jürgen Graf.

[1]Ursprünglich gab es noch eine fünfte Freiheit, die "Freiheit der Information", doch Roosevelt ließ diese unter den Tisch fallen, als er seine "Freiheiten" schriftlich formulierte. (Man vergleiche dazu Burns, James MacGregor, Roosevelt: The Soldier of Freedom, 1940-1945.) Glücklicherweise wurde diese Freiheit nachträglich doch noch vom Kongreß kodifiziert; es war dies eines der wenigen guten Dinge, welche die US-Gesetzgebung in den vergangenen Jahrzehnten zuwege gebracht hat.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(4) (1999), S. 376-378.


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