Die Einkreisung Deutschlands und Österreichs-Ungarns vor dem Ersten Weltkrieg

Von Rolf-Josef Eibicht

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges standen Deutschland und Österreich-Ungarn einer Feindkoalition aus Frankreich, Rußland, England und Serbien gegenüber. Dazu kam Belgien - das Land hatte schon in Friedenszeiten durch die Anlage seiner Festungen deutlich gemacht, daß es das Deutsche Reich als seinen Kriegsgegner betrachtete; außerdem sahen französische Aufmarschpläne einen Angriff auf Deutschland über belgisches Territorium vor. Dementsprechend verweigerte Belgien 1914 trotz Garantie seiner Grenzen und staatlicher Existenz deutschen Truppen den Durchmarsch und erhielt deshalb eine Kriegserklärung. Die Feindkoalition hatte sich im Verlauf einer längeren Zeit gebildet und war deshalb der Reichsregierung bekannt oder konnte von ihr vorausgesehen werden. Sie zeichnete sich in ersten Umrissen 1890 ab und fand im Frühjahr 1914 ihre endgültige Form. Die deutsche Diplomatie hatte wiederholt und mit wechselnden Konzepten versucht, diese Allianz zu verhindern oder zu beseitigen, konnte ihr Ziel jedoch nicht erreichen. 1914 blieb Italien, das mit Deutschland und Österreich-Ungarn den Dreibund geschlossen hatte, zunächst neutral und erklärte dann 1915 Österreich-Ungarn und 1916 Deutschland den Krieg. Auch dieser Schritt war langfristig vorbereitet worden.


Zum Ersten Weltkrieg kam es durch die Politik mehrerer Länder, die sich von einer militärischen Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns erhebliche Vorteile versprachen und deshalb zwischenstaatliche Vereinbarungen und Vorbereitungen für einen Krieg trafen, die ihren Ausdruck in der Einkreisung dieser später so genannten Mittelmächte fanden. Das spielte sich zu einem großen Teil während Schlieffens Tätigkeit als Generalstabschef ab. Seine Pläne und Handlungen sind ohne die Politik der späteren Kriegsgegner Deutschlands und Österreich-Ungarns nicht zu verstehen.

Die Ziele und Interessen, die Frankreich, Rußland, England, Serbien und Italien zum Vorgehen gegen Deutschland und Österreich-Ungarn veranlaßten, waren zu einem großen Teil schon vor dem Ersten Weltkrieg bekannt. Sie wurden in den Kriegsabsichten dieser Länder sowie in den Friedensdiktaten von 1919 noch deutlicher und seitdem durch zahlreiche Veröffentlichungen weiter belegt.

Vorgeschichte der Einkreisung

1870/71 besiegten der Norddeutsche Bund und die süddeutschen Staaten Frankreich in einem Krieg, den Kaiser Napoleon III. Preußen unter einem anderen Vorwand, jedoch mit der Absicht erklärt hatte, nach einem Sieg das französische Staatsgebiet auf Kosten deutscher Territorien weiter auszudehnen. Napoleons Vorgehen war mit der Erwartung verbunden, die süddeutschen Staaten würden in diesem Konflikt neutral bleiben und Österreich, das 1866 von Preußen geschlagen und aus dem Deutschen Bund ausgeschlossen worden war, werde Frankreich militärisch unterstützen. Dazu kam es jedoch nicht. Kaiser Franz Joseph blieb neutral, während sich alle nord- und süddeutschen Länder am Krieg gegen Frankreich beteiligten und am 18. Januar 1871 im von deutschen Truppen besetzten Versailles zum Deutschen Reich zusammenschlossen, an dessen Spitze der König von Preußen als Deutscher Kaiser trat.

Frankreich war bis zum Ende der Herrschaft Napoleons I. die wahrscheinlich einflußreichste Großmacht Europas gewesen, hatte jedoch nach seiner Niederlage gegen Rußland, Preußen und Österreich 1812/13 erheblich an Gewicht verloren, was maßgebende französische Kreise nicht hinnehmen wollten. Dieser Einfluß nahm nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 noch weiter ab. Jedoch wollten sich die meisten Franzosen auch mit den Folgen dieses verlorenen Krieges nicht abfinden und strebten die Rückgewinnung des 1871 zu Deutschland zurückgekehrten Elsaß-Lothringen an, obwohl Frankreich diese deutschbesiedelten Länder zuvor Stück für Stück gewaltsam erobert und annektiert hatte. Solche Absichten waren aber ohne Krieg nicht zu verwirklichen, und dementsprechend forderten zahlreiche Franzosen nach 1871 eine „Revanche", die jedoch ohne starke Verbündete kaum zu verwirklichen war. Als äußeres Zeichen ihres Anspruchs ließen die Franzosen in ihrer Nationalversammlung Sitze frei, die einmal von Abgeordneten eines wieder französisch gewordenen Elsaß-Lothringen eingenommen werden sollten. Bis 1892 blieben die Franzosen jedoch ohne Alliierte und konnten deshalb einen Krieg gegen Deutschland kaum mit Aussicht auf Erfolg beginnen.

In Österreich-Ungarn hatten der Reichskanzler von Beust und der Kriegsminister von Kuhn 1870 für die Teilnahme am Krieg gegen den Norddeutschen Bund an der Seite Frankreichs plädiert. Sie erwarteten in diesem Konflikt die Neutralität Süddeutschlands und betrachteten sie als Voraussetzung für einen Sieg Napoleons III. über Preußen und seine Verbündeten. Als es dazu nicht kam, hielt Österreich-Ungarn sich von der Auseinandersetzung fern und danach kam es zu einer immer engeren Verbindung zwischen Berlin und Wien. 1873 schlossen Rußland und Österreich-Ungarn ein Abkommen zur Bewahrung des Friedens in Europa, dem Deutschland am 22. Oktober 1873 beitrat und das danach als Drei-Kaiser-Abkommen bezeichnet wurde. Sechs Jahre später vereinbarten Deutschland und Österreich-Ungarn im Zweibund-Vertrag ein gemeinsames militärisches Vorgehen, falls »eines der beiden Reiche von Seiten Rußlands angegriffen werden sollte«. Dieses Übereinkommen hat bis zum Ersten Weltkrieg die Politik beider Länder bestimmt.

Anders entwickelten sich die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Rußland, und daran waren vor allem die gegensätzlichen Interessen beider Staaten auf dem Balkan schuld.

Rußland wollte den Ausgang des Schwarzen Meeres, also den Bosporus und die Dardanellen kontrollieren und dieses Ziel über die Beherrschung des größtenteils noch unter türkischer Verwaltung stehenden Balkans erreichen. Schon im Frühjahre 1853 hatte der Zar die zum Osmanischen Reich gehörenden Donaufürstentümer besetzen lassen, um dadurch vom Sultan das Protektorat über die griechisch-orthodoxen Christen auf dem Balkan zu erpressen. Die Folge war ein Krieg, den die von Frankreich und England unterstützte Türkei gewann. Rußland räumte die Donaufürstentümer, die anschließend von österreichischen Truppen besetzt wurden. Im Friedensschluß von 1856 erhielt das Fürstentum Moldau, das der Souveränität des Sultans unterstand, die von Rußland beanspruchten Donaumündungen sowie Teile Bessarabiens. In einem weiteren Krieg 1877/78 konnte Rußland zwar die Türkei besiegen, auf dem Berliner Kongreß von 1878 aber wieder nur einen Teil seiner Forderungen durchsetzen. Es erhielt im wesentlichen nur Bessarabien, während Bulgarien, Ostrumelien und Mazedonien unter türkischer Verwaltung blieben. Rumänien, Montenegro und Serbien wurden unabhängig, Österreich-Ungarn konnte die zum türkischen Staatsgebiet gehörenden Provinzen Bosnien und Herzegowina besetzen.

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Unabhängig von seinem Bestreben, die Ausgänge des Schwarzen Meeres zu kontrollieren, fühlte sich Rußland als selbsternannter Protektor der slawisch sprechenden Völker und orthodoxen Christen nicht nur zu Forderungen an die Türkei, sondern auch an Österreich-Ungarn berechtigt. Da die k.u.k. Monarchie dies nicht nur als eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten betrachtete und somit zurückwies, sondern durch die Okkupation - und spätere Annexion - Bosniens und der Herzegowina auch zu erkennen gab, daß sie ihren Einflußbereich auf dem Balkan ebenso wie Rußland ausdehnen wollte, traten die Interessengegensätze zwischen Wien und St. Petersburg klar hervor.

Trotzdem gab es in den 80er Jahren noch vertragliche Vereinbarungen, die einen Krieg wegen der Balkan-Frage unwahrscheinlich machten. Zar Alexander II. hatte erkennen müssen, daß der 1879 zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn geschlossene Zweibund seinen Handlungsspielraum begrenzte und es deshalb zweckmäßig sei, sich mit beiden Mächten zu verständigen. Er stimmte deshalb einem Neutralitätsabkommen Rußlands mit Deutschland und Österreich-Ungarn zu, das am 18. Juni 1881 unterzeichnet und danach als Drei-Kaiser-Bund bezeichnet wurde. Vereinbart wurde damit, daß, falls einer der drei Staaten in einen Krieg mit einer der dem Bündnis nicht angehörenden Macht verwickelt werden sollte, die beiden anderen Vertragspartner ihr gegenüber eine wohlwollende Neutralität einzunehmen hatten. Damit wurde gesagt, daß Deutschland und Österreich England in einem Krieg gegen Rußland nicht unterstützen würden, umgekehrt Rußland und Österreich-Ungarn Deutschland in einem Krieg gegen Frankreich wohlwollende Neutralität zu gewähren hatten. Das schloß gleichzeitig ein russisch-französisches Bündnis aus. In einem Zusatzprotokoll heißt es:

»Österreich-Ungarn behält es sich vor, die türkischen Provinzen Bosnien und Herzegowina, die nur okkupiert worden sind, sich in einem Augenblick einzuverleiben, den es für günstig halten wird.«

Das Abkommen war bis 1887 gültig und wurde dann vom Zaren nicht verlängert, der vor allem Österreich für Rückschläge seiner Politik gegenüber Bulgarien verantwortlich machte. Er war lediglich zu einem »Rückversicherungsvertrag« mit Deutschland bereit, der ihn bei einem Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich zur Neutralität nur unter der Voraussetzung verpflichtete, daß Deutschland angegriffen wurde. Aus deutscher Sicht sollte das Abkommen vor allem ein russsisch-französisches Zusammenwirken gegen Deutschland verhindern. Umgekehrt erkannte Berlin das Interesse Rußlands auf Bulgarien und Ostrumelien an. Eine wichtige Konzession erhielt ein »ganz geheimes Zusatzprotokoll«:

»In dem Fall, daß S.M. der Kaiser von Rußland sich in die Notwendigkeit versetzt sehen sollte, zur Wahrung der Rechte Rußlands selbst die Aufgabe der Verteidigung des Zuganges zum Schwarzen Meere zu übernehmen, verpflichtet sich Deutschland, seine wohlwollende Neutralität zu gewähren und die Maßnahmen, die S.M. für notwendig halten sollte, um den Schlüssel seines Reiches in der Hand zu behalten, moralisch und diplomatisch zu unterstützen.«

Der Vertrag sollte für drei Jahre gelten und geheim bleiben. Gleichzeitig förderte Bismarck aber den Abschluß eines »Orientdreibundes« zwischen Großbritannien, Österreich-Ungarn und Italien, der die Türkei vor einem russischen Angriff schützen sollte. Er wurde am 12.12.1887 abgeschlossen und stellte den Status quo auf dem Balkan unter die Obhut der Dreibundmächte, also auch Deutschlands. Zwischen dem Rückversicherungsvertrag, der Deutschlands Neutralität bei einem militärischen Vorgehen Rußlands gegen die Dardanellen und den Bosporus vorsah, und der Förderung des Orientdreibundes, der Rußlands Einfluß auf dem Balkan begrenzen sollte, gab es somit einen Widerspruch. Außerdem kam es 1888 zu einem rumänisch-österreichisch-ungarischen Abkommen, das das Königreich Rumänien vor einem befürchteten russischen Angriff schützen sollte und dem Deutschland beitrat.

Als 1890 der Rückversicherungsvertrag auslief, schlug Rußland eine Verlängerung des Abkommens vor. Bismarcks Nachfolger als Reichskanzler, von Caprivi, war dazu jedoch nicht bereit. Er wollte einerseits die durch den Rückversicherungsvertrag und Orientdreibund bedingten gegensätzlichen Verpflichtungen des Deutschen Reiches zugunsten überschaubarer Bindungen beenden, andererseits in stärkerem Maße Österreichs Interessen auf dem Balkan berücksichtigen und folglich die russischen vernachlässigen. Zudem traute er der russischen Neutralität in einem Konfliktfall nicht, hatte jedoch auch keine Bedenken vor den Folgen einer russischen Reaktion. In seinen Aufzeichnungen schreibt Caprivi darüber:

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»Eine Annäherung Deutschlands an Rußland würde unsere Verbündeten nur entfremden, England schädigen und unserer eigenen Bevölkerung, die sich in den Gedanken des Dreibundes immer mehr eingelebt hat, unverständlich und unsympathisch sein. Was gewönnen wir für diese Nachteile? Welchen Wert hätte er, wenn Rußland sich mindestens die ersten Wochen nach einem Angriff der Franzosen auf uns ruhig verhielte. Diese Ruhe würde nicht so vollständig sein, daß wir nicht einen Teil unserer Armee an der russischen Grenze stehen lassen müßten. Wir würden gegen Frankreich doch nicht mit unserer ganzen Kraft auftreten können, während auf der anderer Seite für Österreich der casus foederis nicht vorläge.

Was aber die Möglichkeit angeht, daß Rußland die Anlehnung, die es bei uns nicht findet, anderswo suchen könnte, so kommen hierfür nur Frankreich und England in Betracht. Für den Schritt, den Rußland jetzt vorzuhaben scheint, ist die französische Allianz ihm wertlos, solange die englische Mittelmeerflotte dazwischentreten kann. Durch eine englische Allianz würde Rußland das, was es von uns kostenfrei zu erhalten wünscht, nur durch Opfer an anderen Stellen (Asien) gewinnen können und seine Beziehungen zu Frankreich voraussichtlich lockern. Eine Allianz aber, die England und Frankreich umschlösse, ist der englischen Interessen im Mittelmeer wegen durchaus unwahrscheinlich.«

Darüber hinaus berücksichtigte Caprivi mit der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages, daß die öffentliche Meinung in Rußland zunehmend deutschfeindlich wurde und dieses Denken Einfluß auf den Zaren gewann. Auch befürchtete er, daß der Rückversicherungsvertrag durch eine russische Indiskretion bekannt werden könnte und Deutschland somit international als unzuverlässiger Vertragspartner dastehen mußte. Angesichts der so gesehenen Unberechenbarkeit der russischen Politik planten der Geheimrat von Holstein im deutschen Auswärtigen Amt und Caprivi eine Verbesserung der deutsch-englischen Beziehungen bis hin zu einem Bündnis beider Staaten. Das war angesichts russisch-englischer Konflikte in Asien und wegen der Dardanellen-Frage jedoch nur durch eine Entscheidung gegen Rußland möglich. Von einem deutsch-englischen Bündnis erwartete man in Berlin auch eine Zurückhaltung Rußlands in einem deutsch-französischen Krieg.

Nicht bedacht wurde bei der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages, daß Rußland von da ab nicht mehr daran gehindert war, mit Frankreich vertragliche Bindungen einzugehen und daß damit gerechnet werden mußte, weil beide Staaten 1890 ohne Verbündete waren. Während es Rußland aber nur darum ging, seine Isolierung zu überwinden, war ein Bündnis Paris-St.Petersburg für Frankreich die ideale Voraussetzung dafür, Deutschland in einen Zweifrontenkrieg zur Eroberung Elsaß-Lothringen sowie zur „Revanche" für die Niederlage von 1870/71 zu verwickeln. Andererseits gab es keine sicheren Informationen darüber, daß England einer Annäherung an Deutschland aufgeschlossen gegenüberstehen würde - eine Hoffnung, die das deutsche Verhalten 1890 erheblich bestimmte.

Rußland erblickte in der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages eine gegen sich gerichtete Neuorientierung der deutschen Politik und suchte deshalb in kürzester Zeit die Übereinstimmung mit Frankreich. Damit begann jene Einkreisung, die 1914 zum Ersten Weltkrieg führte.


Literatur


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(1) (2000), S. 91-94.


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